Letzte Rettung - Christian Günther

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FICTION

Letzte Rettung | Christian Günther


Seit die Blauhelme Einzug gehalten haben, stehen in Accra überall Zäune, sind die Viertel in Sektoren umbenannt, verschwinden ständig Kinder. Auch Bacarys Tochter wurde entführt – und er ist fest entschlossen, sie zurückzuholen …

Unsere PAN-Story des Monats „Letzte Rettung“ stammt von Christian Günther und erscheint erstmals exklusiv auf Tor Online.

***

Den Helm blau anzumalen, war ein Leichtes gewesen.

Er hatte sich die Farbe bei Tayo besorgt. Glücklicherweise besaß der in seinem Laden eine große Auswahl an Autolacken. Sein Freund hatte sich zwar gewundert, da Bacary eigentlich einen roten Mitsubishi-Pickup fuhr, und ihn gefragt, was er denn mit dem Blau wolle. Doch er hatte nur gegrinst und ihm nicht geantwortet. Tayo hätte ihm ohnehin nicht geglaubt. Immerhin überließ der Händler ihm den Lack zum Freundschaftspreis, eigentlich war alles, was er in seinem Laden verkaufte, seit der Abriegelung enorm im Preis gestiegen. Aber Bacary kannte Tayo schon, seit sie als Kinder barfuß in den Straßen von Accra Fußball gespielt hatten. Da verstand es sich von selbst, dass er ihm in so einer Situation half. Und nicht allzu viele Fragen stellte.

Der Zugangspass war schwieriger zu bekommen gewesen, aber auch dafür kannte Bacary die richtigen Leute. Ormas Bar unten am Hafen wurde regelmäßig von Wachleuten besucht, Soldaten außer Dienst, wo sie sich mit seinem selbstgebrannten Schnaps betranken. Das Zeug schmeckte, als würde er es aus Kuhfladen herstellen, aber das schien den Europäern egal, sie fanden es offenbar sogar spannend.

Da lag es nahe, dass einer der Betrunkenen zufällig seinen Zugangspass verlor und dieser durch Ormas Hände weiter zu Bacary wanderte.

Jetzt stellte er sich vor den Spiegel seiner Frau im Schlafzimmer und betrachtete seine Verkleidung. Grüner Tarnanzug, blauer Helm, blaue Armbinde mit weißen Buchstaben darauf. Ja, das musste reichen. Zunächst hatte er überlegt, einfach in Zivil zu gehen, schließlich gab es auch viele einheimische Helfer am Stützpunkt, aber er musste bis ins Innerste vordringen, deshalb hatte er sich für die gefälschte Uniform entschieden. Seine Hoffnung war, dass niemand mit einem Eindringling rechnete. Die Menschen von Accra fürchteten sich vor den Medizinern und Soldaten, die sich im Stadion breitgemacht hatten, die überall Zäune errichteten, Viertel zu Sektoren umformten und ihnen gesunde Kinder entrissen. Keiner näherte sich dem Stadion freiwillig.

Er rückte den Kragen zurecht, blickte streng und übte einen militärischen Gruß. Ein blauer Streifen blieb an seiner Hand zurück, die Farbe auf dem Helm war noch nicht ganz trocken. Er suchte auf dem bunten Schminktisch nach einem Papiertuch. Sein Blick fiel auf die hübschen Halsketten seiner toten Frau, die über der Ecke des Spiegels hingen. Schon wieder schossen ihm Tränen in die Augen. Er hätte schreien können, vor Wut, vor Trauer, vor Angst.

Wenigstens seine Tochter wollte er zurück. Seine geliebte Afeni. Was sie wohl mit seiner Kleinen anstellten? Er musste sie einfach da rausholen.

Er rang um Fassung, wischte die Tränen fort und machte sich auf den Weg. In der staubigen Straße, die zum UN-Posten führte, stand eine drückende Hitze. Bacary spürte sie jedoch kaum, als er den Bürgersteig entlangging. Menschen grüßten ihn, nette Leute, die ihn sein ganzes Leben lang begleitet hatten. Freunde, Bekannte. Doch nun, wo seine geliebte Tochter fort war, bedeutete all das nichts mehr. Das Glück, der Zusammenhalt, die Freundschaft. Aufmunternde Worte, Mitleidsbezeugungen. Alles schal und grau. Leer. Jeder hatte inzwischen jemanden verloren, die Traurigkeit hatte sich in die Gesichter gegraben. Aber die meisten waren zu stolz, um sich dem Weinen und Jammern hinzugeben. Sie kämpften, mühten sich ab, ihren Kindern Vorbild zu sein, so schwer es auch fiel. Oder sie überspielten ihren Schmerz mit bunter Fröhlichkeit.

Bacary gab sich Mühe, keinen Blick auf das zu werfen, was sich auf der anderen Straßenseite abspielte. Dort waren doppelte Zäune aufgestellt worden, zerfetzte Planen sollten verbergen, was sich auf den Brachgeländen dahinter abspielte. Die Menschen in der Straße drehten ihre Musik lauter, um das grausige Schreien und Schlagen zu übertönen. Bacary kannte die Geräusche, er kannte auch den Anblick, aber es kam ihm vor wie ein ferner Traum. Blut, Tote, Menschen, die übereinander herfielen. Sich zerfleischten, unfähig, zu sterben. Wiedergänger. Die Katastrophe hatte die Blauhelme erst hierhergeführt. Und jetzt gaben sie ihnen die Schuld, hatten seine geliebte Afeni einfach mitgenommen in ihren Stützpunkt. Als Bacary schwach gewesen war, als er zu viel geweint und zu viel getrunken hatte, um den Tod seiner Frau zu vergessen. Dieses Vergessen, das niemals kam, hatte ihm nur weiteren Schmerz gebracht und seine Tochter genommen. Aber er war ein Kämpfer. Er war schlau. Er würde sie befreien.

Bacary blieb auf dem Bürgersteig und betrachtete die farbenfrohen Girlanden über den winzigen Läden, die lachenden Gesichter, alte Frauen, die auf morschen Plastikstühlen saßen und Cola aus zerbeulten Dosen tranken.

Die Menschen wunderten sich über seinen Aufzug, einige lachten, hielten das für einen Scherz. Schau mal, jetzt ist Bacary übergeschnappt. Hoffentlich handelt er sich keinen Ärger ein.

Endlich bog er auf die breite Straße ein, die zum Stadion führte. An den Seiten parkten Militärjeeps und rostige LKW, Arbeiter in Schutzanzügen entluden Container. Der Anblick des Umrisses der Tribünen und der windschiefen Fahnenmasten machte Bacary wehmütig. Er dachte an die Tage zurück, in denen er dort mit all den anderen Fußballspiele geschaut hatte, erinnerte sich an das Mitfiebern, die Freude und das Leid, das sie dort gemeinsam erlebt hatten. Alles nur wegen der Spiele, nichts Ernstes, jeder Ärger schon vergessen, sobald sie die Arena verließen.

Seit der Abriegelung war das Stadion zu einem dunklen Ort geworden, einem gefährlichen Fremdkörper, den die ausländischen Soldaten für ihre Zwecke eingenommen hatten. Stacheldraht wand sich in endlosen Rollen über den Gittern der Zäune. An den Toren wanderten nervöse Wachen auf und ab, Bacary sah blasse und rot von der Sonne verbrannte Haut.

Er marschierte entschlossen zwischen den Lastwagen hindurch, die den Vorplatz säumten, und ging auf das Tor des Postens zu. Jetzt galt es. Seine Verkleidung wurde auf die Probe gestellt. Auffällig ließ er den gestohlenen Ausweis vor seiner Brust baumeln. Als er das Tor erreichte, überprüften die Wachsoldaten gerade einen schweren Geländewagen, weshalb sie ihn nur aus dem Augenwinkel wahrnahmen. Er blickte nicht zur Seite und ging einfach weiter, stur geradeaus. Schweiß rann unter dem Helm hervor, Bacary hatte das Gefühl, der Stahl auf seinem Kopf würde schmelzen, die blaue Farbe hinabrinnen wie Wasser und ihn verraten. Jeden Augenblick rechnete er mit einem scharfen Kommando, einer Hand auf seiner Schulter, einem Tritt in den Rücken. Aber nichts geschah. Er ging und tauchte in die Schatten der Tribünen ein, mischte sich unter das rege Treiben von Soldaten und Helfern. Verstört davon, dass er es tatsächlich geschafft hatte, suchte er nach Hinweisschildern, um seinen weiteren Weg zu finden.

Das war beängstigend einfach gewesen. Er spürte seine Hände zittern und steckte sie in die Hosentaschen. Verwirrende Schilder mit Zahlen und Buchstaben zeigten hierhin und dorthin. Auf gut Glück folgte er Hinweisen mit einem roten Kreuz.

Er passierte gepanzerte Fahrzeuge, Gabelstapler transportierten Paletten mit Fässern zwischen den Zelten. Kisten standen überall, umlagert von bewaffneten Gruppen von Soldaten und Menschen mit Klemmbrettern und elektronischen Pads. Am gegenüberliegenden Ende des Spielfelds konnte er größere Rotkreuz-Abzeichen ausmachen. Er ging an den unzähligen Zelten und Planen vorbei, mit denen die Europäer versuchten, sich Schatten zu erschaffen, tauchte wiederum in die Dunkelheit unter der Tribüne ab. Weitere Zäune, die den medizinischen Bereich vom Rest des Stadions trennten. Die Tore waren jedoch geöffnet. Bacary ging einfach weiter, öffnete eine Tür und trat in die kühle Luft des Innenraums dahinter. Hier war es plötzlich so kalt, dass er fröstelte. Eine mobile Klimaanlage dröhnte neben ihm und blies unablässig kalte Luft in den enormen Raum. Bacary hatte nie geahnt, dass sich hier, in dem alten Stadion, so große Hallen unter den Rängen befanden. Plastikvorhänge wehten schwach im Luftzug und teilten den Saal in quadratische Bereiche. Noch immer hielt niemand Bacary auf. Leute eilten an ihm vorbei, nahmen ihn aber gar nicht wahr. Zu sehr waren sie auf die Smartphones oder Pads in ihren Händen konzentriert, blätterten durch Krankenakten oder blickten einfach stumpf geradeaus. Der Saal war angefüllt mit Krankenbetten, Patienten, Maschinen. Bacary ging die abgehängten Quadrate ab, spähte hinter Vorhänge, beobachtete alles. Irgendwo hier musste sie sein. Das beständige Murmeln, Grunzen und Schreien hallte unter dem Dach des Saals wider. Jemand schob einen abgedeckten Toten an Bacary vorbei. Er widerstand dem Impuls, unter das Tuch zu schauen. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Sie war nicht tot! Das spürte er. Irgendwo hier musste sie sein …

Quadrat um Quadrat inspizierte er, bis er sie endlich sah. Fast hätte er sie nicht erkannt. Ihre Haut war von roten Linien verunstaltet, verästelt überzogen sie das ganze Gesicht. Er dachte an die sonnenbrandgepeinigten Wachen zurück, deren norwegische Haut nicht mit der Hitze Afrikas zurechtkam. Hatten sie Afeni mit ihrer Schwäche angesteckt? War ihre Haut deshalb so rot? Oder war sie von ihnen geschlagen worden? Die Augen waren blutunterlaufen, dennoch wusste er, dass es die seiner Tochter waren. Die Augen, die er so sehnsüchtig vermisst hatte.

Niemand war bei ihr. Er trat neben ihr Bett, tastete nach ihrer Hand. Ließ den Tränen freien Lauf. Mit den Fingern spürte er ein Band an ihrem Handgelenk, ein breiter Riemen. Man hatte sie an das Bett gefesselt! Bacary erschrak, machte sich sofort daran, die Fessel zu lösen. Der Blick seiner Tochter flackerte umher, als könnte sie ihn nicht richtig erkennen. Langsam warf sie den Kopf von einer Seite zur anderen.

„Afeni, ich bringe dich hier raus. Hab keine Angst“, flüsterte er liebevoll. Sie schien seine Stimme zu erkennen, schüttelte den Kopf noch heftiger.

„Nein“, krächzte sie mit erwürgter Stimme. „Flieh!“

Bacary war erschüttert von diesen Worten, doch er ließ sich nicht beirren. Wahrscheinlich hatten sie ihr Medikamente verabreicht. Er band auch die andere Hand los. Griff nach ihren Beinen, den Knöcheln. Befreite einen, dann den anderen.

Jemand schwang eine der Planen beiseite, die das Quadrat begrenzten, stürmte heran und riss ihn nach hinten. Bacary taumelte. Schrie. Der Fremde kämpfte ihn zu Boden, schleifte ihn vom Bett weg, rief nach Hilfe. Soldaten kamen.

„Afeni, komm mit mir!“, schrie Bacary, schlug um sich, versuchte die Fremden loszuwerden. Dann sprang seine Tochter auf. Aus dem Bett, rasend schnell. Die Soldaten schlugen sie zurück, zerrten Bacary fort. Er tobte, konnte sich nicht aus dem Griff befreien. Hinter ihm kämpfte Afeni. Gemeinsam würden sie es schaffen. Bacary versuchte, die Waffe eines der Soldaten zu ergreifen. Er rief nach Afeni, zerrte, trat und wand sich, doch die Arme zogen ihn unbarmherzig zurück, hinaus auf den Vorplatz. Draußen angekommen lockerten die Soldaten ihren Griff etwas, rissen ihm den gefälschten Helm vom Kopf. Spotteten.

Drinnen fielen Schüsse. Schreie hallten.

„Afeni!“

Die Soldaten standen unschlüssig um Bacary herum, wussten offenbar nicht, ob sie ihn bewachen oder wieder hineingehen sollten, um ihren Kameraden zu helfen. Sie blieben. Die Schreie wurden lauter. Vielstimmiger. Brüllen. Ärzte und Personal stürmten aus der Halle, Panik in ihren Augen. Ihnen folgten Menschen mit verrückten Gesichtern, so etwas hatte Bacary noch nie gesehen. Verzerrte Fratzen, überall Blut. Sie fielen über die Flüchtenden her. Bacary lag abseits am Boden, alles stürmte an ihm vorbei. Dann kam Afeni. Er rief nach ihr. Schrie sich die Seele aus dem Leib. Die Soldaten waren längst verschwunden, wie er erst jetzt bemerkte. Afenis Kopf ruckte herum, sie hatte sein Rufen gehört. Sie kam zu ihm. Er rappelte sich auf, um seine geliebte Tochter in die Arme zu schließen. Sie war jetzt ganz nah, ihr Blick starr.

„Flieh!“, krächzte sie leise, verzweifelt. Das Krankenhausgewand, das sie trug, war blutgetränkt. Tränen mischten sich mit den roten Spritzern auf ihrem Gesicht. Sie hob ihre zitternden Arme, als kämpfe sie gegen einen unsichtbaren Widerstand an.

Irgendetwas stimmt nicht mit ihr – was haben die Teufel ihr nur angetan?, fragte sich Bacary noch, als Afeni dem Sog nicht länger widerstehen konnte. Weinend griff sie nach ihm, halb Umarmung, halb Beutegriff, und grub ihre Zähne in seinen Hals.

Bacary war vollkommen überrascht, begriff nicht, sah das Blut auf seine Brust laufen, ohne zu verstehen, dass es zu ihm gehörte.

Die Welt begann, sich um ihn zu drehen, er sank zu Boden, erbrach sich vor Schmerz. Wie tausend Klingen fuhr es durch seinen Körper, schüttelte ihn durch. Verschwommen sah er Afenis Gesicht, sein Blut troff von ihrem Kinn. Seine Arme krampften, irgendetwas riss in seinem linken Bein, es klang wie ein Peitschenhieb. Er bog den Rücken durch, stöhnte, der Schmerz zerriss seinen Verstand. Er schmeckte Blut, schluckte. Rappelte sich umständlich hoch. Um ihn herum lagen Tote, erhoben sich, rannten, kämpften, töteten. Zäune lagen am Boden, Schreie und Schüsse hallten durch das Rund des Stadions. Gemeinsam mit Afeni überquerte Bacary das Spielfeld, jagte den Fliehenden hinterher. Er war an ihrer Seite, er hatte sie befreit! Er hatte es geschafft! Das waren seine letzten klaren Gedanken, als er mit ihr über den Vorplatz stürmte, inmitten einer Horde von Wiedergängern. Keine Zäune hielten sie jetzt mehr auf. Sie stürzten sich auf alles, was sich bewegte. Über ihnen stiegen Hubschrauber auf, kreisten wie aufgescheuchte Krähen am Himmel.

Erinnerungsfetzen flackerten durch Bacarys Kopf, aber er brachte keinen Sinn mehr hinein. Afeni stürzte, er blieb bei ihr, ein Instinkt, sie gehörten zusammen, zerrte sie wieder hoch; seine Hände glitten an ihrer Haut ab, Blut schmatzte unter seinen Fingern, sie mussten weiter, mussten sie alle finden, immer weiter.

Die bunten Lichter seines Viertels hießen sie willkommen.

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© 2021 by Christian Günther.

Alle Rechte vorbehalten.

Über den Autor

Christian Günther, Jahrgang 1974, stammt aus Bielefeld, lebt in der Nähe von Hamburg und arbeitet dort als selbstständiger Mediengestalter.

In seinen beiden ersten Romanen „under the black rainbow“ und „Rost“ sowie in zahlreichen Kurzgeschichten zeichnete er das Bild eines düster-futuristischen Norddeutschlands, bevor er sich der Fantasy zuwandte und die Welt von „Faar“ erfand, zu der inzwischen vier Bücher erschienen sind.

Der erste Roman aus Faar, "Die Aschestadt", wurde 2017 für die Longlist des begehrten Fantasy-Buchpreises Seraph ausgewählt.

Jenseits der Welt der Bücher verbringt er seine Zeit gern auf langen Streifzügen mit seinem Hund durch die Wälder der Umgebung, liebt Malerei, Spiele, Filme, Heavy Metal, Lagerfeuer und Fußball.

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