"Perry Rhodan - Das größte Abenteuer" von Andreas Eschbach

FISCHER TOR

Leseprobe: Perry Rhodan - Das größte Abenteuer (Andreas Eschbach)


Am 27. Februar erscheint "Perry Rhodan - Das größte Abenteuer" von Andreas Eschbach. Lest hier jetzt schon die ersten Seiten aus unserem Science-Fiction-Highlight des kommenden Jahres!

Darum geht's in »Perry Rhodan - Das größte Abenteuer«: Cape Kennedy, 1971: Nach dem katastrophalen Scheitern der Apollo-Missionen unternehmen die Amerikaner einen letzten verzweifelten Versuch, das Rennen zum Mond zu gewinnen. Der Name des Raumschiffs: Stardust. Der Name des Kommandanten: Perry Rhodan.

Mit diesem bahnbrechenden Ereignis startete die Science-Fiction-Serie Perry Rhodan. Und wurde zur erfolgreichsten Fortsetzungsgeschichte der Welt. Doch erst jetzt erfahren die zahlreichen Fans, wie alles wirklich begann: Perry Rhodans Jugend, seine politischen Eskapaden, seine Abenteuer als Testpilot und die geheime Geschichte der bemannten Weltraumfahrt – eine phantastische Enthüllungsstory. 

*** Leseprobe ***

DAS GRÖSSTE ABENTEUER (I)

1

Das größte Abenteuer der irdischen Menschheit begann am 4. Oktober 1957 alter Zeitrechnung. An jenem Tag gelang es Menschen zum ersten Mal, einen Satelliten in eine Umlaufbahn um die Erde zu befördern.

Dieser Satellit hieß Sputnik 1.

Viele Menschen wissen das heute immer noch – was erstaunlich ist, liegt dieses Ereignis doch fast so lange zurück wie aus damaliger Sicht der Bau der Pyramiden.

Um jedoch wirklich zu verstehen, welch eine Zeitenwende dies bedeutete, genügt es nicht, nur einen Namen zu kennen. Man braucht auch eine Vorstellung davon, wie die Erde zu jener Zeit ausgesehen hat, welche politischen und gesellschaftlichen Strukturen das Leben und das Denken der Menschen des 20. Jahrhunderts prägten. Das vorliegende Werk muss in der Tat auf ein gewisses historisches Vorwissen seiner geneigten Leserschaft hoffen: Es gilt, sich zurückzuversetzen in eine Zeit, in der auf der Erde mehr als tausend verschiedene Sprachen gesprochen wurden. Es gilt, sich vorstellen zu können, wie Menschen ernsthaft glaubten, sie seien allein im Universum. Es gilt, sich hineinzudenken in eine Welt, die zersplittert war in weit über hundert große und kleine, schwache und mächtige Staaten, die in vielfältiger Weise untereinander konkurrierten.

Das ging beileibe nicht immer friedlich vor sich, im Gegenteil. Man stritt um Ressourcen, man stritt um Einflussgebiete, man stritt über weltanschauliche Fragen – und nicht selten arteten derartige Streitereien in bewaffnete Konflikte aus.

Tatsächlich hatte die Menschheit des Jahres 1957 gerade zwei erbitterte Kriege hinter sich. Die Frontlinien dieser Kriege waren erstmals überall auf dem Globus verlaufen, weswegen man sie die Weltkriege nannte. In deren Folge hatten sich zwei Machtblöcke entwickelt, nämlich der Westen und der Osten, die einander nun argwöhnisch belauerten. Und der Zweite Weltkrieg war mit Nuklearwaffen beendet worden: Man darf sich dieses Belauern also durchaus als höchst bedrohlich vorstellen.

Das war die Situation, als am 4. Oktober 1957 um 19 Uhr 28 Minuten und 34 Sekunden damaliger Standardzeit eine 30 Meter hohe und 267 Tonnen schwere Verbrennungsrakete startete. Sie tat dies in der Nähe von Baikonur, einer Stadt im südlichen Kasachstan, zweihundert Kilometer westlich des Aralsees. Damals gehörte dieses Gebiet zu einem Staatenbund namens Sowjetunion, der die zentrale Rolle im Osten spielte. Die Nutzlast der Rakete bestand in einer 58 Zentimeter durchmessenden Kugel aus Aluminium, die vier Antennen trug, von denen jede rund zweieinhalb Meter lang war.

Der Start erfolgte ohne jegliche Ankündigung. Erst als feststand, dass das Vorhaben geglückt war, gab man bekannt, dass nun erstmals ein von Menschen geschaffener Satellit die Erde umkreiste, der unablässig Funksignale von sich gab.

Für die Führung der westlichen Zentralmacht, der auf dem amerikanischen Nordkontinent angesiedelten Vereinigten Staaten von Amerika, auch USA genannt, kam diese Nachricht völlig überraschend. Und sie war ein Schock. Denn: Wer einen Satelliten in eine Erdumlaufbahn schießen konnte, die jeden Punkt der Erdoberfläche überquerte, der konnte auch eine Bombe an jeden Punkt der Erdoberfläche befördern. Der Osten hatte damit einen Vorsprung, von dem sich der Westen existentiell bedroht fühlte.

Nach außen hin gab man sich in Washington, der Hauptstadt der USA, gelassen. Hinter geschlossenen Türen jedoch diskutierten Politiker, Militärs und Wissenschaftler überaus hitzig. Was sollte man tun? Was konnte man tun?

Rund fünfhundert Kilometer weiter nordöstlich, in der Stadt Manchester im amerikanischen Bundesstaat Connecticut, war zur gleichen Zeit ein junger Mann von 21 Jahren damit beschäftigt, Bauteile aus dem Elektrogeschäft seines Vaters zusammenzulöten. Er versuchte, einen Empfänger zu basteln, mit dem sich die Signale des Sputnik auffangen ließen.

Zu jenem Zeitpunkt hätte niemand ahnen können, dass dieser junge Mann in diesem Wettlauf ins All noch eine überaus bedeutende Rolle spielen sollte, am allerwenigsten er selbst. Sein Name war Perry Rhodan.

2

Etwas mehr als 13 Jahre später, am Abend des 21. Juli 1971, schob sich eine dunkle, nach viel Geld und Macht aussehende Limousine durch eine aufgebrachte Menschenmenge im Herzen von Washington, D.C., der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika. Es handelte sich um einen Lincoln Continental Mark III mit getönten Scheiben, auf dessen Vordersitzen zwei bewaffnete Männer des Secret Service Ausschau nach möglichen Gefahren hielten, die ihren Schutzbefohlenen auf dem Rücksitz drohen mochten: Dort saßen Jake und Mary Rhodan, hielten einander an den Händen und konnten nicht fassen, was um sie herum geschah. Es war schon ein Schock gewesen, als Präsident Nixon sie angerufen und – durchaus freundlich – gebeten hatte, ins Weiße Haus zu kommen, aber was sie nun zu sehen bekamen, übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen. Rings um das Auto prügelten sich Menschen – Amerikaner wie sie! –, wobei die einen Schilder trugen, auf denen »Eine Welt – jetzt!« stand, »Nie wieder Krieg!« und dergleichen, die anderen aber Schilder mit Aufschriften wie »Rhodan – Verräter!« und »Mondfahrer an den Galgen!«.

»O Jake«, flüsterte Mary Tibo Rhodan, die Hand ihres Mannes umklammernd wie einen Rettungsring. »Was haben wir nur falsch gemacht?«

Jake Rhodan war nicht der Mann, der je auf solche Fragen mit billigen Trostworten reagiert hätte. Er dachte vielmehr gründlich darüber nach, ließ alles, was geschehen war, vor seinem geistigen Auge Revue passieren und erklärte schließlich: »Ich glaub nicht, dass wir was falsch gemacht haben. Es ist was falsch gelaufen, das wohl schon – aber uns trifft daran keine Schuld.«

Zwei ineinander verkeilte Streithähne prallten krachend gegen das Auto, brachten die tonnenschwere Limousine zum Schaukeln. Eine Tafel mit einem großen Konterfei von Jake Rhodans Sohn, über das jemand eine Zielscheibe gemalt hatte, klebte am Fenster und rutschte quälend langsam abwärts.

»Und Perry auch nicht«, fügte Jake unbeirrt hinzu.

Je näher sie dem Weißen Haus kamen, desto mehr berittene Polizisten patrouillierten. Die Dämmerung brach an. Hier und da hielten Demonstranten brennende Fackeln in Händen, was die ganze Szenerie noch unheimlicher wirken ließ.

Endlich erreichte der Wagen die Zufahrt zum Sitz des Präsidenten. Hunde schnüffelten den Wagen ab. Ausweise wurden vorgezeigt. Durch die offenen Fenster drang das Geschrei der Randale herein und eine Wärme, wie man sie zu dieser späten Stunde nicht gewohnt war, wenn man aus Connecticut kam.

Endlich ein Wink, der Wagen rollte weiter, nur ein paar Schritte bis zum Seiteneingang, dann öffnete man ihnen den Wagenschlag und ließ sie, von mehreren Soldaten abgeschirmt, aussteigen. Eine nervöse Frau in einem teuren Kostüm und mit großen, für Mary Rhodans Augen bestürzend echt aussehenden Perlenohrringen empfing sie, bedankte sich, dass sie es hatten einrichten können, und beteuerte, wie leid es ihr tue, dass heute alles drunter und drüber gehe; sie hätten es ja sicher mitbekommen, die Chinesen mit ihrem Ultimatum, sehr beunruhigend das alles. »Aber der Präsident will Sie beide unbedingt kennenlernen«, bekräftigte sie, »sobald er Gelegenheit dazu findet. Es ist nur gerade unklar, wann das sein wird.«

»Well«, erwiderte Jake Rhodan gelassen, »wir haben heute Abend jedenfalls nichts anderes mehr vor.«

Man führte sie durch die überraschend schmalen Flure und Gänge des Weißen Hauses und wollte sie gerade in einen kleinen Raum komplimentieren, in dem Getränke und ein Büfett mit Häppchen bereitstanden, als ein untersetzter Mann mit dichtem, lockigem Haar und einer dicken schwarzen Hornbrille auftauchte und zu der Frau mit den Perlenohrringen sagte: »Bringen Sie sie gleich runter in die Schutzräume. Wir sind gerade auf DEFCON 1 gegangen. Bis in einer halben Stunde muss das ganze Haus evakuiert und gesichert sein.«

»Oh my goodness«, stieß die Frau hervor.

Jake Rhodan, der einen Moment gebraucht hatte, um in dem Mann Sicherheitsberater Henry Kissinger zu erkennen, fragte: »Können wir vielleicht mal erfahren, was eigentlich los ist?«

Kissinger, schon auf dem Sprung weiter den Flur hinab, blieb stehen und sah ihn an. »Sie sind der Vater, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Jake.

»Dann beglückwünschen Sie sich mal zu Ihrem Sohn. Wie es aussieht, ist er gerade dabei, den dritten Weltkrieg auszulösen.«

3

Ich saß an jenem Tag in London im Gefängnis, und zwar in Her Majestys Prison Pentonville im Bezirk Borough of Islington.

Während sich in Amerika der 21. Juli 1971 seinem Ende zuneigte, waren in London schon die frühen Morgenstunden des 22. angebrochen. Wie an jedem Tag hatte man uns um halb fünf Uhr geweckt. Nach zehn Minuten, um seine Notdurft zu verrichten, sich ein wenig Wasser ins Gesicht zu spritzen und sein Bett zu machen, hieß es wie stets: antreten, sich beim Durchzählen laut und vernehmlich zu Gehör bringen und anschließend in die Kantine marschieren, wo uns das gute englische Gefängnisfrühstück erwartete, bestehend aus faden weißen Bohnen in wässriger Tomatensoße, kaltem, hartem Speck, Würstchen, in denen alles Mögliche enthalten sein mochte, nur kein Fleisch, labberiger Toast und ein Spülwasser von Kaffee.

Nur dass uns das alles an diesem Morgen nicht erwartete. Als wir in den Speisesaal kamen, lag die Essensausgabe leer und dunkel da, stattdessen lief der Fernsehapparat, der, geschützt durch ein stabiles Gitter, hoch oben in einer Ecke des Raums hing, und die ganze Küchenmannschaft stand einträchtig versammelt davor.

Besagter Fernsehapparat wurde äußerst selten eingeschaltet, im Grunde nur, wenn wichtige Endspiele im Fußball oder Rugby stattfanden. Solche Übertragungen wurden stets lange vorher angekündigt; wer sich nicht benahm, musste damit rechnen, davon ausgeschlossen zu werden – und der Apparat war noch nie morgens gelaufen.

Das hieß: Irgendetwas noch nie Dagewesenes war passiert oder im Begriff zu geschehen.

Eine atemlose Anspannung lag in der Luft. Niemand kam auf die Idee, wegen des Frühstücks zu randalieren, nicht einmal die ganz harten Burschen, die sonst keinen Anlass vermieden, sich zu streiten. Frühstück war irgendwie gerade völlig unwichtig; das schien jeder zu begreifen, ohne dass es eines Wortes bedurft hätte.

Neben mir hörte ich einen meiner Mitinsassen, den alle nur Crazy Bruce nannten, flüstern: »Der Mond. Ich hab’s euch immer gesagt, der Mond ist unser Unglück!«

Niemand antwortete ihm. Wir gingen alle einfach weiter, durch die Reihen der Stühle und Tische bis nach vorn, wo sich alle unter dem Fernseher versammelten, Insassen und Küchenleute und Wärter, Schulter an Schulter stehend, alle Blicke auf den Bildschirm gerichtet. Dort verlas gerade ein BBC-Sprecher einen Bericht, die laufenden Ultimaten der Atommächte betreffend, und man konnte sehen, dass seine Hände zitterten.

Crazy Bruce hatte recht, es ging immer noch um die amerikanische Mondrakete und die Krise, die diese ausgelöst hatte, als sie bei ihrer Rückkehr nicht in den USA gelandet war, sondern in China, im hintersten Winkel der Wüste Gobi. Zuerst hatte es geheißen, es sei eine Notlandung gewesen, doch inzwischen sah es eher so aus, als sei das SOS der Mondfahrer nur eine Finte gewesen – doch aus welchem Grund?

Die USA warfen China vor, die Rakete illegal an sich gebracht zu haben. Was China entschieden bestritt.

China warf den USA vor, mit Hilfe ihrer Rakete einen illegalen Stützpunkt auf ihrem Territorium errichtet zu haben. Das wiederum bestritten die USA entschieden.

Ich merkte auf, als der Uhrzeiger, wie jeden Morgen, mit einem unverkennbaren, lauten Klack! auf fünf Uhr sprang.

Im selben Moment ließ der Sprecher seine Papiere sinken, legte eine Hand an den Knopf, den er im Ohr trug, und sagte: »Ladies and gentlemen, gerade erreicht uns die Nachricht, dass die Volksrepublik China wie angedroht ihre gegen die USA gerichteten Atomraketen in Marsch gesetzt haben soll.« Er lauschte einen Moment, dann fuhr er fort: »Es handelt sich dabei allerdings nur um bislang unbestätigte Gerüchte. Ich rufe unseren Korrespondenten Philip Coyle in Amerika – Philip, wissen Sie Genaueres?«

Das Bild eines pausbäckigen Mannes wurde eingeblendet. Die Telefonverbindung war nicht besonders gut.

»Hallo, Jim. Ich stehe hier zusammen mit etwa hundert Kriegsgegnern an einem Ort außerhalb von Washington, DC, von dem es heißt, dass hier einige der amerikanischen Atomraketen stationiert seien. Man sieht davon nichts, nur mit Maschenzaun und Stacheldraht umzäunte Wiesen, aber die Menschen hier harren seit Tagen mit Zelten und Plakaten –«

Der Rest des Satzes ging in vielstimmigem Entsetzensgeschrei unter. Als man die Stimme des Korrespondenten wieder hören konnte, sprach er deutlich hastiger und aufgeregter. »… werden Augenzeugen, wie sich hier überall gewaltige Metalldeckel aus dem Erdreich heben, die offenbar bislang die Siloschächte der Raketen verschlossen haben. Das heißt wohl, dass nun so etwas wie höchste Alarmbereitschaft herrscht, wenngleich natürlich zu hoffen ist, dass es nicht zum Äußersten –«

Dann brach ein Höllenlärm los, ein ohrenbetäubendes Krachen, das kein Ende zu nehmen schien. Ich sah unwillkürlich zur Wanduhr, doch die zeigte erst drei Minuten nach fünf Uhr, und ich weiß noch, wie ich dachte: Schlechter kann ein Tag ja wohl kaum anfangen.

Endlich ließ das Tosen und Dröhnen nach, und man hörte den Reporter rufen: »London? Die Raketen sind gestartet … Keine Ahnung, ob ihr mich hört, ich bin taub, ich höre mich selber nicht mehr, aber wir sehen noch die Triebwerke am Nachthimmel, dünne Lichtstreifen, die sich rasch entfernen … das Unausdenkbare, es ist geschehen … die Atomraketen sind gestartet!«

»Danke, Philip Coyle.«

Der Sprecher, kreidebleich im Gesicht, legte seine Unterlagen beiseite, wandte sich der Kamera zu und faltete die Hände. »Gott sei uns allen gnädig. Das ist das Ende der Welt.«

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