Leseprobe: KA - Das Reich der Krähen (John Crowley)

BUCH

Leseprobe: KA - Das Reich der Krähen (John Crowley)


EICHLING UND DIE ANKUNFT VON YMR

Kapitel 1


Noch bevor der Berg am Ende der Welt auf der Flussebene errichtet wurde, noch ehe sich dort die hoch gelegene Stadt ansiedelte, ehe die Mehrzahl der Raben in die Wälder des Hohen Nordens zog, noch vor der schwelenden, mörderischen Wut der Menschen auf Krähen, noch vor der Reise von Eichling übers Meer in Richtung Westen, noch ehe das Höchst Kostbare Ding gefunden und erneut verloren wurde, ehe die Pfade in die Lande der Toten geöffnet wurden, bevor es in Ka Namen gab, ehe Ymr existierte und daher bevor Ka sich selbst erkannte, lernte Eichling zum ersten Mal Menschen kennen.

Eichling hieß damals weder so noch irgendwie anders. Es würde noch einige Zeitalter dauern, bis jede Krähe einen Namen hatte wie jetzt; damals, nein, da brauchten sie das nicht, sie nannten diejenigen in ihrem Umfeld Vater, Bruder, Ältere Schwester, Andere Ältere Schwester; und diejenigen, die sie nicht als Verwandte erkannten oder von denen sie nicht mehr wussten, in welchem Verhältnis sie zu ihnen standen, wurden als Jene bezeichnet, als Andere, als Alle Da Drüben und so weiter. Und da sie über andere Krähen nur wenig zu sagen hatten und kaum eine Notwendigkeit bestand, über sie zu reden, wenn sie nicht anwesend waren, reichte das auch.

Aber ohne Namen kann man sich nur schlecht an Ge- schichten erinnern, und es ist schwer, sie weiterzuerzählen. Daher beginnen wir diese Geschichte, indem wir Eichling auch Eichling nennen.

Damals gab es nicht viele Krähen. Genauer gesagt, gab es rund um die Welt eine ganze Menge, aber nie viele zusammen an einem Ort. Da, wo Eichling aus dem Ei geschlüpft und flügge geworden war, gab es, außer in den Wintermonaten, wenn Krähen von weither sich in gemeinsamen Schlafkolonien versammelten, nie viel mehr Krähen, als jede nach Aussehen und Stimme erkennen konnte. Falls es einmal geschah, dass eine unbekannte Krähe bei ihnen auftauchte, wurde sie oder er vertrieben oder zumindest längere Zeit auf Abstand gehalten; es konnten einige Jahreszeiten vergehen, in denen ein fremdes Paar auch fremd blieb, und auch wenn es akzeptiert wurde, würde man niemals vergessen, dass sie nicht wirklich Unsereins waren.

Eichlings Eltern waren ein solches Paar. Woher sie kamen, wo ihr Heimatschwarm seine Domäne hatte, warum sie fortgezogen und hierhergekommen waren, hat Eichling nie erfahren: Denn sie vergaßen es, sobald ihnen das möglich war, weil beide hierher gehören wollten, zu den Krähen hier; schließlich verhielten sie sich gegenüber Neuankömmlingen ebenso abweisend wie alle anderen. Gleichwohl betrachtete man Eichlings ältere Brüder und Schwestern mit Misstrauen; alle waren sich sicher, man könne immer noch etwas Anderes an ihnen ausmachen, etwas, das fremd war, und so verließen die Geschwister eines nach dem anderen den Schwarm, auf der Suche nach den Brüdern und Schwestern, die vor ihnen fortgezogen waren, oder um anderswo zu Außenseitern zu werden – niemand wusste, wo, oder ob es eigentlich überhaupt ein »Woanders« oder ein »Wohin« gab.

Diese Krähen waren also nicht einfach genauso wie die Krähen auf den Wiesen und in den Wäldern hinter meinem Haus.

Aber die Domäne zwischen dem breiten, flachen Fluss und dem Wald war sehr gut geeignet für einen Schwarm, so wie er damals war. In den meisten Jahren überschwemmte der Fluss im Frühling die Ebene, wodurch die Bäume nicht so hochschossen und die Zahl der Keimlinge klein blieb. Es gab Muscheln und Fische in dem Fluss; wenn die Lachse stromaufwärts zogen, wurden sie dort von einer Bärenfamilie abgefangen, und die hinterließ reichlich Reste. Es gab Larven und Feldmäuse und behände rote Lurche und tausend andere Dinge in der Erde zu finden. Die Krähen überquerten den Fluss bis in die Vorlandhügel dieses felsigen und dicht bewaldeten Bergs, aber niemals allzu weit; noch flogen sie häufig tief in die Wälder hinein, die am Rand der Flusswiesen begannen, da, wo die Hemlock-Tannen wuchsen. Allerdings beanspruchten sie dieses Gebiet auf unbestimmte Entfernung als ihres.

Die Wälder versorgten sie mit den Kadavern von kleinen Tieren, mit Schnecken und den Eiern und Nesthockern von anderen Vögeln, wenn sie welche aufstöberten; sie fanden auch große tote Tiere, an denen sie gemeinsam mit den Raben herumpicken konnten, wenn die Wölfe sich davongemacht hatten. Es gab genug für alle, aber auch nicht viel mehr. Die Winter waren hart, und dann flogen sie auf der Suche nach Futter weiter, selbst über die Heide hinweg zum Großen See, der dunkelwärts von ihrer Domäne lag, doch den Rest des Jahres blieben sie in der Nähe der Plätze, an denen sie geboren waren und die sie als die ihren beanspruchten. Weit jenseits ihrer Reichweite gab es andere Krähen, Krähen, mit denen sie nichts zu tun hatten und die ebenfalls kaum jemals ihre Domäne verließen.

So war es immer gewesen – eine Vergangenheit, die zu lang und zu eintönig war, als dass man sich an sie hätte erinnern können, und sie wurde nur selten erwähnt. Wenn diese Krähen sich unterhielten, dann vorwiegend über das Wetter.

Und dann kamen die Menschen.

Noch lange Zeit danach, und trotz aller Vorteile, die dies mit sich brachte, denn alle gediehen und vermehrten sich wie nie zuvor, sagten alte Krähen aus diesem Schwarm oftmals: Ich wünschte, sie wären nie über den Berg gekommen und hätten nie den Fluss überquert; ich wünschte, sie wären überhaupt nie gekommen.

So etwas konnten sie äußern, denn zu dem Zeitpunkt hatten die Krähen den Trick erlernt zu denken, dass die Welt anders sein könnte, als sie es war, und daher konnten sie sich dies auch wünschen.

Das hatte Eichling erfunden. So behauptete er jedenfalls.

Das Revier von Eichlings Familie lag weit entfernt von dem der anderen; es war von den Eltern in den Anfangsjahren besetzt worden, als sie noch Außenseiter waren. Das Revier war nicht sehr ertragreich. Es ernährte seine Mutter und seinen Vater, den Bruthelfer seiner Mutter (ein melancholisches Männchen, das in sie verliebt war, seit es flügge geworden war), ihn selbst und seine beiden Schwestern. Sie waren in diesem Frühling die Nestlinge, hatten die erste Kindheit überlebt, aber ihre Federn hatten noch nicht den schimmernden Glanz der Erwachsenen; alle drei mussten noch gehütet werden, auch wenn sie das selbst abgestritten hätten. Dann war da noch ein junger Stromer, wie es Eichlings Eltern einst gewesen waren. Der hielt sich vorsichtig abseits und hatte mit dem Rest noch kaum Verbindung aufgenommen, wurde aber, vermutlich aufgrund von alten Zeiten, toleriert: Im Herbst war Eichling alt genug, um Wächter zu werden – aber nicht ganz allein; er kam nur zum Einsatz, wenn seine Mutter, sein Vater oder der Bruthelfer, die auf hoch gelegenen Ästen hockten, ihm Bescheid gaben. Den ganzen Tag über streiften alle durch ihr Revier und patrouillierten auf der Suche nach Interessantem und vermutlich Essbarem die wohlbekannten Hügel und Bäche. Bei jedem Halt stellten sie einen Posten auf, zwei oder drei von ihnen, die auf die Laute von ferneren Familien lauschten und den Himmel, die Bäume und den Boden nach Raubvögeln, Füchsen oder anderen Eindringlingen absuchten. Erst wenn Parole und Antwort erfolgt waren – Allesinordnung? Ja,soweitichdassehe –, landeten sie auf dem Boden, um zu fressen.

Eichling postierte sich gern auf einem windgeschüttelten

Ast absurd hoch im höchsten Baum, wo er meilenweit nach Bedrohungen Ausschau halten konnte – falls es etwas Bedrohliches gab, was in seinem kurzen Leben noch nicht vorgekommen war. Die häufigsten Gefahren in der Nähe, die man melden musste, waren Wiesel, Füchse oder Raubvögel. Oftmals hielt er nicht wirklich Ausschau, sondern blickte nur in die Gegend; manchmal vergaß er zu fressen, wenn er an der Reihe war, weil er weit in die Ferne starrte, weit über das Revier des Schwarms hinaus, und sich fragte, was er da wohl sah, aber nicht richtig entschlüsseln konnte. Wie weit konnte eine Krähe wohl in dieser Richtung fliegen?

Er hatte die Neigung, sich an schläfrigen Nachmittagen zu verirren, wenn die anderen träge in der Herbstsonne hockten oder im Tannenwäldchen einnickten. Er war einfach verschwunden, wenn seine Mutter nach ihm rief, und zu weit entfernt, um sie noch zu hören. Sosehr er seine Familie auch liebte und immer noch Mutter und Vater folgte, so wie im Frühling, hatte er auch nie etwas dagegen, ganz allein zu sein. Wenn er sich so weit entfernte, hing er gern dem Gedanken nach, dass er in eine Gegend schaute oder an einem Ort stand, wohin noch keine Krähe aus seinem Schwarm je vorgedrungen war.

Aber richtig verirrte er sich nie, nicht solange der Punkt hinter seinem Schnabel und zwischen den Augen ihm, zuverlässig wie eine Kompassnadel – alle Krähen haben ihn –, immer den Weg nach Norden weisen würde. »Schnabelwärts« nannten sie es, und demnach auch »tagwärts« – Richtung Osten –, und »dunkelwärts« gen Westen. (Zumindest heutzutage haben Krähen seltsamerweise kein Wort für Süden. Vielleicht bedeutet dieses Gefühl in ihrem Kopf gleichzeitig Norden und Süden. Das habe ich nie herausgefunden.)

»Du würdest es mir nie glauben«, sagte Eichling eines Tages zum Stromer, »wenn ich dir erzählen würde, wie weit ich von hier aus schon geflogen bin!«

Der Stromer, der gerade am Rande des Teiches nach Larven oder Froscheiern oder sonst was suchte, gab keine Antwort.

»Ich bin da gewesen, wo es überhaupt keine Krähen gibt«, sagte Eichling. »Keine einzige außer mir.«

»So was gibt es nicht«, widersprach der Stromer.

»Ach was?«, meinte Eichling. »Dann flieg doch mal so weit wie ich.«

Der Stromer unterbrach seine Futtersuche. »Hör mir mal zu, du Küken«, sagte er leise, aber scharf. »Ich habe vor langer Zeit den Ort verlassen, wo ich großgeworden bin. Man hat mich vertrieben. Egal, warum. Und seit damals, bis zum heutigen Tag, bin ich ununterbrochen unterwegs gewesen.«

Eichling hatte ebenfalls aufgehört zu picken. Das war mehr, als der Stromer in all den Tagen, seit er sich in Nähe der Familie aufhielt, von sich gegeben hatte. »Unterwegs«, wiederholte er, wie etwas sehr Unangenehmes. »Und es gibt keinen Ort, wo es keine Krähen gibt.« Dann hackte er mit dem Schnabel auf etwas in einer ausgetrockneten Pfütze ein, das wie der Überrest eines kleinen Froschs aussah. »Hätte mir wohl besser gefallen, wenn es einen solchen Ort gäbe. Aber nein. Nirgendwo. Von hier bis zum Sonnenuntergang bin ich ständig von Krähen fortgescheucht worden. Ha, keine Krähen!« Er schüttelte den Kopf, entweder ungläubig oder um einen schlechten Geschmack im Mund zu vertreiben, und hüpfte ein Stück weiter.

»Und ich sage, es ist wahr«, rief ihm Eichling verdrießlich hinterher.

Er flog los. Tagwärts konnte man die ansteigenden Lande durch die dünnen Stämme der abgestorbenen Moorbäume erkennen sowie das kahle Sumpfgebiet, wo es nicht viel zu jagen gab. Er landete in der Krone eines Baumes, der ihm gefiel, eine ausladende Eiche nahe am Waldrand. Falls er jemals eine Partnerin finden und Junge großziehen würde, dachte er, wäre eine Astgabel in diesem Baum der ideale Nistplatz, doch er wusste auch, dass das ihre Entscheidung sein würde und nicht seine.

Falls …

Von dem schaukelnden Ast aus konnte Eichling mit seinen scharfen, klaren Augen einen großen Abschnitt des weiten, fernen Landes überblicken. In einer Meile Entfernung (obwohl Krähen damals nicht in Meilen oder anderen Maßstäben dachten) konnte er Kaninchen im Klee entdecken, weiter entfernt einen Schwarm Dohlen, der aufflog und sich dann wieder niederließ. Noch weiter entfernt, zwischen den gefalteten Flügeln der Berge, das Glitzern des Sees, von dem er gehört hatte. Am weitesten entfernt – Wolken.

Er würde gern dorthin gehen, wo der Stromer herkam – falls der die Wahrheit sagte. Er war sicher, dass ihm selbst das mehr Spaß gemacht hätte, und er wäre anschließend nicht so unwirsch und stumm geblieben. Er hätte die Krähen, denen er begegnete, für sich eingenommen, ihnen Geschichten über die Orte erzählt, die er besucht hatte und wo diese noch nie gewesen waren. Er wäre nicht so vertrieben worden wie der Stromer, und wenn er sich entschieden hätte, weiterzufliegen, dann hätten sie ihm verraten, in welche Richtung er sich wenden sollte, hin zu Plätzen, weit von anderen Krähen entfernt und voller interessanter Dinge.

Dann nahm er mit einem Auge nahe dem Stamm der Eiche in dem herabgefallenen Laub und zwischen den Schalen der alten Eicheln eine kleine Bewegung wahr. Er wusste, was es war, oder jedenfalls, was es sein konnte. So geräuschlos er nur konnte, ließ er sich auf die Stelle niederfallen und hieb zu, noch ehe er landete. Die Feldmaus, die im Laub geraschelt hatte, wollte verzweifelt losstürzen, aber Eichlings Krallen waren schon über ihr, und sein Schnabel stieß fest zu. Sorgfältig nahm er sie auseinander und fraß, was fressbar war.

Dabei hatte er völlig vergessen, worüber er nachgedacht hatte, aber als er die Maus verschlungen hatte, blühte der Gedanke mit plötzlicher Klarheit wieder in seiner Brust auf. Er blickte sich um. Aus mehreren Richtungen konnte er die Rufe seiner Familie und anderer Krähen hören, wie sie Dinge sagten, die sie immer sagten, um einander zu orten. Was würden sie denken oder tun, wenn er ihnen keine Antwort gab?

Sein Herz schlug schneller. Dann ging er tief in die Knie, hob seine Flügel in die Höhe und schlug sie kräftig nach unten, während er mit angespannten Beinen hochsprang – es war der nach oben gerichtete Sprung, den er so mühsam hatte lernen müssen, als er gerade das Nest verlassen hatte, und den er nun tagtäglich Hunderte von Malen vollzog. Doch diesmal erinnerte er sich an diese ersten Male, auch wenn er sich jetzt mit neuer Zielstrebigkeit bewegte, und als der Sprung-Flügelschlag ihn abheben ließ, strampelte er aufwärts, als wollte er mit den Füßen die Luft erklettern. Wieder und wieder schlug er mit den Flügeln, und dann war er oben – und noch ehe er aufhörte, über den Gedanken zu staunen, wie unmöglich ihm dies einst erschienen war und wie leicht er es nun fand, da war er schon weit fort und flog immer weiter.

Er flog den ganzen Tag. Hin und wieder landete er und ging eine Strecke, mit Blick auf Futtersuche und ein wenig ängstlich, weil niemand auf einem höhergelegenen Ast saß und Gefahr krähen würde, aber auch aufgeregt aus dem gleichen Grund, bis ihn ein leises Lachen in der Kehle kitzelte. Dann hob er wieder ab. Er erreichte den Großen See, den er noch nie gesehen hatte. Er hätte ihn in mehreren Abschnitten umfliegen können, doch einem Impuls folgend überquerte er ihn. Lange lag die gekräuselte Oberfläche unter ihm, bis es ihm fast zu viel wurde. Auf halber Strecke rastete er auf einer kleinen Insel in einem Hain wasserliebender Bäume und fand dort Schnecken zum Fressen. Dann flog er weiter. Auf der anderen Seite hatte er eine Entfernung von zu Hause zurückgelegt, die er vor dem Dunkelwerden nicht mehr bewältigen konnte.

Da war er also. Er war sich ganz sicher. Er hockte sich auf einen niedrigen Baum von der Art, die er bestimmt noch nie gesehen hatte, und lauschte. Er konnte den Tag hören, die paar Singvögel, die kein Schläfchen hielten, eine Drossel, eine Lerche. Ein leiser Windstoß, das Gebrüll eines Elches tief drinnen in dem düsteren Wald. Sonst nichts, und niemand von seiner Sorte zu hören oder zu sehen. Er rief, anfangs ziemlich leise, ein bloßes Woseidihr? Keine Antwort. Dann ein wenig lauter. Immer noch keine Antwort, nicht einmal das leiseste Echo auf seinen Ruf.

Es war zu weit weg für Krähen. Ihm war heiß im Kopf, seine Innenlider zuckten.

Aber um sicherzugehen, hob er wieder in Richtung Sonne ab. Zu weit war eigentlich noch nicht weit genug. Er stieg höher als nötig auf den warmen Aufwinden, die vom sonnenerhitzten Boden aufstiegen. Er fragte sich, ob es möglich sei, den Tag zu verlängern, indem er direkt auf die Sonne zuhielt und irgendwie beim Sinken unter ihr herflog. Er war so in diese Gedanken versunken und in das Gefühl in seinen angespannten Muskeln und seinem leeren Bauch, dass ihn, als sein schnabelweises Auge die Wesen unter sich auf der Erde erspähte, der Anblick so erschreckte, dass er sich unfreiwillig überschlug.

Er hatte sich gewünscht, neue Lande und andere Dinge zu sehen. Und jetzt das hier. Er richtete sich wieder gerade und nahm eine Schräglage ein. Es waren vier: Einer groß und dünnbeinig wie ein Reh oder ein Elch, aber keines von beiden, und einer sah wie ein Wolf aus – Eichling hatte noch nicht oft Wölfe gesehen, aber oft genug, um zu erkennen, dass dieses Wesen kein Wolf war. Diese beiden hier waren vierbeinig. Aber die anderen zwei standen aufrecht wie Bären, wenn sie nach Beeren auf höher gelegenen Zweigen griffen oder etwas bedrohten. Fast ausschließlich haarlos, und helles Fleisch war zu sehen, so, als seien sie gehäutet worden. Ihr Hals und die Unterarme waren von etwas umwunden, in dem sich das Abendlicht fing; es glänzte wie Eis oder Feldspat. Die vier gingen zusammen, Freunde auf eine Weise, wie Eichling es noch nie bei vier so unterschiedlichen Wesen beobachtet hatte. Die beiden Zweibeiner hielten mit den langen, schlanken Vorderbeinen Stöcke, die sie über den Schultern trugen und die so lang waren wie sie selbst. Für was die wohl waren? Eichling schwebte reglos in der Luft und versuchte, jede Einzelheit genau zu erkennen – was waren das für Felle, die um die Körpermitte flatterten? Was waren die dicken Pfoten an den Füßen? Als er einen Kreis schlug, sah er, wie einer der beiden den Stock von der Schulter nahm, ihn zum Himmel richtete, wo Eichling war, und dann deutete der andere mit seinem eher dunkelwärts.

Eichling segelte fort, weil ihn Unruhe überkam. Dunkelwärts und schwarz vor der niedrig stehenden Sonne war ein Falkenweibchen zu sehen; er erkannte die Silhouette unmittelbar, als entspräche sie einem Schattenmuster in seinem Gehirn. Sie kam auf ihn zu, die spitzen Flügel durchschnitten die Luft.

Die Krähe war über freiem Feld, zu weit von den nächsten Bäumen entfernt, doch sie fühlte sich unwiderstehlich in genau diese Richtung gezogen. Die Falkin näherte sich und stieg gleichzeitig höher. Es gab nur eine Möglichkeit, ihr zu entkommen, und die war selten erfolgreich. Man musste zulassen, dass der Raubvogel aus großer Höhe auf einen herabstieß, bereit, mit den kräftigen Krallen zuzuschlagen, und irgendwie versuchen, dem auszuweichen. Dann würde der Falke tiefer fallen und musste wieder aufsteigen, höher und höher, um erneut zuzuschlagen. So jagen Falken: Sie stürzen in rasendem Tempo von oben auf einen zu, schlagen einem mit nach unten gerichteten geballten Krallen den Kopf ein und schnappen einen dann, wenn man betäubt oder tot zu Boden fällt, auf. Selten gehen sie anders vor. Falken sind kraftvoll und aggressiv, aber nicht besonders einfallsreich. Das brauchen sie auch nicht sein. Die Beute ist es, die sich blitzschnell etwas überlegen muss.

Eichling flog in Richtung der unerreichbaren Bäume. Er spürte den Schatten über sich, war aber nicht in der Lage, sich umzudrehen und hochzuschauen, weil er dadurch an Tempo verlieren würde. Dann, als der rauschende Flügelschlag der Falkin plötzlich abbrach, erkannte er, dass sie abwärts schoss wie ein – Krähen haben dafür keinen Begriff – wie ein Pfeil, eine Gewehrkugel. Er spürte irgendwie, dass seine allerletzte Chance gekommen war, schlug einen Salto und wechselte die Richtung. Die Falkin stürzte mit gekrümmten Krallen so nahe an ihm vorbei, dass er ihre gelben Augen und den offenen Schnabel sehen und das Rauschen der Flügel spüren konnte. Sie rollte sich herum und begann, wieder zu steigen.

Der Grund, warum dieser Trick fast nie funktioniert, ist, dass Falken schneller an Höhe gewinnen als Krähen. Eichling versuchte, sich durch Flügelschläge hoch und gleichzeitig in Richtung auf die Bäume zu bewegen. Und da sah er – er würde das nie vergessen –, wie die beiden Stockträger ihre Stöcke in die Luft hielten.

Als die Falkin hoch genug war, waren auch die Bäume fast nahe genug, so, als würden sie sich ihm entgegenstrecken. Es hätte so oder so ausgehen können, aber als die Falkin sich wieder fallen ließ, stürzte sich Eichling zwischen die Stämme, verlor dabei ein paar Federn und brach sich fast den Hals, genauso glatt, wie die Falkin es getan hätte. Er war in Sicherheit. Im Gegensatz zu Eulen würde die Falkin ihm nicht in das dichte Laub folgen; sie würde aufgeben und woanders weiterjagen. Eichling keuchte mit geöffnetem Schnabel; seine Innenlider waren fast geschlossen, und das Herz pochte, als wollte es ihm aus der Brust springen. Er klammerte sich an einen Tannenstamm und machte sich sehr klein.

Die Falkin wartete vielleicht noch und blieb länger in der Luft, um elegante Flugmuster in den Himmel zu zeichnen. Diese schreckliche Hartnäckigkeit! Dar Eichling kroch tiefer in das Unterholz und merkte, wie seiner trockenen Kehle ein Schrei entfuhr, der Schrei einer Krähe um Hilfe: Kommkomm, Gefahrgefahr, nichtweit, sondernnah, die allerschlimmste Gefahr. Er wusste aber, dass Hilfe außer Reichweite war.

Jawohl, die Falkin saß jetzt auf einem kahlen Ast am Rand des Dickichts, wo er seinen Schrei ausgestoßen hatte. In dem Moment, als er sie sah, ließ sie sich fallen, wich der Tanne aus, wo Dar Eichling sich verbarg, und schlug mit den kräftigen Flügeln zu, um ihn herauszutreiben. Er wollte flüchten, wollte in der Luft sein, wohl wissend, wie unendlich dumm das wäre. Er rief weiter, inzwischen so leise wie ein Nestling, der auf den Boden gefallen ist, gerade eben so, um Kopf und Herz Stimme zu geben, aber ohne etwas zu tun oder eine Feder zu rühren. Ihre Augen spähten in das Gebüsch, groß und fahl wie die Mittagssonne, mit einer schwarzen Kugel in der Mitte – nein, sie konnte ihn sicher nicht sehen.

Nach einer Weile bewegte sie sich fort, aber wie weit? Eichling hörte auf zu rufen. Die Sonne war jetzt fast untergegangen, und er war allein an einem Ort, an dem er noch nie gewesen war. Er hatte noch nie eine Nacht außer Hörweite seiner Familie verbracht – Gutenacht, Mutter, gutenacht, Vater, gutenacht, Andere.

Und wenn es in dem Wald, in dem er sich verbarg, nun eine Eule gab?

Ein leises Rauschen wehte in der sich senkenden Dämmerung über ihn, vielleicht – sicher – nur eine Nachtbrise.

Er schlief ein, wachte aber in der Nacht immer wieder auf, um zu lauschen und in die dunklen Äste zu starren. Ringsum bewegten sich Wesen, an den Baumstämmen, auf dem Waldboden, es kratzte und raschelte – vermutlich ganz normale Tiere und keine Bedrohung für ihn – aber trotzdem … Dann kam die Dämmerung, die eine gefühlte Ewigkeit andauerte, und das rote Glühen tagwärts war schlimmer als die Dunkelheit. Erst mit der Sonne erinnerte sich Eichling an die fremdartigen Wesen, die er gesehen hatte – in der Nacht und auf der Flucht um sein Leben hatte er sie völlig vergessen.

Nun reckte er sich ein wenig in seinem Dickicht. Alles schmerzte. Die Falkin konnte nicht mehr in der Nähe sein, denn außer im Frühling, wenn alle beim ersten Licht schon unterwegs sind, um die Jungen zu füttern, jagen Falken später am Tag. Über dem Boden, soweit er es sehen konnte, lag Nebel, der sich langsam auflöste. Er verließ den Zweig, an den er sich geklammert hatte, und hüpfte nun von einem Landeplatz zum nächsten durch das Unterholz (wie war er nur so tief hier hineingelangt?), bis es sich lichtete und er wieder fliegen konnte.

Die seltsamen Wesen waren verschwunden, die Zweibeiner wie auch die Vierbeiner. Aber da, auf dem trockenen Hügel, wo sie gestanden hatten, waren die Stöcke, die sie getragen hatten, senkrecht in den Boden gesteckt. An jedem hing etwas Dünnes, Fedriges, das sich im Nebel bewegte. Es waren die Stöcke, die sie zu ihm und der Falkin hochgereckt hatten.

Er überflog die Stelle, war aber nicht gewillt, sich niederzulassen und sie näher zu untersuchen. Dann schwang er sich dunkelwärts in die Schräglage, und allmählich gewannen seine Flügel wieder an Kraft; er wollte weit fort von hier und wieder in der Nähe von anderen Krähen sein.

Damals konnte Eichling nicht wissen, noch wusste er es lange Zeit später, dass die beiden Menschen, die mit einem Hund und einem Pferd gekommen waren und beobachtet hatten, wie eine Krähe gegen einen Falken ankämpfte, ein Zeichen gesehen hatten. Er hätte auch nicht gewusst, was ein Zeichen war, und manchmal denkt er auch jetzt noch, dass er das nicht wirklich versteht. Aber er und seine Zwangslage waren für sie ein Zeichen gewesen. Das Zeichen hatte ihnen verraten: An diesem Ort, zwischen den Bergen und dem See, wirst du den Feinden entgehen, die euch aus eurer Heimat vertrieben haben. Hier könnt ihr wieder bauen, Junge großziehen, eure Toten begraben.

Sie hatten ihre Speere in den Boden gesteckt, um die Stelle, an der sie das Zeichen empfangen haben, zu markieren und dorthin zurückzukehren.

Eichling wandte sich heimwärts. Er meinte, er sei weit genug gekommen, aber bei der Rückkehr schien es ihm gar nicht mehr so weit. Noch ehe die Sonne den höchsten Punkt des Himmels erreicht hatte, hörte er von irgendwo in den Sümpfen und Wiesen, auf die er zuflog, den Ruf einer Krähe.

Niemand glaubte seine Geschichte von den Wesen, die er gesehen hatte, natürlich nicht, weil er (seinem Vater zufolge), seit er sprechen gelernt hatte, zu viele solcher Geschichten erzählt hatte, von denen nur wenige sich als wahr herausstellten. Eichling wollte nicht an den Ort zurückgehen, obwohl er sich einredete, dass er das bald tun würde; hin und wieder in der Nacht fühlte er, wie die Falkin an ihm vorbeiraste, sah die schrecklichen Krallen und erwachte mit einem Schrei. Eines Tages, als der Stromer und der Bruthelfer ihn mit dieser Geschichte aufzogen, forderte er sie lauthals heraus, mit ihm dorthin zu fliegen, falls sie sich das trauten, um den Ort zu sehen und die Wesen, die dort waren, und unter viel Gelächter und gespielter Angst und aufgesetztem Mut flogen sie mit Eichling an den Ort, wobei sie sich über die Entfernung und die Anstrengung beklagten. Sie machten auf der gleichen Seeinsel Rast, wo Eichling pausiert hatte. Der Weg dorthin hatte sich ihm fest ins Hirn geprägt.

Da waren die beiden in den Boden gerammten Stöcke. »Seht ihr? Da, seht doch!«

Aber da das alles war und keine Wesen sich näherten, waren die beiden anderen zwar gewillt, die Geschichte zurückzutragen, wobei sie sich aber über diese wunderbaren und noch nie zuvor gesehenen Stöcke lustig machten, und das ging so lange weiter, bis sich Eichling wünschte, er hätte sie nie überredet, mit ihm dorthin zu fliegen. Er besuchte den Ort nie wieder und hoffte, obwohl er wusste, wie wahr seine Geschichte war, dass die anderen sie bald vergessen und aufhören würden »Stöckchen!« zu krähen, wann immer sie ihn sahen.

Es wurde langsam kälter. Die Familien begannen, ihre Reviere abends zu verlassen und zu den Kolonien zu ziehen, die sich im Winter immer bildeten. Auch die Nahrung wurde knapper, und es würde bald einer einzelnen Familie nicht mehr möglich sein, die vielen anderen auf der Suche nach Futter abzuwehren, wo immer man etwas fand, und das Familienrevier würde ohnehin nicht mehr genug für alle Mitglieder hergeben. So scharten sie sich zusammen und flogen überall hin, wo alle hinflogen, und kehrten abends gemeinsam zurück.

Es war eine gute Jahreszeit, zumindest bis der Winter nicht allzu hart wurde. Die Schlafkolonie wechselte ab und zu, aber ein paar Jahre lang war es eine bewaldete Insel weiter unten am Fluss gewesen, wo das Wasser breiter und das Ufer dicht mit Pappeln und verschieden Nadelbäumen bewachsen war, darunter auch einige riesige Eichen und Eschen. Immer mehr Krähen versammelten sich bei Sonnenuntergang und wenn die Wolken sich röteten; laut schnarrend ließen sie sich beim Fluss nieder oder stürzten aus dem tagwärts dunklen Himmel, aus der untergehenden Sonne oder von den Bergen her. Es gab sogar eine Schar Dohlen, die sich Nacht für Nacht am Rand ihrer Schlafkolonie einfand, alle gleichzeitig miteinander über ihre Erlebnisse schwätzend, ohne dass es jemand verstand, selbst wenn man es versucht hätte.

Das war die erste Schlafkolonie, die Eichling kennengelernt hatte, und ihm schlug das Herz höher, und er gab leise Laute von sich, wenn sich viele, viele fremde Krähen, darunter auch junge Weibchen, nach dem Abendflug neben ihm, unter oder über ihm niederließen. Sein Vater und seine Mutter waren auch irgendwo in der dichten Schar, dazu die Brüder und Schwestern von Eichling aus früheren Jahren und von weit entfernten Revieren. Sie hatten ihre eigene Gruppe, und viele von ihnen waren Stromer oder Neuankömmlinge, sodass seine eigene Familie alteingesessen wirkte; er würde den Winter über nicht viel von ihnen zu sehen bekommen. Vater verbrachte die Abende mit Krähen seines Standes, Mutter mit ihren Bekannten, und man sah sich erst im Frühling wieder.

Was für einen Lärm sie machten, wenn sie sich auf den dichten Ästen niederließen, Freunden wie Feinden etwas zuriefen, ihre Meinungen über alles und nichts von sich gaben, von einem Ast zum anderen hüpften und krächzten Oh! Du! Dabistduja! Ichbinauchhier! und Hunderte andere bedeutungslose, aber nicht nutzlose Bemerkungen. Die älteren und größeren Krähen, die lauthalsigeren und mit vielen Freunden, bahnten sich mit diesen Begrüßungen einen Weg in die Mitte des Schwarms, wo sie in den eisigen Nächten von der Masse der Krähenkörper ringsum gewärmt wurden, während die jüngeren und kleineren eher am Rand blieben. Man muss sie abhärten, dachten die Alten, sollen sie doch bei ihren Freunden bleiben. Die Jungen hüpften von Ast zu Ast und drangen so weit ins Innere vor, wie sie sich trauten, Männchen zu Weibchen, Weibchen, die Männchen riefen – junge Krähen, die sich im Frühling paaren wollten und schon auf der Suche waren. Hallo, duda! Hallo! Höhere Äste waren besser als tiefer gelegene, wenn man dort einen Platz finden konnte; die tiefer Sitzenden bekamen oft den Kot von denen über ihnen ab; sie wurden morgens wach und fanden weiße Streifen auf ihrem schwarzen Gefieder, sehr zur Belustigung der anderen.

An einem gewissen Abend war es schon fast dunkel; ein riesiger Mond ging auf, und die Größeren riefen: Nunaberruhe, Ruhe …, als im Wald auf der anderen Flussseite ein lautes Rascheln und Getöse begann, was die Krähen, die es hörten, augenblicklich verstummen ließ. Etwas Großes kam da drüben durchs Unterholz, und etwas anderes verfolgte es. Die Krähen begannen zu krächzen, was es denn sein könnte – es galt stets als beste Lösung, mögliche Verfolger anzukreischen, obwohl man später von den Überresten profitieren würde. Aber was war es? Für Wölfe war es zu früh in der Dunkelheit des Jahres …

Ein Reh, eine kleine Ricke, stürzte in das Mondlicht und hielt mit kurzen, ruckartigen Sprüngen auf den Fluss zu. Ihr folgten … waren das Wölfe? Nein, keine Wölfe. Sie waren wie Wölfe, gaben aber Laute von sich, die Wölfe beim Jagen nie machen würden. Diesen folgten zwei andere mit langen Schritten: Aufrecht auf zwei Beinen.

»Das sind sie!«, krächzte Eichling laut und rief es wieder und wieder durch das allgemeine Getöse:

»Wer? Wer?«

Eichling sah, dass die Ricke, die sich jetzt in den Fluss stürzte, einen Stock in der Flanke hatte, genau wie die, die die Zweibeiner getragen hatten – dafür waren sie also! Die wolfähnlichen Wesen stürzten dem Reh hinterher und versuchten, gleichzeitig zu schwimmen und es zu beißen; das Tier konnte kaum den Kopf über Wasser halten. Die Krähen schrien warnend oder anfeuernd oder stießen einfach nur staunende Laute aus. Eichling hüpfte von einem Ast zum anderen und rief immer wieder: Dassindsie! Dassindsie!, während die Jungvögel um ihn her vor Lachen fast von den Zweigen fielen.

Die Zweibeiner waren nun auch am Ufer angelangt und wateten wie Bären bis zum Bauch ins Wasser, ehe sie mit den Vorderarmen zu rudern begannen. Das Reh erreichte die Insel und die dortigen Schatten und war kaum noch zu sehen. Die Krähen hüpften näher und schubsten einander um die besten Plätze. Die Ricke hätte nie die Kraft aufgebracht, die steinige Böschung hochzuklettern, wenn die Wolftiere ihr nicht so dicht auf den Fersen gewesen wären – es war unmöglich auszumachen, wie viele es waren, als sie über die Felsen und moosbedeckten Stämme rannten und sprangen. Dem Reh ging nun die Kraft aus, seine Beine gaben unter ihm nach, und sie sprangen ihm an die Kehle. Nun erreichten die Zweibeiner die Insel und stiegen die Böschung hoch, und das war nun zu viel für die Krähen – viele erhoben sich in die Luft und landeten auf den Baumspitzen, um dem Geschehen so weit wie möglich zu entgehen, wie allem, das sie nicht einordnen konnten, und wer konnte diese Jäger schon einordnen?

Die Zweibeiner erreichten das Tierknäuel und zerrten mit scharfen Rufen die zähnefletschenden Wesen von der nun stillen, ergebenen Ricke. Dann stellte sich der größere Zweibeiner mit gespreizten Beinen über das Reh, packte den Hals mit den beiden blassen Händen und riss ihn auf. Blut schoss heraus, schwarz im Mondschein.

Nein, das hatte er nicht mit den Händen gemacht, sondern mit einem anderen Ding, das er wohl die ganze Zeit bei sich gehabt hatte, aber das begriff nur Eichling. Die anderen staunten nur über diesen unwahrscheinlichen Kampf in der Dunkelheit.

Dann hielten sie einen Moment inne, ihre Bruthelfer (es war klar, dass die Vierbeiner Bruthelfer waren) scharten sich um sie, wagten aber nichts weiter. Dann hoben die Zweibeiner das Reh hoch, drehten es auf die Seite und rissen mit dem Werkzeug (inzwischen war allen klar, dass sie da ein Ding hielten, es blitzte im Mondlicht auf) den Brustkorb bis zum After auf. Das glänzende Gedärm und andere Teile des Rehs glitten heraus; mit dem Werkzeug zerrte der eine Jäger die Leber heraus. Den Rest schoben sie beiseite; wie Wölfe hatten sie nur wenig Interesse daran, und die Vierbeiner kämpften um die besten Stücke.

Oben in den Bäumen breitete sich die Neuigkeit unter den Vögeln aus: Die Zweibeiner zogen das nun ausgeweidete Reh in den Fluss, wobei sein Kopf mehrmals auf den Felsen aufschlug. Dann schwammen sie mit kräftigen, ein- armigen Stößen durch den flachen Fluss zum Ufer, wobei der jeweils andere Arm das Reh hielt. Ihre Tierhelfer, die zurückblieben, jappten ihnen eine Weile wütend hinterher oder wühlten weiter in dem Gedärm herum, doch dann stürzte sich einer nach dem anderen ins Wasser, um ihnen zu folgen.

Was sollten die Krähen nun tun oder auch nur denken? Es war dunkel, mitten in der Nacht, der Mond stand hoch und klein am Himmel. Krähen sehen im Mondlicht nicht sehr gut und trauen sich fast nie, bei diesen Lichtverhältnissen zu fliegen. Aber da unten lag ein solcher Reichtum an Futter, und eine jede überlegte, wie sie wohl am Morgen noch vor den anderen dorthin gelangen könnte – oder sollten sie beim ersten Licht den Fluss überqueren und nachsehen, was die Jäger zurückgelassen hatten? Sicher konnten sie nicht alles auffressen? Das hielt sie vom Schlaf ab, und sie überlegten und redeten, sie wechselten den Standort, um den Fluss zu überblicken, wo sie ein schwaches Glühen erkennen konnten, das sich keiner erklären konnte.

Am nächsten Morgen war auf der anderen Flussseite nichts von ihnen zu sehen. Man sah Rauch und roch Verbranntes (die Ältesten Krähen kannten den Geruch; Feuer waren in jenem Land in trockenen Sommern selten, aber wurden erinnert). Von dem Reh war nichts übrig geblieben, kein Fell, kein Schädel, keine Knochen, nichts. Wohin waren sie gezogen? Ein paar Jungkrähen folgten Eichling in die Morgenluft, um nachzuschauen; sie folgten der Richtung, die er an jenem ersten Tag eingeschlagen hatte – und ja, dort auf dem Moor zwischen dem Fluss und den Vorlandhügeln sahen sie sie, die Zweibeiner und auch das Reh: Seine vier Beine waren irgendwie an einen dünnen Baumstamm gebunden, von dem man die Zweige abgestreift hatte und den die Zweibeiner schaukelnd zwischen sich trugen; die Vierbeiner schnüffelten um den herabhängenden Kopf herum. Dort, auf der Anhöhe, waren noch andere von der gleichen Sorte.

Ja, da waren sie. Und genau so, wie Eichling sie beschrieben hatte, obwohl der Schwarm es bald leid war, dass er immer wieder davon erzählte. Noch war er trotz seiner Angeberei nicht die erste oder einzige Krähe, die solche Wesen gesehen hatte. Sie waren den Krähen seiner Domäne fremd, aber es hieß, dass Krähen, die zur gemeinsamen Schlafkolonie kamen, Geschichten von diesen Wesen erzählten, Dinge, die sie irgendwo von anderen Vögeln gehört hatten. Ein junges Krähenweibchen behauptete sogar, selbst welche gesehen zu haben. Sie schien das aber nicht sehr interessant zu finden. Eichling gelang es irgendwann, sich neben sie zu hocken.

»Wie heißen sie denn?«, wollte er wissen. »Was für einen Namen gibst du ihnen?«

»Namen?«, fragte sie leicht verächtlich. »Warum sollen wir ihnen denn irgendeinen Namen geben?«

»Dinge haben aber Namen.«

»Es gab keinen Grund, über sie zu reden«, erwiderte sie. »Sie waren einfach da.« Ihre Aufmerksamkeit wanderte von Eichling zu anderen Jungvögeln, aber dann schien sie sich an etwas zu erinnern und sprach ihn wieder an. »Also, was ich über sie gehört habe …«, begann sie, »ist, wie viel sie zurücklassen.«

»Zurücklassen?«

»Was sie nicht benutzen, meine ich. Und wenn du dich trauen würdest, das zu holen …« Aber dann überlegte sie es sich anders, nickte ihm höflich kurz zu und war verschwunden.

Den ganzen Winter über flogen Krähen zu zweit oder dritt, manchmal ein ganzes Dutzend, auf dem gleichen Weg, den Eichling damals genommen hatte, zu dem Ort auf der Anhöhe auf der anderen Seeseite. Bald hatten sich da weitere von den Wesen niedergelassen als die, die Eichling gesehen hatte, falls die beiden, die das Reh gefangen hatten, die gleichen waren, die die Stelle mit ihren Speeren markiert hatten. Für die Krähen sahen sie anfangs alle gleich aus, und es war schwer zu sagen, wie viele es waren – ein paar waren klein, vermutlich Junge. Sie hatten begonnen, auf der Ebene Dinge aufzubauen, die aussahen wie große Nester oder (wie manche meinten) oberirdische Höhlen, Schutzplätze, wie die Haufen von Stöcken und Blättern, unter denen Bären den ganzen Winter über schlafen, oder vielleicht wie die Steine, die Köcherfliegen zusammenkleben, um sich dazwischen zu verstecken – denn sie waren in der Tat aus Steinen und Stöcken und Lehm gebaut, geweißt wie ein Reihernest mit Kot, und die Wesen, für die die Krähen immer noch keinen Namen hatten, gingen aus und ein, sodass die Krähen nie wissen konnten, ob sich immer die gleichen hin und her bewegten, oder ob viele darin verborgen waren. Auch gab es immer mehr von diesen Wohnhöhlen oder Nestern, wann immer die Krähen nachschauten. Aus den Löchern oben kam Rauch.

Hin und wieder hatten sie ein Reh oder einen Elch oder sogar ein Wildschwein gefangen, und ein paar von ihnen machten sich dann mit ihren Dingern darüber her; sie hackten darauf ein und schlugen erstaunlich mühelos ein Bein oder ein Rippenstück heraus und lösten dann das Fleisch in langen Streifen ab, das sie nicht immer gleich verzehrten, sondern auf eine Art Zweiggerüst hingen, das sie zusammenbanden – es war wunderbar, ihnen zuzuschauen, ihre Hände und die Dinger, die sie hielten, so schnell und geschickt! – und dann über eine Grube oder ein Loch stellten, wo sie ein Feuer anhielten, nie hoch, aber nie verglühend zu rauchigem Nichts; hin und wieder warfen sie Stöckchen oder Dung hinein, sodass Funken und Flammen hochschossen, und dann flüchteten die Krähen.

Krähen, zumindest die von damals, waren sehr vorsichtige Vögel, die von Unvertrautem leicht beunruhigt wurden. Sie konnten sich keine Dinge vorstellen, wie man sie jetzt zweifelsohne kennt; aber Krähen sind auch nüchtern und praktisch veranlagt und würden sich (in der langen Beziehung, die dieser Schwarm gerade eben begann) als sehr anpassungsfähig erweisen. Es würde nicht lange dauern, bis die neuen Wesen und ihr Verhalten ihnen vertraut sein würden, und obwohl die klugen Tiere niemals die Angst vor Feuer und vor dem Geruch und den Geräuschen der Menschen verloren, hatten die Krähen bald nichts mehr dagegen. Sie hatten noch nie zuvor gesehen, wie Feuer kontrolliert wurde, selbst die wenigen, die überhaupt wussten, was es war, aber hier war es nun, und noch vor dem Ende des Winters jagte es ihnen keine Angst mehr ein; es wurde zum Teil der Dinge, wie sie eben waren. Und genau, die Wesen ließen immer viel zurück: verrottende Kadaver am Rand der Siedlung, Eingeweide, die sie verschmähten. Krähen kennen vielleicht keine Schwerter und Speere, aber sie kannten Innereien. Falls du dich traust, es zu holen, hatte das arrogante Krähenweibchen gesagt.

»Aber warum lassen sie ihre Vierbeiner an das Fleisch und nehmen es nicht selbst?«, fragte der Stromer in einer hungrigen, eisigen Woche Eichling, als sie den Abfallhügel begutachteten. »Das ist wirklich ärgerlich.«

»Frag ich mich auch«, erwiderte Eichling.

Sie beobachteten, wie die Vierbeiner miteinander rangen und sich wieder vertrugen, kleine und große, von unterschiedlicher Farbe und Gestalt. Ob man neben ihnen fressen konnte wie neben den Wölfen, die einem keinerlei Beachtung schenkten? Oder würden sie sich mit einem anlegen? Schwer zu sagen. Besser, man hielt sich von ihnen fern und pickte nur am Rand.

Sie sahen weitere Wesen ankommen, denen für Krähen unbekannte Tiere folgten, schwer und groß wie Elche, aber mit gedrungenem Hals und träge; die Zweibeiner stießen und zerrten sie und trieben sie in einer Herde von einer Stelle zur anderen, aber sie töteten und verzehrten sie nicht, und die Krähen fragten sich: Wer dient hier eigentlich wem? Dann kam noch etwas Neues, das unmöglich für jene zu beschreiben war, die es nicht gesehen hatten – selbst diejenigen, die aus den winterkahlen Bäumen auf die Siedlung herabschauten, schienen es nicht gänzlich zu erkennen. Die eine Krähe würde sagen: Es ist ein umgestürzter Baum, der einen Berg herabrollt, eine andere: Nein, es ist wie ein Reh, das von einem umstürzenden Baum getroffen wurde und versucht, sich zu befreien, und diejenigen, die sich weigerten, es anzusehen, zuckten mit den Achseln und flogen davon. Eichling wusste es nicht zu beschreiben, aber er erkannte deutlich, für was es bestimmt war, den Zweck: Ein großes, sanftes Tier vorneweg, das an einem hölzernen Gestell zog, welches hinter ihm herkam, die Zweibeiner zogen am Kopf des Tieres oder gaben ihm ab und zu einen sanften Klaps, wiederum mit einem ihrer allgegenwärtigen Stöcke. Aber alle wollten nur eins: etwas bewegen, das zu schwer zum Tragen war. Damit schichteten sie dicke Äste, Steine und anderes um, die sie aus irgendeinem Grund brauchten.

Auch brachten sie andere von ihrer Sorte mit. Eines Tages, als Eichling sie von oben beobachtete, kamen viele aufgeregt aus ihren Schutzräumen. Dann gingen sie neben dem Treiber her und halfen dem Tier, das zog, es in die Siedlung zu einem Haus zu schieben. Und da hoben sie einen, der nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen konnte, so dünn, als sei er am Verhungern, herunter. Ganz sanft und unter den Blicken aller anderen wurde dieses Wesen von zwei anderen zu dem Schutzraum getragen – Eichling fiel das Reh wieder ein, das sie vom Fluss fortgetragen hatten. Sein Haar (Eichling hielt es für ein Männchen) war lang und fedrig wie bei allen anderen, aber hier war es nicht dunkel und glänzend, sondern so hell wie der Weißdorn im Frühling. Er blickte sich um, in den Himmel und zu den Bäumen – sein Blick verharrte auf der einzelnen Krähe auf einem kahlen Ast – und dann wurde er hineingetragen. Eichling auf seinem Ausguck und seine Artgenossen auf dem Boden beobachteten diesen Schutzraum, als müsse sich dort etwas Erstaunliches zeigen, aber nichts geschah.

»Wir fliegen besser zurück«, sagte der Stromer und blickte dunkelwärts.

In jenen Nächten, wenn die Krähen in ihren Winterbäumen aufflatterten und wieder einschliefen und die Eulen mit ihren lautlosen Flügeln am schwarzen Waldrand alles jagten, was sich zeigte, lag die kleine Siedlung zwischen dem lang gestreckten See und dem wintrigen Berg still da. Die Türen von denen, für die die Krähen immer noch keinen Namen hatten (geschweige denn ein Wort für Türen und Häuser) waren versperrt und die kleinen Fenster verbarrikadiert; ihre Tiere hielten sie warm, und nachts, wenn sie aneinandergedrängt schliefen, hatten sie ihre Feuer eingedämmt, damit man sie in der Frühe mit Stöckchen und Stroh und Dung rasch wieder anfachen konnte. Der Rauch stieg aus den Dachlöchern und fing Sterne ein. Geschichten wurden gemurmelt und Kinder gezeugt. Die Fleischstreifen vom Reh und anderen Tieren wurden geräuchert und getrocknet und verzehrt; Mütter kauten es ihren Kindern vor. In den kältesten Nächten konnte man die langen, roten Wölfe auf dem Berg hören, wie sie einander zuheulten, und als der Frühling nahte und der Hunger am schärfsten nagte, kamen sie nachts herab und streiften zwischen den fremden Hütten mit ihrem Rauch herum und schnüffelten an den Türen, und diejenigen drinnen im Dunkeln konnten sie ebenfalls riechen.

Allmählich wurden die Nächte kürzer, und die Menschen kamen frühmorgens im Nebel aus den Häusern in die heilige Sonne, bereit, zu arbeiten und zu bauen.

So vergingen die kalten Monate, obwohl die Krähen sie nicht markiert hatten. Krähen haben keine Theorien darüber, wie Monde kommen und gehen oder wie viele es von ihnen gibt. Sie wissen genau, wenn die Tage länger werden und die Sonne höher klettert, und sie wissen, wenn der Winter endlich vorbei ist und nicht wiederkommen wird, und sie erkennen das nicht nur am Wetter und am Wald, sondern auch in sich selbst. Eine Art Tollheit steigt in ihrer Brust auf, die jeden Tag schlimmer wird, bis es ihnen vorkommt, sie seien immer so gewesen und nicht anders, als seien sie selbst die Ursache, dass die Hasen sich wie verrückt im hellem Tageslicht zeigen und miteinander kämpfen, dass die grünen Spechte fortwährend an hohlen Bäumen hämmern und die Kröten in übervollen Teichen rülpsen.

Wir Menschen glauben, dass wir im Frühling überwältigende Begierden, Freuden und Wut empfinden, aber das sind bloße Bruchstücke von dem, was der größere Teil der lebendigen Welt fühlt. Vermutlich ist es so, als würde man die Lust und die Sehnsucht eines ganzen Jahres in ein paar Wochen hineinpacken. Eichling meint, er habe genug Frühling erlebt, so alt, wie er nun ist, und er sagt, er würde lieber keinen mehr erleben, weder in der Welt noch in sich selbst. Es sei einfach zu schwierig.

In dieser Zeit löste sich die große Winterkolonie auf, als habe sich eine Katastrophe ereignet. Die flatterhaften Dohlen waren in einer Wolke fortgeschwärmt, dorthin, wo Dohlen hinziehen. Die Familien lösten sich aus der ruhelosen Schar, Pärchen trennten sich von den Familien, und Jungvögel sprachen darüber, loszuziehen – einfach irgendwohin. Zwei von Eichlings Geschwistern schlossen sich an einem feuchten, milden Morgen einem Schwarm junger Krähen an, die teils mit ihnen verwandt waren und teils nicht, ganz ohne ein Wort und ohne ein Lebwohl, einfach irgendwohin, weit von hier, um sich auszubreiten und das Land ohne Krähen ein wenig zu verkleinern. Als sie sich an jenem Morgen aufmachten, spürte Eichling, wie seine Flügelschultern sich anspannten, als bäten sie darum, auch einfach loszufliegen.

Warum folgte er ihnen wohl nicht, fragte er sich und fragt sich immer noch. Er war im gleichen Alter wie seine flüchtenden, krächzenden Geschwister – Ältere Schwester war nur ein paar Tage älter als er, und war er nicht der erste unter ihnen gewesen, der flügge geworden war? Das hatte ihm seine Mutter erzählt. War er nicht damals schon ein Wandervogel gewesen? Das hatte er dem Stromer erzählt, der ihn deswegen verspottete. Vielleicht war es irgendein Wunsch oder eine Neigung in ihm, die ihn abhielt, an dem Exodus teilzunehmen – schwer zu erkennen und noch weniger zu akzeptieren –, auch wenn es dafür ein Wort gegeben hätte: Es war die Neigung zum Alleinsein.

Sich selbst erzählte er, dass er in der Nähe jener Wesen auf der Ebene bleiben wollte. Er war in seinem jungen Leben vielleicht noch nicht weit gekommen, aber noch nie war jemand auf diese Wesen gestoßen. Er wollte sie weiter beobachten, seine eigene Entdeckung.

»Komm mit«, sagte Vater zu ihm. Er zuckte zusammen, denn er hatte nicht bemerkt, wie er neben ihn getreten war. Die große Krähe (dieser Tage wirkte Vater größer als je zuvor) war aufgebracht, ungeduldig, gebieterisch. »Es geht los.«

»Los?«

»Nach Hause. Dorthin müssen wir jetzt.«

Wenn man eine kaum ausgewachsene Krähe ist, kann man die Ankunft einer neuen Jahreszeit kaum begreifen. Man muss länger leben, um nicht davon überrascht zu werden, sich nicht zu fragen: Was? Was ist das denn?, ohne eine Antwort zu bekommen. Die Antwort lautet: So war es, und so wird es wieder sein, aber selbst ältere Krähen vergessen es manchmal, bis es sich wieder ereignet, und dann wissen sie es.

»Nach Hause?«, fragte Eichling, aber Vater war bereits zu einem weiteren Familienmitglied geflogen, um es anzutreiben, eine Krähe, die Eichling Jüngere Schwester nannte. Sie war zur Winterkolonie zurückgekehrt, nachdem sie erst mit den anderen Abtrünnigen fortgeflogen war, und hockte nun verdrießlich und reumütig da. Dann hüpfte Vater über den immer leerer werdenden Sammelplatz und rief nach Verwandten, die er nicht erspähen konnte. Der Stromer antwortete, wollte aber nicht folgen und gab sich gegenüber Vaters Drängen gleichgültig. Eichling beschloss, nichts zu tun, bis die anderen reagierten, die wussten, was sie zu tun hatten. Vielleicht machte er sich erst einmal auf Futtersuche.

»Komm schon, komm schon!«, rief Vater ihm zu. Er flog in Richtung des Familienreviers und kam dann wütend wieder zurück, als klar wurde, dass niemand ihm folgte; schließlich hockte er sich auf einen Kiefernast und riss, am Ende seiner Geduld angelangt, verärgert Tannennadeln ab. Am meisten schien er von Mutter frustriert zu sein. Im Gegensatz zu ihrem leidenschaftlichen Partner schien sie träger und abgelenkt; sie saß still auf einem niedrigen Ast oder ging ein wenig hin und her, den Kopf mal nach hier, mal nach da gewandt; der Bruthelfer begleitete sie ängstlich, sagte aber kaum ein Wort. Als sie sich schließlich entschloss, ins Heimatrevier zu fliegen, lag das nicht an Vaters hartnäckigem Drängen – er war da schon fortgeflogen –, sondern war ihr eigener plötzlicher Entschluss. Ihr Bruthelfer spürte das. Natürlich hatte er das schon früher erlebt, hatte darauf gewartet und es begrüßt – selbst Eichling konnte das erkennen.

»Komm schon!«, rief sie Eichling zu. »Du musst mithelfen.«

Doch ihr Blick ruhte nicht auf ihm. Falls sie etwas wahrnahm, dann war es etwas Unsichtbares, noch nicht Geschehenes – etwas, das Krähen, zumindest weibliche, wissen, ehe es sich ereignet: Sie können es wissen, weil es in ihnen drinsteckt und bereits passiert ist. Eichling gab darauf keine Antwort, sondern flog mit ihr los; der Bruthelfer folgte ihnen.

Als Erstes, als sie einer nach dem anderen das Revier erreicht hatten, mussten sie die Besetzer vertreiben, die dort zuerst angekommen waren und so taten, als sei es ihre Heimstatt, oder zumindest ein Teil davon, oder sie behaupteten einfach, das sei jetzt ihr Revier und sie würden bleiben. Sollten die Neuankömmlinge doch weiterziehen, und wer waren die eigentlich? Vater vertrieb sie gnadenlos, ohne eine Antwort zu geben. Er kreischte Beleidigungen wie zu einer schläfrigen Eule, auf die er tagsüber gestoßen sein mochte. Als Eichling erkannte, dass die Besetzer sich nicht sonderlich wehren würden, beteiligte er sich ebenfalls, aber seine Mutter segelte an ihm vorbei und hieb ebenso heftig wie ihr Partner auf die fliehenden Krähen ein. Der Bruthelfer und Jüngere Schwester krächzten und schnarrten von den Bäumen herab und verstreuten die Stöckchen, die die Besetzer schon für ein Nest in der Astgabel einer Eiche zusammengetragen hatten. Wie konnten sie es wagen! Gegen Abend hatten sie es geschafft; sie schliefen in ihren eigenen Bäumen, in ihrem eigenen Revier, und am Morgen verspeisten sie die eigenen Schnecken und Käfer, und dann, als die Sonne höher stieg, begannen sie mit der Arbeit am Nest.

Eichling kann sich nicht mehr erinnern, wie genau die Krähen jener fernen Zeit und an jenem Ort ihre Nester bauten, weil er schon so lange die Nester so baut, wie man es hierzulande macht. Falls es damals und dort genauso war wie hier, dann begann es damit, dass man die richtige Stelle aussuchte, in einer Astgabel, gerade eben hoch genug, gerade eben abgeschirmt genug, aber nicht allzu weit von der wärmenden

Mittagssonne entfernt. Jüngere Schwester fand die Stelle, die die Eindringlinge gewählt hatten, günstig, aber Mutter würde niemals einen Nistplatz von anderen übernehmen, nicht einmal, wenn der Bau gerade eben erst begonnen worden war; auch würde sie niemals ein eigenes Nest aus dem Vorjahr benutzen – man konnte die Überreste von einigen immer noch im Revier sehen, wenn man wusste, wonach man suchte. Nein. Eulen und Habichte und andere haben ein gutes Gedächtnis, sagte sie. Jüngere Schwester würde das begreifen, wenn sie an der Reihe war.

Da die Eichen in dem Hain noch nicht ausgeschlagen hatten, wählte sie eine Stelle zwischen den Nadelbäumen am Rand, weniger bequem, aber auch weniger sichtbar. Ja, wenn es gebaut war und sie und ihre Jungen beherbergte, würde die Eiche in dichtem Laub stehen, aber vorher konnte jeder Feind sich den Platz merken und planen, dorthin zurückzukehren. Sie betrachtete die Kiefer, weil sie wusste, sie würde die richtige Stelle finden, wenn sie alle unpassenden abgelehnt hatte.

»Dieser hier«, sagte sie. »Hier.«

»Du hast doch diese Stelle schon verworfen«, meinte ihr Partner, aber sie achtete nicht auf ihn und drehte sich mehrmals in der Astgabel der Kiefer, um ganz sicherzugehen. Vater schwieg dann.

Nach der Auswahl des Standorts begann man mit dem Bau des neuen Nests. Das Krähenpaar teilte sich diese Arbeit unter vielem Streit und Diskussionen. Die Platzierung der großen Stöcke, die das Ganze halten würden, ist für Wesen nicht leicht, die nur einen Schnabel und einen Fuß dabei einsetzen können, auch wenn sie es schon zuvor oft gemacht hatten.

Tag für Tag wuchs das Nest, wurde runder und stabiler und schließlich bewohnbar. Obwohl überall viel abgestorbenes Holz herumlag, verbrachten Mutter und Vater viel Zeit damit, auf grüne Zweige einzuhacken, sich mit ihnen abzumühen, sie abzubrechen oder schließlich aufzugeben. Vater brachte ein Stöckchen herbei und flog davon, um neue zu holen. Mutter blieb zurück, warf diesen Zweig hinaus und suchte selbst einen, der ihr besser gefiel. Stöckchen, die sie abgelehnt hatte, lagen verstreut am Fuß des Baumes. Die Nestbauer würden niemals einen Zweig zurückbringen, den sie einmal verworfen hatten.

»Und warum?«, fragte Eichling.

»Darum«, gab der Bruthelfer zurück.

»Klar«, warf Jüngere Schwester ein. Sie hatte versucht, mit ein paar Stöckchen zum Nestbau beizutragen, aber sie waren zurückgewiesen worden.

Vater brachte ein neues Stöckchen. Seine Partnerin versuchte, es hier oder da einzuflechten, warf es aber dann auch hinaus zu den anderen abgelehnten auf dem Boden. Er starrte sie wütend an. Die anderen, die ihnen zusahen, verstummten und blieben reglos, wie auch Vater, weil alle nun auf einen Wutausbruch von ihm warteten. Mutter nahm davon allerdings keine Notiz, all ihre Aufmerksamkeit war auf die Inneneinrichtung gerichtet, die sie gerade entwarf. Nein: Ein Auge zuckte rasch in Richtung Vater und wieder zurück. Aber Zorn hatte hier keinen Platz, es hatte keinen Sinn zu fragen: Und was stimmte mit dem Stöckchen nicht? Weil sie nicht wusste, was genau damit nicht stimmte, nur, dass es falsch war, denn sie war es schließlich, die hier sitzen musste. Als sich seine Haltung entspannte und er den Schnabel einmal öffnete und mit einem Seufzer wieder schloss, ehe er erneut davonflog, blickte sie von ihrem Gewusel hoch zu Eichling und den anderen, und er entdeckte eine gewisse Belustigung in ihrem Blick.

Jüngere Schwester bot an, zu helfen oder zu lernen, und Eichling und der Bruthelfer blieben als Zuschauer übrig.

»Warum hat sie sich eigentlich nie für dich entschieden?«, fragte Eichling den Bruthelfer.

»Ach …«, antwortete der Bruthelfer, als sei die Antwort zu offensichtlich – oder das Thema zu tiefgreifend, um besprochen zu werden.

»Du bist doch viel netter als er.«

»Ach du liebe Güte«, erwiderte der Bruthelfer. »Ich glaube, das spielt keine so große Rolle.«

»Nein?«

»Er ist ein großartiger Versorger. Sieh doch, wie er sich abstrampelt. Ein guter Partner.«

Das Krähenpaar war jetzt fast ständig zusammen, nicht nur beim Nestbau, sondern auch im Flug, auf Wachtposten oder auf Futtersuche. Sie nahmen von den anderen kaum noch Notiz. Wenn sie nicht fraßen oder bauten, dann putzten sie einander ausgiebig und ergeben das Gefieder; die Schnäbel suchten Brust oder Kopf des anderen, durchkämmten die Federn und zupften Reste von Futter, Käfern, Haut und anderem heraus. Reck den Schnabel in die Luft, und dein Hals wird bearbeitet, senk den Kopf, und dein schwarzer Schädel wird geputzt und schön gemacht. Sie brachen oft mitten in einer Beschäftigung ab und hakelten mit den Schnäbeln, wobei der eine den Schnabel des anderen umklammerte und festhielt, während der andere sich drehte und wand. Dann wechselte man sich bebend und mit aufgefächerten Schwanzfedern ab. Ab und zu wurde das Spiel intensiver, und sie kämpften geradezu miteinander: die Schnäbel weit geöffnet, das Weiße der Innenlider aufblitzend. Dann trennten sie sich eine Weile lang, entweder aus Scham oder einfach aus Erschöpfung, das wusste Eichling nicht, aber sie konnten einander nicht lange böse sein, denn es ging wieder an die Arbeit. Es war ein wunderbares und beunruhigendes Schauspiel.

Abends verließen sie den Nistplatz und flogen in den Eichenhain. Es gab keinen Grund, Nachtschwärmer wissen zu lassen, wo man bald seine Jungen großziehen würde. Die anderen sammelten sich nach dem Jagen und Fressen um sie – nur der Stromer nicht, den man dieser Tage nur selten zu Gesicht bekam, denn er lungerte eher am Rand der Domäne herum und gab sich desinteressiert.

»War es so, als ich …«, fragte Jüngere Schwester, und Eichling wiederholte: »Ja, war es so, als wir …«

»Ja, so war es«, warf der Vater ein. Das Krähenpaar ruhte nur nachts, und die Nächte wurden immer kürzer. »Es ist

immer so. Es sei denn, es klappt nicht.«

Mutter hatte die Augen geschlossen, öffnete sie aber bei diesen Worten ein wenig.

»In einem Frühling«, begann Vater, »blies ein Sturm alles fort, was wir gebaut hatten. Es war fast fertig gewesen.«

»Was habt ihr da gemacht?« »Von vorn angefangen.« Die Geschwister schwiegen.

»In einem anderen Jahr …«, fuhr Vater fort, als könne er diese Dinge endlich nicht mehr für sich behalten. »Wiesel. Wiesel haben die gesamte Brut ausgeräumt. Sie waren gerade erst geschlüpft.«

Mutter hatte die Augen wieder geschlossen und flatterte unruhig auf.

»Und«, fragte Eichling, »habt ihr noch mal angefangen?« »Zu spät«, sagte sein Vater.

»Zu spät?«

»Der Moment war vorbei. Es gibt einen richtigen Augenblick, und wenn der vorbei ist, und das war er …«

Man konnte immer noch kleine Vögel hören – einige sangen nun die ganze Nacht – sowie die Insekten, die nach der Winterstille die Dunkelheit erfüllten.

»Das werde ich nie tun«, sagte Jüngere Schwester. »Niemals.«

»Das weißt du noch nicht«, meinte Vater. »Du weißt doch noch gar nichts.«

Eichling regte sich ein wenig, weil ihm plötzlich irgendwie heiß wurde. »Also, es ist schwer!«, sagte er.

»Bald wird es noch schwerer. Ihr werdet alle mithelfen müssen. Ihr werdet schon sehen.«

»Aber warum machen wir es denn weiter so?«, flüsterte Eichling. »Wenn wir es nun anders machten, oder besser? Das ist …«

»Das ist unser Schicksal«, sagte Vater. Seine Augen glänzten in dem fahlen Licht und blickten ins Weite. »Wir haben es so zu tun, und zwar genau auf diese Weise. Wir haben es immer so gemacht, und wir machen es weiter so.«

Eichling verstummte. Mit furchterregender Würde wandte sich Vater von seinem Sohn ab und schloss die Augen. Auch die anderen verstummten; ihre Krallen schlossen sich für den Schlaf fest um die Äste, auf denen sie hockten, damit sie des Nachts nicht herabfielen. Die Schnäbel sanken ihnen auf die Brust. Eichling hörte ein leises Krächzen, eine Art Wimmern, von seiner Mutter – oder war es Jüngere Schwester, die sich schnabelwärts hingehockt hatte? Er fühlte sich unruhig und unzufrieden. Er wollte noch mehr sagen oder hören.

Schicksal: Die Krähen haben nur in dieser Jahreszeit oder in Erinnerung an diese Jahreszeit einen Namen dafür. Schicksal ist etwas, das bei Krähen einem Glauben an die Welt und ihrem Platz darin am nächsten kommt, doch ansonsten denken sie nie daran: Warum die Welt so ist, wie sie ist, und warum sie dort tun, was sie eben tun. Sie können jederzeit sagen: So sind wir eben, aber nur zu bestimmten Zeiten können sie sagen: So soll es eben sein. Mehr drückt das Wort Schicksal ja auch nicht aus.

 

 

 

---

Übersetzt von Annette Charpentier

 

© 2017 by John Crowley

© 2018 der deutschsprachigen Ausgabe by Golkonda Verlags GmbH & Co. KG, München • Berlin

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Sämtliche, auch auszugsweise Verwertungen bleiben vorbehalten.

 

Share:   Facebook