26. März 2020 – Mainz | Simona Turini

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FICTION

26. März 2020 – Mainz | Simona Turini


Wie war das eigentlich mit Schrödingers Katze? Man musste doch nur nachgucken, ob das Viech überlebt hat, oder? Nachwuchswissenschaftler Toni wird es herausfinden!

Unsere fies-flauschige PAN-Story des Monats von Simona Turini entstammt der Anthologie Die Chronik der Zombieflauschapokalypse vom Chaospony Verlag.

***

Heute rannte Toni über die Wiese. Toni rannte eigentlich immer. Er war zwölf, und Zwölfjährige gehen nicht langsam, wenn Sommer ist und sie Ferien haben. Es warten einfach zu viele Abenteuer, die in viel zu wenig schulfreie Zeit gequetscht werden wollen.

Das heutige Abenteuer war besonders groß, und deshalb rannte Toni sogar noch schneller als sonst.

Heute war es nämlich so weit: Er würde die Kiste wieder ausgraben – nach drei schier unendlichen Tagen – und hineinschauen können. Heute würde sein Experiment den glorreichen Abschluss finden. Gewissheit – nichts Geringeres würde Toni schon in wenigen Minuten erlangen. Die Gewissheit, die der Geist des Wissenschaftlers so heiß ersehnt und ohne die er nicht sein kann.

Toni hatte zwar eher den Geist eines Kindes, aber im Grunde ist das dasselbe.

Endlich erreichte er den Baum, neben dem die windschiefe Hütte stand, die er mit Achim und Murat in mühevoller Kleinarbeit zusammengezimmert hatte. Bretter aus der Garage von Tonis Vater, Nägel aus der Werkstatt von Murats Onkel und sogar ein paar Schrauben, die der große Bruder von Achim mit dem Akkuschrauber an die richtigen Stellen gesetzt hatte, damit das Bauwerk den Jungs nicht über den Köpfen zusammenbrach. Darauf hatte Murats Mama bestanden, die immer ein bisschen arg besorgt war.

Toni sah sich gerne als Anführer der Gruppe, als verrückten Professor, wie Doc Brown oder so. Er war der mit den Ideen, und meist dauerte es nicht lang, Murat und Achim zu überzeugen, damit sie mitzogen. Dass gerade Achim gerne mal zickig wurde und sich selbst als Anführer aufspielte, einfach, weil er sieben Monate älter war, störte Toni nicht groß. Dafür war er zu überzeugt von sich.

In der Hütte saß Achim und schnitzte an einem Ast herum. Seit der neue Mann von Achims Mutter ihm ein Messer geschenkt hatte, kam er sich noch toller vor. Toni hätte auch gerne ein Messer, aber seine Eltern erlaubten das nicht. Einmal hatte er beim Frühstück ein Buttermesser geklaut, aber das hatte sich als höchst untauglich zum Schnitzen erwiesen, und Achim hatte ihn ausgelacht.

»Hey, McFly!«, grüßte Toni.

Achim schnaufte. »Nenn mich nich so. Ich hab doch gesagt, dass ich den blöden Film blöd find.«

Toni überging den blöden Kommentar und schnappte sich die Schaufel, die er vor drei Tagen von zu Hause mitgebracht und dann einfach hiergelassen hatte. Er wusste genau, wie er Achims Interesse wecken konnte – er legte sich die Schaufel einfach über die Schulter und machte sich pfeifend auf den Rückweg nach draußen.

»Was willstʼn machen?«, fragte Achim auch sofort.

Toni blieb grinsend stehen. »Nix«, flötete er betont gelassen. »N büschn graben.«

Obwohl er mit dem Rücken zu seinem Freund stand, wusste er genau, dass Achim jetzt auf die unvergleichliche Achim-Art die Augenbrauen zusammenzog. Er konnte regelrecht hören, wie die Rädchen in Achims Hirn klackerten und ratschten. Fast glaubte er, ein helles »PING!« zu vernehmen.

»Etwa da, wo du dieses alberne Kreuz auf den Boden gemacht hast? Ich dachte, da hätteste n Grab gebaut oder so.«

Gewonnen! Achim würde ihm so was von helfen! Toni drehte sich schwungvoll um die eigene Achse, was ihn wegen der schweren Schaufel fast das Gleichgewicht kostete.

»Nah dran!«, rief er enthusiastisch.

Der Achim-Augenbrauen-Zusammenzieher. Zweifel, vermischt mit unbändiger Neugier. »Wie, nah dran?«

»Na, nah dran halt. Komm mit, ich zeigʼs dir.«

Damit verließ Toni endgültig den Unterschlupf und trat in die helle Mittagssonne. Grillen zirpten, Vögel zwitscherten, sogar eine Eidechse huschte den Stamm der Buche hinauf, neben der das große, ungelenk aus zwei Stöcken und ein bisschen Schnur zusammengebastelte Kreuz stand. Toni bekam das alles kaum mit – einzig die Eidechse weckte kurz seine Aufmerksamkeit. Aber die konnten sie später auch noch fangen, die gab es hier zuhauf.

Ungeduldig mit dem Fuß auf dem Boden trommelnd wartete er darauf, dass Achim aus der Bretterbude kam. Dann setzte er zu seiner Erklärung an.

»In ein Grab tut man Leute oder Tiere oder so, die tot sind, ne?«

Achim nickte. Dieses Prinzip war ihnen allen geläufig, seit sie vor fast drei Jahren bei der Beerdigung von Murats Opa gewesen waren. Der alte Mann hatte in einem offenen Sarg gelegen, und die Jungs hatten sich bei jeder Gelegenheit hingeschlichen und hineingespäht. Er hatte ausgesehen, als würde er einfach nur schlafen, deshalb hatten sie Murats Bruder gefragt, wann er denn wieder aufstehen würde. Natürlich hatte der sie dafür ausgelacht, dann aber erklärt, dass der Opa nie wieder aufstehen würde, der wäre tot und würde gleich begraben werden. Damit er nicht nachts wiederkommen und die Familie auffressen könnte.

Das hatte wenig Sinn ergeben, sogar für die verwirrten Kinder, die vorher noch nie mit dem Tod in Berührung gekommen waren. Wie sollte der Opa denn wiederkommen und alle fressen, wenn er doch gar nicht mehr aufstehen konnte? Trotzdem hatte Toni sich ein bisschen gegruselt und war froh gewesen, als sie nach dem Essen – »Leichenschmaus« hatte das geheißen, dabei hatte es ganz normale Sachen gegeben – wieder nach Hause gegangen waren.

»Also, wenn in ein Grab nur Leute oder Tiere kommen, die tot sind, dann kann das hier kein Grab sein, weil da nix Totes drin ist. Glaub ich zumindest. Sieht jetzt nur so aus, weil ich das halt markieren musste, damit ich auch richtig grabe.«

»Und was hast du da verbuddelt?«

»Ein Experiment!«

Toni strahlte. Um den Effekt seiner Aussage zu erhöhen, hob er erneut die Schaufel, die ihm aber dabei aus der Hand rutschte und mit einem lauten Klonk! gegen den Baumstamm krachte. Das Strahlen verrutschte Toni ein wenig, das konnte er spüren. Die verflixte Schaufel war aber auch schwer!

Schnell bückte er sich danach und hob sie auf, wobei er das Markierungskreuz umwarf. Mit einem Tritt beförderte er das Kreuz an die Seite und wirbelte wieder zu Achim herum, die Schaufel jetzt fest in beiden Händen.

Achim hatte immer noch die Augenbrauen zusammengezogen. Dass der nie Kopfweh kriegte davon!

»Du weißt doch noch, was die Frau Weiser vor den Ferien erklärt hat, mit diesem Kerl, diesem Schröder, und was der mit seiner Katze gemacht hat.«

»Hieß der nicht Schöller oder so?«, fragte Achim.

»Is doch egal.« Toni wollte sich seinen großen Erklär-Moment nicht nehmen lassen. Wäre Murat hier gewesen, wäre das noch toller, aber der war mit seinen Eltern in der Türkei. »Also, der Schröder oder Schöller oder so, der wollte doch wissen, ob so ne Katze stirbt, wenn man die in ne Kiste tut. Aber der hat das ja irgendwie nich hingekriegt mit dem Nachgucken, und deshalb weiß das bis heute niemand. Richtig?«

Achim nickte. Das war aber auch kompliziert gewesen, was Frau Weiser da erklärt hatte. Die drei Jungs hatten ewig gebraucht, sich das später zusammenzureimen. Und ganz viel Zeugs davon hatten sie gar nicht verstanden und der Einfachheit halber weggelassen.

»Also dacht ich mir, wir probieren das auch mal aus und gucken richtig nach, nich so wie der Schröller, und dann wissen das alle und wir werden voll berühmt und so.«

Jetzt schien Achim erst zu schalten – die Augenbrauen rückten so nah zusammen, dass sie zu einer wurden.

»Willste etwa sagen, du hast da ne Katze vergraben? Ne echte Katze?«, fragte er und klang gleichermaßen entsetzt und fasziniert.

»Ja«, sagte Toni schlicht.

»Aber das kannste doch nich machen!«, fuhr Achim jetzt auf. »Das arme Vieh!« Und, nach einer Sekunde des Nachdenkens: »Die braucht doch Wasser!«

Jetzt war es an Toni, das Gesicht zu verziehen. Verdammt, daran hatte er gar nicht gedacht. Hatte er womöglich mit seiner Nachlässigkeit das ganze Experiment verfälscht? Und wo bekam er jetzt eine neue Katze her?

Aber dann winkte er ab. »Ach!«, meinte er. »Die is da doch erst drei Tage drin. Der Herr Müller sagt, drei Tage kann man auch ohne Wasser überleben. Und unter der Erde isses doch nich so heiß. Da is bestimmt alles gut.«

Achim schien immer noch zu zweifeln. Wieder ratterte es in seinem Schädel, das konnte Toni sehen.

»Mann«, rief sein Freund dann aus. »Das kann gar nich gehen. Du hast das voll nicht kapiert!«

Toni verlor die Geduld. Er wollte endlich seine Kiste ausgraben. »Wo-hol!«, rief er zickig. »Wenn man ne Katze will, die nich lebt, aber auch nich tot ist, dann tut man sie in so ne Kiste. Nur das mit dem Atom-Ding hab ich nich kapiert, aber das kann man bestimmt weglassen.«

»So n Quatsch! Das is n Gedankenexperiment, hat Frau Weiser gesagt. Das kann man nich in echt machen.«

»Werden wir ja sehen!«

Trotzig hob Toni die Schaufel und stieß sie mit all seiner Kraft in die Erde am Fuße des Baums, neben dem die Hütte stand. Ungefähr da hatte das Kreuz gestanden, also musste ungefähr da auch die Kiste sein. Achim machte keine Anstalten, ihm zu helfen. Typisch.

Nach ein paar Minuten Plackerei stieß das Schaufelblatt auf die kleine Holzkiste, in die Toni vor drei Tagen den Streuner gesteckt hatte. Die Katze zu finden war das Schwierigste an seinem Experiment gewesen. Tagelang hatte er Schinken und Käse aus dem heimischen Kühlschrank geklaut und das magere graue Vieh, das immer in ihrer Straße auftauchte, angelockt. Irgendwann war es fast zutraulich geworden, hatte sich von Toni streicheln lassen und war ihm auch manchmal gefolgt, wenn er draußen rumgelaufen war.

Erst als er die Katze gepackt und in die Kiste gestopft hatte, hatte sie sich gewehrt und ihn übel gekratzt. Aber darüber sah Toni im Namen der Wissenschaft hinweg. Manchmal musste man eben leiden, um echte Erkenntnisse zu gewinnen.

Achim war inzwischen näher gekommen und stand dicht neben Toni. Gebannt starrten die beiden Jungen in das Loch in der Wiese. Toni atmete noch mal tief durch, warf Achim einen ernsten Blick zu und bückte sich, um die Kiste vorsichtig aus dem Loch zu heben.

Sofort ließ er sie wieder fallen: Die Kiste bewegte sich!

Achim erschrak so heftig, dass er einen Satz nach hinten machte und gegen den Baumstamm prallte.

»Aua!«, rief er und rieb sich den Hinterkopf.

Auch Toni war zurückgewichen, aber als Forscher war er natürlich viel gelassener und viel besser vorbereitet auf unvorhergesehene Situationen. Trotzdem war sein Lachen eher nervös als heiter. Aus der Kiste drang ein Fauchen.

»Hm«, sagte er. »Ich glaub, sie könnte noch leben. Warum hat dieser Schöllinger das nicht gemerkt?«

»Vielleicht hatte der ne ruhigere Katze. Unser Karlo schnurrt immer nur, der faucht nie so!«, sagte Achim.

Das war natürlich eine Möglichkeit.

»Es hilft nix, wir können erst sicher sein, wenn wir die Kiste aufgemacht haben. Das war doch so wichtig, weißt du noch? Dass jemand die Kiste aufmacht.«

Achim nickte, zog sich aber sicherheitshalber noch ein Stück neben den Baumstamm zurück.

»Dann mach«, sagte er.

»Okay.«

Erneut atmete Toni tief durch und bückte sich zu der Kiste. Vor Anspannung streckte er die Zungenspitze zwischen den Lippen heraus. Schweiß trat auf seine Kinderstirn. Ganz langsam klappte er den Verschluss der Kiste nach oben und machte sofort einen Schritt zurück.

Nichts passierte.

Toni drehte sich zu Achim um. »Willst du das nich machen? Wir werden doch beide berühmt, wenn wir das jetzt machen, und dann musst du da auch was geleistet haben.«

Achim überlegte kurz und schüttelte dann heftig den Kopf. »Nee, du, mach du mal. Ich überlass dir den Ruhm gern. Du bist doch Doc Brown und so. Da brauchst du doch die ganze Re… Re…pution und so.«

Toni wollte nicht zugeben, dass er jetzt schon ein bisschen Angst hatte. Aber war das überhaupt Angst oder nicht vielmehr die Aufregung des Entdeckers vor seiner großen Entdeckung?

Nach ein paar Sekunden beugte er sich wieder zu der Kiste runter und hob den Deckel. Sofort schoss ein graues Bündel heraus und prallte gegen seine Beine, um zu seinen Füßen reglos liegen zu bleiben. Toni kreischte, wie es sonst nur die Mädchen auf dem Schulhof taten, wenn die Jungs ihnen im Winter die Mützen wegnahmen oder sie von hinten knufften – ein schrilles, lautes, zutiefst verstörtes Kreischen, das keinerlei Erleichterung brachte, sondern nur weiteres Kreischen nach sich zog, eine Kreischorgie, die zu beenden über die Kräfte eines kleinen Jungen von zwölf Jahren ging.

Erst Achim brachte Toni zum Schweigen, indem er ihm – selbst brüllend und panisch auf- und abhüpfend – eine Ohrfeige versetzte.

Dann standen die beiden Kinder da, eng aneinandergedrückt, und starrten mit großen Augen auf das, was der Holzkiste entsprungen war.

Es war der Streuner, unverkennbar, aber sein Fell war kaum noch grau, sondern an den meisten Stellen rötlich-braun und noch verfilzter denn je. Das Tier lag auf der Seite, halb zusammengerollt, und seine Krallen gruben sich ziellos in den Haufen mit Aushub aus dem Loch, auf dem er gelandet war. Sein linkes Hinterbein zuckte wild, wie bei Murats altem Schäferhund, wenn man ihn an der richtigen Stelle so richtig kräftig kraulte. Einer seiner Augäpfel baumelte an einem dünnen, irgendwie schleimig aussehenden Faden, der abriss, als das Hinterbein noch wilder zuckte und das herabhängende Auge traf. Der Anblick bereitete Toni Übelkeit, und er guckte schnell weg.

Dabei fiel sein Blick in die Kiste, und jetzt wurde ihm erst recht schlecht. In einer Mischung aus Katzenkacke und -pisse und -blut lag der Schwanz des Streuners – aber er lag da nicht einfach so, er wedelte. Immer hin und her zuckte das Ding, wie eine wütende Schlange.

Neben ihm stöhnte Achim auf und wimmerte: »O, o nein, was ist das denn, o!«, und Toni glaubte, Tränen in der Stimme seines Freundes zu hören.

Plötzlich sprang die Katze auf, fauchte heiser und raste los. Wieder kreischten die Kinder auf, Achim packte Tonis Hand und gemeinsam rannten sie, als sei der Teufel hinter ihnen her.

Wenn man als Wissenschaftler so was erleben musste, dann wollte Toni lieber doch keiner werden!

***

© 2020 By Simona Turini.
Erstmals erschienen in: Die Chronik der Zombieflauschapokalypse. Chaospony Verlag 2020.
Alle Rechte vorbehalten.

Über die Autorin

Autorin Simona Turini

1981 in Mainz geboren, wurde Simona Turini früh gezwungen, etwas Anständiges zu lernen. Seitdem bemüht sie sich um die Bewahrung ihrer geistigen Gesundheit, indem sie wirre Texte zwischen Stephen King, Neil Gaiman und Abdul Alhazred verfasst, die sie nun auch endlich der Öffentlichkeit vorstellen darf. Sie lebt und arbeitet im schönen Wiesbaden & wird sich dafür nicht entschuldigen.

Die nächste Kurzgeschichte erwartet dich am Freitag, den 9. April, genau hier.

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