Orte, die ein Nerd besucht haben muss – Folge 12 - Burg Satzvey, Mechernich (NRW)

Foto: Fabienne Siegmund

KOLUMNE

Burg Satzvey, Mechernich – Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 12)


Ritterturnier mit mehreren Tjostengängen, stimmungsvolle Veranstaltungen rund ums Mittelalter und Schirmchengetränke: Autorin Diana Menschig besucht für uns nerdige Orte – und macht sich heute auf den Weg zur Burg Satzvey.

Von Hexen und Tjosten – Burg Satzvey, Mechernich (NRW)

Koordinaten: 50° 37′ 11,5″ N, 6° 42′ 23,4″ O

Wie bereits beim Dom zu Aachen erwähnt, ist die Burg Satzvey definitiv ein Ort, den ein Nerd besucht haben muss. Dabei dürften die stimmungsvollen Veranstaltungen rund um Mittelalter oder Gothic im gesamten Rheinland bekannt sein. Seit Jahren macht sich das Team um Patricia Gräfin Beissel mit einem vielfältigen Angebot einen Namen, seien es die Themenmärkte zu Ostern und Weihnachten sowie Halloween oder der Hexenmarkt zu Walpurgis oder die schon länger stattfindenden Ritterfestspiele zu Pfingsten und im Herbst.

Schon die gut erhaltene, in Teilen über 600 Jahre alte Wasserburg ist ein Hingucker und gilt nicht umsonst als eine der der schönsten des Rheinlandes. Sie ist verwinkelt, mit ein paar kleinen Läden und einem Innenhof, in dem es jederzeit leicht fällt, sich der Stimmung hinzugeben und es wenig wundern würde, tauchte plötzlich ein voll gerüsteter Ritter auf – was während der entsprechenden Mittelaltermärkte durchaus passieren kann. Doch dann ist der Innenhof auch voll feiernder oder essender Menschen, denn hier steht zumeist eine Musikbühne. Das Innere der Burg kann bei Führungen besichtigt werden, dazu werden regelmäßig Grusel- und Krimi-Dinner angeboten, bei denen auch gelacht werden darf. In jedem Fall tragen die Räumlichkeiten und das Ambiente der Burg zu einer stimmungsvollen Atmosphäre bei.

Wer etwas für wilde Tjosten und witzig erzählte mittelalterliche Heldengeschichten übrig hat, sollte unbedingt das Pfingstfest besuchen. Hinter dem Schloss ist ein großes Mittelalterlager mit Reenactment-Gruppen aus ganz Deutschland, wobei es hier einen Querschnitt durch das gesamte Mittelalter bzw. die Wikingerzeit zu sehen gibt. Treibt der Anblick eines »mittelalterlichen« Hundetütchenspenders oder eines Schirmchengetränks Puristen vermutlich Schweißperlen auf die Stirn, tragen solche Kleinigkeiten andererseits dazu bei, dass der Besuch aus der »Jetzt-Welt« in Jeans und T-Shirt sich etwas weniger fehl am Platze fühlt.

Orte, die ein Nerd besucht haben muss – Folge 12 - Burg Satzvey, Mechernich (NRW)

Herz der Veranstaltung ist das Ritterturnier mit mehreren Tjostengängen. Waren diese bis vor einigen Jahren bereits sehenswert in eine Rahmenhandlung eingebunden, hat letztere seit 2017 einen größeren Stellenwert eingenommen. Als Trilogie wird 2017 bis 2019 eine fortlaufende Geschichte erzählt, in der es um die klassischen Elemente wie Streit um den Königsthron, Rettung des jungen Thronfolgers vor böswilliger Inquisition und ähnlichem geht. Dabei ist die Handlung in jedem Jahr in sich abgeschlossen und verständlich, wird aber über die Jahre weitererzählt, so dass regelmäßiges Publikum Elemente wiedererkennen kann und zugleich etwas Neues erfährt. Trilogien erfreuen sich in der Literatur und gerade in der High Fantasy nach wie vor großer Beliebtheit, warum also nicht auch als Ritterspiel?

Höhepunkt des Spektakels ist der Aufmarsch der Gruppen aus dem Mittelalterlager, wobei Reenactment-, LARP- und Gewandungsinteressierte zugleich einen Einblick bekommen, was gute und schlechte Kostüme sind. Dazu so viel: Selbst für die Nicht-Hardcore-Puristen unter den Gruppen gelten Doc Martens als ein absolutes No-Go!

Den Umgang mit Schwert und Schild können Interessierte, die auf den Geschmack gekommen sind und nicht nur zuschauen möchten, später in einer Ritterschule erlernen. Ein erstes Ausprobieren ist manchmal im Lager möglich. Auch auf den Handwerkermärkten zeigen die AustellerInnen gern, wie Borten gewebt, Wolle gefärbt oder wie geschmiedet wird.

Orte, die ein Nerd besucht haben muss – Folge 12 - Burg Satzvey, Mechernich (NRW)

Trotz großer Rahmenhandlungstrilogie und großartiger Kostüme, sind die heimlichen Stars des Ritterturniers wohl nicht nur für kleine Mädchen die Pferde. Auch Laien mit geringem Pferdeverstand ist vermutlich klar, war für eine wahnsinnige Leistung es ist, die Pferde »einfach mal« durch eine Feuerwand zu treiben. Aus der Menge der Ritter sticht dabei Patricia Beissel immer besonders hervor, nicht nur wegen ihres Geschlechts (sie ist die einzige Stuntreiterin unter Männern, also die Schlumpfine), sondern auch wegen ihrer waghalsigen Manöver. Ihr Wissen über den Umgang mit Pferden gibt sie in Seminaren weiter – wobei dieses Angebot vermutlich für die meisten am (nicht vorhandenen) eigenen Pferd scheitern dürfte, doch es sollte der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Sowohl unter AutorInnen als auch ihren LeserInnen wird immer wieder diskutiert, warum eigentlich das Mittelalter gerade in der High-Fantasy so gern als Vorlage genommen wird. Kaum ein erfolgreiches Werk (oder besser: eine erfolgreiche Trilogie) kommt ohne die Anleihen an diese Zeit aus, dabei ist sie doch aus heutiger Sicht mit Fronarbeit, Selbstjustiz und mangelnder Hygiene wirklich unattraktiv. Das Wort „Bildungsnotstand“ hatte zu der Zeit eine ganz andere Bedeutung. Mal ehrlich: In einer Zeit zu leben, in der Zugang zu Büchern nicht selbstverständlich war, ja nicht einmal die Fähigkeit zu lesen? Nein danke!

Einzig als Hexe lebte es sich im Mittelalter etwas besser, fand doch der weitaus größere Teil der Hexenverfolgungen in der frühen Neuzeit statt.

Ebenfalls ungeklärt ist, warum der Schwertkampf sich nach wie vor so großer Beliebtheit erfreut. Und dennoch, ein Blick auf die LARP- und Reenactmentszene zeigt, dass das Interesse an der Zeit vor den Schusswaffen weit größer ist als an jeder anderen. Wissende Blicke werden getauscht, wenn über die Fechtschulen nach Liechtenauer oder Thalhoffer diskutiert wird, wobei auch hier wieder gnädig darüber hinweggesehen wird, dass nur einem winzigen Teil der Bevölkerung im Mittelalter eine Waffenausbildung zuteil kam, während der Otto-Normal-Bauer zu Dreschflegel und Mistgabel griff. Da erwies sich im Ergebnis die mangelnde medizinische Versorgung vermutlich als Vorteil, denn eine noch so kleine Wunde mit dreckiger Mistgabel konnte sich prima entzünden …

Orte, die ein Nerd besucht haben muss – Folge 12 - Burg Satzvey, Mechernich (NRW)

Foto: Fabienne Siegmund

Ein geschätzter Kollege sagte zum Thema Schwertkampf einmal: »Lass in deinem Buch eine Muskete auftauchen, und schon fällst du durch.« – Ob das der Grund ist, warum Jedi-Ritter mit archaisch anmutenden Lichtschwertern auftreten, während die Sturmtruppen moderne Maschinengewehre verwenden?

Zurück zu Burg Satzvey: Ein – wirklich kleiner – Einblick, wie mies es sich zu der Zeit lebte, ist bei schlechtem Wetter möglich. Wer dann mit dem Auto zu einer Veranstaltung anreist, hat gute Chancen, auf dem Parkplatz sprichwörtlich zu versumpfen und dann den Rest des Tages mit nassen Schuhen herumzulaufen. So ungefähr muss es einem durchschnittlichen Landbewohner ergangen sein. Vielleicht sollten die Veranstalter an Regentagen einmal darüber nachdenken, Strohbüschel an der Kasse auszugeben, die sich die Besucher dann in die Schuhe stopfen können …

 

Stand der Angaben: 1. Quartal 2019

 

 

Über "Orte, die ein Nerd besucht haben muss"

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbei gehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren. Diana Menschig besucht regelmäßig diese Orte und schreibt darüber in "Orte, die ein Nerd besucht haben muss" auf TOR ONLINE.

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