V. E. Schwab: Die Verzauberung der Schatten

FISCHER TOR

Leseprobe: Verzauberung der Schatten (V.E. Schwab)


TOR Team
02.11.2017

Willkommen zurück in der Welt der vier London: Mit „Die Verzauberung der Schatten“ liefert Autorin V. E. Schwab nun endlich den zweiten Band der Weltenwanderer-Trilogie und lässt uns mit dem Antari Kell und der Diebin Delilah Bard ins Rote London zurückkehren. Hier kannst du die ersten Seiten aus Band 2 lesen.

I - Das arnesische Meer

Delilah Bard besaß ein Talent dafür, sich in Schwierigkeiten zu bringen.

Sie hatte stets geglaubt, dass das allemal besser war, als darauf zu warten, dass die Schwierigkeiten zu ihr kamen. Doch hier, auf hoher See in einer winzigen Jolle ohne Ruder, fernab vom Festland und ohne offensichtliche Hilfsmittel – außer dem Seil, mit dem ihre Handgelenke gefesselt waren –, kamen ihr plötzlich Zweifel an diesem Grundsatz.

Über ihr wölbte sich die mondlose Nacht, und zu allen Seiten erstreckte sich die sternenübersäte Dunkelheit des Himmels, die vom Wasser reflektiert wurde; nur das Wellengekräusel, das das Boot zum Schaukeln brachte, ließ Lila die Grenze zwischen oben und unten erahnen. Für gewöhnlich gab ihr diese unendliche Spiegelung das Gefühl, sich im Zentrum des Universums zu befinden.

Heute aber, allein auf hoher See, hätte sie am liebsten laut geschrien.

Stattdessen starrte sie mit zusammengekniffenen Augen den in der Ferne entschwindenden funkelnden Lichtern nach; einzig aufgrund des rötlichen Schimmers war es ihr möglich, die Schiffslaterne von den Sternen zu unterscheiden. Lila musste zusehen, wie das Schiff – ihr Schiff –, langsam, aber sicher in die Ferne driftete.

Panik schlug ihre Klauen in Lilas Kehle, doch sie kämpfte erfolgreich dagegen an.

Ich bin Delilah Bard, dachte sie, während die Seile ihr ins Fleisch schnitten – Diebin, Piratin und Reisende. Ich habe drei verschiedene Welten besucht und überlebt. Habe das Blut von Herrschern vergossen und Magie in den Händen gehalten. Ein ganzes Schiff voller Seeleute wäre nicht zu dem fähig, was ich allein zu bewegen vermag. Ihr könnt mir alle gestohlen bleiben.

Ich bin, verdammt nochmal, einzigartig.

Als sie sich genug Mut zugesprochen hatte, wandte sie ihrem eigentlichen Schiff den Rücken zu und starrte hinaus in die unendliche Dunkelheit, die sich vor ihren Augen erstreckte.

Es könnte schlimmer sein, redete sie sich gut zu, doch schon im nächsten Moment spürte sie, wie kaltes Wasser ihre Stiefel umspülte. Ein Blick nach unten zeigte ihr, dass die Jolle ein Leck hatte. Gewiss, dieses war nicht besonders groß – aber das machte die Sache auch nicht besser; denn auch ein winziges Loch konnte ein Boot zum Sinken bringen, auch wenn es dann ein wenig länger dauerte.

Lila stöhnte und musterte das grobe Seil, das ihre Hände fest umwand, und war nun doppelt erleichtert, dass die Mistkerle ihre Beine nicht gefesselt hatten, wenn sie schon in diesem widerlichen Kleid steckte: einem fadenscheinigen Teil mit einem weiten Rock, einer Unmenge Tüll und einer Korsage, die ihr die Luft abschnürte. Warum in Gottes Namen taten sich Frauen so etwas nur an?

Während das Wasser im Boot stetig stieg, riss Lila sich zusammen und dachte nach. Sie atmete so tief ein, wie es in dem Kleid nur möglich war, und ging im Geiste ihre wenigen, zunehmend durchnässten Habseligkeiten durch: ein Fass Ale (ein Abschiedsgeschenk), drei Messer (alle bestens versteckt), ein halbes Dutzend Leuchtfackeln (als Dreingabe von den Kerlen, die sie ausgesetzt hatten), das soeben erwähnte Kleid (zum Teufel damit) sowie alles, was sie in dessen Falten und Taschen verborgen trug (im Falle ihres Überlebens natürlich unentbehrlich).

Lila ergriff eine der Leuchtfackeln; diese ähnelten einem Feuerwerkskörper und verbreiteten, schlug man sie gegen eine beliebige harte Oberfläche, ein farbiges Licht – keinen grellen Blitz, sondern einen steten, die Dunkelheit wie ein Messer durchschneidenden Strahl. Jede dieser Fackeln brannte ungefähr eine Viertelstunde, und die verschiedenen Farben besaßen auf hoher See jeweils ihre ganz eigene Bedeutung: Gelb stand für ein sinkendes Schiff, Grün für eine an Bord grassierende Krankheit, Weiß für eine unbestimmte Bedrängnis und Rot für die Bedrohung durch Piraten.

Diese vier Möglichkeiten standen ihr zur Verfügung, und sie ließ ihre Finger über die Enden der Stangen gleiten, während sie überlegte, für welche sie sich entscheiden sollte. Nach einem Blick auf das stetig steigende Wasser fiel ihre Wahl auf die gelbe Leuchtfackel. Sie packte diese mit beiden Händen und entzündete sie am Rand des kleinen Boots.

Jäh durchschnitt ein greller Lichtstrahl die Nacht. Er schien die Welt zu zerteilen – in das wilde gelbweiße Gleißen und das dichte schwarze Nichts ringsherum. Lila brauchte eine halbe Minute, um die Tränen, die ihr die Helligkeit in die Augen getrieben hatte, laut fluchend zurückzublinzeln, während sie die Leuchtfackel möglichst weit weg von ihrem Gesicht hielt. Dann begann sie zu zählen. Als ihre Augen sich endlich an die blendende Helle gewöhnten, verlor das Signal an Stärke, flackerte noch einmal auf, um dann zu verlöschen. Lila suchte den Horizont vergeblich nach einem Schiff ab, während das Wasser langsam, aber sicher weiter anstieg und inzwischen an ihren Waden in den Lederstiefeln leckte. Sie nahm die zweite Leuchtfackel – diesmal die weiße für die nicht näher bestimmte Bedrängnis – und entzündete sie am Bootsrand, während sie versuchte, ihre Augen abzuschirmen. Lila zählte die verrinnenden Minuten und durchforschte die das Boot umgebende Schwärze nach irgendeinem Lebenszeichen.

»Komm schon«, flüsterte sie. »Komm schon, komm schon …« Das Zischen der verlöschenden Leuchtfackel übertönte ihre Worte. Wieder war sie von tiefer Dunkelheit umhüllt.

Lila knirschte mit den Zähnen.

Dem Wasserstand in dem Boot nach zu urteilen, hatte sie nur noch eine Viertelstunde – eine Leuchtfackel lang – Zeit, bevor sie wirklich und wahrhaftig untergehen würde.

Dann merkte sie plötzlich, wie sich etwas an der hölzernen Bootswand entlangschlängelte. Und dieses Etwas hatte Zähne.

Wenn es einen Gott gibt, dachte sie, ein himmlisches Wesen, irgendeine überirdische Macht, oder auch nur irgendjemanden dort oben oder von mir aus auch da unten, der mich noch einen weiteren Tag unter den Lebenden sehen möchte, ob nun aus Mitleid oder um ein wenig Spaß zu haben, der sollte besser hier und jetzt eingreifen.

Und mit diesem Stoßgebet packte sie die rote Leuchtfackel (die Warnung vor Piraten) und entzündete sie; sofort erhellte ein gespenstisches Licht die Nacht. Einen Augenblick lang fühlte sie sich an die Isle erinnert. Nicht an den Fluss in ihrem London – falls diese trostlose Stadt jemals die ihre gewesen war – und auch nicht an den in der schrecklichen, bleichen Stadt, in der Athos und Astrid Dane gemeinsam mit Holland ihr Unwesen getrieben hatten. Nein, sie musste an sein London denken. An Kells.

Sie sah ihn wie eine flammende Vision vor sich, das rotbraune Haar und die ewige Falte zwischen den verschiedenfarbigen Augen, dem blauen und dem schwarzen. Den Antari, Zauberknaben und Prinzen.

Lila starrte, ohne zu blinzeln, in das rote Licht der Leuchtfackel, bis Kells Bild ausgemerzt war. Sie hatte jetzt wahrlich drängendere Sorgen. Das Wasser stieg und stieg; und das Signal drohte wieder zu erlöschen. Mehr und mehr Schatten schlängelten sich um das Boot.

Doch in dem Moment, als das rote Licht zu einem schwachen Glimmen herabgebrannt war, erweckte etwas ihre Aufmerksamkeit.

Zunächst war es nicht mehr als eine Nebelsträhne auf der Meeresoberfläche, die sich jedoch bald zu einem geisterhaften Schiff formte. Der glänzende schwarze Rumpf und die schwarzschimmernden Segel waren wie ein Widerschein der Nacht, die sich zu allen Seiten erstreckte. Das Licht der kleinen Bordlaternen glomm so bleich, dass man sie für Sterne hätte halten können. Erst als das Phantom so nah herangekommen war, dass sich das rote Licht der verlöschenden Leuchtkerze in seinen glänzenden Oberflächen spiegelte, konnte Lila es deutlich erkennen. Und da befand sie sich fast schon unter seinem Bug.

Im unruhigen Schein der verlöschenden Leuchtfackel gelang es Lila, den Namenszug zu entziffern, der in glänzenden Buchstaben auf dem Rumpf prangte. Is Ranes Gast.

Die Kupferdiebin.

Lila riss die Augen verblüfft und erleichtert auf. Ein kleines, gedankenverlorenes Lächeln umspielte ihre Lippen, das sie jedoch sogleich hinter einer passenderen Miene verbarg – einer Mischung aus Dankbarkeit und Flehen, gewürzt mit einer Prise zaghafter Hoffnung.

Das Licht flackerte noch einmal auf, um dann endgültig zu verlöschen; doch das Schiff lag bereits längsseits, so nah, dass sie die Gesichter der über die Reling gebeugten Männer erkennen konnte.

»Tosa!«, rief sie auf Arnesisch, als sie aufstand, sorgfältig darauf bedacht, das kleine, dem Untergang geweihte Boot nicht zum Schaukeln zu bringen.

Hilfe. Es war ihr noch nie leichtgefallen, Verletzlichkeit vorzutäuschen; doch sie gab sich alle Mühe, während die Männer auf sie hinunterblickten, wie sie mit gebundenen Handgelenken und in einem triefnassen grünen Kleid in einem sinkenden Boot stand. Sie kam sich lächerlich vor.

»Kers la?«, fragte einer der Seeleute, mehr an seine Kumpane als an Lila gewandt. Was ist das?

»Ein Geschenk?«, meinte ein anderer.

»Das müsstest du dann aber teilen«, murmelte ein Dritter.

Als ein paar der anderen Männer noch derbere Bemerkungen fallenließen, versteifte sich Lila. Sie war froh, dass sie nicht alles verstehen konnte, da der Akzent der Seeleute wild und schroff wie die Brandung war; doch sie konnte ungefähr erahnen, worum es ging.

»Was tust du da unten?«, fragte einer der Piraten, dessen Haut so dunkel war, dass er mit der Nacht zu verschmelzen schien.

Lilas Arnesisch ließ noch immer stark zu wünschen übrig, doch nach vier Monaten auf hoher See, in der Gesellschaft von Männern, die kein Wort Englisch sprachen, hatte sie einige Fortschritte gemacht.

»Sensan«, antwortete Lila, Ich gehe unter, woraufhin die an der Reling versammelten Seeleute laut auflachten. Noch immer machten sie keinerlei Anstalten, sie an Bord zu holen. Lila hob die Hände, so dass sie ihre Fesseln sehen konnten. »Ich könnte Hilfe gebrauchen«, sprach sie langsam die Worte, die sie geübt hatte.

»Das sehe ich«, antwortete der Pirat.

»Wer setzt so ein hübsches Ding aus?«, rief ein anderer.

»Vielleicht ist ja nicht mehr viel übrig von ihr?«

»Sieht nicht so aus.«

»He, Mädchen, ist noch alles an dir dran?«

»Lass uns doch mal nachsehen.«

»Was soll das Gebrüll?«, ertönte eine laute Stimme; und einen Augenblick später trat ein spindeldürrer Mann mit tiefliegenden Augen, Stirnglatze und schwarzem Haar an die Reling. Die anderen Männer wichen ehrfürchtig zurück, als der Neuankömmling die Hände auf das hölzerne Geländer legte und auf Lila hinuntersah. Er musterte ihr Kleid, die gefesselten Hände, das Fass und das Boot mit bohrendem Blick.

Jede Wette, dass das der Kapitän ist, schoss es ihr durch den Kopf.

»Ihr scheint in Schwierigkeiten zu stecken«, rief er zu ihr hinunter. Sie konnte seine Stimme mit dem leicht abgehackten arnesischen Akzent deutlich hören, obwohl er nicht laut sprach.

»Gut erkannt«, rief Lila ihrerseits, bevor sie sich zurückhalten konnte. Eine solche Dreistigkeit war natürlich gewagt, doch egal, in welcher Situation sie sich auch befand – sie war stets in der Lage, ihr Gegenüber richtig einzuschätzen. Und tatsächlich lächelte der knochendürre Pirat.

»Mein Schiff wurde gekapert«, fuhr sie fort. »Und das Boot hier ist, wie Ihr sehen könnt, dabei unterzugehen …«

Er unterbrach sie. »Vielleicht lässt es sich hier an Deck leichter sprechen?«

Lila nickte mit einem Hauch von Erleichterung. Sie hatte schon befürchtet, dass die Kerle weitersegeln und sie jämmerlich ertrinken lassen würden. Was allerdings angesichts der anzüglichen Bemerkungen und der lüsternen Blicke der Besatzung vielleicht sogar die bessere Alternative gewesen wäre. Doch hier unten war ihr der Tod gewiss, während sie oben auf dem Schiff zumindest eine Chance zu überleben hatte.

Die Piraten warfen ihr ein Seil hinunter, dessen beschwertes Ende im stetig steigenden Wasser vor ihren Füßen landete. Sie packte es und bugsierte mit seiner Hilfe das Boot an die Flanke des Schiffes, wo man bereits eine Leiter für sie heruntergelassen hatte. Aber bevor sie Anstalten machen konnte hinaufzuklettern, standen schon zwei Männer in ihrer Nussschale, die nun erst recht zu sinken drohte. Doch keiner der Seeleute schien sich die geringsten Gedanken zu machen. Der eine hievte das Fass mit Ale nach oben, während der andere Lila selbst zu ihrem Entsetzen packte, sich über die Schulter warf und mit ihr an der Schiffswand emporkletterte. Sie brauchte jedes bisschen ihrer – ohnehin verschwindend geringen – Selbstbeherrschung, um ihm nicht ein Messer in den Rücken zu bohren, ganz besonders, als seine Hände an ihrem Rock hinaufglitten.

Sie bohrte ihre Fingernägel in die Handflächen, und als der Mann sie endlich an Deck neben dem dort bereits wartenden Alefass absetzte (»Die ist schwerer, als sie aussieht«, murmelte er, »und nur halb so gut gepolstert …«), verunzierten acht kleine, halbmondförmige Abdrücke ihre Haut.

»Mistkerl«, knurrte Lila leise auf Englisch. Der Seemann zwinkerte ihr zu und raunte, dass sie an den richtigen Stellen gepolstert sei, woraufhin Lila sich schwor, ihn ins Jenseits zu befördern; und zwar so langsam wie möglich.

Dann richtete sie sich auf und fand sich von einem Dutzend Seeleuten umringt.

Besser gesagt von Piraten.

Schmutzig, salzverkrustet und sonnenverblichen, mit dunkler Haut und verschossener Kleidung. Jeder Einzelne von ihnen hatte ein Messer auf den Hals tätowiert, das Zeichen der Piraten der Kupferdiebin. Sieben Männer standen um sie herum, fünf weitere hantierten an Takelage und Segeln herum, und eine Handvoll mochte sich noch unter Deck befinden. Achtzehn. Zwanzig, um ganz sicher zu sein.

Der spindeldürre Mann trat aus dem Kreis heraus.

»Solase«, meinte er und breitete die Arme aus. »Meine Männer haben dicke Eier, aber schlechte Manieren.« Er legte seine Hände auf ihre von dem grünen Kleid umhüllten Schultern. Lila sah Blut unter seinen Fingernägeln. »Ihr zittert ja.«

»Ich hab eine harte Nacht hinter mir«, erwiderte Lila. Während sie den Blick über das raue Piratengesindel gleiten ließ, hoffte sie, dass es nicht noch schlimmer kommen würde.

Der Dürre lächelte, wobei er zu ihrer Überraschung zwei beinahe makellose Zahnreihen entblößte. »Anesh«, sagte er. »Jetzt seid Ihr in besseren Händen.«

Lila hatte genug über die Besatzung der Kupferdiebin gehört, um zu wissen, dass das eine Lüge war; doch sie stellte sich ahnungslos. »Darf ich fragen, wen ich vor mir habe?«, fragte sie, während der knochendürre Pirat ihre Hand ergriff und an seine aufgesprungenen Lippen führte, ohne das Seil zu beachten, mit dem ihre Hände nach wie vor gefesselt waren. »Baliz Kasnov«, antwortete er. »Hochberühmter Kapitän der Kupferdiebin.«

Ausgezeichnet! Kasnov war eine Legende auf dem Arnesischen Meer. Seine Mannschaft war klein, aber überaus geschickt; sie pflegten Schiffe in der undurchdringlichen Dunkelheit vor dem Morgengrauen zu kapern und allen, die ihnen in die Hände gerieten, die Kehle durchzuschneiden. Dann überließen sie die Leichen der Verwesung, während sie sich mit ihrer Beute davonstahlen. So ausgemergelt der Kapitän auch aussehen mochte, er war bekanntermaßen unersättlich, wenn es um das Anhäufen von Schätzen ging. Dabei hatte er eine Vorliebe für alles Ess- oder Trinkbare, und Lila wusste, dass die Kupferdiebin die Segel in Richtung der Nordküste der Stadt Sol gesetzt hatte, um dort den Besitzern einer besonders großen Lieferung feinster Spirituosen aufzulauern. »Baliz Kasnov«, wiederholte sie den Namen, als hätte sie noch nie von ihm gehört.

»Und mit wem habe ich die Ehre?«, fragte der Pirat seinerseits.

»Delilah Bard«, antwortete Lila. »Ehedem Eigentümerin des Goldenen Fischs.«

»Ehedem?«, fragte Kasnov ermunternd, während seine Männer – offensichtlich gelangweilt, weil Lila noch immer bekleidet war – sich an dem Fass zu schaffen machten. »Nun, Miss Bard«, sagte er und hakte sich verschwörerisch bei ihr unter. »Wollt Ihr mir nicht verraten, wie Ihr in das winzige Boot geraten seid? Eine hübsche junge Dame wie Ihr hat doch allein auf hoher See nichts zu suchen.«

»Vaskens«, sagte sie – Piraten –, als hätte sie nicht die leiseste Ahnung, wen sie vor sich hatte. »Sie stahlen mein Schiff – ein Hochzeitsgeschenk meines Vaters. Wir hatten Kurs auf Faro gesetzt – zwei Nächte vorher waren wir in See gestochen –, als die Schurken wie aus dem Nichts auftauchten und mein Schiff enterten …« Sie hatte jedes einzelne Wort einschließlich der Pausen vorher genau geübt. »Sie … meuchelten meinen Mann sowie den Kapitän; und fast die gesamte Besatzung …« Lila wechselte bewusst ins Englische. »Es ging alles so schnell …« Sie unterbrach sich, als sei dies ein Versehen gewesen.

Der Piratenkapitän hing bereits an ihren Lippen wie ein Fisch am Angelhaken. »Woher kommt Ihr?«, fragte er.

»Aus London«, antwortete Lila, ohne ihre perfekte Aussprache länger zu verbergen. Ein Raunen ging durch die Besatzung. Rasch fuhr sie fort, um ihre Erzählung möglichst schnell zu beenden.

»Mein Schiff war nur klein«, sagte sie, »aber beladen mit Kostbarkeiten. Vorräte für einen ganzen Monat – Essen, Trinken, Geld. Wie schon gesagt – es war ein Geschenk. Und nun ist alles verloren.«

Doch das stimmte nicht – noch nicht. Sie sah über die Reling. Ihr Schiff war nur noch ein heller Schimmer am Rande des Horizonts. Aber es bewegte sich nicht mehr und schien auf sie zu warten. Die Piraten folgten ihrem Blick mit gierigen Augen.

»Wie groß ist die Besatzung?«, fragte Kasnov.

»Groß genug«, antwortete Lila. »Sieben, acht Mann?«

Die Piraten grinsten lüstern, und Lila konnte ihre Gedanken lesen. Sie waren mehr als doppelt so viele, und zudem hatten sie ein Schiff, das sich unauffällig wie ein Schatten durch die Nacht bewegte. Und könnten sie den Goldenen Fisch mit seiner fetten Beute einholen … Lila spürte, wie Baliz Kasnov sie mit seinen tiefliegenden Augen musterte. Sie erwiderte seinen Blick und fragte sich gedankenverloren, ob er wohl über magische Kräfte verfügen mochte. Die meisten Schiffe waren durch den einen oder anderen Zauber geschützt, um das Leben angenehmer und sicherer zu gestalten. Allerdings hatte sie zu ihrer Überraschung erfahren, dass kaum ein Seemann an elementarer Magie interessiert war. Kapitän Emery hatte ihr erzählt, dass die magischen Künste zwar geschätzt wurden und dass sich fast jeder, der sie beherrschte, einer einträglichen Stellung an Land sicher sein konnte. Die Magier auf See konzentrierten sich jedoch vorwiegend auf die für sie entscheidenden Elemente Wasser und Wind; kaum einer unter ihnen verstand es hingegen, die Gezeiten umzukehren, und letztlich bevorzugten nahezu alle Seeleute den guten alten Stahl. Wofür Lila natürlich jede Menge Verständnis hatte, da sie derzeit mehrere solcher Waffen an ihrem Körper verborgen trug.

»Warum haben sie Euch verschont?«, fragte Kasnov.

»Haben sie das?«, fragte Lila herausfordernd.

Der Kapitän fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

Was das Schiff anging, war seine Entscheidung offensichtlich bereits gefallen. Und jetzt überlegte er, was er mit Lila tun sollte. Und die Kupferdiebe waren nicht gerade für ihre Barmherzigkeit bekannt.

»Baliz …«, warf einer der Piraten ein, dessen Haut noch dunkler war als die seiner Kumpane. Er packte den Kapitän an der Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Lila konnte nur ein paar Worte aufschnappen. Aus London. Reich. Und: Lösegeld.

Langsam kräuselten sich die Lippen des Kapitäns zu einem Lächeln. »Anesh«, nickte er. An die Besatzung gewandt, rief er: »Setzt die Segel! Kurs Süd bei West! Schnappt euch den Goldfisch!«

Die Piraten knurrten zustimmend.

»Mylady«, sagte Kasnov und führte Lila zur Treppe. »Ihr habt eine harte Nacht hinter Euch. Darf ich Euch zu meiner Kajüte führen, dort könnt Ihr es euch bequem machen.«

Lila hörte, wie die Seeleute hinter ihr das Fass öffneten und sich Ale eingossen. Auch noch während der Kapitän sie unter Deck führte, lag ein Grinsen auf seinem Gesicht.

 

Zum Glück blieb Kasnov nicht lange.

Sobald er Lila in seine Kajüte gebracht hatte, ließ er sie dort zurück, ohne die Fesseln von ihren Händen zu lösen, und sperrte die Tür hinter sich zu. Zu ihrer Erleichterung hatte sie unter Deck nur drei Piraten entdecken können. Das machte insgesamt fünfzehn Mann Besatzung auf der Kupferdiebin.

Lila setzte sich auf die Bettkante und zählte langsam bis zehn, dann bis zwanzig und schließlich bis dreißig, während sie Fußgetrappel über sich hörte und das Schiff rasch beidrehte, um die Verfolgung des Goldenen Fischs aufzunehmen. Die Piraten hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, sie nach Waffen zu durchsuchen; was nun wirklich ein wenig überheblich war, dachte Lila, als sie ein Messer aus ihrem Stiefel zog, es mit einer geübten Bewegung zwischen den gefesselten Händen herumdrehte und die Seile durchschnitt. Die Stränge fielen zu Boden, während sie sich die Handgelenke rieb. Dabei summte sie ein Seemannslied über den sogenannten Sarows vor sich hin, einen Geist, der der Legende nach des Nachts verirrte Schiffe heimsuchte.

Wie weiß ein Seemann, ob der Sarows sich anschleicht?

(Wie er kommt, sich anschleicht, klammheimlich, des Nachts?)

Lila ergriff die Taille ihres Kleides mit beiden Händen und riss den Rock ab. Nun trug sie nur noch enganliegende schwarze Hosen und ihre Lederstiefel sowie zwei Messer, die in Scheiden an ihren Oberschenkeln steckten. Dann durchtrennte sie die Schnüre ihrer Korsage am Rücken, so dass sie wieder frei atmen konnte.

Wenn der Wind nicht mehr pfeift, doch in den Ohr’n noch dröhnt.

(Den Ohr’n, dem Kopf, dem Blut, dem Mark.)

Sie warf den grünen Rock auf das Bett und schlitzte ihn vom Saum bis zum Bund auf. Zwischen dem vielen Tüll hatte sie ein halbes Dutzend dünner Stangen versteckt, die man für gewöhnliche Fischbeinstäbe oder einfache Leuchtfackeln hätte halten können. Doch weit gefehlt! Lila steckte die Klinge zurück in ihren Stiefel und zog die Stäbe aus dem Stoff.

Wenn die Strömung verebbt, doch das Schiff, es treibt weiter,

(Treibt weiter, treibt davon, ganz allein.)

Dann hörte sie, wie über ihr etwas Schweres auf das Deck plumpste. Ein Pirat nach dem anderen sank zu Boden, als das Ale zu wirken begann. Sie nahm ein schwarzes Tuch, bestrich es auf einer Seite mit Holzkohle, um es sich dann vor Mund und Nase zu binden.

Wenn der Mond sich versteckt vor dem Dunkel der Nacht,

(Denn im Dunkel, ja im Dunkel, da lauert etwas.)

(Denn im Dunkel, da lauert etwas.)

Schließlich zog sie ihre Maske aus den grünen Falten des Rocks. Diese war schwarz und schlicht, nur an den Seiten wanden sich Hörner ebenso elegant wie bedrohlich empor. Lila zog sich die Larve vors Gesicht und band sie fest.

Wie weiß ein Seemann, ob der Sarows sich anschleicht?

(Wie er kommt, sich anschleicht, klammheimlich, des Nachts?)

Ein halbblinder, silbrig schimmernder Spiegel stand in einer Ecke der Kapitänskajüte, und während sie Fußtritte auf der Treppe hörte, erhaschte Lila einen Blick auf ihr Konterfei.

Denn niemals wirst du hörn, wirst du sehn, wie er kommt.

(Wirst nicht sehn, wie er kommt, wie er schleicht, klammheimlich, des Nachts.)

Lila lächelte hinter der Maske. Dann drehte sie sich um und drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Sie entzündete eine der Stangen an den Holzplanken wie vorher die Leuchtfackeln am Bootsrand; doch statt gleißendem Licht quollen nur dichte Wolken bleichen Rauchs hervor.

Bereits im nächsten Augenblick wurde die Tür zur Kajüte aufgeworfen – doch zu spät. Lila warf die Nebelkerze in den Raum; dann hörte sie Stolpern und Husten. Und schon sackten die Piraten, vom Rauch betäubt, zu Boden.

Minus zwei, dachte Lila, als sie über die leblosen Körper stieg. Rest dreizehn.

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Unverkäufliche Leseprobe aus: V.E. Schwab – Verzauberung der Schatten. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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