"Archibald Leach und der Krake von Leipzig" von Markus Cremer

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FICTION

Archibald Leach und der Krake von Leipzig | Markus Cremer


Eine mysteriöse Warnung führt Sarah und Archibald auf den Wintermarkt in Leipzig. Soll hier heute die Hölle entfesselt – oder gar ein Anschlag auf den König verübt werden?
 
Unsere PAN-Story des Monats von Markus Cremer hat ordentlich Dampf und stammt aus der Anthologie Das Cadvendarium - Neues aus der Wunderkammer (Lysandra Books).

***

»Noch vor zwanzig Jahren hätte ich es für ausgeschlossen gehalten, dass ich das neue Jahrhundert erleben würde. Zu groß die Gefahren, denen mich Archibald Leach unwissentlich aussetzte.«
»Mein Leben mit dem Exzentriker Archibald Leach« von Sarah Goldberg, dritte Auflage, 1899

 

Der Schnee fiel in dichten Flocken vom Himmel und bedeckte die Dächer der über hundert Buden ebenso wie die Köpfe der zahlreichen Besucher. Trotz der sommerlichen Temperaturen erweckte der Anblick den Eindruck eines weihnachtlichen Marktes.

»Sind wir deshalb hier?« Sarah Goldberg strich sich das graue Haar aus dem Gesicht.

Archibald Leach antwortete: »Das wollte ich nicht verpassen, denn -«

»Jetzt verstehe ich, warum wir den Expresszeppelin nach Leipzig nehmen mussten.« Sarah fing eine Schneeflocke mit ihrer mechanischen Hand. Anders als die anderen Flocken war diese tiefschwarz. Weit über ihnen lärmten Zeppeline, die den sommerlichen Schneefall verantworteten.

Beeindruckend, dachte Sarah. Diese Deutschen werden immer besser.

»Ich kann immer noch nicht fassen, dass Sie mich mit diesem pittoresken Weihnachtsmarkt überraschen.«

»Nun, es -« Der Auftritt eines mechanischen Seifenbläsers unterbrach ihn, der auf seinen Stelzen durch die Menge schritt, wobei er in jede Richtung kindskopfgroße Seifenblasengebilde verteilte.

»Wo fangen wir an?« Sarah sah sich die Fassade des Gebäudes an, welche die Kulisse für das Markttreiben bildete. Alles wirkte verschwommen.

»Ach verdammt.« Sie setzte ihre Brille auf.

Vor dreißig Jahren brauchte ich das Ding nur für weite Entfernungen und wenn ich auf etwas zielte.

Das Gebäude war beeindruckend groß und ihr zugewandt fand sich ein hoher Turm, der an der Seite weit über das Dach hinausragte. Unter der Spitze des Turms entdeckte sie einen vollbesetzten Balkon.

»Die Aussicht von dort oben muss phantastisch sein.«

»Die Anzahl der Treppenstufen bis dort oben aber auch«, ergänzte Sarah. »Um einen solchen Anblick zu genießen, muss man reich sein.«

»Oder Mauerputzer.« Archibald zeigte auf die Arbeitsbühne, die durch dampfbetriebene Saugnäpfe unterhalb des Balkons klebte. »Der reine Irrsinn!«

»Wieso?«

»Die pure Ironie«, meinte Archibald. »Wir verwenden Dampfkraft, um Mauern zu reinigen, die durch den Ruß der Dampfkraft erst verunreinigt wurden.«

Er zog ein Buch aus seiner Jackentasche. Laut Umschlag ein Baedeker, der bekannteste Reiseführer in deutscher Sprache.

»Dieses moderne Gebäude stellt übrigens das Neue Rathaus dar«, erklang Archibalds Dozententon.

»Sie können so gut Deutsch?«

»Nicht die Sorte, die hier gesprochen wird«, sagte er und näherte sich dem Tannenbaumstand.

Ein kleiner Wald aus Bäumen war dort aufgebaut worden. Die zuckerwatteartige Bedeckung durch den künstlichen Schnee erzeugte die Illusion eines Wintertags.

»Diese spontane Reise zu unserem Jahrestag ist wirklich großartig«, erklärte Sarah Goldberg und sah sich um. »Ich hätte nicht gedacht, dass Sie noch zum Romantiker werden.«

»Unser Jahrestag?« Archibald blickte auf.

»Überrascht?« Sie verengte ihre Augen.

»Die Überraschung wird noch größer, wenn -«

»Was?« Sarah hob den Zeigefinger ihrer Handprothese. »Sagen Sie nicht, die Reise hat einen anderen Grund!« Ihre Fingerspitze zitterte. Sie redete sich ein, dass dies vom Alter der Prothese herrührte.

»Dann sage ich besser nichts.«

Ein Pfiff ließ sie zusammenzucken. Die Nachbildung eines gewaltigen Kraken mit Gondeln in seinen Tentakeln bewegte sich lärmend im Kreis. Sie musste zugeben, dass die Konstruktion beeindruckend war.

»Heraus damit!«, zischte sie und riss ihm den Reiseführer aus der Hand. Auf der Karte von Leipzig war ein Fünfeck eingezeichnet worden. Unleserliche Notizen fanden sich darunter. Sie sah zum Rathaus hinüber, dann zur anderen Seite und schließlich blickte sie Archibald an. »Nur Kritzeleien, oder?«

»Ich deute es als Hinweis darauf, dass jemand die Hölle entfesseln möchte.«

»Was reden Sie da?«

»Die Hölle? In Leipzig?«

Ich hätte es wissen müssen.

»Heute!« Archibald tippte auf das eingetragene Datum.

»Deshalb unsere Reise? Wegen Gekritzel!«

»Ein Hinweis, übermittelt mittels mechanischer Taube!«

»Von wem?«

»Ein besorgtes Mitglied der Bürgerschaft hat -«

»Was besorgt diesen Mann, was er nicht der Polizei mitteilen kann?«

»Eigentlich kein Mann -«

»Wer ist die Schickse?«

»Eine englische Zofe.«

»Konnte man keine regulären Agenten schicken?«

Ihr wurde schmerzhaft bewusst, dass sie ihren Spektralrepetierrevolver nicht zur Hand hatte.

Ich hätte es wirklich wissen müssen.

»Man hat sich an mich gewandt und gemeint, wenn ich Zeit hätte -«

»Das ist ja wohl -«

Archibald unterbrach sie: »Bürgerpflicht, ich weiß.«

Während er sprach, leuchteten seine grauen Augen.

Er deutete auf den Wald aus Tannenbäumen und stürzte sich in den Strom aus flanierenden Menschen.

»Die Schickse hat sich direkt an Sie gewandt?«

»Eigentlich die Sektion von B.O.O.K. im Deutschen Reich.«

»Wir arbeiten doch nicht mehr für B.O.O.K.!«

»Seit Königin Victorias Tod sind sie liberaler geworden.«

»Liberaler? Dieser Orden überwacht die Ausleihen in allen Büchereien! Das sind hundsgemeine Spitzel -«

»Wo wir doch schon hier sind, kann es nicht schaden, die Augen offen zu halten.«

»Es kann sehr wohl schaden!«

»Tun Sie verwirrt!« Archibald zog sie hinter sich her.

»Kein Problem.« Sie fand sich vor dem Wald aus eingepflanzten Tannenbäumen wieder. Der grauhaarige Verkäufer mit den roten Backen lächelte sie an. Sarah verstand ihn nicht, doch seine Geste war unmissverständlich. Hinter ihm erwachte ein dampfbetriebener Blechmann mit Sägeblattarm lautstark aus seiner Starre. Die Konstruktion aus Holz und Kupferleitungen überragte selbst den hochgewachsenen Archibald.

»Spielen Sie die unentschlossene Ehefrau!« Archibald wühlte im nächstbesten Tannenbaum herum.

»Wie soll das helfen?«

»Zwei Punkte.« Seine Stimme drang gedämpft zwischen den Zweigen hervor. »Erstens. Es könnte sein, dass wir erwartet werden.«

»Von wem?«

»Von Leuten, die nicht wollen, dass die Hölle heute ausfällt.«

»Zweitens?«

»Wir befinden uns auf einem der Eckpunkte des Pentagramms.«

Da sie seine Vorliebe für Okkultes nicht teilte, ging sie auf diesen Punkt nicht ein.

»Sagen wir es der Polizei und alles ist gut«, schlug sie vor.

»Das wird nicht gehen -« Archibald tauchte aus dem Tannenbaum auf.

»Was ist nun schon wieder?«

»Die Zofe, von der ich eben berichtete ...«

Sie drohte ihm mit der Faust.

»Die Zofe wurde von ihrer Herrin ertappt und so besteht die Möglichkeit, dass -«

Er brach ab, als am Eingang zum Tannenwald zwei Uniformierte mit Pickelhaubenhelm auftauchten, deren schwarze Kleidung mit gezackten Metallplatten verstärkt war. Magnetische Abzeichen, Handschellen und Schlagstöcke hafteten an der dunklen Oberfläche.

Entschlossen deutete Sarah auf einen der Bäume. Der Verkäufer zuckte mit den Schultern. Die Uniformierten drehten sich um und verschwanden in der Menge.

»Für wen arbeitete die Zofe?« Sarah beugte sich vor.

»In der Tat fragte ich mich dies auch -«

»Heraus damit!«

»Sie ist die Zofe von Luisa von Österreich-Toskana.«

Verständnislos starrte sie ihn an.

»Die Gemahlin von Friedrich Augustus III.«, erklärte Archibald, als sei damit alles Notwendige gesagt.

»Das ist noch mal wer?« Ihr schwante, dass ihr die Antwort nicht gefallen würde.

»Der König dieses Landes.«

»Warum sollte die Königin -« Sie unterbrach sich selbst. »Ein anderer Mann?«

»Könnte sein, ebenso ihr -«

»Ehrgeiz?«

»Wahnsinn«, meinte er. »Wenn die Ausleihliste von B.O.O.K. korrekt ist.«

»Wessen Bücher hat sie ausgeliehen? Ihre?«

»Englishmen?«, versuchte es der Verkäufer und stemmte die Fäuste in die Seite. Sarah nickte ihm zu und deutete auf einen Baum auf der anderen Seite. Der Verkäufer rieb Zeigefinger und Daumen aneinander.

»Das Zeichen einer Geheimloge?«, vermutete Archibald.

Sarah gab dem Mann ein paar Banknoten.

Der Verkäufer drehte sich zum Blechmann um. Mehrere Hebel wurden betätigt und Rauch stieg auf. Der Blechmann bewegte sich ungelenk zu dem anvisierten Baum. Sein rechter Arm umschloss den Stamm, während das rotierende Sägeblatt seine Arbeit aufnahm. Am unteren Rücken stieg überzähliger Druck in Form einer Dampfwolke auf.

Der Konstrukteur hatte Humor.

»Lenken Sie den Verkäufer ab!« Sarah folgte dem Blechmann. In ihrem Kopf erschien das Bild, wie sich das Sägeblatt dem König näherte.

Der perfekte Attentäter.

Keiner sah in ihre Richtung.

Sarah trat hinter den Blechmann und fand die Stelle mit dem Überdruckablasser. Die kraftverstärkenden Zahnräder ihrer Prothese knirschten, dann zerbrach das Ventil. Rasch wich sie zurück. Eine gewaltige Dampfwolke stieg auf und schmolz den Schnee von den umliegenden Tannenbäumen. Der Verkäufer fuhr schreiend herum.

Andere Besucher deuteten auf sie. Sarah steuerte den Ausgang an und bemühte sich um ein höheres Tempo. Sie konnte nur hoffen, nicht auf dem nassen Boden auszurutschen. Bis sie sich aufgerappelt hätte, wäre jeder Polizist in Leipzig bei ihr.

Archibald rief etwas auf Deutsch, bevor er ihr zuflüsterte: »Der Maronenstand ist der nächste Eckpunkt!«

Der Tannenbaumverkäufer krakeelte ihnen hinterher.

Geduckt führte Archibald sie durch den Menschenstrom.

Hinter der Bude eines Anbarkristallverkäufers hielten sie atemlos an. Der Stand des Maronenverkäufers befand sich nur wenige Schritte entfernt.

Archibald nahm seinen Zylinderhut ab und wischte sich mit seinem Einstecktuch über die Glatze.

»Sollten wir nicht alle hier warnen?« Sarah atmete nur stoßweise.

»Wovor denn?«

»Ein guter Punkt«, stimmte sie zu. »Dann finden wir besser die Bombe, bevor jemand zu Schaden kommt.«

»Welche Bombe?«, fragte er. »Ich dachte an das Ritual zur Hervorrufung einer tentakelbewehrten Wesenheit aus dem Abyssus, welche buchstäblich die Hölle -«

Trotz ihrer langen Partnerschaft konnte sie manche Gedankengänge ihres Gatten nicht nachvollziehen.

Möglicherweise das Geheimnis unserer glücklichen Ehe?

»Es ist eine Bombe. Eine Höllenmaschine!«

»Jede Wette, dass es keine Bombe ist.«

»Einverstanden«, sagte sie. »Wenn ich gewinne, reisen wir, wohin ich möchte.«

»Dito.«

Sie ergriff seine ausgestreckte Hand. »Sie werden großen Augen machen, wenn wir die Bombe finden.«

»Wenn«, sagte er lakonisch. »Schon eine Ahnung, wie man Ihre nicht vorhandene Bombe entschärft?«

»Warum ich?«

»Wer sonst?«, meinte er. »Der Tannenbaumverkäufer!«

»Sehr witzig!«

»So sieht er nicht aus.« Archibald deutete hinter sie.

»Ich habe eine Idee!« Ohne auf seine Antwort zu warten, marschierte sie mit schmerzender Hüfte los.

Sarah wünschte inständig, ihren Revolver mitgebracht zu haben. Sie öffnete die Seitentür der Bude des Maronenverkäufers. Die ungeheuer stabil gebaute Frau hinter dem Tresen sah sie verwirrt an. Was sie sagte, verstand Sarah nicht. Der Geruch nach gebratenen Mandeln und Maronen umwaberte sie. Ohne sich um die Proteste der Frau zu kümmern, öffnete sie einen Unterschrank nach dem anderen. Die Verkäuferin wechselte die Gesichtsfarbe zu einem satten Tomatenrot. Hinter ihr sagte Archibald etwas auf Deutsch. Die Frau wich zurück.

»Was haben Sie gesagt?«

»Oberste Gesundheitsbehörde!«

Im nächsten Augenblick flog die Tür auf. Der Tannenbaumverkäufer stürzte herein. Archibald schnappte sich eine Pfanne vom Herd und streckte sie dem Mann entgegen. In seiner Wut schlug der Verkäufer die Pfanne zur Seite. Er schrie auf. Gebrannte Mandeln flogen durch die Bude. Die Verkäuferin stieß Sarah zur Seite, entriss Archibald die Pfanne und stürzte sich auf den Tannenbaumverkäufer. Die Menge vor der Bude johlte.

Sie schlüpften durch die Tür auf der anderen Seite.

»Das war knapp«, sagte Sarah.

Ein Mann mit schwarzem Anzug hörte ihre Worte und fragte: »Excuse me?«

»Bitte?«, fragte Sarah.

Der Mann stellte sich als Tourist aus Wales heraus, der höflichst um die Uhrzeit bat.

Archibald nannte sie ihm.

»Dann bin ich nicht zu spät«, meinte der Mann.

»Wofür?«, fragten Sarah und Archibald unisono.

»Sind Sie nicht hier, um den Besuch des Königs zu erleben?«

»Der König kommt hierher?«

»Er wird in zwanzig Minuten erwartet.« Der Mann schritt davon.

»Damit kennen wir zumindest das Ziel des Anschlags.«

»Es ist kein Hirngespinst«, meinte Archibald. »Sagte ich doch.«

»Wo könnte man eine Höllenmaschine verstecken?« Sarah sah sich auf dem Vorplatz des Rathauses um. »Vielleicht im Zentrum der Zeichnung?«

Einige Minuten vergingen, bis sie die Stelle erreichten. Zu ihrer Verwunderung befand sich dort keine Bude oder ein anderer Schausteller.

»Hier ist nichts«, stellte sie fest.

Archibald holte ein Pendel aus der Jackeninnentasche hervor.

»Dafür haben wir keine Zeit!«

»Wenn ich eine der Leylinien erpendele -«

Kindergeschrei lenkte Sarah ab. Eine Frau mit Haube und blauem Kleid schob einen Kinderwagen an ihr vorbei.

Das perfekte Versteck für eine Höllenmaschine!

Sie warf einen Blick in den Wagen und schrak zurück.

»Was ist los?«, fragte Archibald. »Was gefunden?«

»Das hässlichste Kind, welches ich jemals sah.«

»Es könnte trotzdem ein Kinderwagen sein«, meinte er. »Ein Blutopfer …«

Unnatürliche Klarheit erfasst Sarah. In der vorbeiflutenden Menge befanden sich unzählige Kinderwagen.

Woher kommen die alle? Ein Ablenkungsmanöver?

Hundegebell lenkte sie ab.

»Wir können nicht jeden Kinderwagen kontrollieren«, meinte sie. Archibald hörte sie jedoch nicht, da er bereits mit dem Pendel in der Hand zwischen den Kinderwagen herumlief. Sein Zylinderhut tauchte immer wieder zwischen den schlendernden Paaren und Familien auf.

Wo? Wo? Wo?

Der Hund bellte hysterischer. Das Gebell erinnerte sie an die Promenadenmischung einer früheren Nachbarin. Der Köter hatte alles angekläfft, was ungewöhnlich war.

Sarah folgte dem Gebell und entdeckte den schwarzen Hund, der vor einem verlassenen Kinderwagen saß. Rasch trat sie heran und blickte hinein. Statt eines Kindes lag nur eine haarlose Puppe darin. Kein Kind.

Vorsichtig hob sie die karierte Decke an und erblickte eine tickende Vorrichtung. Ein handtellergroßer Wecker saß seitlich an einer Rauchmaschine. Kinder benutzten sie zu Silvester, um farbigen Rauch herzustellen.

Dieses Modell war deutlich größer.

Wozu braucht man Rauch?

»Die Bombe?« Archibald tauchte hinter ihr auf.

Kopfschüttelnd verhüllte sie die Maschine wieder unter der Decke.

»Der König kommt nicht zu Fuß, oder?«

»Kaum«, stimmte Archibald zu. »Die Royals, deren missvergnügliche Gesellschaft ich bislang genießen musste, kamen mir eher fußfaul vor.«

»Bunter Rauch würde den Tross des Königs lange genug aufhalten, um …«

Ihr Blick fiel auf den Rathausturm.

»Es ist die Zeichnung eines Schussfeldes«, erklärte sie. »Der Rathausturm ist die Spitze des Fünfecks.«

»Sicher?« Er blickte auf seine Uhr. »Uns bleibt keine Zeit für einen Irrtum.«

»Auf zum Rathaus!« Sie hob ihren Rock an und lief, so schnell es ihr möglich war.

Was gäbe ich dafür, wieder vierzig zu sein? Oder dreißig?

»Das Ding hat doppelt so viele Räume wie das Buckingham Castle!«, erklärte Archibald.

»Spielt keine Rolle.«

»Was?« Sie genoss seine Verwirrung. »Wir könnten tagelang suchen, ohne -«

»Was würden Sie tun, wenn Sie den König ermorden wollten?« Sie schritt durch das Hauptportal des imposanten Rathauses. Statt eine Antwort abzuwarten, fügte sie hinzu: »Eine Ablenkung inszenieren, damit das Opfer im freien Schussfeld stillsteht.«

»Der Balkon auf dem Turm?« Archibald wirkte enttäuscht. »Sie meinen, es handelt sich um ein gewöhnliches Attentat?«

»Man kann nicht immer Pech haben.« Sarah zeigte auf die gegenüberliegende Wand. »Es gibt Aufzüge.«

Ihre Begeisterung schwand, als sie die schwer bewaffneten Polizisten mit der Pickelhaube vor der linken Aufzugstür bemerkte.

»Der führt sicher zum Balkon«, erklärte Archibald.

»Da oben wimmelt es vor wichtigen und gut bewachten Leuten.« Kein Attentäter, wird es schaffen, sich mit einem Gewehr auf dem Balkon niederzulassen, während ein Dutzend Ehrengäste dort ihren Champagner trinken.

»Über die Treppe schaffen wir es nie bis zum Balkon«, verkündete Archibald. »Der Turm ist hundertvierzehn Meter hoch.«

Sarah verfluchte den Baedeker und marschierte auf die andere Aufzugstür zu. Er verschloss das Türgitter hinter ihnen. Zischend ruckte die Kabine an. Die Schnelligkeit der Beförderung versetzte ihrem Magen einen Sprung.

Oben angelangt spähte Archibald durch die Scheibe ins Treppenhaus.

»Auch bewacht«, zischte er.

Deutlich war der Lärm einer größeren Gesellschaft zu hören.

»Wir gehen nicht hoch.« Sarah trat ans Fenster. Sie hatte den Dampf bemerkt, der draußen am Turm emporstieg.

Mit der künstlichen Hand packte sie den Riegel des Fensters und knackte die Sicherung darin. Das Fenster schwang auf und gab eine Mischung aus stinkendem Rauch und Weihnachtsduft preis. Einige Schneeflocken wurden hineingeweht.

»Sie wollen nicht ernsthaft von unten hochklettern?« Archibalds Miene drückte Anerkennung und Entsetzen zugleich aus.

»Nicht doch.« Sarah spähte hinaus.

Genau unter ihr befand sich die Arbeitsbühne der Fassadenputzer. Unter der Plane lugte der Lauf eines Kompulsionsgewehrs hervor.

»Sie hatten recht«, flüsterte Sarah.

»Womit?«

»Wer putzt schon die Fassade, wenn Schnee fällt und der König jeden Moment eintrifft?«

Er starrte sie voller Unverständnis an.

»Ist doch Irrsinn!«

»Nein«, sagte er, »Irrsinn ist etwas völlig anderes.« Er hob sie hoch und obwohl seine Arme merklich zitterten, hievte er sie durch das Fenster und ließ sie sanft auf die Arbeitsbühne herab. Die Landung jagte einen Stoß durch ihre alten Knochen.

Das Wummern des Dampfmotors übertönte jedes Geräusch. Der Untergrund schwankte und sie fragte sich, wie gut der Schütze sein mochte. Der Mann in der Montur eines Reinigungsarbeiters hockte auf einem Eimer und zielte mit dem Gewehr auf den Markt unter ihnen. Die beängstigende Höhe ignorierend, blickte sich Sarah um. Ein Wischmopp war die einzige Waffe, welche sich in Reichweite befand. Sie zielte, und wuchtete den Mopp gegen die Schläfe des Attentäters. Der Mann wirbelte herum. Er öffnete den Mund, doch da traf ihn ein weiterer Schlag an der Schläfe und er kippte vornüber. Hinter ihr plumpste Archibald auf die an der Mauer festgesaugte Bühne. Sarah nahm dem Mann das Kompulsionsgewehr ab und überreichte Archibald den Wischmopp.

»Das wäre geschafft!«, sagte er.

Fanfaren ertönen und lenkten ihre Aufmerksamkeit auf den Rand des Marktes. Eine goldene Dampfkutsche glitt heran, begleitet von zahlreichen Einradpolizisten.

Sarah blickte in die Kammer des Gewehrs und erkannte die flüssigkeitsgefüllte Patrone der pyroklastischen Munition.

»Die Gefahr ist ja jetzt gebannt«, erklärte Archibald.

»Sagen Sie das nicht!«, meinte Sarah. »Das bringt Unglück.«

»Unsinn, wieso -« In der Mitte des Platzes stieg purpurner Rauch auf.

»Ich habe die Rauchmaschine nicht entschärft!« Sarah schlug sich gegen die Stirn.

Die goldene Kutsche blieb stehen. Polizisten schwärmten aus.

»Ein bisschen Aufregung wird dem König nicht schaden.« Archibald lächelte. Das Alter hatte reizvolle Falten rund um seine Augen entstehen lassen. Dann gefror sein Lächeln und sie sah nach unten.

Auf dem Weihnachtsmarkt vollzog sich ein unfassbares Schauspiel. Das Fahrgeschäft mit dem mechanischen Kraken klinkte die Gondeln aus. Menschen schrien. Dampf stieg auf und das monströse Metallvieh von der Größe eines Hauses erhob sich von seinen Stützen. In der Mitte der Konstruktion fuhr eine gläserne Kuppel nach oben. Eine Frau saß dort inmitten einer wilden Ansammlung von Hebeln.

»Das müsste dann die Königin sein«, sagte Archibald. »Das erklärt die anderen Bücher auf ihrer Ausleihliste. Offenkundig eine schwierige Frau.«

»Nicht hilfreich.« Sarah hob das Gewehr des Attentäters hoch. Die Arbeitsbühne schwankte und ihre Hände zitterten.

Der Kraken bewegte sich auf seinen Metalltentakeln direkt auf die Kutsche zu. Die Menschen flüchteten in Panik vor dem Ungetüm. Die Polizisten feuerten auf die Kuppel des Kraken.

Die Geschosse prallten harmlos ab.

Verdammt!

»Schaffen Sie das?«, fragte Archibald.

Sarah blickte den Lauf entlang. Die Mündung tanzte in der Luft.

Nur noch wenige Yards trennten den Kraken von der Kutsche.

Fieberhaft überlegte Sarah, was sie tun könnte, um den Mechanismus zu sabotieren.

»Runter auf alle viere!«, befahl sie.

»Ich muss doch bitten«, protestierte Archibald. »Wir sind hier nicht im Schlafzimmer.« Wieder das Lächeln.

Später, schalt sie sich selbst.

»Runter!«

Stöhnend ließ er sich auf Hände und Knie nieder und bildete eine menschliche Bank.

»Der Attentäter hat keine Auflage benötigt.«

»Der ist auch vierzig Jahre jünger«, stieß sie hervor und legte den Lauf auf Archibalds Rücken ab. Sie zielte auf die Kuppel, doch sie zögerte. Dieses Ziel war zu offensichtlich.

Ihr fiel der Blechmann vom Tannenbaumverkäufer ein. Sie visierte das hervorragende Stück des Dampfkessels an.

Mit flachem Atem presste sie den Abzug.

Die Pyroklastladung traf die Kesselwand und platzte auf. Langsam rauchte das Metall. Der Krake hob ein Tentakel, um die Kutsche zu zerschmettern. In diesem Moment riss der Kessel. Der Druck entwich schlagartig und hüllte den Platz in undurchdringlichen Nebel.

»Haben wir es geschafft?«

Es dauerte bange Minuten, bis Sarah Gewissheit hatte. Der Krake verharrte bewegungslos über der Kutsche. Die Frau in der gläsernen Kuppel tobte und riss an den nun nutzlosen Hebeln.

»Damit steht es dann unentschieden«, erklärte Archibald und erhob sich aus seiner würdelosen Haltung.

»Unentschieden?« Der Attentäter rührte sich und Archibald verabreichte ihm einen Schlag mit dem Wischmopp.

»Weder okkultes Ritual, noch Bombe«, fügte er hinzu. »Also unentschieden.«

»Dann möchte ich eine weitere Wette«, erklärte Sarah.

»Ich höre?«

»Ich wette, Sie wissen nicht, wie man dieses Ding steuert, um uns wieder auf den Boden zu bringen.«

»Damit könnten Sie recht haben.« Er lächelte.

Nach all den Jahren, dachte sie, sehe ich es immer noch gern.

 

***


© 2020 By Markus Cremer.
Erstmals erschienen in: Das Cadvendarium - Neues aus der Wunderkammer. Hrsg. v. Stefan Cernohuby. Lysandra Books 2020.
Alle Rechte vorbehalten.

Über den Autor

Der aus dem Rheinland stammende Markus Cremer betätigte sich als Sanitäter, Erfinder und Inhaber eines Ladens für Okkultismus – bevor er in die Wissenschaft ging. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in einem alten Haus in der Nähe von Aachen.

Sein erster Roman »Archibald Leach und die Monstrositäten des Marquis de Mortemarte« erschien 2017 und wurde mit dem Publikumspreis »Bestes Buch 2017« des Portals www.phantastik-couch.de ausgezeichnet. Der Roman gehörte zu den Finalisten der Literaturpreise Seraph 2018, dem Skoutz Award 2018 und dem Deutschen Phantastikpreis 2018.

Die nächste Kurzgeschichte erwartet dich am Freitag, den 26. Februar, genau hier.

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