Die Prinzessin | Isabella von Neissenau

FICTION

Die Prinzessin | Isabella von Neissenau


Alenas Schwester wurde brutal ermordet. Doch was haben die schwarzen Runen auf ihrer Leiche zu bedeuten? Und was hat der Höllenfürst Ashmodai mit dem Fall zu tun?

Die actionreiche Urban-Fantasy-Story „Die Prinzessin“ spielt mit den magischen Möglichkeiten von Schein und Sein und entstammt der frisch erschienenen Anthologie Urban Fantasy: Going Intersectional (Ach je Verlag).

 

***

„Sie wünschen?“

Für einen Augenblick überlegte Alena einfach weiterzulaufen, doch sie erinnerte sich an die Worte ihrer Schwester, dass sie als Frau höflich zu sein hatte. Mit gezwungenem Lächeln blieb sie stehen und musterte den schmächtigen Pförtner in seiner etwas zu großen Uniform. Tiefe Augenringe dominierten sein müdes, faltiges Gesicht und passten gut zum gelangweilten Ton seiner Stimme. „Sind Sie Frau Schäfer?“

Alena ging ein paar Schritte auf seine Kabine zu, zog ihr kurzes Kleid gerade und überprüfte flüchtig ihr jugendliches Aussehen im Glas der Trennscheibe. „Ja, ich suche Dr. Hochwart.“

Der Mann betrachtete sie skeptisch von oben bis unten und kontrollierte ihren Ausweis, bevor er widerwillig lächelnd den Gang hinunter deutete. „Einmal um die Ecke, dann die letzte Tür links.“

Ein gehauchtes Dankeschön später ging Alena tiefer in das Gebäude des Berliner Kriminaltechnischen Instituts. Mit seinen blassgrünen Böden, weißen Wänden und automatischen Türen erinnerte es unweigerlich an ein Krankenhaus und auch die sterile, metallisch riechende Luft unterstrich dieses Bild. Die junge Frau passte hingegen mit ihrer dunklen Schminke, ihrem Kleid in warmen Rottönen und ihrer teuren Handtasche kaum in die kalten Räume, doch Alena genoss diesen Kontrast. Selbstbewusst schritt sie an den Angestellten des Instituts in ihren weißen Kitteln vorbei, bis sie das Büro von Dr. Hochwart erreichte. Durch ein offenstehendes Fenster war der kleine Raum unangenehm kalt, doch Alena kümmerte sich wenig darum und schlug demonstrativ ihre unbekleideten Beine übereinander, während sie vor dem Schreibtisch der fülligen Ärztin Platz nahm.

„Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie auf das Hilfegesuch der Polizei geantwortet und uns bei der Identifizierung des Opfers geholfen haben. Aber ich kann mir trotzdem beim besten Willen nicht erklären, wie der Staatsanwalt Ihrem Anliegen zustimmen konnte“, begann Dr. Hochwart und rückte dabei ihre modische Brille zurecht. „Haben Sie sich das wirklich gründlich überlegt?“

„Ja“, entgegnete Alena knapp und beugte sich nachdrücklich nach vorne. „Ich will die Leiche meiner Schwester sehen!“

Die Ärztin nickte nachdenklich, öffnete suchend zwei Schubladen und reichte ihr schließlich aus der dritten eine Aktenmappe mit einigen Fotografien. „Wie Ihnen, glaube ich, bereits erklärt wurde, hat der Täter ihre Schwester schrecklich verstümmelt. Ich will Sie nicht bevormunden, aber vielleicht ist es besser, wenn Sie Ihre Schwester so in Erinnerung behalten, wie sie zu Lebzeiten war.“

Alena schob die Mappe sofort zurück. „Ich bin nicht hier für Fotos“, zischte sie wütend, auch wenn ihre verstorbene Schwester diesen harschen Ton als unweiblich verurteilt hätte.

Die Ärztin seufzte leise, während sie aufstand und resigniert zur Tür ging. „Bitte folgen Sie mir.“

Wieder führte der Weg durch die sterilen Gänge des Kriminaltechnischen Instituts, doch dieses Mal ging es zum Fahrstuhl. Im zweiten Untergeschoss zog sich Dr. Hochwart dann Kittel, Haube, Mundschutz und Handschuhe über, und Alena tat es ihr gleich. Immer wieder zupfte sie im Laufen an dem blassgrünen, unförmigen Outfit, das bis auf ihre roten Schuhe ihre figurbetonte Kleidung vollständig verbarg. Deren Absätze hallten dafür umso lauter durch die unterirdische Leichenhalle, bis Dr. Hochwart schließlich einen der Räume aufschloss und Alena hineinführte.

Regale mit medizinischen Utensilien und unleserlich beschrifteten Schubladen pressten sich hier zwischen nicht weniger als fünf Waschbecken. Auf den Anrichten darüber lagerten grell-gelbe Schläuche und ganze Wannen mit Desinfektionsmittel. Doch Alena schenkte den Gerätschaften der Gerichtsmedizin kaum Beachtung. Ihr Blick haftete starr auf der humanoiden Form, die unter einer schwarzen Plane auf der mittleren von drei metallenen Liegen lag.

Dr. Hochwart legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. „Ich weiß nicht, warum Sie sich das antun, aber noch können Sie es sich anders überlegen.“

Mit einem kleinen Ruck befreite sich Alena von der Hand der Ärztin und schüttelte nur wortlos den Kopf. Dr. Hochwart seufzte ein weiteres Mal und zog langsam die Plane bis zu den Schultern der Verstorbenen zurück.

Das Gesicht von Prinzessin Iloris Torell, dem aufgehenden Stern, der Dritten ihres Namens und Generälin der geflügelten Ritter, war entstellt. Ihre Ohren waren abgeschnitten, die Augen nur noch leere Höhlen, und tiefe Schnitte zeichneten Runen in ihre Haut. Alena flüsterte eine Grußformel in der ältesten aller Sprachen, während ihr Blick ruhig über die einst vollkommenen Züge ihrer Schwester schweifte. Wer kann dir das angetan haben?, dachte sie und erinnerte sich, wie Iloris und sie sich einst Riesen und Trollen entgegenstellten und selbst in die Tiefen der jenseitigen Höllen vorgedrungen waren. Sind wir so schwach geworden?

Während Alena noch in Erinnerungen versunken auf ihre Schwester starrte, machte sich Dr. Hochwart bereits daran, den Leichnam wieder zuzudecken. Alena sah das nur aus dem Augenwinkel, und doch hielt sie blitzschnell die Hand der Ärztin fest.

„Frau Schäfer, Sie haben Ihre Schwester jetzt gesehen, und das muss reichen!“, rief Dr. Hochwart energisch und wollte noch etwas hinzufügen, doch als die Haut von Alena zu flimmern begann, hielt sie inne. Stumm und verwirrt starrte sie auf die junge Frau vor sich, während Alena sich auf die Ley-Linien, das immer schwächer werdende magische Skelett der Welt, konzentrierte. Unter der Erde fiel es ihr leichter, sie zu spüren und doch waren sie fast gänzlich verschwunden. Nur wenige Funken vermochte sie zu sammeln und formte sie zu einer schimmernden Schlange, die ihre Fangzähne in der Ärztin versenkte und sie in einen traumlosen Schlaf versetzte. In ein paar Stunden würde sie erwachen und sich an nichts erinnern, was seit Sonnenaufgang geschehen war. Alenas Arbeit konnte beginnen.

Langsam enthüllte sie den geschundenen Leib ihrer Schwester und begann mit ihren Fingern über die blutigen Runen zu fahren, die am ganzen Körper in ihre Haut geschnitten waren. Alenas prüfender Blick suchte nach Kampfwunden von Waffe oder Zauber, doch sie entdeckte nichts außer schwarzen Äderchen an der Kehle ihrer Schwester. Wer immer der Täter war, hatte aber zumindest durch die abgeschnittenen Ohren und die ausgestochenen Augen sichergestellt, dass kein menschlicher Arzt ihre wahre Identität sofort bemerken würde. Oder aber der Täter hatte sie als Trophäen an sich genommen. Alenas Gedanken rasten um längst vergessene Schrecken, die gegen Iloris auf Rache sinnen könnten. Immer wieder schlug sie wütend mit der Faust auf die metallene Liege. Das Material bog sich unter ihrer Kraft, und der Körper ihrer Schwester erzitterte.

„Wer hat dir das angetan?“, brüllte Alena mit aller Kraft, doch die Lippen ihrer Schwester blieben versiegelt und hallten ungehört von den kalten Wänden wider. „Wer wagt es uns anzugreifen?“, wiederholte sie ihre Frage, doch erneut gab es keine Antwort. Wütend schnaubend blickte Alena sich um und versuchte wieder die Kraft der Ley-Linien zu nutzen, um den Schleier der Vergangenheit magisch zu durchdringen. Doch die Ley-Linien waren zu schwach und ihre Konzentration reichte nicht aus. Es war, als wollte sie mit einem Netz Wasser schöpfen. Alles, was sie erreichte, war ein leichtes Flimmern der Luft und ein Vibrieren der Utensilien in den Schränken um sie herum.

Der gescheiterte Versuch hatte mehr Kraft verbraucht als gewonnen, und Alena spürte, wie der Glimmer, der ihr Aussehen formte, nachgab. Hecktisch tastete sie über ihr Gesicht, suchte eine spiegelnde Oberfläche und untersuchte ihre Erscheinung. Höchstens einen Menschen würde ihr Glimmer noch täuschen können, und die konnten ihr bei der Lösung des Rätsels nicht helfen. Trotzdem wollte sie nicht warten, bis sich ihre Kräfte erholt hatten. Sie brauchte Antworten, und es gab andere, die zweifellos mehr über diese Runen und den Tod ihrer Schwester wussten und die königlichem Blut Gehorsam schuldig waren. Alena nickte entschlossen, zog eine Phiole aus ihrer Handtasche, hielt sie an das Ohr ihrer Schwester und öffnete sie behutsam. Ein in allen Farben des Regenbogens schimmernder Käfer kam aus dem Inneren hervor, streckte seinen vielfach gehörnten Kopf in alle Richtungen und kroch in das Ohr der Toten.

„Der Yetari wird deinen Leib verschlingen, Schwester, und du wirst wieder eins mit der Erde. Doch mein Kampf ist noch nicht vorbei!“ Ohne eine weitere Geste des Abschieds machte sich Alena auf den Weg heraus aus dem Institut, legte die medizinische Schutzkleidung schon im Laufen wieder ab und begann mit den ersten Anrufen, sobald sie im Erdgeschoss wieder Empfang hatte. Die Jagd hatte begonnen.

 

Etliche Gespräche mit alten Kontakten und eine unangenehme Taxifahrt später stand Alena zwischen alten Plattenbauten im Osten Berlins. Der Himmel über ihr war trüb, die von Abgasen schwere Luft roch noch schlimmer als die in dem gammeligen Taxi und selbst eine lästige Fliege schien ihr aus dem Auto gefolgt zu sein, um ihr weiter mit ihrem Summen den Verstand zu rauben. Die junge Frau konnte ihre Wut nur schwer zügeln, doch zumindest fand sie nach einer Weile die gesuchte Adresse und konnte auch die Fliege mit einem gezielten Schlag verjagen.

Sie stand vor einem großen Elektromarkt, dessen blau-weiße Einrichtung genau wie bei jedem anderen seiner Art gestaltet war. Alena schritt durch die Eingangstür, vorbei an Sicherheitssensoren und Regalen voller Kabel, Batterien, Druckerpatronen, Kopfhörern und Computertastaturen. Die anderen Kunden kümmerten sie genauso wenig wie das immer gleiche Warenangebot. Sie suchte einen der Mitarbeiter, den sie schließlich im zweiten Stock zwischen den Waschmaschinen fand. Er war gerade im Gespräch mit einem älteren Ehepaar und bemerkte sie zuerst gar nicht. Stattdessen erzählte er in blau-weißem T-Shirt und mit fachkundigem Ton von den Vorzügen der verschiedenen Modelle und schien sich dabei sehr zu gefallen. Was das Ehepaar mit seinen menschlichen Augen jedoch nicht sah, war, dass sich unter der Illusion eines Mannes mittleren Alters, mit Geheimratsecken und flüchtendem Kinn, ein alter Satyr mit Hufen und Hörnern verbarg, dessen einst braunes Fell grau und dünn geworden war.

Als Jens Iwanow, wie er sich laut Namensschild nannte, Alena jedoch schließlich bemerkte, brachte er das Beratungsgespräch zu einem schnellen Stopp und ließ die beiden Kunden mit ihrer Entscheidung allein. Stattdessen trat er auf die junge Frau zu und deutete eine Verbeugung an. Ihr geschwächter Glimmer war für seinen geschulten Blick mühelos durchschaubar.

„Mein Prinz, es ...“, begann er, doch Alena unterbrach ihn mit erhobener Hand.

„Wo können wir ungestört sprechen?“, fragte sie barsch und folgte dem Satyr in einen der Lagerräume, auf dessen Tür groß „Zutritt verboten!“ stand. Eine Kollegin und ein Kollege von Jens bemerkten zwar, wie er die junge Frau unerlaubt dorthin führte, doch wenn Alena die Blicke der beiden richtig deutete, schienen sie Jens in Gedanken mehr zu seiner guten Partie zu gratulieren. Doch im Augenblick gab es für sie Wichtigeres, als sich mit den vorschnellen Vermutungen von Menschen aufzuhalten.

In dem Lagerraum angekommen, verneigte sich der alte Satyr noch einmal ehrfürchtig vor ihr. „Wenn ich mich vorstellen darf, mein Name ist Orrus, und es ist mir eine Ehre, Euch zu dienen, Prinz Alenios.“

Alena atmete tief ein und konzentrierte sich auf ihre Mission. „Es heißt jetzt Prinzessin Alena“, korrigierte sie Orrus und konnte nicht anders, als daran zu denken, wie er durch ihren Glimmer auf ihren männlichen Körper sah. Alle medizinischen Versuche, ihn zu ändern, scheiterten an der rasanten Selbstheilung ihres Leibs und ihre Magie an den geschulten Augen von Orrus. Doch bevor der Satyr etwas dazu anmerken konnte, fuhr sie fort, ohne Widerworte zu dulden. „Du weißt, weswegen ich dich aufgesucht habe?“

„Mein Prinz“, setzte Orrus an, kam ins Stocken und strich sich hastig über seinen Kinnbart, bevor er fortfuhr. „Eure Hoheit, es wurde mir in der Tat berichtet. Und ich war überrascht, von Euch zu hören, Ihr wart so lange verschwunden, dass ich Euch tot glaubte.“

Erneut deutete Orrus eine unterwürfige Verbeugung an, doch Alena mochte sein Gehabe nicht. Sie standen nicht im einst gold-schimmernden Palast ihres Vaters, sondern zwischen Paletten mit braunen Kartons. In der Luft tanzten keine Feen, sondern nur Staubkörner im Sog der Klimaanlage und das Licht der surrenden Lampen war kalt und grau.

„Ich brauche deinen Rat, Wissenssucher“, sagte sie und zeigte ihm eine Zeichnung der Runen. „Was bedeuten diese Symbole, die in den Leib meiner Schwester geschnitten wurden?“

Orrus nahm das Papier, führte es nahe vor seine Augen und musste sich schließlich auf eine der Paletten setzen, während auch er kräftezehrend versuchte, die versiegende Macht der Ley-Linien zu nutzen. Sein Glimmer flackerte, und für einen Moment fürchtete Alena, jemand könnte hereinkommen und seine wahre Gestalt erblicken, doch sie blieben allein. Stattdessen formte sich ein schwerer, mit Juwelen verzierter Foliant aus funkelnder Energie in der Hand des Satyrs, und er begann murmelnd auf alten Seiten Formeln und Zeichen zu studieren. Alena begann währenddessen unruhig auf und ab zu gehen, knickte dabei einmal fast mit ihren hohen Absätzen um und verfluchte sich für ihre Schuhwahl. Doch sie störte Orrus nicht bei seiner Suche und wartete geduldig, bis er langsam und wohlüberlegt zu sprechen begann.

„Eure Hoheit, die Runen sind dunkle Magie der Menschen, die nicht mit der Kraft der Ley-Linien, sondern mit Fleisch und Blut zaubern.“

„Blutmagie“, zischte Alena. Ihre schlimmste Befürchtung hatte sich bestätigt. „Doch was für ein Zauber ist es, den der Mörder wirken will?“

Orrus hielt kurz inne, als würde es etwas ändern, wenn er seine Erkenntnisse geheim hielt. Doch schließlich begann er leise, fast hauchend weiterzusprechen. „Es ist eine Beschwörung. Der Blutmagier will den Höllenfürsten Ashmodai in diese Welt rufen.“

„Ashmodai?“ Alena erstarrte für einen Augenblick. Schon einmal hatte sie sich dem Feuer des Dämons in den jenseitigen Höllen gestellt, damals mit ihrer Schwester, und beide überlebten sie den Kampf nur knapp. „Zweifellos weißt du, dass ich diesen Namen nicht zum ersten Mal höre. Hat der Tod meiner Schwester mit unseren früheren Taten zu tun? Ist der Mörder ein Anhänger des Höllenfürsten, der seinem Herrn gefallen will?“

„Ja und Nein“, entgegnete Orrus und deutete auf den schweren Folianten in seinen Händen. „Die alten Schriften künden davon, dass Ashmodai nur mit königlichem Blut beschworen und beherrscht werden kann, das bereits von seinem weiß-glühenden Feuer berührt wurde.“ Er atmete tief ein, bevor er fortfuhr, während Alena ihn mit ihrem Blick durchbohrte. „Und Ihr seid in großer Gefahr, Eure Hoheit. Denn der Blutmagier braucht euer beider Blut.“

„Halte mich nicht unnötig hin, Wissenssucher!“, befahl Alena dem alten Satyr und hatte noch im selben Moment Iloris’ mahnende Stimme im Kopf, dass eine Frau nicht so barsch sein darf.

Orrus fuhr seinerseits augenblicklich fort: „Das Blut einer Prinzessin lockt den Dämon herbei, Eure Hoheit, aber nur das Blut eines Prinzen vermag ihn zu beherrschen.“ Der Satyr fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut und schaute an Alena vorbei auf die unzähligen braunen Kartons, wo sein Blick schließlich an einer fetten Fliege hängen blieb. Alenas sah das, und mit einem schnellen Hieb erschlug sie das Tier. „Richte deine Augen auf mich, Wissenssucher, wir …“

Alena unterbrach ihre wütende Rede, da sich die Augen des Satyrs plötzlich geweitet hatten, und blickte auf ihre Hand. Schwarzer, teerartiger Schleim und Klumpen geronnenen Blutes klebten daran. Sie war keine Gelehrte, doch auch sie wusste sofort, dass sie keine Fliege erschlagen hatte. Ein Homunculus, ein Blutgolem, hatte sie belauscht. Blitzartig suchte sie den Raum ab, und auch Orrus sprang erschrocken auf. Aus der Verkaufshalle war bereits Tumult zu hören.

„Es tut mir leid, aber dieser Bereich ist nur für Mitarbeiter!“, betonte einer der Kollegen von Orrus mit Nachdruck, und als Alena die Tür des Lagerraums einen Spalt breit öffnete, sah sie, wie er mit dem Pförtner aus dem Kriminaltechnischen Institut sprach. Doch dessen faltiges Gesicht wirkte jetzt alles andere als gelangweilt. Seine Augen funkelten böse, als sich ein kleiner Schnitt in seiner Hand bildete und der Mitarbeiter des Ladens sich im nächsten Moment röchelnd an die Kehle faste. Schwarze Adern zogen sich dort über seine Haut, wie Alena sie bereits bei ihrer Schwester gesehen hatte. Und während der so Verzauberte zu Boden sank, trafen sich die Blicke Alenas und des Pförtners, und der Mann lächelte siegessicher.

Ruckartig zog Alena die Tür wieder zu und schaute kurz zu Orrus, doch der alte Satyr würde ihr kaum helfen können. Noch einmal tastete sie mit ihren Sinnen nach den Ley-Linien, konnte sie nur wie einen Silberstreif am Horizont erahnen und formte mit großer Mühe einen goldenen Speer aus funkelnder Magie. Was ihr einst so leicht gefallen war wie Atmen, erforderte nun ihre vollständige Konzentration und ließ ihren Glimmer erlöschen wie eine Flamme, der die Luft geraubt wurde. Lange schwarze Haare, spitze Ohren, reptilienhafte Augen und ein immer noch schlanker, aber falscher Körper. Alena konnte nicht anders, als an ihre Erscheinung zu denken, und doch war da auch die Kriegerin in ihr, die sich an alte Schlachten erinnerte. Schnell waren die unpraktischen Schuhe abgestreift und der Speer zum Kampf erhoben. Orrus verbarg sich hinter Kisten und Paletten, und für einen Moment war es ruhig in dem kleinen Lagerraum.

Dann flog die Tür krachend aus den Angeln. Ihr Holz war schwarz und verrottet, als sei es hundert Jahre alt. Noch bevor sich der aufgewirbelte Staub legen konnte, trat der Pförtner durch das entstandene Loch, einen schwarzen Stab in der einen Hand, eine Kristallkugel mit rot waberndem Nebel im Inneren in der anderen. Ohne zu zögern ließ Alena ihren Speer auf ihn niederfahren, doch eine unsichtbare Kraft schleuderte sie zur Seite. Orrus nahm seinen Mut zusammen und wollte verzweifelt eine Kiste nach dem Blutmagier werfen, doch plötzlich griff auch er sich an die Kehle und sank atemlos zu Boden.

„Jämmerlich!“, rief der Blutmagier mit unnatürlich schriller Stimme, und während er sprach, begann sich sein Gesicht wie eine Maske von seinem Kopf zu lösen und gemeinsam mit seiner zu großen Uniform zu Staub zu zerfallen. Statt dem einfachen Pförtner stand eine hochgewachsene Frau mit schlohweißem Haar und ausgemergeltem Gesicht vor Alena. Unter ihrer hellen Haut zeichneten sich zahllose blaue Adern ab und ihr langes, dunkles Kleid stank nach geronnenem Blut.

„Dass ich deine lächerliche Verkleidung zuvor nicht durchschauen konnte, beschämt mich, Prinz Alenios.“

Abfällig musterte die Blutmagierin Alena, doch die hatte den Kampf noch nicht aufgegeben. Sie sammelte ihre Wut auf die Magierin, sprang mit einem schnellen Satz auf und schleuderte ein kleines Paket auf eine der Deckenlampen, deren Leuchtröhren funkenstäubend zersprangen. Für einen Wimpernschlag blickte die Blutmagierin zur Decke und dieser Moment reichte Alena. Blitzschnell stieß sie ihren Speer nach vorne, traf die Magierin zwischen die Rippen und verfehlte ihr Herz nur knapp. Erstickt rang die Magierin nach Luft, als statt dem Herzen ihre Lunge durchbohrt war, während Alena bereits zum nächsten Schlag ansetzte. Wirbelnd zog sie den Speer zurück, ließ ihn schwingend niederfahren und zielsicher traf die Klinge die Kehle der Frau. Dunkles Blut spritzte aus der Wunde auf Pakete und Alenas Kleid. Die Blutmagierin brach zusammen wie eine Marionette, deren Fäden durchtrennt waren.

Alena wollte aufatmen, doch Orrus rang immer noch verzweifelt nach Luft. Der Zauber hatte noch Kraft und die Blutmagierin … Einen Augenblick zu spät setzte Alena zu einem weiteren Schlag an, doch noch bevor sie die Magierin traf, begann das Blut in ihrem Leib wie Feuer zu brennen und zwang sie mit einem Schmerzensschrei in die Knie. Klirrend entglitt der goldene Speer ihren Händen, während sich die Blutmagierin unnatürlich wie eine gliederlose Puppe wiederaufrichtete. Ihre Wunden waren nicht verheilt, doch sie bluteten auch nicht mehr. Unheilige Magie gab der Frau neue Kraft und nahm Alena gleichzeitig die Kontrolle über ihren Körper, als würden ihre Muskeln gegen eine unsichtbare Kraft in ihrem Inneren ankämpfen und die Magierin das Blut in ihren Adern kontrollieren.

„Ich mag es kaum glauben, dass ihr einst uns Blutmagier erniedrigt und gerichtet habt, Prinz Alenios“, begann die Frau aus ihrer aufgeschlitzten Kehle zu gurgeln, während sie ihren dunklen Stab auf Alenas Brust legte. „Es widert mich an, dass die euren einst die Jäger waren und die meinen die Gejagten. Doch wie sich das Blatt nun gewendet hat, da eure Macht versiegt.“

Wie die Schnitte eines unsichtbaren Dolches bildeten sich im nächsten Augenblick klaffende Wunden auf Alenas Haut. Mühevoll unterdrückte sie es vor Schmerzen zu schreien und doch musste sie hilflos mitansehen, wie sich auf ihrem Leib dieselben blutigen Runen bildeten wie auf dem ihrer Schwester.

„Nun werden die Meinen über die Welt herrschen und Armeen von Dämonen werden Menschen und magische Wesen gleichermaßen in die Knie zwingen!“ Die Magierin schrie ihre Worte mit übermenschlicher Lautstärke, die Deckenlampen im ganzen Gebäude zersprangen in tausend Scherben und eine unnatürliche Finsternis begann sich auszubreiten. Aus dem Verkaufsbereich waren ängstliche Rufe zu hören, Menschen verließen das Gebäude fluchtartig und während Alena noch um ihr Leben rang war Orrus bereits bewusstlos zusammengesunken.

Mit ihrem Stab begann die Magierin nun rot leuchtende Runen in die Luft zu zeichnen, sprach mit dunkler, verzerrter Stimme verbotene Formeln und schleuderte ihre Kristallkugel wuchtig auf den Boden. Klirrend zersprang sie und der rote Nebel in ihrem Innern, das Blut von Prinzessin Iloris Torell, begann sich in einem Wirbel mit dem aus Alenas Wunden zu vermischen. Die Beschwörung des Höllenfürsten Ashmodai war nicht mehr aufzuhalten.

Risse bildeten sich in der Zwischenwand zum Verkaufsraum, ließen sie stückweise zusammenbrechen und gaben die Sicht frei auf die in Dunkelheit gehüllten Regale voller Elektronikartikel. Das ganze Gebäude begann zu beben, ängstliche Menschen kauerten sich hinter Kühlschränke und Computergehäuse, während sich ein Spalt im Gefüge der Realität zu öffnen begann. Es war als würde ein Blitz von der Decke zum Boden zucken, der in der Zeit eingefroren war und wütend gegen die Kraft ankämpfte, die ihn festhielt.

Gerade gelang es noch einigen Menschen durch die zertrümmerten Eingangstüren ins Freie zu fliehen, als schwarze Klauen aus dem Blitz wuchsen, diesen auseinander rissen und ein Portal in eine Welt voller Klagen und Leid öffneten. Weiße Flammen züngelten aus dem Dimensionstor, ließen Metall und Plastik schmelzen und hüllten eine vielleibige Gestalt ein, die sich in den Raum zu wälzen begann. Ashmodai war erschienen - eine gewaltige, unförmige schwarze Masse aus Zähnen und Klauen inmitten eines Meeres aus weiß-glühenden Flammen.

Die Stimme des Dämons war ein gurgelndes Donnern, voller Schmerz und Zorn. „Wer wagt es, mich in diese sterbende Welt zu locken? Wer wagt es, mich aus meinem ewigen Schlaf zu erwecken?“

Alena hatte bereits kraftlos die Augen geschlossen, alles um sie herum drehte sich, und sie vermochte durch den Blutverlust und die Schmerzen kaum noch zu atmen. So hörte sie nur, wie die Blutmagierin dem Dämon mit gebieterischer Stimme antwortete. „Ich habe dich beschworen, Höllenfürst! Mit dem Blut einer Prinzessin lockte ich dich aus deinem Reich und mit dem Blut eines Prinzen gebiete ich dir. Sei fortan mein Sklave und verneige dich vor mir!“

Eine unbeschreibliche Hitze erfüllte den Raum, als die Flammen des Dämons wütend aufloderten. Die Farbe an Wänden und Decken bekam Risse, der Boden platzte auf, Handys und Fernseher zerschmolzen zu unförmigen Haufen und auch vor der Blutmagierin machten die Flammen nicht halt. Ihre Haare fingen Feuer, ihre Haut warf Blasen und schreiend ging sie zu Boden. Mit schmerzverzerrtem Blick starrte sie in Richtung des immer größer werdenden Dämons, der sich brennend vor ihr aufbäumte.

„Du Närrin, keines Prinzen Lebenskraft bindet mich!“ Die Blutmagierin begriff zu spät. Brennend und schwer verwundet konnte sie Ashmodai nichts entgegensetzen und war machtlos, als sein glühender Leib sie erdrückte und ihren Körper zu Schlacke und Asche zermalmte. Doch ohne die Blutmagierin begann auch das Höllentor seine Kraft zu verlieren, und der weiß-glühende Höllenfürst wälzte sich, von unsichtbaren Kräften gezogen, in seine Welt zurück.

Als er verschwunden war, brannte das Gebäude. Wo die Flammen des Dämons nicht nur Asche und zerschmolzenes Plastik zurückgelassen hatten, hatten sie Kartons und Styropor entzündet. Zahllose Brandherde breiteten sich rasend schnell aus. Der Rauch entlockte Alena ein schmerzhaftes Husten, während sie halb bewusstlos in dem einstigen Lagerraum lag. Von draußen hörte sie die Sirenen der Feuerwehr, musste an die Worte des Höllenfürsten denken und konnte nicht anders, als mit ihrem letzten Atemzug triumphierend zu lachen.

04-1 wusste nicht, wie ein Mensch Ungeduld empfand. Seine Konstrukteure hatten ihn als Kommunikationsroboter ohne menschliche Gefühle entworfen. Für ihn war Ungeduld die verstrichene Zeit seit der Landung und die sinkende Wahrscheinlichkeit, dass er seine Mission noch erfüllen konnte. Die Systemausfälle häuften sich und eine Analyse ergab einen bevorstehenden Totalausfall.

Seine Begleiter und er hatten auf dem Mars eine Basis errichtet und alles für das Eintreffen eines Kolonisationsschiffes vorbereitet, doch dieses Schiff erschien nicht. Und auch heute würde es nicht landen. Die Überwachungsanlage der Station hätte ein sich näherndes Schiff schon vor Monaten geortet, trotzdem stand 04-1 wie jeden Tag auf dem Syrtis Major Plateau und suchte den schmutzig gelben Himmel nach ihm ab. Seine Handlung war widersinnig, aber sie war zur Routine geworden und die tägliche Wiederholung verhinderte, dass er das Ziel ihrer Mission vergaß. Wie so vieles andere zuvor.

Beteigeuze, Orion, der Große Wagen ... seine Sensoren analysierten den Raum zwischen den Sternen, ohne ein Raumschiff entdecken zu können. In der Luft tanzten Staubschwaden, rot vom Eisenoxid der Atmosphäre. Im Osten, gerade noch in Sensorreichweite, lag der Krater Isidis Planita. In westlicher Richtung erhob sich der Olympus Mons, der mit seinen 26 Kilometer als der höchste Berg im Sonnensystem galt.

Das Bild einer seiner Außenkameras flackerte. Eine Systemanalyse ergab einen Kabelbruch in einem weiteren Modul. Schon wieder ein Defekt. So viele, dass er die Protokolldatei längst nicht mehr aktualisierte. Er hatte einen Zustand erreicht, in dem auf jede Reparatur zwei neue Ausfälle folgten.

04-1 schaltete die defekte Kamera ab. So viele Defekte. Als der Inhalt seines Energiespeichers schlagartig von siebenundsechzig auf neunundreißig Prozent absackte, machte er sich auf den Rückweg.

Die Ketten seines Antriebs gruben sich in den feinen Marssand, wirbelten ihn auf und zogen eine Wolke aus rotem Staub hinter sich her, während er auf die Station zufuhr. Rechts neben ihr durchpflügte ein Schürfroboter den Boden. Ursprünglich sollten sie nur eine Kuppel errichten, dank einer neuen automatischen Fertigungsstraße gab es inzwischen drei von ihnen und eine weitere Anlage, in der neue Roboter entstanden. Roboter der neusten Generation, mit einer besseren KI und simulierten Gefühlen. 04-1 konnte keine Zufriedenheit angesichts ihrer gewaltigen Leistung empfinden, aber er registrierte positiv die imposante Erscheinung der Station, die weit über ihrer Vorgabe lag. Er ließ die Antennen der Sende- und Empfangsanlage hinter sich und näherte sich dem Zugang von Kuppel A. Wie lange lag ihre Landung schon zurück? Er rief die Videodatei auf. Ihr Zeitstempel war beschädigt, doch der Inhalt spielte ab.

***

 

© 2021 by Isabella von Neissenau

Erschienen in: Urban Fantasy: Going Intersectional. Herausgegeben von Aşkın-Hayat Doğan & Patricia Eckermann. Ach je Verlag 2021.

Alle Rechte vorbehalten.

Über die Autorin

Isabella von Neissenau hat Geschichte und Politik studiert, arbeitet hauptberuflich als Lehrerin und ist über Pen&Paper-Rollenspiele als Hobby zum Schreiben gekommen. Seit einigen Jahren schreibt sie als freie Autorin für das deutsche Rollenspiel Splittermond und ist darüber hinaus auch als Cosplayerin aktiv.

Die nächste Kurzgeschichte erwartet dich am Freitag, den 26. Februar, genau hier.

 

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