Nerdige Orte: Trier

© traveller1955/pixabay

KOLUMNE

Trier mit dem Oktobermann – Orte, die ein Nerd besucht haben sollte (Folge 17)


Städtetouren, die sich auf das Werk eines Autors beziehen, haben Tradition: Dublin kann man am gut mit James Joyce erleben, oder Rom und Paris mit Dan Brown. Jetzt kommt ein weiterer Klassiker dazu: Trier mit Ben Aaronovitch.

50° 51′ 10,3″ N, 7° 7′ 23,4″ O

Es passiert nicht allzu häufig, dass ein deutscher Handlungsort die Aufmerksamkeit eines britischen Autors weckt. Möglicherweise hängt es im aktuellen Fall damit zusammen, dass Ben Aaronovitch Trier für die älteste Stadt Deutschlands hält. Auch wenn andere Städte diesen Anspruch ebenfalls erheben und darüber trefflich gestritten werden kann, nach welchen Kriterien nun die Stadteltern von Worms, Andernach oder Kempten recht haben, sicher ist, dass Trier verdammt alt ist. Und wer einmal dagewesen ist, wird vielleicht an der Porta Nigra, im Dom oder auf dem Gelände der ehemaligen römischen Therme die besondere Atmosphäre gespürt haben, in der der Vorhang dünn und eine phantastische Welt nur ein Fingerschnippen entfernt ist.

Das noch vorweg: der Artikel wird nicht ganz und gar spoilerfrei sein, da Bezüge zum Buch „Oktobermann“ hergestellt werden. Es wird nichts über die Handlung oder die Inhalte der Ermittlung des Protagonisten Tobi Winter verraten, dennoch sollten Leserinnen und Leser, die den Weltenbau Aaronovitchs nicht kennen, die Bücher aber lesen möchten, hier aufhören.

Entscheidung getroffen? Weiterlesen?

Ganz sicher?

Flussgötter in Deutschland

Also gut. Seit Jahren ist Sonderermittler Peter Grant in London unterwegs und wird immer dann hinzugezogen, wenn an einem Verbrechen übernatürliche Anteile vermutet werden. Dasselbe trifft auf Tobias Winter vom BKA zu. Und da es in seinem Fall in Trier um die Mosel und das Jahrtausende alte Weinanbaugebiet geht, liegt der Tote, dessen Ableben aufzuklären ist, in einem Weinberg. Um das Thema Wein, dessen Anbau und Genuss führt in dieser Gegend einfach kein Weg vorbei, und immer noch sind die Straußenwirtschaften entlang der Mosel im Sommer voll von Touristen. Wer einen weniger weinseligen Blick wagt, stellt fest, dass über dem ganzen Thema nostalgischer Staub liegt. Aus so manchem Weinkeller strömt der Mief der Vergänglichen.

Die Mosel selbst ist im „Oktobermann“ sehr jung, bringt frischen Wind in die Weindomäne und wickelt Tobi Winters Kollegin Vanessa Sommer gekonnt um den Finger. Sie bevorzugt es, französisch zu sprechen, betont jedoch, neben Deutsch auch Luxemburgisch zu beherrschen. Da eine Flussgöttin bei Aaronovitsch selten allein kommt, taucht noch die „Ziehmutter“ der Mosel auf, die Kyll, im Buch Kelly genannt. Ich hatte beim Lesen und der Personifizierung der Mosel leider das Problem, dass ich ständig das Volkslied „O Mosella“ im Ohr hatte. Wer das nicht kennt, sollte unbedingt auf eine Hörprobe verzichten. Als Warnung sei erwähnt, dass aus der Feder des Verfassers Karl Berbuer auch „Heidewitzka, Herr Kapitän“ und „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ stammt.

Porta Nigra, Trier

© Berthold Werner - Eigenes Werk, Gemeinfrei

Der Teufel und der Baumeister

Aber Trier auf die Mosel zu reduzieren, wäre ziemlich unfair. Tobi Winter schaut selbstverständlich an der Porta Nigra vorbei, die bekanntermaßen mit sehr fantastischen Vampirfledermäusen bevölkert ist. Große Worte verliert er allerdings über das große Tor aus römischen Zeiten nicht, sondern wendet sich dem zweifelsohne pittoresken Hauptmarkt mit dem Petrusbrunnen (wo er auf den Wein und seine Bedeutung für die Region zurückkommt) und später dem Spielzeugmuseum zu. Letzteres scheint, wie leider einige Museen in Deutschland, der Ansicht zu sein, auch eine Webseite müsse antik sein. Was die kleine Mosel am im „Oktobermann“ dargestellten Museum so begeistert, erschließt sich daher nur schwer oder ist sogar komplett fiktiv.

Es wundert dagegen, dass Aaronovitch den Trierer Dom und den Domstein vollkommen unerwähnt lässt. Dabei gibt es über den Stein die üblichen Dombaulegenden. In einer Version hat der Baumeister dem Teufel weisgemacht hat, er wolle das größte Brauhaus der Welt bauen. Der Teufel schleppte daraufhin mehrere Säulen nach Trier, kam hinter die List und schleuderte die letzte Säule auf das Gebäude, traf – natürlich – aber nicht, weil diese Legenden immer zugunsten Gottes ausgehen. Wobei in diesem Fall schon einiges dazu gehört, einen ganzen Dom zu verfehlen, aber sei’s drum. Fällt da allerdings nicht noch etwas auf? Was hat der Baumeister behauptet zu bauen? Das größte Brauhaus der Welt? In einem Weinanbaugebiet? Mal ehrlich, wenn dieser Teil der Geschichte so stimmt, ist der Teufel noch blöder als erwartet. Es ist wirklich kein Wunder, dass er immer verliert.

Hexen und Hexer

Geblieben ist immerhin eine kleine süße Spezialität namens „Domstein“, die es in einigen Konditoreien zu kaufen gibt. Ganz ohne Weincreme.

Ebenfalls ausgeklammert hat Ben Aaronovitch Triers unrühmliche Vergangenheit in der frühen Neuzeit. In wenigen Bistümern wurden mehr Hexen und Hexer verbrannt als in der alten Römerstadt, Stoff für viele phantastische und historische Romane, die bereits geschrieben worden sind oder noch geschrieben werden. (Männliche) Hexer sind schließlich gerade groß in Mode. Immerhin hat sich Trier in den 2010er Jahren, also nur rund 400 Jahre nach dem Höhepunkt der Geschehnisse, vom Unrecht der Hexenprozesse und den unter Folter eingestandenen angeblichen Vergehen distanziert. Bei manchen Dingen dauert eben etwas länger bis zum glücklichen Ende.

Literaturtipps:

VAMPI – Die kleine Vampirfledermaus von Sandra Baumgärtner, illustriert von BenSwerk, ISBN 978-3-947361-13-7, MACHWERKE Verlag

 

 

Über "Orte, die ein Nerd besucht haben muss"

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren. Diana Menschig besucht regelmäßig diese Orte und schreibt darüber in "Orte, die ein Nerd besucht haben muss" auf TOR ONLINE.

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