Winterwind | Ardy K. Myrne

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FICTION

Winterwind | Ardy K. Myrne


Alana läuft um ihr Leben – und findet ausgerechnet in der Hütte des rätselhaften Rabenwolf Zuflucht. Doch wohin verschwindet er jeden Morgen? Und was hat es mit der Bestie auf sich, die angeblich ihr Unwesen im Wald treibt?

Unsere PAN-Story des Monats von Ardy K. Myrne erzählt von Winterkälte, Angst – und der Kunst, die eigene Haltung zu hinterfragen.

***

Du musst weiterlaufen, wenn du nicht erfrieren willst.

Die Stimme in Alanas Kopf blieb beharrlich, doch ihre Schritte wurden kleiner. Sie strauchelte, fühlte kaum mehr ihre eiskalten Füße. Sie zog den dünnen Mantel enger um ihre Taille und barg ihre Hände unter den Achseln. Der Wind heulte, blies Schnee in ihr Gesicht.

Weiter!

Sie trat auf Geröll und knickte mit dem Fuß weg. Der Länge nach fiel sie in den Schnee, versank darin.

Steh auf, sonst wirst du sterben.

Ihre Füße schmerzten. Sie biss die Zähne zusammen und erhob sich aus dem pulvrigen Weiß, klopfte es sich vom Mantel, doch es haftete an ihr wie Mehl.

Lauf.

Aber wohin? Es dämmerte. In den finsteren Wald hinein, den sie zu umgehen versuchte?

Im Dickicht würde sie nicht gegen Schneewehen angehen müssen. So lief sie in den Forst. Dort herrschte eine stille Kälte, die von allen Seiten in sie hineinkroch. Zweige peitschten ihr Gesicht. Ihr Mantel, ihr nasses Haar – alles überzog sich allmählich mit Eis.

Mit zunehmender Dunkelheit schwand ihre Hoffnung. Als sie schon völlig verzweifelt war, sah sie ein Licht. Es trieb sie vorwärts. Beim Laufen stieß sie mit den Schultern gegen Bäume, die in der Dunkelheit zu einer Wand zu verschmelzen schienen. Bald taumelte sie nur noch durch harschen Schnee, der beim Einsinken in ihre Fußknöchel biss.

Sie erreichte eine Lichtung, auf der ein kleines Backsteinhaus stand.

Du weißt, was die Leute erzählen?

Sie blieb vor einer Tanne stehen und lehnte sich atemlos dagegen.

Dass im Wald ein Untier haust?

Verzweifelt sank sie zu Boden und schalt sich selbst einen Feigling. Soll ich erfrieren?

Sie richtete sich entschlossen auf. Kein Monster lebte in einem Haus aus Stein.

Sie stemmte sich gegen den Wind und fiel vor die Tür, doch sie schaffte es nicht mehr, anzuklopfen.

 

Alana fand sich auf einem Schafsfell vor einem Kamin wieder, in ihrer Unterbekleidung in eine Decke gehüllt. Sie sah sich nach ihren Sachen um und nahm eine Gestalt wahr, die an einem Tisch saß.

Zuerst hielt Alana sie für einen Bären. Sie zuckte zusammen, doch dann erkannte sie, dass sich ein junger Mann unter der Pelzkutte verbarg.

Er musterte sie aus blauen Augen. »Deine Sachen habe ich zum Trocknen aufgehängt«, sagte er mit einer dunklen Stimme und zeigte an die Decke, an der Schnüre über die Balken gespannt waren. An manchen hingen Kräuterbündel, an anderen ihre durchnässte Kleidung. »Ich werde dir nichts tun. Wärme dich am Feuer, du bist sehr durchgefroren.«

Alana zog die Decke über ihre Schultern.

»Ich habe deine wunden Knöchel verbunden.«

Alana sah auf ihre Füße und berührte die Verbände. »Vielen Dank«, flüsterte sie. Das Sprechen tat weh, denn ihre Lippen waren aufgesprungen.

»Ich habe noch etwas Ringelblumensalbe. Nein, bleib ruhig sitzen. Ich komme zu dir, wenn du es erlaubst.«

Sie nickte, und der Mann mit der Bärenhaut setzte sich zu ihr und trug behutsam Salbe auf ihren Mund auf. Als er fertig war, hielt sie seine Hand fest. Etwas steif duldete er ihre Berührung.

»Danke, dass Ihr mich gerettet und versorgt habt. Ohne Euch wäre ich wohl gestorben. Mein Name ist Alana von Drei Erlen.«

Er starrte auf ihre Hände und räusperte sich. »Nenn mich einfach Rabenwolf.«

»Danke, Rabenwolf.« Alana ließ ihre Hände sinken.

Er stand auf und nahm einen Becher aus einer Mauernische des Kamins. »Trink etwas davon und dann schlafe. Ich möchte nicht, dass du krank wirst.«

Alana nahm den Becher. Es war Wein darin. Langsam rann die Flüssigkeit durch ihre Kehle, und sie spürte die betäubende Wirkung des Alkohols. Sie zog die Decke enger um sich und schlief ein.

 

Sie erwachte auf einem Bett. Am Feuer kauerte Rabenwolf und rührte in einem kleinen Kessel, der über den Flammen hing. Es roch köstlich.

»Guten Abend, Alana.«

»Guten Abend, Rabenwolf«, antwortete sie verschämt. Demnach hatte sie den ganzen Tag geschlafen. Neben ihr auf dem Bett lag ihr Kleid, das sie sich schnell überzog.

»Du hast sicher Hunger.« Er stand auf und holte eine Schale vom Regal.

»Isst du nicht mit?«

»Das habe ich für dich gemacht.« Er holte den Kessel vom Feuer und schöpfte Suppe in die Schale. »Ich hoffe, es schmeckt dir.«

Die Speise bestand aus verschiedenen Wurzelgemüsen, versetzt mit Liebstöckel.

»In Bruchwald kennt man keinen Liebstöckel.«

»Kommst du aus dem Dorf?«

Sie hielt inne und starrte in die Schale, ohne etwas wahrzunehmen. »Ich bin geflohen.«

»Verstehe.«

»Ach ja?«

Rabenwolf nickte. »Dein rotes Haar. Drei Erlen ist ein Faye-Dorf, nicht wahr?«

Alana blickte erschrocken auf.

Rabenwolf hob abwehrend die Hände. »Von mir hast du nichts zu befürchten. Ich bewundere die Heil- und Zauberkünste der Faye.«

Alana lächelte. »Dein Haus ist voller Kräuter. Bist du ein Heiler?«

Sein Blick verschattete. »Nein. Das Haus gehörte einer Heilerin.«

»Was ist mit ihr geschehen?«

»Vermutlich das, wovor du geflohen bist.«

Alana seufzte. »Sie haben Angst vor mir wegen meines Haares, aber ich kann nicht zaubern. Ich bin Heilerin. Doch für die Leute im Dorf sind alle Heiler mit dunklen Mächten im Bunde. Und eine Faye-Heilerin bedeutet Unglück. Also bin ich geflohen.«

»Möchtest du zurück nach Drei Erlen?«

Alana schüttelte traurig den Kopf. »Mein Dorf gibt es nicht mehr. Soldaten haben es niedergebrannt.«

»Durch den Wald ziehen öfter Soldatentrupps. Wenn sie einander begegnen, bekämpfen sie sich, egal, zu welcher Fraktion sie gehören. Dieser Krieg kennt weder Freund noch Feind. Nur den Tod. Aber keine Angst. Wenn du möchtest, bleibe hier. Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas geschieht.«

»Werde ich dir nicht zur Last fallen?«

Er lächelte. »Iss noch etwas Suppe.«

 

An jedem Tag verließ Rabenwolf vor der Morgendämmerung das Haus und kehrte erst nach Anbruch der Nacht zurück. Immer brachte er ihr etwas mit.

Wenn sie allein war, kümmerte sie sich um das Haus und hütete das Feuer. Doch durch die kurzen Wintertage war Alana nie lang allein. Am Abend saßen sie zusammen und lasen sich gegenseitig etwas vor oder unterhielten sich. Meistens redete sie.

Alana gewöhnte sich an den neuen Tagesablauf.

An eines gewöhnte sie sich jedoch nicht: »Egal, was ich koche, ich habe dich bisher nie etwas essen sehen.«

Wieder hatte er mit einem freundlichen Lächeln ihren Eintopf abgelehnt und sich damit begnügt, ihr beim Essen zuzusehen.

»Warum nicht?«

Er betrachtete sie aufmerksam und antwortete: »Weil ich hier nicht esse.«

»Was soll das heißen?«

»Dass du dir meinetwegen keine Gedanken machen musst.«

»Aber das mache ich unentwegt. Ich mache mir Gedanken, was du den ganzen Tag lang tust, ob es dir gut geht und dass du Soldaten begegnen könntest. Dort an der Wand hängen Bogen und Langdolch, doch du nimmst sie nie mit. Ich habe Sorge, dass dir etwas passiert und du eines Tages nicht zurückkehrst.«

»Das wird nicht geschehen. Im Notfall wirst du den Bogen eher brauchen und vielleicht auch die Klinge. Alles, was ich tue, ist zu deinem Wohl. Also frag nicht mehr.«

»Aber wieso?«

Er sah sie mit einem undurchdringlichen Blick an. »Wenn du dich in meiner Nähe unwohl fühlst, werde ich dich nicht drängen, bei mir zu bleiben.«

»Du schickst mich fort?«

»Ich schicke dich nicht fort. Deine Gesellschaft ist mir das Wertvollste seit langer Zeit. Aber frag mich nicht mehr.«

Er hob die Hand und berührte fast ihre Wange, doch dann zog er sie zurück.

 

Seit Mittag hatte es nicht mehr geschneit. Alana legte den Bogen über ihre Schulter und schnallte den Köcher an die Hüfte. Wenn Rabenwolf die Waffen bei ihr lassen wollte, würde sie sie auch benutzen und etwas für das Abendbrot schießen.

Auf einer Lichtung entdeckte sie Schneehasen, doch ihr Pfeil traf sein Ziel nicht und blieb in einer Erhebung stecken. Alana beschloss, ihn zurückzuholen, da sie nicht viele davon besaß. Als sie daran zog, kam unter dem Schnee ein Arm zum Vorschein.

Lederpanzer und Kettenhandschuh.

Ein Soldat.

Mit zitternden Händen steckte sie den Pfeil zurück in den Köcher und umrundete die Erhebung. Sie schätzte, dass fünf Tote unter dem Schnee verborgen lagen, doch wo waren ihre Kameraden? Hielten sie sich vielleicht noch in der Nähe auf?

Eilig machte sie sich auf den Rückweg. Jetzt verfluchte sie den schneelosen Tag, denn sollten Landser in der Nähe sein, würden ihre Spuren sie verraten. Sie wollte sich nicht vorstellen, was sie mit ihr machen würden.

Sie lief auf dem von ihr ausgetretenen Pfad zurück und versuchte, ihre Spuren zu verwischen.

Die Sonne ging unter. Was, wenn Rabenwolf heimkam und sie nicht antraf? Würde er sie suchen? Und wenn Soldaten durch ihre Fußspuren bereits das Haus entdeckt hatten? Sie würden Rabenwolf töten, wenn er heimkehrte!

Sie versuchte, leise und schnell den Weg zurückzufinden und dabei unentdeckt zu bleiben.

Sie hatte kein Glück. Fackelschein leuchtete ihr bereits aus dem Wald entgegen. Ein fünf Mann starker Trupp näherte sich. Sie gaben sich keine Mühe, leise zu sein.

Eilig fand sie Deckung in einem Eibendickicht und presste sich auf den Boden. Die Kälte spürte sie kaum. Ihr Herz hämmerte wild, das Blut rauschte in ihren Ohren.

Die Männer gingen nur wenige Schritte entfernt an ihr vorbei.

Alana hielt sich die Hand vor den Mund.

»Sie sind gestern in der Dämmerung verschwunden.«

»Die haben sich abgesetzt, was?«

»Dann knüpft sie der Hauptmann auf.«

»Ach, da ist ein Dorf in der Nähe, vielleicht amüsieren die sich nur.«

»Wahrscheinlich hast du recht, wir müssen die Bande trotzdem suchen.«

»… oder das Untier hat sie geholt.«

»Ach halt die Schnauze, Run! Hier gibt es nur uns und die Pissköppe von der gelben Fraktion. Und wenn die sie umgebracht haben, reißen wir denen die Ärsche auf.«

Die Soldaten lachten.

»He, was ist das?«

Der Trupp blieb abrupt stehen.

»Da vorne.«

Alana sah einen großen Schatten auf die Landser zueilen. Im selben Moment hörte sie ein widerwärtiges Reißen. Ein Blutschwall ergoss sich aus dem Rumpf eines Soldaten, der aufheulend zusammenbrach.

Panisch riefen sich die Männer Anweisungen zu, stellten sich mit dem Rücken zueinander auf, zogen ihre Schwerter. Doch der Schatten kreiste sie ein, schnappte immer wieder nach ihnen. Und einer nach dem anderen ging sterbend zu Boden.

Alana kniff die Augen zusammen. Die wilden Schreie, das gurgelnde Stöhnen der Männer, das platschende Geräusch von Blut auf dem Boden drehten ihr den Magen um.

Dann erstarben die Schreie und Alana riss die Augen auf. Die dunkle Gestalt, die die Soldaten getötet hatte, stand mit dem Rücken zu ihr. Sie wirkte im Schein der gefallenen Fackeln wie ein großer Vogel, doch sie trug einen zottligen Pelz. Die Kreatur hielt den letzten Soldaten in ihren Klauen und grub ihre Zähne in seine Kehle. Alana konnte das schmatzende Saugen hören, mit dem sie sich nährte. Sie spürte das Pochen ihres Herzschlages im ganzen Körper, es brannte in ihren Eingeweiden und hämmerte in ihren Muskeln. Sie sprang auf, erfüllt von dem Drang zu fliehen. Doch sie verfing sich im Eibengestrüpp, fiel auf den Pfad, nur wenige Schrittlängen von der Bestie entfernt.

»Alana.«

Der Blick des Untiers traf sie, blau wie Eis.

Sie schrie, rappelte sich auf und rannte in den Wald.

 

Ein heftiges Zittern schüttelte sie. Einige Male hielt sie in ihrem wilden Lauf inne, um sich zu übergeben. Sie sah das Haus, den dumpfen Lichtschein, den das Feuer verbreitete. Sie stürzte auf die Tür zu und fiel über die Schwelle. Weinend brach sie am Kamin zusammen.

Dieses Haus war ihr einziger Rückzugsort. Rabenwolfs Haus.

Sie schluchzte. Sein Anblick würde sie nie wieder loslassen: das bluttriefende Gesicht, die zu Klauen ausgebildeten Hände, und wie er sie angestarrt hatte!

Alana versuchte, sich an die Lehren ihrer Großmutter zu erinnern. Was auch immer er für ein Dämon war, alle bösen Geister hassten Salz. Alana suchte nach dem Salztopf und schüttete mit dem Speisesalz einen Halbkreis um den Kamin. Wenn ihre Nana recht behielt, würde er die Salzspur nicht übertreten können.

Dann holte Alana den Langdolch, kauerte sich an die Feuerstelle und hielt die Waffe vor sich, die Tür nicht aus den Augen lassend.

Der Himmel hellte sich schon auf, als Alana das Geräusch von Schritten auf dem vereisten Schnee aufschreckte. Sie spürte kalten Schweiß in ihrem Rücken, trotz der Feuerwärme.

Langsam öffnete sich die Tür, und bedächtig betrat Rabenwolf das Haus.

Er sah aus wie immer, wenn er heimkehrte, doch sie ertrug den Blick seiner Augen kaum.

Vorsichtig zog er die Tür zu und lehnte sich an den Rahmen. Er sah den Halbkreis aus Salz und seufzte. »Ich habe lange überlegt, ob ich herkommen soll. Ob ich nicht besser in den Wäldern verschwinde. Aber der Gedanke, dich zurückzulassen, war unerträglich. Ich habe mir gewünscht, dass du dieses Haus als dein Heim betrachtest. Ich habe mir vorgestellt, wie du mich ansiehst. Und nun erkenne ich nur Angst und Abscheu in deinen Augen.«

»Komm nicht näher, du Scheusal!«

Rabenwolf nahm am Tisch Platz. Seine Bewegungen wirkten müde. »Scheusal«, wiederholte er leise.

»Ja, Scheusal! Ich habe alles gesehen!«

»Das tut mir leid.«

»Ja, das glaube ich dir! Denn jetzt kannst du mir nichts mehr vormachen! Was bin ich eigentlich für dich, hm? Hast du mich hierbehalten, als Mahlzeit, wenn dir die Soldaten ausgehen?«

»Ich werde dir kein Leid antun.«

Alana schüttelte den Kopf. »Ist das so, Dämon? Du hast mich die ganze Zeit getäuscht. Wie eine Katze mit einer Maus hast du mit mir gespielt! Ich habe gesehen, wie erbarmungslos du tötest. Diese Männer hatten keine Chance, obwohl es bewaffnete Soldaten waren! Was habe ich dir denn schon entgegenzusetzen? Seit dem Tag, an dem ich herkam, bin ich nur deiner Gnade ausgeliefert. Das nenne ich grausam!«

»Ich habe dich nicht getäuscht, weil ich mit dir spielen wollte. Ich habe dich getäuscht, damit du dich nicht fürchtest. So wie jetzt. Du nennst mich grausam und hast Angst, dein Bannkreis aus Salz wäre nutzlos gegen mich. Das ist er. Und doch sitze ich hier, statt dich zu töten.«

»Du spielst noch immer mit mir«, keuchte sie. »Was willst du von mir?«

»Als du sterbend auf meiner Schwelle lagst, hast du mir dein Leben anvertraut. Seither habe ich alles getan, um es zu bewahren. Du nennst es ein Spiel, doch ich könnte niemals grausam zu dir sein, Alana. Ich war sehr lang allein, bis du herkamst. Darum ist dein Leben für mich das Kostbarste auf der Welt.« Er seufzte. »Du wirst mir nicht mehr vertrauen, oder?«

Sie schüttelte den Kopf.

Rabenwolf sah aus dem Fenster. »Bald geht die Sonne auf. Dies ist mein schwächster Moment, denn ihr Licht vertrage ich nicht. Mein Körper fällt in einen tiefen Schlaf, bis das letzte Sonnenlicht erlischt. Am Tag bin ich völlig wehrlos.« Langsam erhob er sich. »Du sagst, du wärest nur meiner Gnade ausgeliefert. Ich lege mein Leben nun in deine Hände. Wenn du mich für ein Scheusal hältst, wenn du glaubst, meine Freundlichkeit wäre falsch und ich hätte nichts Gutes für dich im Sinn, dann musst du lediglich warten. Warte, bis ich schlafe und stoße mir den Dolch ins Herz.«

Mit schweren Schritten ging er an ihr vorüber, schob das Bett zur Seite und öffnete eine darunter verborgene Falltür.

»Wirst du grausam sein, Alana?« Er verschwand im Inneren des Kellers.

 

Sie saß am Feuer, bis die Sonne zwischen den Tannenzweigen hervorblinzelte.

Mit einer Öllampe und dem Dolch ging sie vorsichtig die Treppe hinab. Der Kellerraum war hoch genug, dass sie darin aufrecht stehen konnte. In den Wänden waren Nischen eingelassen, in denen Säcke und kleine Truhen standen. Der größte Alkoven war ausgemauert wie ein Grabgewölbe. Dort lag er.

Mit weichen Knien ging sie näher, hängte die Lampe an einen Haken an der Wand und starrte Rabenwolf an. Seine linke Seite war dem Raum zugewandt, sein Kopf nach rechts geneigt. Alana hielt den Dolch in ihrer klammen Hand. Sie schluckte. Ihre Kehle war trocken. Sie richtete den Dolch über seinem Herzen aus.

Warte, bis ich schlafe und stoße mir den Dolch ins Herz.

Alana starrte auf sein im Schatten liegendes Gesicht. Wie er dalag, schlafend, arglos.

Ein argloses Monster, das ihr seine Schwäche anvertraut hatte.

Ihr Herz hämmerte.

Wirst du grausam sein, Alana?

Die Spitze des Langdolches in ihrer zitternden Hand durchstach die bleiche Haut über seinem Herzen. Ein feines Rinnsal von Blut floss aus der Wunde über seine Brust, durchtränkte das Hemd.

Entsetzt zog sie den Dolch zurück und ließ ihn fallen.

 

Es war schon dunkel, als Alana Bruchwald erreichte. Sie hatte sich gewünscht, das Dorf nie wiedersehen zu müssen, doch bei ihm zu bleiben, schien ihr undenkbar.

Ihre Hand glitt in die Taschen ihres Mantels. Die Münzen darin zu spüren, beruhigte sie. Das Geld hatte sie im Keller gefunden und einige davon mitgenommen. Sie würde im Gasthaus um ein Zimmer bitten und am nächsten Tag ein Pferd kaufen und von hier verschwinden.

Durch ein ruhig gelegenes Seitenfenster des Wirtshauses machte sich Alana ein Bild von der Lage. Drinnen saßen einige der Dörfler mit Soldaten am Stammtisch und tranken Schnaps. Gebannt belauschte sie die Männer.

»Da geht was vor sich in diesem Wald.«

»Was meint Ihr, Hauptmann?«

»Meine Jungs verrecken da draußen, die werden regelrecht zerfetzt. Da ist eine Teufelei im Gange.«

»Wir haben hier keine Zauberweiber mehr. Die haben wir längst aus dem Dorf gejagt. Erst vor ein paar Wochen diese Faye …«

»Eine Faye?«

»Ja, mit feuerrotem Haar.«

»Ihr hättet sie verbrennen sollen.« Der Hauptmann lachte grimmig.

»Wie heute die Hütte im Wald?«, hakte ein Soldat nach.

»Die verlassene Hütte der alten Nilla?«

»Das Haus war bewohnt«, widersprach der Hauptmann.

»Vielleicht hat sich die Faye da eingenistet?«

»Jetzt nicht mehr!«, johlte einer. »Auf brennende Hexenhäuser!«

Alana wurde übel. Ihre halb erfrorenen Hände rutschten vom Fensterrahmen und sie fiel in den Schnee. Etwas Schweres traf sie am Kopf und ihr wurde schwarz vor Augen.

 

Ein scharfer Wind pfiff durch ihr Haar, als sie zu Bewusstsein kam. Es war noch immer Nacht. Ihr Kopf schmerzte und sie fror. Man hatte ihr den Mantel genommen und die Soldaten stritten um die Münzen, die sie bei sich getragen hatte.

Sie begriff, dass sie an einen Pfahl gebunden war. Auf dem Richtplatz. Um sie herum hatte man Reisig aufgeschichtet und das ganze Dorf war versammelt.

»Sie ist wach!«, rief einer der Soldaten.

»Wurde auch Zeit«, knurrte der Hauptmann. »Ich zeige den Leuten, was man mit Hexen macht, die dumm genug sind, zurückzukehren! Dein Spuk findet mit dir ein Ende!«

Sie wimmerte, als die Leute das Reisig mit Öl tränkten.

Der Hauptmann nahm eine der Fackeln und Alana schrie. Sie schrie, als das Gesträuch Feuer fing, die Flammen hell aufloderten, die Feuerzungen nach ihr leckten.

Ein Sturmwind fegte über den Richtplatz, ein eiskalter Winterwind. Er fegte die Menschen auseinander, blies die Fackeln aus. Eine Böe rauschte mit Schnee und Eissplittern in den Scheiterhaufen hinein und ließ das brennende Öl explodieren.

Dann herrschte Dunkelheit. Nur glühende Funken und Asche regneten aus der Nacht herab.

 

Alana blinzelte, ihre Augen tränten vom Rauch und der Hitze.

Sie saß auf einer Lichtung.

Ein paar Schritte entfernt stand Rabenwolf.

Alana schluchzte auf.

»Verzeih mir«, bat er mit erstickter Stimme. »Ich war fast zu spät.«

Alana schüttelte den Kopf. »Du hast mir schon wieder das Leben gerettet.«

Er kniff die Augen zusammen und seufzte, streifte das Bärenfell ab und legte es ihr vorsichtig vor die Füße. »Du frierst.«

Beschämt rieb sie sich die Aschetränen von den Wangen.

»Ich danke dir«, sagte sie leise. Sie sah ihn an und fand nichts in seinem Gesicht, das sie an ein Ungeheuer erinnerte. »Ich hätte bei dir bleiben sollen.«

Er seufzte und schüttelte den Kopf. »Ich habe mir vorgemacht, einen Menschen glücklich machen zu können. Der Tod ist mein einziges Geschick.«

»Warum sagst du das? Du hast mir zweimal das Leben gerettet und meinetwegen alles verloren. Ich dachte schon, du seiest …«.

»Du hast dir Sorgen gemacht?« Seine Augen leuchteten. »Das wiegt schwerer als mein Verlust.«

Alana zog das Bärenfell um ihre Schultern und stand auf. »Was wird nun?«

Rabenwolf lächelte. »Du bist frei.«

Sie nickte traurig.

»Der Morgen graut. Ich muss fort. In der Nähe steht eine alte Linde. Dort liegt etwas Geld vergraben. Nimm es. Geh nach Osten und du kommst in ein freundlicheres Dorf.«

»Rabenwolf ...«

Er lächelte. Einen Wimpernschlag später stand sie allein auf der Lichtung.

Sie zog das Bärenfell fest an sich.

Im Osten leuchtete das Morgenrot.

***

2021 by Ardy K. Myrne. Alle Rechte vorbehalten.

Über die Autorin

Ardy K. Myrne ist das Pseudonym einer Fantasy- und Science-Fiction-Autorin. In Thüringen geboren, lebt sie nun in Bonn. Ihren Hausstand teilt sie sich mit ihrem Lebensgefährten und zwei Katzen. Neben Romanen schreibt sie auch Kurzgeschichten und Poesie.

Derzeit arbeitet sie an einem mehrere Einzelbände umfassenden Werk um die Fantasy-Welt Taila Pontus. Hierzu gehören der bereits erschienene Kurzroman »Der traurige Gott« und der Roman »Lunars Kinder«.

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 28. Mai, genau hier.

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