Die Bestie von Rakhpur | Lisa-Marie Reuter

© Keller/pixabay

FICTION

Die Bestie von Rakhpur | Lisa-Marie Reuter


Indien, 1930er Jahre. Als in Rakhpur immer mehr seltsam aufgeschlitzte Todesopfer gefunden werden, fährt Hedley persönlich in das abgelegene Dorf, um das wilde Tier zu erlegen. Doch wird er wirklich ein Leopardenfell als Trophäe nach Hause bringen – oder ist was dran an den Erzählungen vom Pishaac, dem Dämon?

Zu »Die Bestie von Rakhpur« von Lisa-Marie Reuter gibt es ein Moodboard auf Pinterest, das euch einstimmt.

CN: Dieser fiktionale Text spielt im Indien der 1930er Jahre und spiegelt die rassistischen Stereotype der damaligen Zeit.

***

»Rakhpur, Sahab.«

Ich kniff die Augen zusammen und folgte dem Fingerzeig meines Fahrers. Um ein Haar hätte ich die versprengte Ansammlung von Hütten, die sich vor uns aus dem Dunst schälte, für ein Trugbild der quälenden Hitze gehalten. Stoisch sah ich unserem abgeschiedenen Ziel entgegen. Die letzten Kilometer der Strecke hatten wir in holpernden Tongas zurücklegen müssen, dem Staub des unbefestigten Weges und den erbarmungslosen indischen Sonnenstrahlen schutzlos ausgeliefert. Das Taschentuch, mit dem ich mir unablässig Schmutz und Schweiß aus dem Gesicht wischte, war längst fleckig und durchnässt.

Endlose Zuckerrohrfelder zogen vorbei und verschwammen am Horizont zu flimmerndem, grünem Dunst. Ein undurchdringliches Geflecht aus dicht an dicht wachsenden Stängeln und scharfkantigen Blättern. Ich holte die körnigen Fotografien der beiden Opfer aus der Jackentasche. Ein junges Mädchen und eine alte Frau. Irgendwo dort drin hatten sie gelegen, inmitten abgeknickter Halme, an denen getrocknetes Blut klebte. Ihre aufgeschlitzten Bäuche zeichneten sich auf dem Papier nur als dunkle Flecken ab, ihr Gesichtsausdruck war kaum zu entziffern.

Selbst im weit entfernten Kanpur hatten die Zeitungen über die grausigen Vorfälle berichtet. Ein ausführlicher Artikel aus dem Leader, datiert auf den 23. April 1933, lag abgegriffen und knittrig auf dem Schreibtisch in meinem Büro. Knapp sechs Wochen später hatte die Bestie erneut zugeschlagen. Nun war ich hier.

Mit einem verhaltenen Seufzen faltete ich das Taschentuch zusammen und rückte meinen Hut gerade. Der Fahrer trieb das Pferd zwischen schmutzig weißen Hütten hindurch zur Dorfmitte und hielt im Schatten eines ausladenden Banyan-Baums an. Verfilzte Stränge von Luftwurzeln schlängelten sich aus dem dunkelgrünen Blätterdach gen Erdboden. Das typisch ländliche Duftgemisch aus Vieh, Rauch und trockenem Stroh tränkte die Luft.

Ich stieg ab und beobachtete, wie Lambert mit staunendem Blick und erwartungsvollem Lächeln von der zweiten Tonga kletterte. Mein junger Assistent pflanzte die Beine in den Boden, als ob er den Flecken Erde soeben im Namen König Edwards in Besitz nähme, stemmte die Hände in die Hüften und rief: »Ist es nicht ein fabelhaftes Land, Mister Hedley?«

»Ganz fabelhaft, Daniel«, antwortete ich, während ich über einen frischen Haufen Kuhdung hinwegstieg, um das Abladen unseres Gepäcks zu überwachen. Der Fahrer der zweiten Tonga ging davon, vermutlich um unsere Ankunft beim Dorfvorsteher anzukündigen.

Indessen hatte sich eine zappelige Kinderschar auf dem Platz formiert und begaffte uns mit dörflicher Indiskretion. Wahrscheinlich waren wir die ersten Weißen, die je einen Fuß in diese gottverlassene Gegend gesetzt hatten. An mich traute sich keines der Bälger heran, doch Lambert ließ sich sogleich auf die Knie sinken, schüttelte vergnügt ihre ausgestreckten Hände und beantwortete ihre gekicherten »Hellos« mit einem sorgsam artikulierten »Namaste«.

Ich war gerade dabei, mein Taschentuch erneut zu entfalten, als aus einem der Hofeingänge eine dunkelhäutige Gestalt heraustrat – ein feister, kurzatmiger Mann mit dichten Brauen und einem stattlichen Schnurrbart. Eine Armlänge entfernt blieb er stehen und sah abwartend zu mir auf.

»Sind Sie Danesh Agarwal?«, fragte ich auf Englisch und fügte, seinen Kopfschlenker zu meinen Gunsten interpretierend, hinzu: »Mein Name ist Charles Hedley, Bezirksverwalter. Das ist mein Assistent Daniel Lambert. Wir sind hier, um die Bestie einzufangen. Haben Sie das Telegramm bekommen?«

Ein weiterer Kopfschlenker, der, wie mich die Erfahrung gelehrt hatte, in Indien alles Mögliche bedeuten konnte.

Lambert hatte die Kinder mit Toffees ruhiggestellt und trat neben mich. Er legte beide Handflächen vor der Brust aneinander und begrüßte auch den Dorfvorsteher in der Landessprache. Dies schien Agarwal ein wenig aus der Reserve zu locken.

»Willkommen, Sahab. Wir haben Sie erwartet«, sagte er in leidlich gutem Englisch. »Bitte folgen Sie mir.«

Er führte uns zurück zu seinem Haus. Durch das Tor gelangten wir in einen rechtwinkligen Innenhof, der am jenseitigen Ende von der Veranda des Wohngebäudes begrenzt wurde. Eine wiederkäuende Kuh und ihr Kalb dösten neben einer steinernen Tränke, struppige Hühner scharrten in der Erde. Im Schatten der Grundstücksmauer standen geflochtene Korbsessel für uns bereit. Daneben saßen zwei weitere Einheimische auf dem Boden und tranken Tee.

»Bitte, Sahab. Dort können wir reden.«

Ich durchquerte den Hof und ließ mich in einen der Sessel fallen. Lambert setzte sich neben mich, während Agarwal im Schneidersitz auf einem hölzernen Charpoy platznahm. Er wies auf den jüngeren der beiden Männer.

»Das ist Sahay. Er spricht Englisch. Er wird Sie bei ihrem Unternehmen unterstützen. Der andere ist Ram. Er arbeitet auf dem Feld. Er hat die Bestie vorletzte Nacht gesehen.«

Die Dorfbewohner begrüßten uns mit aneinandergelegten Handflächen.

»Hat es seit dem letzten Telegramm weitere Zwischenfälle gegeben?«, wollte ich wissen.

»Nur Tiere, Sahab«, antwortete Agarwal. »Die Menschen sind vorsichtig geworden.«

»Sie hätten die Vorfälle viel früher melden müssen«, tadelte ich. »Menschenfresser müssen ohne Umschweife zur Strecke gebracht werden, sie lernen mit jedem Tag dazu.«

»Wir wollten uns selbst darum kümmern, Sahab.«

»Und wir haben ja gesehen, wie erfolgreich Sie damit waren.«

Agarwal musterte mich stoisch. Ich erkannte den blankpolierten Blick jener Einheimischen, die in den abgelegenen Winkeln des Landes Könige waren und die Präsenz staatlicher Autorität notgedrungen dulden mussten. Von einem Mann wie ihm hatten wir keine Hilfe zu erwarten.

»Zunächst werde ich mir ein Bild von der Lage verschaffen«, fuhr ich fort. »Wir wissen ja noch nicht einmal, um was für ein Tier es sich handelt. Wir werden es stellen und einfangen. Wenn es tatsächlich ein Leopard ist, wie ich vermute, wird er einen hübschen Bettvorleger abgeben.«

»Und wenn nicht, Sahab?«

Ich kam nicht dazu, auf diese verschlagene Frage zu antworten. Vom Haus näherte sich das unverkennbare Klimpern und Klingen eines schmuckbehängten indischen Frauenzimmers. Agarwal winkte die Dame zu uns heran.

»Tee, Sahab. Nehmen Sie!«

Die Frau bot uns ein Tablett dar, auf dem zwei dampfende Becher standen. Ihr Gesicht war unter dem Ende ihres reich bestickten Saris verborgen, doch ihre Hände verrieten, dass sie jung war, wenn auch an harte Arbeit gewöhnt. Jedes ihrer Handgelenke zierte ein Dutzend schmaler, roter Glasarmreife.

Ich griff pflichtbewusst nach einem Becher. Nach kurzem Zögern tat Lambert es mir nach.

Einige Minuten schlürften wird schweigend unseren Tee. Das klebrig süße Gebräu trieb mir erneut Schweißperlen auf die Stirn. Hier im Hof schien uns die Luft wie eine zähe Flüssigkeit zu umspülen. Ich hätte meinen rechten Arm gegeben, um den Kragen lockern zu können.

Ich schielte zu Sahay. Der Bursche wirkte zutraulicher als Agarwal. Aus dem Augenwinkel hatte ich bemerkt, dass er und Lambert sofort einen Draht zueinander gefunden hatten.

»Der Bauer soll erzählen«, sagte ich, um die festgefahrene Situation zu lösen.

Sahay übersetzte die Aufforderung und brachte damit einen mehrere Minuten andauernden Redeschwall in Gang. Ich machte mir nicht die Mühe, das Kauderwelsch zu verstehen. Lambert mochte in der Lage sein, der Erzählung zu folgen, meine Hindi-Kenntnisse jedoch beschränkten sich auf einfache Befehle und Fragen, und ich hatte auch nach 17 Jahren in Indien nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Ein Wort jedoch kam in Rams Bericht so häufig vor, dass es sich sogar meinen ungeübten Ohren einprägte: Pishaac.

»Ram lief im Dunkeln am Rand des Dorfs entlang«, fasste Sahay schließlich zusammen. »Er hörte ein Schnaufen. Und Grunzen, wie von Wildschweinen. Er hatte eine Laterne dabei. Er schwenkte die Laterne und klatschte in die Hände. Da sah er etwas weglaufen.«

»Wie genau sah das aus? Ein Tier?«

Sahays Blick flackerte zu Agarwal, dann nickte der Bursche zögernd. »Ja, Sahab. Ein Leopard vielleicht, oder ein Schakal.«

Lambert rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum. Ram saß stumm wie ein Ölgötze und musterte uns mit großen Augen. Es war offensichtlich, dass er kein Wort verstand.

»Noch etwas?«, fragte ich Sahay.

Der Übersetzer nickte eifrig. »Am nächsten Morgen ging Ram zurück zu der Stelle. Er fand einen toten Hund. Der Bauch war aufgeschlitzt, Sahab.«

Wie auf den Bildern.

Ich lehnte mich zurück. »Sehen Sie, Lambert, genau, wie ich dachte. Diese sogenannte Bestie ist nichts weiter als ein räudiger Aasfresser. Das wird keine große Sache.«

Mit etwas Glück würden wir Rakhpur noch vor dem Wochenende wieder verlassen.

Lambert sah stirnrunzelnd auf den Feldarbeiter, dann auf Sahay. Schließlich straffte er die Schultern und antwortete: »In der Tat, Mister Hedley. Aber ein netter Ausflug ist es allemal. Was halten Sie davon, gleich auf die Pirsch zu gehen? Es bleibt noch ein paar Stunden hell.«

Viel lieber hätte ich auf der Veranda die Füße hochgelegt, die Abendausgabe des Leader studiert und mir einen kalten Gin Tonic servieren lassen. Da sich jedoch keines von beiden in absehbarer Zeit würde auftreiben lassen, stimmte ich Lambert notgedrungen zu und erhob mich. »Wir kommen bei Einbruch der Dunkelheit zurück, Herr Agarwal.«

»Sehr wohl, Sahab«, nickte unser Gastgeber. »Ich lasse ein Zimmer im Haus für Sie herrichten. Meine Frau macht Hühnchen-Curry zum Abendessen.«

»Sagen Sie ihr, dass sie mit dem Chili sparsam umgehen soll.« Ich winkte die übrigen Männer mit mir. »Wir sehen uns jetzt die Fundorte der Leichen an. Kommen Sie, Herrschaften.«

Wir traten zurück auf die Straße und schickten Ram seiner Wege. Ein paar Dorfbewohner sahen uns stumm hinterher, als wir Sahay in Richtung der Zuckerrohrfelder folgten.

Lambert ließ sich zurückfallen. »Er verschweigt uns etwas«, flüsterte er mit einem Blick auf den Übersetzer. »Ich habe nicht alles verstanden, was auf Hindi gesagt wurde, aber der Kern der Geschichte war klar. Ram glaubt nicht, dass es ein Tier war. Er nannte es Pishaac. Ganz eindeutig.«

»Pischaatsch?« Meine Zunge tat sich schwer mit dem fremden Wort. »Was soll das sein?«

»Sehr viel weiß ich auch nicht darüber«, sagte Lambert. »Bei den Hindus ist das eine Art Dämon, der die Verbrennungsstätten heimsucht. Dem Volksglauben nach werden Menschen zu Dämonen, wenn bei ihrem Tod etwas schiefgelaufen ist. Wenn sie gewaltsam gestorben sind oder noch eine Rechnung zu begleichen haben.«

»Ich bitte Sie, Daniel«, prustete ich. »Das ist heidnischer Mumpitz. Wenn Sie erst länger hier leben, werden Sie sehen, dass die Einheimischen ständig solch dummes Zeug faseln. Darauf dürfen Sie nichts geben.«

Er erwiderte nichts, aber ich konnte sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete.

»Kommen Sie, Sahab?«, rief Sahay von weiter vorn. »Wir sind fast da.«

Die Inspektion der fraglichen Stellen brachte kaum Erkenntnisse. Die Überfälle lagen Wochen zurück, Spuren hatten sich in den ausgetrockneten Boden nicht einprägen können. Keiner der Orte war besonders weit vom Dorf entfernt. Das dreiste Biest musste nah bei den Häusern gelauert haben.

»Wie oft, sagst du, hat die Bestie bisher zugeschlagen?«, erkundigte ich mich bei Sahay.

»Vielleicht ein Dutzend Mal seit Anfang des Jahres«, gab der Junge Auskunft. »Zwei Frauen sind gestorben, sonst nur Tiere.«

Ich nickte, ohne eine Miene zu verziehen. »Dann werden wir einen Köder auslegen. Eine Ziege am besten, oder ein Schwein.«

»Niemand wird etwas hergeben, Sahab. Es ist ein trockenes Jahr. Die Leute brauchen die Tiere, bis die Ernten wieder besser werden.«

»Das werden wir sehen«, sagte ich. »Bring uns zurück zum Dorf.«

Sahay zögerte einen kurzen Moment, setzte sich dann aber in Bewegung.

Lambert schien Mitleid mit ihm zu haben und brachte ein Gespräch in Gang. »Euer Dorfvorsteher, das ist ein wohlhabender Mann, oder?«

Sahay nickte, war jedoch auf der Hut. »Fast alle haben Schulden bei ihm.«

»Auch Ram?«

»Ja alle. Meine Familie auch. Ich hätte im Winter heiraten sollen, aber uns fehlte das Geld. Wenn ich mit der Ausbildung fertig bin, kann ich eine Stelle bei der Distriktverwaltung bekommen. Ich will nicht Bauer werden und immer nur von der Hand in den Mund leben.«

»Na, das klingt doch nach einem Plan«, meinte Lambert. »Im Staatsdienst sind die Löhne gut, dann klappt es auch mit der Hochzeit. Hast du schon eine Braut?«

Sahays Mine verdüsterte sich weiter. »Hatte ich. Chaya. Sie ist jetzt die Frau von Danesh-ji.«

»Das junge Mädchen?«, warf ich perplex ein. »Die uns den Tee gebracht hat? Das ist Agarwals Ehefrau?«

»Seine erste Frau ist gestorben«, fuhr Sahay widerwillig fort. »Und Chaya, sie hatte niemanden, nachdem ihr Vater …« Er biss sich auf die Lippe.

»Er ist auch tot«, schlussfolgerte Lambert. »Seit wann?«

»Noch kein ganzes Jahr«, wand sich Sahay. »Kommen Sie, Sahab. Hier gibt es vielleicht ein Schwein für Sie.«

Er hatte uns in einem Bogen um das Dorf herumgeführt. Nun standen wir am Rande einer heruntergekommenen Lehmhüttensiedlung, die durch einen Hügelkamm vom Ortskern getrennt war. Halbnackte Kinder spielten in einem schlammigen Rinnsal, zusammengefegter Unrat gärte in der Sonne.

»Wer wohnt hier?«, fragte ich und presste mir mein Taschentuch auf die Nase. Es stank nach Fäkalien und der Gerbsäure eines Ledermachers, der seine Häute unweit von unserem Standort aufgespannt hatte. »Die Unberührbaren?«

Sahay wies mit der Hand auf einen der Hütteneingänge, machte aber keine Anstalten, sich selbst vom Fleck zu bewegen. »Gehen Sie, Sahab. Fragen Sie nach dem Schwein.«

In diesem Augenblick erschien ein hagerer Mann in der Tür und rief auf Hindi zu uns herüber. Sahay antwortete aus der Ferne. Dem sich entspinnenden Wortwechsel nach zu urteilen, stieß unser Anliegen tatsächlich nicht auf Begeisterung. Dennoch konnte Sahay den Mann mit einigen harschen Worten zum Einlenken bewegen, sodass uns wenig später ein dürres, borstiges Schwein an einem Strick vorgeführt wurde.

»Sie sollen es schlachten«, wies ich an, »und hinter dem Hügel ins Feld legen. Zwei Männer sollen heute Nacht auf dem Hügel Wache halten. Wir haben Netze und Schlingen dabei. Damit sollen Sie das Tier fangen, wenn es sich nähert.«

Empörtes Schnattern und Kreischen ging durch die Menge, die sich in der Zwischenzeit um uns versammelt hatte, als Sahay diese Befehle übersetzte. Wieder hörte ich das Unglück verheißende Wort – Pishaac.

»Sie scheinen sich wirklich zu fürchten, Mister Hedley«, gab Lambert zu bedenken. »Vielleicht wäre es besser …«

»Die Leute werden genau das tun, was ich ihnen sage«, unterbrach ich ihn. »Glauben Sie, ich hätte in den vergangenen 17 Jahren auch nur eine einzige Aufgabe zufriedenstellend gelöst, wenn ich jedes Mal auf das Geschwätz der Einheimischen gehört hätte? Wenn die Männer ihren Auftrag gewissenhaft ausführen, sind wir morgen um diese Zeit vielleicht schon auf dem Weg nach Hause.« In die Zivilisation. Himmel, der Gestank brachte mich beinahe um den Verstand. Ich deutete auf zwei junge, kräftige Männer »Du und du. Ihr tut es. Glotzt nicht so. Wenn ihr Erfolg habt, dürft ihr das Schwein behalten.«

Sahay ließ sich nicht anmerken, ob er meine Entscheidung guthieß, während er die Vorbereitungen überwachte. Das Schwein fand ein rasches, blutiges Ende, wurde an geeigneter Stelle abgelegt und die unfreiwilligen Wachen auf ihre Posten gesetzt. Als es dämmerte, machten Lambert und ich uns auf den Rückweg zu Agarwals Haus. Ich schickte zwei Träger mit der Jagdausrüstung zum Hügel und zog mich zurück, um mich für das Abendessen frisch zu machen. Als ich gerade dabei war, mein Taschentuch notdürftig auszuwaschen, steckte Lambert den Kopf zur Tür herein.

»Verzeihung, Mister Hedley. Sahay hat mich zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen. Wenn Sie gestatten …«

Ich entließ ihn mit einem knappen Nicken. Im Grunde war ich froh, für ein paar Stunden meine Ruhe zu haben.

Chaya brachte mir mein Essen und ich schlang es auf dem Bett sitzend hinunter. Die Schärfe des Currys war erträglich, doch die Soße schmeckte fad und das Fleisch wand sich zäh und trocken zwischen meinen Zähnen. Ich füllte mir den Bauch mit Reis und legte mich schlafen. Auch wenn die Luft mit dem Sonnenuntergang etwas abgekühlt hatte, staute sich die Hitze in der kleinen Kammer. Ich fand keine Ruhe. Wenn ich zu lang still lag, hörte ich das schrille Sirren der Moskitos am Ohr. Kurz darauf spürte ich die ersten juckenden Beulen an Armen und Hals.

Irgendwann kam Lambert zurück und streckte sich auf dem zweiten Bett aus. Als er zu schnarchen begann, setzte ich mich auf, schlüpfte in meine Stiefel und floh in den Hof. Ich brauchte Abkühlung.

Ich zog einen der Korbsessel in ein dunkles Eck und ließ mich seufzend hineinfallen. Leichter Wind war aufgekommen, eine Wohltat. Ich dachte an die Männer, die gerade am Rand des Dorfes auf der Lauer lagen. Morgen früh würden wir die Trophäe einsammeln und von hier verschwinden. Ich hoffte, es war ein Leopard, kein Schakal. Zwar zierten schon einige hübsche Exemplare meinen Bungalow in Kanpur, doch für ein gut erhaltenes Fell war immer ein ordentlicher Preis zu bekommen. Auf dem Foto würde sich der Kadaver ebenfalls gut machen, wenn der Leader über das Ende der Bestie von Rakhpur berichtete.

Das Klimpern schwerer Fußkettchen riss mich aus meinen Gedanken. Eine Gestalt war auf der Veranda erschienen und lief zielstrebig über den Hof zum Eingangstor. Das musste Chaya sein. Sie hatte mich nicht bemerkt und ich machte keine Anstalten, dies zu ändern. Der Mond schien hell genug, dass ich die Ereignisse auch aus der Ferne beobachten konnte.

Chaya zog das Tor eine Handbreit auf. Ich hörte ein Pfeifen. Dann Stimmen, eine männlich, eine weiblich. Hastiges Flüstern. Ich sperrte die Augen auf und beugte mich vor. Chaya öffnete das Tor weiter und trat einen Schritt zurück. Das Mondlicht fiel in einem günstigen Winkel auf das Gesicht des Besuchers. Sahay.

Das verbotene Stelldichein war nicht von langer Dauer. Nach ein paar Minuten ging Sahay leise davon und Chaya verschwand wieder im Haus. Auch ich zog mich in das Gästezimmer zurück. Schlaf fand ich erst in den frühen Morgenstunden.

Lambert winkte mir ausgeruht und frisch entgegen, als ich bei Sonnenaufgang zurück auf den Hof trat. Während wir gesüßten Porridge in uns hineinschaufelten, erschien Sahay. Auch er wirkte alles andere als erholt.

»Guten Morgen, Sahab«, begrüßte er mich förmlich, ehe er sich mit einem strahlenden Lächeln an Lambert wandte. »Guten Morgen, Daniel-ji! Meine Mutter sagt, Sie sollen uns bald wieder besuchen kommen.«

»Sehr gern«, grinste Lambert. »Richte ihr aus, dass das Auberginengemüse ganz fantastisch geschmeckt hat.«

Ich klatschte in die Hände. »Wenn Sie soweit sind, Herrschaften. Lassen Sie uns die wilde Bestie begutachten.«

Auf dem Weg durch das Dorf kamen wir an einem Haus vorbei, vor dem sich trotz der frühen Stunde eine beachtliche Menschenmenge versammelt hatte. Männer standen in heller Kleidung beisammen, Frauen saßen klagend am Boden und schlugen sich gegen die Stirn.

»Rajeev Sharma ist heute Nacht gestorben«, klärte mich Sahay auf, als er meinen Blick bemerkte. »Er war sehr alt und schon seit Langem krank.«

Wir fanden den Posten auf dem Hügel verlassen vor. Auch das Schwein war weg. Meine Laune sank. Keiner meiner Begleiter wagte, das Naheliegende auszusprechen, während wir den Rest des Weges zur Siedlung der Unberührbaren zurücklegten.

Beträchtliches Herumschreien und nicht wenige Drohungen waren nötig, bis sich die Wächter aus ihren Hütten trauten. Wie geprügelte Hunde standen sie vor mir und winselten Unverständliches auf Hindi. Aus Sahays Übersetzungen reimte ich mir zusammen, dass die Bestie in der Tat aufgetaucht war und sich über das Schwein hergemacht hatte. Statt jedoch meinen Anweisungen Folge zu leisten, hatten die beiden die Beine in die Hand genommen und waren weggerannt. Ich tobte noch ein wenig, um meinen Standpunkt zu unterstreichen, und fragte dann, wo das Schwein abgeblieben sei.

»Es ist hier, Sahab«, sagte Sahay. »Sie haben es heute Morgen geholt.«

Ich ließ mich zu dem Kadaver führen. Lambert trödelte bei den nichtsnutzigen Jägern herum, aber ich hatte nicht den Nerv, ihn zu mir zu rufen.

Das Schwein lag im Schatten zwischen zwei Hütten. Fette, schillernde Fliegen summten über dem aufgedunsenen Körper. Ich unterdrückte den Brechreiz, hielt mir mein Taschentuch vor die Nase und ging näher heran. Der Bauch des Tieres war aufgeschlitzt worden, violette Eingeweide quollen hervor. Ich wusste, wie Wild aussah, wenn es von Raubtieren gerissen wurde. Dieser Anblick passte nicht in das Muster. Die charakteristischen Krallenspuren fehlten und die Wunde war zu … gleichmäßig, als habe sich eine unbekannte Kraft zielstrebig durch den Leib des Schweins gebohrt. Mir schwindelte und ich trat zurück.

»Das ist alles?«, blaffte ich. »Warum hat die Bestie nichts gefressen?«

»Das tut sie nie, Sahab«, sagte Sahay, der abseits stand. »Sie nimmt nur das Herz. Den Rest lässt sie liegen.«

»Ist das so?«, knirschte ich und stapfte mit großen Schritten zurück Richtung Dorf. »Warum weiß ich davon nichts? Mir wurde mitgeteilt, in Rakhpur gehe ein Raubtier um. Es war nie die Rede davon, dass es eine spezielle Diät einhält.«

»Gibt es ein Problem?«, fragte Lambert, der sich uns wieder anschloss.

»Sie hätten es vielleicht mitbekommen, wenn Sie uns mit Ihrer Anwesenheit beehrt hätten, Daniel.«

»Tut mir Leid, Mister Hedley. Aber ich habe mich mit den beiden Wachen unterhalten, und …«

»Sie sprechen Hindi, Daniel-ji?«, warf Sahay überrascht ein.

»Das tut er in der Tat«, polterte ich. »Deshalb wissen wir auch, was du und Agarwal vor uns verheimlichen wolltet. Dieser Dämon, dieser … Pishaac. Vor dem fürchtet ihr euch, nicht wahr? Das ist lächerlich, sage ich. Humbug! Wir könnten die Bestie längst haben, wenn ihr …«

»Verzeihung, Mister Hedley«, setzte Lambert an. »Ich glaube, es wird Sie interessieren, was mir die Unberührbaren erzählt haben. Wenn Sie erlauben …«

Ich nickte steif und tupfte mir mit dem Taschentuch die Stirn.

»Wenn es nach Meinung der Dorfbewohner geht, kommt der Dämon nicht von ungefähr. Chayas Vater, erinnern Sie sich? Er war Pächter bei Danesh Agarwal und hoch verschuldet. Vor einigen Monaten sah er keinen Ausweg mehr und erhängte sich an dem Banyan auf dem Dorfplatz. Seine Witwe hätte die Familie nicht allein durchbringen können, doch da bot Agarwal an, Chaya zu heiraten, obwohl sie seit langem mit Sahay verlobt war.«

Ich schaute zu unserem Übersetzer, der seinerseits starr in die Ferne blickte.

Lambert fuhr fort.

»Von da an begann der Pishaac das Dorf heimzusuchen. Die Leute glauben, es ist die Seele von Chayas Vater, verstehen Sie? Sie findet keinen Frieden und muss als Dämon umherirren.«

Ich unterdrückte den Impuls, mir die Haare zu raufen. »Stimmt das, Sahay?«

Nach einer Weile nickte der junge Mann. »So war es, Sahab. Danesh-ji hat meinen Schwiegervater zum Pishaac gemacht. Unser Dorf ist verflucht. Sie hätten nicht herkommen sollen.«

»Hören Sie das, Daniel?«, wandte ich mich an meinen Assistenten. »Dies ist der Grund, aus dem Indien niemals zu den fortschrittlichen Nationen gehören wird. Blinder Irrglaube lähmt die Leute. Sie hätten das Tier schon vor Wochen fangen können, wenn ihnen nicht diese haarsträubende Geschichte dazwischengekommen wäre.«

Lambert sah schuldbewusst zu Sahay.

Bei Gott, es war Zeit, diesem Schmierentheater ein Ende zu bereiten.

»Du kannst gehen«, wandte ich mich an unseren Übersetzer. »Wenn von euch Feiglingen keine Hilfe zu erwarten ist, nehmen wir die Jagd eben selbst in die Hand.«

Sahay erbleichte. »Sahab, tun Sie das nicht! Der Pishaac ist gefährlich. Er wird Sie …«

»Habe ich mich etwa unklar ausgedrückt? Verschwinde jetzt. Wir brauchen dich nicht.«

»Sahab, bitte, fahren Sie zurück nach Kanpur. Wir kümmern uns selbst um das Problem. Wir haben nicht darum gebeten, dass Sie …«

Ich machte einen drohenden Schritt in Sahays Richtung. Der Junge wechselte einen letzten Blick mit Lambert, dann trollte er sich.

»Und wir besorgen uns jetzt einen richtigen Köder«, bestimmte ich und ging in die andere Richtung davon.

Lambert folgte mir stumm. Sollte er schmollen. Er musste lernen, wie man mit den Einheimischen umzugehen hatte.

Zurück im Dorf suchte ich nach dem Haus, vor dessen Tür wir am Morgen die Menschenmenge gesehen hatten. Die Leute standen noch da, es waren sogar weitere Trauernde hinzugekommen. Aus der offenstehenden Eingangstür drang der Singsang eines Hindu-Priesters.

Ich wandte mich an Lambert. »Gehen Sie rein und ordnen Sie an, dass der Leichnam heute noch nicht bestattet werden darf.«

Meinem Assistenten verschlug es für einen Moment die Sprache. »M-Mister Hedley … das … wissen Sie nicht, dass die Hindus ihre Toten unverzüglich verbrennen müssen? Bis dahin steht das Leben der Familie still, sie dürfen nicht einmal essen …«

»Bis morgen früh werden sie aushalten.« Ich schob ihn auf das Haus zu. Feindselige Gesichter starrten uns entgegen. »Gehen Sie jetzt. Tun Sie Ihre Pflicht, Daniel.«

Endlich gehorchte er. Während ich wartete, trocknete ich mir mit dem Tuch den Nacken und erlaubte mir, meinen Hut ein klein wenig zu lupfen. Heute war es schwüler als gestern. Der Monsun stand kurz bevor und ich hatte weiß Gott nicht die Absicht, in Rakhpur zu versauern, bis die Straßen unpassierbar wurden.

Mit dem aufgebrachten Pulk, der mir gleich darauf aus dem Haus entgegenströmte, hatte ich gerechnet. Ich schmetterte das Schimpfen und Flehen ab, bis die Leute einsahen, dass sie mich nicht würden umstimmen können. Ich gestatte ihnen, die Sterberiten zu Ende zu führen, während Lambert und ich zu Mittag aßen. Dann trug ich einigen Männern auf, den toten Körper zusammen mit der Jagdausrüstung zum Verbrennungsplatz zu bringen, und schickte alle davon. Nur ein schmaler Pfad führte durch das mannshohe Zuckerrohr vom Dorf hierher. Lambert und ich verbargen uns zwischen den Halmen und warteten auf den Abend.

Der alte Sharma ruhte verhüllt auf dem Scheiterhaufen. Geier flogen heran und ich vertrieb mir die Zeit, indem ich sie mit Steinwürfen verscheuchte. Dieser Köder war für einen ganz besonderen Aasfresser bestimmt.

Es wurde rasch dunkler. Sirrende Moskitowolken erhoben sich aus ihren schattigen Verstecken. Große Flughunde segelten über uns hinweg. Die schmalen Zuckerrohrblätter rieben wispernd aneinander. Lambert schmollte noch.

Heute Nacht war der Mond voll, die Sicht ausgezeichnet. Wenigstens eine günstige Wendung in dieser widrigen Angelegenheit.

Obwohl ich all meine Sinne auf den stumm daliegenden Verbrennungsplatz gerichtet hatte, ließ mich das erste laute Rascheln zusammenzucken. Ich spürte, wie Lambert sich aufrichtete. Mit angehaltenem Atem stierten wir in die Finsternis, doch noch bevor wir den Neuankömmling erkennen konnten, traf uns dessen Geruch. Eine stechende Mischung aus faulendem Fleisch, Moder und Exkrementen.

Kurz darauf schickte sich das unsichtbare Wesen an, am Scheiterhaufen emporzuklettern. Es befand sich auf der von uns abgewandten Seite, daher hörten wir einige Sekunden lang nur das tierische Grunzen und Zischen, das den Aufstieg der Kreatur begleitete.

Ich winkte Lambert mit mir und schlich geduckt näher, das Gewehr im Anschlag. Als ich die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, schob sich eine dunkle Silhouette über den Rand des Scheiterhaufens. Ich glaubte, einen plumpen, haarlosen Leib auszumachen, dazu vier lange, muskulöse Gliedmaßen und einen kahlen, runden Schädel.

Ich erstarrte.

»Pishaac«, hauchte Lambert hinter mir.

Die Kreatur näherte sich röchelnd dem Leichnam, hockte sich äffisch auf den starren Körper und begann, das dünne Leichentuch aufzuschlitzen. Es senkte sein Maul zur Brust des Toten hinab. Ich ignorierte das Schmatzen und Knacken, mit dem sich das Scheusal in Sharmas Brustkorb fraß, zwang meine bebenden Hände unter Kontrolle, legte an, und schoss.

Die Bestie jaulte auf und riss den Kopf in den Nacken. Sehnen und Fleischfetzen baumelten von ihren Zähnen. Rote Augen zuckten in unsere Richtung. Mit einem Satz war das Monster vom Scheiterhaufen herunter.

Schnell, verflucht schnell.

Ich lud nach.

Schoss.

Diesmal sah ich, wie die Kugel den Leib durchschlug. Die Kreatur wurde nicht langsamer. Mit zwei weiteren Sätzen war sie heran und stürzte sich auf Lambert, der schreiend zu Boden ging.

»Verdammt, schießen Sie, Daniel!«, brüllte ich, warf mich auf den Dämon und riss an seinen Schultern. Der Gestank verätzte mir Nase und Rachen, meine Sicht verschwamm. Unter meinen Händen zerlief das Fleisch der Bestie zu klebrigem Brei, meine Fingernägel zersplittern an den Knochen, als kratzten sie über Granit. Mit dem Gewehrkolben drosch ich auf den Rücken der Bestie ein, bis mir Schmerzensblitze in die Schultern fuhren. Ich sah, wie der Dämon eine lange, scharfe Klaue in Lamberts Brust bohrte. Ein pfeifender Laut entstieg seiner Kehle.

»Sahab, aus dem Weg!«

Mein Kopf flog herum.

Sahay?

Der junge Inder brach zwischen den scharfen Halmen hervor, in der Hand eine brennende Fackel. Zischend ließ der Dämon von Lambert ab. Sahay stellte sich ihm entgegen und schlug ihm den flammenden Ast ins Gesicht.

»Nehmen Sie Daniel. Laufen Sie.«

»Ich habe ein Gewehr, ich …«

»Laufen Sie!«

Ich legte mir Lamberts Arm um die Schultern und zerrte ihn auf die Füße.

Sahay schwenkte die Fackel erneut. Die Bestie kreischte und ging zum Angriff über. Malmende Kiefer schlossen sich um Sahays Handgelenk. Der Junge heulte auf und ging in die Knie. Die Fackel glitt ihm aus den Fingern.

Knochen knackten.

»Hedley, wir …«, stöhnte Lambert.

»Später. Wir müssen weg.« Ich zog ihn ins Gebüsch.

Das Kreischen des Dämons klang jetzt wütender, wilder, wahnsinniger. Sahay brüllte, bis sich seine Stimme überschlug. Wieder das schmatzende Geräusch. Ein ersticktes Gurgeln, das ich nicht zuordnen konnte. Nicht zuordnen wollte.

Wir stolperten den Pfad entlang, der zurück zum Dorf führte. Als Lambert zu Atem kam, riss er sich los und wollte umkehren. Ich verpasste ihm einen Faustschlag ins Gesicht und schubste ihn weiter.

Hinter uns war es still geworden.

Als Chaya am nächsten Morgen den Tee servierte, zitterten ihre Hände so stark, dass sie mir den halben Becher über die Hose schüttete. Fluchend schickte ich sie fort. Agarwal hatte sich seit unserer nächtlichen Rückkehr nicht blicken lassen.

Ich nahm meinen Koffer und ging hinaus auf die Straße, wo zwei Tongas unter dem Banyan bereitstanden. Die Sonne brannte erbarmungsloser denn je. Im Verlauf der gestrigen Ereignisse hatte ich mein Taschentuch verloren. Die Fahrt würde unangenehm werden, aber am Bahnhof konnte ich ein neues kaufen.

Lambert trat zwischen zwei Hütten hindurch auf den Dorfplatz. Er hatte in der Nacht nicht in Agarwals Haus geschlafen. Ich musterte den Bluterguss an seiner Schläfe. Die Wunde in der Brust lag unter dem Hemd verborgen.

Eine Mannslänge von mir entfernt blieb er stehen und sah mich herausfordernd an.

Entschlossen hievte ich mich in die Tonga. »Nun, worauf warten Sie? Steigen Sie auf. Mit dem Zwölf-Uhr-Zug wird es ohnehin knapp.«

Lambert legte eine Hand auf den Sitz. »Die Bestie hat sein Herz gefressen. Ich dachte, das interessiert Sie vielleicht.«

Ich erwiderte seinen Blick ungerührt. »Danke, Daniel. Und jetzt kommen Sie. Das steht morgen sowieso alles im Leader

 

***

© 2021 by Lisa-Marie Reuter

Mit freundlicher Genehmigung

Enthalten in: Bloody Qindie präsentiert: Dorfidyll. Halloween-Special. Herausgeber: Qindie. Independent Bookworm 2020.

Alle Rechte vorbehalten.

Über die Autorin

Lisa-Marie Reuter

(c) Sybille Thomé

Lisa-Marie Reuter, geboren 1987, zog für ihr Indologie-Studium nach Würzburg, wo sie bis heute lebt und schreibt. Wenn sie dabei nicht in frei erfundene Fantasywelten abtaucht, lässt sie sich von ihren Indienreisen inspirieren. Vieles, was sie zwischen Delhi und Bengaluru, Jaisalmer und Guwahati erlebt hat, ist allerdings viel zu verrückt, um einen glaubwürdigen Roman abzugeben.

Die nächste Kurzgeschichte erwartet dich am Freitag, den 12. März, genau hier.

 

Tolle Überraschungen ...

... erwarten dich in unserem Newsletter. Preisaktionen, exklusive Gewinnspiele, die besten Neuerscheinungen. Bestelle jetzt unsere Raketenpost!

Bestelle jetzt unseren Newsletter
Share:   Facebook