Die Eisbergpiratin - Friedhelm Schneidewind

© David Mark/pixabay

FICTION

Die Eisbergpiratin | Friedhelm Schneidewind


Als das Trinkwasser knapp wird, beginnt ein weltweiter Kampf um das kostbare Gut – und die Eisbergpiraten nehmen ihre lebensgefährliche Arbeit auf …

Unsere PAN-Story des Monats von Friedhelm Schneidewind stammt aus der Climate-Fiction-Anthologie Der Grüne Planet (Hirnkost Verlag).

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»Mama! Halt mich! Ich falle …«

Ich schrecke empor, aus meinem unruhigen Schlaf, atme wie immer viel zu schnell und hektisch, greife nach der Tüte, die mir wie jede Nacht hilft, die Hyperventilation zu überwinden.

Heute ist wieder Monatstag. Erinnerungstag. Tag der Rache.

Einen Moment schwanke ich. Soll ich nicht ausnahmsweise … Mir tut alles weh, ich fühle mich am ganzen Körper wie zerschlagen. Gestern bin ich an meine Grenzen geraten. Ich sollte ausruhen, meinen freien Tag nutzen, einmal nichts tun.

Aber nein. Entschlossen schwinge ich die Beine von der Pritsche. Ich werde auch heute wieder einen Eisberg impfen. Das bin ich Marta schuldig.

Stöhnend reibe ich meinen Körper mit dem vitalisierenden Schutzgel ein, das zugleich Barriere ist für Strahlen und Mikroorganismen. Währenddessen lasse ich den gestrigen Tag Revue passieren, versuche, herauszufinden, ab welchem Punkt er sich so katastrophal entwickelt hat.

Begonnen hatte der Morgen wie üblich, indem ich die Meldungen der IPA, der Ice Pirates Association, kontrolliert habe. Die IPA hat im Wettrüsten gegen die Wasserindustrie im Moment die Nase vorn: Kein Eisberg wird gescannt, genettet oder gar gestartet, ohne dass die IPA nicht alle Daten in Echtzeit zur Verfügung hätte.

Als der südafrikanische Kapitän Nick Sloane 2018 die alte Idee der Wassergewinnung aus Eisbergen in ein ernsthaftes Konzept packte und erste Banken und Investoren gewann, wurde er noch belächelt. Doch in den siebzig Jahren seither ist die Wasserbeschaffung mit zur wichtigsten Aufgabe für Regierungen und Unternehmen geworden, vor allem in Staaten mit hoch entwickelter Industrie oder Dienstleistungsgesellschaft – und nur diese können sich die Wasserversorgung durch Eisberge leisten. Aber auch Menschen in ärmeren Ländern wollen leben, trinken, sich waschen …

Ich zucke zusammen. An Blutergüsse und Prellungen bin ich gewöhnt. Die Schmerzmittel, die ich gestern Abend noch genommen habe, sorgen dafür, dass ich sie nur dumpf und unterschwellig wahrnehme, zumal ich sie im Spiegel nicht erkennen kann, auf meiner fast schwarzen Haut fallen sie kaum auf. Doch mich durchfährt plötzlich ein brennender Schmerz in der linken Schulter. Ich drehe mich, um die Rückseite im Spiegel zu sehen, und erschrecke: Aus meinem Rücken tritt oben ein Draht hervor.

Nachdem ich aus dem Gefängnis in Südafrika entkommen war, konnte die Untergrundbewegung meine Folterwunden nur unzureichend behandeln. Immerhin haben sie den Schlüsselbeinbruch mit Drähten so weit stabilisiert, dass ich Schulter und Arm ohne Einschränkungen bewegen kann. Aber wegen des mangelhaften Materials ist ein Draht gebrochen, ein Rest in meiner Schulter verblieben. Gestern muss ich bei der Rutschpartie über das schorfige Eis gehörigen Druck auf die Schulter ausgeübt haben.

Ich beiße die Zähne zusammen, öffne den kleinen Medizinschrank und greife nach einer großen Pinzette. Dann schüttele ich über mich selbst den Kopf. Ich darf mich nicht von Wut und Schmerz zu unüberlegten Handlungen hinreißen lassen.

Ich nehme zunächst ein wirklich starkes Schmerzmittel, decke dann meine Pritsche mit einem wasserdichten Tuch ab. Den Werkzeugkasten finde ich im Maschinenraum, mühsam klettere ich die Leiter hinab. Mein U-Boot ist eines des modernsten der IPA, ein Klasse-214-Exportmodell der Howaldtswerke-Deutsche Werft von 2033, aber auch dieses moderne Unterwassergefährt ist eng und nicht auf Bequemlichkeit gebaut. Selbst 65 Meter Länge und gut sechs Meter Breite erlauben nur schmale Durchgänge und elendig unbequeme Auf- und Abstiege. Immerhin gibt es genug Platz in der Kombüse und den Schlafräumen; die vorgesehene Besatzung von 27 Leuten ersetze ich ganz alleine, und dank (natürlich illegaler) Einbauten durch IPA und modernster KI kann ich mein Schiff auch alleine steuern. Jetzt aber verfluche ich die Enge; es dauert gefühlt Stunden, bis ich alles Notwendige in meine Schlafkoje geschafft habe.

Ich desinfiziere großzügig den oberen hinteren Bereich meiner Schulter, injiziere mit einer Impfpistole ein Lokalanästhetikum, schlucke ein Betäubungsmittel, das mich für die ersten Stunden nach dem Eingriff leicht sedieren soll, lege mich auf die Pritsche und setze die Zange an den Draht an.

 

»Mama! Halt mich! Ich falle …«

Ein Alptraum. Immer wieder dieser Schrei. Das Betäubungsmittel hat mich, wie beabsichtigt, nicht ganz in die Bewusstlosigkeit getrieben; ich schwebe in einer Art Halbschlaf dahin, sehe, höre, fühle … Szenen aus der Vergangenheit.

Mein erster Einsatz als Eisbergpiratin. Ich hatte noch kein eigenes U-Boot, lebte mit meiner kleinen Marta im großen Gemeinschaftsboot, das nach dem Schiff eines frühen Untergrundkämpfers benannt ist, der »Nautilus«. Marta – auch wenn sie Frucht einer Vergewaltigung im Gefängnis war, war sie mein Ein und Alles, mein Augapfel, die Liebe meines Lebens … 

Es war eine Standardoperation: ein Eisberg, ein Kilometer lang, etwa einen halben breit und mit einer Dicke von rund 200 Metern. Die staatlichen Wassertransporteure von Südafrika hatten den Koloss, der etwa 100 Millionen Tonnen wog, wie immer von Robotern in ein Netz aus Kunststofffasern packen lassen und zogen dann den genetteten Eisriesen mit Hilfe von drei gigantischen Schleppern, gesteuert von modernster KI und angetrieben von Solarstrom und Windenergie, von der Antarktis über den Zirkumpolarstrom und dann den Benguelastom nach Norden.

Wenn man den Eisberg in Südafrika gut einpackte und isolierte und das Süßwasser von der Oberfläche abpumpte, dürften rund zwei Drittel des Wassers in die Leitungen der gierigen Metropolen und Industrieanlagen und auf Ackerflächen fließen. Ein solcher Rieseneiswürfel konnte den Wasserbedarf von Kapstadt für zwei Monate befriedigen.

Für die rund 2500 km rechnete die Wassergesellschaft mit acht bis zehn Tagen. Doch der Eisberg sollte nicht ankommen. Am vierten Tag war er verschwunden.

Ich sehe das Videobild des Eisbergs, die Satelliten-Aufnahmen, die uns den Weg weisen, alles sehr verschwommen, vernehme ganz undeutlich die Stimme der Navigatorin und Ausbilderin, die uns die Bilder erklärt, dann wird alles schwarz. Ich höre nur noch eine donnernde Stimme, deutlich, laut, dröhnend, und weiß, das ist Tiny Mandela, der Gründer und Leiter der IPA, der sich nach zwei seiner Helden und Vorbilder benannt hat. Allen, die neu dazukommen, erzählt er von Timothy »Tiny« Truckle, dem genialen kleinwüchsigen Detektiv, den der deutsche Schriftsteller Gert Prokop vor gut 100 Jahren erfunden hat und der in einer dystopischen USA als geheimer Verbündeter des Untergrunds die Diktatur der Großkonzerne, der Geheimdienste und Big Bosse bekämpft. Und ich weiß, ich höre jetzt in meinen drogeninduzierten Erinnerungen Tiny Mandela, wie er uns Neuen quasi eine Predigt hält: »Schon damals, 1977, hat der geniale Schriftsteller uns in seiner ersten Geschichte um Timothy Truckle den Weg gewiesen. In dessen Welt sind die USA auf die Zuteilung von Eisbergen angewiesen und überwachen die Routen mit Elektronik, Fotos und Flugzeugen. Dennoch verschwinden immer wieder Eisberge auf dem Weg zwischen Atlantikküste und Eriesee, spurlos und in Sekundenschnelle. Tiny wagt sich höchstpersönlich unter Lebensgefahr in den Eiskanal und entdeckt, wie die Eisberge gekapert werden. Und ganz ähnlich machen wir es heute. Deshalb höret und staunet, was Prokop auf den ersten Seiten seines Buches ›Wer stiehlt schon Unterschenkel?‹ schrieb: ›Plötzlich sah er, wie der Eisberg in einen Felshangar gelotst wurde; hier wurden die Berge aufgetaut und per Pipeline abtransportiert, von wem, wurde nie veröffentlicht. Für die elektronische Überwachung hatten die Wasserdiebe einen fliegenden Videoschirm eingesetzt, der den Eisberg scheinbar noch ein paar hundert Kilometer weiterschwimmen ließ, wo dann natürlich keine Spuren entdeckt werden konnten.‹«

Die Stimme schweigt, um mich herum dreht sich alles. Ich sehe verwirrend vielfarbige Spiralen, langsam bildet sich daraus ein Muster, langsam formt sich daraus ein Bild: meine Ausbilderin Nadine, wie sie die Haken setzt, um den Eisberg umzulenken … mein erster von fast 500 Einsätzen in den letzten Jahren, und alle gingen gut bis auf den einen …

»Mama! Halt mich! Ich falle …« Nur langsam verklingt das Echo in meinem Kopf.

Tiny steht vor der Besatzung der Nautilus. Seine Stimme ist so ernst wie sein Gesichtsausdruck. »Wir müssen für ein paar Tage das Schiff räumen. Unsere Energieversorgung muss grundlegend überholt werden, ebenso die KI. Es bleibt nur die Stammbesatzung, die sich mit Tauchanzügen behelfen muss.« Alles verschwimmt, vor mir der riesige Eisberg, der nach Australien unterwegs ist, in den ich mich einhake. Die KIs der Tanker habe ich bereits getäuscht, sie werden nicht merken, wenn ich den Koloss abhänge und umleite. Ich weiß, ich fühle es, 100 Meter über mir, in einer sicheren Eishöhle, wartet Marta auf mich, schaut gespannt zu, was ihre Mutter macht. Ich sehe das Eis, dann plötzlich blitzt alles um mich herum, ich fühle nur noch Hitze, ich sehe nichts mehr, fühle, wie das Eis um mich herum schmilzt … ich verliere den Halt, rutsche ins eiskalte Wasser, höre nur noch: »Mama! Halt mich! Ich falle …«

Aus grauen Schlieren vor meinen Augen bildet sich langsam Nadines Gesicht. Ich höre sie flüstern, verstehe jedes Wort und weiß, anders als damals, was die Wörter bedeuten. »Es war China oder Indien, vielleicht auch Russland«, höre ich sie sagen. »Sie wollen den australischen Wassertransport unterbinden, als Druckmittel in ihrem Wirtschaftskrieg. Sie haben von einem Satelliten aus den Eisberg mit Lasern beschossen, bis er auseinandergebrochen ist.« Ich starre mit meinem beduselten Kopf auf die Traum-Nadine und weiß genau, was sie jetzt sagen wird. »Marta … wir haben sie nicht gefunden. Du hast nur überlebt dank deines Spezialanzugs. Ich weiß, es ist kein Trost … aber der Satellit, von dem die Laserstrahlen ausgingen, wurde eine Stunde später zerstört.«

 

Ich schrecke hoch. Ich bin auf einen Schlag hellwach. Ich ignoriere das Blut auf der Pritsche, verbinde die Wunde und koche innerlich. Durch so eine Kleinigkeit lasse ich mich nicht aufhalten. Nicht ich, nicht nach dem, was ich bisher erlebt habe.

Und ich bin wieder klar im Kopf. Gestern, ich erinnere mich, bin ich beinahe gestorben. Die chilenische Wasserbehörde schützt ihre Eisberge nun zusätzlich mit autonomen Kampfmaschinen. Ich setze mich ans Kommunikationsterminal und informiere die IPA – wie der Roboter kämpfte, wie es mir schließlich gelang, ihn auszuschalten. Wir werden in Zukunft mit mehr Widerstand rechnen müssen. Ich grinse bösartig, als ich mein Recht der Erstbenennung in Anspruch nehme: »Ich nenne diese autonomen Eiskampfmaschinen BOX, nach dem kämpfenden und mordenden Cyborg aus dem Roman ›Flucht ins 23. Jahrhundert‹.«

Ich schalte die Anlage aus. Zeit für meine Arbeit. Ich mag, wie Tiny Mandela, sprechende Namen. Mein Schiff ist die Pequod, und es wird so wenig wie seine Kapitänin Ruhe finden, solange Rache möglich ist. Heute ist Monatstag. Der 13., der Todestag meiner Marta. Erinnerungstag. Immer mein freier Tag. Der Tag der Rache. Ich werde ihn auch heute nutzen.

Ich steige hinunter zu den Torpedorohren im Bug. Acht gut isolierte Kammern, sieben davon ausgerüstet für die Kühlung jener Vorräte, die ich im Lauf der Jahre angelegt habe, erworben durch Schmuggel, Überfälle auf Militärdepots, Laboratorien, Pharmafirmen.

Ich überlege, womit ich diesen Monat einen der Eisberge impfen soll, die ihr Ziel erreichen werden. Ich bin schon lange darüber hinaus, nur in jene Länder Gifte und Krankheitserreger zu senden, die wahrscheinlich an Martas Tod mit schuld sind. Sie sind alle nicht besser. Ich werde an allen Rache üben und sie immer an ihre Verletzlichkeit erinnern. Monat um Monat, Jahr um Jahr. Sie sollen nie vergessen, wie wertvoll Wasser ist und wie gefährlich die Welt, die sie geschaffen haben!

Ich glaube, es wäre mal wieder Zeit für eine kleine Pockenepidemie.

Als ich das U-Boot unter den Eisberg gelenkt habe und durch ein Torpedorohr das Schiff verlasse, spiegelt sich mein weißer Tauchanzug für einen Moment im blinkenden Metall, über meiner linken Brust in dunklem Rot mein Kampfname: Ich bin Ahab.

 

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© 2020 by Friedhelm Schneidewind.
Erschienen in: Der Grüne Planet. Zukunft im Klimawandel. Hrsg. v. Hans Jürgen Kugler und René Moreau. Hirnkost Verlag 2020.
Alle Rechte vorbehalten.

Über den Autor

Friedhelm Schneidewind, Jahrgang 1958, veröffentlicht Belletristik seit 1989, zuletzt 2019 im Karl-May-Verlag den Roman »Das magische Tor im Kaukasus«, davor u. a. das Theaterstück »Carmilla« (1994/2001/2018), den Geschichtenband »Im Weltall viel Neues« (2016), Lexika sowie Sachbücher. Der Mannheimer Morgen bezeichnet ihn als einen der »profiliertesten Experten für Fantasy-Literatur«. Schneidewind lebt als Autor, Journalist, Musiker und Dozent in Mannheim und arbeitet in Teilzeit als Berufserprober und Koordinator Arbeitssicherheit im Berufsbildungswerk Neckargemünd.

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 25. Juni, genau hier.

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