G. Willow Wilson: Alif der Unsichtbare

G. Willow Wilson: Alif der Unsichtbare

FISCHER TOR

Leseprobe: Alif der Unsichtbare (G. Willow Wilson)


"Alif der Unsichtbare" von Willow Wilson wurde mit dem World Fantasy Award als "Bester Roman des Jahres" ausgezeichnet. Vor dem Hintergrund einer arabischen Großstadt erzählt er, was geschieht, wenn der Schleier zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt durchlässig wird. Lest hier die ersten Seiten!

Darum geht's im Buch: Für den jungen Hacker Alif ist es eine Frage der Berufsethik, seinen Klienten Anonymität und Schutz zu gewährleisten, egal ob es Dissidenten oder Islamisten sind. Doch als sein Rechner gehackt wird und er selbst von der Regierung ausgespäht wird, muss Alif untertauchen ...

***

Kapitel 1: Der Persische Golf

Alif saß auf dem Betonsims seines Zimmerfensters und badete in der heißen Septembersonne. Das Licht brach sich an seinen Wimpern. Wenn er durch sie hindurchsah, wurde die Welt zu einem verpixelten Fries aus Blau und Weiß. Starrte er zu lange so unkonzentriert vor sich hin, bekam er einen stechenden Schmerz in der Stirn, und dann senkte er den Blick, um zu beobachten, wie hinter seinen Augenlidern Schatten aufblühten. Neben seinem Fuß lag ein schlankes, in Chrom gefasstes Smartphone – ein Plagiat, aber ob es von China nach Westen oder von Amerika nach Osten gelangt war, wusste er nicht. An Handys pfuschte er nicht herum. Ein anderer Hacker hatte das Betriebssystem für ihn eingerichtet und die Verschlüsselung umgangen, die von irgendeinem Telekommunikationsgiganten installiert worden war, der das Monopol auf das Patent hatte. Es zeigte die vierzehn Nachrichten an, die er Intisar im Verlauf der letzten zwei Wochen geschickt hatte, mit der selbstauferlegten Obergrenze von einer pro Tag. Alle waren unbeantwortet geblieben.

Er betrachtete das Smartphone durch halbgeschlossene Augen. Wenn er jetzt einschlief, würde sie anrufen. Er würde, sobald das Telefon klingelte, mit einem Ruck aufwachen und es aus Versehen vom Sims in den kleinen Innenhof schleudern, und dann müsste er nach unten eilen und es zwischen den Jasminsträuchern suchen. Diese kleinen Missgeschicke könnten ein größeres Unglück verhindern: die Möglichkeit, dass sie gar nicht anrufen würde.

»Das Entropiegesetz«, sagte er zu dem Telefon. Es funkelte in der Sonne. Unter ihm flitzte die schwarzorange Katze, die im Innenhof schon Käfer jagte, so lange er denken konnte, über den glühend heißen Boden und hob dabei ihre rosa besohlten Pfoten an, um sie abzukühlen. Als er sie rief, gab sie ein gereiztes Maunzen von sich und schlich sich unter einen Jasminstrauch.

»Zu heiß für Katze oder Mensch«, sagte Alif. Er gähnte und schmeckte Metall. Die Luft war dick und ölig, wie der Atem einer großen Maschine. Sie griff die Lunge an, anstatt ihr Erleichterung zu verschaffen, und rief, im Zusammenspiel mit der Hitze, ein instinktives Gefühl der Beklemmung hervor. Intisar hatte ihm einmal erzählt, dass die Stadt ihre Einwohner hasse und versuche, sie zu ersticken. Sie – die Stadt – erinnere sich an eine Zeit, als reinere Gedanken noch reinere Luft erzeugten: die Regierungszeit von Scheich Abdel Sabbour, der so tapfer den Vormarsch der Europäer aufzuhalten versucht hatte; die Anfänge von Jamat Al Bashira, der großen Universität; und früher noch Pari-Nef, Onieri und Bes, wo im Sommer Hof gehalten wurde. Sie habe freundlichere Namen gehabt als den, den sie heute trägt. Von einem Dschinn-Heiligen islamisiert (so zumindest besagte es die Geschichte), liege sie am Scheideweg zwischen der irdischen Welt und dem Leeren Viertel, dem Reich der Ghule und Ifrit, die die Gestalt von Tieren annehmen können. Ohne den Segen des Dschinn-Heiligen, der unter der Moschee Al Bashira begraben liegt und der die Botschaft des Propheten gehört und geweint hatte, wäre die Stadt jetzt so vom Verborgenen Volk überrannt, wie sie es mit Touristen und Ölspekulanten war.

Man könnte fast meinen, dass du das glaubst, hatte Alif zu Intisar gesagt.

Natürlich glaube ich das, sagte Intisar, zumindest das Grabmal ist echt. Man kann es immer freitags besichtigen. Der Turban des Dschinn-Heiligen liegt obendrauf.

Das Sonnenlicht begann langsam im Westen zu verblassen, über einem Streifen Wüste jenseits des Neuen Viertels. Alif steckte sein Telefon ein und kletterte vom Sims zurück in sein Zimmer. Vielleicht würde er noch mal versuchen, sie zu erreichen, sobald es dunkel war. Intisar hatte es immer vorgezogen, dass sie sich nachts trafen. Die Gesellschaft hatte nichts dagegen, dass man die Regeln brach; sie verlangte nur, dass man sie zur Kenntnis nahm. Sich nachts zu treffen zeigte eine gewisse Geistesgegenwärtigkeit. Es legte nahe, dass man sich bewusst war, dass das, was man tat, gegen die herrschenden Gepflogenheiten verstieß und man keine Mühe scheute, sich dabei nicht erwischen zu lassen. Intisar, äußerst vornehm und beunruhigend mit ihrem schwarzen Haar und ihrer tiefen Taubenstimme, war so viel Diskretion wert.

Alif verstand ihr Bedürfnis nach Geheimhaltung. Er hatte so viel Zeit im Schutz seines Alias verbracht, einem einfachen Buchstaben im Alphabet, dass er sich mittlerweile nur noch als ein Alif betrachtete; eine gerade Linie, eine Wand. Sein richtiger Name konnte in seinen Ohren da nicht mithalten. Der Akt der Geheimhaltung war mächtiger geworden als das, was er verbarg. Da er sich dessen bewusst war, war er, sogar lange nachdem ihm der Aufwand lästig geworden war, Intisars Bedürfnis nachgekommen, ihre Beziehung geheim zu halten. Wenn heimliche Treffen ihre Liebe befeuerten, dann war das eben so. Er konnte noch ein oder zwei Stunden warten.

Der herbe Geruch von Rasam mit Reis wehte durchs offene Fenster. Bald würde er in die Küche hinuntergehen – er hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Ein Klopfen auf der anderen Seite der Wand, genau hinter seinem Robert-Smith-Poster, ließ ihn auf dem Weg zur Tür innehalten. Genervt biss er sich auf die Lippen. Vielleicht gelang es ihm ja, unbemerkt vorbeizuschleichen. In dem Moment klopfte es jedoch schon wieder, eine präzise Abfolge: ؟ ڣ ق س. Sie hatte also gehört, wie er vom Fenster heruntergeklettert war. Mit einem Seufzer pochte er zweimal gegen Robert Smiths körniges schwarzweißes Knie.

Dina war bereits auf dem Dach, als er dort ankam. Sie hatte sich dem Meer zugewandt, oder jedenfalls dem, was das Meer gewesen wäre, wenn es durch das Gewirr der Apartmenthäuser im Osten sichtbar gewesen wäre.

»Was willst du?«, fragte Alif.

Sie drehte sich um und neigte den Kopf, die Brauen in der schmalen Öffnung ihres Gesichtsschleiers zusammengezogen.

»Dir dein Buch zurückgeben«, sagte sie. »Was ist los mit dir?«

»Nichts.« Er gestikulierte verärgert. »Dann gib mir halt das Buch.«

Dina griff in ihr Gewand und zog eine ramponierte Ausgabe von Der goldene Kompass hervor.

»Willst du nicht wissen, was ich davon halte?«, fragte sie nach.

»Ist mir egal. Das Englisch war wahrscheinlich eh zu schwer für dich.«

»War es nicht. Ich habe jedes Wort verstanden. Dieses Buch …« Sie wedelte damit in der Luft herum. »… ist voll mit heidnischen Bildern. Es ist gefährlich.«

»Sei doch nicht so ignorant. Das sind Metaphern. Ich hab doch gesagt, dass du’s nicht verstehen würdest.«

»Metaphern sind gefährlich. Wenn man etwas bei einem falschen Namen nennt, verändert man es damit, und Metaphern sind nichts anderes als eine hochtrabende Art und Weise, etwas beim falschen Namen zu nennen.«

Alif riss ihr das Buch aus den Händen. Der Stoff raschelte, als Dina das Kinn senkte, und ihre Augen verschwanden unter ihren Wimpern. Obwohl Alif ihr Gesicht schon seit beinahe zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, wusste er, dass sie schmollte.

»Tut mir leid«, sagte er und presste sich das Buch an die Brust. »Ich fühl mich heute nicht so besonders.«

Dina schwieg. Alif blickte ihr ungeduldig über die Schulter: Auf einer Anhöhe über einer schäbigen Ansammlung von Wohnhäusern konnte er einen Teil des Alten Viertels flimmern sehen. Irgendwo dort war Intisar, wie eine Perle, die in eine der uralten Mollusken eingebettet war, nach denen die Ghataseen entlang der Strände suchten, die die alten Mauern säumten. Vielleicht schrieb sie an ihrer Diplomarbeit und grübelte über Büchern der frühen islamischen Literatur; vielleicht schwamm sie auch gerade im Sandsteinpool im Innenhof der Villa ihres Vaters. Vielleicht dachte sie an ihn.

»Ich wollte eigentlich nichts sagen«, sagte Dina.

Alif blinzelte. »Nichts sagen? Worüber?«

»Unser Dienstmädchen hat die Nachbarn gestern im Souk reden gehört. Sie sagen, dass deine Mutter noch immer heimlich eine Hindu ist. Sie haben behauptet, dass sie gesehen haben, wie sie Puja-Kerzen gekauft hat, in dem Geschäft in der Nasser Straße.«

Alif starrte sie an, und seine Kiefermuskeln arbeiteten. Dann drehte er sich unvermittelt um und ging über das staubige Dach, vorbei an den Satellitenschüsseln und Topfpflanzen, und blieb auch nicht stehen, als Dina ihn bei seinem richtigen Namen rief.

 

In der Küche stand seine Mutter neben dem Dienstmädchen und schnitt Frühlingszwiebeln. Ihr standen Schweißperlen auf dem Rücken, wo der Salwar Kamiz, den sie trug, die ersten paar Wirbel frei ließ.

»Mama.« Alif berührte sie an der Schulter.

»Was ist denn, Makan?« Ihr Messer hielt nicht inne, während sie sprach.

»Brauchst du irgendwas?«

»Was für eine Frage. Hast du gegessen?«

Alif setzte sich an den kleinen Küchentisch und schaute zu, wie das Dienstmädchen ihm wortlos einen Teller hinstellte.

»War das Dina, mit der du auf dem Dach geredet hast?«, fragte seine Mutter und schob den Berg Zwiebeln in eine Schüssel.

»Ja. Und?«

»Das solltest du sein lassen. Ihre Eltern werden sie bald verheiraten wollen. Gute Familien hören es sicher nicht gern, dass sie mit einem fremden Jungen herumlungert.«

Alif zog ein Gesicht. »Wer ist denn hier bitte fremd? Wir wohnen schon im selben blöden Doppelhaus, seit wir Kinder waren. Früher hat sie in meinem Zimmer gespielt.«

»Als ihr fünf Jahre alt wart! Jetzt ist sie eine Frau.«

»Wahrscheinlich hat sie immer noch dieselbe große Nase.«

»Sei nicht so gehässig, Makan-jan. Das ist nicht schön.«

Alif schob das Essen auf seinem Teller herum. »Ich könnte aussehen wie Amr Diab, und es würde nichts nützen«, murmelte er.

Seine Mutter drehte sich um und sah ihn an, das runde Gesicht von einem Stirnrunzeln verfinstert. »Also wirklich, was für ein kindisches Gehabe. Wenn du dich doch nur endlich für einen richtigen Beruf entscheiden und etwas Geld ansparen würdest, gäbe es Tausende von hübschen indischen Mädchen, die sich geehrt fühlen würden …«

»Aber keine arabischen Mädchen.«

Das Dienstmädchen stieß ein spöttisches Zischen aus.

»Was ist an arabischen Mädchen so besonders?«, fragte seine Mutter. »Die spielen sich auf und laufen mit angemalten Augen rum wie Varietétänzerinnen, aber ohne ihr Geld sind sie nichts. Weder schön noch klug, und keine von denen kann kochen …«

»Ich will keine Köchin!« Alif schob seinen Stuhl nach hinten. »Ich geh nach oben.«

»Gut! Nimm deinen Teller mit.«

Alif riss den Teller vom Tisch, wobei vor lauter Hast die Gabel klappernd auf den Boden fiel. Er stieg über das Dienstmädchen, als dieses sich bückte, um sie aufzuheben. Wieder in seinem Zimmer, begutachtete er sich im Spiegel. Wenigstens in seinem Gesicht verschmolzen indisches und arabisches Blut auf angenehme Weise miteinander. Seine Haut besaß einen ebenmäßigen Bronzeton. Seine Augen entstammten seiner beduinischen Seite, sein Mund der dravidischen; und alles in allem war er recht zufrieden mit seinem Kinn. Ja, ansehnlich genug war er, aber er würde niemals als vollblütiger Araber durchgehen. Und Intisar würde sich nicht mit weniger zufriedengeben als einem Stammbaum, der tausend Jahre zurückreichte und aus Scheichs und Emiren bestand.

»Einen richtigen Beruf«, sagte Alif zu seinem Spiegelbild und ließ damit die Worte seiner Mutter nachklingen. Im Spiegel sah er, wie sein Computermonitor aufflackerte. Er runzelte die Stirn und schaute zu, wie ein Read-out über den Bildschirm scrollte und die IP-Adresse und Benutzerstatistiken von jemandem verfolgte, der gerade versuchte, seine Verschlüsselungssoftware zu durchbrechen. »Na, wer will denn hier seine Nase in meine Angelegenheiten stecken? Böse, böse.«

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und betrachtete den Flachbildschirm – fast neu und tadellos, mal abgesehen von einem winzigen Riss, den er selbst repariert hatte; günstig von Abdullah bei Radio Sheikh gekauft. Die IP-Adresse des Eindringlings kam von einem Server in Winnipeg, und dies war sein erster Versuch, in Alifs Betriebssystem einzudringen. Neugierde also.

Aller Wahrscheinlichkeit nach war der Herumtreiber ein Gray-Hat wie er selbst. Nachdem er sich zwei Minuten lang an Alifs Verteidigungsmaßnahmen abgearbeitet hatte, gab er auf, aber nicht ohne zuvor Pony Express auszulösen, einen Trojaner, den Alif so versteckt hatte, dass es wie ein Fehler in der Verschlüsselung aussah. Wenn er einigermaßen gut war, würde der Eindringling wahrscheinlich mehrmals am Tag ein spezialisiertes Antimalwareprogramm laufen lassen, aber mit etwas Glück blieben Alif noch ein paar Stunden, um seine Surfgewohnheiten im Internet zu tracken.

Alif schaltete einen kleinen elektrischen Ventilator neben seinem Fuß ein und richtete ihn auf seinen Rechnerturm. Die CPU war heiß gelaufen; letzte Woche wäre ihm beinahe das Motherboard weggeschmolzen. Er konnte es sich nicht leisten, nachlässig zu sein. Nur ein einziger Tag offline könnte seine etwas berüchtigteren Klienten in Gefahr bringen. Die Saudis waren schon seit Jahren hinter Jahil69 her und stinksauer, dass sie es nicht schafften, seine Amateur-Erotikseite zu sperren, die täglich mehr Besucher hatte als irgendein anderer Webservice im Königreich. In der Türkei schürten TrueMartyr und Umar_Online die islamische Revolution von Standorten, die die Behörden in Ankara einfach nicht genau bestimmen konnten. Alif war kein Ideologe; soweit es ihn betraf, hatte jeder, der sich seinen Schutz leisten konnte, auch ein Anrecht darauf.

Die Zensoren waren es, die ihn nachts mit den Zähnen knirschen ließen, die Zensoren, die jeglichen Unternehmungsgeist erstickten, egal, ob dieser hehre oder zynische Ziele verfolgte. Die halbe Welt lebte unter einer digitalen Wolke aus Einsen und Nullen, die den freien Zugang zur Informationsökonomie unterband. Alif und seine Freunde lasen die Kommentare ihrer verwöhnten amerikanischen und britischen Kollegen – diese Aktivisten waren allesamt nur Maulhelden, die sich über jedes neue Gesetz zur digitalen Überwachung aufregten – und lachten.

»Ignorante Einsprachler« nannte Abdullah sie, wenn er gerade in der Stimmung war, Englisch zu sprechen. Sie hatten nicht die leiseste Ahnung, was es bedeutete, von der Stadt aus zu operieren oder aus irgendeiner anderen Stadt, die nicht als fein säuberlich geschnürtes Komplettpaket aus sterilen Postleitzahlen und aufgeräumten Gesetzen daherkam. Sie hatten keine Vorstellung davon, was es hieß, an einem Ort zu leben, der eines der modernsten digitalen Überwachungssysteme der Welt vorweisen konnte, aber keinen geregelten Postdienst. Emirate mit Prinzen in versilberten Autos und Gegenden ohne fließendes Wasser. Ein Internet, in dem jeder Blog, jeder Chatroom, jedes Forum auf illegale Äußerungen der Verzweiflung und Unzufriedenheit hin überwacht wurde.

Ihr Tag würde noch kommen, hatte Abdullah ihm einmal erklärt. Sie hatten auf der Hintertreppe des Radio Sheikh eine großzügig gefüllte Shisha geraucht und einem Pärchen wilder Katzen dabei zugeschaut, wie sie sich auf einem Müllhaufen begatteten. Die wachen eines Morgens auf und stellen fest, dass ihnen die Zivilisation unter den Füßen weggezogen wurde, Zentimeter für Zentimeter, Dollar für Dollar, so wie bei uns. Dann werden die sehen, wie es ist, den größten Teil des wichtigsten Jahrhunderts ihrer Geschichte verschlafen zu haben.

Das hilft uns auch nicht weiter, hatte Alif erwidert.

Nein, sagte Abdullah, aber es hilft mir definitiv dabei, mich besser zu fühlen.

Unterdessen wurden sie von den Albträumen auf Trab gehalten, die ihre Heimat beherrschten. An der Uni wurde das lückenhafte Informatik-Curriculum von denselben Staatsdienern unterrichtet, die die digitale Landschaft überwachten. Alif strafte sie mit Verachtung. Er würde sich selbst all das beibringen, was sie ihm verweigerten. Er würde ihre Server mit Sexvideos überfluten oder ihnen Gotteskrieger auf den Hals hetzen – die Reihenfolge war egal. Besser Chaos als langsames Ersticken.

Gerade einmal vor fünf Jahren – oder weniger – waren die Zensoren noch träge gewesen, hatten sich auf soziale Netzwerkseiten und altmodische Detektivarbeit verlassen, um ihre Zielpersonen zu verfolgen. Aber nach und nach wurde ihnen immer mehr unheiliges Wissen zuteil. Auf zahllosen Großrechnern brachen sich Spekulationen Bahn: Wer hatte sie geschult? Die CIA? Wohl eher der Mossad; die CIA war nicht clever genug, solche subtilen Mittel zur Demoralisierung der digitalen Gemeinde einzusetzen. Diese Zensoren verband kein gemeinsamer Glaubensgrundsatz; es gab Ba’ath in Syrien, es gab Säkulare in Tunesien und Salafisten in Saudi-Arabien. Und dennoch waren ihre Methoden so gleichförmig wie ihre Ziele verschieden. Auffinden, demontieren, niederschlagen.

Der Anstieg in der Internetüberwachung nahm in der Stadt die Gestalt einer skurrilen Singularität an. Sie senkte sich über die Weblogs und Foren der Unzufriedenen wie ein Nebel, der manchmal als Code oder Serverfehlfunktion erschien und manchmal als plötzliches Absinken der Verbindungsgeschwindigkeiten. Alif und die anderen Gray-Hats der Stadt brauchten Monate, um diese auf den ersten Blick gewöhnlichen Ereignisse miteinander in Verbindung zu bringen. In der Zwischenzeit wurden die Webhosting-Accounts einiger der entschiedensten Unzufriedenen der Stadt – vermutlich von der Regierung – entdeckt und gehackt, so dass sie nicht einmal mehr imstande waren, auf ihre eigenen Webseiten zuzugreifen. NewQuarter01, der erste Blogger der Stadt, taufte die Singularität »die Hand Gottes«, bevor er das digitale Ökosystem für immer verließ. Die Debatten über ihre Identität tobten noch immer: War es ein Programm, eine Person, mehrere Personen? Einige stellten die Theorie auf, dass der Emir selbst die »Hand« war – wurde nicht immer gesagt, dass Seine Hoheit in Sachen Staatssicherheit von den Chinesen geschult worden war, den Urhebern des »Goldenen Schildes«? Was auch immer ihr Ursprung sein mochte, Alif sah mit dieser neuen Welle der regionalen Überwachung eine Katastrophe herannahen. Gehackte Accounts waren nur der erste Schritt. Unweigerlich würden die Zensoren dazu übergehen, Leben zu hacken.

Wie alle Dinge, wie die Zivilisation selbst, begannen die Festnahmen in Ägypten. In den Wochen, die der Revolution vorausgingen, wurde die digitale Stratosphäre zum Kriegsgebiet. Die Blogger, die kostenlose Softwareplattformen benutzten, waren am verwundbarsten; Alif war weder überrascht noch beeindruckt, als sie gefunden und eingesperrt wurden. Dann verschwanden nach und nach auch die etwas einfallsreicheren Geeks, die ihre Seiten selbst codeten. Als die Gewalt aus dem Internet überschwappte und sich in die Straßen ergoss, als die breiten Alleen des Tahrir-Platzes zu einem Schlachtfeld wurden, ließ Alif seine ägyptischen Klienten ohne viel Aufhebens fallen. Es war deutlich geworden, dass die Regierung in Kairo seine Fähigkeiten, die dortigen Dissidenten digital zu verbergen, überflügelt hatte. Besser den Arm abschneiden, um den Körper zu retten, sagte er sich. Wenn der Name Alif gegenüber einem ehrgeizigen Staatssicherheitsbeamten geleakt würde, wäre ein ganzes Netzwerk aus Bloggern, Pornographen, Islamisten und Aktivisten von Palästina bis nach Pakistan gefährdet. Natürlich war es nicht seine eigene Haut, um die er sich Sorgen machte, obwohl er danach für eine ganze Woche keinen festen Stuhlgang mehr hatte. Natürlich war es nicht seine eigene Haut.

Dann schaute er auf Al Jazeera zu, wie Freunde, die er nur über ihr Alias kannte, ins Gefängnis gebracht wurden, Opfer der letzten Zuckungen eines sterbenden Regimes. Sie hatten Gesichter, alle anders, als er sie sich vorgestellt hatte, älter oder jünger oder erschreckend fahl, bärtig, mit Lachfalten. Sogar ein Mädchen war dabei. Sie würde wahrscheinlich in ihrer Gefängniszelle vergewaltigt werden. Wahrscheinlich war sie noch Jungfrau, und wahrscheinlich würde sie vergewaltigt werden.

Den Arm abschneiden.

Alifs Finger glitten über das Keyboard. »Metaphern«, sagte er. Er tippte es auf Englisch. Dina hatte wie immer recht.

Das waren die Gründe, weshalb Alif keine Freude am Erfolg der ägyptischen Revolution hatte oder an der Welle von Aufständen, die darauf folgte. Die Triumphe seiner gesichtslosen Kollegen, die in einer Regierung nach der anderen ein System nach dem nächsten gestürzt hatten, erinnerten ihn nur an seine eigene Feigheit. Die Stadt, einstmals ein despotisches Emirat unter vielen, fühlte sich allmählich an, als sei sie aus der Zeit herausgelöst; eine Erinnerung an eine alte Ordnung oder ein Traum, aus dem seine Bewohner es versäumt hatten aufzuwachen. Alif und seine Freunde kämpften weiter, kratzten an der digitalen Festung, die die Hand errichtet hatte, um die korrupte Regierung des Emirats zu beschützen. Aber über ihren Bemühungen schwebte eine Aura des Versagens. Die Geschichte hatte sie übergangen.

Ein grünes Aufflackern in seinem Augenwinkel: Intisar war online. Alif atmete aus und fühlte, wie seine Eingeweide wieder zu arbeiten begannen.

A1if: Warum hast du meine E-Mails nicht beantwortet?

Bab_elDunya: Bitte lass mich in Ruhe

Seine Handflächen fingen zu schwitzen an.

A1if: Habe ich dich gekränkt?

Bab_elDunya: Nein

A1if: Was ist es dann?

Bab_elDunya: Alif, Alif

A1if: Ich werd noch wahnsinnig, sag mir, was los ist

A1if: Kann ich dich sehen?

A1if: Bitte

Eine bleierne Minute lang schrieb sie nichts. Alif lehnte seine Stirn gegen die Kante des Schreibtisches und wartete auf das Ping, das ihm verraten würde, dass sie geantwortet hatte.

Bab_elDunya: An unserem Treffpunkt, in zwanzig Minuten

Alif stolperte zur Tür.

 

Er nahm ein Taxi zum entferntesten Ende der Alten Mauer und stieg dann aus, um zu Fuß weiterzugehen. Die Mauer war von Touristen überlaufen. Der Sonnenuntergang tauchte ihre durchscheinenden Steine in ein strahlendes Rosa, ein Phänomen, das sie nur unzulänglich versuchen würden, mit ihren Handys und Digitalkameras einzufangen. Souvenirbuden und Teegeschäfte säumten die Straße, die an ihr entlanglief. Alif drängte sich an einer Gruppe japanischer Frauen in identischen T-Shirts vorbei. Jemand in der Nähe stank nach Bier. Als ihm der Weg durch einen großgewachsenen Desi-Führer versperrt wurde, der eine Fahne trug, verbiss er sich einen frustrierten Aufschrei.

»Bitte links zu schauen! Vor hundert Jahr, diese Mauer umfasst ganze Stadt. Touristen damals nicht kamen mit Flugzeug, sondern mit Kamel! Kommen aus Wüste, und plötzlich – Meer! Und auf Meer, Stadt umgeben von Mauer aus Quarz, wie Fata Morgana. Sie dachten Fata Morgana!«

»Verzeih mir, Bruder«, sagte Alif auf Urdu. »Aber ich bin keine Fata Morgana. Lass mich durch.«

Der Führer starrte ihn an. »Wir sind alle hergekommen, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen, Bruder«, sagte er und schob das Kinn vor. »Verscheuch mir also nicht das Geld.«

»Ich bin nicht hergekommen. Ich bin hier geboren.«

»Masha’ Allah! Ich bitte um Verzeihung.« Er stellte sich breitbeinig hin. Die Touristengruppe versammelte sich instinktiv hinter ihm, wie Küken hinter einer Henne. Alif starrte an ihnen vorbei die Straße hinunter. Er konnte das Wellblechdach des Teegeschäfts beinahe schon sehen, in dem Intisar auf ihn warten würde.

»Wen interessiert’s, ob ein paar fette Viktorianer durch die Wüste gekommen sind, um eine Mauer anzugaffen«, platzte er heraus. »Die sind jetzt alle tot. Jetzt treiben sich jede Menge lebendige Europäer draußen auf den Ölfeldern bei der TransAtlas-Anlage herum. Zeig ihnen doch die.«

Der Führer verzog das Gesicht. »Du bist verrückt, Bhai«, murmelte er, trat zur Seite und hielt seine Brut mit einem Arm zurück. Alif hatte eine Verbundenheit unter den Klassen heraufbeschworen, die subtiler war als Kommerz. In einer Dankesgeste drückte er sich eine Hand aufs Herz und eilte vorbei.

Das Teegeschäft war weder reizvoll noch denkwürdig. Es war mit einem verschmierten Wandgemälde aus Acryl dekoriert, das die berühmte Skyline des Neuen Viertels abbildete, und der Inhaber – ein Malaie, der kein Arabisch sprach – servierte »authentische« Hibiskus-Getränke, die schon seit Jahrzehnten aus der Mode waren. Kein Einheimischer der Stadt würde je einen Fuß in ein solches Simulakrum setzen. Was auch der Grund war, weshalb Alif und Intisar sich hier trafen. Als Alif ankam, stand Intisar mit dem Rücken zum Raum in einer Ecke und betrachtete einen Ständer mit verstaubten Postkarten. Alif spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg.

»As-salaamu alaykum«, sagte er. Sie drehte sich um, und Gagat-Perlen klimperten leise am Saum ihres Schleiers. Große schwarze Augen sahen ihn an.

»Tut mir leid«, flüsterte sie.

Er durchquerte den Raum in drei Schritten und nahm ihre behandschuhte Hand. Der Malaie war an einem Waschbecken in der gegenüberliegenden Ecke beschäftigt, den Kopf abgewandt; Alif fragte sich, ob Intisar ihm Geld gegeben hatte.

»Um Himmels willen«, sagte er, sein Atem unregelmäßig. »Was ist passiert?«

Sie senkte den Blick. Alif strich mit dem Daumen über ihre Satinhandfläche und spürte, wie sie erschauerte. Am liebsten hätte er ihr den Schleier heruntergerissen und ihre Miene entziffert, die so unergründlich hinter der Wand aus schwarzem Krepp war. Er konnte sich noch an den Geruch ihres Halses erinnern – so lange war es nicht her. Es war unerträglich, durch so viel Stoff getrennt zu sein.

»Ich konnte es nicht verhindern«, sagte sie. »Es ist alles ohne mich arrangiert worden. Ich habe es versucht, Alif, ich schwöre dir, ich habe alles versucht – ich habe meinem Vater gesagt, dass ich erst den Abschluss an der Uni machen will oder reisen, aber er hat mich nur angeschaut, als ob ich verrückt geworden wäre. Es ist ein Freund von ihm. Ihn hinzuhalten wäre eine Beleidigung …«

Alif hörte auf zu atmen. Er nahm ihr Handgelenk und fing an, ihr den Handschuh auszuziehen, ohne ihren halbherzigen Abwehrversuchen Beachtung zu schenken. Er entblößte ihre blassen Finger: Ein Verlobungsring funkelte zwischen ihnen wie ein Stein, der auf unebenen Boden gefallen war. Er fing wieder an zu atmen.

»Nein«, sagte er. »Nein. Das kannst du nicht. Er kann es nicht. Wir verschwinden – wir gehen in die Türkei. Dort brauchen wir das Einverständnis deines Vaters nicht. Intisar …«

Sie schüttelte den Kopf. »Mein Vater würde einen Weg finden, dich ins Unglück zu stürzen.«

Zu Alifs Entsetzen spürte er, wie ihm Tränen in die Augen schossen. »Du kannst diesen Chode nicht heiraten«, sagte er heiser. »Du bist meine Frau vor Gott, wenn auch vor niemandem sonst.«

Intisar lachte. »Wir haben ein Stück Papier unterschrieben, das du ausgedruckt hast«, sagte sie. »Das war albern. Kein Staat würde das je anerkennen.«

»Die Shayukh schon. Und die Religion!«

Der Malaie verlagerte sein Gewicht und sah über die Schulter. Ohne zu sprechen, zog Intisar Alif ins Hinterzimmer und schloss die Tür.

»Schrei nicht so«, zischte sie. »Du löst noch einen Skandal aus.«

»Das hier ist ein Skandal.«

»Sei nicht so theatralisch.«

»Sei du nicht so herablassend.« Alif zog die Lippe hoch. »Wie viel zahlst du dem Malaien? Er ist sehr zuvorkommend.«

»Hör auf damit.« Intisar hob ihren Schleier. »Ich will nicht mit dir streiten.« Eine Haarsträhne klebte ihr an der Wange; Alif strich sie fort, bevor er sich zu ihr beugte, um sie zu küssen. Er schmeckte Lippen, Zähne, Zunge; sie entzog sich ihm.

»Für so was ist es zu spät«, murmelte sie.

»Nein, ist es nicht. Ich beschütze dich. Komm zu mir, und ich beschütze dich.«

Ihre vollen Lippen bebten. »Du bist wie ein kleiner Junge«, sagte Intisar. »Das hier ist kein Spiel. Jemand könnte ernsthaft zu Schaden kommen.«

Alif schlug mit der Faust gegen die Wand, und Intisar schrie auf. Einen Moment lang starrten sie einander an. Der Malaie begann, gegen die Tür zu hämmern.

»Sag mir seinen Namen«, forderte Alif.

»Nein.«

»Dieser ziegenfickende Hurensohn! Sag mir seinen Namen«, brüllte er.

Die Farbe wich aus Intisars Gesicht. »Abbas«, sagte sie. »Abbas Al Shehab.«

»Abbas der Meteor? Was für ein saudämlicher Name. Ich bring ihn um … ich ramm ihm ein Schwert aus seinen eigenen Knochen durchs Herz …«

»Rede nicht, als wärst du einem Comicheft entsprungen. Du weißt nicht, was du sagst.«

Sie drängte sich an ihm vorbei und öffnete die Tür. Der Malaie fing an, in einem unverständlichen Dialekt herumzuschreien. Alif ignorierte ihn und folgte Intisar durch das Teegeschäft nach draußen. Sie weinte.

»Geh nach Hause, Alif«, sagte sie mit zitternder Stimme und zerrte sich den Schleier wieder vors Gesicht. »Ich will deinen Namen nie wieder sehen. Bitte, Himmel, bitte – ich halte das nicht aus.«

Er verhedderte sich mit den Beinen zwischen einem Tisch und einem Stuhl und stolperte. Intisar verschwand in der Dämmerung, ein schwarzes Omen vor dem sich dunkel färbenden Himmel.

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Unverkäufliche Leseprobe aus: G. Willow Wilson – Alif der Unsichtbare. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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