V. E. Schwab: Die Beschwörung des Lichts

V. E. Schwab: Die Beschwörung des Lichts

FISCHER TOR

Leseprobe: Die Beschwörung des Lichts (V. E. Schwab)


Lest hier die ersten Seiten von »Die Beschwörung des Lichts«, dem dritten und letzten Band der Bestseller-Fantasyserie von V. E. Schwab. 

Was bisher geschah: »Wie tötet man einen Gott?« Diese Frage stellen sich Lila und Kell, als die Dunkelheit ihre Heimat erfasst. Osaron, die finsterste Ausgeburt des Schwarzen London, hat in kurzer Zeit die Macht in der Stadt an sich gerissen. Und er möchte vor allem eins: verehrt werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch der Königspalast fällt – und selbst die stärksten Magier des Reiches können nichts dagegen tun. 

*** Leseprobe ***

Eine Welt in Trümmern

Delilah Bard – Diebin von Kindesbeinen an, seit kurzem Magierin und hoffentlich bald Piratin – rannte, so schnell sie nur konnte.

Halte durch, Kell, dachte sie, während sie durch die Straßen des Roten Londons sprintete, in der Hand eine weiße Scherbe, die einst zur Statue von Astrid Dane gehört hatte, bevor sie in tausend Stücke zersprungen war. Der Stein erinnerte Lila an ein früheres Leben, als das Wissen um Magie und um die vier Welten noch neu für sie gewesen war; als sie gerade erst von einer Macht erfahren hatte, die andere unterwerfen, binden und in Stein verwandeln konnte.

Hinter ihr, im Herzen der Stadt, explodierten Feuerwerke, begleitet von ausgelassenem Jubel und Musik – das Rote London feierte den Abschluss des Essen Tasch, des großen magischen Turniers. Und niemand ahnte etwas von den grauenhaften Geschehnissen, die sich im Roten Palast abspielten – davon, dass Rhy Maresh, der Prinz von Arnes, im Sterben lag; und somit, in einer anderen Welt, auch sein Bruder Kell.

Kell! Der Name des Antari hallte in ihr wider, wie ein drängender Befehl, eine flehentliche Bitte.

Als Lila die Straße erreichte, nach der sie gesucht hatte, kam sie aus vollem Lauf zum Stehen, zückte ein Messer und zog sich die Klinge über die Handfläche. Keuchend presste sie die blutende Hand zusammen mit der weißen Steinscherbe an die nächstbeste Wand.

Lila hatte die Grenze zwischen den Welten bereits zweimal überquert – aber nie allein. Sie war stets in Begleitung Kells und mit Hilfe seiner Magie gereist.

Doch zum Zaudern fehlte die Zeit. Höchste Eile war geboten.

Heftig um Atem ringend und mit hämmerndem Herzen schluckte Lila schwer, dann sprach sie die magische Formel so beherzt sie nur konnte – jene Worte, die Blutmagiern wie Holland oder Kell vorbehalten waren.

»As Travars.«

Magie vibrierte durch ihren Arm und ihre Brust, die Mauer vor ihr erbebte, dann ging ein Ruck durch die Welt, während der Sog der Schwerkraft sie erfasste.

Lila hatte gedacht, das Reisen zwischen den Welten sei eine einfache Sache.

Entweder man überlebte oder man starb.

Sie hatte sich gründlich getäuscht.

Im Weißen London drohte Holland zu ertrinken.

Er kämpfte sich zurück an die Oberfläche seines Bewusstseins, nur um von einem eisenharten Willen zurück in den dunklen Strudel gezogen zu werden. Der Antari wehrte sich mit jeder Faser seines Seins, gierig nach Luft schnappend, während seine Kräfte mit jeder verzweifelten Bewegung weiter schwanden. Dieses unerbittliche Ringen war schlimmer, als zu sterben, denn es gab keine Aussicht auf ein Ende, eine Erlösung durch den Tod.

Osaron hatte ihm alles genommen – Licht, Luft und seine Magie. Nun war da nichts als Dunkelheit, die ihn umdrängte, und irgendwo, in unendlicher Ferne, eine Stimme – Kells Stimme –, die seinen Namen rief.

Holland verlor erneut den Halt und glitt zurück in den Abgrund.

Er hatte doch nur die Magie wiedererwecken, seine Welt vor einem langsamen, erbarmungslosen Tod bewahren wollen. Es war Hollands sehnlichster Wunsch gewesen, seine Welt zu neuem Leben erblühen zu sehen.

Er kannte die Legenden, die Träume von einem Magier, mächtig genug, dieses Wunder zu vollbringen. Und solange er denken konnte, hatte er sich nichts sehnsüchtiger gewünscht, als selbst dieser mächtige Magier zu sein.

Schon als Kind hatte er an den Ufern der Sijlt gestanden, Steine über ihre gefrorene Oberfläche springen lassen und sich vorgestellt, eines Tages das Eis zum Schmelzen zu bringen. Und als junger Mann hatte er im Herzen des Silberwaldes um die Kraft gebetet, seine Heimat schützen zu können. Nie aber hatte er davon geträumt, König zu sein, obwohl in den Legenden stets ein Magier den Thron bestieg. Er wollte die Weiße Welt nicht beherrschen – er wollte sie nur retten.

In jener ersten Nacht, als man ihn blutend und halb bewusstlos in die Gemächer des soeben gekrönten Königs gezerrt hatte, hatte dieser ihn hochmütig genannt. »Du bist hochmütig und stolz«, tadelte ihn Athos Dane, während er das Seelensiegel in Hollands Haut einbrannte. »Das wird sich noch ändern.«

Und der Weiße Herrscher hielt Wort. Auf dem Foltergerüst brach er Hollands Willen Knochen für Knochen, Tag um Tag, Befehl um Befehl. Bis der jeden Gedanken an die Rettung seiner Welt aufgab und nur noch das Ende der Qualen herbeisehnte.

Holland wusste, dass er sich in Feigheit flüchtete, aber das war viel einfacher, als die Hoffnung wachzuhalten.

Und in jenem Moment vor über vier Monaten, als er zugelassen hatte, dass der verwöhnte arnesische Prinz Kell ihm einen Metallpfosten in die Brust rammte, hatte er nichts als reine Erleichterung verspürt.

Endlich war sein Leiden vorbei.

Doch er hatte sich getäuscht – denn einen Antari zu töten war alles andere als einfach.

Als Holland erwachte, lag er in einem verwüsteten Garten in der toten Hauptstadt einer erstarrten Welt. Als Erstes durchfuhr ihn entsetzlicher Schmerz, dann ein Gefühl von Freiheit. Er war Athos Dane entkommen und hatte überlebt – wenn auch in einem schwerverwundeten Körper, in einer versiegelten Welt, der Willkür des Schwarzen Königs ausgeliefert. Doch diesmal hatte er eine Wahl.

Er stand, dem Tode nah, vor dem Thron aus Onyx und schloss einen Pakt mit dem steinernen König: seine Freiheit – seinen Körper und seine Seele – im Gegenzug für die Errettung der Weißen Stadt. Und so war mit der Macht des Schattenkönigs die Magie endlich in seine Welt zurückgekehrt. Diese war in frischen Farben erblüht, und in Hollands Volk war neue Hoffnung aufgekeimt.

Er hatte alles getan, was in seinen Kräften stand, alles gegeben, um seine Welt vor neuem Leid zu bewahren.

Osaron aber war unersättlich.

Der Schattenkönig wurde von Tag zu Tag stärker und dürstete nach dem Chaos der reinen Magie.

Und Holland verlor allmählich die Herrschaft über das Ungeheuer, das von ihm Besitz ergriffen hatte.

Und so spielte er seine allerletzte Karte aus: Er bot Osaron den Körper eines anderen als Gefäß an.

»Nun gut …«, antwortete der Dämon. »Doch sollte dein Versuch fehlschlagen, bist du endgültig mein.«

Holland stimmte dem Handel zu. Denn er hätte alles getan, um seine Stadt vor dem Verderben zu retten.

Aber Kell, der verwöhnte, unreife, starrköpfige Antari, weigerte sich, obwohl die Halsfessel seine Magie lähmte und ihm entsetzliche Qualen zufügte.

Der Schattenkönig hatte mit Hollands Lippen gelächelt. Der Weiße Antari wehrte sich mit aller Kraft, doch da der Pakt nun mal geschlossen war, hatte er keine Chance. Osarons Wille brandete in ihm auf und drängte ihn hinab in die dunklen Abgründe seiner selbst.

Und nun war er in seinem eigenen Körper gefangen, gebunden durch einen Handel, dazu verurteilt, hilflos dem Treiben eines Dämons zuzusehen. Und langsam, aber sicher zu vergehen.

»Holland!«

Kells Stimme brach, während er seinen geschundenen Körper gegen die Fesseln stemmte, so wie damals Holland, als der Weiße König ihn erstmals an das Foltergerüst gebunden hatte. Die Fesseln an Händen und Füßen raubten Kell den Großteil seiner Kräfte; das Halseisen schnitt ihn völlig von seiner Magie ab. Doch in seinen Augen stand immer noch Trotz.

»Holland, du Mistkerl, wehr dich endlich!«

Und Holland versuchte, gegen Osarons Willen anzukämpfen. Sein Körper gehörte ihm jedoch nicht mehr; und sein zutiefst erschöpfter Geist sank tiefer und immer tiefer …

Gib auf, raunte der Schattenkönig.

»Zeig mir, dass du kein Schwächling bist!«, konnte er Kells Stimme hören. »Dass dein Wille dir gehört!«

Hör auf dich zu wehren.

»Hast du dir den Weg zurück ins Leben erkämpft, um dich nun geschlagen zu geben?«

Ich habe dich besiegt.

»Holland!«

Fast hätten Kells Worte den Weißen Antari zu erneutem Widerstand angestachelt. Aber gegen Osarons gnadenlosen Willen war er machtlos.

Dann hörte Holland sich sprechen – nicht mehr mit seiner Stimme, sondern mit der des Ungeheuers, das von ihm Besitz ergriffen hatte. Und in seiner Hand sah er eine purpurrote Münze. Kell wehrte sich wild fluchend gegen seine Fesseln, bis er keuchend nach Luft rang und ihm das Blut über die Handgelenke strömte.

Doch jede Gegenwehr war vergeblich.

Wieder war Holland in seinem eigenen Körper gefangen. Kells Stimme drang durch das Dunkel zu ihm.

Dein alter Meister ist tot, und nun lässt du einen anderen über dich herrschen!

Hollands Körper bewegte sich, geführt von Osarons Willen, durch die Folterkammer. Dann fiel die Tür hinter ihm ins Schloss; Kells wütendes Rufen und seine Schmerzensschreie drangen nur gedämpft durch das Holz.

Draußen im Gang stand Ojka und schärfte ihre Messer. Als sie aufblickte, konnte Holland die halbmondförmige Narbe auf einer Wange sehen sowie ihre zweifarbigen Augen – ein gelbes und ein tintenschwarzes. Sie war eine Antari, ein Geschöpf von Osarons und Hollands Gnaden, mit dunkler Magie erschaffen.

»Majestät«, sagte sie und richtete sich auf.

Holland versuchte, mit seiner eigenen Stimme zu sprechen – aber es waren Osarons Worte, die aus seinem Mund kamen.

»Bewache die Tür. Lass niemanden hinein.«

Ein Lächeln huschte über Ojkas blutrote Lippen. »Zu Befehl, Majestät.«

Holland hastete durch den Palast und trat hinaus, unter den violetten Himmel, an den Statuen der Danes vorbei, die die Eingangstreppe flankierten, und weiter durch den Burghof, in dem nunmehr Bäume statt Steinfiguren wuchsen.

Was würde ohne Osaron, ohne ihn selbst aus seiner Welt werden?, fragte sich Holland. Würde seine Stadt weiter blühen? Oder zusammenbrechen wie ein Körper, den man des Lebensatems beraubt hatte?

Bitte, dachte er. Diese Welt braucht mich.

»Dein Flehen ist sinnlos«, antwortete Osaron laut. »Sie ist bereits tot. Wir werden eine andere Welt suchen, die unserer Stärke würdig ist.«

Als sie die Burgmauer erreichten, zog Osaron ein Messer aus einer Scheide an seiner Hüfte. Holland spürte nicht, wie die Klinge in sein Fleisch drang. Als der Dämon jedoch Hollands blutverschmierte Hand mit der purpurroten Münze gegen die Mauer drücken wollte, bäumte sich der Geist des Antari ein letztes Mal auf.

Selbst wenn es ihm nicht – noch nicht – möglich war, die Herrschaft über seinen ganzen Körper wiederzuerlangen, konnte er vielleicht einen kleinen Teil davon zurückerobern.

Wie zum Beispiel eine Hand.

Holland ließ jeden Funken Kraft, jedes bisschen Willen, das ihm noch verblieb, in seine fünf Finger fließen. Und tatsächlich verharrten sie kurz vor der Mauer in der Luft.

Blut lief ihm am Handgelenk hinunter. Holland kannte die Formel, die einen Körper zu Eis, Asche oder Stein werden ließ.

Er musste nur die Hand an seine Brust führen.

Musste nur der Magie Form verleihen …

Holland konnte spüren, wie sich Ärger in Osaron breitmachte, als sei Hollands letztes, großes Aufbegehren nur eine kleine Unannehmlichkeit.

Muss das wirklich sein?, raunte der Schattenkönig.

Holland kämpfte weiter und schaffte es tatsächlich, seine Hand einen, ja sogar zwei Zoll in Richtung seiner Brust zu bewegen.

Hör auf, Holland, warnte ihn der Dämon in seinem Kopf.

Mit dem letzten Funken seines Willens zwang der Antari seine Hand noch ein kleines Stück weiter auf sich zu.

Osaron seufzte.

Das hast du dir selbst zuzuschreiben.

Der Wille des Schattenkönigs traf Holland mit voller Wucht. Während er selbst völlig reglos dastand, wurde sein Geist von unerträglichem Schmerz überwältigt; einem Schmerz, der anders war als der, den er im Laufe seines Lebens schon Hunderte Male erfahren hatte; den er zu ignorieren gelernt hatte und vor dem er flüchten konnte. Dieser Schmerz drang vor bis in sein Innerstes, so dass jede Faser seines Körpers brannte und er schrie – bis ihn endlich die Dunkelheit überrollte und mit sich in die Tiefe zog.

Diesmal versuchte Holland nicht, dagegen anzukämpfen.

Sondern ließ sich in den Abgrund sinken.

Noch lange nachdem die Tür verriegelt worden war, wehrte Kell sich gegen die eisernen Fesseln; sein verzweifeltes Rufen hallte von den bleichen Steinwänden wider, bis er sich heisergeschrien hatte. Doch niemand kam. Angst durchflutete ihn. Schlimmer noch war aber das Gefühl, dass in seiner Brust etwas aufbrach, sich eine lebenswichtige Verbindung Faden für Faden löste und er einen wichtigen Teil seiner selbst verlor.

Er konnte Rhys Puls kaum mehr spüren.

Hatte jegliches Gefühl verloren – nur der Schmerz in seinen Handgelenken und die entsetzliche, betäubende Kälte blieben. Er wand sich in den Fesseln, doch diese hielten ihn unerbittlich fest. Auf dem Metallrahmen des Foltergerüsts waren Zaubersprüche eingraviert, und die Halsfessel schnitt ihn von dem ab, was ihn eigentlich ausmachte, seiner Magie. Das Eisen tauchte sein Inneres in tiefe Schatten, ließ seine Gedanken erstarren, bis ihn nur noch kaltes Grauen und tiefe Hoffnungslosigkeit erfüllten. Gib auf, flüsterte es in ihm. Du bist ein Nichts, ein Niemand, bist völlig machtlos.

Panik stieg in ihm auf.

Er musste einen Ausweg finden, musste sich von seinen Fesseln und dem Halseisen befreien und dieser Welt entfliehen.

Rhy hatte sich ins eigene Fleisch geritzt, um Kell zur Rückkehr zu bewegen; er aber hatte seinen Bruder, das Königshaus und die Stadt törichterweise erneut verlassen. War einer Unbekannten mit flammend rotem Haar in ihre Welt gefolgt, nur weil diese ihm weisgemacht hatte, er würde dort gebraucht, müsste seine Schuld begleichen.

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