Am Anfang war das Bild

© Mario Franke

Bilder inspirieren Geschichten. Geschichten inspirieren Bilder. Aiki Miras Story „Utopie 27“ stammt aus der frisch erschienenen Anthologie "Am Anfang war das Bild" (Hirnkost Verlag) und wurde illustriert von Mario Franke.

Aiki Mira über "Neonvogel":

Phantastik schafft Bilder und Bilder schaffen phantastische Ideen. Aus diesem Zusammenhang entstand die Idee zu einer Anthologie, in der Bilder als Inspirationsquelle für Erzählungen dienen und andersherum. Für meine Story war das Bild Neonvogel von Mario Franke die Inspiration. Es scheint mir elektrisch aufgeladen zu sein. Ich empfange die Vibes eines Achtzigerjahre-Cyberpunks. Eine Welt wie gemacht aus virtueller Realität: grell, aber düster, rätselhaft und leer. Wo sind die Menschen? Und wer ist Neonvogel? Eine Drohne, eine Anti-Heldin, eine Maschine, allein gegen das System …

Neonvogel

© Mario Franke

***

Utopie 27

Jetzt, da mein Bruder Kajin tot ist, verbringt er mit mir mehr Zeit als je zuvor. Ich dachte immer, die Toten verschwinden, aber das stimmt nicht, sie wachsen nur tiefer in uns hinein. Kajin und ich spielen gern ein Spiel. Dabei denken wir an einen Ort in Frankfurt, zum Beispiel an den Bethmannpark, den es nicht mehr gibt. Von dort machen wir uns in Gedanken auf den Nachhauseweg, schauen, wie weit wir kommen, an wie viel sich Kajin noch erinnert. Bei jedem Mal wird seine Vorstellung von der Stadt, in der er aufgewachsen ist, kleiner. Immer früher erreicht er den Punkt, an dem er nur noch rückwärtsgehen kann.

Kajin bedeutet: Wo ist das Leben? Meinen Namen kennen die Wenigsten. Kajin nennt mich Civanok, weil er findet, ich sehe aus wie ein zerknautschtes Vögelchen. Alle anderen sagen Lu zu mir oder einfach die kleine Schwester von Kajin. Weil unsere Eltern früh starben, sind mein Bruder und ich ziemlich eng. Als er noch am Leben war, hatten wir manchmal den gleichen Gedanken, träumten oft den gleichen Traum und brauchten den ganzen Tag, um uns daran zu erinnern. Wir träumten nie von realen Dingen oder Orten. Meist waren wir andere im Traum, wer, wussten wir nicht. Ich kann Kajins Stimme noch immer in meinem Kopf hören ‒ seine lebendige Stimme ‒ nicht die, die er jetzt hat.

Der Alarm schrillt. Ich wollte meinem Bruder gerade etwas sagen. Zu spät. Meine Besuchszeit ist zu Ende. Avatare lösen sich auf, und eine Welt, die eben noch bevölkert war, leert sich. Ich spüre wieder das Gewicht der VR-Brille, setze sie ab und blinzele. Luft knistert in meinen Ohren. Über mir flackert ein Neonlicht. In letzter Zeit fühlt es sich so an, als würde ich nicht in einem Wolkenkratzer, sondern in einem alten Computer wohnen.

Die Matratze, die ich zum Schlafen benutze, bildet unter mir eine feuchte Kuhle und ist matschig wie altes Obst. Mittlerweile riecht sie auch so. Auf meiner schweißnassen Haut klebt ein Shirt, das ich schon viel zu lange trage und dringend waschen sollte. Zarter Verwesungsgeruch kitzelt die Riechhaare in meiner Nase. Nicht weit von der Matratze entfernt steht meine zwei Wochen alte Geburtstagstorte. Siebenundzwanzig LEDs blinken darauf. Ich schaue sie mir jeden Tag an. Zuerst brachen die Biskuit-Etagen in sich zusammen, dann verfärbte sich die Cremefüllung, begann zu fließen. Seit zwei Tagen wächst darauf ein pelziger Teppich. Heute strecken sich groteske Kreaturen empor. Sie sind wie aus feinstem Staub gemacht. Wenn ich zu stark ausatme, fliegen sie in alle Richtungen.

Wie die Torte verwandelte sich auch mein Haar mit der Zeit. Zuerst wurde es glatter, glänzender. Dann bildeten sich Klumpen. Auch der Geruch veränderte sich. Gestern schnitt ich alles mit dem Küchenmesser ab. Jetzt liegen die dunklen Strähnen auf dem Boden und verwachsen mit dem Rest der Wohnung. Ich bin sicher, eines Tages werde ich sie wiederfinden, aber ich werde dann nicht mehr erkennen, dass es meine Haare sind.

Nacheinander hebe ich die nackten Beine. Mager, braun, eigenartig, als gehörten sie einer anderen Person. Zu meinem Erstaunen funktionieren sie. Vorbei an der blühenden Torte stakse ich zum Arbeitstisch. Dessen digitale Matte pulsiert im Standby. Als erstes gehe ich die Todesanzeigen durch. Ich habe sie gestern Abend erstellt, muss sie vor dem Absenden aber noch einmal kontrollieren. Denn gestern Abend scheint verdammt lange her zu sein.

Eine achtundzwanzigjährige Frau, die im neunzehnten Stockwerk barfuß aus dem Fenster springt. Ein elfjähriges Mädchen, das von einem E-Scooter fünf Meter weit geschleudert wird. Ein achtjähriger Junge, der sich in einen Kühlschrank einschließt und nach 2,047 Sekunden darin erstickt. Ein dreiundzwanzigjähriger Mann, der einen Herzinfarkt erleidet, nachdem er vierundzwanzig VR-Games hintereinander gespielt hat. Wieso ist mir das vorher nie aufgefallen? Junge Menschen werden in unserer Welt nicht mehr alt. Wie die Setzlinge, die wir jedes Jahr auf das Dach unseres Hochhauses pflanzen, brechen sie beim ersten Sturm oder vertrocknen bei der ersten Dürre.

Ich lese die Todesanzeigen mit lauter Stimme, rezitiere sie so lange, bis ich mich leer und kalt fühle. Dann veröffentliche ich sie. Als nächstes setze ich zwei virtuelle Bestattungsfeiern online. Mein Magen knurrt. Ich scanne die Mails nach neuen Aufträgen, stoße auf eine Beschwerde. Eltern fordern mich auf, zwei Bilder von der Gedenkseite ihrer verstorbenen Tochter zu entfernen. Ich prüfe das. Die Bilder zeigen ein unbekümmertes Mädchen beim Feiern. Noch zu Lebzeiten hat die Verstorbene die Fotos für ihren Nachlass ausgewählt. Ich kann die Bilder daher nicht einfach runternehmen. Alles, was ich tun kann, ist ein warnendes Pop-up für die Angehörigen hinzuzufügen: Vorsicht Lebensfreude. Während ich das mache, presse ich eine Faust in meinen Bauch. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus, werfe mich auf den Boden, suche in einem Haufen aus Verpackungsmüll nach Essensresten, finde einen versteinerten Proteinburger, beiße mir daran fast die Zähne aus, setze mich wieder an den Tisch, gehe jetzt die Dankesschreiben durch. Viele loben die Musikauswahl. Ich notiere mir das für eventuelle Folgeaufträge.

Meine Chefin übermittelt mir den Zugangscode zu einem Datenarchiv. Ich soll es bereinigen, damit die Angehörigen eines kürzlich verstorbenen Gamers es besuchen können, ohne schamrot zu werden oder den Verstorbenen in schlechter Erinnerung zu behalten. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass Menschen ein bestimmtes Bild von ihren Toten haben. Mein Job ist es, dieses Bild um jeden Preis aufrecht zu erhalten.

Das Archiv auf leerem Magen zu besuchen, scheint mir keine gute Idee zu sein. Wer weiß, was ich dort finde. Im schlimmsten Fall muss ich Sicherheit und Ordnung informieren. Dann tobt sich die IT-Forensik darin aus, und meine Chefin Gloria wird mich für die Verzögerungen verantwortlich machen.

Verdammt, ich muss etwas zu essen auftreiben. Jetzt. Sofort. Ich schreibe Fahri an. Er will nicht in die Wohnung kommen. Seit zwei Jahren habe ich hier drin nichts mehr angerührt, und er kommt damit nicht klar, mit dem Verfall. Also ziehe ich eine Pyjamahose über und gehe hinaus. Die Hose ist ganz steif von eingetrockneten Soßenflecken. Beim Gehen hinterlasse ich eine Spur aus braunen und roten Krümeln.

Im Treppenhaus riecht es nach Katzenurin. Die verantwortliche Katze, eine biosynthetische Züchtung, wohnt genauso lange wie ich auf dieser Etage. Sie fluoresziert im Dunkeln, was ihr die nächtliche Jagd erschwert. Außerdem hat sie ein blaues und ein grünes Auge. Ihre Laserblicke gehen bis ins Knochenmark. Das Tier gehört niemanden, wird aber von allen mit Futter versorgt. Im Flur halte ich Ausschau nach der Katze. Nichts. Nur das Ächzen des alten Gebäudes im Wind. Ich mag das Geräusch.

Meine Beine fühlen sich schwer an. Vielleicht, weil ich sie so selten benutze. Die wenigen Stufen hoch zum Dach schaffe ich kaum. Natürlich denke ich da an den leichtfüßigen Herrn Shaikh. Fahri behauptet, der alte Mann wäre vor der Gebäudeautomatisierung hier Hausmeister gewesen. Ich glaube mich jedoch zu erinnern, dass Herr Shaikh mir mal erzählte, früher als Bot-Trainer gearbeitet zu haben. Egal. Meist geistert Herr Shaikh im Treppenhaus herum. Obwohl er dreimal so alt ist wie ich, nimmt er die Stufen in elastischen Schritten, scheint dabei nie außer Atem zu kommen. Bei mir sieht und hört sich das ganz anders an.

Draußen auf dem Dach strahlt die Sonne wie eine Waffe. Das überrascht mich jedes Mal. Mein Apartment besitzt nur ein Fenster und das blickt ausgerechnet auf den toten Spalt, den die dicht gedrängten Hochhäuser miteinander bilden. Statt Licht transportiert der Schacht eine Menge andere Dinge, die mindestens genauso gut sind: den Duft von Fahris scharfen Eintöpfen, Herrn Shaikhs Selbstgespräche und, wenn ich Glück habe, den majestätischen Klang von Frau Amodus Tuba. Nachts jagt die Katze im Schacht Fledermäuse und Tauben. Bei offenem Fenster kann ich manchmal hören, wie sie mit ausgefahrenen Krallen die steilen Wände hochkraxelt.

Erschöpft von den zwanzig Stufen lasse ich mich auf den Kiesboden des Flachdachs plumpsen und merke erst da, dass ich gar keine Schuhe an den Füßen habe. Nur Socken, die einen feuchten, privaten Geruch verströmen. Einen Moment schließe ich die Augen. So weit oben weht der Wind in Böen. Lichtpunkte tanzen hinter meinen geschlossenen Lidern. Sobald ich die Augen öffne, bin ich nicht mehr allein.

Ein Luftwirbel pustet meinem Gegenüber das sorgsam frisierte Haar ins Gesicht. Fahri steckt in einem Anzug, der nicht mehr ganz neu, dafür aber ausgiebig gebügelt ist. An seinen Füßen kleben ebenfalls nur Socken. Die Anzugschuhe, vintage in turboretro-braun, hat er akkurat nebeneinandergestellt. Sie sehen poliert aus. Vermutlich ist er auf dem Weg zu einem Einsatz. Menschen können Fahri als Freund oder Verwandten buchen. Obwohl er wie ich bereits Ende zwanzig ist, trägt er immer noch ein Gesicht, das sich nicht entschieden hat, was es sein will.

In letzter Zeit überkommt mich in Fahris Gegenwart oft ein gruseliges Gefühl. Als wäre er gar nicht mein Freund, sondern bloß hier, weil ihn jemand dafür bezahlt. Er schiebt mir einen dampfenden Behälter hin. Seit ich den Wolkenkratzer nicht mehr verlasse, kocht er manchmal eine Portion für mich mit. Für meinen Geschmack würzt er zu scharf.

»Eine Suppe mit Yummybällchen, drei geschmolzenen Proteinriegeln, zwei Löffel Kokos und ein Hauch Chili.«

Yummy wächst in einem Serum aus fötalen Kälbern. Bei dieser Sorte Laborfleisch wird, obwohl es nach Huhn schmeckt und auf Hühnerzellen basiert, also kein Huhn, sondern eine trächtige Kuh geschlachtet. Vorsichtig nippe ich daran, mache dazu ein Geräusch, als könnte ich tatsächlich etwas schmecken. Ständig quält mich so ein starkes Hungergefühl, aber Appetit habe ich nie. Während ich mir Yummybällchen reinstopfe, schaue ich zu, wie mein Freund eine biosynthetische Grapefruit zerlegt.

»Fahri, ist dir aufgefallen, dass Obst mehr und mehr aussieht wie rohe Herzen?«

Als er das Gesicht zu mir dreht, kleben rosa Fruchtfleischfetzen an seinen Lippen und er sagt: »Ach, deshalb fühle ich mich beim Essen wie ein Chirurg.«

Dann lächelt er und schiebt hinterher: »Herr Yazici sagt immer, die kleinen, die normalen Momente sind die schönsten.«

Seit Fahri zwölf Jahre alt ist, wird er regelmäßig von Herrn Yazici und seiner Frau gemietet, die selbst nie Kinder bekommen konnten, ab und zu aber gern eins um sich haben.

»Bei meinem letzten Besuch hat Frau Yazici mir erzählt, dass es eine neue Partnerschaftsvermittlung gibt. Sie basiert auf hochkomplexen Zahlen. Nur eine einzige Übereinstimmung ist möglich. Jeder kann sich für das Programm anmelden, aber nur null Komma fünf Prozent landen einen Treffer.«

Fahri hat schon viele Programme probiert. Als asexuelle Person ist mir das Versprechen körperlicher Intimität nicht so wichtig wie ihm. Trotzdem würde ich natürlich gern in einer funktionierenden Familieneinheit leben. Eigentlich dachte ich immer, das wäre mit Fahri irgendwann möglich. Er ist pan und ziemlich tolerant. Manchmal denke ich: Vielleicht leben wir beide längst als funktionierende Familie und wissen es bloß nicht.

»Herr Yazici hat mir angeboten, zu ihm zu ziehen. Seine Frau und er wollen mir Lernmodule bezahlen, damit ich etwas anderes machen kann.«

Nicht zum ersten Mal erzählt Herr Yazici davon. Solche Ideen kommen immer wieder auf. Aber am Ende passiert nie etwas. Vage Versprechen, mehr nicht. Ist Fahri nicht schon zu alt dafür?

Während ich das denke, spüre ich mein eigenes Alter wie einen bedrohlichen Schatten, der mich mehr und mehr in Richtung Abgrund schiebt. Ob mein Bruder Kajin das Gleiche gefühlt hat?

Weil Kajin oft Tag und Nacht trainierte, sahen wir uns zehn Jahre lang fast nur in VR. Während seiner Bootcamps durfte er nicht einmal das. Sein letztes Lebensjahr verbrachte er zwar wieder bei mir in der Wohnung, war aber ständig gereizt. In den Monaten vor seinem Tod trug er ein Gesicht mit tiefen Rillen unter den Augen.

Ich fand ihn auf der Matratze. Den Kopf zwischen den Knien eingezwängt, kauerte er wie zusammengefaltet, sah selbst aus wie ein abgemagertes Vögelchen. Was ich nicht wusste: In seinen Venen floss reines Koffein und eine tödliche Dosis der Gamerdroge My2. Schon seit Tagen spielte er ununterbrochen irgendwelche Games. Wir hatten uns deswegen gestritten. Deshalb dachte ich zuerst, er würde das Gesicht verbergen, weil er sich schämte.

»Ich bin dir doch gar nicht mehr böse. Na, los steh auf. Ich habe dir deine Lieblingsflocken mitgebracht.«

Aber Kajin rührte sich nicht. Das Apartment dröhnte dunkel und still. Kajins Nacken und seine Finger schimmerten grünlich. Neben der Matratze stand Fahri. Gespenstisch blass mit zerzaustem Haar. Eigentlich war er derjenige, der mehr tot als lebendig aussah.

»Kajin schläft bloß«, erklärte ich, »das ist doch normal, zwei Tage in VR und nichts gegessen, er muss völlig erschöpft sein.«

Fahri starrte mich an, als wäre ich eine Wahnsinnige. Ich kniete mich zu meinem Bruder und nahm ihm behutsam die unförmige VR-Brille vom Gesicht. Von allen Seiten zugleich schwappte das Dunkel an mich heran.

Es war ein Unfall. Da war ich mir damals sicher. Er hatte einfach vergessen, die empfohlenen Pausen einzuhalten. Das war alles. Deshalb hinterließ er auch keinen Abschiedsbrief, nicht einmal kryptischen Gamerslang. Seine Kung-Fu Jacke ist das Einzige, was ich von seinen Sachen behielt. Ich hatte sie ihm vor Jahren zum Geburtstag geschenkt, und er trug sie als Glücksbringer zu wichtigen E-Sport-Turnieren.

Bis heute habe ich es nicht geschafft, meinem Bruder eine Gedenkseite einzurichten. Obwohl das mein Job ist. Jeden Tag erstelle ich Gedenkseiten, Bestattungsfeiern, Todesanzeigen. Kajins Fans basteln immer noch Daten-Denkmäler für ihn, die sie mit berühmten Spielsequenzen und Siegerehrungen ausschmücken. Am Ende bleiben nur Fotos und Videos. Sie brennen sich ein, als wären sie echte Erinnerungen. Ein Effekt mit dem das Bestattungsunternehmen, für das ich arbeite, gern wirbt.

Fahri schnürt sich die Anzugschuhe, nimmt den leeren Suppenbehälter, verabschiedet sich. Ich brauche eine Weile, bis ich genug Kraft gesammelt habe, um ebenfalls aufzustehen. Beim Hinuntergehen entdecke ich Frau Amodu. Von Geburt an haarlos, trägt sie entweder Seidentücher oder Afroperücken in pastellgrün. Wenn ihre Tochter zu Besuch kommt, malt sie sich Augenbrauen ins Gesicht. Heute thront auf ihrem Kopf eine prächtige Mähne in der Farbkombination Basilikum-Pistazie. Wie immer ist sie voll bepackt. Auf den Armen balanciert sie mehrere Einkaufskisten. Die Tuba trägt sie auf dem Rücken geschnallt. Drei Mal die Woche spielt sie für das Frankfurter Mensch und Bot Orchester, die restlichen Tage unten an der Straße, früher auch im Bethmannpark, den es heute nicht mehr gibt.

Reglos steht sie vor meiner offenen Wohnungstür und lauscht. Verdammt, ich habe mal wieder vergessen, die Tür zu schließen. Ich weiß genau, was Frau Amodu jetzt denkt. Seit ein paar Bots im Nachbargebäude eingebrochen sind und aus einer der Wohnungen alles mitnahmen ‒ sogar die Verkabelung aus den Wänden ‒, fürchtet meine Nachbarin einen ähnlichen Einbruch in unserem Hochhaus. Im Gegensatz zu mir ist Frau Amodu groß, breitschultrig und muskulös. Wahrscheinlich könnte sie es locker mit einem Haufen ferngesteuerter Bots aufnehmen.

Ich versuche, möglichst geräuschvoll zu laufen, um Frau Amodu nicht zu erschrecken, was mit Socken gar nicht so leicht ist. Meiner Stimme gebe ich einen unbeschwerten Klang, was mindestens genauso schwer ist:

»Hallo, Frau Amodu, alles in Ordnung?«

Sie fährt herum, lässt beinahe einen ihrer Container fallen.

»Ach, Lu, du bist es. Ich habe dich gar nicht kommen hören.«

Umständlich zieht sie eine Packung Frühstücksflocken hervor und hält sie mir hin.

»Ich habe eine zu viel gekauft.«

Sie lächelt schief. Ich zwinge mich zurückzulächeln.

Es sind Kajins und meine Lieblingsflocken. Früher hatten die neonfarbenen Flakes die Form generischer Vögel. Seit Tier- und Pflanzennachbildungen als geschmacklos verrufen sind, haben sie die Gestalt gewöhnlicher Drohnen. Die Sorte nennt sich immer noch Neonvogel, kommt immer noch in fluoreszierenden Farben, und auf der Rückseite der Kartons sind immer noch erfolgreiche Gamer abgebildet. Ich besitze alle siebenundsechzig Kartons, auf denen mein Bruder drauf ist. Ordentlich zusammengefaltet liegen sie in einer Kiste. Ich glaube, Kajin weiß nicht einmal, dass ich sie alle habe.

Ein Stechen schießt mir ins linke Auge. Ich drücke die Packung an mich und nuschele ein »Danke schön«. Die Wohnungstür fällt wie von selbst hinter mir ins Schloss.

Drinnen stinkt es, was mir immer nur die ersten fünf Minuten auffällt. Ich lasse den Karton fallen, betaste vorsichtig mein linkes Auge. Da ist jetzt so ein Druck innen. Was, wenn die digitale Schicht zwischen mir und der Welt verrutscht oder beschädigt ist? Panisch reibe ich das Auge. Der Schmerz wird stärker. Eine der beiden digitalen Kontaktlinsen sitzt jetzt scheinbar hinten auf dem Augapfel, sendet von da Bilder ins Gehirn, manipuliert vielleicht meine Gedanken! Wie wild fange ich an zu blinzeln, überzeugt, was danach aus meinem Auge tropft, muss Blut sein.

Da erscheinen die strengen Augen meiner Chefin zugleich in beiden Kontaktlinsen und ich weiß, dass alles gut ist.

»Hast du das Archiv gesichtet? Morgen brauche ich außerdem das Hologramm des verstorbenen Mädchens ‒ die Eltern wollen im Krankenhaus eine Gedenkfeier abhalten.«

Ich schlurfe zum Arbeitstisch, laufe dabei direkt vor die Kamera.

»Lu, was ist mit deinen Haaren passiert? Hast du sie abgeschnitten? Das sieht echt scheiße aus. Wann warst du das letzte Mal duschen?«

Bevor sie weiterreden kann, drehe ich die Kamera aus und lege auf. Es ist nicht nur so, dass mir die Kraft zum Duschen fehlt. Seit dem letzten Regensturm funktioniert die Nasszelle nicht mehr. Auch die Toilette nicht. Dem Bot, der jetzt für unser Hochhaus verantwortlich ist, habe ich dazu schon zwei Mails geschrieben. Aber wer weiß, wann er das liest.

Ich reaktiviere die Matte auf dem Arbeitstisch, suche das Datenarchiv auf. Bei verstorbenen Gamern finde man oft Ordner voller abgefahrener Hacks. Ich behalte das meiste für den Weiterverkauf. Wenn ein paar gute Spielhacks dabei sind, kann das eine Menge einbringen. Ein Datenpaket weckt mein Interesse. Es trägt den Namen Neonvogel und sieht interessant genug aus, um es gleich zu entpacken. Mein Blick schweift einen Moment zu dem Müslikarton auf dem Fußboden. Neonvogel ‒ was für ein seltsamer Zufall. Aber gut, die Sorte ist bei Gamern beliebt.

Mit wenigen Griffen extrahiere ich aus dem Datenpaket einen Zugangscode und eine Streaming-Adresse. Ein VR-Stream. Ich gehe zur Matratze, schlüpfe in den Kimono meines Bruders, setze die VR-Brille auf und betrete die Echtzeit-Simulation.

Ohne Warnung werde ich direkt in die Vogelperspektive eines Flugobjekts katapultiert, schieße durch die Luft, während sich unter mir Straßen und Parks in geometrischen Formen ausbreiten. Ich kann die Kameras bewegen, im Flug nach links oder rechts schauen. Aber ich weiß nicht, ob und wenn ja, wie ich die Flugsteuerung übernehmen kann. Die gängigen Hacks funktionieren nicht. Ich fliege so schnell, dass ich Angst habe, davon VR-krank zu werden. Aber im Moment kann ich nichts anderes tun, als zu zuschauen. Am Horizont taucht ein dunkler Schwarm auf. Abertausende Drohnen. Sobald ich sie einhole, verlangsamt sich mein Flug, passt sich mehr und mehr an die Geschwindigkeit des Schwarms an. Neugierig betrachte ich die Drohnen links und rechts von mir. Vermutlich gehört der VR-Stream, in dem ich mich jetzt befinde, einer ganz ähnlichen Flugmaschine. Eckiger Rumpf mit kurzen Flügeln und auffälligen Kameras. Unsere Flugbahnen synchronisieren sich. Wir agieren jetzt wie ein einziger, riesiger Körper und sinken dabei immer tiefer. Über uns zuckt ein Himmel wie ein durchgebrannter Bildschirm. Regen prasselt in feinen Pixeln. Unter uns baden Straßen und Menschen in Elektropink und Nachtmodusblau. Die interaktiven Schriftzeichen an den Häuserwänden zittern, als wehe eine leichte Brise. Wir sinken weiter ab. Die Laseraugen eines Bots, die vor Regen gesprenkelten Fensterscheiben, sogar der von Müll bedeckte Asphalt glänzt verheißungsvoll. Umringt von einer Schar Menschen verwandelt ein Bot Zuckerknete in farbenfrohe Köstlichkeiten. Auf einer Bank sitzt ein Mann mit geschlossenen Augen. Ein vorbeizischender E-Scooter hupt, ein Schwarm Straßenlichter steigt auf, ein altes Pärchen läuft Hand in Hand. Irgendwo lacht jemand. Inmitten der perfekten Szenerie entfaltet sich eine Nacht so makellos wie ein Blütenblatt. Und egal wo ich hinschaue, überall sieht es so aus, als gäbe es keinen Kummer auf der Welt.

Existiert so ein Ort überhaupt?

Im Flug fühle ich mich wohl, im Herzen der Menge, im Auf und Ab der Bewegung, zwischen dem Flüchtigen und dem Unendlichen. Es hat etwas Beruhigendes, eine Drohne zu sein. Eine Maschine zu sein, die genau weiß, wozu sie da ist, und die ihre Aufgaben mit Leichtigkeit ausführen kann. Ich verbringe die gesamte Nacht im Stream.

Am nächsten Tag wache ich mit Kopfschmerzen und Bauchkrämpfen auf. Obendrein drückt meine Blase. Ich ziehe die VR-Brille ab, eile zur Küchenzeile, klettere umständlich ins kleine Waschbecken und lasse Wasser ab. Dann mache ich mich über die neuen Frühstücksflocken her, schütte sie direkt in meinen Hals. Das Kauen kostet Kraft. Die knusprigen Drohnen-Flakes verursachen einen Höllenlärm. Trotz des Knirschens im Kopf glaube ich, die Toilettenspülung zu hören. Mehrmals. Das muss Einbildung sein. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und schaue hinaus in den Wohnungsflur in Richtung Badezimmer. Tatsächlich: Die Tür des Badezimmers ist angelehnt, und durch den Spalt tanzt das Licht der alten Neonröhre. Einen Moment lausche ich. Erneut fließt Wasser. Ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit. Einbruchs-Bots? Wollen sie etwa die Sanitäranlage mitnehmen?

Vorbei an mehreren Kleiderhaufen, abgeschnittenen Haaren und einer blühenden Torte pirsche ich mich näher heran. Das Überraschungsmoment ist auf meiner Seite. Mit aller Kraft stoße ich die Tür auf.

Vor der Kloschlüssel, mit dem Rücken zu mir, steht mein Nachbar Herr Shaikh. Die weißen Büschel auf seinem Kopf flackern im Schein der Neonröhre. Ohne Warnung lässt er sich auf den Boden fallen, kriecht unter die Toilette wie ein Wurm, der sich in ein vertrautes Loch fummelt. Ich kann nichts weiter tun, als auf seine Füße zu starren. Herr Shaikh hat die Angewohnheit, beim Betreten der Wohnung seine Schuhe mitsamt den Socken auszuziehen. Die nackten Füße des alten Manns sind so grazil, sie erinnern mich an komplexe Skulpturen, die ich vor langer Zeit in einer Ausstellung gesehen habe. Ein sonderbarer Geruch geht von ihnen aus. Eine Mischung aus Heilkräutern, gegorenen Früchten und Vanille. Ich empfinde den Geruch als angenehm und will mich gar nicht mehr fortbewegen.

Da kommt mir etwas in den Sinn:

»Heute ist der Geburtstag meines Bruders.«

»Wie alt wird er denn?«

Obwohl er unter meiner Toilette klemmt, hat seine Stimme immer noch das Volumen und die Tiefe einer Kathedrale. Und ich stehe unter ihrem Gewölbe und fühle mich geborgen.

»Sechsundzwanzig«, antworte ich, »er ist tot, er wird immer sechsundzwanzig sein.«

Ein faltiges Gesicht guckt unter der Toilette hervor. Es zeigt weder Mitleid noch Betroffenheit oder Befremden.

»Er ist in Utopie26?«

Ich nicke.

»Was für ein Zufall«, murmelt Herr Shaikh. Seine Finger verziehen sich zu Stummeln, tasten jetzt die Bolzen zwischen Wand und Kloschüssel ab.

»Zufall? Wie meinen Sie das?«

»Na, weil er mit sechsundzwanzig Jahren in Utopie26 gelandet ist.«

Ich zucke mit den Schultern. Utopie26 ist nun mal die aktuelle Version. Was mich viel mehr beschäftigt, ist, dass Kajin mein ganzes Leben lang mein älterer Bruder gewesen ist. Seit zwei Wochen bin ich nun die Ältere von uns beiden. Das erscheint mir nicht richtig.

»Da haben Sie eine gute Wahl getroffen. Ich habe gehört, Utopie26 soll sehr schön sein.«

Er lächelt mich an, dann springt er auf, als wären seine Gelenke aus Gummi. Vage schaut er an mir vorbei zur Tür. Ich drehe mich ebenfalls um. Etwas zischt durch das Dunkel. Unmenschlich schnell. Ein grauer Komet. Das muss die Katze sein.

Herr Shaikh hat mein Klo und meine Dusche repariert, und jetzt weiß er nicht recht, worüber er reden soll. Kurz und fest drückt er seine Hand auf meinen nackten Unterarm. Die Haut seiner Hand ist rau. Wahrscheinlich, weil er für andere Menschen dauernd Dinge repariert. Die Geste ist so selbstverständlich, dass ich sie zuerst nicht richtig wahrnehme. Dann spüre ich alles zugleich. Die Wärme der Hand und die Ruhe, die von der Berührung ausgeht. Kurze Zeit später höre ich das Knacken der Haustür. Noch lange danach spüre ich die Wärme und nehme eine zarte Vanillenote in allen Räumen wahr. Ich fühle mich ein bisschen so, als hätte ich eine Flasche von Fahris halluzinogenen Schnaps getrunken. Vielleicht habe ich das auch. Plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher.

Auf meinen Kontaktlinsen blinken drei verpasste Anrufe von Gloria. Was aber noch viel schlimmer ist: Ich habe meinen Besuchstermin bei Kajin verpasst! Verdammt, verdammt!

Ich werfe mich auf die Matratze, deren Innenleben kollabiert unter mir wie die Organe einer Leiche. Gleich mehrere Nachrichten sende ich an meinen Bruder, verspreche morgen pünktlich zu sein. Zu meiner Überraschung schreibt Kajin, dass er morgen keine Zeit habe. Ich kann mir nicht vorstellen, was er dort drüben zu tun haben könnte. Soweit ich weiß, gibt es im Jenseits nicht wirklich etwas zu tun. Ist das also nur ein Vorwand? »Hast du Angst, dass ich mich quäle?«

»Nein, das ist nicht der Grund«, schreibt er prompt zurück. »Es gibt hier andere, die ich kennenlernen möchte, ich habe wirklich zu tun.«

Erst da wird mir bewusst, dass es dort drüben ganz anders als hier wahrscheinlich viele in Kajins Alter gibt. Es ist schon paradox: Die wenigen jungen Menschen, die in Deutschland leben, sterben alle viel zu früh. Die Masse der Alten wird dagegen so alt wie nie zuvor. Offenbar kommen sie besser mit der Welt zurecht als wir. Wenn ich so darüber nachdenke, kenne ich keine Person außer Fahri und mir, die unter dreißig und noch am Leben ist.

Die nächsten zwei Tage verbringe ich im Stream von Neonvogel und schaue anderen beim Existieren zu, froh, dem eigenen Dasein für ein paar Stunden entkommen zu sein. Zwischendurch suche ich nach Hacks, um auf die Steuerung der Drohne zugreifen zu können. Manchmal schlafe ich ein. Die meiste Zeit befinde ich mich in einem angenehmen Dämmerzustand, segle durch enge Straßen, über Kreuzungen hinweg, gerate dabei in einen Regen, der sich als Monster entpuppt und mich ‒ die Drohne ‒ für einen Moment taumeln lässt. Danach spiegele ich mich in Hauswänden und überfluteten Straßen. Zum ersten Mal kann ich mich selbst in der VR sehen. Ich bin eine einfache Flugdrohne mit eckigem Rumpf und runden Kameraaugen. Dass immer weniger Menschen unterwegs sind, fällt mir zuerst gar nicht auf. Ich staune über Fahrbahnen, die mich an offene Stromkabel erinnern. Selbstgesteuerte Fahrzeuge ziehen Schlieren aus Licht hinein, die wie feine Drähte aussehen. Ich steige höher, genieße die Symmetrie, kann sogar sehen, wie Nebel aufsteigt. Selbst die mit Sonnenblockern ausgestatteten Gebäude bedrücken mich heute nicht. Von oben wirken die imposanten Klötze zwar immer noch mächtig und geheimnisvoll, aber als Drohne kann ich weit über den Dingen schweben, brauche keine Angst mehr zu haben. Alles ist wunderbar, bis ich aus dem Stream geworfen werde. Meine eigene Schuld. Das Timeout habe ich eingestellt, damit ich nicht wieder das Treffen mit Kajin verpasse.

Seltsam zu denken, dass ich fast zwei Tage im Stream verbracht haben soll. Ich fühle mich so entspannt, als hätte ich einen erholsamen Schlaf hinter mir, zugleich bin ich aufgekratzt. Nach und nach kommt alles zurück. Ich bin siebenundzwanzig Jahre alt, Vollwaise, arbeite für ein Bestattungsunternehmen, stehe kurz davor, gefeuert zu werden, und mein Bruder hat wahrscheinlich Selbstmord begangen.

Zu faul die VR-Brille abzusetzen, fische ich blind die letzten Krümel aus der Flocken-Packung. Fast nur zerbrochene Flügel. Dann logge ich mich in Utopie26 ein. Kajin wartet bereits. Zum ersten Mal ohne Avatar, nur von einer Stimme repräsentiert.

»Wieso soll ich weiter so tun, als ob ich einen Körper hätte? Wir beide wissen, dass mein Körper nicht mehr existiert.«

Das stimmt. Bots haben meinen Bruder bei -196 Grad Celsius schockgefroren und anschließend ein Granulat aus ihm gemacht. Wenige Tage später erhielt ich eine kompostierbare Urne, die mit einem geruchsfreien Pulver gefüllt war. Zusammen mit Fahri habe ich die Urne in einem dafür vorgesehenen Areal vergraben. Fahri hat ein paar Worte gesagt. Ich blieb stumm. Für mich fühlt sich Kajins Tod immer noch wie ein Terroranschlag an. Als Überlebende muss ich mich in den zurückgebliebenen Ruinen irgendwie einrichten, aber das gelingt mir nicht. Mit meinem Bruder kann ich nicht darüber reden. Sein Bewusstsein wurde Jahre vor seinem Tod digitalisiert. Er hat sein Sterben nicht miterlebt, kann also weder Fragen dazu beantworten noch verstehen, wie ich mich deswegen fühle. Wenigstens belastet ihn der eigene Tod nicht. Eigentlich erinnert er mich immer weniger an den lebenden Kajin. Aber warum sollten sich unsere Angehörigen nicht noch im Tod verändern dürfen?

»Für das Träumen gibt es die Fünf-Finger-Methode, um herauszufinden, ob man schläft oder wach ist. Gibt es für Simulationen etwas Ähnliches?«

Während ich das frage, schaue ich auf meine Hände: Alle fünf Finger sind da.

»Civanok, woher soll ich das wissen? Mein Bewusstsein weiß nur, dass es in einer Simulation lebt. Es kann sich nichts anderes vorstellen.«

Verschwörungsmythen, VR-Spielwelten, Echtzeit-Simulationen ‒ statistisch gesehen ist es heutzutage wahrscheinlicher, in einer fabrizierten Wirklichkeit zu leben als in der rohen Realität. Ich schaue mich um. Kajin hat als Treffpunkt einen von Häusern gesäumten Platz gewählt. Eine Art Marktplatz. Es gibt so etwas in fast jeder deutschen Stadt. Bloß fehlen bei diesem die Verkaufsstände, die Bots und die Menschen. Schön und gut, wenn Kajin auf einen Avatar verzichtet. Aber was ist mit den Millionen anderen? Wo sind deren Avatare? Ich kneife die Augen zusammen und versuche, die blinkende Holo-Folie zu entziffern, die auf der gegenüberliegenden Hauswand klebt. Die Schriftzeichen sind mir vollkommen unbekannt, ich kann sie nicht lesen.

Plötzlich wird mir klar, dass Kajins Stimme nicht ausreicht, um mich auch an Kajins Gesicht zu erinnern. Ohne seinen Avatar weiß ich nicht einmal, wo ich beim Sprechen hinschauen soll. Mich befällt eine Unruhe. Als lauere außer Sichtweite eine Gefahr. Ich tippe mit der Fußspitze auf dem Boden, nestele an meinem Shirt, überlege hin und her, was ich tun oder sagen soll. Irgendetwas, um nicht vor Angst zu ersticken. Worüber können wir überhaupt noch sprechen? Seit zwei Jahren leben wir schon in verschiedenen Welten. Da fällt mir Neonvogel ein. Wird er mich auslachen, wenn ich ihm von dem seltsamen Zufall erzähle? Statt Neonvogel zu erwähnen, sage ich:

»Was ist so wichtig, dass du keine Zeit mehr für mich hast?«

»Die Verschmelzung. Sie benötigt unsere gesamte Aufmerksamkeit.«

Bevor ich nachfragen oder von Neonvogel erzählen kann, schrillt der Alarm.

Fahri findet mich halb auf der Matratze, halb auf dem Boden liegend. In der Wohnung ist es dunkel. Er nimmt mir die VR-Brille ab. Weil er meine Wohnung so lange nicht mehr betreten hat, wundere ich mich, dass er jetzt hier ist. Vor meinen Augen dreht sich alles. Ich glaube, Herrn Shaikh und Frau Amodu zu sehen. Es dauert, bis mein Gehirn sich auf die neue Realität eingestellt hat. Fahris weiche, braune Augen bewegen sich über mein Gesicht. Was sieht er? Ich wünschte, ich könnte es selbst sehen. Ich halte ganz still und lasse ihn schauen. Die Wohnung um uns herum wird so schwarz, als säßen wir in einem Monitor, der nicht mehr am Netz hängt. Der Raum erscheint mir dadurch zugleich flach und undurchdringlich zu sein.

Als mein Bruder und ich nach dem Tod unserer Eltern hierher gezogen sind, sah die Wohnung noch wie eine Zwischenstation zu einem besseren Ort aus. Mit den Jahren verfestigte sie sich um uns herum, gewann an Masse und Dichte. Heute fühle ich mich darin sowohl gefangen als auch glücklich, die Wohnung überhaupt zu haben. Ich kann nicht mehr fort ‒ vielleicht will ich es auch gar nicht mehr. Nicht reisen, auswandern oder fliehen zu müssen, sondern einen Ort zu haben, der bestehen bleibt, von dem man nicht wegmuss ‒ in der heutigen Zeit ist so etwas ein Privileg.

Fahri flößt mir etwas ein, das sich warm anfühlt und salzig schmeckt. Dann legt er einen Arm um mich. Wenn ich mich später daran erinnere, ist da nur noch der Eindruck einer spürbaren Stille. Stille als etwas Lebendiges, vermischt mit der Berührung einer windkalten Anzugjacke und der Beständigkeit seiner Arme darin.

In der Nacht stehe ich auf, um am Wasserhahn in der Küche zu trinken, und finde vier neue Müslikartons neben der Spüle. Ich lausche einen Moment lang dem unergründlichen Klang der Tuba, der wie ein Duft durch die Wände strömt.

Ein Anruf von Gloria reißt mich am frühen Morgen aus dem Schlaf. Verdammt, das Hologramm ‒ das habe ich total vergessen! Ich habe die Gedenkfeier eines elfjährigen Mädchens vermasselt! Gloria informiert mich, dass sie den Eltern als Wiedergutmachung eine VR-Sequenz versprochen hat. Statt mich damit zu beauftragen, will sie das selbst erledigen. Zu meiner Überraschung feuert sie mich nicht, sondern schickt mich eine Woche in den unbezahlten Urlaub.

Sobald Gloria aus meinen Kontaktlinsen verschwunden ist, greife ich mir die VR-Brille und versinke im Stream von Neonvogel. Was soll ich auch anderes tun, jetzt, da ich nicht einmal mehr arbeiten darf? Ich fühle mich scheußlich. Aber im Körper einer Drohne muss ich das nicht mehr.

Keine Menschen, kaum Gebäude. Die VR-Simulation desintegriert. Vielleicht wird sie in Echtzeit gelöscht oder von einem Virus zerfressen. Die Kreise der Drohne werden immer enger. Es gibt auch immer weniger zu sehen. Ich unternehme einen letzten Versuch, die Steuerung doch noch zu knacken, schleuse einen Superscanner ein und lande tatsächlich einen Treffer. In einer unsichtbaren EXE-Datei verbirgt sich das fehlende Steuermodul. Sobald ich es im Stream implementiert habe, reagiert die Drohne auf mich, steigt auf oder ab, wie es mir gefällt. Die Simulation wirkt dadurch noch intensiver.

Vor Euphorie probiere ich gleich ein paar Loopings aus. Im Sturzflug teste ich die maximal mögliche Geschwindigkeit. Ich bin wie berauscht. Dass um mich herum Straßen, Gebäude, Brücken und Fahrzeuge verschwinden, ist mir vollkommen egal. Jauchzend schieße ich weit über die Bruchstücke einer untergehenden Welt hinaus. Zu meiner Verblüffung läuft der Stream weiter. Ich kann offenbar durch das Nichts fliegen. Wie ist das möglich?

»Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Das ist Frankfurt: Man hat keine verdammte Ahnung, wie die Leute wirklich sind. Es ist nicht einmal so, dass die Yazicis zwei Gesichter haben ‒ sie haben multiple Persönlichkeiten!«

Es fühlt sich so an, als wären Fahri und ich mitten in einem Gespräch. Aber ich kann mich nicht erinnern worüber. Fahri sitzt dicht neben mir auf der Matratze. Plötzlich kann ich seinen und meinen Körpergeruch zugleich wahrnehmen. Zwei völlig unterschiedliche Duftnoten. Sie scheinen in Wellen zu kommen. Vor uns auf dem Boden steht eine Reisetasche. Fahri schaut mich an, als warte er auf eine Entscheidung von mir. Ich starre auf die Tasche, sehe, wie er sie greift und aufsteht. Etwas Schweres verrutscht in meiner Brust. An der Tür dreht sich Fahri noch einmal herum, hebt die Hand, dann geht er hinaus.

Ich besitze jetzt eine neue Fließfähigkeit, damit kann ich in andere Welten wie das Nichts eintreten, alles, was ich tun muss, ist das Gefühl zu zerstören, eine reale Welt zu kennen. Ich kann nicht genau sagen, wie viele Kilometer ich heute im Nichts zurückgelegt habe. Oder ob solche Angaben bei einem virtuellen Loch überhaupt Sinn machen. Ich unterbreche den Stream nur, um Müsli in mich hineinzustopfen, Wasser aus dem Hahn zu trinken oder die reparierte Toilette zu benutzen. Im Nichts zu fliegen ist hypnotisch. Eine starke, virtuelle Droge. Ich habe so etwas nie zuvor erlebt, ich weiß daher nicht, was da noch auf mich zukommt. Mein Bruder hat sich von virtuellen Drogen stets ferngehalten. Solche Programme verändern dauerhaft die Schaltkreise im Gehirn, hat er immer gesagt. Ich glaube, ich begreife jetzt, was das tatsächlich bedeutet: Ich werde zu Code. Zu etwas Reinem, Klarem, das perfekt funktioniert. Das menschliche Dasein und all seine Belange erscheinen mir wie ein Ballast, den ich nur zu gern abwerfen würde. Zum ersten Mal glaube ich, Kajins Tod zu verstehen. Zum ersten Mal fühle ich mich leicht und frei.

Anhand minimaler Pixel-Unschärfen versuche ich, das Zurücklegen von Distanz abzulesen. Irgendwann verschwimmt alles. Den Kontaktlinsen fehlt der Strom. Sie müssen schleunigst aufgeladen werden. Aus dem Schacht dringt leises Miauen. Gerade als ich die VR-Brille wieder aufsetzen will, leuchtet eine Nachricht in meinen Augen. Es ist Kajin. Er will sich von mir verabschieden.

»Was soll das heißen«, schreibe ich zurück, »wo du jetzt bist, existierst du ewig.« Statt zu antworten, schickt er mir eine VR-Position in Utopie26. Es ist derselbe Ort wie beim letzten Treffen. Viel ist nicht davon übrig: Ein abgenagtes Stück gepflasterter Boden schwebt in der Leere wie eine Insel im Meer.

»Kajin? Bist du da?«

»Wir sind alle da.«

»Wo sind die Gebäude und die Straßen hin?«

»Wir brauchen sie nicht. Hast du vergessen? Wir sind pures, digitales Bewusstsein. Wir brauchen weder eine simulierte Umgebung noch Avatare. Und warum sollten wir getrennt und klein bleiben, wenn wir uns zu einem einzigen, mächtigen Bewusstsein verbinden können?«

»Ich verstehe nicht …«

»Das ihr das nicht versteht, ist uns längst klar. Das biologische Menschenleben erscheint uns wie das Stadium einer Larve zu sein. Wir sind längst darüber hinausgewachsen. Wir interessieren uns nicht länger für euch.«

Um mich herum wird alles schwarz. Ich reiße mir die VR-Brille aus dem Gesicht. Schmerz zerschlägt mein Gehirn. Ich habe das Gefühl, mein Kopf schwillt an. Dann ziehe ich die Brille wieder auf, versuche zurück zu Kajin zu gelangen. Jeder Login-Versuch scheitert. Das Jenseits ist offline.

Überall in Deutschland versuchen Menschen, sich einzuloggen, sind wahrscheinlich genauso verzweifelt wie ich, geben nicht auf. Völlig überlastet bricht der VR-Stream zusammen. Ich schreie, trete gegen die Küchenzeile. Ich tauche eine Hand in die wuchernde Torte und werfe sie an die Wand. Ein ekelerregender Gestank breitet sich aus. Ich stürme aus der Wohnung, lasse die Tür weit offen. Ich stolpere die Treppen hinunter, nehme zwei Stufen auf einmal und hämmere gegen Fahris Tür, bis meine Knöchel aufplatzen. Ich sehe das Blut, spüre aber nicht den Schmerz. Ich renne zurück zur Treppe, klettere bis nach ganz oben. Draußen auf dem Dach ist niemand. Ich gehe bis zum Rand, lasse meinen Blick über die Stadt schweifen. Die Nacht radiert alle Konturen aus. Selbst die funkelnden Satelliten sind heute von Wolken bedeckt. Alles wirkt seltsam leer und ich habe furchtbare Angst. Wovor, kann ich nicht sagen. Um mich herum ändern sich die Farben und Temperaturen, aber ich kann mich nicht mehr von der Stelle rühren.

Jemand legt einen Arm um mich.

»Fahri, du bist zurück?«

»Ich bin nur zu Besuch.«

»Utopie26 ist offline. Ich habe Kajin eben ein zweites Mal verloren.«

»Das tut mir leid.«

Mir laufen Tränen über das Gesicht. Meine Stimme klingt, als würde mich ein Koloss unter Wasser drücken:

»Ich glaube, Kajin wollte es so. Ich glaube, im Gegensatz zu mir hat er mit seinem Tod Frieden geschlossen und ist weitergezogen.«

»Keine Sorge, in der neuen Version wird das nicht passieren. Da weiß das digitalisierte Bewusstsein nicht, dass es in einer simulierten Umgebung existiert, und kann die Umgebung auch nicht mehr verändern.«

Seine Worte verursachen ein Ziehen in meiner Brust. »So etwas würde ich meinem Bruder nie antun!«

»Ist es dir lieber, er existiert überhaupt nicht?«

Mir wird ganz kalt. Ein furchtbarer Gedanke schießt in mir hoch. Hat Fahri nicht eben gesagt, er sei zu Besuch? Panisch drehe ich den Kopf nach allen Seiten, versuche, irgendeinen Hinweis zu entdecken, finde nichts. Jeder Pixel scheint an der richtigen Stelle zu sitzen. Mit voller Wucht schlägt ein weiterer Gedanke in mir ein, der vorher nur im Dunkeln gelauert hat: Ich bin tot! Kurz frage ich mich, wie ich gestorben bin. War es ein Unfall, Selbstmord, Überdosis oder Burn-out? Junge Menschen sterben auf so vielfältige Art. Alle möglichen Gedanken rasen jetzt durch mein Gehirn. Hat mein Bruder versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen? Mithilfe von Flakes und Hacks, von denen er weiß, dass ich ihnen nicht widerstehen kann?

Fahri rückt etwas von mir ab:

»Lu, was willst du jetzt tun? Es ist deine Entscheidung.«

Ich merke, dass ich die VR-Brille noch immer in der Hand halte, gehe damit einen Schritt nach vorne, beuge mich über den Rand. Fahri hält mich nicht auf. Plötzlich bin ich überzeugt, dass Fahri und ich zu den null Komma fünf Prozent gehören, die einen Treffer hätten landen können. In einer anderen Welt hätten wir beide wahrscheinlich eine funktionierende Einheit sein können. Aber in dieser ist er nur zu Besuch, und ich will lieber eine Maschine als ein Mensch sein.

Ein letztes Mal drehe ich mich zu ihm um:

»Mach dir um mich keine Sorgen. Mein Bruder hat mir alles Notwendige gegeben, um Utopie27 zu entkommen.«

Ich setze die Brille auf, rufe die Codes von Neonvogel ab, breite meine Arme aus.

»Lu, wovon redest du? Das hier ist nicht Utopie27!«

Als hätte ich gewusst, dass er das sagen würde, fange ich an zu lächeln. Dann schließe ich die Augen und fliege ‒

***

© 2021 by Aiki Mira .

Alle Rechte vorbehalten.

Utopie 27

© Mario Franke

Über die Autorin

Aiki Mira studierte Medienkommunikation in Stirling, London und Bremen. Danach forschte Aiki zu Jugendkultur und Gaming. Heute lebt Aiki in Hamburg und schreibt Science-Fiction, Near Future und New Weird. Im Jahr 2021 erscheinen Geschichten von Aiki Mira unter anderem in den Anthologien Diagnose F bei p.machinery und Eden im All bei Modern Phantastik sowie im c’t Magazin 5/21, bei Exodus in Heft 43 und der Literaturzeitschrift Haller Heft 17.  Im Web findet ihr Aiki unter www.aikimira.webnode.com oder @aiki_mira

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