Der Drachenwinkel in Dillingen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 13)

© Wolter / raphaelsilva - pixabay

KOLUMNE

Der Drachenwinkel in Dillingen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 13)


Autorin Diana Menschig besucht für uns nerdige Orte – und macht sich heute auf den Weg zum Drachenwinkel in Dillingen.

Von Drachen und Büchern – Der Drachenwinkel in Dillingen (SR)

Koordinaten: 49° 22' 18,4" N, 6° 45' 43,6" O

Der Drachenwinkel von Diana und Karsten Wolter im westlichen Dillingen des Saarlandes muss den Fans phantastischer Literatur eigentlich nicht mehr vorgestellt werden. Seit der Übernahme des ehemaligen Getränkemarktes ist mit viel Liebe zum Detail ein Kleinod entstanden, das in der Welt der Buchhandlungen seinesgleichen sucht.

Um diese Buchhandlung zu verstehen, habe ich ein Interview mit jemandem geführt, der sich wirklich dort auskennt. Mein Gesprächspartner ist Karl-Heinz Kasupke, der Hausmeister des Drachenwinkels. Er sitzt mir in einem grauen Kittel gegenüber, darunter erkenne ich eine Kordhose – er besteht allerdings darauf, dass es sich um eine Manchester-Hose handelt, was  er „Mannscheßter“ ausspricht. Über seine Halbglatze hat er ein paar fettige Haarsträhnen von links nach rechts gekämmt. Seinen grauen Gesichtszügen nach ist er ungefähr Mitte fünfzig – vorsichtig geschätzt, da er starker Raucher ist: Seine Fingernägel sind gelb, und in einem Mundwinkel hängt eine filterlose Zigarette, die aber seltsamerweise nicht qualmt. In einer Hand hält er einen Strohbesen, aus einer Kitteltasche lugt ein großer Schlüsselbund hervor.

 

Diana Menschig: Herr Kasupke, Sie waren so freundlich, für ein Gespräch über den Drachenwinkel zur Verfügung zu stehen. Bitte stellen Sie sich kurz unseren Leserinnen und Lesern vor.

Karl-Heinz Kaspuke: Tschah, watt soll ich sagen? Karl-Heinz Kaspuke mein Name, ich bin hier der Hausmeister. Datt heißt, datt ich hier alles in Schuss halten tu, kehren, Käbelchen reparieren, den Kindern datt Fußballspielen in den Geschäftsräumen verbieten.

DM: Wie kamen Sie in den Drachenwinkel?

KHK: Sagen wir eher, der Drachenwinkel kam zu mir, wull? Ich gehör hier praktisch zum festen Inventar von dem gesamten Gebäude. Daher ja auch Hausmeister und nich Winkelmeister. Vor dem Drachenwinkel war hier ein Lebensmittelladen und davor ein Getränkehandel und davor – nee, wartense, umgekehrt. Iss auch egal, ich war schon da, als die kamen. Seit … hab ich vergessen. Tut mir leid, ich hab dem Teil von meinem Gedächtnis wieder im Keller liegen gelassen.

DM: Wie bitte?

KHK: Ach, datt passiert, wull? Nach mehr als hundert Jahren schaff ich datt nich, datt alles zusammenzuhalten. Aber wie sach ich immer so schön: Datt gute Haus verliert nix. Ich find alles wieder. Bin ja auch das Fundbüro, bei mir landet alles, watt die Leute vergessen. Zum Beispiel nach den Lesungen. Hier sind ja ständig Lesungen! Da bleibt immer watt liegen, wull?

Der Drachenwinkel in Dillingen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 13)

Diana und Karsten Wolter (© Wolter / Lichtinspektor)

DM: Sagten Sie hundert Jahre? Seitdem sind Sie hier? So alt ist das Gebäude doch gar nicht.

KHK: Nein, da war dieses Grubenunglück, wull? Also vor hundert Jahren. Ich war Kumpel hier im Bergwerk, ich bin eigentlich aussem Ruhrpott, aber mein Bruder meinte damals, hier im Saarland wärs besser, da bin ich hergekommen. Na, und jedenfalls bin ich erst im Bergwerk geblieben, datt wurde ja wieder aufgemacht, nachdem es zusammengekracht war. Aber als es nich mehr genuch Kohle gab, da wurden die Zechen alle geschlossen, und da hab ich mir watt Neues gesucht.

DM: Sind Sie …untot?

KHK: Geist.

DM: Geist?

KHK: Sach ich doch, Geist. Ich bin Spuk, vierte Kategorie: Tod durch Unglück ohne Todesfolge.

DM: Aha …

KHK: Ich hatte damals Glück. Die AGG, also die Allgemeine Geister-Gewerkschaft hat mir den Posten hier verschafft. War damals der einzige Bewerber, da war nix mit Bewerbungsgespräch oder Össessment-Zenter. Und datt war eine Supersache, ich hatte immer watt zu schnuppen. Also zu trinken. Das iss als Geist gar nich so einfach, wull?

DM: Sie trinken noch? Wie spannend! Ich dachte immer, Geister brauchen gar nichts zum … leb… äh … existieren. Können Sie das näher erklären?

KHK: Ach nee, lassense ma. Eigentlich isset ne Riesensauerei. Datt wollense nich wissen.

DM: Doch! Ganz ehrlich, ich wollte immer schon mal wissen, ob und wie Geister sich ernähren. Das wäre auch sicherlich hochinteressant für die Leserinnen und Leser.

KHK: Hörense auf. Sie wollten über dem Drachenwinkel reden.

DM: Na gut, schade.

KHK: Jedenfalls war ich erst richtig entsetzt, als ich von den Leuten mit dem Drachenwinkel hörte. Ich meine: Bücher! Wer braucht die?

DM: Also, ich persönlich als Autorin und Leserin …

KHK: Bücher kann ich nich essen. Und nich trinken. Verstehense? Wie sach ich immer so schön: Erst kommt datt Fressen, dann kommt datt Buch.

DM: Das Zitat habe ich anders in Erinnerung: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

KHK: Sach ich doch. Moral, Bildung, all der ganze Kappes. Lernense aus Büchern. Aber Bücher könnense nich essen.

DM: Dann ist das Zitat aber von Bertholt Brecht. Aus Mutter Courage.

KHK: Sie sind auch son Kluchscheißer, wull?

DM: Klugscheißerin, wenn schon.

KHK: Sach ich doch. Genau wie der Karsten hier. Der wollte ja Lehrer werden. Stattdessen hat der so Werkzeugs verkauft. Also Zeugs zum Werk. T-Shirts und anderes Gedöns. Und dann kam datt mit dem Büchern. Ich war richtig fertig, könnense sich nich vorstellen. Aber dann hab ich gesehen, datt die auch Met im Sortiment hamm. Mann, war ich erleichtert!

DM: Sie kommen also mit Diana und Karsten gut klar?

KHK: Na sicher! Manchmal denk ich, der Karsten wäre wirklich besser Lehrer geworden, der iss dufte. So Typen fehlen an den Schulen, wissense? Dann würden die Blagen auch nich immer alle son Unsinn machen. Watt mich allerdings stört, iss die ganze Menagerie, die die zwei mitgebracht hamm.

DM: Menagerie?

KHK: Na ja, seit dir hier sind, isset voll geworden. Lauter sonne Wesen und noch mehr Geister. Aber inzwischen hab ich mich dran gewöhnt. Eigentlich isset ganz nett, nich mehr so allein zu sein. Und zum Beispiel datt Dorchen kommt ja gar nich rein. Datt war der ihr Hausgeist, den hammse mitgebracht. Aber die bleibt stur vor dem Geschäft in der ihrem Baum. Iss echt schade, weil ich nich raus kann, wissense?

(Es scheint, dass Herrn Kasupkes graue Gesichtsfarbe bei diesen Worten etwas ins anthrazit spielt.)

DM: Warum nicht?

KHK: Vorgabe der AGG. Sonst verlier ich meinen Job. Datt will ja niemand. Nur einmal an Halloween, da hamm Dorchen und ich ... Na, datt geht sie gar nix an.

DM: Schade, auch das wäre sehr spannend zu erfahren!

KHK: Vergessenses. Datt iss watt Persönliches. Noch watt?

DM: Das war sehr informativ, Herr Kasupke, herzlichen Dank für das Gespräch!

KHK: Gern geschehen, wull?

 

Herr Kaspuke gab folgend noch drei goldene Hinweise mit auf den Weg. Weil drei so eine schöne magische Zahl wäre:

Der Drachenwinkel in Dillingen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 13)

© Wolter

Dungeons & Dragons

Hartnäckig hält sich das Gerücht, im Keller des Drachenwinkels würden die namengebenden Kreaturen hausen. Mal abgesehen davon, dass diese Drachen vermutlich längt viel zu groß geworden und abgehauen wären – und: Drachen sind toll. Wirklich toll. Aber im Keller leben doch eher Grottenolme oder ein paar Goblins. Vielleicht auch ein tollwütiges Einhorn. Drachen sollten dagegen immer ausreichend Ausflug haben, sonst werden sie echt sauer. Und davon möchte wirklich niemand etwas wissen. Ohne ins Detail zu gehen, meinte Herr Kaspuke, er wüßte sehr genau, wovon er da spräche. Es klang überzeugend.

Der Drachenwinkel in Dillingen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 13)

© Wolter

Plüsch, Power und Plunder

Dass Inhaber Karsten Wolter sein Erbe als angehender Biologie- (und Chemie)lehrer doch nicht ganz abschütteln konnte, lässt sich am Angebot der phantastischen Plüschis erkennen.  Ob mit oder ohne Flügel, Deadlinemonster, Niffler oder todesmutige Teddies – die Bande mag harmlos aussehen, doch ist es nicht ratsam, eines der Viecher nach Mitternacht zu füttern, und zumindest Nerds Jahrgang 80 und älter wissen, warum – die anderen sollten es nicht googlen, sondern recherchieren.*

Geschichten aus dem Drachenwinkel

Es gibt vermutlich keine andere Buchhandlung, die ihre eigene Anthologie hat. Und wie so oft in der Phantastik verschmelzen hier Vorstellung und Wirklichkeit, der Drachenwinkel scheint nach der Lektüre noch mehr als zuvor als ein lebendiger Ort. Sicher ist: Könnte er erzählen, er hätte eine Menge zu sagen. Der Drachenwinkel ist mehr als „Bücher kaufen“. Wobei eigentlich das schon genug wäre – außer für Herrn Kasupke.

Der Drachenwinkel in Dillingen – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 13)

© Wolter

 

*“Ich google nicht, ich recherchiere!“, dieses Zitat stammt aus Mara und der Feuerbringer von Tommy Krappweis und war in früheren Zeiten des „Werkzeugs“ als Spruch-T-Shirt zu haben. 

 

 

Stand der Angaben: 2. Quartal 2019

 

 

Über "Orte, die ein Nerd besucht haben muss"

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren. Diana Menschig besucht regelmäßig diese Orte und schreibt darüber in "Orte, die ein Nerd besucht haben muss" auf TOR ONLINE.

Share:   Facebook