Schwarzer Kaffee | Sabine Osman

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FICTION

Schwarzer Kaffee | Sabine Osman


Hauptkommissar Jäger trifft sich mit dem aalglatten Deubel auf einen Kaffee, um seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Hat er wirklich unzählige Morde begangen, von denen ihm kein einziger nachgewiesen werden kann? …

Unsere PAN-Story des Monats von Sabine Osman entstammt der Anthologie „Das Kaffee-Orakel“ (Machwerke Verlag).

***

Das leichte Nieseln verwandelte sich in Starkregen. Das passte hervorragend zu Jägers Stimmung. Grimmig sah er durch die Scheibe des Cafés. Deubel wiederzusehen, war ein Schock. Am liebsten hätte Jäger nie wieder an ihn gedacht. Doch da saß der Kerl und strahlte pure Selbstzufriedenheit aus. Da der Tag nun ohnehin ruiniert war, kam es nicht mehr darauf an. Der pensionierte Hauptkommissar atmete tief durch und trat ein.

Eine fröhliche Messinglocke kündigte den neuen Gast an, eine ebenso fröhliche Dame hinter der Kuchentheke begrüßte Jäger. Er ignorierte sie und steuerte direkt auf Deubels Zweiertisch zu. Wie immer sah der Kerl weltmännisch und gepflegt aus. Er trug einen maßgeschneiderten schwarzen Anzug, darunter ein dunkelrotes Seidenhemd. Beide Farben standen ihm sehr gut. Sein Gesicht war attraktiv, die dunklen Haare voll und ordentlich geschnitten und die dunkelblauen Augen mit den kleinen Lachfältchen gewannen Herzen. Niemand ahnte, was dieser sympathisch wirkende Mensch auf dem Kerbholz hatte.

„Ist hier noch frei?“, fragte Jäger und setzte sich, bevor sein Gegenüber die Chance hatte, zu antworten.

Sofort war eine Bedienung da. „Was kann ich Ihnen bringen?“

„Nichts“, sagte Jäger abweisend, „ich bleibe nicht lange.“

„Aber, Herr Kommissar, seien Sie doch nicht so ungemütlich. Meine Liebe“, sagte Deubel mit dem charmantesten Lächeln, das man sich vorstellen konnte, „bringen Sie mir noch einen schwarzen Kaffee und meinem Freund hier einen Kakao. Ich glaube, Kaffee ist seit dem Magengeschwür nicht mehr gut für ihn.“

Die Frau strahlte Deubel an. „Sofort, der Herr.“

So kannte Jäger ihn. Immer souverän. Immer von Menschen umgeben, die ihn anhimmelten. Selbst in den Verhören hatte Deubel nicht ein einziges Mal die Haltung verloren, war laut oder unhöflich geworden. Kein Wunder, dass er ungeschoren davongekommen war.

„Welcher Laune des Schicksals verdanke ich dieses nette Zusammentreffen?“

„Ich bin in Pension“, schnauzte Jäger. „Frühpension.“

„Herzlichen Glückwunsch?“

„Ach, lecken Sie mich doch am Arsch! Das ist Ihre Schuld. Das Magengeschwür auch.“

„Bedauerlich, dass Sie das so sehen.“ Völlig entspannt leerte Deubel seine Tasse und stellte sie ab. „Sie haben Ihren eigenen Anteil daran. Wenn Sie mich nicht mit solcher Besessenheit verfolgt hätten, wäre es sicher anders gekommen. Wie oft haben Sie mich einbestellt? Zehn oder zwölf Mal? Und jedes Mal musste ich meinen Anwalt belästigen und Sie mich danach gehen lassen.“

Jäger beugte sich vor. „Ich weiß, dass Sie schuldig sind, Sie Sauhund! Ich …“ Er musste sich unterbrechen, die Bedienung brachte die Bestellung. Den Kaffee mit einem strahlenden Lächeln, den Kakao mit einem missbilligenden Blick.

Deubel rührte in seiner Tasse, obwohl er weder Zucker noch Milch hineingetan hatte. „Sie müssen besser auf sich achtgeben. Ihr Blutdruck ist bestimmt nicht gut, oder?“

Jäger lehnte sich zurück, sonst hätte er Deubel am Jackenaufschlag gepackt. „Nein, in der Tat. Ich bin eine Lachnummer im Präsidium, niemand hat mir jemals geglaubt, dass Sie für die ganzen Auftragsmorde verantwortlich waren. Sie haben meine Karriere ruiniert und ruinieren immer noch mein Leben. Meine Frau droht, mich zu verlassen, weil es mir einfach keine Ruhe lässt.“ Der Kommissar schluckte mühsam seinen Stolz und den Zorn. „Ich will das endlich loslassen. Aber ich muss es wissen. Wie? Wie haben Sie es geschafft, so viele Menschen zu töten, ohne die geringste Spur zu hinterlassen? Wie kann man solche verrückten ‚Unfälle‘ arrangieren? Sagen Sie es mir.“

Deubel lachte leise auf. „Ich soll vor Ihnen eingestehen, eine Menge Morde begangen zu haben, damit Sie Ihren Seelenfrieden finden? Wie amüsant.“

Er schöpfte mit dem Löffel etwas Kaffee aus der Tasse und ließ ihn auf das polierte Holz des Tisches tropfen. Mit dem Finger wischte Deubel ruckartig durch die kleine Pfütze.

An der Eingangstür des Cafés schrie jemand überrascht auf. Jäger fuhr herum und sah, wie ein Mann, der offenbar auf einer Wasserpfütze ausgerutscht war, mithilfe zweier Gäste wieder auf die Beine kam.

„Unfälle passieren eben“, sagte Deubel gelassen.

Mit gerunzelter Stirn sah Jäger ihn an. Was für ein merkwürdiger Zufall. Aber gewiss doch nur ein Zufall? „Bitte“, brachte der Kommissar schließlich heraus, auch wenn er dachte, er müsse an dem Wort ersticken. „Ich würde wirklich gern meinen Ruhestand genießen. Mit meiner Frau.“

Mitleidig musterte Deubel ihn. „Das verstehe ich. Aber ich werde keine Morde gestehen.“

„Aber ich weiß, dass Sie es waren. Ich weiß es. Und Sie wissen, dass ich es weiß. Es bleibt unter uns. Hier! Sehen Sie?“ Jäger öffnete sein Hemd, um zu zeigen, dass er nicht verkabelt war. „Keine Tricks!“

Gäste sahen irritiert herüber, Deubel warf ihnen einen entschuldigenden Blick zu, bevor er sich wieder an Jäger wandte. „Herr Kommissar, ich bitte Sie! Das ist würdelos. Sind Sie wirklich so verzweifelt?“

„Ja“, gestand Jäger, „das bin ich. Sie haben gewonnen. Auf der ganzen Linie.“

Deubel seufzte. Da war eindeutig Mitgefühl in seinen kornblumenblauen Augen. Gedankenverloren rührte er wieder im Kaffee, dieses Mal im Uhrzeigersinn, und legte schließlich das Löffelchen neben die Tasse.

Draußen verstummte der Regen.

„Sie könnten versuchen, alles zu vergessen, Herr Kommissar.“

„Ich wünschte, ich könnte!“

„Hm.“ Deubel malte mit dem Finger in der kleinen Kaffeepfütze herum. „Vielleicht kann ich Ihnen dabei helfen. Um der alten Zeiten willen.“

„Was?“

Der Mann gegenüber wischte etwas verschütteten Kaffee mit der Serviette weg.

„Sehen Sie, der Regen hat aufgehört. Sie können jetzt doch trocken nach Hause kommen.“

Jäger sah zum Fenster hinaus. Er hatte sich vor dem überraschenden Guss in dieses Café gerettet und dieser nette Mann hatte ihn auf einen Kakao eingeladen. „Tatsächlich. Vielleicht bekommen wir ja sogar noch etwas Sonne heute.“

„Vielleicht“, sagte der Fremde mit einem sympathischen Lächeln.

„Dann gehe ich jetzt lieber. Meine Frau wartet bestimmt schon. Einen schönen Tag noch.“

„Grüße an die Gemahlin.“

So ein charmanter Mensch. „Ich werde es ausrichten.“

Deubel sah dem alten Hauptkommissar nach und trank die Tasse leer. Eine winzige gute Tat alle fünfzig, sechzig Jahre würde seinen Ruf schon nicht ruinieren. Die Kreise, in denen er verkehrte, die Kundschaft, von der er die lukrativen Aufträge bekam – alle hatten angemessen großen Respekt vor ihm. Welcher Dummkopf würde sich auch schon mit einem Zauberer anlegen, von dem er wusste, dass dessen Magie schwärzer als sein Nachmittagskaffee war?

***

© 2020 by Sabine Osman.
Erschienen in: Sandra Baumgärtner (Hrsg.): Das Kaffee-Orakel. Machwerke Verlag 2020.
Alle Rechte vorbehalten.

Über die Autorin

Sabine Osman hat natürlich etwas „Anständiges“ gelernt (Verlagskauffrau), folgt aber seit 2012 ihrer wahren Berufung und schreibt Bücher. Ihr Herz gehört dabei der Fantasy in allen möglichen Formen. Ganz gleich ob Djinn, mutige Monsterjägerinnen oder übergewichtige Einhörner – mit der richtigen Geschichte drum herum können sie alle zu Freunden werden. Und das ist die einzig wahre Magie: der Zauber der Worte.

Die nächste Kurzgeschichte erwartet dich am Freitag, den 29. Januar, genau hier.

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