Leseprobe "Aurora erwacht" von Amie Kaufman & Jay Kristoff

BUCH

Leseprobe: Aurora erwacht | Amie Kaufman & Jay Kristoff


Lest hier die ersten Seiten aus "Aurora erwacht" von Amie Kaufman & Jay Kristoff.

Tyler, frisch ausgebildeter Musterschüler der besten Space Academy der ganzen Galaxie, freut sich auf seinen ersten Auftrag. Als sogenannter „Alpha“ steht es ihm zu, sein Team zusammenzustellen – und er hat vor, sich mit nichts weniger als den Besten zufrieden zu geben. Tja, die Realität sieht anders aus: Er landet in einem Team aus Losern und Außenseitern:
Scarlett, die Diplomatin – Sarkasmus hilft immer (not.)
Zila, die Wissenschaftlerin – dezent soziopathisch veranlagt
Finian, der Techniker – besser: der Klugscheißer
Kaliis, der Kämpfer – es gibt definitiv Menschen, die ihre Aggressionen besser unter Kontrolle haben
Cat, die Pilotin – die sich absolut nicht für Tyler interessiert (behauptet sie zumindest)
Doch dieses Katastrophenteam ist nicht Tylers größtes Problem. Denn er selbst ist in den verbotenen interdimensionalen Raum vorgedrungen und hat ein seit 200 Jahren verschollenes Siedlerschiff gefunden. An Bord 1.000 Tote und ein schlafendes Mädchen: Aurora. Vielleicht hätte er sie besser nicht geweckt. Ein Krieg droht auszubrechen – und ausgerechnet sein Team soll das verhindern. Ouuups. Don’t panic!

 

***

1  Tyler

 

Ich verpasse die Auslese.

Die Hadfield zerfällt allmählich in ihre Einzelteile. Schwarze Quantenblitze schmelzen die Schiffshülle zu Schlacke. Mein Raumanzug kreischt in siebzehn verschiedenen Alarmtönen, das Schloss an dieser verdammten Kryokapsel will einfach nicht aufgehen, und das ist der Gedanke, der mich beherrscht. Nicht etwa, dass ich im Bett hätte bleiben sollen, um ausgeruht in den Tag zu starten. Oder dass ich schon längst wieder in der Aurora Academy sein könnte, wenn ich den scheiß Notruf ignoriert hätte. Oder wie dämlich es ist, auf diese Weise zu sterben.

Weit gefehlt. Im Angesicht des Todes denkt Tyler Jones, Squad Leader erster Klasse, nur an eins.

Ich verpasse die verdammte Auslese.

Ich meine, wenn du dein Leben lang auf eine einzige Sache hinarbeitest, ist dir die wichtig. Schon klar. Aber die meisten rational denkenden Leute würden die Gefahr, in einem manövrierunfähig durch den interdimensionalen Raum treibenden Raumschiff vaporisiert zu werden, als ein kleines bisschen wichtiger einstufen als die Schule. Sag ich mal so.

Ich schaue zu dem Mädchen runter, das in der Kryokapsel schläft. Sie hat ziemlich kurze schwarze Haare, mit einer komischen weißen Strähne im Pony. Sommersprossen. Trägt einen grauen Overall. Ihr Gesicht hat diesen seligen Ausdruck, den man nur bei Babys und kryonisch Eingefrorenen sieht.

Ich frage mich, wie sie wohl heißt.

Ich frage mich, was sie sagen würde, wenn sie wüsste, dass ich ihretwegen gleich hopsgehe.

Und ich brumme kopfschüttelnd in mich hinein, während die Warnmeldungen an meinem Anzug immer lauter jaulen und das Schiff um mich herum in Millionen brennende Trümmer zerbirst.

»Na, hoffentlich ist sie es wert.«

***

Ich springe mal ein Stück zurück.

Ungefähr vier Stunden, um genau zu sein. Ich weiß, eine Geschichte braucht einen spannenden Einstieg, aber ihr solltet schon wissen, was hier eigentlich abgeht, damit es euch nicht ganz egal ist, ob ich vaporisiert werde. Es wäre nämlich echt scheiße, wenn ich vaporisiert würde.

Also. Vier Stunden zuvor liege ich noch in meinem Zimmer im Wohnheim der Aurora Academy. Ich starre die Unterseite von Björkmans Matratze an und bete zum Schöpfer, dass unsere Ausbildungsoffiziere mit so was wie einem Schwerkraftausfall oder einem Probealarm um die Ecke kommen. In der Nacht vor der Auslese gönnen sie uns wahrscheinlich unseren Schlaf. Aber ich bete trotzdem, dass es anders kommt, weil:

a) Björkman schnarcht gerade irre laut, was er sonst nie macht, und ich kann nicht schlafen.

b) Ich wünsche mir so sehr, dass mein Dad mich morgen sehen könnte, und ich kann nicht schlafen.

c) Es ist die Nacht vor der Auslese, und ICH. KANN. NICHT. SCHLAFEN.

Keine Ahnung, warum ich so aufgeregt bin. Ich sitze das doch mit einer Arschbacke ab. Ich habe jede Prüfung mit Auszeichnung bestanden. War in fast jedem Fach Klassenbester. Gehörte zum obersten ein Prozent aller Kadetten der Academy.

Jones, Tyler, Squad Leader erster Klasse.

Goldenboy. So nennen mich die anderen Alphas. Manche meinen es beleidigend, aber ich fasse es als Kompliment auf. Keiner hat sich so reingehängt wie ich, um hier aufgenommen zu werden. Keiner hat in den letzten fünf Jahren so hart gearbeitet wie ich. Und jetzt wird sich das alles auszahlen, weil morgen die Auslese stattfindet und ich mir vier von den fünf Top-Absolventen aussuchen darf und den besten Squad zusammenstellen werde, den ein Abschlussjahrgang der Aurora Academy je gesehen hat.

Warum kann ich dann nicht schlafen?

Ich gebe mich mit einem Seufzer geschlagen, steige aus dem Bett und in meine Uniform, fahre mit der Hand durchs Haar. Und mit einem letzten Blick zu Björkman, den ich am liebsten killen oder wenigstens stummschalten würde, klatsche ich auf das Kontrollfeld der Tür, stapfe auf den Flur hinaus und schneide mit der sich schließenden Tür sein Geschnarche hinter mir ab.

Es ist spät: 02.17 auf der Stationsuhr. Die Beleuchtung ist runtergedimmt, um Nachtzeit zu simulieren, aber als ich den Flur entlangschlendere, springen die Leuchtstreifen im Boden an. Über mein Uniglass schicke ich meiner Schwester Scarlett eine Nachricht. Keine Antwort. Ich überlege, ob ich Cat anpingen soll, aber die schläft wahrscheinlich. Was ich auch tun sollte.

Ich spaziere an einem langen Plastahl-Fenster vorbei und betrachte den Aurora-Stern, der dort draußen lodert und den Fensterrahmen in einem blassen Gold strahlen lässt. In der alten terranischen Mythologie war Aurora die Göttin der Morgenröte, die den kommenden Tag und das Ende der Nacht verhieß. Irgendwer hat vor langer Zeit einen Stern nach ihr benannt, und dieser Stern gab der Akademie, die ihn heute umkreist, und damit auch der Legion, der ich mein Leben verschrieben habe, ihren Namen.

Seit fünf Jahren lebe ich hier. Ich wurde an meinem dreizehnten Geburtstag aufgenommen, zusammen mit meiner Zwillingsschwester. Der Musterungsoffizier auf der New Gettysburg Station hatte unseren Vater gekannt. Sprach uns sein Beileid aus. Schwor, dass diese Schweinehunde dafür büßen würden. Dass das Opfer, das unser Dad und alle unsere Soldaten erbracht hatten, nicht umsonst gewesen sei.

Ich frage mich, ob ich das immer noch glaube.

Ich sollte schlafen.

Ich weiß nicht, wohin ich gehe.

Dabei weiß ich genau, wohin ich will.

Ich gehe immer weiter durch den Flur Richtung Andockbucht.

Spanne den Kiefer an.

Vergrabe die Fäuste in den Taschen.

***

Vier Stunden später hämmere ich mit eben diesen Fäusten gegen die Versiegelung der Kryokapsel.

Um mich herum befinden sich Tausende weitere solcher Kapseln, alle von einer weißen Eisschicht überzogen. Das Eis knackt unter meinen Schlägen, aber die Versiegelung hält stand. Das Programm, das ich auf meinem Uniglass laufen lasse, um das Funkschloss zu hacken, ist zu langsam.

Wenn ich nicht schleunigst hier rauskomme, bin ich tot.

Die nächste Stoßwelle trifft die Hadfield und rüttelt das ganze Schiff durch. Weil die Schwerkraft in dem Wrack ausgesetzt ist, kann ich nicht umfallen. Aber obwohl ich mich an der Kryokapsel festklammere, werde ich wie ein Kinderspielzeug hin und her geschleudert und krache mit meinem Helm gegen die benachbarte Kapsel, woraufhin sich ein neuer Alarm zu den siebzehn anderen gesellt, die mir schon in den Ohren gellen.

Achtung: Anzug nicht mehr intakt. H2O-Tank beschädigt.

Oh-oh …

Das Mädchen in der Kryokapsel runzelt im Schlaf die Stirn, als hätte sie einen Albtraum. Kurz kommt mir der Gedanke, was es für sie bedeuten würde, falls wir das hier überleben.

Und dann spüre ich an meinem unteren Hinterkopf etwas Nasses. In meinem Helm. Ich verdrehe den Kopf, um das Problem zu orten, und die Flüssigkeit schwappt mir über den Nacken, von der Oberflächenspannung auf meine Haut gepresst. Mir wird klar, dass mein Trinkschlauch gerissen ist. Dass sich meine Wasservorräte in meinen Helm ergießen. Und dass sich, selbst wenn ich diesen Raumfaltensturm überleben sollte, mein Helm in ungefähr sieben Minuten mit Wasser gefüllt haben wird und ich wohl der erste Mensch sein werde, der im All ertrinkt.

Falls wir das hier überleben?

»Vergiss es«, murmele ich.

***

»Vergiss es«, sagt die Offizierin.

Dreieinhalb Stunden zuvor stehe ich im Flugsicherungszentrum der Aurora Academy. Die Flugdeckoffizierin, Lieutenant Lexington, ist nur zwei Jahre älter als ich. Auf der Gründungstagparty vor ein paar Monaten war sie so beduselt, dass sie mir gestanden hat, wie hübsch sie meine Grübchen findet. Seither lächle ich ihr so oft wie möglich zu.

Hey, man darf mit seinen Reizen nicht geizen.

Selbst zu dieser späten Stunde ist viel los an den Docks. Vom Zwischengeschoss aus sehe ich, wie ein schwerer Frachter aus dem Traskischen Sektor entladen wird. Das riesige Schiff hängt an der Flanke der Station, die Hülle sichtlich ramponiert von den Milliarden Kilometern, die es schon auf dem Buckel hat. Beladerdrohnen umsurren es in einem metallisch glänzenden Schwarm.

Ich drehe mich wieder zu der Offizierin. Lächle noch ein bisschen breiter.

»Nur für eine Stunde, Lex«, bitte ich.

Second Lieutenant Lexington zieht eine Augenbraue hoch. »Meinten Sie nicht: ›Nur für eine Stunde, Ma’am‹, Kadett Jones?«

Ups. Übers Ziel hinausgeschossen.

»Jawohl, Ma’am.« Ich salutiere so zackig, wie ich nur kann. »Verzeihung, Ma’am.«

»Sollten Sie sich nicht eher ausruhen und hinlegen?«, fragt sie zweifelnd.

»Ich kann nicht schlafen, Ma’am.«

»Lampenfieber vor der Auslese?« Sie schüttelt den Kopf und ringt sich endlich zu einem Lächeln durch. »Sie haben die höchste Punktzahl von allen Alphas in Ihrem Jahrgang. Wovor sollten Sie Angst haben?«

»Ist nur Adrenalin.« Ich nicke zu den Phantoms rüber, die in Bucht 12 aufgereiht stehen. Die Aufklärer sind schnittig. Tränenförmig. Schwarz wie das Nichts da draußen. »Ich dachte, ich könnte die nervöse Energie vielleicht für eine kleine Flugübung in der Raumfalte nutzen.«

Ihr Lächeln erstirbt. »Negativ. Ohne einen Wingman dürfen Kadetten nicht in die Raumfalte, Jones.«

»Ich habe eine Fünf-Sterne-Empfehlung von meinem Flugtrainer. Und ab morgen bin ich Vollmitglied der Legion. Ich fliege auch nicht weiter als ein Viertel Parsec.«

Ich beuge mich vor. Drehe den Grübchencharme bis zum Anschlag auf.

»Ich würde Sie doch niemals belügen, Ma’am.«

Und langsam, ganz langsam wandern ihre Mundwinkel wieder in die Höhe.

Danke, Grübchen.

Zehn Minuten später sitze ich im Cockpit einer Phantom. Die Triebwerke laufen warm, die Docksysteme befördern mein Schiff in die Startröhre, und unter geräuschlosem Tosen werde ich in die schwarze Leere katapultiert. Hinter den Schutzscheiben glitzern Sterne. Ringsum erstreckt sich die unendliche Weite des Alls. Die Aurora Station leuchtet hinter mir; flinke Kreuzer und schwerfällige Großkampfschiffe ankern an ihren Liegeplätzen oder brausen durch die Dunkelheit um die Raumstation. Ich ändere den Kurs und werde von Schwindel gepackt, als die Schwerkraft von mir abfällt.

Vor mir, etwa fünftausend Kilometer vom Bug der Raumstation entfernt, ragt das Raumfaltentor auf. Ein riesenhaftes Hexagon. Seine Pylone blinken grün. Im Innern des Sechsecks erkenne ich ein schimmerndes, von nadelspitzen Lichtern durchlöchertes Feld.

In meinem Kopfhörer knackt eine Stimme.

»Phantom 151, hier ist die Aurora-Flugsicherung. Eintritt in die Raumfalte ist freigegeben, Ende.«

»Verstanden, Aurora.«

Ich zünde meine Triebwerke und werde von dem mächtigen Schub in den Beschleunigungssitz gepresst. Das automatische Leitsystem übernimmt, das Raumfaltentor gleißt heller als die Sonne. Und ich tauche völlig geräuschlos in einen unendlichen, farblosen Himmel ein.

Milliarden Sterne funkeln mir entgegen. Die Raumfalte klafft weit auf und verschluckt mich, und in diesem Moment höre ich weder das Dröhnen meiner Triebwerke noch das Piepen meines Bordcomputers. Die Gedanken an die Auslese und die Erinnerungen an meinen Dad sind wie weggeblasen.

Für einen klitzekleinen Moment ist die gesamte Milchstraße vollkommen still.

Und ich höre rein gar nichts.

***

Ich höre rein gar nichts.

Bis ich die Kryokapsel endlich aufgeschlossen kriege, hat der Wasserklumpen an meinem Hinterkopf meine Ohren erreicht und würgt die Alarmsignale meines Anzugs ab. Ich schüttele heftig den Kopf, aber in der Schwerelosigkeit wabert die Flüssigkeit nur über meine Haut nach vorn, ein großer Klecks, der sich auf meinem linken Auge sammelt und mich halb blind macht. Mit einem unterdrückten Fluch löse ich die Versiegelung der Kapsel und ziehe die Tür auf.

Das Farbspektrum in der Raumfalte ist monochrom – alles ist auf Schwarz- und Weißtöne reduziert. Als die Beleuchtung in der Kapsel zu einer anderen Graustufe wechselt, bin ich also nicht sicher, welche Farbe sie annimmt, bis …

Alarmstufe Rot. Stasis unterbrochen. Kapsel 7173 unbefugt geöffnet. Alarmstufe Rot.

Auf den Monitoren blinken Warnungen, sobald ich meine Hände in das dickflüssige Gel tauche. Ich stöhne auf, als die eisige Kälte durch meinen Anzug dringt. Ich habe keinen blassen Schimmer, was mit dem Mädchen passiert, wenn ich sie vorzeitig da raushole, aber wenn ich sie in diesem Raumfaltensturm zurücklasse, stirbt sie auf jeden Fall. Und ich auch, wenn ich jetzt nicht endlich die Biege mache.

Und ja, das wäre wirklich verdammt scheiße.

Das Gute ist: Die Hülle der Hadfield scheint schon vor Jahrzehnten leckgeschlagen zu sein. Somit dürfte es keine Atmosphäre mehr geben, die die letzte Wärme aus dem Körper des Mädchens ziehen könnte. Der Nachteil daran: Dann gibt es auch keine Atemluft für sie. Aber die Medikamente, mit denen sie vor dem Einfrieren vollgepumpt wurde, haben ihren Stoffwechsel wahrscheinlich sowieso so stark verlangsamt, dass sie ein paar Minuten ohne Sauerstoff überleben kann. Mit dem Trinkbrunnen, der weiter in meinen Helm sprudelt, muss ich mir eher um mich Sorgen machen, was das Atmen angeht.

Schwerelos hängt das Mädchen an ihren Infusionsleitungen über der Kapsel, immer noch umschlossen von dem eiskalten Kryogel. Durch die Hadfield geht wieder ein Ruck, und ich bin froh, dass ich nicht hören kann, was der Raumfaltensturm mit dem Rumpf anstellt. Neben mir sengt sich ein pechschwarzer Blitzstrahl durch die Wand. Das Wasser, das in meinen Helm läuft, kriecht mit jeder Sekunde näher an meinen Mund heran. Ich schaufle mehrere Handvoll von dem Kühlzeugs vom Gesicht des Mädchens und schleudere es durch die Kammer, wo es gegen andere Kryokapseln klatscht. Reihenweise Kapseln, alle mit diesem Gefriergel gefüllt, alle mit einer verschrumpelten Menschenleiche im Innern.

Sie sind alle tot. Tausende. Zehntausende.

Sämtliche Terraner auf diesem Raumschiff sind tot, bis auf sie.

Gerade als ein Blitz einen weiteren Teil des Rumpfs schmelzen lässt, flackert das holographische Display in meinem Helm. Es ist eine Nachricht vom Bordcomputer meiner Phantom.

Achtung: Raumfaltensturm gewinnt an Stärke. Empfehle sofortigen Abflug. Ich wiederhole: Empfehle sofortigen Abflug.

M-hm, danke für den Tipp.

Ich sollte das Mädchen hierlassen. Das würde mir niemand zum Vorwurf machen. Und die Galaxis, in der sie aufwachen wird? Beim Schöpfer, sie würde es mir wahrscheinlich danken, wenn ich sie stattdessen dem Sturm ausliefere. Aber wenn ich diese ganzen Leichen in den anderen Kapseln so sehe … all diese Leute, die sich vor so vielen Jahren von der Erde verabschiedet haben und mit der Verheißung eines neuen Horizonts eingeschlafen sind, nur um niemals mehr aufzuwachen … da wird mir klar, dass ich sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen kann.

Geister gibt es auf diesem Schiff schon mehr als genug.

Mein Dad hat uns gern Geistergeschichten über die Raumfalte erzählt.

Mit diesen Schauermärchen sind wir großgeworden, meine Schwester und ich. Mein Vater blieb bis spät nachts bei uns sitzen und erzählte von den alten Zeiten, als die Menschheit ihre ersten wackeligen Schritte weg vom Planeten Terra wagte. Damals, als wir zum ersten Mal den Weltzwischenraum entdeckten, in dem das Universum anders zusammengefügt ist. Und weil wir Terraner ja so wahnsinnig kreativ sind, haben wir diesen Zwischenraum nach dem simplen, magischen Phänomen benannt, das wir darin erlebten.

Die Raumfalte.

Also. Ihr nehmt ein Blatt Papier. Jetzt stellt euch vor, dieses Blatt ist unsere gesamte Galaxis, die Milchstraße. Bisschen viel verlangt, aber vertraut mir. Denn hey, können diese Grübchen lügen?

Okay, und jetzt stellt euch vor, dass ihr euch auf einer Ecke von diesem Blatt befindet. Und die gegenüberliegende Ecke ist am gaaaanz anderen Ende der Galaxis. Selbst wenn ihr mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs wärt, bräuchtet ihr einhunderttausend Jahre, um da hinzukommen.

Aber was passiert, wenn ihr das Blatt in der Mitte faltet? Dann liegen diese Ecken übereinander, stimmt’s? Aus einer eintausend Jahrhunderte langen Reise ist ein Spaziergang ans Ende der Straße geworden. Das Unmögliche ist auf einmal möglich.

So funktioniert die Raumfalte.

Die Sache ist nur: So was hat natürlich seinen Preis.

Dad hat uns echte Horrorstorys erzählt. Die Stürme, die aus dem Nichts angepeitscht kommen und riesige Weltraumregionen abschneiden. Die frühen Expeditionsschiffe, die einfach verschwanden. 

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Amie Kaufman und Jay Kristoff - Aurora erwacht. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.


 

 


Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Nadine Püschel

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