V.E. Schwab - Vengeful – Die Rache ist mein

FISCHER TOR

Leseprobe: Vengeful – Die Rache ist mein (V. E. Schwab)


Lest hier die ersten Seiten aus "Vengeful – Die Rache ist mein", Band 2 aus der Fantasyreihe "Vicious" von V. E. Schwab. Der Roman erscheint am 29. April bei FISCHER Tor.

Darum geht's in »Vengeful – Die Rache ist mein«:

Was ist besser, als die Frau des mächtigsten Mannes der Stadt zu sein? Die mächtigste Frau der Stadt zu sein – ohne Mann.

Nachdem Marcella von ihrem eigenen Ehemann, dem Unterweltboss Marcus Riggins, umgebracht wird, erwacht sie mit einer zerstörerischen Superkraft wieder zum Leben. Und schwört Rache. Mit der Hilfe anderer ExtraOrdinärer setzt sich Marcella an die Spitze des Verbrecherimperiums und merzt ihre Feinde gnadenlos aus.

Alles läuft wie am Schnürchen – bis sie einen schweren Fehler begeht: Sie spielt die Todfeinde Victor Vale und Eli Ever gegeneinander aus. Und ahnt nicht, welche Dämonen sie damit entfesselt …

*** Leseprobe ***

SECHS WOCHEN VORHER

Merit, Stadtrand

An dem Abend, an dem Marcella starb, bereitete sie ihrem Mann sein Lieblingsessen zu.

Aus keinem besonderen Anlass, sondern einfach weil, wie es so schön hieß, Spontanität das Geheimnis der Liebe ist. So richtig glaubte Marcella nicht daran, aber einen Versuch war es wert. Zumal es mit einem simplen Essen getan war. Nichts allzu Aufwendiges – ein gutes Steak, an den Rändern in schwarzem Pfeffer gewälzt, gebackene Süßkartoffeln und eine Flasche Merlot.

Doch es wurde sechs Uhr und später, und Marcus ließ sich nicht blicken.

Marcella stellte das Essen in den Backofen, um es warm zu halten, und überprüfte ihren Lippenstift im Flurspiegel. Sie löste ihr langes schwarzes Haar aus dem lockeren Knoten, steckte es dann erneut hoch und strich ihr Kleid glatt. Sie galt als natürliche Schönheit, auf die Natur war jedoch nur bedingt Verlass. In Wahrheit trainierte Marcella sechs Tage die Woche zwei Stunden im Fitnessstudio und dehnte jeden einzelnen der schlanken Muskeln an ihrem biegsamen, eins siebzig großen Körper. Und sie verließ niemals ihr Schlafzimmer, ohne sich vorher perfekt geschminkt zu haben. Es war nicht einfach, aber ihre Ehe mit Marcus Andover Riggins – besser bekannt als Marc the Shark, Tony Hutchs rechte Hand – verlangte das von ihr.

Es war nicht einfach, aber es lohnte sich.

Ihre Mutter sagte immer, sie hätte zufällig einen guten Fang gemacht. Sie ahnte nicht, mit wie viel Sorgfalt Marcella den Köder ausgewählt hatte, um am Ende genau den Richtigen zu erwischen.

Ihre kirschroten High Heels klackten über den Holzfußboden, bis das Geräusch von dem seidenweichen Perserteppich verschluckt wurde. Sie deckte den Tisch fertig und zündete alle vierundzwanzig Kerzen in den beiden schmiedeeisernen Kandelabern links und rechts der Tür an.

Marcus konnte die zwar nicht ausstehen, aber das war Marcella egal. Sie liebte die hohen und schweren Kandelaber mit der sich verzweigenden Krone, weil sie sie an die Einrichtung eines französischen Schlosses erinnerten. Sie verliehen dem Haus etwas Luxuriöses, gaben ihrem neureichen Zuhause einen altehrwürdigen Touch.

Sie schaute auf die Uhr – es war schon sieben –, widerstand jedoch dem Drang anzurufen. Eine Flamme löschte man am schnellsten, indem man sie erstickte. Außerdem stand Geschäftliches bei Marcus stets an erster Stelle.

Marcella goss sich ein Glas Wein ein und lehnte sich gegen die Küchentheke. Sie stellte sich vor, wie sich seine starken Hände um jemandes Kehle schlossen. Einen Kopf, der unter Wasser getaucht wurde, eine Faust, die ein Kinn traf. Einmal war er mit blutverschmierten Händen nach Hause gekommen, und sie hatte es mit ihm direkt auf der marmornen Küchentheke getrieben. Seine Waffe hatte noch im Holster gesteckt, und das Metall hatte hart gegen ihre Rippen gedrückt.

Die meisten Leute glaubten, Marcella würde ihren Mann trotz seines Jobs lieben. In Wahrheit liebte sie ihn gerade deswegen.

Als aus sieben Uhr acht wurde und aus acht kurz vor neun, verwandelte sich Marcellas Ungeduld jedoch langsam in Verärgerung. Und als die Haustür endlich aufging, hatte sich ihre Verärgerung zu Wut verhärtet.

»Tut mir leid, Liebling.«

Seine Stimme veränderte sich immer, wenn er betrunken war, sie wurde träge und gedehnt. Aber das war es auch schon. Weder stolperte noch wankte er, und seine Hände zitterten nicht. Nein, Marcus Riggins war aus härterem Holz geschnitzt – auch wenn er alles andere als perfekt war.

»Schon gut«, sagte Marcella und ärgerte sich über ihren genervten Tonfall. Sie wandte sich der Küche zu, aber Marcus packte sie am Handgelenk und drehte sie so schnell zu sich um, dass sie das Gleichgewicht verlor. Er legte die Arme um sie, und sie schaute hoch in sein Gesicht.

Zwar waren seine Hüften ein bisschen breiter geworden, während ihre Taille noch schlanker war als früher, und sein durchtrainierter Schwimmerkörper hatte sich mit jedem Jahr ein bisschen mehr aufgebläht. Sein sommerbraunes Haar jedoch war nicht dünner geworden, und seine Augen besaßen noch denselben verwegenen Blauton, der an Schiefer oder dunkles Wasser erinnerte. Marcus war immer schon attraktiv gewesen, was vermutlich mit seinen maßgeschneiderten Anzügen zusammenhing und seiner Art, sich zu bewegen, so als erwarte er, dass die ganze Welt ihm Platz machte. Und meistens tat sie das auch.

»Du siehst toll aus«, flüsterte er, und Marcella spürte, wie er sich gegen ihre Hüfte presste. Aber sie war nicht in Stimmung.

Mit den Fingernägeln fuhr sie über seine stoppelige Wange. »Bist du hungrig, Schatz?«

»Immer«, knurrte er an ihrem Hals.

»Gut«, sagte Marcella, trat einen Schritt zurück und strich über ihr Kleid. »Essen ist fertig.«

Ein Tropfen Rotwein lief am Kelch des erhobenen Glases hinab und landete auf dem weißen Tischtuch. Marcella hatte das Glas zu voll gegossen, ihre Hand hatte vor Ärger gezittert. Marcus schien den Fleck nicht zu bemerken. Er schien gar nichts zu bemerken.

»Auf meine schöne Frau.«

Marcus betete nicht vor dem Essen, aber er brachte stets einen Trinkspruch aus. Das tat er schon so lange, wie sie sich kannten. Egal, ob sie zwanzig Leute zu Besuch hatten oder alleine aßen. Bei ihrem ersten Date hatte die Geste Marcella noch entzückt, inzwischen kam sie ihr hohl und einstudiert vor. Sie sollte bezaubern, ohne wirklich charmant zu sein.

Marcella hob ihr eigenes Glas.

»Auf meinen eleganten Mann«, antwortete sie automatisch.

Sie hatte das Glas halb zu den Lippen geführt, als ihr der Fleck an Marcus’ Hemdmanschette auffiel. Anfangs hielt sie es nur für Blut, aber die Farbe war zu hell, zu rosa.

Es war Lippenstift.

Die Gespräche mit den anderen Frauen fielen ihr wieder ein.

Geht sein Blick schon auf Wanderschaft?

Hält er seinen Stängel feucht?

Männer sind Schweine.

Marcus säbelte an seinem Steak herum und redete irgendwas über Versicherungen, aber Marcella hörte nicht zu. Im Geiste stellte sie sich vor, wie ihr Mann mit dem Daumen über geschminkte Lippen fuhr, die sein Handgelenk küssten.

Ihre Finger packten das Weinglas fester. Hitze durchströmte ihre Haut, während sich in ihrem Magen eine kalte Schwere breitmachte. »Was für ein beschissenes Klischee«, sagte sie.

Er hörte nicht auf zu kauen. »Wie bitte?«

»Dein Hemdsärmel.«

Sein Blick glitt träge zu dem rosafarbenen Fleck. Er besaß nicht einmal den Anstand, überrascht auszusehen. »Muss wohl deiner sein«, sagte er, als hätte sie jemals diesen Farbton getragen, jemals etwas so Geschmackloses überhaupt nur besessen …

»Wer ist sie?«

»Ehrlich, Marce…«

»Wer ist sie?«, drängte Marcella und biss die perfekten Zähne zusammen.

Marcus hörte schließlich doch auf zu essen und lehnte sich zurück. Seine blauen Augen richteten sich auf sie. »Niemand.«

»Ach, du vögelst also einen Geist?«

Er verdrehte die Augen, offensichtlich wollte er das Thema nicht weiter vertiefen. Was ziemlich ironisch war, wo es ihm doch sonst immer so gefiel, wenn über ihn geredet wurde. »Marcella, Eifersucht steht dir nicht.«

»Zwölf Jahre, Marcus. Zwölf. Und jetzt kannst du ihn nicht mehr in der Hose behalten?«

Überraschung flackerte über sein Gesicht, und die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag – natürlich war es nicht das erste Mal, dass er fremdging. Es war nur das erste Mal, dass er erwischt wurde.

»Wie lange schon?«, fragte sie eisig.

»Lassen wir das, Marce.«

Lassen wir das – als wäre ihr Vorwurf wie das Weinglas in ihrer Hand, das sie jederzeit beiseitestellen konnte.

Es war nicht der Betrug an sich – sie konnte eine Menge verzeihen, im Interesse ihres gemeinsamen Lebens –, es waren die Blicke der anderen Frauen, die Marcella immer für Neid gehalten hatte, die Warnungen, das verhaltene Lächeln. Es war die Erkenntnis, dass alle es gewusst hatten, wer weiß wie lange schon, und sie als Einzige … nicht.

Lassen wir das.

Marcella stellte das Weinglas ab. Und nahm sich das Steakmesser. Ihr Mann besaß die Frechheit, sie spöttisch anzusehen. Als wüsste sie nicht, mit einem Messer umzugehen. Als hätte sie sich nicht all seine Geschichten angehört und um Details gebettelt. Als würde er nicht ewig über seinen Job reden, wenn er betrunken war. Als hätte sie nicht mit einem Kissen geübt. Einer Mehltüte. Einem Steak.

Marcus hob eine Augenbraue. »Was soll das?«, fragte er herablassend.

Wie albern sie in seinen Augen wirken musste, ihre perfekt manikürten Nägel, die den Griff des Messers umklammert hielten.

»Püppchen«, schnurrte er, und das Wort brachte sie zur Weißglut.

Püppchen. Liebling. Schatz. War das, was er nach all der Zeit über sie dachte? Hielt er sie für hilflos, schwach und zerbrechlich? Ein Schmuckstück, eine schimmernde Glasfigur, die man sich ins Regal stellte, weil sie hübsch anzusehen war?

Als sie nicht reagierte, verfinsterte sich sein Blick.

»Richte dieses Messer nur auf mich, wenn du es auch wirklich benutzen willst …«

Vielleicht war sie ja tatsächlich aus Glas.

Aber wenn Glas zerbrach, dann war es scharf.

»Marcella …«

Sie stürzte sich auf ihn, und zu ihrer Befriedigung weiteten sich seine Augen vor Überraschung. Er wich zurück und verschüttete dabei seinen Bourbon. Aber Marcellas Messer hatte kaum seine Seidenkrawatte berührt, da landete seine Hand schon krachend in ihrem Gesicht. Blut strömte ihr auf die Zunge, und ihre Augen füllten sich mit Tränen, während sie rückwärts gegen den Eichentisch stolperte. Porzellan klirrte.

Noch hielt sie das Messer umklammert, aber Marcus hatte ihr Handgelenk gepackt und drückte es so fest auf den Tisch, dass ihre Knochen knirschten.

Er hatte sie auch früher schon mal härter angefasst. Das war jedoch in der Hitze des Augenblicks gewesen, und sie hatte ihm stets signalisiert, dass sie es wollte.

Das hier war anders.

Marcus war einhundert Kilo brutale Kraft, ein Mann, dessen Job es war, Dinge zu zerstören. Oder Menschen. Er schnalzte mit der Zunge, als würde sie sich lächerlich machen. Sich aufspielen. Als hätte sie ihn durch ihr Verhalten dazu gebracht, eine andere zu vögeln. Und alles zu ruinieren, was sie sich so mühevoll aufgebaut hatte.

»Ah, Marce, du hast es schon immer geschafft, mich auf die Palme zu bringen.«

»Lass mich los«, zischte sie.

Marcus beugte sich tief über sie, fuhr ihr mit der Hand durchs Haar und umfasste ihr Kinn. »Nur, wenn du brav bist.«

Er lächelte. Lächelte. Als sei das Ganze bloß ein Spiel.

Marcella spuckte ihm Blut ins Gesicht.

Marcus stieß ein genervtes Seufzen aus. Dann schlug er ihren Kopf gegen die Tischplatte.

Um Marcella wurde es weiß. Sie erinnerte sich nicht, vom Tisch gefallen zu sein, aber als sie wieder zu sich kam, lag sie mit schmerzendem Kopf auf dem weichen Teppich neben ihrem Stuhl. Sie wollte sich aufrichten, doch das Zimmer schwankte gefährlich. Galle stieg in ihrer Kehle auf, und sie rollte sich herum und übergab sich.

»Du hättest es lassen sollen«, sagte Marcus.

Blut lief ihr in ein Auge und färbte das Esszimmer rot, während ihr Mann nach einem der Kandelaber griff. »Die habe ich schon immer gehasst«, sagte er und kippte den Kerzenständer um.

Die Flammen setzten die Seidenvorhänge in Brand, bevor der Kandelaber auf dem Boden aufkam.

Mühsam stemmte sich Marcella auf alle viere hoch. Sie hatte das Gefühl, unter Wasser zu sein. Sie war langsam, viel zu langsam.

Marcus stand im Flur und beobachtete sie.

Auf dem Holzfußboden glänzte ein Steakmesser. Marcella zwang sich, durch die dicke Luft darauf zuzukrabbeln. Sie hatte das Messer fast erreicht, als sie von hinten ein Schlag traf. Marcus hatte den zweiten Kandelaber umgestoßen, der auf sie fiel und sie unter seinen Eisenarmen begrub.

Das Feuer breitete sich beunruhigend schnell aus. Es sprang vom Vorhang zu der Bourbonpfütze, zum Tischtuch und zum Teppich. Es war überall.

Marcus’ Stimme drang durch den Rauch. »Wir hatten eine schöne Zeit, Marce.«

Dieser Dreckskerl. Als sei das sein Verdienst. Als hätte er ohne sie auch nur irgendetwas von Bedeutung zustande gebracht. »Ohne mich bist du nichts«, krächzte sie. »Ich habe dich zu dem gemacht, was du bist, Marcus.« Sie stemmte sich gegen den Kandelaber, doch der rührte sich nicht. »Und ich werde dich auch wieder vernichten.«

»Die Leute reden viel, bevor sie sterben, Liebling. Ich hab schon alles gehört.«

Hitze erfüllte den Raum, ihre Lungen und ihren Kopf. Marcella hustete, bekam aber keine Luft mehr. »Ich werde dich zerstören.«

Keine Antwort.

»Hörst du mich, Marcus?«

Nichts, nur Stille.

»Ich werde dich zerstören!«

Sie schrie, bis ihre Kehle brannte, bis ihr der Rauch die Sicht und die Stimme raubte, und selbst dann hallten die Worte weiter in ihrem Kopf nach. Ihr letzter Gedanke, der ihr tief, tief, tief hinab in die Dunkelheit folgte.

Ich werde dich zerstören.

Ich werde dich.

Ich werde.

Ich …

Officer Perry Carson steckte schon fast eine Stunde im siebenundzwanzigsten Level von Radical Raid fest, als endlich ein Motor zum Leben erwachte. Er schaute rechtzeitig hoch, um Marcus Riggins’ schwarze Limousine über den Kies-Halbkreis fahren zu sehen, der die Einfahrt zur Villa bildete. Der Wagen raste davon, gute dreißig Meilen über dem Tempolimit in der Vorstadt. Aber Perry saß nicht in einem Einsatzwagen, und selbst wenn, dann hatte er die letzten drei Wochen nicht fettiges Fastfood aus einem miserablen Diner in sich hineingestopft, um Riggins wegen einer läppischen Ordnungswidrigkeit dranzukriegen.

Nein, sie brauchten was Wasserdichtes, womit sie nicht nur Marc the Shark, sondern auch die ganzen anderen dicken Fische in seinem Umkreis hochnehmen konnten.

Perry lehnte sich wieder gegen das abgewetzte Leder und kehrte zu seinem Handyspiel zurück. Er hatte gerade das siebenundzwanzigste Level geschafft, als er Rauch roch.

Wahrscheinlich nur irgendein Arschloch, das ein unerlaubtes Feuer am Pool anzündete. Er spähte aus dem Fenster – es war schon spät, halb elf, und so weit vom Stadtzentrum entfernt war der Himmel tintenschwarz. Der Rauch war in der Dunkelheit nicht zu sehen.

Das Feuer dagegen schon.

Als die Flammen die Fenster der Riggins-Villa erhellten, war Perry bereits aus dem Auto gesprungen und über die Straße gelaufen. Und als er die Eingangstür erreichte, war auch die Meldung an die Zentrale schon gemacht. Zum Glück war die Tür nicht abgeschlossen. Er riss sie auf und formulierte dabei im Geiste seinen Bericht. Er würde schreiben, dass die Tür nur angelehnt war, dass er einen Hilferuf gehört hatte, obwohl er in Wahrheit lediglich das Krachen brennenden Holzes vernahm und das Zischen der Flammen im Flur.

»Polizei!«, rief er in den Rauch. »Ist jemand hier?«

Er hatte Marcella Riggins nach Hause kommen sehen. Aber sie hatte die Villa nicht verlassen. Die Limousine war schnell an ihm vorbeigebraust, jedoch nicht so schnell, dass es einen Zweifel hätte geben können – der Beifahrersitz war leer gewesen.

Perry hustete in seinen Ärmel. In der Ferne waren Sirenen zu hören. Eigentlich hätte er draußen warten sollen, wo es kühl und sicher war. Wo man atmen konnte.

Aber dann ging er um die Ecke und sah eine menschliche Gestalt unter einem Eisending von der Größe eines Kleiderständers liegen. Nein, kein Kleiderständer, ein Kandelaber, erkannte Perry, obwohl die Kerzen alle geschmolzen waren. Wer um alles in der Welt besaß denn so was?

Perry griff nach der Eisenstange und zuckte zurück – sie war glühend heiß. Er fluchte. Die Metallarme hatten sich durch Marcellas Kleid gebrannt, und ihre Haut war an den Stellen gerötet, aber sie weinte oder schrie nicht.

Sie rührte sich überhaupt nicht. Ihre Augen waren geschlossen, und an ihrer Schläfe lief Blut hinab. Ihr dunkles Haar klebte feucht an der Kopfhaut.

Er suchte nach ihrem Puls und spürte ein leises Pochen, das unter seiner Berührung schwächer wurde. Die Hitze im Zimmer nahm dagegen immer mehr zu und der Rauch auch.

»Mist, Mist, Mist«, murmelte Perry, während draußen Sirenen jaulten. Eine Wasserkaraffe war umgefallen und hatte eine Serviette getränkt, die deshalb nicht Feuer gefangen hatte. Er wickelte sie sich um die Hand und packte den Kandelaber. Der feuchte Stoff zischte, und Hitze drang auf seine Haut durch, während er die Eisenstange hochhievte und Marcella befreite. Im Flur ertönten Stimmen, Feuerwehrleute stürmten ins Haus.

»Hier drinnen!«, krächzte er, halb erstickt vom Rauch.

Zwei Feuerwehrmänner kamen angelaufen, kurz bevor ein Ächzen durch die Decke ging und der Kronleuchter herabstürzte. Der Leuchter fiel auf den Esszimmertisch und zersprang. Flammen loderten auf, und Perry nahm bloß noch wahr, wie er rückwärts aus dem Zimmer und der brennenden Villa in die kühle Nacht hinausgezogen wurde.

Hinter ihm folgte der zweite Feuerwehrmann, der sich Marcella über die Schulter geworfen hatte.

Draußen stand auf dem gepflegten Rasen ein Haufen Einsatzfahrzeuge, und in der Einfahrt blinkte das Blaulicht eines Krankenwagens.

Das Haus brannte lichterloh, Perrys Hand pochte, und seine Lungen schmerzten, aber das war ihm egal. Hauptsache, Marcella Riggins überlebte. Marcella, die den Polizisten, die sie verfolgten, immer zugelächelt und gewinkt hatte. Marcella, die ihren kriminellen Ehemann niemals verraten hätte.

Aber vielleicht würde sie ihre Meinung ja jetzt ändern? Die Platzwunde an ihrem Kopf, das brennende Haus und der schnelle Aufbruch ihres Mannes ließen das zumindest vermuten. Eine solche Chance konnte Perry nicht ungenutzt lassen.

Schläuche spritzten Wasser in die Flammen, und Perry hustete und spuckte. Als zwei Sanitäter Marcella auf eine Trage verfrachteten, legte er die Sauerstoffmaske jedoch beiseite.

»Sie atmet nicht«, sagte einer der Sanitäter und schnitt Marcellas Kleid auf.

Perry rannte hinter den Männern her.

»Kein Herzschlag«, sagte der andere und begann mit einer Druckmassage.

»Dann bringt es wieder zum Schlagen!«, schrie Perry und hievte sich in den Krankenwagen. Eine Leiche konnte er nicht in den Zeugenstand bringen.

»Sauerstoffwerte sinken«, sagte der erste Sanitäter und legte Marcella eine Sauerstoffmaske an. Ihre Körpertemperatur war zu hoch. Der Sanitäter holte ein paar Kühlpads, riss die Versiegelung auf und legte sie an Marcellas Schläfen, auf ihren Hals und ihre Handgelenke. Das letzte reichte er Perry, der es widerwillig annahm.

Marcellas Herzschlag tauchte auf einem kleinen Bildschirm auf, eine gerade Linie, die nicht ausschlug.

Der Krankenwagen setzte sich in Bewegung, die brennende Villa wurde im Fenster rasch kleiner. Drei Wochen hatte Perry vor dem Haus ausgeharrt. Seit drei Jahren schon versuchte er, Tony Hutchs Bande zu überführen. Nun hatte ihm das Schicksal die perfekte Zeugin geliefert, und er würde einen Teufel tun, sie sterben zu lassen.

Ein dritter Sanitäter wollte Perrys verbrannte Hand behandeln, aber er zog sie weg. »Kümmern Sie sich um die Frau«, befahl er.

Die Sirenen durchschnitten die Nacht, während sich die Sanitäter abmühten, Marcellas Lungen wieder zum Atmen und ihr Herz zum Schlagen zu bringen. Ihren Lebensfunken aus der Asche aufsteigen zu lassen.

Aber es klappte nicht.

Schlaff und leblos lag Marcella da, und Perrys Hoffnung schwand.

Und dann, zwischen einer Druckmassage und der nächsten, machte die schrecklich gerade Linie ihres Herzschlags plötzlich einen Hüpfer nach oben. Ein Stottern folgte und gleich darauf ein regelmäßiges Piepen.

 

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Vengeful – Die Rache ist mein von V. E. Schwab. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 

 

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