Verrat – Das Imperium der Ströme, Band 2 ( John Scalzi)

FISCHER TOR

Leseprobe: Verrat – Das Imperium der Ströme, Band 2 (John Scalzi)


Lest hier die ersten Seiten aus "Verrat - Das Imperium der Ströme" von John Scalzi. Der Roman erscheint am 28. August 2019 bei FISCHER Tor.

Was bisher geschah: Die Menschheit hat sich in der ganzen Galaxis ausgebreitet und ein gewaltiges Sternenreich errichtet – ein ebenso mächtiges wie labiles Gefüge aus Planeten und Raumstationen, die alle aufeinander angewiesen sind, um zu überleben. Extra-dimensionale Sternenstraßen, sogenannte »Ströme«, halten das Imperium zusammen. Auf ihnen können Raumschiffe in kürzester Zeit Lichtjahre zurücklegen

Doch dieses feingesponnene Netz ist in Gefahr. Die Zukunft der Galaxis liegt in den Händen dreier Menschen, die als einzige in der Lage sind, den endgültigen Zusammenbruch zu verhindern: Lady Kiva Lagos, die junge Erbin eines mächtigen Handelshauses; Cardenia Wu-Patrick, die als Imperiatox Grayland II. das schwere Erbe ihres Vaters antritt; und der Wissenschaftler Marce Claremont, der die gefährliche Reise ins Zentrum der Galaxis unternimmt, um die Imperatox zu warnen.

 

***Leseprobe***

I

Am Anfang war die Lüge.

Die Lüge bestand darin, dass die Prophetin Rachela, die Gründerin des Heiligen Imperiums der Interdependenten Staaten und der Merkantilen Gilden, Visionen hatte. In diesen Visionen wurde sowohl die Schöpfung als auch die Notwendigkeit jenes weitreichenden Imperiums menschlicher Ansiedlungen prophezeit, das sich über viele Lichtjahre Weltraum erstreckte, lediglich durch das Netz der Ströme verbunden, die metakosmologische Struktur, die Menschen mit Flüssen verglichen. Sie stellten sich einen Strom hauptsächlich deswegen als Fluss vor, weil menschliche Gehirne ursprünglich dazu entwickelt worden waren, ihren Hintern durch die afrikanische Savanne zu schleppen, und sich seitdem kaum verbessert hatten, und deshalb konnten sie buchstäblich nicht begreifen, was es tatsächlich war, also waren es einfach »Flüsse«.

In den sogenannten Prophezeiungen von Rachela war keinerlei mystisches Element enthalten. Die Familie Wu hatte sie frei erfunden. Die Wus, die eine Unternehmensgruppe besaßen und betrieben, darunter Firmen, die Raumschiffe bauten, und andere, die Söldner vermieteten, schauten sich das damalige politische Klima an und beschlossen, dass der Zeitpunkt günstig war, die Kontrolle über die Strommündungen zu erlangen, die Orte, an denen sich die von Menschen begreifliche Raumzeit mit den Strömen verband und es Raumschiffen ermöglichte, in die metaphorischen Flüsse zwischen den Sternen einzutreten und sie wieder zu verlassen. Die Wus verstanden sehr genau, dass die Monopolisierung des Eintreibens von Gebühren ein wesentlich stabileres Geschäftsmodell war, als Dinge zu bauen oder in die Luft zu jagen, je nachdem, welches Unternehmen der Wus man beauftragte. Sie mussten nur eine sinnvolle Begründung finden, warum ausgerechnet sie die Gebühren eintreiben sollten.

Während der Besprechungen der Wus wurden die Prophezeiungen vorgeschlagen, akzeptiert, geschrieben, strukturiert, A/B-getestet und verbessert, bevor man sie Rachela Wu zuschrieb, einem jungen Sprössling der Familie, bereits als wohltätiges Gesicht der Familie Wu öffentlich bekannt und mit einem präzisen Verständnis für Marketing und Publicity ausgestattet. Die Prophezeiungen waren ein Familienprojekt (zumindest das Projekt einiger bedeutender Familienmitglieder – schließlich konnte man nicht jeden einweihen, und zu viele Cousins und Cousinen waren indiskret und taugten lediglich als Trinker und regionale Geschäftsführer), doch es war Rachela, die sie verkaufte.

Die sie wem verkaufte? Der breiten Öffentlichkeit, die von der Idee überzeugt werden musste, dass die entlegenen und unterschiedlichen menschlichen Ansiedlungen unter einem einheitlichen staatlichen Dach zusammengeführt wurden, das im Übrigen von den Wus geleitet werden sollte, die zufällig die Gebühren für interstellare Reisen verwalteten.

Doch selbstverständlich nicht nur Rachela. In jedem Sternensystem stellten die Wus einheimische Politiker und anerkannte Gelehrte ein oder bestachen sie, um die Idee mit politischen und sozialen Argumenten zu bewerben und jene Menschen zu überzeugen, die einen stichhaltigen und logischen Grund brauchten, um auf lokale Eigenständigkeit und Selbstbestimmung zu verzichten und die Herrschaft an eine entstehende politische Vereinigung abzugeben, die bereits als Imperium aufgebaut wurde. Doch für all jene, die entweder nicht so intellektuell eingeschränkt waren oder es schlicht vorzogen, die Idee einer interdependenten Union von einer attraktiven jungen Frau präsentiert zu bekommen, deren harmlose Botschaft von Einigkeit und Frieden sich einfach gut anfühlte – für all jene war die frisch ernannte Prophetin Rachela da.

(Die Wus machten sich nicht die Mühe, die mystische Idee der Interdependenz auch den anderen Familien und großen Konzernen zu verkaufen, zwischen denen sie sich mit ihrer Unternehmensgruppe bewegten. Für jene hatten sie einen anderen Anreiz: Unterstützen Sie den Profitplan der Wus, der sich als altruistische Bemühung um eine Staatsgründung tarnt, und erhalten Sie im Gegenzug ein Monopol auf eine bestimmte langlebige Ware oder Dienstleistung. Faktisch sollten sie ihr gegenwärtiges Geschäftsmodell mit den ärgerlich instabilen Auf-und-ab-Zyklen gegen einen stabilen, vorhersehbaren Ertragsstrom eintauschen, und das für alle Zeiten. Plus einen Rabatt auf die Gebühren, die die Wus auf Reisen durch die Ströme erheben würden. Tatsächlich war es überhaupt kein Rabatt, weil die Wus beabsichtigen, Geld für etwas zu verlangen, das bislang für jeden kostenfrei gewesen war. Doch die Wus gingen zu Recht davon aus, dass diese Familien und Firmen so sehr vom Angebot eines unanfechtbaren Monopols geblendet waren, dass sie nicht protestieren würden. Was sich größtenteils als zutreffend erwies.)

Schließlich benötigten die Wus weniger Zeit als erwartet, um ihren Plan einer Interdependenz durchzuziehen. Innerhalb von zehn Jahren waren die anderen Familien und Unternehmen mit ihren Monopolen und versprochenen Adelstiteln auf Linie, die bezahlten Politiker und Intellektuellen hatten die Argumente geliefert, und die Prophetin Rachela und ihre zügig expandierende Interdependente Kirche versorgten den Rest der Öffentlichkeit. Es gab Verweigerer und Abtrünnige und Rebellionen, die über Jahrzehnte anhielten, aber im Großen und Ganzen hatten die Wus den richtigen Zeitpunkt und das richtige Ziel gewählt. Und was die Querulanten betraf, hatten sie bereits entschieden, dass der Planet Ende, der Außenposten in der neuentworfenen Interdependenz, der am weitesten von allem anderen entfernt war und nur eine einzige Strommündung hatte, die hinein- und hinausging, der offizielle Abladeplatz für alle sein sollte, die sich ihnen in den Weg stellten.

Rachela, die längst das öffentliche und spirituelle Gesicht der Interdependenz war, wurde unter (sorgsam inszeniertem) Beifall zur ersten »Imperatox« gewählt. Dieser geschlechtsneutrale Titel wurde ausgesucht, weil sich in Tests erwiesen hatte, dass er bei fast allen Marktsegmenten als frische, neue und freundliche Variante des »Imperators« Anklang fand.

Diese kompakte und stark gekürzte Geschichte der Gründung der Interdependenz mag den Eindruck erwecken, dass niemand die Lüge in Frage gestellt hätte – dass Milliarden von Menschen unkritisch die Fiktion der Prophezeiungen Rachelas schluckten. Das war keineswegs der Fall. Die Menschen stellten die Lüge durchaus in Frage, genauso wie sie es mit jeder Pop-Spiritualität tun würden, die sich in eine tatsächliche Religion zu verwandeln drohte, und reagierten beunruhigt, als sie immer mehr Zuspruch, Anhänger und Anerkennung fand. Auch waren die zeitgenössischen Beobachter keinesfalls blind für die Machenschaften der Familie Wu, während diese nach imperialer Macht strebte. All das stand im Zentrum händeringender Leitartikel, Nachrichtensendungen und gelegentlich eingebrachter Gesetzentwürfe.

Was die Familie Wu ihnen voraushatte, war Organisation, Geld und Verbündete in Gestalt der anderen nunmehr adligen Familien. Die Errichtung des Heiligen Imperiums der Interdependenten Staaten und der Merkantilen Gilden war ein heranstürmender Moschusochse, und die skeptischen Beobachter waren ein Mückenschwarm. Keiner fügte dem anderen nennenswerten Schaden zu, und am Ende gab es ein Imperium.

Ein anderer Grund, warum die Lüge funktionierte, war der Umstand, dass die Prophetin-Imperatox Rachela unmittelbar nach der Gründung der Interdependenz erklärte, ihre Visionen und Prophezeiungen wären im Wesentlichen und fürs Erste vorbei. Sie übertrug alle amtliche Macht über die Verwaltung der Interdependenten Kirche dem Erzbischof von Xi’an und einem Komitee aus Bischöfen, die einen guten Deal erkannten, wenn sie einen sahen. Sie bauten schnell eine Organisation auf, die den explizit spirituellen Aspekt der Kirche beiseiteschob, der nunmehr das Gewürz der neuen Religion und nicht ihr Hauptgericht war.

Mit anderen Worten, weder Rachela noch die Kirche reizten das spirituelle Blatt während der kritischen frühen Jahre der Interdependenz, als sich das Imperium zwangsläufig im fragilsten Zustand befand, allzu sehr aus. Rachelas imperiale Nachfolger, von denen keiner den »prophetischen« Teil ihres Titels übernahm, folgten größtenteils ihrem Vorbild und hielten sich aus Kirchenangelegenheiten heraus, abgesehen von ausschließlich zeremoniellen Auftritten – zur großen Erleichterung der Kirche, bis diese, während die Jahrhunderte vergingen, gar nichts anderes mehr erwartete.

Selbstverständlich gestand die Kirche niemals die Lüge von Rachelas Visionen und Prophezeiungen ein. Warum hätte sie das auch tun sollen? Zum einen hatten weder Rachela noch die Familie Wu außerhalb von Familienkonferenzen jemals ausdrücklich darüber gesprochen, dass die spirituelle Seite der Interdependenten Kirche komplett erfunden war. Niemand würde von Rachelas Nachfolgern erwarten, ob als Imperatox oder Kirchenoberhaupt, dass sie es zugaben oder auch nur öffentlich ihren Argwohn äußerten und damit ihre eigene Autorität untergruben. Danach ging es nur noch darum, abzuwarten, bis die Visionen und Prophezeiungen zur Doktrin wurden.

Zum anderen gingen Rachelas Vorhersagen größtenteils in Erfüllung. Das war ein Beleg für die Tatsache, dass die »Prophezeiung« der Interdependenz zwar umfangreich, aber auch praktisch umsetzbar war, wenn man den Ehrgeiz, das Geld und ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit mitbrachte, worüber die Familie Wu hinreichend verfügte. Rachelas Prophezeiungen verlangten von niemandem, seine Lebensweise in den kleinen Dingen des Alltags zu ändern. Sie forderte einen lediglich dazu auf, das Regierungssystem zu wechseln, damit jene, die ganz oben standen, noch mehr Macht und Kontrolle und Geld erhielten als zuvor. Und wie sich herausstellte, war das gar nicht allzu viel verlangt.

Und schließlich ergab es sich, dass die Familie Wu damit keineswegs falschgelegen hatte. Die Menschheit war weit verstreut, und von allen Sternensystemen, die von den Strömen berührt wurden, hatte, soweit bekannt war, nur eines einen Planeten, auf dem menschliches Leben im Freien existieren konnte, und das war Ende. Alle Menschen in all den anderen Systemen lebten in Habitaten auf Planeten oder Monden oder im Weltraum schwebend, alle waren in ihrer Isolation schrecklich verwundbar, keins war in der Lage, sämtliche Rohstoffe zu gewinnen, die zum Überleben notwendig waren, oder alle Dinge zu produzieren, die sie zum Leben benötigten. Die Menschheit brauchte die Interdependenz, um zu überleben.

Ob sie die Interdependenz als politische, soziale und religiöse Struktur brauchte, um diese Interdependenz zu verwirklichen, war äußerst fraglich, doch ein Jahrtausend später war es zu einer müßigen Frage geworden. Die Familie Wu hatte sich einen Weg ausgedacht, langfristig und nachhaltig politische und gesellschaftliche Macht für sich zu gewinnen, ihn dann eingeschlagen und dabei eine Lüge als Werkzeug benutzt, um alle anderen auf diesem Weg mitzunehmen. Zufällig hatten die Wus gleichzeitig ein System erschaffen, in dem die meisten Menschen ein angenehmes Leben führen konnten, ohne dass die existentielle Furcht vor der Isolation, der Entropie, dem unvermeidlichen schrecklichen Kollaps der Gesellschaft und dem Tod von allen, die ihnen lieb waren, in jeder Sekunde jedes Tages über ihren Köpfen hing.

Die Lüge funktionierte für alle sehr gut – mehr oder weniger. Das Ganze war phantastisch für die Wus, ziemlich toll für den Rest der adligen Klasse und im Allgemeinen durchaus in Ordnung für die meisten anderen Leute. Wenn eine Lüge negative Konsequenzen hat, stößt sie auf Ablehnung. Aber wenn nicht? Dann machen die Leute weiter, und irgendwann ist die Lüge als Lüge vergessen oder in diesem Fall als Grundlage der Religion kodifiziert und zu etwas Hübscherem und Netterem geschliffen und poliert.

Rachelas Visionen und Prophezeiungen waren eine Lüge, die exakt so funktionierte, wie sie geplant war. Was bedeutete, dass Visionen und Prophezeiungen als Doktrin weiterhin ein Grundpfeiler der Interdependenten Kirche waren – allerdings nur solche, die von Propheten stammten. Es hatte eine Prophetin gegeben, und diese war zur ersten Imperatox geworden. Es gab keine Kirchendoktrin, die es anderen Imperatoxen untersagte, prophetische Gaben für sich zu beanspruchen. Die Kirchendoktrin legte sogar nahe, dass die visionäre Macht der Prophezeiung ein Geburtsrecht der Imperatoxe war. Schließlich konnten alle achtundachtzig ihre Herkunft auf die Prophetin-Imperatox Rachela höchstpersönlich zurückführen, die nicht nur die Mutter der Interdependenz, sondern auch von sieben Kindern gewesen war, einschließlich Drillingen.

Jede und jeder Imperatox war laut Doktrin in der Lage, Visionen zu haben und Prophezeiungen auszusprechen. Nur dass mit Ausnahme von Rachela selbst keine oder keiner von ihnen es jemals tat.

Zumindest bis jetzt.

Im Vorzimmer des Konferenzraums des Exekutivkomitees, dem Raum, der im Imperialen Palast jener Gruppe überlassen worden war, von der sie die Vorsitzende war, hielt Erzbischöfin Gunda Korbijn abrupt inne, womit sie ihren Assistenten überraschte, und senkte den Kopf.

»Euer Eminenz?«, sagte ihr Assistent, ein junger Priester namens Ubes Ici.

Korbijn hob eine Hand, um die Frage abzuwehren, und stand einen Moment lang da, während sie ihre Gedanken sammelte.

»Früher war es einfacher«, sagte sie leise.

Dann lächelte sie wehmütig. Sie hatte beabsichtigt, ein kleines Gebet zu sprechen, in dem sie um Geduld und Gelassenheit angesichts dessen bitten wollte, was voraussichtlich ein langer Tag und Monat wurde und möglicherweise sogar der Rest ihrer Karriere. Doch am Ende kam etwas völlig anderes heraus.

Tja, eigentlich musste man dieser Tage ständig mit so was rechnen.

»Haben Sie etwas gesagt, Euer Eminenz?«, fragte Ici.

»Nur zu mir selbst, Ubes«, antwortete Korbijn.

Der junge Priester nickte und wies dann auf die Tür des Konferenzraums. »Die übrigen Mitglieder des Exekutivkomitees sind bereits da. Abgesehen von der Imperatox, versteht sich. Sie wird zum vereinbarten Zeitpunkt eintreffen.«

»Vielen Dank«, sagte Korbijn und schaute zur Tür.

»Alles in Ordnung?«, fragte Ici, als er dem Blick seiner Chefin folgte. Ici war respektvoll, aber Korbijn wusste, dass er nicht dumm war. Er war sich der jüngsten Ereignisse sehr wohl bewusst. Sie konnten ihm nicht entgangen sein. Weder ihm noch sonst jemandem. Sie hatten die Kirche erschüttert.

»Mir geht es gut«, versicherte ihm Korbijn. Sie machte sich auf den Weg zur Tür, und Ici begleitete sie, doch dann hob Korbijn erneut die Hand. »Ausschließlich Komiteemitglieder bei dieser Konferenz«, sagte sie und sah die ungestellte Frage in Icis Gesicht. »Bei dieser Besprechung dürfte es zu einem offenen Austausch von Ansichten kommen, und es ist das Beste, wenn das alles in diesem Raum bleibt.«

»Ein offener Austausch von Ansichten«, wiederholte Ici skeptisch.

»Ja«, bestätigte Korbijn. »Das ist der Euphemismus, mit dem ich mich im Moment begnügen werde.«

Ici runzelte die Stirn, dann verbeugte er sich und trat zur Seite.

Korbijn blickte auf, brachte ein Gebet dar, diesmal wirklich, und drängte sich dann durch die Türhälften in den Konferenzraum.

Der Raum war groß und übertrieben verziert, wie es nur ein Zimmer im Imperialen Palast sein konnte, vollgestopft mit Krempel, der sich im Laufe von Jahrhunderten durch Kunstgeschenke, Mäzenatentum und Erwerbungen von Imperatoxen mit mehr Geld als Geschmack angesammelt hatte. Entlang der gegenüberliegenden Wand floss ein Wandbild, das einige der großen historischen Gestalten darstellte, die im Laufe der Jahre dem Exekutivkomitee angehört hatten. Es stammte von dem Künstler Lambert, der den Hintergrund im Stil der italienischen Renaissance und die Personen davor im frühen Realismus der Interdependenz gemalt hatte. Seit ihren ersten Tagen im Komitee hatte Korbijn das Werk als entsetzliches Sammelsurium und die heldenhafte Zeichnung der Figuren als fast schon amüsante Übertreibung der Bedeutung des Exekutivkomitees empfunden, wenn man bedachte, wie es im Alltag arbeitete.

Niemand wird dieses Komitee zum Motiv eines Wandbildes machen, dachte Korbijn, während sie sich dem langen Tisch näherte, der von zehn kunstvoll gestalteten Stühlen umgeben war. Acht dieser Stühle waren bereits von den beiden anderen Vertretern der Kirche, drei Mitgliedern des Parlaments und drei Repräsentanten der Adelsfamilien und der von ihnen geleiteten Gilden besetzt. Einer der verbleibenden Stühle an einem Ende des Tisches war für sie als Vorsitzende des Komitees vorgesehen und der andere für den jeweiligen Imperatox, derzeit Grayland II., der Anlass für Korbijns gegenwärtige Kopfschmerzen.

Woran sie genau in der Sekunde erinnert wurde, als sie ihren Platz einnahm.

»Was soll dieser Scheiß, von wegen die Imperatox hat Visionen?«, sagte Teran Assan, Sprössling des Hauses Assan und der jüngste Zugang zum Komitee. Er war ein hastiger (wie Korbijn fand, eher ein überhasteter) Ersatz für Nadashe Nohamapetan, die sich derzeit wegen Mordes, Hochverrats und versuchten Mordes an der Imperatox in imperialem Gewahrsam befand.

Korbijn vermisste ihre vergleichsweise höfliche Gegenwart. Nadashe mochte eine Verräterin sein, aber sie hatte Manieren. Assans jetziger Ausbruch war bedauerlicherweise typisch für ihn. Er gehörte zu jenen Leuten, die glaubten, gesellschaftliche Umgangsformen wären nur etwas für die Schwachen.

Korbijn blickte sich am Tisch um und beobachtete die anderen Reaktionen auf Assans Worte, die von Entrüstung bis zur bedauernden Einsicht reichten, dass Assans Verhalten vermutlich einen neuen, tiefer liegenden Maßstab für schlechtes Verhalten setzte.

»Und auch Ihnen einen guten Morgen, Lord Teran«, sagte Korbijn. »Wie schön, dass Sie unsere Konferenz mit einem Feuerwerk von Höflichkeiten beginnen.«

»Wollt Ihr Höflichkeiten hören, während unsere Imperatox verkündet, sie hätte religiöse Wahnvorstellungen vom Ende der Interdependenz und von der Zerstörung des Gildensystems?«, erwiderte Assan. »Mir scheint eher, Euer Eminenz, dass Ihr Gefühl für Prioritäten völlig aus dem Gleichgewicht ist.«

»Andere Mitglieder des Komitees zu beleidigen ist keine sehr effektive Arbeitsmethode, Lord Teran«, sagte Upeksha Ranatunga, die hochrangige Parlamentarierin im Komitee. Assan war bei Ranatunga angeeckt, seit er dem Komitee angehörte. Das kostete einige Mühe, wie Korbijn wusste. Ranatunga war das Paradebeispiel einer praktischen Politikerin. Sie machte es sich zur Aufgabe, mit allen zurechtzukommen, insbesondere mit den Leuten, die sie nicht ausstehen konnte.

»Ich möchte Ihnen einen Gegenbeweis geben«, sagte Assan. »Während des vergangenen Monats hat unsere geliebte Imperatox verkündet, dass sie an einen Kollaps der Ströme glaubt, was das Ende unserer Methode des Reisens zwischen den Sternen bedeuten würde, und zauberte irgendeinen provinziellen Wissenschaftler herbei, von dem nie jemand etwas gehört hatte, um ihre Behauptung zu untermauern. Diese Behauptung löst wirtschaftliche und soziale Unruhen aus, obwohl andere Wissenschaftler diese Aussagen anfechten. Und in Reaktion darauf beruft sich die Imperatox nun auf mystische Botschaften.«

Assan deutete auf Korbijn. »Und Ihre Eminenz hier möchte Höflichkeiten austauschen. Gut. Hallo, Euer Eminenz. Sie sehen gut aus. Allerdings ist es dumm und unnötig, Zeit auf Höflichkeiten zu verschwenden, denn zufällig hat, falls es Ihnen entgangen sein sollte, die Herrscherin über das Imperium verdammte Visionen, also sollten wir vielleicht auf die Höflichkeiten verzichten und uns darauf konzentrieren. Was meinen Sie dazu?«

»Und wie lauten Ihre Einwände gegen diese Visionen, Lord Teran?«, fragte Korbijn so freundlich wie möglich, während sie die Hände verschränkte.

»Wollen Sie mich veralbern?« Assan beugte sich auf seinem Stuhl vor. »Erstens, es ist offensichtlich, dass die Imperatox behauptet, Visionen zu haben, weil sich Widerstand gegen ihre Idee bemerkbar macht, dass sich die Ströme schließen werden. Sie versucht, um das Parlament und die Gilden herumzumanövrieren, die sich ihr widersetzen. Zweitens, bislang hat die Kirche – Ihr Metier, Euer Eminenz – ihr dabei Rückendeckung gegeben. Drittens, falls sie Visionen hat und sie nicht nur als praktisches Druckmittel benutzt, leidet unsere neue junge Imperatox in Wirklichkeit unter Wahnvorstellungen, und das könnte ein durchaus drängendes Problem sein. All diese Punkte müssen jetzt besprochen werden.«

»Die Kirche gibt der Imperatox keine Rückendeckung«, sagte Bischof Shant Bordleon, der als zweitjüngstes Mitglied des Komitees Assan genau gegenübersaß.

»Wirklich?«, gab Assan zurück. »Ich habe keinen Pieps von der Kirche gehört, seit Grayland vor zwei Tagen ihre kleine Rede in der Kathedrale hielt. Das sind nur ein paar Nachrichtenzyklen. Inzwischen hätten Sie sich längst dazu äußern können. Vielleicht mit einer Gegendarstellung.«

»Die Imperatox ist das Kirchenoberhaupt«, sagte Bordleon in einem Tonfall, als würde er ein ausgesprochen störrisches Kind belehren. »Hier geht es nicht um einen kleinen Priester, der in einem abgelegenen Bergbauhabitat abtrünnig wird und dem wir sagen können, dass er sich wieder einfügen soll.«

»Also ist es bei Imperatoxen anders«, konterte Assan sarkastisch.

»Das ist es in der Tat«, sagte Korbijn. »Die Imperatox hat sich förmlich an die Bischöfe gewandt und ex cathedra gesprochen, nicht in ihrer Funktion als weltliches Oberhaupt des Imperiums, sondern in ihrer kirchlichen Rolle als Nachfolgerin der Prophetin. Wir können nicht einfach von uns weisen, was sie in diesem Kontext gesagt hat. Genauso wenig können wir ihr widersprechen. In der Kirche können wir bestenfalls damit arbeiten. Es interpretieren.«

»Wahnvorstellungen interpretieren.«

»Visionen interpretieren.« Korbijn blickte sich am Tisch um. »Die Interdependente Kirche wurde auf Grundlage der Visionen der Prophetin Rachela geschaffen, die gleichzeitig zur ersten Imperatox der Interdependenz wurde. Beide Rollen waren seit der Schaffung des Imperiums miteinander verknüpft. Grayland hat nichts Strittiges getan. Die Kirche wurde ungeachtet ihrer aktuellen Verfassung auf Visionen spiritueller Natur gegründet. Unsere Doktrin erkennt an, dass der Kardinal von Xi’an und Nabe als Oberhaupt der Kirche spirituelle Visionen haben kann, genauso wie Rachela. Und dass diese Visionen offenbarenden Charakter haben und sich auf die Doktrin auswirken können.«

»Und Sie erwarten von uns, dass wir das einfach mitmachen«, sagte Assan.

»Auf wen beziehen Sie sich mit dem Wörtchen ›wir‹?«, fragte Korbijn.

»Zum einen die Gilden.« Assan zeigte auf Ranatunga. »Zum anderen das Parlament.«

»Es gibt immer noch Gesetze gegen Blasphemie«, bemerkte Bordleon. »Sie kommen sogar gelegentlich zur Anwendung.«

»Wie praktisch«, sagte Assan.

»Lord Teran hat nicht ganz unrecht«, sagte Ranatunga, und Korbijn musste Ranatunga ausnahmsweise dafür bewundern, dass sie so etwas sagen konnte, ohne handgreiflich zu werden. »Ob es laut Doktrin korrekt ist oder nicht, seit Menschengedenken hat kein Imperatox aktiv den Mantel des Kirchenoberhaupts für sich beansprucht. Und erst recht hat keiner behauptet, Visionen zu haben.«

»Sie halten das Timing für verdächtig«, sagte Korbijn zu Ranatunga.

»›Verdächtig‹ ist nicht das Wort, das ich benutzen würde«, entgegnete Ranatunga höflich wie stets. »Aber ich bin auch nicht blind für Graylands politische Lage. Lord Teran hat recht. Mit ihren Behauptungen zu den Strömen hat sie die Funktion der Regierung beeinträchtigt. Sie hat die Menschen in Panik versetzt. Die Antwort darauf wäre, sich nicht auf Prophezeiungen zu berufen, sondern auf Wissenschaft und Vernunft.«

Korbijn runzelte leicht die Stirn. Ranatunga bemerkte es und hob beschwichtigend eine Hand. »Das ist keine Kritik an der Kirche oder ihren Doktrinen«, sagte sie. »Aber Sie müssen zugeben, Gunda, dass es nicht das ist, was von Imperatoxen erwartet wird. Wir sollten sie zumindest danach fragen. Umstandslos.«

Eine Benachrichtigung pingte auf Korbijns Tablet. Sie las sie, erhob sich und forderte die anderen auf, es ebenfalls zu tun. »Sie werden in Kürze die Gelegenheit dazu erhalten, Up. Sie ist hier.«

II

Der Moment, auf den Imperatox Grayland II. gewartet hatte, kam am Ende einer langen und offen gesagt todlangweiligen Sitzung.

»Euer Majestät, vielleicht sollten wir noch ein wenig über Ihre … Visionen diskutieren«, sagte Erzbischöfin Gunda Korbijn. Rund um den Tisch wandten sich ihr die Köpfe der Mitglieder des Exekutivkomitees zu, das die Aufgabe hatte, die Imperatox bei der Verwaltung der Interdependenz zu beraten, ob sie den Rat nun annehmen wollte oder nicht.

Auf diesen neun Gesichtern bemerkte Grayland unterschiedliche Gefühlsregungen. Einige zeigten Besorgnis, wofür sie Verständnis hatte. Einige zeigten Verachtung, wofür sie keins hatte. Andere zeigten wahlweise Belustigung, Verärgerung, Entrüstung oder Verwirrung. Manche Gesichter zeigten eine Kombination aus einigen oder allen diesen Emotionen.

Grayland II., Imperatox des Heiligen Imperiums der Interdependenten Staaten und der Merkantilen Gilden, Königin von Nabe und der Assoziierten Nationen, Oberhaupt der Interdependenten Kirche, achtundachtzigste Imperatox des Hauses Wu, studierte all diese Gesichter, nahm die Mienen rund um den Tisch in sich auf, schätzte die Emotionen der – von ihr selbst abgesehen – neun wohl mächtigsten Personen im bekannten Universum ein.

Und dann lachte sie.

Womit sie sich bei ihnen nicht beliebter machte.

»Sie halten Uns für verrückt«, sagte Grayland und verwendete das imperiale »Wir«, weil sie in diesem Moment sehr damit beschäftigt war, die Imperatox zu sein, und weil sie den Pluralis Majestatis ohne ungebührliche Überheblichkeit benutzen konnte.

»Niemand hat etwas Derartiges auch nur angedeutet«, sagte Korbijn hastig.

»Wir sind uns äußerst sicher, dass das nicht die Wahrheit ist«, erwiderte Grayland leichthin. »Gewiss hat niemand hier an diesem Tisch in Unserem Beisein so etwas behauptet. Aber Wir sind nicht so naiv zu glauben, dass in Unserer Abwesenheit solche Dinge nicht nur geflüstert, sondern laut ausgesprochen, gelegentlich möglicherweise sogar laut ausgerufen werden.«

Grayland bemerkte, wie sich daraufhin mehrere Augenpaare auf Teran Assan richteten, das neueste Mitglied des Komitees. Was sie nicht unbedingt überraschte.

»Wir alle sind loyal, Euer Majestät«, sagte Upeksha Ranatunga.

Grayland wandte sich Ranatunga zu. »Wir haben keinen Grund, an der Loyalität des Komitees zu zweifeln«, sagte sie freundlich. Es war Ranatunga gewesen, die den besorgten Gesichtsausdruck gezeigt hatte. »Mir gegenüber und der Interdependenz. Gleichzeitig ist Uns bewusst, wohin ›Loyalität‹ besorgte Menschen treiben kann, wenn sie glauben, die Person, der ihre Loyalität gilt, sei nicht mehr ganz bei Sinnen.«

»Also wünscht Euer Majestät Gehorsam«, sagte Assan. Er war derjenige mit der verächtlichen Miene gewesen, wobei der Gerechtigkeit halber erwähnt werden sollte, dass er diesen Ausdruck zeigte, seit er vor ein paar Wochen diesen Sitz übernommen hatte.

»Wir hoffen auf Ihr Vertrauen«, sagte Grayland und blickte sich am Tisch um. »Sie können Uns glauben, dass Wir verstehen, wie schwer Ihnen dieses Vertrauen fallen dürfte. Bis jetzt hat kein Imperatox seit Rachela visionäre Offenbarungen für sich in Anspruch genommen. Ein Jahrtausend lang haben sich die Imperatoxe damit begnügt, sich aus dem prophetischen Metier herauszuhalten. Und selbst jene von uns, die unter Wahnvorstellungen litten, hielten sie aus der religiösen Sphäre heraus. Als Attavio II. zum Ende seiner Herrschaftszeit alkoholbedingte Halluzinationen hatte, sah er juwelengeschmückte Hühner im Palast herumrennen.« Grayland gluckste und bemerkte dann, dass sonst niemand am Tisch amüsiert reagierte.

»Einige von uns sorgen sich, Ihre Visionen könnten größere Ähnlichkeit mit Hühnern als mit tatsächlichen Offenbarungen haben«, sagte Assan, und Grayland beobachtete, wie sich acht Augenbrauenpaare, die den übrigen Komiteemitgliedern gehörten, in unterschiedlichen Graden der Erschütterung und Überraschung hoben.

Grayland lachte erneut. »Vielen Dank, Lord Teran«, sagte sie. »Ich wünschte, alle unsere Berater wären so ehrlich in ihren Meinungsbekundungen.«

»Ich habe das nicht gesagt, um Ihre Gunst zu gewinnen«, erwiderte Assan.

»Seien Sie versichert, das Wir nie etwas Derartiges vermutet haben«, sagte Grayland. Sie wandte sich Korbijn zu, der Vorsitzenden des Exekutivkomitees. »Und da wir erwartet haben, dass diese Angelegenheit dem Komitee Grund zur Besorgnis geben wird, ganz zu schweigen von der Interdependenz als Ganzes, haben Wir bereits den imperialen Arzt Qui Drinin angewiesen, sich dem Exekutivkomitee uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen, um Unseren derzeitigen physischen und mentalen Zustand zu erläutern. Sie dürfen ihn fragen, was Sie möchten.«

»Das ist gut«, sagte Korbijn. »Wir werden ihn sehr bald vorladen.«

Grayland nickte und widmete ihre Aufmerksamkeit dann wieder Assan. »Unsere Visionen sind keine Phantomhühner, Lord Teran. Dabei handelt es sich um etwas ganz anderes. Wir können nicht behaupten, Wir hätten es uns so gewünscht. Die Zeiten sind im Moment schon schwierig genug, auch ohne diesen spirituellen Aspekt. Aber Wir sind die Imperatox und stammen in direkter Linie von der Prophetin Rachela ab. In Unseren Adern fließt dasselbe Blut wie seinerzeit in ihren. Dies ist das Heilige Imperium der Interdependenten Staaten, und das Imperium hielt es für angebracht, den Thron ein Jahrtausend lang dem Haus Wu zu überantworten. Somit wäre es keineswegs abwegig, davon auszugehen, dass einer der Gründe dafür darin bestand, die Möglichkeit neuer Prophezeiungen offenzuhalten.«

»Ich bin skeptisch, ob Prophezeiungen auf einer genetisch vererblichen Eigenschaft beruhen, Euer Majestät«, sagte Assan.

»Nun, wenn Wir ehrlich sind, sehen Wir das genauso«, sagte Grayland. »Und dennoch ist es so. Wir sind wie Rachela das Oberhaupt der Interdependenten Kirche, einer Kirche, die auf Grundlage von Offenbarungen geschaffen wurde. Wie Rachela hatten Wir unsere Offenbarung am Scheitelpunkt einer immensen Veränderung der menschlichen Existenz im Weltraum. Wie Rachela sind Wir berufen, Unser Volk durch die Krisenzeit zu führen.«

»Damit meinen Sie den Kollaps der Ströme, den Ihr Wissenschaftler behauptet.«

Grayland lächelte. »Haben Sie die Liste der Schiffe gesehen, die während des vergangenen Monats von Ende nach Nabe kamen, Lord Teran? Wir haben sie gesehen. Die Liste ist sehr kurz, weil die Gesamtzahl null beträgt. Sie sind hier nicht eingetroffen, weil sie Ende nie verlassen haben. Der Strom von hier nach dort ist bereits kollabiert. Wenn Wir uns recht entsinnen, ist eines von Ihren Schiffen unter jenen, die überfällig sind, womit Wir meinen, dass es dem Haus Assan gehört. Es sollte vor drei Wochen von Ende zurückkehren. Wir meinen Uns erinnern zu können, dass Unser Gebührenverwalter es erwähnte.«

Assan machte einen unbehaglichen Eindruck. »Es befindet sich immer noch innerhalb eines akzeptablen Ankunftsfensters.«

»Und auf Ende ist ein Bürgerkrieg im Gange«, bemerkte Ranatunga. »Das dürfte gewisse Auswirkungen auf den Schiffsverkehr haben.«

»Das Komitee mag sich den Luxus erlauben, prosaische Gründe für die verspätete Ankunft jedes einzelnen Schiffs aus einem unserer Staaten anzunehmen«, sagte Grayland. »Wir tun es nicht. Graf Claremont hat auf Anweisung Unseres Vaters drei Jahrzehnte lang die Daten der Ströme studiert und nahezu stundengenau den Kollaps des Stroms von Ende nach Nabe vorausgesagt. Innerhalb eines Monats wird der Strom von Nabe nach Terhathum sehr wahrscheinlich der Nächste sein. Wir haben all diese Daten diesem Komitee, dem Parlament und den Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt, und Lord Marce, der Sohn des Grafen Claremont, steht bereit, diese Daten jedem zu erklären, der es hören möchte.«

»Und dennoch sind weder das Parlament noch die Wissenschaftler vollständig überzeugt«, murmelte Korbijn.

»Es sind eine Menge Daten, die auszuwerten wären, doch leider ist die Zeit knapp«, sagte Grayland. »Zu Unserem Bedauern müssen Wir sagen, dass sie erst dann überzeugt sein werden, wenn der Terhathum-Strom kollabiert.«

»Falls«, sagte Assan.

Grayland schüttelte den Kopf. »Wenn.«

»Und das haben Sie in Ihren Visionen gesehen?«, hakte Assan nach.

Dazu lächelte Grayland. »Man braucht keine Visionen, wenn man Daten hat. Doch in beiden Fällen muss man bereit sein, sie zu sehen. Wir drängen darauf, dass dieses Komitee beides sieht. Sie müssen die Daten begreifen. Wir brauchen Ihr Vertrauen. Und wenn Sie zu beidem außerstande sind, dann, ja, Lord Teran, dann würden Wir auch simplen Gehorsam akzeptieren. Das dürfte vorläufig genügen.« Sie stand auf und nötigte damit ihr Exekutivkomitee, es ihr gleichzutun. Dann nickte sie ihnen zu und verließ den Raum.

»Ich glaube, ich habe möglicherweise einen Fehler gemacht«, sagte Cardenia Wu-Patrick zum Geist ihres Vaters.

Attavio VI., genauer gesagt sein Geist, oder noch genauer gesagt die Computersimulation von Attavio VI., die nach lebenslang aufgezeichneten Erinnerungen, Emotionen und Handlungen gestaltet war, nickte. »Möglicherweise«, bestätigte er.

»Danke«, sagte Cardenia, die in ihrer Majestätsrolle Grayland II. genannt wurde. »Dein Vertrauensvotum ist äußerst beruhigend.«

Die beiden befanden sich im Gedächtnisraum, einem großen und überwiegend schmucklosen Zimmer, das nur dem amtierenden Imperatox zugänglich war. Hier gab es einen virtuellen Assistenten namens Jiyi, der, wenn er darum gebeten wurde, den Avatar jedes vorherigen Imperatox aufrufen konnte, bis hin zu Rachela, der allerersten. Wenn Cardenias Zeit als Imperatox zu Ende war, würden auch ihre Erinnerungen, Emotionen und Handlungen hier gespeichert werden, um jenen zu dienen, die ihr als Imperatox nachfolgen sollten.

Falls es dann noch welche gab, was für Cardenia in diesem Moment eine Frage war, auf die sie keine gute Antwort hatte.

»Ich habe dir lediglich zugestimmt«, sagte Attavio VI. »Du wirkst bestürzt, und ich dachte, du würdest dich vielleicht besser fühlen, wenn ich dir beipflichte.«

»Nicht in diesem speziellen Fall, ehrlich gesagt. Wir sollten an der Fähigkeit deines Programms arbeiten, emotionale Regungen zu deuten.«

»Nun gut.« Attavio verschränkte die Hände und blieb stehen, während seine Tochter sich setzte. »Gib mir mehr Details von dem, wobei du glaubst, einen Fehler gemacht zu haben.«

»Meine Bekanntgabe, dass ich Visionen habe.«

»Über das Ende der Interdependenz.«

»Ja.«

»Oh. Das. Ja, wahrscheinlich hast du damit tatsächlich einen Fehler gemacht.«

Cardenia warf die Hände hoch.

»Ich frage mich, was du erwartet hast«, sagte Attavio VI.

»Im Ernst?«

»Insoweit ich dazu imstande bin, ja.«

»Sag mir, warum.«

»Du versuchst nachzuahmen, was Rachela getan hat, aber du hast andere Ausgangsbedingungen als sie. Du hast nicht die Unterstützung der Familie Wu oder ihrer Ressourcen, um dir in anderen Bereichen behilflich zu sein. Du hast nicht genug Einfluss auf die Adelshäuser, um Vereinbarungen zu treffen. Deine einzige Unterstützung kommt wahrscheinlich von der Interdependenten Kirche, und auch das nur widerstrebend. Und zu guter Letzt gründest du kein Imperium. Du versucht, eins zu demontieren. Eins, das eintausend Jahre lang erfolgreich existiert hat.«

»Ich weiß das alles«, sagte Cardenia. »Ich habe auch bedacht, dass sich bereits ein Strom geschlossen hat und bald weitere folgen werden. Ich weiß, dass ich nicht genug Zeit habe, einen Konsens mit dem Parlament oder unter den Gilden oder auch nur unter den Wissenschaftlern herzustellen, bevor alles anfängt auseinanderzufallen. Ich muss schon vor der Krise auf eine Weise aktiv werden, die es mir ermöglicht, so viele Menschen wie möglich zu retten. Das geht nur mit Hilfe der Kirche. Und damit das funktioniert, muss es so geschehen, dass die Kirche nicht auf Basis ihrer Doktrinen widersprechen kann. Indem ich Prophezeiungen mache.«

»Du verstehst, dass ›nicht auf Basis ihrer Doktrinen widersprechen‹ etwas anderes ist als ›nicht widersprechen‹«, sagte Attavio VI. »Eine Kirche ist eine Institution, die von der Religion unabhängig ist, der sie dient. Sie besteht aus lauter Menschen. Und du weißt, wie Menschen sind.«

Cardenia nickte. »Ich dachte, ich hätte das verstanden.«

»Aber jetzt hast du Zweifel.«

»Genau. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich die Kirche sofort umstimmen kann. So dumm bin ich nicht. Aber ich dachte, es würde mehr Kooperation geben. Mehr Verständnis für das, was ich tue.«

»Das hast du der Führungsebene der Kirche nicht erklärt«, sagte Attavio VI.

Cardenia schnaufte und sah ihren Vater an. »So dumm bin ich auch nicht«, sagte sie. »Was die Kirche angeht, stehe ich mit abgeklärter Zuversicht zu meinen Visionen. Genauso dem Exekutivkomitee gegenüber. Ich habe mich heute mit den Mitgliedern getroffen und ihnen allen gesagt, dass ich ihr Vertrauen brauche. Ich dachte, zumindest der Kopf von Lord Teran könnte vor Wut explodieren.«

»Ich habe ihn nicht gekannt«, sagte Attavio VI. »Ich kannte nur seinen Vater. Das Haus Assan ist ein enger politischer Verbündeter des Hauses Wu.«

Wieder nickte Cardenia. »Das dürfte der Grund sein, warum Lord Teran ins Komitee berufen wurde. Die Gilden meinten, sie müssten mir gegenüber etwas wiedergutmachen, weil sie zuvor Nadashe Nohamapetan ins Komitee geholt hatten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Lord Teran eine bessere Wahl ist. Bei Nadashe Nohamapetan wusste man zumindest, dass sie für sich und ihre Familie intrigiert. Aber ich habe keine Ahnung, was Lord Teran im Schilde führt.«

»Du könntest es herausfinden«, schlug Attavio VI. vor.

»Ich glaube, wir sind noch nicht so weit.«

»Du bist die Imperatox. Du bist immer so weit.«

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Unverkäufliche Leseprobe aus: "Verrat - Das Imperium der Ströme" von John Scalzi. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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