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KOLUMNE

Corona-Edition – überall zu Hause: Orte, die ein Nerd besucht haben sollte (Folge 18)


Eigentlich ist es gar nicht so wichtig, dass eine Reise lang ist oder ob sie an einen weit entfernten Ort führt. Manchmal liegen die exotischsten Winkel direkt vor der eigenen Nase. Ganz egal, wie euer Zuhause gestaltet ist, ob ihr in einem Blockhaus wohnt, einem Schloss oder einem Einzimmerapartment, ganz sicher gibt es einige Winkel, die Geheimnisse bergen.

42° 23′ 66,6″ N, 20° 20′ 4,1″ O

1) Das Bett

Wir kennen das alle. In einem bestimmten Alter glauben wir fest daran, dass sich unter dem Bett ein Monster befindet, das hervorgekrochen kommt, wenn wir einschlafen oder die Bettdecke nicht fest genug um uns gehüllt haben. Wenn wir älter werden, ziehen diese Monster entweder um unter das Bett eines jüngeren Kindes oder verschwinden ganz. Doch wie können wir da sicher sein? Weil wir regelmäßig unter dem Bett staubsaugen? Weil wir in unserem Apartment ein Hochbett haben und darunter den Schreibtisch? Dabei zeigt sich doch hier bereits ein erster untrüglicher Hinweis auf Monsteraktivität. Oder glaubt jemand ernsthaft, der Wunsch, phantastische und mysteriöse Bücher oder gar Horrorromane zu lesen (und/ oder zu schreiben) entspringt dem eigenem freien Willen?

Vielleicht lohnt da ein gründlicher Blick hinter den Schreibtisch. Desgleichen einfach mal unters Bett kriechen. In beiden Fällen: Luft anhalten. Bewegen sich jetzt die Wollmäuse, diese zu einem Ball aus Staub und Haaren verklumpten Flusendinger? Wenn nicht, dieses Experiment mehrfach wiederholen. Und nein, staubsaugen nützt da gar nichts. Erst recht nicht, wenn damit zuvor Spinnen eingesaugt wurden. Was machen Spinnen eigentlich in Staubsauberbeuteln? Vor allem, falls es sich nicht um gewöhnliche Spinnen handelt? Was passiert, wenn sich Wollmäuse und Spinnen begegnen? Die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Wer es daher wagt, dies herauszufinden, dem sollte dringend zu großer Vorsicht geraten werden.

2) Der Kleiderschrank

Gerade jetzt, wenn alle zu Hause sind und die Heinzelmännchen, Gnome, Feen und andere Wesen aus den Zwischenwelten sich nicht unbemerkt in die Wohnung schleichen können, sollte die Wohnung gründlichst auf magische Portale untersucht werden. Der wahrscheinlichste Ort für die Tür zu einer anderen Welt ist die Rückseite des Kleiderschranks. Wer kennt das nicht: mysteriöse Klopfgeräusche, Katzenhaare auf den Pullis, obwohl im Haushalt gar keine Katze lebt, verschwundene T-Shirts, abstürzende Regale, die gar nicht überladen waren? Also einmal gründlich alle Regale ausräumen, die Regalböden entfernen und auf der Kleiderstange alles zur Seite schieben (Achtung, auch hier kann es zu vermehrter Wollmäuseaktivität kommen. Daher den zuvor auf Spinnen-losigkeit kontrollierten Staubsauger bereithalten). Jetzt den Schrank auf Ritzen abtasten. Vielleicht auch eine Kerze reinhalten und schauen, ob die Flamme sich bewegt. Scheinbare Astlöcher könnten Schlüssellöcher sein. Mit einem Dietrich (zur Not auch mit einem IKEA-Sechskant) kontrollieren. Zum Abschluss einmal alles gründlich abklopfen, zwischendurch Pausen machen und auf mögliche Antworten horchen.

Sollte sich nach alldem ein Portal öffnen und ein phantastisches Wesen vor euch stehen, sicherheitshalber zwei Meter Abstand halten (weiß ja niemand, ob die nicht auch Corona bekommen können), keinen Gruß mit der Hand anbieten, sondern verbeugen und dann zum Tee einladen.

3) Das Bücherregal

Jedes Bücherregal, ob aus preiswertem weißen Möbelholz oder hochwertiger Eiche, hat ein Geheimfach. Das Problem ist, dass das Wissen darum über die Jahrhunderte, seit es immer mehr des Lesens mächtige Menschen und obendrein Bücher gibt, verloren gegangen ist. Um den Mechanismus, der das Verborgene schützt, zu finden, empfiehlt sich folgendes Vorgehen: Die Bücher sortieren. Nach Alphabet der Namen der Verfasser. Oder alphabetisch nach Titeln. Nach Farbe des Buchrückens. Nach Höhe. Nach Dicke. Nach Subgenre. Nach Menge der in den Romanen vorkommenden Aliens. Nach Flughöhe der in den Romanen auftauchenden Drachen. Nach Verlag. Nach Kaufdatum.

Irgendwann, meist nach nur wenigen Wochen (da wir aber zu Hause bleiben müssen, haben wir ja Zeit), sticht ein Buch hervor. Ein einzelnes schiebt sich mit seinem Rücken in den Vordergrund, tanzt sozusagen aus der Reihe. Wird der Rücken sanft mit dem Daumen gedrückt, sollte irgendwo im Regal ein Klicken ertönen, und das geheime Versteck ist offen. Wer so lange durchgehalten hat, dem oder der winkt eine schöne Belohnung. Leider verlieren die meisten Leute bei der langwierigen Suche die Lust, sobald sie den Glauben an das Geheimfach verloren haben. Aber es ist da. Eben nur bis dahin unentdeckt.

4) Die Garderobe

Oft unterschätzt und dabei aufgrund der hängenden Jacken, Mäntel oder Taschen sowie der verführerisch herumstehenden Schuhe ein ebenso logischer Ort für magische Portale ist die Garderobe. Daher an diesem Ort ebenso verfahren wie mit dem Kleiderschrank. Zusätzlich die Schuhe sortieren und dazu auf Socken untersuchen. Steckt vielleicht im Wanderschuh noch eine winterliche Wollsocke? Oder gar im sommerlichen Slipper ein Füßling? Jetzt kommt die entscheidende Frage: Führen die strumpfigen Kleidungsstücke ein Singledasein oder sind sie verpaart? Einzelnes Auftreten sind ein deutlicher Hinweis auf Aktivitäten sockenfressender Monster. Sofern sich zuvor unter dem Bett/ hinter dem Schreibtisch selbstständig bewegende Wollmäuse gezeigt haben, ist spätestens jetzt von Monsteraktivität auszugehen. Und da diese sich weder zeigen können, weil ihr menschlicher unfreiwilliger Wirt ständig in der Bude hängt, noch die Wohnung verlassen können, könnten diese normalerweise harmlosen Zeitgenossen reizbar werden.

Es empfiehlt sich, den Monstern etwas Beschäftigung anzubieten. Dazu alle Wollmäuse einsammeln, diese in eine einzelne Socke stopfen und anschließend zu einem festen Ball verknoten. Dann jedes Mal im Vorbeigehen die Socke im Zimmer herumkicken. Sofern die Socke im Laufe der Zeit immer wieder in anderen Winkeln auftaucht, ist das ein gutes Zeichen: Das Monster spielt mit und langweilt sich weniger. Falls es weitere Beschäftigung benötigt, der Socke Puzzleteile zufügen, die das Monster sammeln darf.

5) Die Fenster

Feng-Shui-Begeisterte wissen es längst: Eine gute Wohnung hat zwei gegenüberliegende Fenster, damit der Glücksdrache zu dem einen hinein- und zum anderen wieder hinausfliegen kann, ohne sich den Kopf schmerzhaft an einer störenden Wand zu stoßen.

Weniger bekannt ist, dass dies auch in Einzelfällen für heimische Singvögel, bei Buchmenschen insbesondere Buchfinken gilt. Die Vögel sollten ungehinderten Zugang zur Wohnung erhalten, ein wenig herumschwirren und dann aus dem zweiten Fenster in angepeilter Flugroute wieder verschwinden können. Wird ihnen der Durchflug verwehrt, werden sie lästig und klopfen endlos nervtötend gegen die Scheiben. Sofern die Fenster nicht flugbahngemäß angeordnet sind, hilft eigentlich nur ein großer Presslufthammer (zum Glück gelten Baumärkte als systemkritisch und haben geöffnet, egal ob unter oder über 800 m². Nicht das passende Werkzeug besorgen zu können ist also keine Ausrede).

6) Der Keller

Der Ort kumulierter Gruseligkeit ist in der Regel der Keller. Dunkel, kalt, vielleicht feucht und Spinnen in solchen Mengen, dass der beste Staubsauger ihnen nicht beikommt. Dazu häufig der Standort der Waschmaschine, in der ebenfalls erhöhte Sockenverschwindeaktivität beobachtet wird. Befindet sich hier gar ein Kleiderschrank, in der die Ski-Klamotten oder LARP-Kostüme aufbewahrt werden, ist spätestens jetzt Alarmstufe rot angesagt.

Da hilft nur eins: Alles ausräumen. Salz, Knoblauch und Staubsauger zur Abwehr bedrohlicher Wesen bereithalten (Weihwasser ist zur Zeit schwieriger zu erhalten, da auch Kirchen nur eingeschränkt geöffnet sind. Aber vielleicht hat ein Priester Zeit, einfach mal in den Gelben Seiten nachschauen).

Wenn der Keller soweit leer ist, die Wände und Kleiderschränke wie zuvor nach Ritzen oder Klopfgeräuschen absuchen. Unbedingt auch die Abflüsse auf verdächtiges Gurgeln überprüfen. Eventuell findet sich in einem Winkel ein Klopapierrollen-fressendes Monster. Bei diesem ist keine Aktion erforderlich, da es sich nur um ein zeitlich begrenztes Phänomen handelt. Es verschwindet in einigen Wochen von selbst.

Besondere Vorsicht ist bei Schimmelflecken oder undefinierbaren Flüssigkeiten auf dem Boden geboten. Hier empfiehlt sich ein mehrstufiges Vorgehen:


a) Handelt es sich um verschüttetes Flüssigwaschmittel, das von einer Staubpatina überkrustet und gerade dabei ist, in einen neuen Aggregatszustand überzugehen? Bei „Ja“ weiter bei f), im Zweifel weiter bei b)
b) Bewegt sich der Fleck? Bei „Ja“ Abstand halten, wenn möglich, auch mehr als zwei Meter
c) Ansprechen – Antwortet er? Wenn „Ja“, ist von phantastischer Aktivität auszugehen. Am besten nach der Befindlichkeit erkundigen, bei Bedarf füttern.
d) Riecht er merkwürdig? Bei „Ja“ vor jeder weiteren Maßnahme gründlich desinfizieren.
e) Schillert er in Regenbogenfarben? Bei „Ja“ den eigenen Suchtmittelkonsum überdenken.
f) Werden die Punkte b) bis e) mit „Nein“ beantwortet, helfen ein Eimer heißes Wasser und eine Bürste. Danach nicht vergessen, den Keller wieder einzuräumen, sonst steht jetzt der gesamte Krempel im Flur herum.

5) Das Zuhause

Ob und in welchem Ausmaß die in normalen Zeiten unsichtbaren BesucherInnen/ MitbewohnerInnen stören, sollte jede und jeder für sich entscheiden. Dabei muss die mögliche Inspiration und Recherchemöglichkeit aus erster Hand/ Klaue/ Pfote/ erstem Schleimtentakel gegen das Ausmaß der Störung des persönlichen Raums abgewogen werden. Nicht jedes phantastische Wesen ist nervend. Es wird von Eltern mit eigenen Kindern berichtet, die schlimmer sein sollen. Manche wollen nur spielen (sowohl Kinder als auch Monster). Bei möglicher Gefahr das Sockenmonster oder den Teegast zu Hilfe holen, je nachdem, wie bedrohlich die Begegnung beziehungsweise das ungewöhnliche Vorkommen erscheint.

Dazu ist jede Situation einzeln zu bewerten, eine allgemeine Empfehlung kann an dieser Stelle nicht gegeben werden. Wer mit möglichen phantastischen Parasiten/ hohem Monsteraufkommen nicht weiterkommt, sollte unbedingt in den sozialen Medien um Rat fragen, dort gibt es ganz sicher eine Person, die (besser) Bescheid weiß.

 

 

Über "Nerdige Orte"

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren. Diana Menschig besucht regelmäßig diese Orte und schreibt darüber in ihrer Kolumne "Nerdige Orte" auf TOR ONLINE.

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