"Klingentänzer – Das zweite Buch des Ahnen" von Mark Lawrence

FISCHER TOR

Leseprobe: Klingentänzer – Das zweite Buch des Ahnen (Mark Lawrence)


TOR Team
13.05.2019

Lest hier die ersten Seiten aus "Klingentänzer – Das zweite Buch des Ahnen" von Mark Lawrence. Der Roman erscheint am 26. Juni bei FISCHER Tor.

Was bisher geschah: Das Kloster zur barmherzigen Gnade ist kein gewöhnlicher Konvent. Hier leben Mystikerinnen, die das Gewebe der Welt manipulieren, Schwestern der Verschwiegenheit, die sich der Kunst der Täuschung widmen, und hier werden Mädchen zu tödlichen Kriegerinnen ausgebildet. Als die junge Nona von einer Äbtissin in den Konvent geholt wird, ahnt sie nicht, dass ihre Ausbildung sie bis an ihre Grenzen führen wird – und weit darüber hinaus.

 

***Leseprobe***

PROLOG

Die Auflösung eines Klosters ist ein kühnes Vorhaben. Selbst die Macht des Hauses Tacsis, dessen Linie auf ein Kaisergeschlecht zurückgeht, reicht dafür womöglich nicht aus.

Lano Tacsis kam in Kriegstracht zum Klosterberg, seine Rüstung Ladenstahl, der im Licht von tausend roten Sternen blutig glänzte. Vor ihm die dichtgeschlossenen Reihen seiner Leib­wache, der eiserne Kern des Heers der Tacsis, geschmiedet von seinem Vater. Soldaten, die in den Schlachten an der Ostgrenze des Reichs gehärtet worden waren und im Westen auf den Stränden der Marn. Lanos Zuversicht ruhte jedoch auf mehr als den Speeren ­seines Heers. Noi-Guin begleiteten ihn, herangeführt aus den schattigen Hallen der Tetragode.

Wenn ein Kind zu den Noi-Guin gegeben wird, opfern sie es der Dunkelheit. Nur wenige überleben die Ausbildung, doch der Erwachsene, der dann zehn Jahre oder noch später in einer mondlosen Nacht die Festungswälle hinuntersteigt, ist ein anderer Mensch. Jede Bindung an Eltern oder Geschwister wurde durchtrennt, er selbst vom Baum des Ahnen abgerissen. Nun ist er ein Noi-Guin – ein Werkzeug des Todes, jenseits jeder Moral, des Glaubens nicht würdig, einzig dem erhaltenen Auftrag verschrieben. Die reichsten der hohen Familien können sich solche Dienste leisten, doch nur wenige Missionen erfordern mehr als ein Kind der Tetragode. Kein lebender Mensch kann sich erinnern, dass je mehr als drei zusammengearbeitet hätten, selbst die ältesten Geschichten reden nie von mehr als fünfen. An dem Tag, als Lano Tacsis zu dem Konvent hoch oben auf dem Klosterberg stieg, waren acht an seiner Seite.

»Nona Grey? Weißt du das genau?« Lano klappte das Visier hoch und musterte die dunkle Gestalt, die allein seinem Heer im Weg stand, winzig vor dem hohen Säulenwald. »Schwester Käfig … zurück in Süße Gnade.« Faust krachte in Handfläche, Panzerhandschuhe schepperten. »Hervorragend! Ich hatte befürchtet, sie wäre trotz meiner Anweisungen verschwunden.« Ein Blick zu seiner Linken hin. »Und sie ist es bestimmt?«

Klera Ghomal sah ihn aus dunklen Augen an. »Selbstverständlich. Wer sonst hätte mich gehen lassen?«

Schwester Käfig wartete, schattenlos zwischen den Schatten der Säulen. Die alten Nonnen und jungen Novizinnen sahen aus dem Inneren des Steinwalds hinter ihr zu. Wenn die Tacsis kamen und Blut floss, würde Schwester Rose noch immer irgendwo dort hinten ihren eigenen Kampf führen und um das Leben der tödlich verletzten Schwester Dorn ringen. Klera hatte Dorn blutend zurückgelassen. Sie hätte sie jederzeit töten können, doch darauf hatte sie verzichtet. Immerhin etwas.

Das Schwert in Käfigs Hand zerteilte den zischenden Schneiswind. Käfigs Schwester hatte auf ihren Moment der Schlacht gewartet, während die Pelarthi heranrückten, hatte ihre Mitte gesucht, ihre Ruhe, ihre Stille. Wenige Rotschwestern hatten den Konvent je besser vorbereitet verlassen als Schwester Dorn, um in die Tat umzusetzen, was die Herrinnen von Klinge und Pfad lehrten.

Schwester Käfig ging anders vor.

Die Heiligen verachten die Wut, denn was ist der Glaube im Kern anderes als die Akzeptanz dessen, was man nicht ändern kann? Die Weisen nennen Zorn unklug, weil sich darin nur ­selten Wahrheit findet. Unsere Herrscher zertreten die Raserei ­unter ihren Füßen, denn sie erkennen darin ein Feuer, und wer heißt schon hungrige Flammen in seinem Besitz willkommen?

Für Schwester Käfig jedoch war diese Rage eine Waffe. Käfig öffnete sich dem Zorn, den sie im Zaum gehalten hatte. Ihre Freundin lag im Sterben. Ihre Freundin. Im Zorn liegt Reinheit. Er tilgt Leid, wenigstens eine Zeitlang. Angst tilgt er. Selbst Grausamkeit und Hass suchen Schutz, dem Zorn sind sie beide einerlei, er will nur zerstören. Zorn ist ein Geschenk unserer Natur, geformt in Jahren ohne Zahl. Wozu auf ihn verzichten?

Jedes kirchliche oder staatliche Gesetz versucht, einen Keil zwischen uns und unseren Zorn zu treiben. Jede Regel dient unserer Zähmung – sie soll uns aus der Hand nehmen, was wir besser für uns beanspruchen. Jede Einschränkung zielt darauf ab, die Rache, die doch uns gehört, in die Hände der Gerechtigkeit zu legen, der Richter und Geschworenen. Gesetzbücher wollen unser Wissen um Richtig und Falsch durch Schriftzeilen ersetzen. Gefängnisse und Henker dienen nur dazu, unsere Hände vom Blut derer reinzuhalten, die uns unrecht getan haben. All das existiert, um Zeit und Raum zwischen Tat und Konsequenz zu setzen. Um uns über unsere animalische Natur zu erheben, um das Untier einzufangen und zu zähmen.

Schwester Käfig beobachtete ihren stahlglänzenden Feind auf dem Berg.

In ihr die Wildheit einer Meereswoge, die über tiefe Wasser rollt, um ihren weißen Zorn gegen die Küste zu werfen, eine nach der anderen, unablässig, bis hohe Klippen fallen, aus Felsen Kiesel werden, aus Kieseln Sand wird und von Bergen nichts bleibt. In ihr die Wildheit des Gewitters, donnerbebend, blitzgrell, wie es auf einem Wind reitet, der die ältesten Bäume aus der festen Erde reißt. In ihr der Trotz des wütend gegen den kalten Himmel gereckten Steins. In ihr der Zorn, der in der Brust steckt wie Glasscherben, ein Zorn, der weder Schlaf zulässt noch Rückzug oder Kompromiss.

Nona Grey hebt den Kopf und mustert ihren Feind mit Mitternachtsaugen. Vielleicht ist es nur die Reflexion des Fackellichts, doch irgendwo in dieser Dunkelheit scheint eine rote Flamme zu brennen.

»Ich bin mein eigener Käfig.« Sie hebt das Schwert. »Und ich öffne die Tür.«

1

Viele Gifte lösen Wahnsinn aus, aber vielleicht wirkt keines annähernd so verlässlich wie die Liebe. Schwester Apfel führte einhundert Gegengifte mit sich, doch ausgerechnet diesen Trank hatte sie aus freien Stücken und in dem Wissen geschluckt, dass es kein Heilmittel gab.

Dornen und Stacheln zerrten an ihr, der Eiswind heulte, selbst das Land widersetzte sich ihr mit seinem Auf und Ab, den langen Meilen, dem eisenharten Boden. Todmüde kämpfte sich die Giftmischerin voran und spürte jedes einzelne ihrer dreißig Lebensjahre. Ihr Reisemantel hing in Fetzen, deren Tanz den Wind erfreute.

Als der Wildpfad die Deckung verließ und eine breite Straße voller Fahrrinnen querte, folgte Apfel ohne Zögern, den Blick auf den Baumreihen, die ihren Marsch auf der anderen Seite fortsetzten.

»Halt!« Ein rauer Schrei, ganz nahe.

Apfel ignorierte ihn. Kessel hatte sie gerufen. Apfel spürte die Richtung, die Entfernung, die Schmerzen. Kessel wollte, dass sie kam. Kessel würde sie nie von ihrer Wachpflicht fortrufen, nicht einmal unter Lebensgefahr. Und doch hatte sie es getan.

»Stehen bleiben!« Weitere Rufe, ihrer Aussprache wegen schwer zu verstehen.

Die Baumlinie war zehn Meter entfernt, hinter einem Straßen­graben. Apfel musste es nur in den Schatten unter den Ästen schaffen, dann war sie in Sicherheit. Ein Pfeil zischte an ihr vorbei. Sie sah die Straße hinab.

Fünf Durnen hatten sich quer darüber verteilt, die gepolsterte Rüstung salzfleckig und schlammbespritzt, die Eisenplatten an Schultern und Unterarmen braun von Rost. Apfel konnte es zu den Bäumen schaffen, bevor die Männer sie einholten – nicht ­jedoch vor dem nächsten Pfeil oder Speer.

Fluchend steckte sie beide Hände in die Manteltaschen. Einige der Obszönitäten, die sie murmelte, hatte wahrscheinlich noch keine Nonne je ausgesprochen.

»Tötet mich nicht. Lebendig nütze ich euch mehr.« Apfel versuchte, anders zu klingen als beim Unterrichten. Sie zog die Hände heraus, eine Wachskapsel mit Entbeiner in der einen, ein Päckchen Grausenf in der anderen und eine kleine weiße Pille zwischen Finger und Daumen. Sie warf sich die Pille in den Mund und baute darauf, dass es Bitterwill war. Sie bewahrte sämtliche Gegengifte sortiert in den vielen Innentaschen ihres Habits auf, aber mit einem Griff dort hinein hätte sie einen Pfeil oder Speer geradezu herausgefordert, darum hatte sie auf Gedächtnis, Tastsinn und Glück vertraut und in der Außentasche ihres Reisemantels gefischt.

»Du bist … Nonne?« Der Größte machte, den Speer auf sie gerichtet, einen Schritt nach vorn. Er war älter als die anderen vier. Verwittert.

»Ja. Eine Heiligschwester.« Sie schluckte die Pille und verzog das Gesicht. Schmeckte jedenfalls wie Bitterwill. Die vier jüngeren Piraten, alle mit dem gleichen dunklen und verfilzten Haar, packten ihre Waffen fester und murmelten zu Heidengöttern. Höchstens eine Nonne von hundert war keine Heiligschwester, doch bei den Geschichten, die in Durnland erzählt wurden, konnte man den Männern schlecht vorwerfen, dass sie jede Frau im Habit für eine Rotschwester oder für eine Heilighexe hielten, der es in den Fingern juckte, verkohlte Überreste aus ihnen zu machen. »Eine Nonne. Aus dem Kloster.«

»Kloster.« Der Anführer bewegte das Wort im Mund. »Kloster.« Er spuckte es zwischen frostrissigen Lippen hervor.

Apfel nickte. »Das mit der großen goldenen Statue«, wollte sie schon hinzufügen, doch sie verkniff es sich. Die Piraten würden von allein in die Falle tappen. Wenn sie spürten, dass Apfel sie lenkte, wäre sie binnen Sekunden tot.

Der Anführer sah nach hinten zu seinen Männern und sagte etwas, das Apfel fast verstand. Durnisch klang, als hätte man die Reichssprache durch den Wolf gedreht und deftig gewürzt. Hätten die Männer einen Tick langsamer und mit anderer Betonung gesprochen, wäre die Nonne vielleicht daraus schlau geworden. Immerhin zwei Wörter hörte sie heraus, und die sprachen für ihr Überleben. »Kloster« und »Gold«. Sie zerdrückte die Entbei­nerkapsel in der Faust und verteilte die sirupartige Flüssigkeit mit den Fingern auf der Handfläche, dann wischte sie damit über den anderen Handrücken und das Handgelenk.

»Du. Bring uns zum Kloster.« Der Anführer näherte sich zwei weitere Schritte und bedeutete ihr mit dem Speer, sich in Bewegung zu setzen.

»Das geht nicht!« Apfel versuchte, eher ängstlich als ablehnend zu klingen. Sie dachte an Kessel, die in Gefahr war, verletzt vielleicht, und Angst drang in ihre Stimme. »Ich darf nicht. Es ist verboten.« Die Männer mussten noch dichter herankommen. Wenn die beiden Speerträger sie vorantrieben, konnte sie nicht viel ausrichten. Die Nonne ließ ihren Blick zwischen den Gesichtern hin und her huschen und gab sich ebenso unsicher wie widerstrebend. Vielleicht bekamen sie ja Lust, ihren Widerstand zu brechen.

Der Anführer machte eine Handbewegung, und zwei seiner Männer traten vor, um Apfel bei den Armen zu packen. Ein dritter behielt den Bogen auf sie angelegt, Sehne halb durchgezogen: Trau dich und renn. Der letzte lehnte sich mit leerem Grinsen auf seinen Speer.

Apfel täuschte Panik vor und hob abwehrend die Hände, verzichtete jedoch auf Gegenwehr, um keine Schläge herauszufordern. Einer der beiden zog ihr trotzdem seine harte, schwielige Hand durchs Gesicht. Sie spuckte Blut und flehte um Gnade. Beide Männer hatten jetzt den klaren Entbeinersirup an ihren Fingern kleben.

Der Prügler drehte ihr einen Arm auf den Rücken, und sein Kumpane, der vermutlich nicht wusste, dass die Bräute des Ahnen ein Armutsgelübde ablegten, grapschte nach ihren Mantel­taschen. Damit er bei seiner Suche nach Gold oder Silber nicht ihre Auswahl an Giften und Gegengiften fand, schluchzte Apfel mitleiderregend auf und reckte ihre geballte Faust weg, um die Männer darauf hinzuweisen, dass sie darin ja offensichtlich etwas verbarg.

Der Prügler grunzte etwas, und der Grapscher ließ von dem Mantel ab und griff nach Apfels Hand. Dabei bekam er eine zweite Dosis Entbeiner an die Handfläche. Mit dem Bitterwill als Gegengift spürte Apfel nur eine gewisse Taubheit in den Händen. Ihre Armkraft war nicht beeinträchtigt.

Sie brach in Wehklagen aus, während ihre geballte Faust den nachlassenden Anstrengungen des Grapschers standhielt. Der Prügler verdrehte ihr den anderen Arm, und es brannte wie Feuer, doch sie schaffte es, sich loszureißen. Gleichzeitig bewegte sie sich seitwärts, immer näher an den Anführer und den Bogenschützen heran, ohne jedoch in ihre Richtung zu sehen. Die Schuhnägel des Durnen zogen Rillen im Schlamm. Der hintere Mann machte keine Anstalten zu helfen, sondern lachte schallend über die Anstrengungen seiner Kameraden. Der Anführer schnaubte abfällig, schickte den Bogenschützen mit einer Handbewegung vor, rammte seinen Speer mit dem Ende in den Boden und bewegte sich zur Seite, um dem stolpernden Trio den Weg abzuschneiden.

Weder Prügler noch Grapscher schienen bislang zu begreifen, dass sie vergiftet worden waren, und nahmen stattdessen wohl an, dass Apfel eine ungewöhnlich starke Frau war, deren Angst irgendwelche animalischen Kräfte freisetzte. Als sie bei dem Anführer ankamen, hob sie die Faust, blies durch die geschlossene Hand, ein kurzer, fester Stoß, und eine Pulverwolke aus der zerdrückten Packung staubte um den Kopf des Mannes herum auf. Der Bogenschütze schräg hinter ihm bekam auch noch etwas ab.

Nun verlieh tatsächlich die Angst ihr die Kraft, sich den Griffen der Durnländer zu entreißen und rückwärts in die schlammigen Fahrrinnen zu werfen. Sie hatte miterlebt, was Grausenf ­anrichtete, und kein einziges ihrer Gegengifte vermochte den Schmerz und die Entstellungen auf ein erträgliches Maß abzumildern.

Die Schreie des Anführers zerrissen die Luft, und beim Atemschöpfen sog er sich die Senfsporen in die Lunge. Der Bogenschütze krallte nach seinen Augen und wich zurück. Schläger und Grapscher stolperten davon und schienen jeden Moment umzufallen. Womit Apfel sich, die Hände leer und rücklings auf dem Boden liegend, einem nur wenige Meter entfernten, unversehrten Feind gegenübersah, der einen Speer in den Händen hielt.

Die Qualen eines Mitmenschen üben eine gewisse Faszination aus; der Mann stand mit vor Entsetzen aufgerissenem Mund da und sah zu, wie sein Anführer sich das Gesicht zerkratzte. Apfel warf einen Blick zu den Baumschatten. So nahe: Ein kurzer Sprint konnte sie außer Gefahr bringen. Kessels Ruf drängte sie sogar noch stärker als der Fluchtinstinkt. Doch Schwestern der Verschwiegenheit legen mehr als nur Glaubens- und Armutsgelübde ab. Apfel unterdrückte ein ungeduldiges Knurren und zog ihr Messer. Langsam erhob sie sich aus dem Schlamm, in den Ohren die erstickten Schreie des Anführers, die Flüche des Bogen­schützen und das Ächzen der beiden Entbeinten, die vergeblich versuchten, wieder auf die Füße zu kommen. Apfels Haube hatte sich gelöst, rotes Haar ergoss sich um ihre Schultern. Der letzte Knebelknopf gab nach, und ihr Reisemantel blähte sich wie die dunklen Schwingen eines Raubvogels. Sie hielt ihr Messer wurfbereit, in der anderen Hand ein Beutelchen Prahlkraut für den Fall, dass sie den Speerträger lebend zu fassen bekam.

Der Pirat riss sich von dem Anblick seines Anführers los, der jetzt mit schaumbedeckten Lippen in den Straßengraben gefallen war, und bemerkte Apfel im letzten Moment. Noch während er den Speer senkte, ließ die Nonne die Hand hochschnellen, und im nächsten Moment steckte ihm ihr Messer bis zum Heft unter dem Kinn. Verwirrt setzte er sich auf den Hosenboden und griff sich an die Kehle.

Der Bogenschütze stolperte vorbei, geblendet von Tränen und Blut. Apfel hob den umgefallenen Speer des Anführers auf und bohrte ihn dem Mann in die Brust. Für den nächsten Gnadenstoß ging sie zu dem Anführer, der voller Schlamm und Gras im eiskalten Grabenwasser zuckte. Sie ließ ihn in einem roten Bad zurück und musterte die beiden gestürzten Durnen, Prügler und Grapscher. Der eine verfolgte reglos ihre blutige Speerspitze mit den Augen. Apfel runzelte die Stirn und sah wieder zur Baumlinie. Sie wollte los. Hilflose Feinde tötete sie nicht gern. In Wahrheit tötete sie überhaupt nicht gern. Als Lehrerin war sie gut, als Praktikerin weniger.

Apfel ging in die Hocke. »Schwestern der Verschwiegenheit sollen sich eigentlich ungesehen vorbeischleichen, und dem Feind in die Hände laufen sollen sie schon gar nicht.« Sie nahm zwei lila Pillen aus ihrem Habit, Glanzwurz. Sie hatte die Wurzeln selbst verarbeitet, zu Pillen gerollt und mit Wachs versiegelt. »Das ist alles sehr peinlich. Erzählt es bloß nicht weiter.« Sie schälte die Pillen rasch und steckte jedem Mann eine in den Mund, dann legte sie die beiden so zurecht, dass sie nicht erstickten. »Wenn euch niemand die Kehle durchschneidet, bevor ihr euch wieder bewegen könnt – und glaubt mir, das hättet ihr verdient – , dann rate ich euch, den ganzen Weg zurück zu eurem Boot zu rennen.«

Sie wischte sich die Hand an Prüglers Umhang ab. Von dem Glanzwurz würde ihnen eine Woche lang übel sein. Einen Monat lang, wenn sie zu viel davon schluckten. Sie überlegte, ihr Messer im Hals des Speerträgers zurückzulassen, aber dann ging sie es doch holen und schüttelte sich vor Ekel, als sie die Klinge herauszog. Im nächsten Moment lief sie schon auf die Bäume zu, die rote Waffe in der Hand.

 

Apfel taugte in erster Linie deshalb zur Lehrerin, weil es ihr für die dunkelsten Schattierungen des Grauwerks an Mumm fehlte. Kessel hingegen tat jederzeit, was nötig war, ohne Freude und ohne Klagen. Eine perfekte Waffe. Wenn die Pflicht rief, verstaute sie ihr freundliches Wesen in einer Kiste und holte es nach beendeter Mission wieder heraus. Bei dem Gedanken daran, wie schlimm es um Kessel stehen musste, dass sie um Hilfe rief, wurde Apfel ganz anders. Kessel hätte nie freiwillig dafür gesorgt, dass Apfel die Anweisungen der Äbtissin ignorierte. Arabella Jotsis stand der Wildnis jetzt allein und unbewacht gegenüber.

Am liebsten wäre Apfel gerannt, doch sie zwang sich zu einem zügigen Marsch. Vor ihr lagen Meilen. Sie umrundete Dickichte und folgte erst eine Zeitlang einem Wildpfad und dann einem Fluss, auf dem schmutziges Eis trieb.

Kessel hatte über Nona gewacht. Ging es um die Kleine? Sie war furchtlos, wild und blitzschnell, doch in der Schneise gab es weitaus Gefährlicheres als Nona Grey. Vielleicht brauchte ja Nona Hilfe … Apfel verwarf den Gedanken: Das waren Kessels Schmerzen und Kessels Angst gewesen.

Ein wirbelnder Nebel rückte heran, den der Brennmond irgendwo hatte aufsteigen lassen und der vielleicht tagelang vom Eiswind getragen worden war. Der Wald krallte nach ihr, versuchte sie bei jedem Schritt ins Straucheln zu bringen, sie mit freieren Pfaden von ihrem Weg wegzulocken. Doch Apfel ließ sich von der blendenden Weißheit nicht beirren, sondern folgte dem leisen Nachhall von Kessels Ruf.

Aus vielen Meilen wurden wenige und schrumpften, als der Nebel sich klärte, zu einer letzten Meile. Der Wald war Heideland gewichen, wo der Mutterboden dünn und für den Getreideanbau zu sauer war. Gehöfte lagen verstreut, dazwischen weideten Schafe und Ziegen; wenige Häuser standen in Sichtweite zueinander. Apfel schlug ein höheres Tempo an, rannte jetzt, durch unebenes Gelände, das hier und da von grasüberwucherten Straßen und zerfallenden Trockenmauern durchzogen war. Weiter vorn fiel das Land ab. In dem breiten Tal schlängelte sich ein Fluss zwischen Baumgruppen, bevor er sich in einem dichteren Wald verlor. In diesem Wald harrte Kessel aus, das spürte Apfel; ihre Nähe zog an der Narbe, die von ihrem Schattenruf zurückgeblieben war.

Als Apfel die ersten Bäume erreichte, wurde sie langsamer. Sie war schon einmal achtlos gewesen: Ihre Eile hatte sie in die Hände von Männern getragen, die sie mit der nötigen Aufmerksamkeit unbemerkt hätte umrunden können. Sie stellte sich zwischen zwei Ulmen, beschwor mit beiden Händen die Schatten und ließ sich von ihnen umfließen. Schattenwerk war ihr immer leichtgefallen. Schwärze sammelte sich in ihren Handflächen. Wenn die Schatten auf ihren Willen reagierten, fühlte es sich an, als würde sie sich plötzlich an einen längst entfallenen Namen erinnern oder die Lösung eines Vexiers erkennen; eine Art geistiger Erleichterung, Freude fast. Hier im Wald war noch andere Schattenmagie gewirkt worden. Die leeren Stellen waberten im Nachhall. Kessels Ruf, grell und kräftig; aber auch noch andere Spuren, das bittere Werk von Noi-Guin. Apfel hatte dergleichen bereits gekostet, daheim im Konvent in der Nacht, als Thu­ran Tacsis zwei Assassinen ausgesandt hatte, um Nona zu töten. Wie ihnen das überhaupt hatte misslingen können, war ihr ein ­Rätsel.

Sie hüllte sich in Dunkelheit und ging in die Geduld einer Grauschwester. Die Mantras hatte ihr vor zwanzig Jahren die Herrin des Pfades beigebracht, sie waren Apfel eine zutiefst verinnerlichte Stütze. Heute jedoch, wo Kessels Pein durch das Schattendunkel pulste, fiel ihr Geduld schwer.

Das Unterholz kratzte und zerrte und raschelte bei jedem Schritt. Mit ihren eingerosteten Waldkünsten kam sie sich so unerfahren vor wie eine Novizin; bestimmt hörte jeder Feind ihre Annäherung auf tausend Meter. Die Falle mit einem Köder bestücken. Eine Taktik so alt wie das Töten. Lass einen Kameraden, einen Freund, einen Geliebten verwundet zurück, dann leg dich auf die Lauer. Überall zwischen den Zweigen konnte sich ein Noi-Guin verbergen, die Armbrust bereit, der Bolzen mit Gift bestrichen.

Dann hätte Kessel mich nicht gerufen. Apfel ließ die Geduld los, hielt die Schatten fest und drang weiter vor.

Einzig das Band zwischen ihnen zog ihren Blick zu Kessel hin. Die Nonne lag am Fuße einer großen Frosteiche, hingestreckt über dem Auf und Ab der Wurzeln. Blätter bedeckten ihren Reise­mantel, Blätter und Schlamm. Ihre Haube fehlte, das offene Rabenhaar ließ nur schmale Streifen ihres blassen Gesichts sehen. Sie lag da wie tot, wie ein Bestandteil des Waldbodens, ein Werk der Tarnung, auf das jede Grauschwester stolz gewesen wäre.

»Kessel!« Apfel eilte zu ihr, die Angst vor dem Pfeil eines ­Assassinen wog nichts gegen die Gewissheit, dass Kessel tot war und Apfels Leben seinen Sinn eingebüßt hatte. Sie nahm Kessels schlammige Finger und war entsetzt, wie kalt sie waren. »Kessel … Ich bin’s.« Sie bekam die Worte kaum heraus und suchte mit der anderen, noch ruhigen Hand geübt den Puls der Nonne. Nichts. Doch, da war etwas … ein Flüstern.

Apfel griff nach Kessel, wollte sie an sich ziehen, hoch vom kalten Boden, doch da entdeckte sie den Messergriff, der knapp über der Hüfte aus ihrer Seite ragte. Sie legte einen Finger auf den Knauf, eine Eisenkugel. Der Griff mit Leder umwickelt. Sie erkannte die Machart. Kessel hatte ihr einmal einen solchen Dolch gezeigt, nachdem die Schwester ihn bei Nona konfisziert hatte. Also definitiv Noi-Guin. Und offensichtlich davongekommen. Apfel legte sich ihre Geliebte vorsichtig in den Schoß und saß einen Moment lang da, die Arme um sie geschlungen, die Augen zugekniffen gegen die Tränen. Sekunden später holte sie zitternd tief Luft und bemühte sich um Ruhe.

Denk nach.

Sie ließ Kessel wieder zu Boden sinken, zog sich den Reisemantel aus und bettete sie darauf. Dann untersuchte sie sie auf weitere Verletzungen, überprüfte die Färbung ihrer Haut, zog ihr ein Augenlid hoch, lauschte auf ihre Atmung und beobachtete, wie schnell das Blut in ihre Extremitäten zurückkehrte, wenn sie sie dort kniff. Sie zog ein dünnes Lederröhrchen aus dem Sortiment in ihrem Habit und brach das Siegel. Inzwischen zitterte sie vor Kälte. Sie träufelte Kessel die Flüssigkeit in den Mund, richtete sich auf, wartete. Bis auf die Stichwunde war Kessel unverletzt. Das Messer musste mit Klingengift bestrichen sein, aber welche Sorte es war, ließ sich kaum eingrenzen.

Für die längste Minute in Apfels Leben geschah gar nichts. Die Bäume ringsum ächzten unter dem Wind, ihr Laub fauchte. Dann zuckte Kessel, würgte, röchelte. Apfel hielt ihren Kopf fest. »Ruhig! Einfach atmen.«

»W-wo?« Jede weitere Frage verlor sich in Husten und Würgen. Eine Hand krampfte sich knapp über dem Messer in den Reisemantel. »Tut weh.«

»Ich sagte, du sollst atmen, dummes Ding.«

»A-apfel?« Kessel rollte den Kopf herum und kniff die Augen zusammen, als wäre das Licht zu hell. Ihre Wangen waren weiß wie Knochen, ihre Lippen fast blau. »Schwester.« Der Hauch ­eines Lächelns.

»Ich hab dir Adren gegeben, das wird nicht lange vorhalten. Sag mir, was du genommen hast. Schnell!«

»Nona. Sie hat mich zum Ruf genötigt.« Kessel sprach undeutlich und starrte an Apfel vorbei zum Blätterdach, schwarz vor dem weißen Himmel. »Dann ist sie los.«

Apfel schüttelte sie. »Was hast du genommen? Das ist wichtig!«

»Sch…« Kessel blinzelte, ihr Blick irrte. »Schwarzkur.« Ihr Atem kam flach und schnell. »Und … Kohlwurz.«

»Kohlwurz?«

»Mir – war kalt. Ich dachte … es könnte Nachtkraut auf der …«

»Wer stellt Klingengift aus Nachtkraut her?« Apfel schüttelte den Kopf. »Wo ist dein Angreifer?«

»Fort.« Kessels Augen fielen zu, und ihr Kopf sank nach hinten.

Apfel biss sich auf die Lippen. Ganz gleich, was der oder die Noi-Guin verwendet hatte, die Schwarzkur hätte mehr Wirkung zeigen müssen. Sie schmeckte Blut und runzelte die Stirn. Ihr Gedächtnis war leer. Trotz ihres umfassenden Wissens fielen ihr keine Ursache und kein Heilmittel ein.

Verzweiflung schnürte ihr die Brust zu. Flüsternd zählte sie Gifte auf, doch auf keines passten die Symptome. Schattenranken griffen nach Kessel, strichen über sie hinweg. Mit gerunzelter Stirn starrte Apfel auf sie nieder. Ihre Gedanken rasten. Auf dem weißen Stück Handgelenk, das aus Kessels Ärmel ragte, folgte eine Schattenlinie der kräftigsten Ader.

»Nein, was?« Apfel machte eine Handbewegung zu Kessel hin, und die Schatten wuschen wie eine dunkle Meereswoge über ihre Liebste hinweg. Als sie sich zurückzogen, blieben Schattenspuren zurück, die Kessels Adern nachzeichneten wie Eisenpulver ein Magnetfeld. »Tatsächlich!«

Sie legte die Hände um Kessels Gesicht. »Wach auf! Kessel, wach auf!« Kessel lag so schlaff da wie vor Stunden die beiden Durnen. Apfel ohrfeigte sie. »Wach auf! Es war Dunkelgift.«

»Dann bin ich tot.« Kessels Augen rollten, öffneten sich. »Es tut mir so leid.« Eine glitzernde Träne sammelte sich in ihrem Augenwinkel. Sie hob eine matte Hand an Apfels Wange. »Du blutest.«

Apfel nahm die Finger und küsste sie. »Du bist mein Blut.«

Die Dunkelheit um sie herum wurde dichter, Schatten strömten zu Apfel, verwoben sich.

»Was … machst du?« Kessel runzelte die Stirn, ihre Hand fiel zurück.

»Dich retten.« Ihre Stimme war gepresst von der Anstrengung, so schnell so viel Schatten zusammenzuziehen. Apfel spürte Kälte in ihren Knochen, Schmerz hinter ihren Augen.

»W-wie?« Kessel suchte ihren Blick. »Das ist unmöglich.«

»Und ob das möglich ist.« Apfel sah Kessel nur, weil die Dunkelheit in ihr so kräftig war. Nacht umschloss die beiden, eine Faust aus Schwärze in den Tiefen eines Waldes, der mit jedem gestohlenen Schatten immer heller wurde. »Ich muss dich ins Schattendunkel schieben.«

»Nein.« Kessel schüttelte mühsam den Kopf. »Der Ahne …«

»Ich muss. Es geht nur so.« Apfel sammelte die Dunkelheit um ihre Hände, bis diese selbst für ihre Nachtaugen nur noch ausgeschnittene Löcher an den Enden ihrer Arme waren, ohne Tiefe oder Kontrast. Die Noi-Guin schoben ihre besten Assassinen ins Schattendunkel, so weit es deren Verstand zu ertragen vermochte. Manche zerbrach es. Andere gingen in den dunklen Orten jenseits der Welt verloren. Kessel dagegen hatte Angst, mit ihrer Seele zu bezahlen. Die Kirche lehrte, dass jene, die zu weit ins Dunkel gingen, nicht mehr in den Ahnen eingehen konnten.

»Nicht.« Kessel hatte nicht mehr die Kraft, ihre Hände zu ­heben. »Schwester Rad sagt … der Ahne …«

»Rad und der Ahne können mich mal.« Apfel beugte sich über sie und legte ihr eine Hand auf die Brust, bereit zum Schieben. Mit der anderen Hand umfasste sie den Messergriff. »Du bist mein, und ich werde dich nicht verlieren.« Sie senkte den Kopf. Tränen fielen. »Lass mich machen.« Ihr Mund zuckte, ihre Stim­­me brach. »Bitte.«

»Meine schöne Giftmischerin.« Apfel fand die Kraft, eine Hand zu heben, mit weißen Fingern durch die Flammen von ­Apfels Haar zu streichen. »Vergifte mich.«

Und mit einem Aufschrei drückte Apfel eine schwarze Hand mit aller Kraft nach unten und riss zugleich mit der anderen das Messer aus der Wunde, zog mit dem Stahl und Blut ein tintiges Gift heraus, das der Schwärze entstammte, die zwischen den Sternen wohnt.

 

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Mark Lawrence - Klingentänzer – Das zweite Buch des Ahnen. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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