Ursula K. Le Guin - Freie Geister

Ursula K. Le Guin - Freie Geister

FISCHER TOR

Leseprobe: Ursula K Le Guin - Freie Geister


Für die Herrschenden von Urras ist das anarchistische Anarres nicht mehr als eine abhängige Bergbaukolonie, die es möglichst effektiv auszubeuten gilt. Für die Bewohner von Anarres ist ihre Heimat jedoch der einzige Ort im ganzen Sonnensystem, wo sie wirklich frei sind – frei von Unterdrückung, aber auch frei von dem Zwang, künstlich erzeugte Bedürfnisse befriedigen zu müssen.

Als sich auch auf Anarres erste Herrschaftsstrukturen zu bilden beginnen, begibt sich der Physiker Shevek auf eine riskante Reise nach Urras. Er möchte in Dialog mit dortigen Wissenschaftlern treten und gerät dabei zwischen alle Fronten.


***

EINS - ANARRES • URRAS

Es gab eine Mauer. Sie wirkte nicht wichtig. Sie bestand aus unbehauenem Stein und grobem Mörtel. Erwachsene konnten ohne weiteres über sie hinwegblicken, und selbst Kinder konnten hinüberklettern. Wo sie die Straße kreuzte, hatte sie kein Tor, sondern verkümmerte zu bloßer Geometrie, einer Linie, einer vorgestellten Grenze. Aber die Vorstellung war real. Sie war wichtig. Seit sieben Generationen hatte es nichts Wichtigeres auf der Welt gegeben als diese Mauer.

Wie alle Mauern war sie zwiespältig, zweischneidig. Was innen war und was außen, hing davon ab, auf welcher Seite man sich befand.

Von einer Seite betrachtet, umschloss die Mauer ein karges, sechzig Morgen großes Feld mit dem Namen Anarres-Hafen. Auf dem Feld standen zwei große Brückenkräne, eine Raketenrampe, drei Lagerhäuser, eine Lastwagengarage und ein Schlafhaus. Das Schlafhaus wirkte solide, schmutzig und traurig; es hatte keinen Garten, nirgends Kinder; offensichtlich war es weder zum Wohnen noch für einen längeren Aufenthalt gedacht. Vielmehr war es eine Quarantänestation. Die Mauer sperrte nicht nur das Landungsfeld ein, sondern auch die Schiffe, die aus dem Weltraum kamen, und die Männer, die mit den Schiffen kamen, und die Welten, aus denen sie kamen, und den Rest des Universums. Sie umschloss das Universum und ließ Anarres draußen, frei.

Von der anderen Seite betrachtet, umgrenzte die Mauer Anarres: Der ganze Planet lag hinter ihr, ein großes Gefangenenlager, abgeschnitten von anderen Welten und anderen Menschen, in Quarantäne.

Auf der Straße liefen ein paar Menschen in Richtung Landungsfeld oder standen bereits dort herum, wo die Straße die Mauer schnitt.

Aus der nahe gelegenen Stadt Abbenay kamen häufig Leute, weil sie ein Raumschiff oder schlicht die Mauer sehen wollten. Schließlich war es die einzige Grenzmauer auf ihrer Welt. Nirgendwo sonst gab es ein Schild mit der Aufschrift Zutritt verboten. Vor allem Jugendliche fühlten sich von der Mauer angezogen. Sie traten dicht heran; sie setzten sich obendrauf. Manchmal war am Lagerhaus ein Trupp zu sehen, der Kisten aus Kettenfahrzeugen entlud. Manchmal stand sogar ein Frachtschiff auf der Rampe. Frachtschiffe landeten nur achtmal im Jahr, unangekündigt, sodass niemand außer den im Hafen arbeitenden Syndiks Bescheid wusste, und wenn die Zuschauer das Glück hatten, eins zu sehen, waren sie ganz aufgeregt – im ersten Moment. Doch dann saßen sie da, und es stand da, ein plumper schwarzer Turm inmitten eines Gewirrs aus beweglichen Kränen, weit hinten auf dem Feld. Und dann kam eine Frau von einer der Lagerhauskolonnen zu ihnen und sagte: »Wir machen jetzt dicht für heute, Brüder.« Sie trug das Schutzarmband, ein Anblick, der beinahe so selten war wie ein Raumschiff. Das war immerhin etwas. Und ihr Ton war zwar sanft, aber entschieden. Sie war der Vormann dieser Kolonne, und wenn man sie provozierte, rief das ihre Syndiks auf den Plan. Außerdem gab es nichts zu sehen. Die Fremdlinge, die Außerweltler, blieben in ihrem Schiff verborgen. Ein Trauerspiel.

Auch für die Schutzkolonne war es ein langweiliges Spiel. Manchmal wünschte sich der Vormann, es würde einfach mal jemand versuchen, die Mauer zu überwinden, ein transplanetarisches Besatzungsmitglied, das fliehen wollte, oder ein Jugendlicher aus Abbenay, der sich einzuschleichen versuchte, um das Frachtschiff näher anzuschauen. Aber das geschah nicht. Es geschah nie etwas. Als dann doch etwas geschah, traf es sie unvorbereitet.

Der Kapitän des Frachtschiffs Respekt fragte sie: »Geht die Meute auf mein Schiff los?«

Der Vormann sah sich um. Am Tor lungerte tatsächlich eine Menschenmenge herum, hundert Personen oder mehr. Sie standen da, einfach so, wie die Leute damals während der Hungersnot an den Naturalienbahnhöfen. Der Vormann erschrak.

»Nein. Sie – äh – protestieren«, sagte sie in ihrem langsamen, lückenhaften Jotisch. »Gegen den – Dings. Den Passagier?«

»Du meinst, sie haben was gegen diesen Kanaken, den wir mitnehmen sollen? Werden sie versuchen, ihn aufzuhalten – oder uns?«

Das Wort »Kanake«, unübersetzbar in die Sprache des Vormanns, war für sie nichts weiter als ein fremder Begriff für ihr Volk, aber der Klang hatte ihr noch nie gefallen, ebenso wenig wie der Ton des Kapitäns oder der Kapitän selbst. »Könnt ihr auf euch aufpassen?«, fragte sie knapp.

»Teufel, ja. Sorgt ihr einfach dafür, dass der Rest der Fracht entladen wird. Schnell. Und bringt den Kanaken an Bord. Wir lassen uns nicht von einer Meute komischer Käuze auf der Nase rumtanzen.« Er klopfte auf das Ding, das er am Gürtel trug, und sah die unbewaffnete Frau herablassend an.

Sie streifte den phallischen Gegenstand, von dem sie wusste, dass es eine Waffe war, mit einem kalten Blick. »Das Schiff wird um vierzehn Uhr beladen sein«, sagte sie. »Die Besatzung soll an Bord bleiben, in Sicherheit. Start um vierzehn Uhr vierzig. Wenn ihr Hilfe braucht, sprecht bei der Bodenkontrolle auf Band.« Und sie schritt davon, bevor der Kapitän sich aufspielen konnte. In ihrem Zorn war sie forscher gegenüber ihrer Kolonne und der Menge. »Macht die Straße frei!«, befahl sie, als sie sich der Mauer näherte. »Hier kommen Laster durch, nachher tut sich jemand weh. Geht zur Seite!«

Die Männer und Frauen in der Menge diskutierten mit ihr und miteinander. Sie liefen immer wieder über die Straße, und einige betraten das Flugfeld. Aber die Straße machten sie mehr oder weniger frei. Wenn der Vormann keine Erfahrung darin besaß, eine Menschenmasse zu lenken, so besaßen sie keine Erfahrung darin, eine zu bilden. Sie waren Glieder einer Gemeinschaft und nicht Elemente eines Kollektivs und wurden daher nicht vom Massengefühl geleitet; unter ihnen gab es ebenso viele Emotionen wie Personen. Und da sie von Befehlen nicht erwarteten, dass sie willkürlich waren, hatten sie keine Übung darin, sich ihnen zu widersetzen. Ihre Unerfahrenheit rettete dem Passagier das Leben.

Einige der Leute waren gekommen, um einen Verräter zu töten. Andere um seine Ausreise zu verhindern oder ihn zu beschimpfen oder schlicht, um ihn zu sehen; und diese vielen anderen versperrten den Attentätern ihren kurzen, direkten Weg. Eine Schusswaffe trug keiner von ihnen bei sich, aber ein paar hatten Messer. Ein Angriff war für sie etwas Physisches; sie wollten den Verräter mit den eigenen Händen packen. Sie rechneten damit, dass er mit einem Fahrzeug kommen würde, gut bewacht. Während sie noch versuchten, einen Güterlaster zu inspizieren, und sich mit dem empörten Fahrer stritten, kam der Mann, den sie suchten, zu Fuß die Straße hinauf, allein. Als sie ihn erkannten, war er schon halb über das Feld und von fünf Schutz-Syndiks abgeschirmt. Die Leute, die ihm ans Leben wollten, nahmen – zu spät – die Verfolgung auf und warfen – nicht ganz zu spät – mit Steinen. Sie erwischten ihr Opfer in dem Moment, als er das Schiff erreichte, noch knapp am Arm, aber ein Mitglied der Schutzkolonne wurde von einem kiloschweren Feuerstein am Kopf getroffen und war auf der Stelle tot.

Am Schiff wurden die Luken geschlossen. Die Schutzkolonne kehrte um, den toten Kameraden auf den Armen; sie unternahmen nichts, um die Anführer der Menge aufzuhalten, die auf das Schiff zurasten. Nur der Vormann, bleich vor Zorn und Entsetzen, beschimpfte die Leute laut, während sie vorbeirannten, und sie wichen ihr in einem weiten Bogen aus. Als sie das Schiff erreichten, zerstreuten sich die vorderen und blieben unentschlossen stehen. Die Stille des Schiffes, die abrupten Bewegungen der riesigen skelettartigen Kräne, die seltsam verbrannte Erde, das Fehlen jeglicher menschlichen Dimension verwirrte sie. Ein Dampf- oder Gasstoß aus einem Klotz, der mit dem Schiff verbunden war, ließ einige zusammenfahren; sie blickten beunruhigt zu den Raketen auf, gigantischen schwarzen Röhren über ihren Köpfen. In der Ferne, weit über dem Feld, heulte eine Warnsirene. Ein Erster trat den Rückzug zum Tor an, dann ein Zweiter. Keiner hielt sie auf. Nach zehn Minuten war das Feld geräumt, die Menge auf der Straße in Richtung Abbenay versprengt. Alles sah wieder aus, als wäre nichts passiert.

Im Innern der Respekt herrschte reger Betrieb. Da die Bodenkontrolle den Start vorverlegt hatte, mussten sämtliche Kontrollen mit doppelter Geschwindigkeit durchgepeitscht werden. Der Kapitän hatte befohlen, den Passagier im Mannschaftsraum festzuschnallen und mit dem Arzt zusammen dort einzuschließen, damit sie aus dem Weg waren. In dem Raum gab es einen Sichtschirm, sie konnten also beim Start zuschauen, wenn sie wollten.

Der Passagier schaute zu. Er sah das Feld und die Mauer um das Feld und weit außerhalb der Mauern die fernen Hänge der Ne-Theras-Kette, gesprenkelt mit Holumsträuchern und spärlichem silbrigem Monddorn.

Das alles rauschte blendend hell über den Sichtschirm. Der Passagier spürte, wie sein Kopf ins Polster der Rückenlehne gepresst wurde. Es war wie beim Zahnarzt, der Kopf nach hinten gedrückt, der Kiefer gewaltsam aufgerissen. Er bekam keine Luft, ihm wurde übel, in seinem Bauch rumorte die Angst. Sein gesamter Körper schrie den ungeheuren Kräften, die auf ihn einwirkten, entgegen: Jetzt nicht, noch nicht, wartet!

Die Augen waren seine Rettung; was sie beharrlich aufnahmen und meldeten, erlöste ihn vom Autismus der Angst. Denn jetzt bot der Sichtschirm einen seltsamen Anblick, eine große, fahle Felsebene. Es war die Wüste, von den Bergen über dem Großtal aus betrachtet. Wie war er wieder ins Großtal gekommen? Er versuchte sich zu sagen, dass er sich in einem Luftschiff befand. Nein, einem Raumschiff. Am Rand der Ebene blitzte helles Licht wie über Wasser, Licht über einem fernen Meer. In diesen Wüsten gab es kein Wasser. Was also sah er da? Die Felsebene war nicht mehr platt, sondern hohl, eine riesige Schale voller Sonnenlicht. Während er sie staunend betrachtete, wurde sie flacher, und das Licht strömte hinaus. Auf einmal schoss quer hinüber ein Strich, abstrakt, geometrisch, ein perfekter Kreisschnitt. Hinter dem Bogen lag Schwärze. Die Schwärze verkehrte das ganze Bild ins Negative. Der feste, felsige Teil war nicht mehr konkav und von Licht erfüllt, sondern konvex. Er reflektierte das Licht, warf es zurück. Was Shevek sah, war weder eine Ebene noch eine Schale, sondern eine Kugel, ein Ball aus weißem Fels, der in Schwärze stürzte, in Schwärze versank. Es war seine Welt.

»Das verstehe ich nicht«, sagte er laut.

Jemand antwortete ihm. Er brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, dass der Mensch, der neben seinem Sessel stand, mit ihm sprach, ihm antwortete, denn er wusste nicht mehr, was eine Antwort war. Nur eines nahm er deutlich wahr: die eigene vollständige Isolation. Die Welt war unter ihm versunken, und er war ganz und gar allein.

Er hatte immer befürchtet, dass es so kommen würde, mehr als er jemals den Tod gefürchtet hatte. Sterben hieß, sein Ich zu verlieren und sich mit den anderen zu vereinigen. Er hatte sein Ich behalten und die anderen verloren.

Nach einer Weile gelang es ihm aufzublicken und den Mann neben sich anzuschauen. Es war natürlich ein Fremder. Von nun an würde es nur noch Fremde geben. Er sprach eine fremde Sprache: Jotisch. Die Worte ergaben einen Sinn. Sämtliche Einzelheiten ergaben einen Sinn, bloß das Ganze nicht. Der Mann sagte etwas über die Gurte, die ihn an den Sessel fesselten. Er legte Hand an. Der Sessel richtete sich mit einem Ruck auf, und weil ihm so schwindelig war, fiel Shevek beinahe hinaus. Der Mann fragte immer wieder, ob jemand verletzt worden sei. Von wem redete er? »Ist er sicher, dass er nicht verletzt ist?« Im Jotischen war die höfliche Form der Anrede die dritte Person, er oder sie. Der Mann meinte ihn. Er wusste nicht, wieso er verletzt sein sollte; der Mann sagte immer wieder etwas über Steine, die geworfen worden seien. Aber der Stein wird niemals treffen, dachte er. Er schaute wieder auf den Sichtschirm, nach dem Stein, dem weißen Stein, der durch die Finsternis stürzte, aber der Sichtschirm war leer.

»Mir geht es gut«, sagte er schließlich aufs Geratewohl.

Das beruhigte den Mann nicht. »Bitte kommen Sie mit mir. Ich bin Arzt.«

»Es geht mir gut.«

»Bitte kommen Sie mit mir, Dr. Shevek!«

»Sie sind Arzt«, sagte Shevek nach einer Pause. »Ich nicht. Ich heiße Shevek.«

Der Arzt, ein kleiner, hellhäutiger, glatzköpfiger Mann, verzog ängstlich das Gesicht. »Sie sollten in Ihrer Kabine sein, Herr – Ansteckungsgefahr –, Sie sollten zwei Wochen lang mit niemandem außer mir Kontakt haben. Ich habe mich nicht für nichts und wieder nichts einer zwei Wochen währenden Desinfektion unterzogen. Gott verfluche den Kapitän! Bitte kommen Sie mit, Herr. Man wird mich zur Verantwortung ziehen …«

Shevek erkannte, dass der kleine Mann beunruhigt war. Er empfand weder Bedauern noch Mitgefühl; doch selbst hier, in seiner absoluten Einsamkeit, behielt das eine Gesetz, nach dem er sich je gerichtet hatte, seine Gültigkeit. »Gut«, sagte er und stand auf.

Ihm war noch immer schwindelig, und seine rechte Schulter schmerzte. Er wusste, dass sich das Schiff bewegte, aber es war keinerlei Bewegung zu spüren; nur eine Stille war da, eine schreckliche, absolute Stille draußen hinter den Wänden. Der Arzt führte ihn durch totenstille Metallkorridore zu einem Zimmer.

Es war ein sehr kleines Zimmer, mit Nähten in den kahlen Wänden. Es stieß Shevek ab, weil es ihn an einen Ort erinnerte, an den er sich nicht erinnern wollte. Er blieb an der Tür stehen. Aber der Arzt bat und drängte, und so trat er schließlich ein.

Noch immer duselig und benommen, setzte er sich auf das in die Wand gebaute Bett und beobachtete teilnahmslos den Arzt. Eigentlich hätte er neugierig sein müssen, dachte er; dieser Mann war der erste Urrasier, den er je gesehen hatte. Aber er war zu müde. Wenn er sich ausstreckte, würde er sofort einschlafen.

Er hatte die ganze vorige Nacht gebraucht, um seine Papiere zu ordnen. Vor drei Tagen hatte er Takver und die Kinder nach Frieden-und-Fülle verabschiedet, und von da an war er unablässig beschäftigt gewesen. Im Funkturm hatte er letzte Neuigkeiten mit Leuten auf Urras ausgetauscht, und mit Bedap und den anderen hatte er Pläne und Eventualitäten erörtert. Während dieser gehetzten Tage, und überhaupt seit Takvers Abreise, war er für sein Empfinden kein Handelnder gewesen, sondern nur ein ausführendes Organ. Er war in den Händen anderer gewesen. Sein eigener Wille hatte nicht agiert. Dazu hatte keine Notwendigkeit bestanden. Sein Wille war es, der einst alles in Gang gesetzt und ihn zu diesem Moment geführt hatte, mitsamt den Wänden, die ihn jetzt umgaben. Wann? Vor Jahren. Vor fünf Jahren in Chakar in den Bergen, als er in der Stille der Nacht zu Takver gesagt hatte: »Ich werde nach Abbenay gehen und Mauern abbauen.« Oder eigentlich noch früher; lange davor, im Staub, in den Jahren von Hunger und Not, als er sich geschworen hatte, nie wieder anders zu handeln als nach der eigenen freien Entscheidung. Dass er sich an diesen Schwur gehalten hatte, hatte ihn hierhergeführt, in diesen Moment ohne Zeit, an diesen Ort ohne Welt, in dieses kleine Zimmer, dieses Gefängnis.

Der Arzt hatte seine verletzte Schulter untersucht. (Der Bluterguss war Shevek ein Rätsel; er war zu angespannt und zu gehetzt gewesen, um mitzubekommen, was auf dem Landungsfeld vor sich ging, und so hatte er den Stein, der ihn traf, nicht gespürt.) Jetzt wandte der Doktor sich ihm mit einer Injektionsnadel zu.

»Das will ich nicht«, sagte Shevek. Er sprach langsam Jotisch und, wie er von den Gesprächen über Funk wusste, mit schlechter Betonung, aber grammatikalisch einigermaßen korrekt; das Verstehen fiel ihm schwerer als das Sprechen.

»Das ist eine Impfung gegen Masern«, sagte der Arzt, von Berufs wegen taub.

»Nein«, sagte Shevek.

Der Arzt biss sich einen Moment auf die Unterlippe. Dann sagte er: »Wissen Sie, was Masern sind, Herr?«

»Nein.«

»Eine Krankheit. Ansteckend. Bei Erwachsenen oft schwer. Auf Anarres ist sie unbekannt; sie wurde durch prophylaktische Maßnahmen ferngehalten, als der Planet besiedelt wurde. Auf Urras ist sie weit verbreitet. Sie könnten daran sterben. Sie haben keine Abwehrkräfte. Sind Sie Rechtshänder, Herr?«

Shevek schüttelte automatisch den Kopf. Mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers stieß der Arzt ihm die Nadel in den rechten Arm. Schweigend fügte sich Shevek dieser und auch den folgenden Injektionen. Er hatte kein Recht auf Misstrauen oder Widerspruch. Er hatte sich diesen Menschen ausgeliefert; er hatte sein Geburtsrecht auf Selbstbestimmung abgegeben. Es galt nicht mehr, es war zusammen mit seiner Welt von ihm abgefallen, der Welt des Großen Versprechens, dem nackten Fels.

Der Arzt sagte wieder etwas, doch er hörte nicht zu.

Stunden, vielleicht Tage lang lebte er in einem leeren Raum, einem öden, elenden Vakuum ohne Vergangenheit und Zukunft. Die Wände beengten ihn. Außerhalb von ihnen herrschte die Stille. Arme und Gesäß schmerzten von den Spritzen; er hatte Fieber, das sich nie zum Delirium steigerte, aber ihn in einen Schwebezustand zwischen Denken und Träumen versetzte, ein Niemandsland. Die Zeit verging nicht. Es gab keine Zeit. Er war die Zeit: er allein. Er war der Fluss, der Pfeil, der Stein. Aber er bewegte sich nicht fort. Der geworfene Stein verharrte auf halbem Weg. Es gab weder Tag noch Nacht. Dann und wann schaltete der Arzt das Licht aus oder an. In die Wand am Bett war eine Uhr eingelassen; ihr Zeiger bewegte sich, ohne jede Bedeutung, von einer der zwanzig Ziffern auf der Scheibe zur nächsten.

Er erwachte nach einem langen, tiefen Schlaf, und da er mit dem Gesicht zur Uhr lag, betrachtete er sie schläfrig. Der Zeiger stand ein Stück hinter der 15, sodass es, wenn das Ziffernblatt von Mitternacht aus gelesen wurde, wie die 24-Stunden-Uhr auf Anarres, später Nachmittag sein musste. Doch wie konnte es im All zwischen zwei Welten Nachmittag sein? Nun, das Schiff lief bestimmt nach einer eigenen Zeitrechnung. Dass er diese Überlegungen anstellte, erfüllte ihn mit kolossalem Mut. Er setzte sich auf, ohne dass ihm schwindelig wurde. Erhob sich und prüfte seinen Gleichgewichtssinn: befriedigend, trotz des Gefühls, dass seine Fußsohlen nicht ganz fest auf dem Boden standen. Wahrscheinlich war das Gravitationsfeld des Schiffes ziemlich schwach. Das Gefühl behagte ihm nicht; was er brauchte, waren Stabilität, Solidität, verlässliche Tatsachen. Auf der Suche danach begann er methodisch, das kleine Zimmer zu inspizieren.

Die leeren Wände bargen lauter Überraschungen, man musste nur die Vertäfelung berühren, damit sie sich zeigten: Waschbecken, Klosett, Spiegel, Schreibtisch, Stuhl, Schrank, Regale. Mit dem Waschbecken waren einige vollkommen rätselhafte elektrische Geräte verbunden, und das Wasserventil schloss sich nicht automatisch, wenn man den Hahn losließ, sondern lief weiter, bis man ihn zudrehte – ein Zeichen, wie Shevek meinte, entweder von großem Vertrauen in die menschliche Natur oder von großen Mengen heißen Wassers. Da er Letzteres vermutete, wusch er sich von Kopf bis Fuß und trocknete sich, weil er kein Handtuch fand, mit einem der rätselhaften Geräte ab, einem, das einen angenehm kitzeligen Strom warmer Luft ausstieß. Als er seine eigenen Sachen nicht fand, zog er wieder das über, was er beim Aufwachen angehabt hatte: eine weite Hose mit Taillenband und einen formlosen Kittel, beide leuchtend gelb mit kleinen blauen Punkten. Er betrachtete sich im Spiegel. Die Wirkung war bedauerlich. Kleidete man sich auf Urras so? Er suchte vergeblich nach einem Kamm, behalf sich, indem er sein Haar hinten zu einem Zopf flocht, und schickte sich so hergerichtet an, das Zimmer zu verlassen.

Es ging nicht. Die Tür war abgeschlossen.

Sheveks anfängliche Ungläubigkeit verwandelte sich in Zorn, einen Zorn – einen blindwütigen Willen zur Gewalt –, wie er ihn noch nie in seinem Leben verspürt hatte. Er riss an dem starren Türgriff, schlug mit den Händen auf das glatte Metall der Tür ein, wandte sich ab und drückte die Ruftaste, die der Arzt ihm gezeigt hatte, damit er sie im Notfall betätige. Nichts passierte. Auf der Sprechanlage befanden sich eine Reihe weiterer kleiner, verschiedenfarbiger Knöpfe mit Ziffern. Er drückte mit der Hand auf alle zugleich. Der Lautsprecher in der Wand begann zu stammeln: »Wer zum Teufel ja kommt sofort Ende klar was von zweiundzwanzig …«

Shevek übertönte sie alle: »Tür auf!«

Die Tür glitt auf, der Arzt schaute herein. Beim Anblick seines kahlen, besorgten, gelblichen Gesichts verging Sheveks Zorn und zog sich in eine innere Finsternis zurück. Er sagte: »Die Tür war abgeschlossen.«

»Verzeihen Sie, Dr. Shevek, eine Vorsichtsmaßnahme – Ansteckung – die anderen müssen ferngehalten werden …«

»Ausschließen, einschließen, ein und dasselbe«, sagte Shevek und blickte mit hellen, abweisenden Augen auf den Arzt hinunter.

»Sicherheit …«

»Sicherheit? Muss man mich in einer Kiste halten?«

»Der Offizierssalon«, schlug der Arzt hastig, besänftigend, vor. »Haben Sie Hunger, Herr? Vielleicht mögen Sie sich anziehen, und wir gehen in den Salon.«

Shevek betrachtete die Kleidung des Arztes: enge blaue Hose in Stiefel gesteckt, die ebenfalls so glatt und fein aussahen wie Stoff; ein violetter Kittel, der vorne offen und mit silbernen Posamentverschlüssen geknöpft war, und darunter, nur am Hals und an den Handgelenken zu sehen, ein blendend weißes Strickhemd.

»Ich bin nicht angezogen?«, fragte Shevek schließlich.

»Oh, der Pyjama reicht absolut. Keine Formalitäten auf einem Frachtschiff!«

»Pyjama?«

»Was Sie da anhaben. Schlafkleidung.«

»Kleidung, die man zum Schlafen trägt?«

»Ja.«

Shevek blinzelte. Er sagte nichts. Er fragte: »Wo sind die Sachen, die ich anhatte?«

»Ihre Kleidung? Ich habe sie reinigen – desinfizieren – lassen. Ich hoffe, das ist Ihnen recht, Herr …« Er schaute in ein Wandfach, das Shevek nicht entdeckt hatte, und holte ein in blassgrünes Papier eingeschlagenes Paket hervor. Er wickelte Sheveks alten Anzug aus, der sehr sauber und um einiges kleiner wirkte als zuvor, zerknüllte das Papier, aktivierte ein weiteres Fach, warf das Papier in das aufgehende Behältnis und lächelte unsicher. »Da, bitte sehr, Dr. Shevek.«

»Was wird mit dem Papier?«

»Dem Papier?«

»Dem grünen Papier.«

»Oh, das habe ich in den Müll geworfen.«

»Den Müll?«

»Abfall. Es wird verbrannt.«

»Sie verbrennen Papier?«

»Vielleicht wird es auch bloß ins All hinausgeworfen, ich weiß es nicht. Ich bin kein Weltraumarzt, Dr. Shevek. Man hat mich aufgrund meiner Erfahrung mit anderen Besuchern von fernen Welten, den Botschaftern von Terra und Hain, mit der Ehre betraut, Sie medizinisch zu betreuen. Ich bin der Leiter der Dekontaminierungs- und Habituierungsverfahren für sämtliche Besucher von fremden Welten, die in A-Jo landen. Wobei Sie natürlich strenggenommen nicht von einer fremden Welt kommen.« Er sah Shevek schüchtern an, der nicht allem folgen konnte, was er sagte, aber doch den besorgten, zaghaften, wohlmeinenden Geist hinter den Worten spürte.

»Nein«, stimmte Shevek zu. »Ich könnte dieselbe Ahnin haben wie Sie, vor zweihundert Jahren auf Urras.« Er war dabei, seine alten Sachen anzuziehen, und als er sich das Hemd über den Kopf zog, sah er, wie der Arzt die blaugelbe »Schlafkleidung« in den »Müll«-Behälter stopfte. Shevek hielt inne, den Kragen noch über der Nase. Er zog das Hemd ganz herunter und öffnete den Behälter. Er war leer.

»Die Sachen werden verbrannt?«

»Ach, das ist ein billiger Pyjama, Standardausrüstung – einmal tragen und wegwerfen, das ist billiger als waschen.«

»Das ist billiger«, wiederholte Shevek nachdenklich. Er sagte die Worte so, wie ein Paläontologe ein Fossil anschaut – das Fossil, durch das sich eine ganze Bodenschicht datieren lässt.

»Ich fürchte, Ihr Gepäck ist bei dem Sturm aufs Schiff verlorengegangen. Hoffentlich war nichts Wichtiges dabei.«

»Ich hatte nichts mit«, sagte Shevek. Obwohl sein Anzug fast weiß gebleicht und ein wenig eingelaufen war, passte er noch, und der vertraute, grobe Holumfaserstoff lag angenehm auf seiner Haut. Er fühlte sich wieder wie er selbst. Er setzte sich aufs Bett und blickte den Arzt an. »Sehen Sie«, sagte er, »ich weiß, dass Sie sich Sachen nicht nehmen, so wie wir es tun. In Ihrer Welt, auf Urras, muss man Dinge kaufen. Ich komme in Ihre Welt, ich habe kein Geld, ich kann nichts kaufen, deswegen müsste ich etwas dabeihaben. Aber wie viel kann ich mitbringen? Kleidung, ja, ich könnte zwei Anzüge mitbringen. Aber Nahrung? Wie kann ich genug Nahrung mitbringen? Ich kann sie nicht mitbringen, ich kann sie nicht kaufen. Wenn ich am Leben bleiben soll, müssen Sie mir etwas geben. Ich bin Anarrase, ich zwinge die Urrasier, sich wie Anarrasen zu verhalten: zu geben statt zu verkaufen. Wenn Sie mögen. Natürlich ist es nicht nötig, mich am Leben zu erhalten! Ich bin der Bettelmann, verstehen Sie.«

»O nein, keineswegs, Herr, nein, nein. Sie sind ein hochverehrter Gast. Bitte beurteilen Sie uns nicht nach der Besatzung dieses Raumschiffs, das sind ganz ungebildete, ignorante Männer – Sie ahnen nicht, was für einen Empfang man Ihnen auf Urras bereiten wird. Schließlich sind Sie ein weltberühmter, ein in der ganzen Galaxis berühmter Wissenschaftler! Und unser erster Gast vom Anarres! Ich versichere Ihnen, es wird alles vollkommen anders werden, wenn wir auf dem Feld in Peier landen.«

»Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel«, sagte Shevek.

 

Normalerweise dauerte es viereinhalb Tage, die Strecke zwischen Urras und seinem Mond zurückzulegen, doch diesmal wurde die Rückreise um fünf Tage Habituierungszeit für den Passagier verlängert. Shevek und Dr. Kimoe verbrachten sie mit Impfungen und Gesprächen. Der Kapitän der Respekt verbrachte sie damit, das Schiff auf der Umlaufbahn um Urras zu halten und zu fluchen. Wenn es sich nicht vermeiden ließ, mit Shevek zu sprechen, war er unsicher und respektlos. Der Arzt mit seiner stetigen Bereitschaft, alles zu erklären, hatte eine Analyse parat: »Er ist es gewohnt, auf alle Außerweltler herabzusehen, als nicht ganz vollwertige Menschen.«

»Die Erschaffung von Pseudogattungen, hat Odo das genannt. Ja. Ich hätte erwartet, dass man auf Urras vielleicht nicht mehr so denken würde, wo Sie dort so viele Sprachen und Nationen haben und sogar Besucher aus anderen Sonnensystemen.«

»Nur ganz wenige, weil interstellare Reisen so kostspielig und langwierig sind. Vielleicht wird das nicht immer so sein«, sagte Dr. Kimoe, offenbar mit der Absicht, Shevek zu schmeicheln oder ihn aus der Reserve zu locken, was Shevek jedoch ignorierte.

»Der Zweite Offizier«, sagte er, »scheint vor mir Angst zu haben.«

»Ach, bei ihm ist das religiöse Borniertheit. Er ist ein strenggläubiger Epiphanier. Betet jeden Abend die Primen. Ein ganz Vernagelter.«

»Und deswegen bin ich für ihn – was?«

»Ein gefährlicher Atheist.«

»Ein Atheist! Weshalb?«

»Nun ja, weil Sie Odonier sind, vom Anarres. Auf Anarres gibt es keine Religion.«

»Keine Religion? Sind wir aus Stein auf Anarres?«

»Ich meine damit, keine offizielle Religion – mit Kirchen, Glaubensrichtungen …« Kimoe wurde schnell nervös. Er besaß die forsche Selbstsicherheit eines Arztes, doch Shevek warf ihn ständig aus der Bahn. Nach zwei, drei Fragen von ihm gerieten all seine Erklärungen ins Schwimmen. Beiden Männern galten einige Verhältnisse als selbstverständlich, die der jeweils andere nicht einmal wahrzunehmen vermochte. Dieses seltsame Problem von oben und unten etwa. Shevek wusste, dass Überlegenheit, relative Höhe, für die Urrasier von großer Bedeutung war; in ihren Schriften benutzten sie häufig das Wort »höher« gleichbedeutend mit »besser«, wo ein Anarrese »zentraler« wählen würde. Aber was hatte »höher« mit der Beziehung zu Fremden zu tun? Das war ein Rätsel unter hunderten.

»Aha«, sagte Shevek jetzt, da sich mal wieder ein Rätsel klärte. »Für Sie gibt es keine Religion außerhalb der Kirchen, ebenso wie es für Sie keine Moral jenseits der Gesetze gibt. Wissen Sie, das hatte ich in all den urrasischen Büchern, die ich gelesen habe, nie verstanden.«

»Nun, heutzutage würde jeder aufgeklärte Mensch eingestehen …«

»Es sind die Wörter, die es erschweren«, sagte Shevek, seiner Erkenntnis weiter nachgehend. »Auf Pravic ist das Wort Religion selten. Nein, wie sagen Sie – rar. Es wird nicht häufig verwendet. Wobei es natürlich für eine der Kategorien steht: den Vierten Modus. Nur wenige Menschen lernen es, alle Modi zu praktizieren. Aber die Modi sind aus den natürlichen Geistesanlagen hergeleitet. Sie können doch nicht im Ernst meinen, dass wir nicht über eine Anlage zur Religion verfügten? Dass wir physikalisch denken könnten, aber von der tiefsten Verbindung, die der Mensch mit dem Kosmos hat, abgeschnitten wären?«

»O nein, keineswegs …«

»Das würde uns in der Tat zu einer Pseudogattung machen!«

»Gebildete Männer würden das gewiss verstehen. Diese Offiziere sind ungebildet.«

»Aber heißt das, nur Bornierte dürfen in den Kosmos hinaus?«

So verliefen all ihre Gespräche, erschöpfend für den Arzt und unbefriedigend für Shevek, aber dennoch äußerst interessant für beide. Für Shevek waren sie die einzige Möglichkeit, die neue Welt, die ihn erwartete, zu erkunden. Das Schiff und Kimoes Denkweise waren sein Mikrokosmos. Es gab keine Bücher an Bord der Respekt, die Offiziere mieden Shevek, und die Besatzung wurde strikt von ihm ferngehalten. Und obwohl der Arzt intelligent und ganz gewiss guten Willens war, herrschte in seinem Kopf ein Mischmasch geistiger Konstrukte, der noch verwirrender war als die vielen Geräte, Instrumente und Annehmlichkeiten, mit denen das Schiff ausgestattet war. Letztere fand Shevek unterhaltsam; alles war so großzügig, stilvoll und raffiniert; doch die Möblierung von Kimoes Intellekt behagte ihm weniger. Kimoes Gedankengänge schienen sich niemals geradeaus bewegen zu können; sie mussten dies umgehen und jenes meiden und endeten schließlich abrupt vor einer Wand. Sein gesamtes Denken war von Mauern umstellt, und er schien sie überhaupt nicht zu bemerken, obwohl er sich ständig hinter ihnen versteckte. Dass sie durchbrochen wurden, erlebte Shevek während ihrer tagelangen Gespräche zwischen den Welten nur ein einziges Mal.

Er hatte gefragt, warum es an Bord des Schiffes keine Frauen gebe, und Kimoe hatte erklärt, ein Raumfrachter sei für Frauen kein geeigneter Arbeitsplatz. Dank seiner Geschichtsstudien und seiner Kenntnis von Odos Schriften vermochte Shevek, diese unsinnige Antwort einzuordnen, und sagte nichts weiter. Doch der Arzt stellte eine Gegenfrage, eine Frage über Anarres. »Ist es wahr, Dr. Shevek, dass Frauen in Ihrer Gesellschaft ganz genauso behandelt werden wie Männer?«

»Das wäre eine Vergeudung guter Anlagen«, sagte Shevek mit einem Lachen, gefolgt von einem zweiten, als ihm die ganze Albernheit dieser Vorstellung aufging.

Der Arzt zögerte, offenbar weil eines der Hindernisse in seinem Kopf nur mit Mühe zu umgehen war, dann wurde er verlegen und sagte: »O nein, das war nicht sexuell gemeint – offensichtlich haben Sie – nein … das, worauf ich hinauswollte, war die Frage ihres gesellschaftlichen Status.«

»Status ist dasselbe wie Klasse?«

Kimoe bemühte sich, das Wort Status zu erklären, scheiterte und kehrte zu seinem ursprünglichen Thema zurück. »Gibt es wirklich keinen Unterschied zwischen Männerarbeit und Frauenarbeit?«

»Nein, das wäre eine sehr schematische Basis für die Aufteilung von Arbeit, meinen Sie nicht? Ein Mensch wählt seine Arbeit nach Interesse, Begabung, Kraft – was hat das Geschlecht damit zu tun?«

»Männer sind stärker«, stellte der Arzt mit professioneller Autorität fest.

»Ja, oft, und auch größer, aber was hat das zu sagen, wenn wir Maschinen haben? Und selbst wenn wir keine Maschinen haben, wenn wir mit der Schaufel graben oder Lasten auf dem Rücken tragen müssen, arbeiten die Männer – die großen – vielleicht schneller, aber die Frauen arbeiten länger … Ich habe mir oft gewünscht, so zäh zu sein wie eine Frau.«

Kimoe starrte ihn an, zu bestürzt, um die Form zu wahren. »Aber der Verlust alles … alles Femininen, alles Zarten … und der Verlust maskuliner Selbstachtung … Sie wollen doch gewiss nicht behaupten, dass Frauen Ihnen auf Ihrem Arbeitsfeld ebenbürtig wären? In der Physik, in der Mathematik, in allem, was den Intellekt betrifft? Sie wollen doch nicht behaupten, dass Sie sich unablässig auf ihr Niveau hinabbegeben?«

Shevek saß in dem bequemen, gepolsterten Sessel und schaute sich im Offizierssalon um. Auf dem Sichtschirm hing das leuchtende Halbrund von Urras still vor dem schwarzen All wie ein blaugrüner Opal. An diesen wunderschönen Anblick und den Salon hatte sich Shevek während der letzten Tage gewöhnt, doch nun erschienen ihm die bunten Farben, die geschwungenen Sessel, die versteckte Beleuchtung, die Spieltische und Televisionsschirme, der weiche Teppichboden auf einmal alle wieder genauso fremd wie beim ersten Mal, als er sie gesehen hatte.

»Ich glaube nicht, dass ich dazu neige, einfach etwas zu behaupten, Kimoe«, sagte er.

»Selbstverständlich habe ich schon hochintelligente Frauen gekannt, Frauen, die genauso denken konnten wie ein Mann«, sagte der Arzt hastig und merkte, dass er dabei fast schrie – dass er, wie Shevek es empfand, mit den Händen gegen die verschlossene Tür trommelte und schrie …

Shevek wechselte das Thema, aber er grübelte weiter über die Sache nach. Diese Frage von Über- und Unterlegenheit spielte im gesellschaftlichen Leben der Urrasier offenbar eine ganz zentrale Rolle. Wenn Kimoe, um sich selbst zu achten, die Hälfte der Menschheit als unterlegen betrachten musste, wie schafften es dann die Frauen, sich selbst zu achten – waren in ihren Augen die Männer unterlegen? Und wie wirkte sich das alles auf ihr Sexualleben aus? Aus Odos Schriften war ihm bekannt, dass vor 200 Jahren die beiden wesentlichen urrasischen Sexualinstitutionen die »Ehe«, eine durch gesetzliche und ökonomische Sanktionen legitimierte Zwangspartnerschaft, und die »Prostitution« gewesen waren, wobei ihm Letztere lediglich ein diffuserer Begriff für Kopulation im Modus der Ökonomie zu sein schien. Odo hatte beides verurteilt, und doch war auch Odo »verheiratet« gewesen. Außerdem mochten sich die Institutionen im Lauf von 200 Jahren stark verändert haben. Wenn er auf Urras und unter Urrasiern leben wollte, sollte er versuchen, mehr darüber zu erfahren.

Wie seltsam, dass sogar der Sex, seit so langen Jahren ein Quell von so viel Trost, Lust und Freude, über Nacht zu einem unbekannten Terrain werden konnte, auf dem er sich vorsichtig bewegen und seiner Unwissenheit gewahr sein musste; aber genau so war es. Das sagte ihm nicht nur Kimoes merkwürdiger Ausbruch von Spott und Zorn, sondern auch ein früherer, nebulöser Eindruck, der ihm aufgrund dieses Vorfalls deutlich wurde. Während seiner ersten Zeit an Bord des Schiffes, in jenen langen, von Fieber und Verzweiflung geprägten Stunden, hatte ihn eine äußerst schlichte Empfindung mal wohlig abgelenkt, mal verunsichert: die Weichheit des Bettes. Das Bett war bloß eine Koje, aber die Matratze fügte sich seinem Gewicht mit zärtlicher Schmiegsamkeit. Sie fügte sich ihm, fügte sich so aufdringlich, dass er sich dessen noch beim Einschlafen stets bewusst war. Die dadurch ausgelöste Irritation wie auch das Wohlgefühl waren eindeutig erotischer Natur. Und dann gab es noch das Heißluft-Abtrocknungsgerät: mit absolut ähnlicher Wirkung. Einem Kribbeln. Auch die Formen der Möbel im Offizierssalon, die glatten, künstlich geschwungenen Linien, die dem widerspenstigen Holz und harten Stahl aufgezwungen waren, die blanken, empfindlichen Oberflächen und Gewebe: Hatten auch sie nicht deutlich etwas leicht Erotisches? Er kannte sich gut genug, um zu wissen, dass ein paar Tage ohne Takver, selbst bei großer Anspannung, ihn kaum so aus der Bahn werfen konnten, dass er in jeder Tischplatte eine Frau ahnte. Es sei denn, die Frau war wirklich vorhanden.

Lebten urrasische Schreiner alle im Zölibat?

Er gab auf; er würde es bald genug erfahren, auf Urras.

Unmittelbar bevor sie sich zur Landung anschnallten, kam der Arzt in seine Kabine, um den Fortgang der verschiedenen Impfungen zu kontrollieren, deren letzte, eine Immunisierung gegen die Pest, bei Shevek Übelkeit und Schwäche ausgelöst hatte. Kimoe gab ihm eine weitere Tablette. »Die wird Sie für die Landung fit machen«, sagte er. Shevek schluckte sie ungerührt. Der Arzt kramte in seinem Verbandskasten und begann plötzlich sehr schnell zu sprechen: »Dr. Shevek, ich denke, es wird mir nicht gestattet sein, Sie weiter zu betreuen, oder vielleicht doch, aber für den Fall, dass nicht, wollte ich Ihnen sagen, dass es, dass ich, dass es für mich eine besondere Ehre war. Nicht weil – sondern weil ich zu respektieren – zu schätzen gelernt habe, dass einfach als Mensch, Ihre Güte, Ihre echte Güte …«

Weil Shevek wegen seiner Kopfschmerzen keine passendere Reaktion einfiel, reichte er Kimoe die Hand und sagte: »Dann wollen wir uns wiedersehen, Bruder!« Kimoe drückte nach urrasischer Art fahrig zu und eilte hinaus. Als er fort war, ging Shevek auf, dass er Pravic mit ihm gesprochen, ihn in einer Sprache Bruder genannt hatte, die er nicht verstand. Ammar.

Der Lautsprecher in der Wand stieß Befehle aus. Im Bett gefangen, hörte Shevek benebelt und unbeteiligt zu. Durch den Eintritt verdichtete sich der Nebel; Shevek verspürte wenig außer der innigen Hoffnung, sich nicht übergeben zu müssen. Ihm war nicht klar, dass sie gelandet waren, bis Kimoe erneut zu ihm hereinstürzte und ihn eilig in den Offizierssalon geleitete. Der Sichtschirm, auf dem Urras so lange wolkenverhüllt und leuchtend gehangen hatte, war leer. Der Raum war voller Menschen. Wo waren sie alle hergekommen? Überrascht und erfreut stellte er fest, dass er stehen, gehen und Hände schütteln konnte. Darauf konzentrierte er sich und ließ den Sinn vorbeiziehen. Stimmen, Lächeln, Hände, Worte, Namen. Immer wieder sein eigener Name: Dr. Shevek, Dr. Shevek … Jetzt liefen er und all die Fremden um ihn herum eine überdachte Rampe hinunter, alle Stimmen sehr laut, die Worte hallten von den Wänden wider. Dann wurde das Stimmengewirr leiser. Eine seltsame Luft berührte sein Gesicht.

Shevek blickte auf, sodass er beim Schritt von der Rampe auf den ebenen Boden stolperte und beinahe stürzte. Er dachte an den Tod, in dieser Kluft zwischen dem Ansatz zu einem Schritt und seiner Vollendung, und am Ende stand er auf einer neuen Erde.

Um ihn herum herrschte Abend, weit und grau. Fernab am anderen Ende eines nebligen Felds brannten blaue Lichter, im Dunst verschwommen. Die Luft an seinem Gesicht und an seinen Händen, in seiner Nase, im Hals und in der Lunge war kühl, feucht, mild und von Düften gesättigt. Sie war nicht fremd. Es war die Luft der Welt, aus der sein Volk gekommen war, es war die Luft der Heimat.

Als er gestolpert war, hatte jemand seinen Arm umfasst. Lichter blitzten ihn an. Fotografen filmten die Szene für die Nachrichten: der erste Mann vom Mond, eine hochgewachsene, schmächtige Gestalt umgeben von Würdenträgern und Professoren und Sicherheitspersonal, das feine, zottelige Haupt hoch erhoben (so dass die Fotografen sämtliche Details einfangen konnten), als versuchte er über die Scheinwerfer hinweg in den Himmel zu schauen, den weiten dunstigen Himmel, der die Sterne verbarg, den Mond, alle anderen Welten. Journalisten versuchten, sich durch die Abriegelung der Polizisten zu zwängen: »Werden Sie eine Stellungnahme abgeben, Dr. Shevek, in diesem historischen Augenblick?« Sie wurden sofort zurückgedrängt. Die Männer um ihn herum trieben ihn vorwärts. Er wurde zu der wartenden Limousine geleitet, dank seiner Größe und der langen Haare und des seltsamen Ausdrucks von Leid und Wiedererkennen bis zuletzt ungemein fotogen.

*

Die Türme der Stadt ragten bis in den Nebel hinauf, gigantische Leitern aus verschwommenem Licht. Hoch oben fuhren Züge vorbei, helle, kreischende Striche. Die Straßen mit den dahinsausenden Autos und Trambahnen waren von massiven Mauern aus Stein und Glas gesäumt. Stein, Stahl, Glas, elektrisches Licht. Nirgends Gesichter.

»Dies ist Nio Esseia, Dr. Shevek. Aber man hat entschieden, dass es besser wäre, Sie zunächst von den städtischen Massen fernzuhalten. Wir fahren direkt weiter zur Universität.«

In dem dunklen, weich gepolsterten Inneren des Wagens saßen außer ihm fünf Männer. Sie zeigten ihm Sehenswürdigkeiten, aber er konnte in dem Nebel nicht erkennen, welches von den großen, undeutlich vorüberhuschenden Gebäuden das Oberste Gericht und welches das Nationalmuseum, welches der Regierungspalast und welches der Senat war. Sie überquerten einen Fluss oder einen Meeresarm; hinter ihnen auf dem dunklen Wasser zitterten millionenfach die nebelverschleierten Lichter von Nio Esseia. Die Straße wurde dunkler, der Nebel dichter, der Fahrer verringerte das Tempo. Das Licht der Scheinwerfer traf auf das vor ihnen liegende Grau wie auf eine Wand, die stetig vor ihnen zurückwich. Shevek saß ein wenig vorgebeugt und schaute hinaus. Sein Blick war so ungerichtet wie seine Gedanken, doch äußerlich wirkte er reserviert und ernst, und die anderen Männer unterhielten sich leise, um sein Schweigen nicht zu stören.

Was war das für eine dichtere Dunkelheit, die sich längs der Straße endlos hinzog? Waren das Bäume? Konnte es sein, dass sie, seitdem sie die Stadt verlassen hatten, zwischen Bäumen fuhren? Ihm fiel das jotische Wort ein: »Wald«. Sie würden nicht unvermittelt in der Wüste landen. Die Bäume setzten sich fort und fort, auf dem nächsten Berghang und dem nächsten und dem nächsten; in der angenehmen Kühle des Nebels standen sie, endlos, ein Wald, der die ganze Welt bedeckte, ein stilles, strebendes Zusammenspiel lebendiger Wesen, dunkles, nächtliches Laub in Bewegung. Und während Shevek noch staunend dasaß und die Limousine das neblige Flusstal verließ und in klarere Luft gelangte, blickte ihm aus der Dunkelheit unter dem Blattwerk am Straßenrand plötzlich ein Gesicht entgegen.

Es hatte keine Ähnlichkeit mit einem menschlichen Gesicht. Es war so lang wie sein Arm und gespenstisch weiß. Aus dem, was offenbar Nüstern waren, dampften Atemstöße, und da war unverkennbar ein Auge. Schauerlich. Ein großes, dunkles Auge. Traurig – vielleicht zynisch? – blitzte es im Scheinwerferlicht auf und verschwand.

»Was war das?«

»Ein Esel, oder?«

»Ein Tier?«

»Ja, ein Tier. Mein Gott, das stimmt ja! Sie haben keine großen Tiere auf Anarres, nicht wahr?«

»Esel sind mit Pferden verwandt«, sagte ein anderer Mann mit einer festen, älteren Stimme. »Das war ein Pferd. Esel werden nicht so groß.« Sie wollten mit ihm ins Gespräch kommen, doch Shevek hörte schon nicht mehr zu. Er dachte an Takver. Er fragte sich, was dieser tiefe, nüchterne, dunkle Blick aus dem Dunkel Takver bedeutet hätte. Sie hatte immer um die Gemeinschaft alles Lebendigen gewusst, sich an ihrer Verwandtschaft mit den Fischen in den Aquarien ihrer Labore erfreut und nach Möglichkeiten gesucht, Daseinsformen jenseits menschlicher Grenzen zu erforschen. Takver hätte den Blick aus der Dunkelheit unter den Bäumen zu erwidern gewusst.

»Vor uns liegt Jeu Eun. Dort werden Sie zahlreich erwartet, Dr. Shevek: der Präsident und einige Minister und der Kanzler natürlich, lauter hohe Tiere. Aber wenn Sie müde sind, werden wir die Höflichkeiten so rasch wie möglich hinter uns bringen.«

Die Höflichkeiten erstreckten sich über mehrere Stunden. Hinterher fehlte ihm jede klare Erinnerung daran. Er wurde aus dem kleinen dunklen Gehäuse des Autos in ein riesiges helles, ebenfalls geschlossenes Gehäuse voller Menschen geleitet – Hunderte von Menschen unter einer goldenen Decke, von der Kristalllüster hingen. Er wurde sämtlichen Menschen vorgestellt. Sie waren alle kleiner als er und kahl. Die wenigen anwesenden Frauen waren sogar auf dem Kopf kahl; nach einer Weile ging ihm auf, dass sie sich offenbar die Haare vollständig abrasierten, sowohl die sehr feine, weiche, kurze Körperbehaarung seiner Rasse als auch das Haupthaar. Zum Ausgleich jedoch trugen sie fabelhafte Kleidung, wunderschön geschnitten und in herrlichen Farben; die Frauen in bodenlangen Abendroben, die Brüste entblößt, die Taillen, Hälse und Häupter mit Geschmeide und Spitze und Tüll geschmückt; die Männer in Hosen und Jacken oder Kitteln in Rot, Blau, Violett, Gold und Grün, mit geschlitzten Ärmeln, aus denen lange Rüschen quollen, oder in langen Roben, karmesinrot oder dunkelgrün oder schwarz, die am Knie aufsprangen, so dass man die weißen, mit silbernen Bändern gehaltenen Strümpfe sah. Wieder kam Shevek ein jotisches Wort in den Sinn, eines, für das er nie einen Bezug gehabt hatte, obwohl ihm der Klang gefiel: »Pracht«. Diese Menschen entfalteten Pracht. Es wurden Reden gehalten. Der Senatspräsident des Staates A-Jo, ein Mann mit eigentümlichen, kalten Augen, brachte einen Toast aus: »Auf die neue Ära der Bruderschaft zwischen den Zwillingsplaneten und auf den Herold dieser neuen Ära, unseren sehr verehrten, hochwillkommenen Gast, Dr. Shevek von Anarres!« Der Kanzler der Universität unterhielt sich charmant mit ihm, der Kanzleramtsminister sprach ernst mit ihm, er wurde Botschaftern vorgestellt, Astronauten, Physikern, Politikern, Dutzenden von Menschen, die allesamt lange Titel und Ehrenbezeichnungen führten, vor ihren Namen wie dahinter. Sie redeten mit ihm, und er antwortete, aber hinterher hatte er keinerlei Erinnerung mehr an das, was gesagt worden war, am wenigsten von ihm selbst. Sehr spät am Abend fand er sich in einer kleinen Gruppe von Männern wieder, die im warmen Regen durch einen großen Park oder über eine Art Platz liefen. Unter seinen Füßen spürte er das Federn lebender Grashalme; er kannte es von Spaziergängen im Dreieckspark von Abbenay. Die lebhafte Erinnerung und die kühle, ganzkörperliche Berührung durch den Nachtwind machten ihn wach. Seine Seele kam aus dem Versteck.

Seine Begleiter führten ihn in ein Gebäude und ein Zimmer, das, wie sie ihm erklärten, »seines« sei.

Es war groß, etwa zehn Meter lang und offenbar ein Gemeinschaftsraum, da es weder Unterteilungen noch Schlafpodeste enthielt; die drei noch anwesenden Männer mussten seine Zimmergenossen sein. Es war ein sehr schöner Gemeinschaftsraum, dessen eine Wand aus einer Reihe von Fenstern bestand, jeweils abgesetzt durch eine schlanke Säule, die sich baumähnlich erhob und oben einen Doppelbogen bildete. Der Fußboden war mit karmesinrotem Teppich ausgelegt, und am Ende des Raums brannte in einer offenen Herdstelle ein Feuer. Shevek ging durch den Raum und stellte sich vor die Flammen. Er hatte noch nie erlebt, dass man Holz zum Heizen verbrannte, aber ihn wunderte nichts mehr. Er streckte die Hände der angenehmen Wärme entgegen und nahm auf einem Sitz aus blankem Marmor an der Feuerstelle Platz.

Der jüngste von den Männern, die mit ihm gekommen waren, setzte sich auf der anderen Seite der Feuerstelle zu ihm. Die anderen beiden unterhielten sich noch. Sie redeten über Physik, aber Shevek gab sich keine Mühe, ihrem Gespräch zu folgen. Der junge Mann sprach leise. »Ich frage mich, wie Sie sich wohl fühlen mögen, Dr. Shevek.«

Shevek streckte die Beine und beugte sich vor, um die Wärme des Feuers im Gesicht zu spüren. »Ich fühle mich schwer.«

»Schwer?«

»Vielleicht durch die Schwerkraft. Oder ich bin müde.«

Er sah sein Gegenüber an, doch im Schein der Flammen war das Gesicht nicht klar zu erkennen, sondern nur das Funkeln einer goldenen Kette und das tiefe Edelsteinrot seiner Robe.

»Ich kenne Ihren Namen nicht.«

»Saio Pae.«

»Ah, Pae, ja, ich kenne Ihre Artikel über Paradoxie.«

Er sprach langsam, versonnen.

»Es gibt hier bestimmt eine Bar. Professorenzimmer haben immer einen Getränkeschrank. Möchten Sie etwas trinken?«

»Wasser, ja.«

Der junge Mann kehrte mit einem Glas Wasser zurück, und die anderen beiden gesellten sich an der Feuerstelle zu ihnen. Shevek trank das Wasser mit großem Durst aus und betrachtete hinterher das Glas in seiner Hand, ein zerbrechliches, elegant geformtes Stück, dass den Feuerschein in seinem Goldrand spiegelte. Um sich spürte er die drei Männer, die Haltung, in der sie in seiner Nähe standen und saßen, beschützend, ehrerbietig, besitzergreifend.

Er blickte zu ihnen auf, in ein Gesicht nach dem anderen. Alle sahen ihn erwartungsvoll an. »Nun, da haben Sie mich«, sagte er. Und lächelte. »Da haben Sie Ihren Anarchisten. Was werden Sie mit ihm anstellen?«

>> Diese Leseprobe als PDF herunterladen

 

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Ursula K Le Guins - Freie Geister. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


Share:   Facebook