Guy Gaviel Kay: Im Schatten des Himmels

Im Schatten des Himmels - Guy Gavriel Kay

FISCHER TOR

Leseprobe: Guy Gavriel Kay - Im Schatten des Himmels


TOR Team
13.10.2016

»250 sardianische Pferde, Geschöpfe von unvergleichlicher Schönheit und Seltenheit!« Als der Kriegermönch Shen Tai damit belohnt wird, wird er auf einen Schlag zu einem der mächtigsten Männer im Reich der Mitte. Hier gibt es eine kostenlose Leseprobe aus "Im Schatten des Himmels" von Guy Gavriel Kay.

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Kapitel 1

Inmitten der unzähligen Geräusche, der jadegoldenen Pracht und dem wirbelnden Staub von Xi’an hatte er oft die ganze Nacht unter Freunden im Norddistrikt verbracht und mit den Kurtisanen Gewürzwein getrunken.

Für gewöhnlich lauschten sie dann der Flöte oder der Pipa, trugen Gedichte vor und forderten einander mit spöttischen Bemerkungen und Zitaten heraus. Manchmal zogen sie sich auch mit einer duftenden, zärtlichen Frau auf ein Zimmer zurück, ehe sie nach dem Ertönen der Morgentrommeln, die das Ende der Ausgangssperre verkündeten, auf unsicheren Beinen nach Hause schwankten, wo sie, anstatt zu lernen, den Tag verschliefen.

Doch hier in den Bergen, allein, in der rauen, klaren Luft am Ufer von Kuala Nor, weit im Westen der kaiserlichen Hauptstadt, sogar noch jenseits der Grenzen des Kaiserreiches, lag Tai bereits bei Einbruch der Dunkelheit, beim Leuchten der ersten Sterne in seinem schmalen Bett und war bei Sonnenaufgang wieder wach.

Im Frühling und Sommer wurde er von den Vögeln geweckt. Hier in der Gegend nisteten sie lautstark und zu Tausenden: Fischadler und Kormorane, Wildgänse und Kraniche. Die Gänse ließen ihn an seine Freunde in der Ferne denken. Wildgänse symbolisierten Abwesenheit – in der Dichtung wie auch im Leben. Kraniche hingegen standen für Treue, etwas ganz anderes.

Im Winter war es so eisig, dass ihm die Kälte bisweilen den Atem raubte. Wenn der Nordwind blies, kam er einem Überfall gleich, draußen vor der Hütte und selbst noch durch die Wände hindurch. Nachts schlief Tai unter mehreren Schichten aus Pelz und Schafsfell, und keine Vögel weckten ihn am Morgen von den nunmehr gefrorenen Nistplätzen am anderen Ufer.

Die Geister waren zu jeder Jahreszeit dort draußen, in mondbeschienenen Nächten ebenso wie in lichtlosen. Kamen hervor, kaum dass die Sonne untergegangen war.

Inzwischen kannte Tai ihre Stimmen: die wütenden und die verlorenen und die, aus deren dünnen, langgezogenen Klagelauten nichts als Schmerz sprach.

Sie jagten ihm keine Angst ein – nicht mehr. Anfangs hatte er noch geglaubt, er müsse vor Furcht umkommen, in jenen ersten Nächten, die er allein mit den Toten verbracht hatte.

Im Frühling, Sommer und Herbst blickte er manchmal durch die geöffneten Fensterläden in die Dunkelheit, hinaus trat er jedoch nie. Unter dem Mond und den Sternen gehörte die Welt am See den Geistern. Zumindest war er im Laufe der Zeit zu diesem Verständnis gelangt.

Von Anfang an hatte er einen festen Tagesablauf eingehalten, um nicht von Einsamkeit oder Angst überwältigt zu werden. Oder von der Ungeheuerlichkeit dieses Ortes. Mancher Heilige oder Einsiedler mochte sich bewusst wie ein Blatt im Wind durch den Tag treiben lassen, sich über das Fehlen von Willen und Verlangen definieren, doch entsprach dies nicht Tais Natur. Er war kein Heiliger.

Nach dem Aufstehen sprach er zunächst die Gebete für seinen Vater. Tai befand sich noch in der traditionellen Trauerzeit, und die Aufgabe, die er sich gestellt und die ihn an diesen abgelegenen See geführt hatte, galt allein dem Gedenken an den Verstorbenen.

Nach der Anrufung der Götter, die – wie Tai annahm – in gleicher Weise von seinen Brüdern daheim durchgeführt wurde, ging er hinaus auf die Bergwiese (verschiedene Grüntöne, die mit Wildblumen gespickt waren, oder Eis und Schnee, die bei jedem Schritt knirschten), und sofern es nicht stürmte, machte er dort seine Kanlin-Übungen. Erst ohne, dann mit einem und schließlich mit beiden Schwertern.

Er blickte auf das kalte Wasser des Sees, zu der kleinen Insel in der Mitte und hinauf zu den umliegenden Bergen, die sich schneebedeckt und ehrfurchtgebietend übereinander erhoben. Jenseits der nördlichen Gipfel fiel das Land Hunderte Li ab, ging über in die langen Dünen der Todeswüsten, links und rechts flankiert von den Seidenstraßen, denen der Hof, das Kaiserreich und die Einwohner Kitais ihren Reichtum verdankten. Sein Volk.

Im Winter fütterte und tränkte Tai sein kleines, zotteliges Pferd in dem Stall, der an seine Hütte anschloss. Wenn das Wetter sich wandelte und das Gras zurückkehrte, ließ er das Tier tagsüber draußen weiden. Es war ausgesprochen friedfertig und machte keine Anstalten davonzulaufen. Wohin auch?

Nach seinen Übungen bemühte Tai sich, Stille einkehren zu lassen. Sich von den Wirren des Lebens, von Ehrgeiz und dem Streben nach mehr zu lösen, um der Aufgabe, die er gewählt hatte, würdig zu sein.

Und dann machte er sich daran, die Toten zu begraben.

Seit seiner Ankunft hier hatte er nie versucht, kitanische von tagurischen Soldaten zu unterscheiden. Sie lagen durcheinander, verstreut oder aufgetürmt, nur mehr Schädel und weiße Knochen. Ihr Fleisch war längst oder – wenn es sich um Streiter des letzten Feldzugs handelte – erst unlängst zu Staub geworden, wilden Tieren oder Aasvögeln zum Opfer gefallen.

Dieser letzte Kampf war zu einem Triumph geworden, wenn auch zu einem teuer bezahlten: In einer einzigen Schlacht waren vierzigtausend Mann umgekommen, beinahe so viele Kitaner wie Taguren.

Tais Vater hatte als General in diesem Krieg gedient und war anschließend mit einem stolzen Titel geehrt worden: linker Kommandant des befriedeten Westens. Der Sohn des Himmels hatte ihn großzügig für den Sieg belohnt. Nach seiner Rückkehr in den Osten war Shen Gao zu einer Privataudienz in die Halle des Glanzes im Ta-Ming-Palast geladen worden, hatte die purpurne Schärpe erhalten, anerkennenden Worten aus dem Mund des Kaisers gelauscht und aus seiner Hand ein Jadegeschenk entgegengenommen – nur von einem einzigen Mittelsmann übereicht.

Die Familie des Generals profitierte ohne Zweifel von dem, was sich an diesem See zugetragen hatte. Tais Mutter und seine Zweite Mutter hatten gemeinsam Weihrauch verbrannt und Kerzen entzündet, um den Ahnen und Göttern für ihre Gnade zu danken.

Bis zu General Shen Gaos Tod vor zwei Jahren war die Erinnerung an diese Schlacht jedoch nicht nur ein Quell des Stolzes, sondern auch des Leides gewesen und hatte ihn gezeichnet.

Zu viele Männer hatten im Kampf um einen See an der Grenze zum Nirgendwo ihr Leben gelassen, und letzten Endes fiel er keinem der beiden Reiche zu.

So wurde es anschließend in einem Vertrag geregelt, mittels komplizierter Abläufe und Rituale. Zum ersten Mal seit Menschengedenken erhielt der König der Taguren eine kitanische Prinzessin zur Frau.

Als Tai noch ein Knabe war, hatte er sich von der Zahl der Toten dieser Schlacht – vierzigtausend – keine Vorstellung machen können. Heute war das anders.

Der See und die Wiese lagen zwischen einsamen Zitadellen, wurden von beiden Reichen aus mehrere Tagesreisen währender Entfernung bewacht – im Süden von Tagur, im Osten von Kitai. Jetzt herrschte hier stets Stille. Abgesehen vom Pfeifen des Windes, den Schreien der Vögel und den Geistern.

General Shen hatte nur seinen jüngeren Söhnen – nicht aber dem ältesten – von seinem Leid und der Schuld erzählt. Derlei Gefühle ziemten sich nicht für einen Mann seines Standes und konnten ihm als Verrat ausgelegt werden, als Leugnen der Weisheit des Kaisers, welcher im Auftrag des Himmels regierte, unfehlbar war, nicht fehlen konnte, denn sonst wären sein Thron und das Kaiserreich in Gefahr.

Und doch waren diese Gedanken geäußert worden – und nicht nur einmal –, nachdem Shen Gao sich auf das Familienanwesen am südlichen Wasserlauf nahe dem Wai zurückgezogen hatte. Üblicherweise nach einem ruhigen Tag und etwas Wein, während Blätter oder Lotusblüten von den Bäumen fielen und flussabwärts trieben. Und die Erinnerung an die Worte seines Vaters war der Hauptgrund dafür, dass sein zweitältester Sohn die Trauerzeit hier verbrachte anstatt zu Hause.

Gewiss könnte man behaupten, die stille Trauer des Generals sei falsch und unangebracht, diese Schlacht für die Verteidigung des Reiches notwendig gewesen. Man musste bedenken, dass die Kitaner nicht immer über die Taguren triumphiert hatten. Die Könige von Tagur, auf ihrem fernen, uneinnehmbaren Plateau, waren überaus ehrgeizig. Kuala Nor jenseits des Eisentorpasses – die einsamste Festung des gesamten Kaiserreichs – war hundertfünfzig Jahre lang immer wieder umkämpft worden, und in dieser Zeit hatte es auf beiden Seiten Siege und Schandtaten gegeben.

»Tausend Meilen fällt das Mondlicht, östlich von Eisentor«, hatte Sima Zian, der Verbannte Unsterbliche, geschrieben. Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, doch jeder, der die Festung Eisentor einmal besucht hatte, wusste, was der Dichter meinte.

Und Tai befand sich mehrere Tagesritte westlich des Forts, jenseits dieses letzten Außenpostens des Kaiserreiches, bei den Toten: bei den Verlorenen, die des Nachts weinten, und den Knochen von mehr als hunderttausend Soldaten, die im fallenden Mondlicht oder unter der Sonne weiß schimmerten. Manchmal, wenn er in seinem Bett lag und die Berge im Dunkeln, stellte Tai fest, dass eine Stimme, die er kannte, schon seit einiger Zeit verstummt war. Dann wusste er, dass er die zugehörigen Knochen zur Ruhe gebettet hatte.

Aber es waren einfach zu viele. Es bestand keinerlei Hoffnung, je fertig zu werden: Das war eine Aufgabe für Götter, herabgestiegen aus den neun Himmeln, nicht für einen einzelnen Menschen. Aber wenn man nicht alles schaffen konnte, bedeutete das, dass man nichts geschafft hatte?

Seit zwei Jahren beantwortete Tai diese Frage nun schon auf seine Weise, im Andenken an seinen Vater, der ihn mit leiser Stimme um ein weiteres Glas Wein bat, während er dabei zusah, wie die großen, trägen Goldfische im Teich und die Blüten auf dem Wasser trieben.

Die Toten waren überall – selbst auf der Insel. Dort hatte es ein Fort gegeben, ein kleines, das jetzt in Trümmern lag. Tai hatte sich vorgestellt, wie sich die Kampfhandlungen dorthin verlagert hatten. Wie in Windeseile Boote auf dem kiesigen Ufergrund gezimmert wurden und die verzweifelten Verteidiger der einen oder anderen Armee – je nachdem um welches Jahr es sich handelte – in der Falle saßen und letzte Pfeile auf ihre unerbittlichen Gegner abfeuerten, die ihnen über den See den Tod brachten.

Bei seiner Ankunft vor zwei Jahren hatte Tai beschlossen, dort anzufangen, und war mit dem kleinen Boot, das er gefunden und repariert hatte, hinübergerudert. Das war im Frühling gewesen, und der See hatte den blauen Himmel und die Berge gespiegelt. Die Insel war ein festumrissenes Gebiet, klar begrenzt, die Aufgabe nicht ganz so überwältigend. Am Festland lagen die Toten von der Wiese bis tief hinein in die Kiefernwälder, so weit, wie Tai an einem langen Tag laufen konnte.

Etwas mehr als die Hälfte des Jahres konnte er unter diesem hohen, unerbittlichen Himmel graben und zerbrochene, verrostete Waffen zusammen mit den Knochen verscharren. Die Arbeit war furchtbar anstrengend. Tais Haut wurde ledrig, er bekam Muskeln und Schwielen und fiel abends, nachdem er Wasser über dem Feuer erhitzt und sich gewaschen hatte, erschöpft und mit Schmerzen ins Bett.

Von Spätherbst bis Anfang Frühling war der Boden gefroren, Tais Aufgabe unmöglich. Es konnte einem das Herz brechen, wenn man versuchte, ein Grab zu schaufeln.

Im ersten Jahr fror der See zu, und für ein paar Wochen konnte Tai über das Eis auf die Insel laufen. Der zweite Winter war milder, ließ den See nicht gefrieren. Und so ruderte Tai, wann immer die Wellen und das Wetter es erlaubten, in Pelze gehüllt, mit Kapuze und Handschuhen, hinaus in die weiße, leere Stille, betrachtete die Wolken seines Atems – Zeichen seiner Sterblichkeit – und fühlte sich winzig inmitten der gewaltigen, feindseligen Weite, die ihn umgab. Mit einem Gebet überantwortete er die Toten dem dunklen Wasser, damit sie nicht länger verloren und verdammt auf dem windgepeitschten, kalten Ufer von Kuala Nor liegen mussten, zwischen wilden Tieren und fern der Heimat.

Der Krieg war nicht ohne Unterbrechungen gewesen. Das war er nie, nirgends, und vor allem nicht in einem so abgelegenen Talkessel, der den Bestrebungen und der Kriegslust von Königen und Kaisern zum Trotz für die Versorgungslinien beider Länder so schwer zugänglich war.

Aus diesem Grund gab es mehrere Hütten, errichtet von Fischern oder Hirten, die ihre Schafe und Ziegen auf den Wiesen weiden ließen, wenn hier nicht gerade Soldaten den Tod fanden. Die meisten dieser Hütten waren zerstört, ein paar jedoch hatten überdauert, und in einer davon lebte Tai. Sie war rund hundert Jahre alt und grenzte im Norden an einen mit Kiefern bewaldeten Hang, der sie vor den schlimmsten Stürmen schützte. Bei seiner Ankunft hatte Tai sie so gut wie möglich instandgesetzt: das Dach, die Tür- und Fensterrahmen, die Läden sowie den steinernen Kamin.

Und dann hatte er Hilfe bekommen, unerwartet und ungefragt. Das Leben konnte mit Gift in einem juwelenbesetzten Kelch aufwarten oder mit überraschenden Geschenken. Manchmal ließ sich unmöglich sagen, um welches von beiden es sich handelte. Ein Bekannter von Tai hatte ein Gedicht geschrieben, das sich mit dieser Frage befasste.

Jetzt lag Tai wach, in einer Frühlingsnacht. Draußen schien der Vollmond, was bedeutete, dass morgen am späten Vormittag die Taguren erscheinen würden, ein halbes Dutzend von ihnen mit einem Ochsenkarren voller Vorräte. Sie kamen über einen Hang im Süden und folgten dem flachen Seeufer zu Tais Hütte. Seine eigenen Leute trafen jeden Morgen nach Neumond ein – aus dem Osten, durch die Schlucht, die von Eisentor herführte.

Nach Tais Auftauchen in Kuala Nor hatte es eine Weile gedauert, bis man sich auf eine Vorgehensweise geeinigt hatte, die es beiden Völkern erlaubte, Tai aufzusuchen, ohne den anderen zu begegnen. Tai wollte nicht, dass aufgrund seiner Anwesenheit Männer starben. Zwar herrschte Frieden, besiegelt mit Gaben und einer Prinzessin, doch erinnerten sich junge, streitbare Soldaten nicht immer an derlei Tatsachen, wenn sie an entlegenen Orten aufeinandertrafen – und junge Männer konnten Kriege auslösen.

Die Besatzungen beider Festungen behandelten Tai wie einen heiligen Einsiedler oder einen Narren, der freiwillig unter Geistern lebte. Sie führten einen stillen, fast schon komischen Krieg gegeneinander, in dem sie versuchten, sich gegenseitig mit ihren Geschenken und ihrer Hilfe zu übertrumpfen.

Tais eigene Leute hatten seine Hütte im ersten Sommer mit einem Fußboden ausgestattet und eigens dafür zurechtgeschnittene und abgeschliffene Bretter angekarrt. Die Taguren hatten die Reparatur des Kamins übernommen. Aus Eisentor kamen (auf Tais Bitte hin) Tinte, Schreibfedern und Papier, Wein traf zunächst aus dem Süden ein. Die Kommandanten beider Festungen hießen ihre Männer bei jedem Besuch Holz hacken. Als Bettzeug und Kleidung hatte man Tai Winterpelze und Schafsfelle gebracht. Im ersten Herbst kam eine Ziege zum Melken dazu, es folgte eine weitere von der gegnerischen Seite, außerdem eine exzentrische, aber ausgesprochen warme tagurische Mütze mit Ohrenklappen und Schnüren zum Zusammenbinden. Die Eisentor-Soldaten hatten einen kleinen Schuppen für sein kleines Pferd gebaut.

Tai hatte versucht, dem Einhalt zu gebieten, war jedoch nur auf taube Ohren gestoßen, bis er schließlich begriffen hatte: Es ging weder darum, einem Verrückten einen Gefallen zu tun, noch allein darum, der gegnerischen Seite den Rang abzulaufen. Je weniger Zeit Tai aufwenden musste, um Essen zu beschaffen, Feuerholz zu machen und seine Hütte instandzuhalten, desto länger konnte er sich seiner Aufgabe widmen. Einer Aufgabe, die vor ihm noch niemand auf sich genommen hatte und die – sobald sie den Grund für seine Anwesenheit akzeptiert hatten – den Taguren ebenso am Herzen zu liegen schien wie Tais eigenen Leuten.

Es hat etwas Ironisches, dachte er oft. Selbst jetzt würden sie einander aufwiegeln und sich die Köpfe einschlagen, wenn sie zufällig hier aufeinanderträfen. Wer glaubte, der Friede im Westen sei von Dauer, musste ein ausgesprochener Narr sein. Und doch würdigten beide Reiche, dass Tai die Toten hier zur letzten Ruhe bettete – bis es neue gab.

Es war eine milde Nacht, und Tai lauschte von seinem Bett aus dem Wind und den Geistern. Weder das eine noch das andere hatte ihn geweckt (das tat es schon lange nicht mehr), sondern das weiße Leuchten des Mondes. Der Stern der Weberin, durch den Himmelsfluss von ihrem sterblichen Geliebten getrennt, war nicht mehr zu sehen. Dabei hatte er noch vor einer Weile so hell geleuchtet, dass er trotz des Vollmondes gut durchs Fenster zu erkennen gewesen war. Tai musste an ein Gedicht denken, das er als Junge gemocht hatte. Es handelte davon, dass der Mond die Botschaften der beiden Liebenden über den Fluss brachte.

Rückblickend erschien es ihm künstlich, eine selbstgefällige Täuschung. Viele gefeierte Verse der frühen Neunten Dynastie waren so, wenn man ihre verschnörkelten Formulierungen näher betrachtete. Eigentlich war es traurig, dass das passieren konnte, dachte Tai. Dass man einfach aufhören konnte, etwas zu lieben, das einen geprägt hatte. Oder jemanden. Aber wie sollte man sich weiterentwickeln, wenn man sich nicht wenigstens ein bisschen veränderte? Und war es nicht so, dass man sich manchmal von einer vermeintlichen Wahrheit verabschieden musste, um zu lernen und sich zu entwickeln?

Es war sehr hell im Zimmer. So hell, dass Tai fast versucht war, aufzustehen und ans Fenster zu gehen, auf das lange Gras zu blicken und nachzusehen, wie das silberne Licht sich auf dem Grün ausnahm. Doch er war zu müde. Am Ende des Tages war er immer müde, und nach Einbruch der Dunkelheit verließ er nie die Hütte. Zwar fürchtete er die Geister jetzt nicht mehr – er hatte beschlossen, dass sie ihn nicht länger als Eindringling betrachteten, sondern als Abgesandten der Lebenden –, doch überließ er ihnen nach Sonnenuntergang die Welt.

Im Winter musste Tai die ausgebesserten Fensterläden schließen und sämtliche Ritzen in den Wänden so gut es ging mit Lumpen und Schafsfell stopfen, um den Wind und die Kälte abzuhalten. Die Hütte füllte sich mit dem Rauch des Feuers und der Kerzen oder – wenn Tai versuchte, Gedichte zu schreiben – einer seiner beiden Lampen. Er erhitzte Wein in einer Feuerschale (ebenfalls ein Geschenk der Taguren).

Wenn der Frühling kam, öffnete Tai die Fensterläden und ließ die Sonne herein oder das Licht der Sterne und des Mondes, und bei Morgengrauen das Vogelgezwitscher.

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