Mark Lawrence - Schattenkämpfer – Das dritte Buch des Ahnen

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Schattenkämpfer – Das dritte Buch des Ahnen | Mark Lawrence


Lest hier die ersten Seiten aus "Schattenkämpfer – Das dritte Buch des Ahnen"  von Mark Lawrence. Der Roman erscheint am 24. Juni bei FISCHER Tor.

Darum geht's in "Schattenkämpfer – Das dritte Buch des Ahnen": Das Eis rückt näher und mit ihm der Krieg. Vor den Toren des Klosters brennen die ersten Ortschaften und Nona weiß nicht, ob sie den Tag ihrer Ordination noch erleben wird. Sie will das Schicksal des Reiches in die eigene Hand nehmen und braucht dafür vier mächtige Artefakte. Doch die haben ihren Preis.

*** Leseprobe ***

Was bisher geschah

Für diejenigen, die schon eine Weile auf dieses Buch warten mussten, fasse ich an dieser Stelle kurz die Handlung zusammen, damit sie ihre Erinnerungen auffrischen können und mir die Peinlichkeit erspart bleibt, meine Figuren einander Dinge erzählen zu lassen, die sie doch längst wissen. Hier erwähne ich nur, was wichtig für die weitere Handlung ist.

Abeth ist ein Planet, der um eine sterbende rote Sonne kreist. Er ist von Eis bedeckt, und der Großteil seiner Bewohner lebt in einer fünfzig Meilen breiten, von Eiswänden umschlossenen Schneise entlang des Äquators. Ein künstlicher Mond, ein gewaltiger Spiegel, bündelt nachts die Sonnenstrahlen und hält die Schneise mit seinem wandernden Brennpunkt frei von Eis.

Als die vier ursprünglichen Stämme der Menschheit vor Jahrtausenden von den Sternen nach Abeth kamen, stießen sie auf Ruinen unbekannter Ureinwohner, die sie »die Verschwundenen« nannten.

Das Reich grenzt im Osten an das Land Sgidgrol und im Westen an die Marnsee. Jenseits des Meeres herrschen die Durnen. Am Ende des zweiten Buchs sammeln sich Horden der Sgidgrol unter ihrer Kriegerkönigin Adoma auf ihrer Seite des Gebirgszugs, der die Kampflinien trennt.

Von ihrem Palast in den Bergen aus befehligt Sherzal, eine der zwei Kaiserschwestern, die Verteidigung gegen die Sgidgrol. Eigentlich wollte sie den Kaiser verraten und den Streitkräften der Königin Adoma freien Zug durch den Prachtpass gewähren. Vereinbart war das Zusammenführen des Schiffsherzens der Noi-Guin und des aus dem Konvent zur süßen Gnade gestohlenen Herzens mit den beiden Herzen, die Adoma besitzt, weil sich alten Schriften zufolge mit vier Schiffsherzen die Lade öffnen lässt. Die Lade befindet sich unter dem Kaiserpalast und ist entweder von den Verschwundenen oder den ersten Menschen errichtet worden. Angeblich kann man mit ihr den Brennmond steuern.

Die Schiffsherzen, deren Ursprung umstritten ist, haben einst vermutlich die Schiffe angetrieben, mit denen die Stämme der Menschen nach Abeth gekommen sind. Je näher Magiebegabte einer solchen Kugel kommen, desto stärker werden ihre Fähigkeiten. Bei zu großer Annäherung jedoch nimmt der Verstand Schaden. Dann spalten sich unerwünschte Persönlichkeitsbestandteile wie Zorn, Gier oder Boshaftigkeit zu vernunftbegabten Fragmenten ab, die als Teufel bezeichnet werden und versuchen, auf das Handeln der Person Einfluss zu nehmen.

Während die Sonne erlischt, rückt das Eis trotz der nächtlichen Wärme des Brennmonds langsam vor. In der schrumpfenden Schneise richten die Nationen ihren begehrlichen Blick auf das Territorium der Nachbarstaaten.

Die Adelsschicht des Reiches sind die Sis. Diese Endung wird an die Namen der Familien angehängt, wenn sie in den Adelsstand erhoben werden, also Tacsis, Jotsis usw.

Die vier ursprünglichen Stämme, die nach Abeth kamen, waren die Geranten, Hunska, Marjal und Quantale. Ihr Blut zeigt sich gelegentlich in der heutigen Bevölkerung und verleiht besondere Kräfte. Die Geranten sind von hohem Wuchs, die Hunska unfassbar flink, die Marjal können alle möglichen kleinen bis mittleren Zauber wirken, darunter Schattenweben, Sigillenschreiben und das Beherrschen der Elemente. Die Quantale können auf die rohe Kraft des Pfades zugreifen und die Fäden des Seins manipulieren, aus deren Geflecht die Realität hervorgeht.

Nona Grey stammt aus einem namenlosen Dorf in der Provinz. Sie wurde dem Kindersammler Giljohn überlassen, der sie an die Caltess-Kampfhalle verkaufte, wo Ringkämpfer trainiert werden und in Wettkämpfen gegeneinander antreten müssen. Schließlich landete sie im Konvent zur süßen Gnade, wo Novizinnen dazu ausgebildet werden, dem Ahnen zu dienen. Novizinnen treten in einen von vier Nonnenständen ein: Heiligschwester (religiöse Pflichten), Rotschwester / Kampfschwester (ausgebildet im Nahkampf), Grauschwester / Schwester der Verschwiegenheit (ausgebildet in Töten und Tarnen), Heilighexe / Mystikschwester (ausgebildet im Pfadwandeln).

Nona hat sich als Dreiblut erwiesen, ein unglaublich seltenes Vorkommnis. Sie besitzt Hunska-, Marjal- und Quantalfähigkeiten. Seit der Einnahme eines gefährlichen Gegengifts sind ihre Augen vollständig schwarz. Sie besitzt keinen Schatten mehr, da sie ihn während ihres Kampfes gegen Yisht abgetrennt hat.

Yisht ist eine Frau der Eisstämme und steht in den Diensten der Kaiserschwester Sherzal. Yisht stahl das Schiffsherz des Konvents und tötete Nonas Freundin Hessa.

Nona zog sich den Hass von Lano Tacsis zu, weil sie erst seinen Bruder tötete und später seinen Vater, Baron Thuran Tacsis, gefesselt unter seinem eigenen Folterinstrument zurückließ.

Joeli Namsis ist die Tochter eines Barons mit engen Verbindungen zur Familie Tacsis. Sie versteht sich auf das Fadenwerk der Quantale und kennt sich mit Giften aus. Im Konvent hat sie sich zu Nonas Feindin entwickelt.

Während des Kampfes um das Schiffsherz wurde Nona von ihrer Freundin und Mitnovizin Klera Ghomal verraten. Zu Nonas verbliebenen Freundinnen zählen die Novizinnen Ara, Zole, Ruli und Jula. Arabella Jotsis stammt aus einer mächtigen Familie und ist ein seltenes Zweiblut; in ihr vereinen sich Hunska- und Quantalfähigkeiten. Ruli besitzt niedere Marjalfähigkeiten. Jula ist eine kleine Gelehrte und möchte einmal Heiligschwester werden.

Von Nonas Freundinnen ist noch Zole zu erwähnen. Das Mädchen der Eisstämme kam auf Sherzals Geheiß zum Konvent und diente unwissentlich als Ablenkungsmanöver für den Diebstahl des Schiffsherzens. Sie ist das einzige bekannte Vierblut, in dem sich sämtliche Fähigkeiten der ursprünglichen Stämme vereinen.

Dem Konvent zur süßen Gnade stand Äbtissin Glas vor, eine Frau, deren Verbindungen innerhalb und außerhalb der Kirche weiter reichen, als gemeinhin angenommen wird.

Oberschwestern des Konvents sind Schwester Rad und Schwester Rose. Rad unterrichtet das Fach Geist, Rose leitet das Sanatorium. Andere wichtige Lehrerinnen sind Schwester Talg (Unterrichtsfach Klinge), Schwester Tiegel (Pfad) und Schwester Apfel (Schatten). Schwester Kessel ist eine Grauschwester des Konvents. Sie und Apfel sind ein Paar.

Es gibt vier Klassen bzw. Ausbildungsstufen der Novizinnen auf dem Weg zu den Nonnenweihen: Rote Klasse, Graue Klasse, Mystische Klasse und Heilige Klasse. Zum Ende des zweiten Buches ist Nona in der Mystischen Klasse.

Novizinnen nehmen neue Namen an, wenn sie als Nonnen ordiniert werden. Nona wird dann Schwester Käfig sein und Ara Schwester Dorn.

Das zweite Buch endet damit, wie die inzwischen rund fünfzehn Jahre alte Nona aus Sherzals Palast flieht und von Soldaten verfolgt wird. Freundinnen und Freunde begleiten sie, darunter Zole, Ara, Regol, Äbtissin Glas und Schwester Kessel sowie einige andere Überlebende. Zole stahl das Schiffsherz der Noi-Guin aus dem Hauptquartier der Assassinen unter dem Palast. Klera half Nona bei der Flucht, kehrte aber in Sherzals Dienste zurück. Nonas Feindin aus dem Konvent, die Novizin Joeli Namsis, befindet sich noch immer im Palast; ihretwegen musste Nonas Freundin Darla sterben. Nona und ihre Gefährten befinden sich weit vom Konvent entfernt in den Bergen an der Grenze zu Sgidgrol. Die Geschichte beginnt nicht mit dieser Szene, wird aber rasch dorthin zurückkehren.

Prolog

 

Das Brüllen einer Menge dringt wie etwas Lebendiges in uns ein, das in unserer Brust dröhnt und sich seine Antwort unerlaubt von unseren Lippen holt. Der Druck der Leiber überschwemmt die Dämme, und unbemerkt wird aus den vielen eins, dieselbe Emotion sickert aus der Haut verschiedener Menschen, derselbe Gedanke hallt in hundert Schädeln wider oder in tausend. Für einen Marjalempathen kann so eine Erfahrung schrecklich und schön zugleich sein, weil sie seine Macht vergrößert und es ihm erleichtert, in den Verstand der Leute um ihn herum einzudringen. Doch genauso gut könnte er sich in diesem Sturm des menschlichen Seins verlieren, aus seinem Körper herausgerissen werden und nie mehr zurückfinden.

Markus sah zu, wie dem geschlagenen Kämpfer unter dem Johlen und Schimpfen der Menge aus dem Ring geholfen wurde. Der Sieger stolzierte noch immer im erhöhten Kampfrund umher, die Arme hochgereckt, Ströme von Schweiß auf den Rippen. Die Zuschauer jedoch verloren bereits das Interesse an ihm, wandten sich mit Spekulationen, Beobachtungen oder Scherzen ihren Nachbarn zu, setzten rasch bei den Wetthändlern das nächste Geld oder füllten am Tresen in der gegenüberliegenden Ecke ihre Becher mit Wein.

Der hinter den Seilen bereitstehende Gerantkämpfer ragte bedrohliche zwei Meter siebzig empor, und Markus bezweifelte, dass er je einen größeren Mann gesehen hatte. Der Kämpfer war noch jung, Anfang zwanzig vielleicht, die Knochen schwer, die Muskeln aderndurchzogene Massen. Er musterte die Welt aus blassen Augen unter einem Dickicht kurzer roter Haare.

In der Caltess waren die Gerantenwettkämpfe am beliebtesten. Der Anblick riesenhafter Kämpfer, die aneinander ihre Kräfte maßen, zog noch jedes Mal Unmengen an, und an Abenden mit offenem Ring sah das Volk von Verity liebend gern dabei zu, wie sich diese Kraft gegen glücklose Herausforderer richtete. Kämpfe zwischen Hunska zogen erfahrenere Zuschauer an, überforderten die Mehrheit jedoch durch ihre Schnelligkeit. Gemischte Kämpfe kamen selten vor, doch wusste der Wettstreit zwischen Flinkheit und Stärke stets zu faszinieren.

Aus dem blutrünstigen Geschiebe am Ring löste sich ein Herausforderer. Ein imposant gebauter Mann, dessen Kopf und Schultern aus der dichten Menge ragten. Unter normalen Umständen wäre Markus von seiner Statur beeindruckt gewesen und hätte bei einem Kampf gegen drei beliebige Kneipenschläger auf ihn gesetzt.

Geflüster und Spekulation breiteten sich durch die Halle aus. Der Mann war ein Flüchtling aus der Hafenstadt Ren, die von den Durnen erobert worden war. Er hatte sich in Grubenkämpfen in den Froststädten der nördlichen Grenzlande einen Namen gemacht.

»Fünf Sovereigns, dass er keine Runde gegen Denam durchhält.« Hinter Markus bot jemand eine private Wette an.

Das Brüllen, als der Neuankömmling in den Ring stieg, übertönte weitere Gespräche. Markus war noch nie in der großen Halle der Caltess gewesen, er hatte nur vor Jahren einmal stundenlang zusammen mit den anderen Kindern aus Giljohns Käfig auf dem Gelände warten müssen. Der Kindersammler hatte jedoch nie die Absicht gehabt, ihn an Partnis Reeve zu verkaufen. Er hatte sein Marjalblut gewittert und ihn lieber für besseres Geld woandershin verkauft. Die große Halle hatte in jener längst vergangenen Nacht still und dunkel dagestanden, und während die Schatten dem Morgen wichen, hatte der junge Markus bibbernd die Arme um sich geschlungen und wäre nie auf die Idee gekommen, dass er eines Tages in ihrem Inneren stehen und Teil einer schwitzenden, schiebenden Masse sein würde, die nach Blut gierte.

Markus stand zwar zum ersten Mal vor den Ringen, doch von Denam hatte er bereits gehört. Trotz seiner jungen Jahre war er der Champion der Gerantenkämpfer und berühmt für seine Gnadenlosigkeit. An einem Abend mit offenem Ring hatte er oft nicht mehr zu tun, als das Meer mürrischer Gesichter finster anzustarren. Wenn er seinen Platz dann einem anderen Kämpfer überließ, weil niemand seine Herausforderung annehmen wollte, fand die Menge ihren Mut wieder.

»Milos aus Ren«, verkündete der Kampfmeister.

Milos hob bestätigend den Arm und ging in seine Ecke, um auf die Glocke zu warten.

In dem Gebrüll hörte Markus das Signal nicht, doch die beiden Männer näherten sich einander, Milos klein gegen Denam. Das Gerantvollblut behielt die Hände unten und überließ Milos den ersten Schlag. Es war wie der Hieb gegen einen Baumstamm. Denams Kopf ruckte leicht nach links. Milos drosch ihm beidhändig über die andere Gesichtshälfte, und Denams Kopf wurde nach rechts geworfen. Denam wandte den Blick wieder seinem Gegner zu und grinste mit blutigen Zähnen. Milos schien nicht zu begreifen. Er sah auf seine Fäuste hinab, als hätten sie ihren Dienst verweigert.

Denam fegte ihm die Arme beiseite und verpasste ihm eine Ohrfeige. Blutstropfen flogen Milos vom Mund weg, und er stolperte wie betrunken. Denam ergriff ihn mit beiden Pranken, eine um den Hals gekrallt, die andere um seinen Schenkel, und hob ihn vier Meter über die Bretter empor, bevor er ihn mit Macht nach unten warf, Gesicht voran.

Milos stand nicht wieder auf. Als sie ihn unter den Seilen hindurchzogen, eilte ein Lehrling herbei und streute Sand über die rote Schmierspur.

Markus glaubte nicht als Einziger, dass Denam für den Abend fertig war, doch der Strom der Menge deutete darauf hin, dass ein weiterer Herausforderer nach vorn kam. Der Neuankömmling tauchte aus der Menge auf und stieg auf das Podest. Von hinten sah Markus nur einen dunklen Umhang und schwarzes Haar. Dieser Herausforderer war sogar noch kleiner als Milos, kaum mehr als eins achtzig groß und deutlich leichter gebaut. Die Zuschauer dämpften vor Verblüffung die Stimmen.

»Hunska?«, kam ein Flüstern.

»Blödsinn!«, kam die Antwort.

Der Herausforderer war vielleicht kein Riese, dennoch waren Hunska nie so groß oder breitschultrig. Denam fixierte den Neuankömmling mit einem so mörderischen Starrblick, dass Markus’ Fluchtinstinkte erwachten. Als Empath war er es gewohnt, in den Strömungen fremder Emotionen zu schwimmen, doch der Zorn des Ringkämpfers floss schneller und tiefer als alles, was Markus je empfunden hatte, und drohte jeden Moment seine Sinne zu überwältigen.

Der Herausforderer duckte sich zwischen den Seilen hindurch.

»Betrunken«, spekulierte jemand.

Markus versuchte sich vorzustellen, wie betrunken jemand sein musste, um so einen Kampf für eine gute Idee zu halten. Sturzbetrunken wahrscheinlich. Nur hatten seine Bewegungen nichts Alkoholisiertes.

Auch das letzte Flüstern verstummte noch, als der Umhang des Herausforderers aus dem Ring flatterte. Die Frau trug wie die anderen Ringkämpferinnen nur ein weißes Lendentuch und um die Brust ein fest gewickeltes weißes Stoffband. Ihre blasse Haut stand in scharfem Kontrast zu Denams gerötetem Gesicht.

Der Kampfmeister näherte sich nicht, um den Namen der Herausforderin zu erfahren. Stattdessen hob er die Stimme: »Nona vom Konvent.«

Nona reckte als Antwort auf das Brüllen der Menge nicht den Arm, sondern drehte sich langsam um die eigene Achse, und als der Blick ihrer vollständig schwarzen Augen ihn streifte, wusste Markus, dass sie ihn gesehen hatte.

»Kämpft!«

Denam näherte sich langsam der Novizin, deckte Kehle und Augen mit den Fäusten, ein Fuß voran, um den Schritt zu schützen. Markus musterte Nona eindringlich und versuchte, in ihr etwas von dem jungen Mädchen wiederzufinden, das er damals in jenen Wochen in Giljohns Käfig kennengelernt hatte. Sie war zwei Jahre jünger als er, musste jetzt also ungefähr siebzehn sein, sah jedoch von Kopf bis Fuß nach Frau aus. Lange Gliedmaßen, schlank, athletisch gebaut, jeder Muskel zu einem harten Relief herausgemeißelt, der Bauch flach über den hervorstehenden Hüftknochen. Trotz aller Angst um sie konnte Markus nicht leugnen, dass sie seinen Blick auch aus Gründen fesselte, die sich für einen heiligen Bruder nicht gehörten.

Nona griff selbstbewusst und ohne Zögern an und hämmerte Denam fünf oder sechs Schläge unterhalb der Rippen in die linke Seite, schnell wie ein Specht, der auf einen Baum einhackte. Sie legte ihr ganzes Körpergewicht dahinter. Denam lachte nur und schwang eine Hand nach der Novizin. Sie wich ihm mit Leichtigkeit aus und landete drei oder vier weitere Hiebe an derselben Stelle.

So hart sie offensichtlich auch zuschlug, Markus konnte nicht sagen, woher sie ihre Hoffnung auf einen Sieg nahm. Die Muskeln lagen mehrere Fingerbreit dick um Denams Knochen, die vermutlich gebaut waren wie bei einem Zugpferd. Ebenso gut hätte sie versuchen können, einen Bären mit Boxhieben zu unterwerfen.

Denam ging in die Offensive, und obwohl er über Nonas Bemühungen zu lachen versuchte, war ihm sein Hass auf sie anzusehen. Nona wich nicht zurück. Die Menge hielt den Atem an. Denam holte mit einem Arm aus, der breiter schien als Markus’ Brust. Die Faust, mit der er nach Nona hieb, war so groß wie ihr Kopf.

Sie bekam den Schlag ins Gesicht, ihr Kopf flog nach rechts. Der nächste ließ ihren Kopf nach links fliegen. Markus konnte sich vorstellen, dass diese Fäuste einen Schädel zerschmetterten, Wangenknochen pulverisierten, ein Genick brachen …

Nona sah zu dem riesenhaften Kämpfer nach oben und lächelte ohne einen Tropfen Blut an den Zähnen. Denam wirkte fassungslos, die Menge brüllte vor Staunen. Magie? Aber Markus hatte keinen Zauber gespürt, nicht das leiseste Knistern. Er konnte es sich lediglich damit erklären, dass sie den Kopf mitbewegt und nur einen leichten Kontakt der Fäuste zugelassen hatte.

Wieder feuerte Nona binnen ein, zwei Herzschlägen ein halbes Dutzend Hiebe auf dieselbe Stelle unter Denams Rippen ab. Sie sprang nach hinten, duckte sich unter einem Schwinger weg, kam in derselben Bewegung wieder hoch, versetzte ihrem Ziel einen Tritt, wich einem zweiten Schwinger aus und trat aus der Drehung wieder gegen dieselbe Stelle.

Denam kam auf sie zu, und sein Brüllen übertönte die Menge. Während er sich voranschob, schonte er seine linke Seite. Ein Kleinigkeit, die sich leicht übersehen ließ. Nona warf sich rückwärts in die Seile, prallte ab und landete im Flug einen Tritt, genau unterhalb seiner Rippen.

So ging der Kampf eine ganze Weile weiter, und Denams Angriffe streiften Nonas helle Haut immer nur fast, erwischten sie nie richtig. Nona platzierte ein Dutzend Hiebe und Tritte, vielleicht auch zwei Dutzend. Denams Wut wuchs, er fauchte und spuckte, brüllte Drohungen und Versprechen. Doch inzwischen beugte er sich über seine verletzte Seite und schützte die lädierten unteren Rippen mit dem Ellbogen. Er stützte sich auf den Eckpfosten, holte Luft.

»Na komm, Großer.« Nonas erste Worte in diesem Kampf.

Sie zündeten wie ein Funke im Blitzpulver. Denam warf sich mit einem Aufschrei nach vorn. Nona duckte sich unter seinen ausgestreckten Armen hindurch, rollte zwischen seinen Beinen durch die Öffnung, die entstanden war, weil Zorn über Vorsicht siegte, und trieb ihm mit aller Flinkheit und Kraft, die sie besaß, die Ferse ins Gemächt.

Denam tat noch zwei große Schritte, bevor er begriff, dass Nona sich nicht länger vor ihm befand, und einen weiteren, bevor mit Wucht die Schmerzen kamen. Die Beine des Geranten verweigerten jedweden Befehl und warfen ihn auf die Bretter, wo er sich zusammenrollte und von der Welt nichts mehr mitbekam.

Nona sprang auf, Zähne gebleckt, kampfbereit. Nun, da sich der schreckliche Ansturm von Denams Hass in seiner wortlosen Qual verlor, spürte Markus Nonas Gefühle und ertappte sich dabei, wie er vor der rohen, tierhaften Aggression zurückwich, die sie ausstrahlte. Etwas Vergleichbares hatte er erlebt, als er einmal versehentlich unter die Zuschauer der Hundekämpfe außerhalb der Altstadt geraten war. Damals hatte sich eine blutbesudelte Dogge in der Kehle eines anderen Jagdhundes verbissen und dieselbe explosive Brutalität ausgedünstet wie jetzt die Novizin. Markus rechnete jeden Moment damit, dass Nona sich auf ihre Beute stürzte und Denam die Augen ausstach oder das Gesicht zu Brei trat. Stattdessen jedoch zog sie all die Emotion binnen fünf Atemzügen wieder in sich hinein, bis Markus davon in der allgemeinen Aufregung nichts mehr erspüren konnte. Dieses Einkapseln des Zorns beeindruckte ihn mehr als alles andere an diesem Abend.

Nona ignorierte die Jubelrufe und den Kampfmeister, der sie befragen oder belohnen wollte, schwang sich über die Seile und hinunter in die Menge. Kurz darauf stand sie bei Markus, kraftvoll, schweißdurchtränkt, lebendig, ihre fremdartigen schwarzen Augen auf seiner Höhe.

»Du bist gekommen«, sagte sie.

Markus zuckte die Schultern. »Du hast mich gebeten.«

 

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Aus dem Englischen übersetzt von Frank Böhmert

Unverkäufliche Leseprobe aus: Mark Lawrence - Schattenkämpfer – Das dritte Buch des Ahnen. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

 

 

 


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