Jay Kristoff: Nevernight - Das Spiel

Jay Kristoff: Nevernight - Das Spiel

FISCHER TOR

Leseprobe: Nevernight - Das Spiel (Jay Kristoff)


TOR Team
11.03.2018

Lest hier die ersten Seiten von »Nevernight - Das Spiel«, Band 2 der epischen Rachegeschichte um Assasine Mia Corvere.

Was bisher geschah: Nachdem Mia einen der Männer umgebracht hat, die für die Ermordung ihrer Familie verantwortlich sind, bleiben noch zwei übrig: Kardinal Dumo und Konsul Scaeva. Beide sind jedoch vor der Öffentlichkeit abgeschirmt und für Mia unerreichbar. Da fasst Mia einen folgenschweren Entschluss...

*** Leseprobe ***

Das rote Versprechen

Nichts stinkt so übel wie ein Leichnam.

Es dauert eine Weile, bis es damit so richtig losgeht. Na schön, die Chancen stehen gut, dass man sich sowieso schon im Augenblick des eigentlichen Ablebens in die Hosen macht oder aber kurz danach – so ist das nun einmal mit dem menschlichen Körper. Aber ich meine gar nicht den ordinären Gestank von Scheiße, edle Freunde. Ich spreche von diesem Parfüm schlichter Sterblichkeit, das einem die Tränen in die Augen treibt. Vielleicht vergehen eine Wende oder zwei, aber wenn die Gala erst einmal in vollem Gange ist, dann wird man sie so schnell nicht vergessen.

Bevor die Haut schwarz wird und die Augen weiß und der Bauch sich aufbläht wie ein entsetzlicher Ballon, geht es schon los. Es lieg eine gewisse Süße in dem Geruch, die einem die Kehle hinunterkriecht und den Magen rotieren lässt wie ein Butterfass. Wahrscheinlich spricht es etwas Urzeitliches im Menschen an. Jenen Teil in uns, der sich auch vor dem Dunkel fürchtet. Der weiß, ohne den Hauch eines Zweifels, dass es ganz egal ist, wer man ist oder was man tut: Irgendwann werden die Würmer ein
Festmahl feiern, denn an irgendeiner Wende ist es so weit – man selbst und alles, was einem lieb und teuer ist, werden sterben.

Dennoch braucht es seine Zeit, bis Leichen so verwest sind, dass man sie meilenweit riechen kann. Und als Tränentrinkerin etwas von diesem scharfen, süßen Gestank in den ashkahischen Wisperwinden erschnupperte, war ihr daher sofort klar, dass die Leichen schon mindestens zwei Wenden dort lagen.

Und dass es verdammt viele sein mussten.

Sie brachte ihr Kamel mit einem kräftigen Ruck an den Zügeln zum Stehen, wandte sich zu ihrer Truppe um und hob die Faust. Der Kutscher des Zuges hinter ihr sah ihr Signal, und die lange, gewundene Kette aus Wagen und Zugtieren verlangsamte sich unter Spucken und Knurren und Trampeln. Die Hitze war brutal – zwei Sonnen brannten den Himmel blendend blau und die Wüste um sie herum gleißend rot. Tränentrinkerin griff nach dem Wasserschlauch, der an ihrem Sattel hing, und trank einen lauwarmen Schluck, während ihr Unterführer zu ihr aufschloss.

»Ärger?«, fragte Cesare.

Tränentrinkerin nickte in Richtung der Straße, die sich nach Süden zog. »Riecht jedenfalls so.«

Wie alle ihres Volkes war die Dweymeri groß – mindestens sechs Fuß sieben Zoll – und bestand nur aus Muskeln. Ihre Haut war tiefbraun, wobei ihre Gesichtszüge von den typischen, verschnörkelten Tätowierungen bedeckt waren, die alle Bewohner der Dweym-Inseln trugen. Eine lange Narbe teilte ihre Stirn und zog sich über das milchweiße linke Auge bis hinunter über die Wange. Sie war wie eine Seefahrerin gekleidet und trug einen Dreispitz und einen alten Kapitänsrock. Inzwischen jedoch bestanden die Meere, auf denen sie segelte, nur noch aus Sand, und die einzigen Planken, über die sie schritt, gehörten zu ihrem Planwagen. Nachdem sie bei einem Schiffsunglück ihre gesamte Crew mitsamt der Ladung verloren hatte, war Tränentrinkerin zu dem Schluss gelangt, dass die Mutter der Meere sie abgrundtief hasste – sie und jedes Schiff, auf dem sie fuhr.

Also hatte sie beschlossen, es mit der Wüste zu versuchen.

Die Kapitänin beschattete ihr Auge vor dem gleißenden Licht und spähte über das Land. Die Wisperwinde krallten sich in ihre Kleidung und rissen an jeder Faser, und sie spürte, wie die Härchen in ihrem Nacken kribbelten. Bis zu den Hängenden Gärten waren es immer noch sieben Wenden, und es war nicht ungewöhnlich, dass Sklavenjäger auch in der Sommertiefe an dieser Straße ihrem Gewerbe nachgingen. Aber noch standen zwei der drei Sonnen hoch am Himmel, und sie hoffte, dass es so kurz vor Wahrlicht zu heiß für einen dramatischen Überfall war.

Aber der Gestank war unverkennbar.

»Dogger«, rief sie. »Graccus, Luka, holt eure Waffen und folgt mir. Staubgänger, du schlägst weiter den Eisensang. Denn, das sag ich dir, wenn mir ein Sandkrake an der Muschi knabbert, werde ich aus dem Abgrund zurückkehren und dir dein bestes Stück abbeißen.«

»Aye, Käpt’n!«, rief der große Dweymeri zurück. Dann wandte sich Staubgänger wieder der Apparatur aus Eisenrohren zu, die auf dem letzten Wagen angebracht war, hob ein langes Rohr und schlug damit auf die anderen Stangen ein. Die misstönende Melodie des Eisensangs vermischte sich mit dem nervtötenden Wispern, das unaufhörlich über die nördliche Wüste pfiff.

»Was ist mit mir?«, fragte Cesare.

Tränentrinkerin grinste ihre rechte Hand an. »Du bist zu hübsch für unsere kleine Exkursion. Ich will nicht, dass dir etwas passiert. Bleib hier und behalte die Herde im Auge.«

»Die leiden alle ziemlich unter dieser Hitze.«

Sie nickte. »Gib ihnen Wasser, während du hier auf uns wartest. Sie können sich die Beine etwas vertreten. Aber lass sie nicht zu weit laufen, das ist hier eine üble Gegend.«

»Aye, Käpt’n.«

Cesare zog seinen Hut, während Dogger, Graccus und Luka ihre Kamele zu ihrer Anführerin hinüberlenkten. Trotz der sengenden Hitze trugen die Männer dicke Lederwesten, und Dogger und Graccus waren mit schweren Armbrüsten bewaffnet. Luka schwang wie immer seine Schleuderklingen, den Zigarillo lässig im Mundwinkel. Für den Liisianer waren Pfeil und Bogen Waffen für Feiglinge, und er war so gut mit seinen Schleudern, dass Tränentrinkerin ihm nicht widersprach. Wie er es aushielt, bei der Hitze noch zu rauchen, war ihr allerdings ein Rätsel.

»Klappe halten und Augen auf«, befahl sie jetzt. »Sehen wir uns das mal an.«

Das Quartett ritt ein Stück durch felsiges Ödland, dem Gestank entgegen, der mit jedem Augenblick heftiger wurde. Nun waren die Männer und ihre Kapitänin zwar die härtesten Drecksäcke, die man unter den drei Sonnen finden konnte, aber riechen tat man trotzdem. Dogger drückte einen Finger seitlich gegen seine Nase und blies erst aus einem und dann aus dem anderen Nasenloch eine ordentliche Portion Rotz, während er bei Aa und all seinen vier Töchtern fluchte. Luka zündete sich den nächsten Zigarillo an, und Tränentrinkerin überlegte kurz, ob sie ihn bitten sollte, sie einmal daran ziehen zu lassen, und wenn es noch so heiß war. Nur, um den Geruch aus der Nase zu bekommen.

Etwa zwei Meilen die Straße hinunter stießen sie auf die Überbleibsel einer kleinen Karawane. Zwei Anhänger und vier Kamele, die aufgedunsen im Licht der Sonnen lagen. Tränentrinkerin gab ihren Männern ein Zeichen, und sie alle stiegen ab, um sich mit gezogenen Waffen zwischen den Trümmern umzusehen. Die Luft war schwer vom Summen winziger Flügel.

Allem Anschein nach war es ein echtes Schlachtfest gewesen. Pfeile ragten aus dem Sand und spickten die Wagenseiten. Tränentrinkerin entdeckte ein herumliegendes Schwert. Einen geborstenen Schild. Eine lange Spur getrockneten Blutes, die wie die Kritzelei eines Verrückten aussah, und ein wildes Tanzmuster aus Fußabdrücken rund um ein erkaltetes Kochfeuer.

»Sklavenjäger«, murmelte sie. »Vor wenigen Wenden.«

»Jo«, sagte Luka nickend und zog an seinem Zigarillo. »Sieht so aus.«

»Käpt’n, ich könnte hier etwas Hilfe gebrauchen«, rief Dogger.

Tränentrinkerin ging um die getöteten Tiere herum, und Luka, der sie begleitete, wedelte die dicke Fliegensuppe beiseite. Sie sah Dogger, der seine Armbrust zwar gespannt hatte, aber nicht zielte, und die andere Hand beschwörend hob. Und obwohl er zu den Kerlen zählte, die sich beim Halsabschneiden vor allem darüber Sorgen machten, dass sie keine Blutspritzer auf die Schuhe bekamen, sprach er jetzt ganz sanft und leise, wie mit einer nervösen Stute.

»Ganz ruhig, ganz ruhig«, raunte er. »Alles in Ordnung, Mädchen …«

Noch mehr Blut war hier über den Sand gespritzt, dunkelbraun auf tiefem Rot. Nicht weit entfernt sah Tränentrinkerin die verräterischen Erdhügel frisch aufgeworfener Gräber. Und als sie ihren Blick in Doggers Richtung wandte, sah sie auch, auf wen er da so beruhigend einredete.

»Beim brennenden Schwanz des Aa«, murmelte sie. »Das ist ja mal ein Anblick.«

Ein Mädchen. Höchstens achtzehn. Bleiche Haut, ein bisschen versengt und gerötet vom Licht der Sonnen. Langes schwarzes Haar, über den dunklen Augen zu einer Ponyfrisur geschnitten, das Gesicht mit Dreck und getrocknetem Blut verklebt. Trotzdem erkannte Tränentrinkerin sofort, dass sie eine echte Schönheit vor sich hatte, mit hohen Wangenknochen und vollen Lippen. Die Schönheit hielt einen zweischneidigen Gladius umklammert, dessen Klinge vom jüngsten Gebrauch schartig war. Um ihren Oberschenkel und um die Rippen hatte sie ein paar Lumpen gewickelt, deren Blutflecken offenbar älteren Datums waren als die auf ihrem Obergewand.

»Du bist ja eine hübsche kleine Blume«, sagte Tränentrinkerin.

»B-bleibt mir vom Leib«, warnte das Mädchen.

»Ganz ruhig«, schnurrte Tränentrinkerin. »Jetzt brauchst du dein Eisen nicht mehr, meine Kleine.«

»Das beurteile ich selbst, wenn’s Euch recht ist«, gab das Mädchen mit zitternder Stimme zurück.

Währenddessen glitt Luka seitlich an das Mädchen heran und streckte schnell die Hand aus. Aber sie fuhr blitzschnell herum, trat gegen sein Knie und stieß ihn in den Sand. Und dann musste der Liisianer keuchend feststellen, dass sie hinter ihn gehuscht war und die Spitze ihres Gladius unterhalb des Nackens gegen seine Haut presste. Seine Lippen, die wie immer den unvermeidlichen Zigarillo umklammerten, waren plötzlich staubtrocken.

Sie ist schnell.

Die Augen des Mädchens blitzten, als sie fauchte: »Bleibt mir vom Leib, oder ich bringe ihn um, das schwöre ich bei den vier Töchtern.«

»Dogger, geh mal ein Stück zurück, sei so gut«, befahl Tränentrinkerin. »Graccus, leg die Armbrust beiseite. Macht der jungen Dona mal ein wenig Platz.«

Sie behielt ihre Männer im Auge, während sie nun genug Abstand hielten, dass sich das Mädchen zumindest ein wenig entspannte. Dann trat die Kapitänin langsam und mit beruhigend erhobenen Händen vor.

»Wir wollen dir nichts tun, kleine Blume. Ich bin nur eine Kauffrau, und das sind meine Männer. Wir reisen zu den Hängenden Gärten, wir haben die Leichen gerochen und wollten mal nachsehen, was hier passiert ist. Das ist die Wahrheit. Bei Mutter Trelene, ich schwöre.«

Das Mädchen behielt Tränentrinkerin wachsam im Auge. Luka verzog den Mund, als die Klinge seinen Hals ritzte und Blutstropfen auf den Stahl perlten.

»Was ist hier passiert?«, fragte Tränentrinkerin, obwohl sie die Antwort schon kannte.

Das Mädchen schüttelte den Kopf, und Tränen quollen zwischen ihren Wimpern hervor.

»Sklavenjäger?«, fragte Tränentrinkerin. »Das ist hier eine üble Gegend.«

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