"Space Opera – Der metagalaktische Grand Prix" von Catherynne M. Valente

FISCHER TOR

Leseprobe: Space Opera – Der metagalaktische Grand Prix (Catherynne M. Valente)


Lest hier die ersten Seiten aus "Space Opera – Der metagalaktische Grand Prix" von Catherynne M. Valente. Der Roman erscheint am 24. April bei FISCHER Tor.

Darum geht's in »Space Opera – Der metagalaktische Grand Prix«: Vor knapp einem Jahrhundert hat sich die Galaxis entzweit – ein Krieg löschte beinahe sämtliches Leben aus. In der Folge erfand man eine gemeinschaftsbildende Tradition: etwas Schönes und Unterhaltsames, um den Frieden, die Liebe und das Leben zu feiern. Und so wurde der metagalaktische Grand Prix geboren, in dem alle empfindungsfähigen Zivilisationen friedlich gegeneinander antreten.

Seitdem muss jede neue Spezies, die Mitglied der kosmischen Gemeinschaft werden will, an der Show teilnehmen. Das Ganze ist ein Riesenspaß, das Problem ist nur: Auf dem letzten Platz wartet die völlige Vernichtung – und die Aliens haben ganz eigene Vorstellungen davon, wer für die Erde antreten soll …



*** Leseprobe ***

1 - BOOM BANG-A-BANG

Auf einem kleinen, wasserreichen, leicht erregbaren Planeten namens Erde, in einem kleinen, wasserreichen, leicht erregbaren Land namens Italien lebte einmal ein sanftmütiger, recht gutaussehender Gentleman namens Enrico Fermi, der in eine so überbehütende Familie hineingeboren worden war, dass er sich bemüßigt sah, die Atombombe zu erfinden. Fermi widmete sich der Entdeckung verschiedener, bisher als äußerst ungesellig verschriener Teilchen wie dem Plutonium, da er ganz unten in der atomaren Pralinenschachtel die leckersten Happen vermutete. Nebenbei fand er die Zeit, über etwas nachzudenken, was als das Fermi-Paradoxon in die Geschichte einging. Für den Fall, dass ihr diesem Gedankenspiel hier zum ersten Mal begegnet, sei es kurz erklärt: Wenn wir einmal davon ausgehen, dass es in der Galaxis Milliarden von Sternen gibt, die unserer guten alten, vertrauten und jeden Tag ihren Dienst tuenden Sonne gleichen, und dass einige davon ein paar Runden mehr gedreht haben als die große gelbe Lady und dass ein paar dieser Sterne Planeten haben, die unserem guten alten, vertrauten Wasserloch Erde gleichen, und dass, wenn auf diesen Planeten Leben möglich sein sollte, höchstwahrscheinlich irgendwann auch welches entsteht – dann müsste da draußen doch schon irgendjemand interstellare Reisemöglichkeiten erfunden haben, und das wiederum legt nahe, dass es, selbst wenn man diese Reisen mit der schnarchlangsamen Raketenantriebskraft aus den 1940er Jahren anträte, nur ein paar Millionen Jahre dauern dürfte, bis die ganze Milchstraße von den unterschiedlichsten Lebensformen besiedelt ist.

Also, wo sind sie denn alle?

Auf diese Frage, die Signore Fermi in seiner transgalaktischen Einsamkeit sehnsüchtig in den weiten Raum hinausrief, überlegte man sich verschiedene Antworten. Zu den beliebtesten gehört die Rare-Earth-Hypothese, die freundlich flüstert: Ganz ruhig, kleiner Enrico. Organisches Leben ist so komplex, dass selbst die einfachsten Algen ein unüberschaubares Maß an spezifischen Bedingungen benötigen, um sich auch nur zur simpelsten Ursuppe zusammenzufinden. Es geht nicht nur um planetare Gesteinsbrocken für Mineralienfans. Man braucht außerdem eine Magnetosphäre, einen Mond (aber nicht zu viele), ein paar Gasriesen zur Schwerkraftkontrolle, ein paar Van-Allen-Gürtel, eine ordentliche Portion Meteore und Gletscher und Plattentektonik – und selbst dann hat man ja noch nicht mal eine Atmosphäre oder Stickstoff im Boden oder ein, zwei, drei Ozeane. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass sich jedes einzelne der vielen Trilliarden Ereignisse, die auf der Erde zur Entstehung von Leben geführt haben, woanders noch einmal genauso vollzieht. Es war alles nur ein glücklicher Zufall, Schätzchen. Nenn es Schicksal, falls du romantisch veranlagt bist. Oder Glück. Oder Gott. Genieße den Kaffee in Italien, die Würstchen in Chicago und das ausgetrocknete Schinkensandwich im Los Alamos National Laboratory, denn besser wird es nicht. Mehr haben wir als hochentwickelte Luxuslebensform nicht zu erwarten.

Die Rare-Earth-Hypothese ist zwar gutgemeint, aber sie ist leider fürchterlich, spektakulär, haarsträubend falsch.

Das Leben ist nicht selten, es ist auch nicht wählerisch oder einzigartig, und Schicksal hat mit der ganzen Chose schon mal gar nichts zu tun. Um unser kleines, organisches Mini-Gokart in Bewegung zu bringen, reicht es, es einfach einen Abhang hinunterzuschubsen und dabei zuzusehen, wie der Motor anspringt. Das Leben will passieren. Es erträgt es gar nicht, nicht zu passieren. Die Evolution steht überall in den Startlöchern und hüpft von einem Bein aufs andere wie ein Kind in der Warteschlange vor der Achterbahn, das sich so doll auf die bunten Lichter, die laute Musik und die Loopings freut, dass es sich beinahe in die Hosen pinkelt. Und das Beste: Die Fahrt ist fast umsonst. Bewohnbare Planeten, freie Auswahl zum kleinen Preis! Und zu jeder Weltkugel kriegst du noch Flora und Fauna obendrauf! Sauerstoff! Kohlenstoff! Wasser! Stickstoff! Superpreise, alles muss raus! Greift zu!

Die intelligenten Spezies erscheinen dann quasi über Nacht, haben ruckzuck eine industrielle Zivilisation entwickelt und reiten so lange die Ultra-Zyklon-Krake, bis sie sich entweder totgekotzt haben oder Fluchtgeschwindigkeit erreichen und in ihren kleinen, bemalten Plastiksesseln hinaus in die unendlichen Weiten des Weltalls segeln.

Und wenn es erst mal so weit ist, heißt es: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Ja, Leben ist das genaue Gegenteil von »kostbar« und »selten«. Es ist überall, es ist nass und klebrig, und es hat ungefähr so viel Selbstbeherrschung wie ein unterzuckertes Kleinkind im Süßigkeitenladen. Das Leben wäre in all seiner unendlichen und intergalaktischen Vielfalt allerdings eine große Enttäuschung für den sanften Enrico Fermi gewesen, denn es ist äußerst, unglaublich und schrecklich dumm.

Es wäre vielleicht gar nicht so schlimm, wenn Biologie, Bewusstsein und Evolution lediglich nette Idioten wären, stümperhafte Enthusiasten mit einem ästhetischen Empfinden, das man bestenfalls als ausbaufähig und schlimmstenfalls als halluzinogene Zirkuskanone bezeichnen könnte, die einem einen Haufen Giftmüll mitten ins Gesicht schießt. Aber genau wie der schlanke Vater des Atomzeitalters mit seinem allmählich zurückgehenden Haaransatz haben auch sie im Laufe der Jahre viel zu viel positives Feedback bekommen. Sie glauben an sich selbst, egal, wie viel Gegenbeweise in den finsteren Ecken des Universums vor sich hin rotten. Das Leben ist der ultimative Narziss und liebt nichts mehr, als sich so richtig aufzuspielen. Und wenn man es auch nur auf das ekligste Fitzelchen Fungus auf der winzigsten Flocke getrockneter Kometenkotze losließe, die besoffen um den unterbelichtetsten Stern in der heruntergekommensten Ecke des ganzen Kosmos trudelt – in ein paar Milliarden Jahren hätten wir garantiert eine brodelnde Gesellschaft telekinetischer Pilzmenschen, die den Großen Pfifferling anbeten und in überaus geschmackvoll brünierten Raumschiffen die örtlichen Sehenswürdigkeiten abklappern. Oder man stelle sich ein lebensfeindliches, schwefeliges, silikathaltiges Lavaloch vor, das zwischen zwei schleimigen Sonnen Slalom fährt, dazu ein paar elende, aus der Hölle hochgerotzte, freilaufende Säurewolken und das Schwerkraftäquivalent eines unbehandelten Diabetes, ein Sternenfluch, der niemals gezwungen sein sollte, sich mit etwas so toxischem und leicht entflammbarem wie einer Zivilisation abzugeben – noch bevor man halt, stopp, aufhören, nicht! rufen könnte, würde es dort vor postkapitalistischen Glaskugeln wimmeln, die alle Ursula heißen und mit empfindungsfähigen Gasen gefüllt sind.

Ja, das Universum läuft geradezu über vor impulsivem, pickligem, prallem Leben.

Also noch mal: Wo sind sie denn alle?

Nun, eines Tage spazierte Enrico Fermi mit seinen Freunden Eddie und Herbert im Los Alamos National Laboratory zum Lunch, und sie unterhielten sich darüber, dass kürzlich so viele städtische Müllcontainer geklaut worden waren; das, so überlegten sie, seien doch bestimmt diese »Aliens« gewesen, von denen die besoffenen Landeier da drüben in Roswell dauernd schwafelten, Aliens, die sich auf ihrer Spritztour rund um die Erde so verantwortungsvoll verhielten wie ein Haufen auf Krawall gebürsteter Schulschwänzer mit Baseballschlägern und Langeweile. Und genau in diesem Moment, als die Wüstensonne so heiß und nah über ihren Köpfen brannte, dass Enrico froh war, schon in jungen Jahren ziemlich kahlgeworden zu sein, genau in diesem Moment, als er zum blauen Himmel emporblickte, der vor Leere funkelte, und sich fragte, warum er nur so schrecklich leer blieb, genau in diesem Moment waren dort oben alle völlig abgelenkt von der scheinbar unvermeidlichen, glühend existenzbedrohenden, totalen und vollkommenen Vernichtung durch einen allumfassenden galaktischen Krieg.

Das Leben ist schön, und das Leben ist dumm. Dies gilt weithin als universales und unanfechtbares Naturgesetz, gegen das man ebenso wenig aufbegehren kann wie gegen das Zweite Gesetz der Thermodynamik, die Heisenberg’sche Unschärferelation oder die Tatsache, dass sonntags keine Post kommt. Und solange man das im Kopf behält und dem einen nicht mehr Bedeutung beimisst als dem anderen, ist die Geschichte des Universums eine ziemlich simple Melodie mit Karaoke-Untertiteln und einer freundlich blinkenden Discokugel, die von Wort zu Wort hüpft und dafür sorgt, dass man nicht den Anschluss verliert.

Dieses Buch ist eben jene Discokugel.

Musik ab. Spotlight an.

Das sollte man über intergalaktische Bürgerkriege wissen: Sie funktionieren nach denselben Gesetzen wie der mit Gebrüll, Geschrei, Türenknallen, Tellerwerfen, Schluchzen und Heulen gewürzte Kleinkrieg jedes durchschnittlichen überspannten Paars. Es handelt sich dabei um eine Angelegenheit, die den direkt Beteiligten wahnsinnig wichtig ist, während sich alle Leute außerhalb der direkten Detonationszone lieber mit den wirklich entscheidenden Dingen des Lebens beschäftigen, beispielsweise damit, was es zum Mittagessen gibt. Niemand weiß genau, wie es eigentlich angefangen hat oder wessen Schuld es war, niemand nimmt Rücksicht darauf, dass die Nachbarn kein Auge zubekommen, weil man sich die ganze Nacht anbrüllt, und nur eines ist von wirklich fundamentaler Bedeutung, nämlich, das letzte Wort zu haben. Oh, angefangen hat es natürlich in aller Unschuld mit Kuschelnächten auf dem Sofa und gemeinsamen Entdeckungstouren zu allen möglichen feuchten und erregbaren Körperregionen. Aber dann wurde mal zwei Wochen lang die Wäsche nicht gemacht, und schließlich war nichts mehr übrig als Tränen und zornrote Gesichter und lautstarke Vorwürfe, respektive Laserkanonen, Singularitätsbomben und Ultimaten. Ob es nun heißt: »Ich will dich niemals wiedersehen, diesmal meine ich es ernst«, oder: »Wie jetzt, Sie haben den Heimatplaneten der Alunizar mit Verdampferminen beschossen, das ist ein Kriegsverbrechen, Sie Ungeheuer!«, macht keinen großen Unterschied – plötzlich stehen alle Beteiligten auf einem Haufen qualmender Trümmer, der früher einmal ihr Leben war, und fragen sich, ob sie jetzt wohl noch die Kaution zurückbekommen. So etwas passiert, wenn zu viel Persönlichkeit auf zu kleinem Raum eingepfercht wird.

Und der Raum ist immer zu klein.

Letztlich sind alle Kriege gleich. Wenn man sich durch die Schichten von Karamellpopcorn und Erdnüssen und tödlichem Ersticken und Verbrennen durchgearbeitet hat, stößt man irgendwann auf die eine, elementare Frage, die da lautet: Wer gilt als Person und wer als Fleisch?

Wir sind natürlich Personen, ist doch wohl klar. Aber ihr da? Man weiß es eben nicht so genau.

Auf Enrico Fermis kleinem, wasserreichem Planeten war man sich weitgehend darüber einig, dass Hühner beispielsweise keine Personen waren, ein Physiker aber schon. Dasselbe galt auf der einen Seite für Schafe, Moskitos, Salzwasserkrebse, Eichhörnchen, Möwen und so weiter und so fort und Klempner, Hausfrauen, Musiker, Kongressmitarbeiter und Innenarchitekten auf der anderen. Den Unterschied zu bestimmen war recht leicht (jedenfalls für den Physiker), da Salzwasserkrebse nicht besonders gesprächig sind, Eichhörnchen bisher keine großen Leistungen im technologischen oder mathematischen Bereich gezeigt haben und Möwen sich für gewöhnlich nicht um Vernunft oder Mitgefühl scheren. Delphine, Gorillas und Pharmareferenten wurden als Grenzfälle betrachtet. Im Großen und Ganzen schaffte es eigentlich nur der homo sapiens sapiens kollektiv in die Personengruppe, alle anderen mussten draußen bleiben. Allerdings waren bestimmte Mitglieder dieser Klade dann trotzdem schnell der Ansicht, dass beispielsweise Menschen mit sehr krausem Haar oder einer besonders großen Nase oder einer Vorliebe für stark gewürztes Essen oder Personen weiblichen Geschlechts oder einfach nur Leute, die ein besonders schönes, schattiges Stück Grasland am Fluss besaßen, auf derselben Ebene standen wie eine Möwe, obwohl sie einen Kopf und zwei Arme und Beine und keine Flügel besaßen, noch dazu einige Mathematikpreise gewonnen hatten und noch nicht einmal Fisch mochten. Und es war völlig in Ordnung, solche Personen ebenfalls auszubeuten, zu ignorieren oder sogar abzuschlachten. Fleisch eben.

Um Fleisch vergießt schließlich niemand eine Träne.

Wenn man sich vor Augen hält, dass dieser eine blaue Idiotenball schon solche Probleme dabei hatte, die Fleisch-Personen-Gleichung richtig zu lösen, kann man sich vorstellen, wie konsterniert das alunizarische Imperium auf die Entdeckung dieser ganzen Ursulas reagierte, die über ihren Lavahaufen schwebten, oder auf die Inaki, eine Spezies winziger, beinahe unsichtbarer parasitärer Glühwürmchen, die ein höheres Gruppenbewusstsein entwickeln konnten, vorausgesetzt, dass sich genug von ihnen in das warme, gelbgrüne Fleisch eines Lensari-Dickhäuters eingenistet hatten. Oder wie gründlich und existentiell verärgert diese telekinetischen, bereits die halbe Galaxis beherrschenden Seescheiden waren, als ihre Tiefseepioniere auf die Sziv stießen, eine Rasse enorm intelligenter rosa Algen, die ihren evolutionären Aufstieg in den Popcharts mit sporenbasierten Nanocomputern beschleunigt hatten und deren Sprache aus langen, schimmernden Schreien bestand, die bis zu vierzehn Stunden dauern konnten und Milchprodukte sofort zum Gerinnen brachten. Und mal ehrlich, wie konnte man so etwas wie den Hrodos ernst nehmen, wenn der Dreckskerl nichts weiter zu sein schien als ein besonders zorniger, durchgeknallter Hurrikan, der auf einem einzigen mageren Gasriesen vorkam, tausend Lichtjahre von der nächsten vernünftigen chemischen Reinigung entfernt?

Solche Geschöpfe konnten doch wirklich nicht als Person durchgehen. Ebenso wenig wie die Voorpret oder die Meleg oder die 321 oder die ganzen anderen lustigen Spezies, die die unerschrockenen Forscher zwischen den Sofakissen der Galaxis entdeckten. Sie sahen auch gar nicht wie Personen aus. Will heißen, nicht wie die Alunizar, jene weichen, leicht gewellten, wie aus geschmolzenem venezianischem Glas bestehenden Röhren, die in ihren eleganten, noppenartigen Kolonisationsraumschiffen durch die Dunkelheit schwebten. Und auch nicht wie die majestätischen Steinbürger der Utorak-Formation oder die glitzernden, verborgenen Mikro-Partikularien der Yüz, und ganz bestimmt nicht einmal annähernd wie die pelzgesichtigen, plüschschwänzigen, zeitreisenden Trunkenbolde der Keshet-Herrlichkeit, die eine unglaubliche Ähnlichkeit mit jenen Geschöpfen aufweisen, die Menschen Katzenbären nennen (und die tatsächlich weder mit Katzen noch mit Bären besonders viel zu tun haben, aber so ist das nun einmal mit Sprache). Diese neuen, primitiven Emporkömmlinge aus den galaktischen Randsystemen waren allesamt höchstens Fleisch. Bei ihnen handelte es sich um Flöhe und Schlamm und, bei den Meleg, um eine komische Bärenart, während die Voorpret nichts weiter als verderbliche, besonders ansteckende Viren waren, die über die verfaulenden Münder ihrer Wirtskörper gutgelaunte Wortspiele von sich gaben. Selbst die 321 – eine Gesellschaft aus zu Kraftausdrücken neigenden künstlichen Intelligenzen, die unbeabsichtigt von den Ursulas erfunden worden waren, die sie erst auf die Welt losgelassen, dann in Verruf gebracht und schließlich auf die Friedhofssatelliten des Udu-Clusters verbannt hatten – galten als Fleisch, wenn auch als ziemlich schwerverdauliches, da sie aus zäher, faseriger Mathematik bestanden. Umgekehrt wirkten die glibberigen Ausbuchtungen der Alunizar auf die Sziv einfach nur widerlich, während die 321 die riesenhaften, ungelenken Utorak für so gefährlich wie dämlich hielten.

Eigentlich stellten sich alle Seiten grundsätzlich nur eine Frage: Sollte man die anderen fressen, versklaven, ihnen aus dem Weg gehen, sie als Haustiere halten oder sie still und gründlich auslöschen? Sie hatten ja doch keine echte Intelligenz. Keine Transzendenz. Keine Seele. Nur die Fähigkeit, zu konsumieren, zu atmen, auszuscheiden, Unruhe zu verbreiten, sich fortzupflanzen, sowie das Talent, einen instinktiven, tief in den Genen verankerten Ekel in jenen großen Zivilisationen auszulösen, die sich für den Mittelpunkt der Galaxis hielten.

Aber das Fleisch hatte Raumschiffe. Es hatte Planeten. Und wenn man es ärgerte, dann ließ es ultraviolettes, apokalyptisches Höllenfeuer auf die eigenen hübschen, ordentlichen Monde regnen. Denn das Fleisch hielt sich selbst für empfindungsfähig, die großen und uralten Gesellschaften der Milchstraße hingegen für Abschaum.

Und so begannen die Empfindsamkeitskriege. Hunderttausend Welten entzweiten sich über die Frage, ob ein Hund mit am Tisch essen darf, nur weil er Algebra beherrscht, seine Toten betrauert und über den vierfachen Sonnenuntergang über einer magentafarbenen See Sonette schreibt, die Shakespeare dazu gebracht hätten, die Feder wegzuwerfen und so, wie sein Vater es sich immer gewünscht hatte, wieder als Handschuhmacher zu arbeiten. Und diese Kriege endeten erst ungefähr … Augenblick … genau einhundert Jahre vor kommendem Samstag.

Als alles getan, gesagt, erschossen, gezündet, verdampft, zusammengekehrt und weggeräumt war und alle Parteien sich ehrlich und unehrlich entschuldigt hatten, war denen, die noch aufrecht stehen konnten, klar, dass die Galaxis eine zweite Erschütterung dieser Art nicht überstehen würde. Es musste etwas geschehen. Etwas Verrücktes, Echtes und weithin Leuchtendes. Etwas, das all die verstreuten Welten zu einer Zivilisation zusammenschweißen würde. Etwas Bedeutendes. Etwas Erhebendes. Etwas Großes. Etwas Schönes und Dummes. Etwas, das auf schreckliche, großartige, phantastische und unzweifelhafte Weise ganz unbedingt ein Personending war.

Und jetzt aufgepasst: Augen auf die springende Discokugel, denn jetzt kommt der Refrain.

2 - RISE LIKE A PHOENIX

Auf einem kleinen, wasserreichen, leicht erregbaren Planeten namens Erde, in einem kleinen, wasserreichen Land namens England (in dem man viel Wert darauf legte, sich nie und nimmer über irgendwas zu sehr aufzuregen) lebte ein langbeiniger, psychedelischer, beidhändiger, omnisexueller, gendercooler, glitterpunkiger, finanziell völlig ahnungsloser, ethnisch ambitionierter Glamrock-Messias, der ursprünglich einmal auf den Namen Danesh Jalo hörte. Er war in eine große Familie hineingeboren worden, die sich so wenig umeinander kümmerte, dass man lange Zeit nicht einmal merkte, dass er an den Wochenenden gar nicht mehr nach Hause kam – bis seine Großmutter vor der U-Bahn-Station am Piccadilly Circus beinahe mit all ihren Einkaufstüten überfahren worden wäre, weil sie mit offenem Mund vor der riesigen Reklameleinwand erstarrt war: Sieben Meter hoch war dort ihr Danesh zu sehen, angetan mit einem Gewand, dessen Farbe ihrer nachmittäglichen Pernod-Dosis glich. Über seinem Gesicht, dessen Konturen mit Flitter auf Schwarzlicht gezeichnet waren, prangte in großen Buchstaben: Decibel Jones & The Absolute Zeros Live im Hippodrome: ausverkauft! Wie sich herausstellte, war Danesh während seines Cambridge-Studiums – Schwerpunkt Literatur des 19. Jahrhunderts – eines Tages nach der Mittagspause einfach nicht mehr an die Uni zurückgekehrt. Stattdessen hatte er die Restpostenkörbe der schäbigeren Londoner Ramschläden nach Strasssteinchen, Pailletten und grellem Lidschatten durchstöbert und mit Electrofunk-Glamgrind ein völlig neues Musikgenre aus der Taufe gehoben – um anschließend zum größten Rockstar der Welt zu werden.

Jedenfalls für ungefähr eine halbe Minute.

Das Lied ist so alt wie die Geschichte der Tonaufnahme, und ihr kennt es sicher schon. Es geht so: Wenn man davon ausgeht, dass es Milliarden von Menschen auf diesem Planeten gibt und dass eine ziemlich beunruhigende Menge davon Musiker sind, dass aber die Wahrscheinlichkeit, auch nur eine einzige Stromrechnung durch den kargen Einsatz von drei Akkorden und einem schlauen Text bezahlen zu können, selbstmordgefährdend gering ist und dass solche Musiker, wenn sie etwas Gutes zustande bringen können, es irgendwann auch tun werden, und wenn man dann noch die halsbrecherische Geschwindigkeit in Betracht zieht, mit der die digital vernetzte Weltbevölkerung in ihrer enormen Gier nach sofortigster Sofortbefriedigung Kulturgüter konsumiert, dann kann man davon ausgehen, dass der Auftritt als größter Rockstar der ganzen Welt in der Regel nur kurz sein wird. Auch wenn sich die kollektive irdische Aufmerksamkeitsspanne nur in primitivem Schneckentempo entwickelt, wird jeder erfolgreiche Frontmann früher oder später einmal auf dem Fußboden seiner Wohnung aufwachen, mit einer geologisch problematischen Frisur und einem Kater, so verzehrend wie ein schwarzes Loch, um sich die alte Frage zu stellen: Wo sind sie denn bloß alle?

Für das Problem des Karriereknicks in der Musikerlaufbahn gibt es eine Reihe von Lösungsansätzen: ein Comeback-Soloalbum, eine Reunion-Tour, die Lizenzierung früherer Superhits für Autowerbung, die öffentliche Läuterung in einer TV-Reality-Show, eine schockierende Autobiographie, die völlige Aufgabe der eigenen Würde und die damit verbundene Anmeldung für den Eurovision Song Contest, eine weniger großartige, aber dafür solidere Karriere als Komponist für die Soundtracks von Kinderfilmen, Konzentration auf die eigene Familie, Wohltätigkeitsaktionen, eine zerstörerische Heroinabhängigkeit, Schauspielerei, ein Sexskandal, öffentlicher Alkoholismus, der Wechsel ins Produzentenfach oder ein plötzlicher, gewaltsamer Tod.

Decibel Jones verließ den Planeten.

Das Leben als ätherischer Glamtrash-Satyr war nie leicht gewesen. Auch nicht besonders erholsam oder gesund. Aber Decibel Jones war nun mal genau dafür gemacht. Den mondbefeuerten, pyrotechnischen Buntglasorgasmus seiner Karriere so richtig in Schwung zu bringen war für ihn eine leichte Übung gewesen: Er war ganz einfach von einem zweitklassigen Pop-up-Nightclub in Shoreditch mit einer jungen Frau nach Hause gegangen, die zufällig wie eine Stop-Motion-animierte Halloweenhexe sang, und hatte am gleichen Abend noch einen Typen eingesammelt, dessen Haare in einem grellen Neon-Lavendelton gefärbt waren.

Rock will passieren. Er erträgt es nicht, nicht zu passieren.

Decibel Jones war bereit, sich ohne Atempause hemmungslos und abwechselnd seinen beiden zukünftigen Absolute Zeros zu widmen – Schlagzeugerin, Keyboard-Wiederholungstäterin und »Girlfraud« Mira Wonderful Star und dem Multiinstrumentalisten, Spezialisten für sofortige Bedürfnisbefriedigung und »Boyfrack« Oort St. Ultraviolet. Natürlich kam das nach dieser allerersten Nacht gar nicht mehr so oft wieder vor. Oort war eigentlich ziemlich straight und konzentrierte sich sowieso hauptsächlich auf seine Arbeit, Mira war größtenteils monogam und zynisch, und Decibel war die meiste Zeit nichts davon, es sei denn, dass er das Gefühl hatte, es könnte gut zu einem Paisleymantel passen. Aber sie kamen überein, zumindest für das Plattenlabel so zu tun, als seien sie eine orgiastische, musikalisch-erotische Android-Alien-Halbgott-Triade.

Als ihr Doppelplatin-Album Spacecrumpet erschien, lebten sie bereits den Traum elektrischer Schafe. Man konnte keinen Radiosender einschalten, ohne Decibel und Mira ihren Hit »Raggedy Dandy« shouten zu hören, donnernd begleitet von Oort, der Gitarre, Akkordeon, Cello, elektrischer Drehleier, Theremin und Moog-Synthesizer – Instrumente, die er, ergänzt um eine Tuba, später zum legendären Oortophone verschmolz. Die Ticketpreise schnellten hoch und höher. Neonbeleuchtete Hotelzimmer, freie Auswahl, im Dutzend billiger! Die verschiedensten Supportbands, mal attraktiv, mal bedrohlich, mal beides! Alkohol! Drogen! Kostüme! Spektakuläre Bühnenshows! Quizsendungen! Das unvermeidliche Weihnachtsalbum! Das große Ding! Chartstürmer! Ganz oben! Und natürlich Groupies ohne Ende. Decibel Jones & The Absolute Zeros starteten über Nacht durch, eroberten die Charts und ritten den Laserkometen-Glamasaurus-Rex ins Demolition-Derby, bis ihnen der Sprit ausging und die Flammen ihre Kraft verloren und die bunten Lichter wie heruntergebrannte Geburtstagskerzen verloschen.

Bis es irgendwann nicht mehr hieß: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.

Ja, Musik ist die Nahrung der Liebe, aber die Konzerne schnappten sich alles Ausgefallene und Kostbare, kauten es gut durch und spuckten es übers Tribünengeländer wieder aus, um sich den nächsten Happen zu schnappen. Es ist eine vorhersehbare Geschichte, kalt und deprimierend, als entstammte sie der vorwitzigen Vorstellungskraft eines Mannes, der allein an einer Bushaltestelle steht und dabei zusieht, wie der Regen eine auf der Straße liegende Papiertüte durchweicht. Aber leider ist genau das die Geschichte von Decibel Jones, jedenfalls bis zu einem ganz speziellen Donnerstag im April, und ihr vorhersehbares und ziemlich offensichtliches Ende hätte seine arme Oma mit ihren auf dem Piccadilly Circus verstreuten Zitronen, Butterpäckchen und Seitanschnitzeln schwer enttäuscht – sie kannte sich mit dem Musikgeschäft schließlich nicht so gut aus.

Aber eine ganze Weile drehten Decibel Jones & The Absolute Zeros so richtig auf. Selbst die zweitklassigste und ausgeleiertste Melodie, kombiniert mit dem drittklassigsten Text, den man noch nicht einmal bei einer alkoholgeschwängerten Open-Mic-Night hätte vortragen mögen, weil er klebrig süß wie ein halbgelutschter Himbeerlolly war, reichten Dess und Mira und Oort, um daraus über Nacht eine Glamgrind-Hymne zu schmieden, die perfekt die Verzweiflung der jungen, vom Londoner Immobilienmarkt versklavten Großstädter auf den Punkt brachte. Anschließend reicherten sie das Gebilde mit der desillusionierten futuro-kosmischen Hoffnung an, im Satinslip eine marsianische Modenschau zu rocken und dabei eine ganze Mülltonne billigen Portwein leer zu saufen – und dann sangen sie den Song ein wie der Geist Oscar Wildes, der frisch von einem Kometen gestreift Sterne schnupfte wie Kokain. Für die anschließende Präsentation reichte ihnen eine feindliche, leere Bühne mit einer Beleuchtung, für die sich jedes Dokudrama geschämt hätte, einem Raumklang, der an einen verfaulenden Zombie erinnerte, und einem Zuschauerraum, in dem sich mehr Zigarettenkippen als Publikum befanden. Bevor man halt, stopp, nein, warum? hätte rufen können, wurde aus dieser Halle ein neuer Planet, und es wimmelte vor überwältigenden, post-postmodernen, geisterhaft heruntergekommenen Trendgestalten, erfüllt vom unerträglichen, existentiellen Horror aller unbezahlten Dauerpraktikanten, aufgestauter erotischer Bedürfnisse und der Verlockung einer beinahe unendlichen Versorgung mit billigem Bier.

Es wäre alles gar nicht so schlimm gewesen, wenn Decibel und Mira und Oort wirklich nur die charmanten Dandys gewesen wären, die sie zu sein vorgaben. Enthusiasten, die einfach ein bisschen herumprobierten, sich im Notfall auf ihr solides Handwerk verließen, und die dabei einer Ästhetik huldigten, die man, wie der Guardian es prompt auch tat, als »unaufhörlich explodierende Karneval-trifft-Bollywood-Traumsequenz« hätte bezeichnen können, die noch dazu drohte, »jeden Augenblick von einem verstümmelten französischen Clown umgeworfen zu werden oder hinter dem textlichen Äquivalent einer Zuckerwattebude zärtlichen Sex mit einem außerirdischen Paradepferd zu haben«. Andere, wie beispielsweise der New Musical Express, sprachen von »einer unverständlichen und erniedrigenden, radioaktiven Bukkake-Show verschiedenster Genres und Stilrichtungen, während der Gesang an einen Pfauen erinnert, der endlos in die heulende Leere kotzt, ohne dabei eine einzige erinnerungswürdige Note, echte Innovation oder auch nur eine bruchteilsekundenkurze Berührung mit dem Konzept der Kunst hervorzubringen. Aber man kann dazu tanzen. Wenn man genügend Selbsthass mitbringt.«

Es wäre alles nicht so schlimm geworden, wenn Spacecrumpet ihnen nicht als Raumschiff zu jedem nur erdenklichen Wunschplaneten hätte dienen können. Oder wenn Mira nicht gleich mit Überschall auf die Heroinreise zur völligen Dysfunktionalität abgebogen wäre. Oder wenn Decibel es nicht mit der Schauspielerei versucht hätte. Oder wenn Oort ein bisschen mehr über die wirtschaftlichen Grundlagen der Studioarbeit gewusst hätte. Oder wenn ihre unermüdliche Managerin, die gute alte und so verdammt brillante Lila Poole nicht so verdammt brillant darin gewesen wäre, ihnen in jeder Stadt zu jeder Zeit jedes Bedürfnis zu erfüllen und ihnen bereitwillig die jeweils favorisierten chemischen Vergnügungen in die Koffer zu packen, wie eine wohlmeinende Mutti, die ihren Kindern ein Pausenbrot für die Schule mitgibt. Oder wenn der Nachfolger von Spacecrumpet, eine als Konzeptalbum getarnte Kakophonie mit dem Titel The Vibro-Tragical Adventures of Ultraponce nicht Kritiken erhalten hätte wie »konfus« (wieder der Guardian), »gehört gesetzlich verboten« (Spin), »reicht nicht einmal zum Parfümieren von Bowies hinterster Sockenschublade« (Mojo) und »so offenkundig verwirrt von der eigenen Existenz, dass es in geziertem Entsetzen vor dem eigenen Spiegelbild zurückweicht, sich dann selbst einen Kinnhaken versetzt und sich gleichzeitig mit einer Reihe so übler Schmähausdrücke aus dem 19. Jahrhundert bedenkt, dass man sie sich nicht abzudrucken traut« (der New Yorker). Oder wenn Oort nicht die nette Hotelmanagerin geschwängert hätte. Oder wenn die Welt nicht so bitter und böse geworden wäre, dass sie von einer Bande Dandys in Glitter und Glitzer nichts mehr hätte hören wollen.

Oder wenn Mira Wonderful Star nach diesem einen schrecklichen Abend in Edinburgh, als sie bei einem Festival vor halbvollem Haus gespielt hatten, nicht vorgeschlagen hätte, aus steuerlichen Gründen zu heiraten, und Decibel Jones dann nicht gelacht hätte.

Oder wenn Miras Onkel nicht, als sie noch jünger war und sich über die Irrungen und Wirrungen ihres Teenagerlebens aufregte, mit ihr stundenlang über die Landstraßen gecruist wäre, vorbei an sanften Hügeln, Trockensteinmauern und blöde guckenden Schafen, die garantiert noch nie von jemandem zurückgewiesen oder bei einer Prüfung durchgefallen oder wegen Verstößen gegen die Schuluniformetikette nach Hause geschickt worden waren, weil es angeblich keine anerkannte katholische Heilige mit rosa Haaren gab. Jedes Mal waren sie gefahren und gefahren, bis die Sitzheizung und das Rumpeln der Schlaglöcher unter ihrem Hintern Mira beruhigt hatten wie der rhythmische Schlag einer Trommel und sie darüber vergaß, was Schreckliches geschehen war. Seitdem hatte sie sich angewöhnt, ins nächste Auto zu springen und auf die nächste unbeleuchtete Straße hinauszuschießen, sobald wieder irgendeine emotionale Verletzung drohte.

Oder wenn Lila Poole die Schlüssel für den gemieteten Transporter nicht oben auf der schlecht bestückten Minibar hätte liegenlassen.

Oder wenn ein gewisser Vorstadtdachs nicht gerade eine hässliche Auseinandersetzung mit seinen Jungtieren gehabt und sich so sehr über die schlechten Angewohnheiten und den schrecklichen Geschmack der jungen Dachse von heute geärgert hätte, die keinen Respekt für die Rechte und Privilegien ihrer Elterngeneration hatten, dass er schlechtgelaunt vor sich hin grantelnd auf die Autobahn Richtung Stirling marschiert wäre.

Oder wenn Mira nicht so viel Respekt für die Rechte und Privilegien aller Lebewesen gehabt hätte, dass sie auswich, statt die Zahl pelziger Verkehrsopfer in Großbritannien weiter zu erhöhen, und mit der Windschutzscheibe voran in ein schottisches Moor krachte, das sich fürchterlich darüber erschreckte.

Oder wenn ein Reporter nicht gefragt hätte, wann sie sich einen neuen Drummer suchen würden, obwohl noch kein Monat seit dem Unfall vergangen war. Wenn Decibel dem Kerl nicht die Nase und den Wangenknochen gebrochen hätte. Wenn der Reporter nicht für ein Schmierenblatt gearbeitet hätte, das genug gelangweilte Rechtsanwälte beschäftigte, um einen Buckelwal zu ersticken.

Aber ganz wie die schlanken, silbrigen Bomben des postatomaren Zeitalters explodierten Decibel Jones & The Absolute Zeros zu schnell, zu wild und zu heftig. Aus dem »wenn nicht« wurde ein »als dann«, und irgendwann gab es keine Ausweichmöglichkeiten mehr, sondern nur noch ein »Augen zu und durch«. Weder Decibel noch Oort noch die arme, tote Mira hatten eine Vorstellung davon gehabt, mit welcher Kraft das ganz normale Leben über ihr episches Werk hinwegwalzen würde. Sie hatten sich nie die Mühe gemacht, die Abrechnungen ihrer Plattenfirma zu überprüfen. Sie waren sich immer einig gewesen, dass frühestens morgen der Tag gekommen war, an dem sie aufhören wollten, sich wie Kinder auf der Kirmes zu benehmen, um ihr Leben auf die Reihe zu bekommen, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren und wie Erwachsene abzurocken. Sie dachten, schwer sei nur der große Durchbruch, und danach ginge alles wie von selbst. Nie hatten sie die gnadenlose Algebra der Zahl drei berücksichtigt, die ganz anders war als die schlichte Arithmetik von zwei oder eins. Und sie hatten nicht mit der Verkommenheit junger Hochlanddachse gerechnet, die ihren geduldigen Alttieren endlich einmal richtig zeigen wollten, wo der Hammer hing.

Vor allem aber hatten sie wirklich geglaubt, dass der Zauber, den sie erschaffen hatten, sie vor der räuberischen Welt beschützen würde, egal, wie viele Gegenbeweise sich in den staubigen Ecken von Secondhand-Plattenläden stapelten. Aber trotz aller Wenns und Abers blieb Decibel Jones stets eine kosmische Konstante. Er konnte einfach nicht anders. Es war ihm ebenso wenig möglich, sich einen grauen Flanellanzug anzuziehen und sein ganzes Wesen zu verleugnen, wie er die Zeit hätte zurückdrehen können, um Mira in die Arme zu schließen und ihr die Geborgenheit zu geben, die sie brauchte.

Das Leben ist schön. Und das Leben ist dumm.

Ja, Decibel Jones war bis in die Haarspitzen durchdrungen von reuelosem, selbstzündendem, ausgewachsenem, stadionerschütterndem Glam. Selbst in dem Zustand, in dem ihn unsere freundliche, hüpfende Discokugel aufspürte, fünfzehn Jahre und drei erfolglose Soloalben später, schnarchend auf dem Rücken liegend und gefangen in einem immer wiederkehrenden Traum von Sexskorpionen aus Buntglas, bis auf den letzten Platz ausverkauften Stadien, Miettransportern aus Marshmallows, Daunenkissen und dem Zeug, das sich im Innern von Flugschreibern befindet. Selbst so, ausgestreckt auf dem mit Tee- und Keimflecken versifften Boden einer unmöblierten Mansardenwohnung mit dem Bad auf dem Flur, verströmte er noch immer Glam, ganze Flüsse glitzernder Tränen und von grell geschminktem Schweiß, und der Sabber, der aus seinem Mund rann, hätte beinahe von selbst aufstehen und einen F-Akkord anschlagen können.

Also, wo steckten sie denn nur alle?

Als Decibel Jones nach einer langen Nacht erwachte, in der er so getan hatte, als sei er immer noch zwanzig, und sich mit gesetzten Menschen mittleren Alters unterhalten hatte, die ihn großartig gefunden hatten, als sie noch zur Schule gingen, und in der er über die jüngste Welle schmollend dreinblickender junger Popstars diskutiert hatte und die Vermutung äußerte, diese »Aliens«, von denen besoffene Farmer in Cornwall ständig schwadronierten, seien bestimmt hier, weil sie ein besseres Leben suchten, in dem sie nicht ständig von fremden Mächten bombardiert wurden – gerade in diesem Augenblick, als die Morgensonne so ekelhaft grell schien und so wenig Rücksicht auf persönliche Rückzugsräume nahm, dass Decibel ausnahmsweise einmal froh darüber war, sich nur eine Wohnung mit winzigem Fenster leisten zu können, in diesem Augenblick, als er seine Augen öffnete, um sich einer Lebensmitte voller Leere zu stellen und sich zu fragen, wie es denn überhaupt so leer sein konnte, in diesem Augenblick war die gesamte Menschheit immer noch ganz und gar mit ihren scheinbar endlosen, weißglühenden, existentiellen, logistischen, größtenteils völlig banalen Alltagssorgen beschäftigt.

Sollen wir jetzt aufhören? Ist die Botschaft schon angekommen?

Die Geschichte der Galaxis ist die Geschichte einer einzelnen in ihr lebenden Person. Eine Coverversion, überproduziert, remastered, die Lautstärke aufgedreht bis auf Level elf und weiter, immer weiter bis ins Unendliche.

Oder zumindest ist es die Geschichte von Decibel Jones und der plötzlichen und aufsehenerregenden Eroberung der Erde durch die Weltraumflamingos.

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Catherynne M. Valente - Space Opera – Der metagalaktische Grand Prix. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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