Novembermädchen und Winteralb | Oliver Plaschka

FICTION

Novembermädchen und Winteralb | Oliver Plaschka


Ria aus den Herbstlanden will unbedingt herausfinden, was nach der Eisigen Stille kommt. Kann sie es gemeinsam mit Xan, dem Winteralb, herausfinden?

Unsere winterliche PAN-Story des Monats entstammt der Anthologie Geschichten aus den Herbstlanden (Verlag Torsten Low 2018).

***

Ria sah die Winteralben das erste Mal, als sie zwölf Jahre alt war.

Sie hatte ihr Heimatdorf am Rande der verdorrten Obstwiesen verlassen, um zu Beginn der Eisigen Stille allein zu sein. Sie war weiter gelaufen als je zuvor, bis tief in den Wald – ihre Eltern waren sehr erbost darüber, denn diese Nacht sollte man nicht allein in der Wildnis, sondern zu Hause im Schutz seiner Familie verbringen.

Ria aber war anders als andere Mädchen. Das Alleinsein machte ihr keine Angst. Was sie in den Bann schlug, war der Gedanke an den Tod und die Eisige Stille, die dem Tod viel zu ähnlich war; und die alte Frage nach dem, was danach kam.

Ängste wie ihre sollten keinen Platz im Herzen eines jungen Mädchens haben. Doch Nacht auf Nacht und Jahr für Jahr lag sie in ihrem Bett und wälzte sich aus den Armen eines bösen Traumes in die des nächsten. Und wann immer die Eisige Stille den Bewohnern des Novembers ihren kalten Kuss aufzwang, war sie überzeugt, dass sie die kargen Felder und die grauen Himmel ihrer Heimat zum letzten Mal gesehen hatte.

Dann kämpfte sie dagegen an, bis ihr Atem mit gläserner Klinge ihre Lungen zerschnitt und Raureifblumen in ihrer Kehle erblühten. Und sie erwachte, wie alle Bewohner des Novembers erwachten, und fand einige wenige Tage lang Trost in den hellen Nebeln des Morgens, dem Ruf der Krähen auf den Feldern, den ewigen Nordlichtern über den Gipfeln der Frostzinnen. Doch mit jedem Neubeginn des Kreislaufs wurde ihre Ohnmacht schlimmer.

Deshalb rannte sie davon, als könnte sie ihrem Schicksal entkommen, wenn sie nur weit genug lief. Und an jenem Tag, an dem sie weiter lief als je zuvor, sah sie im Wald die Winteralben – Augenblicke nur, ehe die Eisige Stille anbrach.

Sie kamen aus Richtung der fernen Frostzinnen heran, in Schleier aus Schnee gekleidet, und vielleicht waren sie nichts anderes als Schnee, so herrschaftlich wie der Wind, wenn er von den Gipfeln blies. Ria konnte es nicht mit Sicherheit sagen, denn kaum, dass sie den feierlichen Zug erblickte, fielen ihr die Augen zu.

Sie erwachte kalt und durchgefroren auf der nackten Erde. Von den Winteralben war keine Spur geblieben. Zitternd und zagend kehrte sie nach Hause zurück.

Ihre Familie glaubte ihr nicht, als sie erzählte, was sie gesehen hatte; und weshalb ihr das Herz so schwer war, verstand man ebenso wenig.

Ihre Schwestern sagten: »Das denkst du dir alles nur aus! Sorge dich nicht, du bist ja noch jung.«

Und ihre Eltern sagten: »Wir wissen nicht, was du gesehen hast, aber Wesen wie diese gibt es nicht. Wenn du älter bist, wirst du vielleicht verstehen.«

Nur die alte Mara am Rand des Dorfes schenkte ihr Glauben. Man nannte Mara eine Seherin, weil sie mit den Nebeln und mit den Nordlichtern sprach und die Antwort auf die Geheimnisse des Lebens und des Todes suchte. Es hieß, sie habe den See der kalten Tränen besucht und kenne den wahren Grund für die Verzweiflung seiner Herrin; andere sagten, sie habe sogar den Weg aus dem Spiegelwald gefunden.

Zu dieser Seherin ging Ria und erzählte ihr, was sie gesehen hatte. Und sie sagte: »Ich frage mich, was jenseits der Eisigen Stille auf uns wartet. Ich bin zu alt, mich nicht zu sorgen, doch zu jung, um zu verstehen.«

Und die alte Seherin sagte: »Du hast die Winteralben gesehen. Sie leben in ihrem eigenen Land, so wie wir im November; denn der November ist nur ein Teil jener Lande, die man die Herbstlande nennt; und jenseits dieser Lande liegen die Gefilde des Winters.«

Und ein kalter Hauch liebkoste Rias Herz bei diesen Worten.

»Wie kann es sein, dass ich sie sah?«

»In der Nacht der Eisigen Stille sind die Grenzen zwischen hier und drüben dünn«, sagte Mara. »Wahrscheinlich hast du einen Blick in ihre Welt geworfen. Das ist eine besondere Gabe, die du da hast.«

»Ich würde sie gerne wiedersehen und besser kennenlernen.«

Da reichte ihr die alte Seherin eine magische Blume, die sie an den Ufern des Sees der kalten Tränen gepflückt hatte, und sprach: »Diese Blume hat mich auf meinem Weg durch den Spiegelwald beschützt, denn sie zeigt dir die Wahrheit über dich und dein Schicksal. Doch sei gewarnt, dass sie auch die Macht hat, dich in die Verzweiflung zu treiben.«

»Ich fürchte die Verzweiflung nicht«, sagte Ria. »Und ich wünsche mir nichts mehr als die Wahrheit.«

»Dann gehe mit dieser Blume am letzten Tag des Novembers, wenn der erste Schnee vom Himmel fällt, tief in den Wald, wo du alleine bist und die Wahrheit erkennen wirst, wenn sie kommt und zu dir spricht. Dann zupfe ihre Blütenblätter; ein jedes wird dich deinem Schicksal ein Stück näherbringen.«

Und die alte Seherin umarmte Ria, denn sie erkannte, dass sie einander sehr ähnlich waren und das Mädchen die Geheimnisse des Lebens und des Todes suchte, so wie sie. »Du bist ein tapferes Mädchen, doch was du dich zu tun anschickst, erfordert mehr Mut, als ich je besaß, und ich habe den See der kalten Tränen besucht und den Weg aus dem Spiegelwald gefunden. Doch ich bin alt – alt genug, um zu verstehen, doch auch zu alt, mich auf ein solches Wagnis einzulassen. Ich weiß, von meiner nächsten Reise kehre ich nicht wieder.«

Ria dankte der alten Seherin und nahm die Blume mit sich.

Dann kam der letzte Tag des Novembers; die Eisige Stille sandte ihren Atem über die Felder und griff mit dürren Fingern nach den Herzen der Menschen, und das ganze Dorf machte sich zum Schlaf bereit. Ria aber drückte die magische Blume an ihr Herz und ging mit den ersten Schneeflocken bis tief in den Wald, wo sie allein war und der Wahrheit Stimme kalt und einsam in den kahlen Bäumen rief.

Dort setzte sie sich auf einen Baumstumpf und starrte in die weiße Finsternis zwischen den Stämmen hinaus. Sie spürte die Kälte in ihrer Kehle und den Schnee auf ihrer Haut, in ihrem Haar, und wünschte sich nichts sehnlicher, als die Wahrheit über sich und ihr Schicksal zu erfahren. Und sie zupfte das erste Blütenblatt.

Erst dachte sie, nichts habe sich verändert, doch die schwache Sonne über den kargen Wipfeln war bereits ein Stück tiefer gesunken und die Eisige Stille war ein Stück näher gerückt; doch Ria fühlte nicht die besondere Schläfrigkeit, die alle Menschen und alle Tiere des Novembers sonst zu dieser Stunde überkam. Sie zupfte das zweite Blatt.

Und die Sonne sank nochmals tiefer und die Eisige Stille wurde noch eisiger, und nun spürte Ria, wie ihr die Lider schwer wurden. Doch immer noch saß sie auf dem Baumstamm, barg die Blume an ihrer Brust und spürte die kleine Flamme ihrer Tapferkeit im Herzen, während ringsum der Schnee immer dichter fiel. Und sie zupfte das dritte Blatt.

Die Sonne sank, bis sie den Rand der Welt berührte; der Schnee fiel, bis die Welt gar selbst versank; und der Wahrheit Stimme in den Wipfeln gefror zu einem schneidend scharfen Netz, als schlüge ein Harfner ein leidvolles Lied. Und eines nach dem anderen zupfte Ria die Blätter.

Längst hätte sie in Schlaf fallen sollen; längst hätten die bösen Träume sie in ihre Arme schließen sollen, um sie erst am nächsten Morgen wieder herzugeben. Kein Mensch hatte jemals diesen Augenblick erlebt, in dem die Welt und alles Leben zum Erliegen kamen. Der Schnee fiel dicht wie eine Wolke Federn, die Kälte war so eisig wie der Tod. Schon wusste Ria nicht mehr, ob sie wachte oder träumte, denn sie brauchte all ihre Kraft, um nicht zu Boden zu sinken und sich dem kalten Schlaf hinzugeben. Die Flamme in ihrem Herzen war beinahe erloschen, als sie die Bewegung zwischen den finsteren Bäumen wahrnahm.

Sie kamen zu Pferde und zu Fuß, wie ein König mit seinen Edelleuten in einer fürstlichen Prozession, oder ein siegreicher Feldherr mit seiner Armee, der ein erobertes Land betritt. Sie strahlten in ihrem eigenen Licht; Rüstungen und Gewänder aus weißgrauem Reif trugen sie, und Geschmeide aus Eiskristall; und ihre Haut war blau wie ein gefrorener See, so blau wie die Lippen von Toten.

Es waren die Winteralben; und sie schritten zwischen den Bäumen hervor und verharrten an einer unsichtbaren Grenze, als hätte dort jemand eine Mauer gezogen. Und sie sahen verwirrt in Rias Richtung, als hätten sie ein nie gekanntes Wunder geschaut; und sie begriff, dass sie sich über ihren Anblick ebenso verwunderten wie sie das umgekehrt tat. Ein Junge aber war unter ihnen, der sah ihr direkt in die Augen, so zielsicher wie ein Falke, der an einem leeren Himmel seinesgleichen erblickt. Er tat einen Schritt in ihre Richtung, und auch Ria trat auf ihn zu, als zöge sie eine unsichtbare Kraft. Novembermädchen und Winteralb sahen einander an; und was sie sahen, war ebenso schrecklich wie betörend.

Die Welt war in diesen Sekunden zum Zerreißen gespannt; das Lied in den Wipfeln seufzte einen letzten Mehrklang, ehe es für immer verstummte; und die Macht des Schlafes drückte Ria nieder, als lastete die ganze Welt auf ihr.

Das letzte Blütenblatt starb zwischen ihren Fingern. Die Eisige Stille zerbarst ohne Laut. Die Welt verschwand in taubem Licht.

Als sie wieder zu sich kam, begann das bleierne Laken dem November bereits vom Gesicht zu schmelzen. Die fahle Sonne schien zwischen den Bäumen, und eine einsame Amsel sang in den Wipfeln.

Die Winteralben waren verschwunden – alle bis auf den Jungen.

Blinzelnd trat Ria auf ihn zu. Der Alb tat es ihr gleich.

Er war in ihrem Alter: blauhäutig, weißhaarig und reifgewandet. Seine Augen, weit vor Erstaunen, funkelten wie gefrorene Tränen. Wie zwei Seiten eines Spiegels standen sie einander gegenüber, getrennt nur von der unsichtbaren Grenze, die nicht mehr war – und wer von ihnen Spiegelbild und wer der Gespiegelte war, hätte niemand in diesem Moment zu sagen gewusst. Das Lied der Wahrheit in den Bäumen war verstummt.

»Wer bist du?«, fragte Ria.

»Ich bin Xan«, sagte der Winteralb. »Und wer bist du?«

»Ich bin Ria«, sagte das Novembermädchen.

Fragend schaute Xan sie an. »Was ist passiert? Wo bin ich hier?«

»Du bist im November«, erklärte sie ihm. »In den Herbstlanden«, fügte sie hinzu, als sie seiner Hilflosigkeit gewahr wurde.

»Bist du wirklich?«, fragte er und streckte die Hand nach ihr aus.

Vorsichtig, ganz sachte, hob sie die ihre, um seiner Berührung zu begegnen. Ihre Fingerspitzen trafen aufeinander. Er war eisig wie die Stille; eisig wie der Tod.

»Du bist warm wie die Sonne«, sagte er.

»Und du kalt wie die Nacht. Bist du ein Traum?«

Er schüttelte den Kopf. Und er erzählte ihr von den Gefilden des Winters, in denen die Flüsse und Seen zu Eis erstarrten, Schnee die Wälder und Gebirge erstickte und die Luft so scharf und klar war wie Kristall. Er malte eine Welt des Stillstands und der Harmonie, in der nichts sich je änderte und alle Farben und Klänge sich rein und unverfälscht zeigten; für Ria klang dieses Gemälde nicht minder schön und furchtbar als er selbst.

Und sie erzählte ihm von den Herbstlanden und ihrer schläfrigen Trauer, den taumelnden Blättern und dem verdorrenden Obst, von den letzten Düften der Wiesen und der Kürbisfelder, den zarten Nebeln in den Wäldern und der Wärme der Herdfeuer in den Häusern der Menschen. Von einer Welt der Einkehr und der ahnungsvollen Sorge um das nahe Ende sprach sie; und für Xan klang ihre Rede nicht minder fremd und begehrenswert.

Und noch etwas anderes wurde in diesen Minuten gesagt, ohne dass einer von beiden es aussprach. Etwas Schönes und Schmerzhaftes, so wie alle Dinge, die nicht von Dauer sind.

Denn obschon sie die Wunder ihrer Welten teilten, erkannten sie doch, dass sie diese nie wirklich würden teilen können; obgleich sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden, trennte sie eine unüberwindliche Kluft; und gleichwohl die Eisige Stille gekommen und wieder gegangen war, so dauerte sie doch nach wie vor in ihren Herzen an, verband und trennte sie zugleich.

Und sie wussten, dass Xan nicht bei Ria im November bleiben konnte, genauso wenig, wie sie je dauerhaft in seine Heimat wechseln könnte. Ein solches Schicksal war weder ihm noch ihr vergönnt.

»Ich habe dich zu mir gerufen«, sagte sie. »Mein Wunsch, die Geheimnisse des Lebens und des Todes zu erfahren, hat uns zusammengeführt. Doch wir sind immer noch getrennt, als stünden wir auf verschiedenen Seiten eines Spiegels. Und das, was uns trennt und verbindet, begreife ich immer noch nicht.«

»Ich habe ebenfalls nach dir gesucht«, sagte er. »Auch ich habe mich stets gefragt, was das Geheimnis unseres Ursprungs ist, und wohin wir gehen, wenn wir nicht mehr sind. Und wenn ich dich sehe, ist mir, als blickte ich in einen Spiegel; aber das Geheimnis selbst verschließt sich mir nach wie vor.«

Und sie kamen überein, dass Xan zurück in die Gefilde des Winters musste. Die magische Blume aber, die Ria eine Brücke durch die Eisige Stille geschlagen hatte, war verblüht, und so wussten sie keinen Rat.

Im Dorf herrschte großer Aufruhr, als Ria Xan mit nach Hause brachte. Ihre Eltern waren froh, ihre Tochter wohlbehalten in die Arme zu schließen, doch beim Anblick des Winteralben vertrieb Entsetzen die Freude wie ein nächtlicher Hauch das letzte Licht des Abends.

»Was tut er hier?«, fragte ihre Mutter und wich vor Xan zurück. »Wesen wie ihn gibt es nicht!«

»Er kann hier nicht bleiben!«, schrie ihr Vater und stellte sich schützend vor seine Frau.

»Das ist Xan«, sagte Ria. »Wir müssen einen Weg nach Hause für ihn finden.«

»Denk dir etwas aus!«, riefen ihre Schwestern. »Schnell!«

So brachte Ria Xan zu Mara. Das ganze Dorf folgte den beiden zum Haus der Seherin und scharte sich furchtsam vor dem Fenster, während sie den Rat der alten Frau einholten.

»Ich sehe, du hast einen Teil deiner Wahrheit gefunden«, sagte Mara. Sie schien sich nicht im Mindesten vor Xan zu fürchten.

»Das habe ich wohl; denn er und ich sind uns sehr ähnlich. Ich wünschte, wir könnten uns noch besser kennenlernen. Doch Xan muss einen Weg nach Hause finden. Kannst du uns helfen?«

Die alte Seherin nickte. »Euer beider Reise ist noch nicht vorbei. Ich habe keine Blume, keinen Zauber mehr für euch, doch ich kann euch den Weg weisen. Zur nächsten Eisigen Stille müsst ihr die Frostzinnen bezwingen; geht, so hoch ihr könnt. Dort sind die Grenzen zwischen den Welten am dünnsten. Xan wird in seine Heimat wechseln, wenn der Schlaf euch überkommt.«

Sie dankten der Alten, nahmen Abschied vom Dorf und machten sich sogleich auf die Reise, denn ihr Weg war ein weiter. Woche auf Woche wanderten sie am Rande der verdorrten Streuobstwiesen, mieden die Finsterwälder und den See der kalten Tränen; und Xan verwunderte sich über den Anblick der Früchte im kalten Gras, über das Rascheln des letzten Laubes und den Duft der feuchten Erde, das leise Plätschern von Wasser. Sie redeten von vielen Wundern während ihrer Reise, und es dauerte sie, dass ihre gemeinsame Zeit so bald schon ein Ende nehmen sollte.

Schließlich erreichten sie den Fuß der Berge. Weiß wie Knochen und blau wie Eis ragten die Frostzinnen vor ihnen auf; und der Aufstieg zu ihren Gipfeln war ein beschwerlicher. Tag auf Tag erklommen sie den kalten Fels, stiegen durch Schluchten tief wie die Wurzeln der Bäume und über Pässe hoch wie der Himmel hinweg, wo der Nordwind schonungslos und selbstvergessen seine Einsamkeit hinausschrie. Dann schloss Xan Ria in die Arme; und seine Kälte war nicht mehr so furchtbar und fremd wie zuvor.

Zu Beginn der Eisigen Stille schlugen sie am höchsten Punkt der Berge ihr Lager auf. Dort warteten sie, bis der erste Schneefall einsetzte und eine tiefe Schläfrigkeit sie befiel. Dann sanken sie schweren Herzens nieder, denn sie fühlten, dass die Zeit des Abschieds nahe war.

»Wirst du an mich denken, wenn du in deine Heimat zurückkehrst?«, fragte Ria.

Xan nickte. »Das werde ich«, versprach er. »Und ich glaube, dass ich nun etwas verstehe, das ich mich lange gefragt habe.«

»Was?«, fragte sie und streckte die Hand nach seiner kalten Wange aus.

»Eine alte Geschichte, die meine Mutter mir erzählte: dass jenseits der Gefilde des Winters noch ein anderes Land oder eine andere Welt liegen.«

»Eine Welt, die noch kälter ist?«, fragte sie, während Schneeflocken sich in ihrem Haar verfingen.

»Nein«, sagte er. »Eine Welt, die der deinen sehr ähnlich sein soll ... und doch völlig anders. Manche nennen sie die Auen des Frühlings.«

Und als sie da in ihrem Lager saßen, sie in dichte Felle gehüllt, er in Gewänder aus Schnee und aus Eis, spürte sie, wie ein alter Bann von ihr fiel.

»Verstehst du, was ich dir sagen will?«, fragte er.

»Ja«, sagte sie. »Ich verstehe dich.«

Und in den letzten Sekunden vor Anbruch der Eisigen Stille schloss sie ihn in die Arme und gab ihm einen Kuss auf die Lippen, die so kalt wie die Lippen des Todes waren; doch jener kalte Kuss der Wahrheit erfüllte sie nicht länger mit Schrecken, denn seine Lippen bargen das Versprechen jenes anderen Landes, jener anderen Welt, die der ihren und auch der seinen ganz ähnlich und doch verschieden war, so wie auch er ihr zugleich glich und sich doch von ihr unterschied, ihr Gegenstück, ihre Fortsetzung, ihr Neubeginn war. Und sie erkannte, dass jene Straße, die das Leben für sie schrieb, sich durch ihn und jenseits seiner fortsetzte, und hinaus in jene unbekannten Auen führte, immerzu und immer weiter, bis sie eines Tages zurück zu ihr selbst führen mochte. Und so, wie sie auf seinen Lippen starb und neu geboren wurde, so wurde auch er auf den ihren geboren, musste dereinst jedoch wiederum sterben. Und wessen Lippen und wessen Leben es waren, spielte kaum eine Rolle, denn alles war eins. Und dieses Wissen wärmte sie und spendete ihr Trost; und als der Schlaf sie letztlich überkam und die Eisige Stille eine neue Seite im Buch ihres Lebens aufschlug, da schlief sie friedlich und ohne Furcht, denn nun kannte sie die Wahrheit über sich und ihr Schicksal, und Sorge und Verzweiflung fanden keinen Platz mehr in ihrem Herzen.

***

© 2018 by Oliver Plaschka.
Erschienen in:Fabienne Siegmund, Stephanie Kempin u. a. (Hrsg.): Geschichten aus den Herbstlanden. Verlag Torsten Low 2018.
Alle Rechte vorbehalten.

Über den Autor

Oliver Plaschka, geboren 1975 in Speyer, studierte Ethnologie und Anglistik an der Universität Heidelberg und schloss sein Studium 2009 mit einer literaturwissenschaftlichen Promotion ab. Heute arbeitet er als freier Autor und Übersetzer — gerne, aber nicht nur im Bereich der phantastischen Literatur. Daneben nimmt er in unregelmäßigen Abständen die Gelegenheit wahr, in Seminarsälen und anderswo seine Liebe zu interessanten Büchern zu teilen.

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