Nevernight - Die Rache (Die Rache)

FISCHER TOR

Leseprobe: Nevernight - Die Rache (Jay Kristoff)


Lest hier die ersten Seiten von »Nevernight Band 3 - Die Rache«, den letzten Band der epischen Rachegeschichte um Assasine Mia Corvere, der am 29. Januar bei FISCHER Tor erscheint.

Was bisher geschah: Mia kehrt zurück nach Gottesgrab, die Stadt der Brücken und Gebeine. Als Assassine folgt sie den Befehlen der Roten Kirche aufs Wort und tötet, ohne Fragen zu stellen. Ihr eigentliches Ziel bleiben jedoch die Männer, die ihre Familie auf dem Gewissen haben: Konsul Scaeva und Kardinal Dumo.

Als Mia herausfindet, dass der Assassinenorden in Wahrheit Scaeva schützt anstatt ihr zu helfen, kehrt sie ihm den Rücken und fasst einen folgenschweren Entschluss: Sie verkauft sich selbst in die Sklaverei, um als Gladiatorin bei den Großen Spielen anzutreten. Denn dem Gewinner, so heißt es, wird eine private Audienz bei der Elite des Reiches gewährt … Ist das ihre Chance, an Scaeva und Dumo heranzukommen?

*** Leseprobe ***

Erstes Buch: Das Dunkel im Innern

1 - Bruder

Acht Jahre Gift und Mord und Scheiße.

Acht Jahre Blut und Schweiß und Tod.

Acht Jahre.

Tief war sie gestürzt, den kleinen Bruder in den Armen, die Finger klebrig und rot. Über ihr das Licht der drei Sonnen, brennend und blendend. Unter ihr das Wasser der gefluteten Arena, rot vor Blut. Der Mob tobte, verstört und wütend über den Mord an seinem Großkardinal, seinem geliebten Konsul, die beide von der Hand des gefeierten Champions gefällt worden waren. Die größten Spiele in der Geschichte Gottesgrabs gingen mit den kühnsten Morden in der Geschichte der Republik zu Ende. In der Arena herrschte das Chaos. Aber inmitten all dessen, inmitten der Schreie, des Gebrülls, der Wut, kannte Mia Corvere nur den Triumph.

Nach acht Jahren.

Nach acht verdammten Jahren.

Mutter.

Vater.

Ich habe es geschafft.

Ich habe sie für euch getötet.

Sie traf hart auf die Wasseroberfläche auf, und alles, was sie sah und hörte, ging unter, als das Wasser sie umschloss. Salz brannte in ihren Augen. Der Atem brannte in ihren Lungen. Noch immer dröhnte das Gebrüll der Zuschauer in ihren Ohren. Ihr kleiner Bruder Jonnen zappelte, schlug um sich und wand sich in ihren Armen wie ein Fisch auf dem Trockenen. Sie spürte die schlangenhaften Schatten der Sturmdraken, die ihr durch die Dämmernis entgegenschossen. Mit toten Augen und einem Lächeln wie Rasiermesser.

Das Wahrlicht war so hell, selbst hier unter der Wasseroberfläche. Aber trotz der schrecklichen Sonnen oben am Himmel, trotz der Brutalität, mit der der Ewigsehende auf sie hinunterstarrte, waren ihre eigenen Schatten bei ihr. Jetzt dunkel genug für vier. Und Mia hielt auf den Ausfluss im Boden der Arena zu – auf die große Öffnung, aus der all das Salz und das Wasser herausströmte

        und sie

                        trat

                                in die

                                            Schatten

                                                            in ihrem Innern.

Nach dem Schattenschritt war ihr schwindlig und elend, und sie spürte noch immer das blendende Licht der Sonnen am Himmel über ihr. Mia sank mit ihrer Rüstung wie ein Stein in die Tiefe, hinabgezogen von dem schwarzen Stahl und den durchweichten Falkenflügeln. Dabei zog sie Jonnen mit sich hinab und kam schließlich mit einem dumpfen Klonk auf dem Boden der Ausflussröhre auf. Jetzt blieben ihr nur wenige Augenblicke und der Atem in ihren Lungen. Und sie hatte nicht damit gerechnet, ein zappelndes Kind festhalten zu müssen.

Mühsam kämpfte sie sich mit dem Jungen ein Stück in die Röhre hinein, und tatsächlich war hier eine Luftblase, ganz wie Ashlinn gesagt hatte. Wild nach Atem ringend, tauchte sie auf und zog ihren kleinen Bruder mit sich. Der Junge spuckte Wasser, heulte, sträubte sich in ihren Armen und schlug nach ihrem Gesicht.

»Lass mich gehen!«, schrie er.

»Hör auf damit!«, keuchte Mia.

»Lass mich gehen!«

»Jonnen, hör auf, bitte!«

Schließlich umklammerte sie den Jungen so fest, dass er nicht mehr nach ihr schlagen konnte. Seine Schreie schallten von dem gewölbten Eisen über ihrem Kopf zurück. Mit ihrer freien Hand machte sie sich an den Schnallen und Riemen ihrer Rüstung zu schaffen, löste sie und zog sich die einzelnen Teile aus. Legte die Haut der Gladiatii ab, der Assassine, der Tochter der Rache, streifte sich die letzten acht Jahre von den Knochen. Es hatte sich gelohnt. Alles. Duomo war tot. Scaeva war tot. Und Jonnen, ihr Blut, der kleine Junge, von dem sie gedacht hatte, dass er schon lange tot und begraben war …

Mein kleiner Bruder lebt.

Der Junge trat um sich, wehrte sich, biss. Keine Tränen für seinen ermordeten Vater, nur Wut, wallend und rot. Mia hatte geglaubt, dass er schon vor Jahren gestorben war – verzehrt vom Stein der Weisen, der auch ihre Mutter und ihr letztes bisschen Hoffnung verschlungen hatte. Aber falls sie noch irgendwelche Zweifel gehabt hatte, dass er ein Corvere war, der Sohn ihrer Mutter, dann legten sie sich angesichts der glühenden Wut, die er jetzt zeigte.

»Jonnen, hör mir zu!«

»Ich heiße Lucius!«, kreischte er. Das Eisen um sie herum warf seine Worte als Echo zurück.

»Lucius, von mir aus, hör zu!«

»Nein!«, schrie er. »Du hast meinen V-vater umgebracht! Du hast ihn umgebracht!«

Mitleid wallte in Mia auf, aber sie biss die Zähne zusammen und schottete ihr Herz dagegen ab.

»Es tut mir leid, Jonnen. Aber dein Vater …« Sie schüttelte den Kopf, holte tief Luft. »Hör zu, wir müssen raus aus diesem Rohr, bevor sie die Arena wieder leerpumpen. Die Sturmdraken schwimmen auf diesem Weg zurück ins Meer, verstehst du?«1

»Lass sie doch kommen, ich hoffe, sie fressen dich!«

»… OH, ICH MAG IHN …«

»… wieso überrascht mich das nicht …«

Der Junge wandte sich um zu den dunklen Formen, die neben ihnen an der Wand Gestalt annahmen, und die Luft wurde plötzlich kalt. Eine Katze aus Schatten und eine ebensolche Wölfin starrten ihn mit ihren Nicht-Augen an. Herr Freundlichs Schwanz zuckte von einer Seite zur anderen, während er das Kind prüfend betrachtete. Eclipse neigte den Kopf und zitterte leicht. Jonnen verstummte kurz und starrte mit weit aufgerissenen, dunklen Augen zuerst Mias Mitreisende an, dann die junge Frau, die ihn festhielt.

»Du hörst sie auch …«, hauchte er.

»Ich bin wie du«, sagte Mia und nickte. »Wir sind gleich.«

Der Junge sah sie an, und vielleicht empfand er dieselbe Übelkeit, denselben Hunger wie sie. Mia erwiderte seinen Blick, und Tränen traten in ihre Augen. All die weiten Wege, all die Jahre …

»Du erinnerst dich nicht an mich«, flüsterte sie mit zitternder Stimme. »Du warst noch ganz klein, als sie dich geholt haben. Aber ich erinnere mich an dich.«

Für einen kurzen Augenblick drohten sie ihre Gefühle zu überwältigen. Die Tränen brannten in ihren Wimpern, ein Schluchzer blockierte ihre Kehle. Sie erinnerte sich an den kleinen Jungen, der in Windeln auf dem Bett ihrer Mutter gelegen hatte, an der Wende, als ihr Vater starb. Wie er mit seinen großen, dunklen Augen zu ihr emporgesehen hatte. Wie sie ihn darum beneidet hatte, dass er zu klein war, um zu wissen, dass ihr Vater dahingegangen war und mit ihm ihre ganze Welt.

Aber er war gar nicht Jonnens Vater, oder?

Mia schüttelte den Kopf und blinzelte die verhassten Tränen weg.

O Mutter, wie konntest du nur …

Als sie nun wieder den Jungen ansah, versagte ihr beinahe die Stimme. Sie musste sich dazu zwingen, den Mund zu öffnen, Atem zu holen, mit den Lippen die Worte zu formen, die in ihrer Brust brannten. Er hatte dieselben flintsteinschwarzen Augen wie sie, dasselbe tintenschwarze Haar. Sie konnte ihre Mutter in ihm so deutlich erkennen. Aber hinter ihrem Bild war da etwas in der Form von Jonnens kleiner Nase, an der Linie seiner kindlich-runden Wangen …

Sie konnte auch ihn erkennen.

Scaeva.

»Ich heiße Mia«, brachte sie endlich heraus. »Ich bin deine Schwester.«

»Ich habe keine Schwester«, stieß der Junge hervor.

»Jonn…« Mia unterbrach sich. Fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schmeckte Salz. »Lucius, wir müssen hier weg. Ich werde dir alles erklären, das schwöre ich. Aber hier ist es zu gefährlich …«

»… ALLES WIRD GUT WERDEN, MEIN KLEINER …«

»… ganz ruhig atmen …«

Mia beobachtete ihre Dämonen dabei, wie sie in den Schatten des Jungen glitten und seine Angst verzehrten, so wie sie es immer für sie getan hatten. Aber während die Panik in Jonnens Augen abnahm, wuchs seine Wut nur noch mehr, und die angespannten Muskeln seiner kleinen Arme pressten sich plötzlich gegen ihre. Er wand sich hin und her und bäumte sich auf, konnte eine Hand ihrem Griff entwinden und krallte nach ihrem Gesicht.

»Lass mich los!«, schrie er.

Mia zischte, als sein Daumen ihr Auge erwischte, und schlug ihm die Hand mit einem Fauchen beiseite.

»Hör auf!«, fuhr sie ihn an. Zorn flackerte in ihr auf.

»Lass los!«

»Wenn du es nicht selbst tust, dann werde ich dafür sorgen, dass du stillhältst!«

Mia schubste den Jungen hart gegen die Wand des Rohrs und drückte ihm die Arme an den Körper, während er um sich trat und spuckte. Sie konnte seine Wut verstehen, aber jetzt war keine Zeit, um Rücksicht auf verletzte Gefühle zu nehmen. Mit der freien Hand machte sie sich wieder an den verbliebenen Schnallen ihrer Rüstung zu schaffen. Sie streifte die langen Lederriemen ab, die ihren Brustpanzer und die Schulterstücke hielten, und ließ sie auf den Boden der Röhre sinken. Die Stiefel behielt sie an, auch den nietenbeschlagenen Lederrock und das fadenscheinige, blutbefleckte Hemd. Mit den Riemen band sie ihrem Bruder die Handgelenke und die Knöchel zusammen wie einem Schwein, das zur Schlachtbank transportiert wurde.

»Befreie mich so-ffll-ggmm!«

Jonnens Proteste wurden erstickt, als Mia ihn mit einem weiteren Lederstück knebelte. Dann nahm sie den Jungen auf den Arm, drückte ihn an sich und sah ihm fest in die Augen.

»Wir müssen tauchen«, sagte sie. »Wenn ich du wäre, würde ich keine Luft fürs Rumschreien verschwenden.«

Dunkle Augen bohrten sich in ihre, schimmernd vor Hass. Aber der Junge schien vernünftig genug, um ihr endlich zu gehorchen; er holte tief Luft.

Mia zog sie in die Tiefe und schwamm um ihr Leben.

Eine halbe Stunde später tauchten sie in saphirblauem Wasser wieder auf und hörten als Erstes die läutenden Glocken.

Mit Jonnen im Arm war Mia durch die riesigen Wassertanks unter der Arena getaucht, durch die hallende Dunkelheit der Mekwerk-Rohre geschwommen, hatte überall, wo sich die Gelegenheit bot, Luft geholt und dann endlich ein paar hundert Fuß nördlich des Schwertarmhafens das Meer erreicht. Ihr Bruder hatte ihr die ganze Zeit über böse Blicke zugeworfen – mehr konnte er dank der Fesseln um Handgelenke, Fußknöchel und Mund nicht tun.

Mia fand es schrecklich, ihr eigen Fleisch und Blut derart zusammenschnüren zu müssen, aber sie wusste sich nicht anders zu helfen. Sie hätte ihn nicht dort auf dem Siegersockel zurücklassen können, neben den erkaltenden Leichen Duomos und Scaevas. Sie hätte ihn überhaupt nicht zurücklassen können. Aber bei all ihren schönen Plänen, die sie mit Ashlinn und Mercurio geschmiedet hatte, war nie vorgesehen gewesen, dass sie sich auf der Flucht mit einem Neunjährigen abplagte, der gerade den Mord an seinem Vater hatte mit ansehen müssen.

Seinem Vater.

Der Gedanke schwamm hinter ihren Augen, zu dunkel und zu schwer, als dass sie ihn länger hätte ansehen mögen. Sie schob ihn beiseite und konzentrierte sich darauf, sie beide in flacheres Wasser zu bringen. Ash und Mercurio warteten auf einer schnellen Galeere namens Sirenenlied auf sie, die am Schwertarmkai festgemacht hatte. Je schneller sie aus Gottesgrab herauskamen, desto besser. Die Nachricht von Scaevas Ermordung würde sich wie ein Lauffeuer in der Metropole verbreiten, und falls sie es nicht ohnehin schon erfahren hatten, würden die Mitglieder der Roten Kirche schon bald wissen, dass ihr reichster und einflussreichster Patron tot war. Ein Sturm aus Messern und Scheiße würde schon bald auf Mia herabregnen.

Während sie zu den Schwertarmkais hinüberschwamm, erkannte sie bereits, dass auf den Straßen der Metropole Chaos herrschte. Die Kathedralen der Stadt aus Brücken und Gebein läuteten die Totenglocken. Aus den Tavernen und den Mietshäusern strömten Menschen, verwirrt, erzürnt und verängstigt, während sich das Gerücht von Scaevas Ermordung in der Stadt ausbreitete wie Blut im Wasser. Legionäre waren überall, Rüstungen schimmerten im schrecklichen Licht der Sonnen.

Bei all dem Durcheinander beachtete niemand das heruntergekommene, blutende Sklavenmädchen, das mit einem gefesselten Jungen im Arm langsam zum Ufer paddelte. Indem sie sich vorsichtig einen Weg zwischen den Gondeln und Dingis suchte, die an den Stegen des Schwertarmhafens auf den Wellen tanzten, erreichte Mia schließlich die Schatten unter einer langen hölzernen Promenade.

»Ich werde uns hier kurz verstecken«, raunte sie ihrem Bruder zu. »Du wirst eine Weile nichts sehen können, aber du musst jetzt tapfer sein.«

Der Junge starrte sie unter den dunklen Locken, die ihm in die Stirn fielen, schweigend an. Mia streckte die Finger aus und wob ihren Schattenumhang um ihre und Jonnens Schultern. Bei dem strahlenden Wahrlicht um sie herum, bei dem brennenden, grellen Licht der Sonnen kostete sie das viel Kraft. Aber selbst jetzt, da sich ihre Mitreisenden ihrem Bruder angeschlossen hatten, war der Schatten unter Mia noch doppelt so tief wie vor Furians Tod. Ihr Griff um das Dunkel fühlte sich stärker an. Fester. Enger.

Sie erinnerte sich an die Vision, die sich ihr offenbart hatte, als sie den Ungefällten vor den Augen der bewundernden Menge erschlug. Vom Himmel über ihr, nicht grell und blendend, sondern pechschwarz und voller Sterne. Und von der blassen, perfekten Kugel, die hoch über ihr leuchtete.

Wie eine Sonne, aber dann auch wieder … nicht.

»DIE VIELEN WAREN EINS. UND WERDEN ES WIEDER SEIN.«

Das oder etwas Ähnliches hatte die Stimme gesagt, die sie gehört hatte. Ein Echo der Botschaft des essefernen Geistes mit den grabbeinernen Klingen, der ihr in der Nekropole von Galante die Haut gerettet hatte.

Mia wusste mit diesen Worten nichts anzufangen. Sie hatte niemals einen Mentor gehabt, der ihr hätte zeigen können, was es bedeutete, dunkelinn zu sein. Nie hatte sie eine Antwort auf das Rätsel ihres Daseins gefunden. Sie wusste es nicht. Konnte es nicht wissen. Aber eines wusste sie so sicher wie ihren eigenen Namen: Seit dem Augenblick, da Furian von ihrer Hand gestorben war, floss eine neue Kraft durch ihre Adern.

Irgendwie war sie … mehr als zuvor.

Die Welt erlosch, als sie ihren Schattenumhang um sich zog. Jonnen kniff die Augen zusammen, um in der Dämmernis hinter dem Mantel etwas erkennen zu können, und warf ihr misstrauische Blicke zu, aber wenigstens hatte er aufgehört zu zappeln. Mia folgte den Richtungsangaben, die ihr Herr Freundlich und Eclipse zuflüsterten, und kletterte langsam eine muschelbewachsene Leiter zum eigentlichen Steg empor, Jonnen noch immer unter einem Arm. Und dort, im Schatten eines Plattbodenschiffs, setzte sie sich auf den Boden, tropfnass, die Arme um ihren Bruder geschlungen, und wartete.

Herr Freundlich nahm im Schatten zu Jonnens Füßen Gestalt an und leckte sich eine durchsichtige Pfote. Eclipse trat aus dem Schatten des Jungen und hob sich schwarz vor dem Rumpf des Schiffes ab.

»… ICH KOMME WIEDER …«, knurrte die Nicht-Wölfin.

»… du fehlst uns jetzt schon …«, gähnte die Nicht-Katze.

»… OB DIR DEINE ZUNGE WOHL AUCH FEHLEN WIRD, WENN ICH SIE DIR AUS DEM MAUL REISSE …?«

»Schluss jetzt, ihr beide«, zischte Mia. »Beeil dich, Eclipse.«

»… GANZ, WIE DU BEFIEHLST …«

Der Schattenwolf huschte davon, über die Spalten zwischen den Stegplanken und über die Hafenmauer.

» … ich hasse diese töle …«, seufzte Herr Freundlich.

»Ja, hast du schon erwähnt«, brummte Mia. »So ungefähr tausendmal.«

»… nicht öfter …?«

Trotz ihrer Erschöpfung verzogen sich Mias Lippen zu einem Lächeln.

Herr Freundlich fuhr mit seiner sinnlosen Pfotensäuberung fort, und Mia saß lange Zeit da und hielt ihren Bruder fest, während ihre Muskeln schmerzten, das Salzwasser in ihren Wunden biss und die Sonnen auf sie niederbrannten. Sie war müde, zerschlagen und blutete aus einem Dutzend Wunden, die sie sich bei den Kämpfen in der Arena zugezogen hatte. Das Adrenalin ihres Sieges schwächte sich allmählich ab und wich einer tiefen Müdigkeit, die bis in ihre Knochen drang. An dieser Wende hatte sie bereits zwei große Schlachten geschlagen, ihren Gladiatii-Kameraden von der Remus-Staffel die Flucht aus der Sklaverei ermöglicht, Dutzende von Menschen getötet, darunter Duomo und Scaeva, und den größten Wettstreit in der Geschichte der Republik gewonnen. Ihre Pläne waren allesamt aufgegangen.

Allmählich breitete sich eine Leere in ihr aus, die das Hochgefühl beiseitedrängte. Eine Erschöpfung, die ihr die Hände zittern ließ. Sie wünschte sich nichts sehnlicher als ein weiches Bett und einen Zigarillo, um dann einen Schluck Albari-Goldwein und Ashlinns Lippen zu schmecken. Zu spüren, wie ihre Körper aufeinandertrafen, und dann tausend Jahre lang zu schlafen. Aber unter alldem, unter der Sehnsucht und der Müdigkeit und dem Schmerz, war sie vor allem eines, wenn sie auf ihren Bruder hinunterblickte …

Hungrig.

Es war ein ähnliches Gefühl wie damals in Gegenwart von Lord Cassius. Oder Furian. Sie hatte es bereits gespürt, als sie auf dem Sockel in der Mitte der Arena stand und den Jungen auf den Schultern seines Vaters sitzen sah. Sie spürte es auch jetzt, als sie ihn betrachtete – die Sehnsucht eines Puzzles, das ein Stück von sich selbst sucht.

Aber was bedeutet das?, fragte sie sich.

Und fühlt Jonnen genauso?

»… ich habe ein mieses gefühl, mia …«

Herr Freundlichs Flüstern ließ sie aufmerken. Die Schattenkatze tat nicht mehr länger so, als ob sie sich die Pfoten leckte, sondern sah aus Jonnens Schatten zur Stadt aus Brücken und Gebein hinüber.

»Was hätten wir zu fürchten?«, raunte sie. »Was getan ist, ist getan. Und wenn ich es recht betrachte, sind wir nicht einmal zu übel auf den Arsch gefallen.«

»… nun, du sitzt auf deinem …«

»Du hast nicht mal einen.«

Herr Freundlich betrachtete den Jungen, dem er sich angeschlossen hatte.

»… außer, dass wir offenbar unerwartetes gepäck aufgesammelt haben …«

Jonnen gab hinter seinem Knebel etwas Unverständliches von sich. Mia zweifelte nicht daran, dass es etwas Unflätiges gewesen war, sah aber weiter die Schattenkatze an.

»Du machst dir zu viele Sorgen«, meinte sie.

»… und du dir zu wenige …«

»Und wessen Schuld ist das? Du bist doch derjenige, der meine Ängste verschlingt.«

Der Dämon neigte den Kopf, verzichtete jedoch auf eine Antwort. Mia wartete schweigend und beobachtete hinter ihrem Schattenschleier die Stadt. Die Geräusche drangen gedämpft durch den Umhang, die Farben waren auf verwischte Flecke aus stumpfem Weiß und Terrakotta beschränkt. Aber sie hörte noch immer läutende Glocken, hastige Schritte, panikerfüllte Rufe.

»Der Konsul und der Kardinal erschlagen!«

»Assassine!«, schrie jemand. »Assassine!«

Mia sah auf Jonnen hinab und erkannte, dass er sie mit unverhohlenem Hass anstarrte. Und sie las seine Gedanken, als hätte er sie ausgesprochen.

Du hast meinen Vater ermordet.

»Er hat unsere Mutter ins Gefängnis geworfen, Jonnen«, sagte Mia dem Jungen. »Er hat sie elendiglich im Stein der Weisen verrecken lassen. Er hat meinen Vater getötet und viele hundert weitere Menschen. Erinnerst du dich nicht daran, wie ich auf dem Siegersockel stand und er dich mir entgegenwarf, um seine eigene erbärmliche Haut zu retten?« Sie schüttelte den Kopf und seufzte. »Es tut mir leid. Ich weiß, es ist schwer zu verstehen. Aber Julius Scaeva war ein Ungeheuer.«

Plötzlich bäumte sich der Junge auf und schlug ihr brutal die Stirn gegen das Kinn. Mia biss sich auf die Zunge, fluchte, packte ihren Bruder und drückte ihn fest an sich, während er sich erneut wild hin und her warf. Er zerrte an seinen mit Wasser vollgesogenen Fesseln und schürfte sich bei seinen Befreiungsversuchen die Haut auf. Aber er mochte noch so wütend toben, er war doch nur ein neunjähriger Junge. Mia hielt ihn einfach fest, bis ihn die Kräfte verließen, bis seine erstickten Schreie verstummten und er endlich mit einem leisen, wütenden Aufschluchzen in sich zusammensank.

Sie schluckte das Blut von ihrer Zunge hinunter und nahm ihn in ihre Arme.

»Irgendwann einmal wirst du es verstehen«, raunte sie. »Ich liebe dich, Jonnen.«

Er zappelte noch einmal kurz und hielt dann still. In der unbehaglichen Stille spürte Mia, wie es ihr kalt über den Rücken lief. Sie bekam eine Gänsehaut, und ihr Schatten wurde dunkler, als sie ein tiefes Grollen aus den Planken unter ihren Füßen hörte.

» … SIE SIND NICHT DA …«, verkündete Eclipse.

Mia blinzelte, und ihr Magen machte einen kleinen Satz. Dann kniff sie die Augen gegen das grelle Licht zusammen und sah zu dem dunkel verschwommenen Fleck der Sirenenlied hinüber, die ein paar Stege weiter sanft auf den Wellen schaukelte.

»Bist du sicher?«, fragte sie.

»… ICH HABE VOM BUG BIS ZUM HECK ALLES ABGESUCHT. MERCURIO UND ASHLINN SIND NICHT AN BORD …«

Mia schluckte und schmeckte dabei immer noch Salz auf der Zunge. Ihr Plan sah vor, dass Ash und ihr alter Lehrer sich in der Kapelle von Gottesgrab treffen, ihre Sachen packen, sich dann zum Hafen begeben und Mia auf dem Schiff erwarten sollten. Bei der Zeit, die sie gebraucht hatte, um von der Arena ins Meer und wieder an Land zu schwimmen …

»Sie müssten längst hier sein«, flüsterte sie.

»… pssst …«, raunte es zu ihren Füßen. »… hörst du das …?«

»Was denn?«

»… wie jemand richtig heftig … auf den arsch fällt …?«

Mia verzog den Mund und schob sich das nasse Haar über die Schulter. Ihr Herz schlug schneller, ihre Gedanken rasten. Es war einfach nicht möglich, dass sich Mercurio und Ash derart verspäteten – wo doch ihrer aller Leben auf dem Spiel stand.

»Es muss ihnen etwas passiert sein …«

»… ICH KÖNNTE IN DER KAPELLE NACHSCHAUEN UND DIR DANN BERICHT ERSTATTEN …?«

»Nein. Wenn sie … ich meine, sie beide …« Mia kaute an ihrer Lippe und rappelte sich dann trotz ihrer Erschöpfung auf. »Wir gehen zusammen.«

»… mit unserem neu erworbenen gepäck …?«

»Wir können ihn nicht einfach hierlassen, Herr Freundlich«, fuhr Mia ihn an.

Die Nicht-Katze seufzte.

»… es fällt jemand sogar richtig schmerzhaft auf den arsch, würde ich sagen …«

Mia sah auf ihren Bruder hinab. Der Junge wirkte zumindest für den Augenblick beruhigt, schmollend, zitternd, schweigsam. Er war klatschnass, die dunklen Augen voller Zorn. Aber da Herr Freundlich noch in seinem Schatten reiste, hatte er zumindest keine Angst. Und so stand Mia auf, zog Jonnen hoch und warf ihn sich mit schmerzverzerrter Grimasse über die Schulter. Er war so schwer wie ein Sack Backsteine, und seine knochigen Ellenbogen und Knie bohrten sich überall an den verkehrten Stellen in ihren Bauch und Rücken. Aber nach dem monatelangen Training in der Remus-Staffel war Mia hart wie ein Sargnagel, und sie war sich sicher, dass sie ihn trotz ihrer Verletzungen eine ganze Weile würde tragen können. Unter ihrem Schattenumhang machte sich das ungleiche Quartett auf, ertastete sich den Weg über den Steg und die belebte Promenade, während unter ihnen die sanften Wellen schmatzten.

Mia folgte den geflüsterten Anweisungen ihrer Mitreisenden und umging die Patrouillen der Legionäre und Luminatii, bis sie schließlich die Straßen jenseits des Hafens erreichte. Die Muskeln in ihren Schultern protestierten stöhnend gegen das Gewicht ihres Bruders, als sie verstohlen durch das Labyrinth der schmutzigen kleinen Gässchen eilte. Ihr Puls hämmerte in ihren Adern, ihr Magen vollführte langsame, kalte Überschläge. Eclipse schlich ihnen voran. Herr Freundlich begleitete noch immer Jonnen. Und ohne ihre Mitreisenden musste Mia ganz allein die beängstigenden Gedanken aushalten, was Mercurio und Ash betraf. Was konnte ihnen zugestoßen sein?

Luminatii?

Die Rote Kirche?

Was war da schiefgegangen?

Bei der Göttin, wenn ihnen wegen mir etwas passiert ist …

Der kleine Trupp zwängte sich durch schmale Durchgänge und überquerte kleine Brücken und Kanäle, bis er endlich den schmiedeeisernen Zaun erreichte, der die Nekropole der Stadt einfasste. Mias Stiefel machten auf dem Kies kaum ein Geräusch; sie hielt eine Hand vor sich ausgestreckt und tastete sich blind voran. Eclipses leises Flüstern, beinahe unhörbar über dem Läuten der Kathedralenglocken, führte sie durch die schiefen Tore zu den Häusern der Gottesgraber Toten, vorbei an langen Reihen großer Mausoleen und modriger Gräber. In einer von Unkraut überwachsenen Ecke des ältesten Teils der Nekropole trat sie durch eine Tür, die ein geschnitztes Relief aus menschlichen Schädeln zeigte. Dahinter wartete ein Gang, der zu den Knochenackern führte.

Es war süß und herrlich, aus dem Licht der schrecklichen Sonnen herauszukommen. Ihr brannte der Schweiß in den Wunden. Mia warf den Schattenumhang ab und ließ Jonnen von ihrer Schulter gleiten. Er war nur klein, aber, bei der Göttin, leicht war er nicht, und ihre Beine und ihr Rückgrat weinten beinahe vor Erleichterung, als sie ihn auf dem Boden der Kapelle absetzte.

»Ich werde dir jetzt die Füße losmachen«, sagte sie warnend. »Aber wenn du abzuhauen versuchst, fessele ich sie dir nächstes Mal noch fester.«

Der Junge gab hinter seinem Knebel keinen Ton von sich, sondern sah schweigend zu, wie sie sich hinkniete und den Riemen löste, der um seine Knöchel geschlungen war. Sie konnte das Misstrauen in seinen schwarzen Augen sehen, aber zumindest versuchte er nicht sofort, ihr zu entwischen. Mia zog ihm den Riemen durch die Handfesseln, stand auf und ging los, und der Junge musste ihr folgen wie ein schmollendes Hündchen an der Leine.

Still schritt sie durch die gewundenen Tunnel aus Oberschenkelknochen und Rippen, den Überbleibseln der Namenlosen, die sich kein eigenes Grab hatten leisten können. Nach der Betätigung eines verborgenen Hebels öffnete sich eine Geheimtür in einem Stapel verstaubter Knochen, und dann endlich glitt sie in die Kapelle der Roten Kirche, die sich dahinter verbarg.

Leise folgte sie den gewundenen Gängen, die an den Skeletten lang Verblichener vorüberführten. Jonnen stolperte hinter ihr her und starrte die vielen Knochen um sie herum mit großen Augen an. Aber auch hier, umgeben von den Toten, verharrte Herr Freundlich eingerollt in seinem Schatten und hielt die schlimmste Angst in Schach, während sie sich weiter ins Innere der Kapelle hineinwagten.

Die Flure waren dunkel.

Still.

Leer.

Irgendwie verkehrt.

Mia spürte es beinahe sofort. Es lag in der Luft. Der leichte Geruch von Blut war in einer Kapelle der Hohen Frau gesegneten Mordes nicht weiter ungewöhnlich. Das noch gut wahrnehmbare Aroma einer Grabsteinbombe und verbrannten Pergaments hingegen schon.

In der Kapelle war es viel zu still.

Misstrauen war ihre zweite Natur, daher zog Mia Jonnen enger an sich und wirkte wieder den Schattenumhang um ihre Schultern. Dann schlich sie beinahe blind weiter. Jonnens Atem schien in der Stille viel zu laut, und ihre Hand, die seine Leine umklammert hielt, glänzte vor Schweiß.

In einem knochengesäumten Korridor blieb Mia stehen, und die Härchen in ihrem Nacken richteten sich auf. Sie wusste es, noch bevor sie Eclipses warnendes Knurren hörte.

»… HINTER DIR …«

Der Dolch blitzte in der Dunkelheit auf, silbern schimmernd, schwarz vor Gift. Mia fuhr herum, das feuchte Haar zuckte wie ein langes schwarzes Band hinter ihr her, und ihr Rückgrat formte einen perfekten Bogen. Die Klinge segelte an ihrem Kinn vorbei und verfehlte sie nur um Haaresbreite. Mit der freien Hand kam sie auf dem Boden auf, dann federte sie mit wild schlagendem Herzen wieder in den Stand.

Ihr Verstand raste, verwirrt runzelte sie die Stirn. Unter ihrem Schattenumhang war sie beinahe blind, sicher – aber die Welt hätte auch ihr gegenüber blind sein sollen.

Blind.

O Göttin.

Er trat aus dem Dunkel, und trotz seines massigen Körpers machte er keinerlei Geräusch. Seine graue Lederkleidung spannte sich straff über den breiten Schultern. An seinem Gürtel hing die stets leere Scheide, in deren dunkles Leder ein Muster aus konzentrischen Kreisen geprägt war, die an Augen erinnerten. Sechsunddreißig kleine Narben waren in seinen Unterarm geritzt – eine für jedes Leben, das er im Namen der Roten Kirche beendet hatte. Seine Augen waren milchig weiß, aber Mia sah, dass seine Augenbrauen gänzlich verschwunden waren. Die früher einmal blonden Haarstoppeln waren schwarz gekräuselt, als seien sie versengt worden, und die vier Spitzen, in die sein Bart auslief, waren nur noch verkohlte Stummel.

»Solis.«

Sein Gesicht war von wabernden Schatten umgeben, die blinden Augen sahen zur Decke. Er zog zwei kurze, zweischneidige Klingen aus den Scheiden auf seinem Rücken, beide dunkel vor Gift. Und obwohl Mia unter ihrem Umhang steckte, sprach er sie direkt an.

»Du verräterische Fotze«, knurrte er.

Mia griff mit der freien Hand nach dem grabbeinernen Dolch. Und ihr sank das Herz, als ihr klarwurde, dass sie ihn in der Brust von Konsul Scaeva hatte stecken lassen.

»Ach du Scheiße«, flüsterte sie.

 

 

 


[1]   Von den drei Draken-Gattungen, die man in den Meeren von Itreya findet – Weißdraken, Säbeldraken und Sturmdraken –, sind die Sturmdraken bei weitem die dümmsten. Diese Viecher fressen buchstäblich alles, was in ihre Mäuler passt, also auch Artgenossen und die eigenen Jungtiere. Eine vollständige Liste aller Seltsamkeiten, die man in den Mägen von Sturmdraken bisher fand, wird in den zoologischen Archiven des Ehernen Kollegs aufbewahrt und umfasst unter anderem:

■    eine komplette Panzerrüstung,

■    eine Chaiselongue aus Leder,

■    eine sechs Fuß lange Blattsäge,

■    eine ganze Familie (vermutlich sehr erzürnter) Stachelschweine.

     Die Gewohnheit, alles zu fressen, was auch nur halbwegs interessant aussieht, hat ihnen bei den itreyanischen Fischern den Spitznamen »Mülltonne der Meere« eingetragen.

 

 

 

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Unverkäufliche Leseprobe aus: Jay Kristoff - Nevernight: Die Rache. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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