Philip Reeve: Mortal Engines - Jagd durchs Eis

FISCHER TOR

Leseprobe: Mortal Engines - Jagd durchs Eis (Philip Reeve)


Lest hier die ersten Seiten von »Mortal Engines - Jagd durchs Eis«, Band 2 der epischer Fantasyserie um die fahrenden Städte von Philip Reeve.

Was bisher geschah: Eine der gefährlichsten Städte in den Großen Jagdgründen ist London, prächtig anzusehen und voller stolzer, furchtloser Bewohner – bis ein Attentat die Dinge aus dem Gleichgewicht bringt. Als das Mädchen mit dem Tuch vor dem Gesicht ein Messer zückt, um den Obersten Historiker Londons, Thaddeus Valentine, umzubringen, kann ihm der junge Gehilfe Tom in letzter Sekunde das Leben retten. Er verfolgt das Mädchen, das jedoch durch einen Entsorgungsschacht in die Außenlande entkommt. Dass Valentine, statt seinem Retter zu danken, den Jungen gleich mit hinausstößt, konnte ebenfalls beim besten Willen keiner ahnen …

 

*** Leseprobe ***

Frostkalter Norden

Freya erwachte früh. Sie blieb im Dunkeln liegen und spürte das Vibrieren und Schwanken ihrer Stadt, die von starken Motoren getrieben über den Eisschild glitt. Träge wartete sie, dass die Dienstmägde ihr aus dem Bett helfen würden, und erinnerte sich erst nach einer Weile: Die Dienstmägde waren alle tot.

Sie stand auf, schaltete die Argonlampen ein und watete durch staubige Haufen getragener Kleider in ihr Bad. Seit Wochen nahm sie sich vor, zu duschen, aber auch heute schreckten die komplizierten Armaturen in der Kabine sie wieder ab. Es gelang ihr einfach nicht, warmes Wasser herauszubekommen. Schließlich füllte sie wie üblich nur das Waschbecken und benetzte sich Gesicht und Hals. Es gab noch ein Stückchen Seife, also rieb sie sich welche ins Haar und tauchte den Kopf ins Becken. Ihre Badzofen hätten Shampoos und Lotionen, Cremes, Spülungen und dergleichen wohlriechende Mixturen angewendet, aber sie waren alle tot, und die vielen Regale voller bunter Flaschen im begehbaren Badezimmerschrank machten Freya nervös. Die Auswahl war so groß, dass sie es vorzog, gar nicht zu wählen.

Immerhin schaffte sie es inzwischen, sich selbständig anzuziehen. Dazu las sie eins der zerknitterten Kleider vom Boden auf, legte es auf ihr Bett und wühlte sich vom Rocksaum her hinein, kämpfte sich nach oben durch und zappelte, bis Kopf und Arme in den richtigen Öffnungen steckten. Die lange, pelzgefütterte Weste war weniger kompliziert, nur die Knöpfe bereiteten Freya Mühe. Ihre Kammerzofen hatten ihre Kleidung immer so flink und so problemlos zugeknöpft, hatten dabei gelacht und geplaudert und kein einziges Mal das falsche Loch erwischt, aber die Kammerzofen waren alle tot.

Freya fluchte, zerrte und nestelte eine gute Viertelstunde, dann besah sie das Ergebnis im spinnwebgrauen Spiegel. Nicht übel, fand sie, für ihre Verhältnisse zumindest. Ein wenig Schmuck würde sicher nicht schaden. Doch im Schmuckzimmer musste sie feststellen, dass die meisten schönen Stücke verschwunden waren. Alles Mögliche verschwand heutzutage. Freya begriff gar nicht, wohin. Im Grunde brauchte sie aber kein Diadem in ihrem strähnigen, seifigen Haar und keine Bernstein-Goldkette um den schmuddeligen Hals. Mama hätte es sicher nicht gutgeheißen, wenn sie sich ohne Schmuck präsentierte, aber auch Mama war nun einmal tot.

In den leeren, stillen Fluren des Palasts lag der Staub wie frisch gefallener Schnee. Freya klingelte nach einem Lakaien und stellte sich ans Fenster. Draußen fiel graues arktisches Dämmerlicht auf die vereisten Dächer ihrer Stadt. Im Boden war das Stampfen der Kolben und Räder im Maschinenviertel zu spüren, doch sonst wies nichts darauf hin, dass sie vorwärtskamen, denn die Stadt fuhr durchs Hocheis, durch den nördlichsten Norden, wo es keine Orientierungspunkte gab – nur eine makellos weiße Ebene, die das Morgenlicht silbrig schimmernd spiegelte.

Der Lakai kam und strich sich im Gehen die gepuderte Perücke glatt.

»Guten Morgen, Smew«, sagte Freya.

»Guten Morgen, Eure Lumineszenz.«

Einen Moment lang spürte sie das überwältigende Bedürfnis, Smew in ihre Gemächer zu bitten, damit er etwas gegen den Staub unternähme, gegen die ungewaschenen Kleider, den fehlenden Schmuck, und damit er ihr die Dusche erklärte. Aber Smew war ein Mann, und dass ein Mann die Privatgemächer der Margrabina betrat, wäre ein undenkbarer Traditionsbruch gewesen. Also sagte sie, was sie jeden Morgen sagte: »Du darfst mich in den Frühstückssaal geleiten, Smew.«

Auf der Fahrstuhlfahrt nach unten sah Freya die Stadt vor ihrem inneren Auge: Wie ein Käfer auf einem riesigen Teller kroch sie über den Eisschild. Aber wohin? Das war die große Frage. Das war es, was Smew von Freya wissen wollte; seine ständigen forschenden Seitenblicke verrieten ihn. Auch das Steuerkomitee würde eine Antwort erwarten. Dass man Raubstädten ausweichen musste, war das eine, doch langsam wurde es Zeit, dass Freya beschloss, wie die Zukunft ihrer Stadt aussehen sollte. Seit Tausenden von Jahren hatte die Bevölkerung solche Entscheidungen dem Hause Rasmussen überlassen. Denn die Rasmussen-Frauen waren besonders. Regierten sie Anchorage nicht schon seit dem Sechzig-Minuten-Krieg? Erschienen ihnen nicht die Eisgötter im Traum und sagten ihnen, wo sie gute Handelspartner finden, wie sie Räubern und tückischem Trugeis ausweichen konnten?

Aber Freya war die letzte der Rasmussens, und zu ihr sprachen die Eisgötter nie. Überhaupt sprach höchst selten jemand mit ihr, und dann auch nur, um mit ausgesuchter Höflichkeit zu fragen, wann sie den Kurs von Anchorage festlegen würde. Warum fragt ihr mich?, hätte sie am liebsten geschrien. Ich bin praktisch noch ein Kind! Ich will überhaupt nicht Margrabina sein! Doch es war niemand mehr da, den die Leute sonst hätten fragen können.

Heute sollten sie immerhin eine Antwort bekommen. Freya war nur nicht überzeugt, dass sie ihnen gefallen würde.

Ihr Frühstück nahm sie auf einem hohen schwarzen Stuhl an einer langen schwarzen Tafel ein. In der Stille klangen die Geräusche des Messers auf dem Teller und des Löffels in der Tasse unerträglich laut. Von den schattigen Wänden blickten Porträts ihrer Vorfahren auf sie herab – leicht ungeduldig, wie Freya schien, als wollten auch sie endlich wissen, wo es hingehen sollte.

Als sie mit dem Frühstück fertig war, betrat der Kammerherr den Saal.

»Guten Morgen, Smew.«

»Guten Morgen, Licht der Eisweiten. Das Steuerkomitee erbittet die Ehre, zu Eurer Lumineszenz vorgelassen zu werden.«

Freya nickte, und ihr Kammerherr öffnete die Flügeltüren. Das Komitee hatte einmal aus dreiundzwanzig Leuten bestanden; jetzt betraten nur Mr Scabious und Miss Pye den Saal.

Windolene Pye war eine hochgewachsene, unscheinbare Frau mittleren Alters. Ihr blondes, glattes Haar trug sie in einem flachen Dutt, der aussah, als balancierte sie einen Krapfen auf dem Kopf. Sie war die ehemalige Sekretärin des verstorbenen Obernavigators und kam mit seinen Karten und Tabellen offenbar ganz gut zurecht, aber in der Gegenwart ihrer Margrabina wurde sie schrecklich nervös und knickste schon, wenn Freya nur laut atmete.

Ganz anders ihr Kollege, Søren Scabious. Seit Anchorage mobil geworden war, stellte die Familie Scabious stets den Obermaschinisten, und von allen verbliebenen Bewohnern war er Freya noch am ehesten ebenbürtig. Unter normalen Umständen hätte Freya im folgenden Sommer seinen Sohn Axel heiraten sollen; die Margrabina nahm oft einen Mann aus dem Maschinenviertel zum Gemahl, um die Maschinistenzunft der Stadt bei Laune zu halten. Aber es herrschten keine normalen Umstände, und Axel war tot. Insgeheim war Freya froh, dass Scabious nicht ihr Schwiegervater werden würde; er war so unnahbar, so vergrämt und schweigsam. Seine schwarze Trauerkleidung verschmolz mit den Schatten im Frühstückssaal, so dass sein bleiches Totenmasken-Gesicht körperlos im Raum zu schweben schien.

»Guten Tag, Eure Lumineszenz«, sagte er mit einer steifen Verbeugung, während Miss Pye neben ihm knickste, nervös mit den Armen flatterte und hochrot wurde.

»Wo befinden wir uns gerade?«, fragte Freya.

»Ach, Eure Lumineszenz, wir sind knapp zweihundert Meilen nördlich der Tannhäuser Berge«, zirpte Miss Pye. »Wir machen ruhige Fahrt über stabiles Meereis, und es sind keine anderen Städte in Sicht.«

»Im Maschinenviertel erwartet man Instruktionen, Licht der Eisweiten«, sagte Scabious. »Ist es Euer Wille, wieder nach Osten zurückzufahren?«

»Nein!« Freya schauderte, als sie daran zurückdachte, wie knapp sie dort dem Verhängnis entronnen waren. Wenn sie sich nach Osten wandten oder an der Südgrenze des Eisschilds Handel trieben, würden die Kaperjäger von Arkangel sicher Wind davon bekommen, und jetzt, wo nur eine Notbesatzung die Motoren bediente, würde Anchorage dem großen Räuber nicht noch einmal entwischen.

»Sollten wir uns dann nach Westen wenden, Eure Lumineszenz?«, fragte Miss Pye nervös. »Es gibt Kleinstädte, die östlich von Grönland überwintern. Mit denen könnte man vielleicht etwas Handel treiben.«

»Nein«, sagte Freya entschlossen.

»Dann haben Eure Lumineszenz ein anderes Ziel?«, fragte Scabious. »Haben die Eisgötter zu Euch gesprochen?«

Freya nickte feierlich. In Wahrheit trug sie die Idee, die sie jetzt vorbringen wollte, schon seit Wochen mit sich herum und glaubte nicht, dass ein Gott sie ihr eingegeben hatte. Es war schlicht die einzige Möglichkeit, ihre Stadt für alle Zeiten von Räubern, Seuchen und Spionageschiffen fernzuhalten.

»Nehmt Kurs auf den toten Kontinent«, sagte sie. »Wir kehren heim.«

Hester und Tom

Hester Shaw gewöhnte sich allmählich an das Glück. Nach all den trüben Hungerleiderjahren in kleinen Plunderstädten und den kargsten Winkeln der Großen Jagdgründe hatte sie endlich ihren Platz gefunden. Sie hatte ein eigenes Luftschiff, die Jenny Haniver (wenn sie den Kopf reckte, konnte sie hinter einem Gewürzfrachter aus Sansibar an Pier siebzehn gerade eben die Wölbung ihrer roten Außenhülle erkennen), und sie hatte Tom, den freundlichen, schönen, klugen Tom, den sie von ganzem Herzen liebte und der entgegen aller Wahrscheinlichkeit ihre Gefühle zu erwidern schien.

Zuerst war Hester überzeugt gewesen, dass es nicht lange halten würde. Sie und er waren so verschieden, und Hester war nicht gerade eine Schönheit – eher eine schlaksige Vogelscheuche mit zu fest geflochtenen roten Zöpfen und einer wulstigen Narbe quer über dem Gesicht, von einem Schwerthieb, der sie ein Auge und einen Teil ihrer Nase gekostet und ihren Mund zu einem schiefen Hohngrinsen verzogen hatte. Das kann ja nichts werden, hatte sie sich gesagt, als sie auf der Schwarzen Insel festsaßen, bis die Schiffbauer die schwer beschädigte Jenny Haniver auf Vordermann gebracht hatten. Er bleibt nur aus Mitleid bei mir, hatte sie beschlossen, als sie Afrika bereisten und den Ozean nach Südamerika querten. Was sieht er bloß in mir?, hatte sie sich gefragt, während sie mit der Versorgung von Ölbohr-Städten in der Antarktis reich wurden und alles auf einen Schlag wieder verloren, weil sie über Feuerland auf der Flucht vor Luftpiraten ihre Ladung abwerfen mussten. Auch auf der Rückreise über den Atlantik in einem Handelskonvoi dachte sie: Das wird niemals halten.

Aber es hielt, seit zwei Jahren mittlerweile. Als Hester jetzt in der Septembersonne auf der Terrasse der Crumple Zone saß, eines der vielen Kaffeehäuser entlang der High Street von Airhaven, ertappte sie sich bei der Hoffnung, es könnte immer so bleiben. Sie griff unter dem Tisch nach Toms Hand, lächelte ihr schiefes Lächeln, und Tom sah sie genauso liebevoll an wie damals bei ihrem ersten Kuss im schaurigen Flackern der MEDUSA, als Toms Heimatstadt verendet war.

Airhaven war diesen Herbst nordwärts gezogen und ankerte über der Frosthalde. Kleine Plunderstädte, die die langen Polartage im Eis verbrachten, hatten sich am Boden zu einer Handelsagglomeration zusammengefunden. Ein Ballon nach dem anderen stieg auf, machte an den Piers des fliegenden Freihafens fest und spuckte seltsam gekleidete Old-Tech-Händler aus, die ihre Waren anzupreisen begannen, kaum dass ihre Füße die leichten Deckplatten berührten. Das ewige Eis war ein gutes Revier, um nach vergessenen Technologien zu graben – manche Händler hatten Stalkerkomponenten anzubieten, andere Akkumulatoren für Tesla-Waffen, rätselhafte Maschinen aus einem halben Dutzend untergegangener Zivilisationen und sogar Wrackteile einer uralten Flugmaschine, die seit dem Sechzig-Minuten-Krieg unberührt im Eis gelegen hatten.

Unterhalb Airhavens erstreckte sich die Frosthalde nach Süden, Osten und Westen – eine karge, felsige Landschaft, in der acht Monate im Jahr die Eisgötter regierten. Schon jetzt sammelte sich Schnee in den Fahrspuren der kleinen Dörfer. Im Norden ragten wie eine Mauer die basaltschwarzen Tannhäuser Berge auf, eine Kette von Vulkanen, die die Grenze der Großen Jagdgründe bildete. Mehrere Feuerberge waren aktiv; es sah aus, als ob ihre dicken grauen Rauchsäulen den Himmel trügen. Dahinter war durch einen Ascheschleier die endlose Eisöde zu erkennen, in der sich gerade etwas bewegte – etwas Riesiges, Dreckiges, unaufhaltsam wie ein rollender Berg. Hester zog ein Fernrohr aus ihrer Manteltasche, setzte es an und stellte das Bild scharf. Das dunkle Etwas war eine Stadt – acht Decks übereinander voller Fabriken, Sklavenbaracken und rußender Schlote. In ihrem Windschatten segelte ein Luftlastzug, Verwerterschiffe durchsiebten die Abgase nach brauchbaren Mineralien, und ganz unten drehten sich gewaltige Raupenketten, von Staub und Schnee geisterhaft umwölkt.

»Arkangel!«

Tom warf auch einen Blick durch das Rohr. »Du hast recht. Im Sommer bleibt es im nördlichen Vorgebirge und fängt Plunderer ab, die durch die Pässe kommen. Die Polkappe ist zwar viel dicker als zu Zeiten der Damaligen, aber den Sommer über sind trotzdem Teile der Eisdecke zu dünn, um Arkangel zu tragen.«

Hester lachte. »Du Schlaumeier.«

»Was kann ich dafür!«, antwortete Tom. »Ich war eben Historikergehilfe. Da musste man die Liste der größten Traktionsstädte auswendig lernen, und Arkangel stand ziemlich weit oben, so was vergisst man nie wieder.«

»Angeber«, knurrte Hester. »Wäre es Zimbra oder Xanne-Sandansky gewesen, hättest du das nicht gewusst.«

Tom schaute noch einmal durch das Fernrohr. »Es kann nicht mehr lange dauern, bis es die Ketten einfährt und auf Kufen Richtung Norden aufbricht, wo es Schneenomaden und Eisstädte jagt.«

Erst einmal wollte Arkangel aber offenbar Handel treiben. Die Stadt war zu groß, um die schmalen Pässe im Tannhäuser-Gebirge zu überwinden, aber mehrere Luftschiffe erhoben sich von den Decks und steuerten durch den Aschedunst auf Airhaven zu. Das schnellste schlug herrisch eine Schneise durch die wartenden Ballons und machte an Pier sechs fest, gleich unterhalb der Terrasse, auf der Tom und Hester saßen. Die beiden spürten das Zittern der Deckplatten, als sich die Ankerklemmen in den Pier krallten. Das Gefährt war ein schlankes Kurzstrecken-Kampfluftschiff mit dem roten Abbild eines Wolfs auf dem schwarzen Rumpf. Darunter stand in Frakturschrift der Name des Luftschiffs: Clear Air Turbulence.

Männer sprangen aus der gepanzerten Gondel, polterten den Pier entlang und die Treppe zur High Street hoch – vierschrötige Kerle in Pelzmützen und Pelzmänteln, unter denen Kettenhemden kalt hervorblitzten. Einer trug einen stählernen Helm mit zwei großen, geschwungenen Trichtern. Die Konstruktion war durch ein Kabel mit einem Mikrophon aus Kupfer verbunden, das ein anderer in der Hand hielt, um seine vielfach verstärkte Stimme in ganz Airhaven erschallen zu lassen.

»Seid gegrüßt, Airhavener! Ich komme aus Arkangel, Hammer der Eisöde, Geißel des hohen Nordens, Vernichter der Statik-Stadt Spitzbergen! Pures Gold bieten wir jedem, der uns den Standort einer Eisstadt verrät! Dreißig Sovereigns für jeden Hinweis, der zum Jagderfolg führt!«

Die Männer schoben sich zwischen den Tischen der Crumple Zone hindurch, während sich die Aeronauten kopfschüttelnd abwandten. Seit Beutestädte rar geworden waren, boten etliche große Raubstädte solche Prämien an, doch dermaßen offen taten sie es selten. Ehrliche Luftkaufleute befürchteten schon, dass kleine Eisstädte ihnen den Zutritt verwehren könnten, denn welcher Bürgermeister würde es riskieren, einem Händler Landeerlaubnis zu erteilen, der womöglich nebenbei spionierte und einem großen Allesfresser wie Arkangel seinen Kurs verriet? Aber es gab immer auch andere – Schmuggler, Gelegenheitspiraten oder insolvente Händler, denen das Verrätergold gerade recht kam.

»Kommt zu mir ins Gasbag & Gondola, wenn ihr im Sommer mit Kivitoo, Breidhavik oder Anchorage Handel getrieben habt und mir sagen könnt, wo sie überwintern!«, drängte der Neuankömmling, ein gutgenährter junger Mann, der dekadent und nicht besonders helle wirkte. »Dreißig Goldmünzen, meine Freunde; das reicht für Treibstoff und Traggas für ein ganzes Jahr!«

»Das ist Piotr Masgard«, sagte eine Dinka-Aeronautin am Nebentisch zu ihren Freunden. »Der jüngste Sohn des Direktors von Arkangel. Seine Leute nennt er die Kaperjäger. Sie werben nicht nur Spitzel an: Ich habe gehört, dass sie mit ihrem Schiff auch friedliche Städte entern, die für Arkangel zu schnell sind, und die Leute dazu zwingen, umzudrehen und Arkangel direkt in den Rachen zu fahren!«

»Aber das ist unfair!«, rief Tom, der alles mit angehört hatte, und unglücklicherweise fielen seine Worte genau in eine kurze Stille. Der Kaperjäger fuhr herum und grinste mit seinem trägen, feisten, gutaussehenden Gesicht auf Tom herab.

»Unfair, sagst du? Wieso unfair? So ist es nun mal – fressen und gefressen werden.«

Hester spürte, wie sich alle ihre Muskeln anspannten. Das war eine von Toms Eigenarten, die sie nie verstehen würde: dass er immer dachte, alle müssten fair zueinander sein. Es konnte nur an seiner Erziehung liegen. Ein paar Jahre als wehrloses Kind an Bord eines Plunderdorfes hätten ihm solche Flausen schnell ausgetrieben, aber er hatte lange nur die Regeln und Sitten gekannt, mit denen Londons Historiker sich die echte Welt vom Leibe hielten. Trotz allem, was ihm in letzter Zeit widerfahren war, reagierte er auf Menschen wie Masgard immer noch empört.

Tom schaute zu Masgard auf. »Das verstößt gegen sämtliche Regeln des Städtedarwinismus«, erklärte er und erhob sich. Leider musste er immer noch aufschauen, denn der Kaperjäger war einen Kopf größer als er. »Schnelle Städte fressen langsame, und die großen fressen die kleinen. So sollte es sein, wie in der Natur. Prämien zu zahlen und Beutestädte zu entern bringt alles durcheinander«, erklärte er weiter, als sei Masgard nur ein Kontrahent im Debattierclub der Historikergehilfen.

Masgard grinste noch breiter. Er ließ seinen Pelzmantel zur Seite gleiten und zog sein Schwert. Andere Gäste schnappten nach Luft, schrien auf, stießen geräuschvoll ihre Stühle um und flüchteten. Hester packte Tom am Arm und zog ihn weg, ohne den Blick von der blanken Klinge abzuwenden. »Tom, du Idiot, hör auf!«

Masgard starrte sie an. Dann lachte er aus voller Kehle und steckte sein Schwert wieder weg. »Seht euch das an! Unser Held hat ein Kindermädchen!«

Seine Mannschaft lachte mit, und Hester bekam hitzige Flecken im Gesicht und zog sich ihren alten roten Schal bis knapp unter ihr unversehrtes Auge.

»Komm doch nachher mal vorbei!«, höhnte Masgard. »Für eine Schönheit wie dich habe ich immer Zeit. Und denk daran: Wenn du mir die Fahrtrichtung einer Eisstadt nennen kannst, bekommst du dreißig Goldstücke! Davon kannst du dir eine neue Nase kaufen!«

»Werd’s mir merken«, murmelte Hester und schob Tom hastig vor sich her. In ihr tobte der Zorn wie eine gefangene Krähe. Wie gern hätte sie Masgard zu einem Kampf herausgefordert. Sie hätte wetten können, dass er mit seinem teuren Schwert gar nicht umgehen konnte … Aber Hester versuchte in letzter Zeit, ihre dunkle, rachsüchtige, mörderische Seite im Zaum zu halten, und so begnügte sie sich damit, im Gehen ein Messer zu zücken und unbemerkt das Kabel von Masgards Mikrophon zu durchtrennen. Wenn er das nächste Mal eine Ansage machen wollte, wäre er derjenige, über den alle lachten.

»Tut mir leid«, sagte Tom beschämt, als sie auf den Kai hinunterliefen, auf dem sich jetzt Händler und Tagesgäste aus Arkangel drängten. »Ich wollte … ich dachte nur … «

»Schon gut«, sagte Hester. Sie hätte ihm gern gesagt, dass er nicht Tom wäre, wenn er nicht ab und zu solche idiotischen, heldenhaften Dinge täte, und sie ihn dafür nur umso mehr liebte. Aber weil sie all das nicht in Worte fassen konnte, schob sie ihn in eine Nische hinter einem Stützpfeiler, vergewisserte sich, dass niemand hinsah, schlang ihm die dürren Arme um den Hals und küsste ihn. »Lass uns verschwinden.«

»Wir haben doch noch keine Fracht. Wir wollten einen Pelzhändler finden oder … «

»Hier gibt es keine Pelze, nur Old-Tech, und das kommt uns gar nicht erst an Bord, oder?« Tom wirkte nicht ganz überzeugt, also küsste Hester ihn noch einmal, bevor er Einwände erheben konnte. »Ich habe genug von Airhaven. Ich will wieder raus auf die Vogelpfade.«

»Ist gut«, sagte Tom. Er strich ihr lächelnd über den Mund, über die Wange und den Knick in ihrer Augenbraue, wo die Narbe sie schnitt. »Hast ja recht. Wir waren lange genug hier im Norden. Lass uns los.«

Aber so leicht sollten sie nicht davonkommen. Am Pier siebzehn, wo die Jenny Haniver lag, saß ein Mann auf einer ledernen Reisetasche und erwartete sie offensichtlich. Hester, der Masgards Spott noch nachging, zog sich wieder den Schal über das Gesicht. Tom ließ ihre Hand los und schritt voran.

»Ah, guten Tag!«, rief der Mann und stand auf. »Mr Natsworthy? Miss Shaw? Sie sind dann wohl die Besitzer dieses fabelhaften kleinen Schiffs? Donnerwetter, im Hafenamt wurde mir gesagt, dass Sie jung sind, aber wie jung, das habe ich nicht geahnt. Sie sind ja praktisch noch Kinder!«

»Ich bin fast achtzehn«, stellte Tom klar.

»Was soll’s, was soll’s!«, rief der Fremde strahlend. »Wen kümmert das Alter, wenn einer das Herz am rechten Fleck hat, sage ich immer, und das haben Sie, da bin ich sicher. ›Wer ist denn dieser gutaussehende junge Mann?‹, habe ich meinen Freund, den Hafenmeister, gefragt, und er hat gesagt: ›Das ist Tom Natsworthy, der Pilot der Jenny Haniver‹, und ich habe mir gedacht: ›Diesen Prachtjungen schicken die Götter!‹ Tja, und da bin ich also.«

Da war er also. Ein kleiner, fast kahlköpfiger Mann von gedrungener Statur mit einem gepflegten weißen Bart. Seine Kleidung war die eines nördlichen Plunderers – ein langer Pelzmantel, ein Hemd mit vielen kleinen Taschen, dicke Kniebundhosen und gefütterte Stiefel – , nur dass die Sachen zu neu und zu teuer wirkten, als hätte ein modischer Schneider sie für einen Kostümfilm über die Eisöde maßgefertigt.

»Nun?«, fragte der Mann.

»Wie – nun?«, fragte Hester, die den großtuerischen Fremden schon jetzt nicht leiden konnte.

»Verzeihung, Sir«, sagte Tom viel höflicher. »Wir haben nicht so recht verstanden, was Sie von uns möchten.«

»Oh, Entschuldigung, bitte um Verzeihung«, plapperte der Fremde. »Erlauben Sie mir zu elaborieren. Pennyroyal ist mein Name, Nimrod Beauregard Pennyroyal. Ich habe soeben eine Expedition in jene gewaltigen, grauenerregenden Feuerberge gewagt und befinde mich auf dem Weg nach Hause. Ich möchte auf Ihrem stattlichen Gefährt eine Überfahrt buchen.«

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