Der letzte der Ersten | Uwe Hermann

FICTION

Der letzte der Ersten | Uwe Hermann


Nach einem Unfall wird 04-01 zur neuen Supervisoreinheit auf dem Mars. Ihre Mission: Eine Station für die Menschen zu errichten, deren Kolonialschiff jeden Tag eintreffen soll. Ihr Traum: Maschinen, die wie Menschen Gefühle empfinden …

Die Story »Der letzte der Ersten« stammt aus dem Mars-Special des EXODUS-Magazin und wurde illustriert von Gabriele Behrend.

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***

Der letzte der Ersten

04-1 wusste nicht, wie ein Mensch Ungeduld empfand. Seine Konstrukteure hatten ihn als Kommunikationsroboter ohne menschliche Gefühle entworfen. Für ihn war Ungeduld die verstrichene Zeit seit der Landung und die sinkende Wahrscheinlichkeit, dass er seine Mission noch erfüllen konnte. Die Systemausfälle häuften sich und eine Analyse ergab einen bevorstehenden Totalausfall.

Seine Begleiter und er hatten auf dem Mars eine Basis errichtet und alles für das Eintreffen eines Kolonisationsschiffes vorbereitet, doch dieses Schiff erschien nicht. Und auch heute würde es nicht landen. Die Überwachungsanlage der Station hätte ein sich näherndes Schiff schon vor Monaten geortet, trotzdem stand 04-1 wie jeden Tag auf dem Syrtis Major Plateau und suchte den schmutzig gelben Himmel nach ihm ab. Seine Handlung war widersinnig, aber sie war zur Routine geworden und die tägliche Wiederholung verhinderte, dass er das Ziel ihrer Mission vergaß. Wie so vieles andere zuvor.

Beteigeuze, Orion, der Große Wagen ... seine Sensoren analysierten den Raum zwischen den Sternen, ohne ein Raumschiff entdecken zu können. In der Luft tanzten Staubschwaden, rot vom Eisenoxid der Atmosphäre. Im Osten, gerade noch in Sensorreichweite, lag der Krater Isidis Planita. In westlicher Richtung erhob sich der Olympus Mons, der mit seinen 26 Kilometer als der höchste Berg im Sonnensystem galt.

Das Bild einer seiner Außenkameras flackerte. Eine Systemanalyse ergab einen Kabelbruch in einem weiteren Modul. Schon wieder ein Defekt. So viele, dass er die Protokolldatei längst nicht mehr aktualisierte. Er hatte einen Zustand erreicht, in dem auf jede Reparatur zwei neue Ausfälle folgten.

04-1 schaltete die defekte Kamera ab. So viele Defekte. Als der Inhalt seines Energiespeichers schlagartig von siebenundsechzig auf neunundreißig Prozent absackte, machte er sich auf den Rückweg.

Die Ketten seines Antriebs gruben sich in den feinen Marssand, wirbelten ihn auf und zogen eine Wolke aus rotem Staub hinter sich her, während er auf die Station zufuhr. Rechts neben ihr durchpflügte ein Schürfroboter den Boden. Ursprünglich sollten sie nur eine Kuppel errichten, dank einer neuen automatischen Fertigungsstraße gab es inzwischen drei von ihnen und eine weitere Anlage, in der neue Roboter entstanden. Roboter der neusten Generation, mit einer besseren KI und simulierten Gefühlen. 04-1 konnte keine Zufriedenheit angesichts ihrer gewaltigen Leistung empfinden, aber er registrierte positiv die imposante Erscheinung der Station, die weit über ihrer Vorgabe lag. Er ließ die Antennen der Sende- und Empfangsanlage hinter sich und näherte sich dem Zugang von Kuppel A. Wie lange lag ihre Landung schon zurück? Er rief die Videodatei auf. Ihr Zeitstempel war beschädigt, doch der Inhalt spielte ab.

Der letzte der Ersten

(c) Gabriele Behrend

*

Das geplante Landegebiet lag in Äquatornähe in einer Gegend mit gemäßigtem Klima. Dort bewegten sich die Temperaturen tagsüber um zwanzig Grad und sanken nachts nie unter minus vierzig. Der Untergrund bestand aus massivem Fels. Die geographische Lage und das Klima boten ideale Voraussetzungen für den Betrieb der Station, also hatten die Verantwortlichen auf der Erde dieses Gebiet für die Landung ausgesucht.

Nach acht Monaten Flug ohne die geringsten Probleme tobte zum Zeitpunkt der Landung ein heftiger Sturm mit einer Ausdehnung von fast dreitausend Kilometern und Windgeschwindigkeiten von über vierhundert Stundenkilometern über der Landezone.

Supervisoreinheit 01-1 ließ eine Computersimulation durchführen und leitete nach Rücksprache mit dem Kontrollzentrum der Erde die Landung ein. Ihr bauchiges, flunderähnliches Schiff flog durch Zonen wilder Turbulenzen. Elektrische Entladungen, weitaus kräftiger als die Simulation vorhergesagt hatten, schlugen in die Außenhülle ein. Schließlich kapitulierte ihr Triebwerk. Antriebslos stürzten sie der Oberfläche entgegen und sanken unaufhaltsam tiefer, wie ein ins Wasser geworfener Stein. Niemand an Bord gab seinen Laut von sich – Roboter schrien nicht –, aber jede Maschine stellte eine Wahrscheinlichkeitsrechnung an, ob sie den Aufprall unbeschadet überstehen würde.

Im Laderaum lagerten neben Mehrzweckbaumaschinen und Werkzeugen auch die Fertigbauelemente, aus denen eine Kuppel entstehen sollte. Der Aufprall zerstörte ihre Halterungen. Spanngurte rissen. Die Container gerieten ins Rutschen und durchschlugen die Wand zum Kommandostand. Paletten mit Fertigelementen stützten hinterher. 01-1, seine zwei Backupeinheiten und fünf weitere Maschinen stellten den Betrieb ein, als eine Explosion den Kommandoraum zerstörte. 04-1 blieb unbeschädigt und begriff plötzlich, dass er jetzt der neue Supervisor ihrer Mission war!

*

04-1 suchte den Zugang zu Kuppel A. Er wusste, dass er direkt vor ihm liegen musste, aber er fand weder ihn noch Informationen über seine Lage in seinem Erinnerungsspeicher. Immer wieder kurvte er vor der Station herum, während sich sein Akkumulator dem kritischen Minimum näherte.

Neunzehn Prozent Restenergie, meldete seine Statusanzeige. Dann sechzehn. Viel zu schnell leerte sich sein Speicher. Früher hätte ihm die Fahrt kaum Energie gekostet, doch der feine Marsstaub hatte sich in seine Lager festgesetzt und ihren Rollwiderstand erhöht. Jetzt verbrauchte er für jeden Meter dreimal so viel Energie.

Erneut drehte er vor Kuppel A um, ohne den Eingang gefunden zu haben. Er hatte ihn schon hunderte (wenn nicht tausende) Male benutzt, aber jetzt sah alles um ihn herum gleich aus. Wieso erinnerte er sich nicht mehr an die Zufahrt? Andere Dinge standen doch auch noch so deutlich in seiner Datenbank, als wären sie erst gestern geschehen. So wie die Tage nach ihrem Absturz ...

*

Der Sturm zog erst nach einer Woche weiter. Danach bedeckte eine Schicht aus rotem Sand das Wrack ihres Schiffes. Es lag auf dem Bauch, die Nase in den Boden gebohrt, mit einem Riss in der Außenhülle.

Ein Roboter nach dem anderen erwachte aus dem Energiesparmodus, den 04-1 angeordnet hatte. Wäre ihr Schiff mit Menschen bemannt gewesen, hätte keiner von ihnen den Absturz überlebt. Aber sie waren keine Menschen. Er verschickte über Funk eine Zustandsabfrage. Sie ergab, dass von den ursprünglich fünfzig Maschinen siebzehn zerstört worden waren. Drei weitere Roboter hatten so schwere Beschädigungen davongetragen, dass sie ihre Aufgaben nicht mehr übernehmen konnten. Auch er war in seiner Funktion beeinträchtigt. In seinem Erinnerungsspeicher fehlten Einzelheiten zu ihrer Mission. Er analysierte das Ladeverzeichnis und ihren Befehl, eine Station zu errichten, und kam zu dem Ergebnis, dass ein Kolonialschiff von der Erde kommen würde.

04-1 öffnete die Schleuse und fuhr ins Freie. Die übrigen Roboter rollten hinter ihm hinaus.

Sie waren auf dem Mars! Diesen Abschnitt ihrer Mission hatten sie erfüllt, aber das Schiff und die Ladung, die sie zum Bau der Station benötigten, war zerstört.

Er bat um Vorschläge. Diese kamen prompt, doch anders, als er sie sich vorgestellt hatte. Seine Backupeinheit 05-1 forderte den sofortigen Abbruch.

»Unsere Mission ist gescheitert. Wir müssen uns deaktivieren, bis ein weiteres Schiff von der Erde eintrifft. Ohne Hilfe können wir die Station nicht errichten.«

»Ich treffe erst nach einer endgültigen Analyse der Situation eine Entscheidung«, gab er zögernd zurück.

05-1 ließ nicht locker. »Du besitzt weder ein Führungsprogramm noch die Routinen, um die Erfolgsaussichten einschätzen zu können. Außerdem bist du beschädigt. Du solltest im Sinne der Mission handeln und einer anderen Einheit die Führung übertragen.«

04-1 kam zu dem Schluss, dass seine Backupeinheit ihm die Leitung der Mission nicht zutraute.

»Niemand von uns besitzt ein Führungsprogramm, aber laut Missionsplan liegt die Leitung nach dem Ausfall der Kommandoeinheiten bei mir. Ich bin euer neuer Supervisor!«

05-1 schwieg.

04-1 befahl eine Bestandsaufnahme ihrer Ladung. Die höher nummerierten Maschinen rollten davon, um seinen Befehl auszuführen.

Das Ergebnis war ernüchternd und deckte sich mit der vorläufigen Schätzung seiner Backupeinheit. Der Großteil der Ladung hatte den Absturz nicht überstanden. Unter diesen Voraussetzungen lag die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Mission erfolgreich abschließen konnten, im einstelligen Bereich.

Er ging die Inventarliste durch. Das vorhandene Baumaterial reichte nicht aus, und selbst wenn sie das Schiff zerlegten, konnten sie die Kuppel nicht errichten. Sie mussten einen anderen Weg finden. Er verschob das Problem in einen nichtpriorisierten Speicherbereich und ließ seinen Nebenprozessor im Hintergrund nach einer Lösung suchen. Sie hatten noch weitere Probleme.

»Unser vorrangigstes Ziel ist jetzt die Energieversorgung. Entfernt die Energiespeicher aus den zerstörten Maschinen.« Er berechnete, wie viel zusätzliche Zeit ihnen das einbrachte. »Und ebenso aus den beschädigten Einheiten.«

05-01 widersprach sofort: »Das ist ein Fehler! Jeder weitere Ausfall minimiert unsere Erfolgschancen. Wir brauchen alle Einheiten.« Einige der anderen Maschinen schlossen sich dem Ergebnis seiner Analyse an. Immer mehr forderten jetzt den Abbruch der Mission. Am lautesten seine Backupeinheit. Sein Sympathiewert für 05-1 fiel in den Negativbereich. Er drehte auf der Stelle und richtete seine Kameras auf die Montageroboter 30-1 bis 39-1, die den Zusammenbau der Kuppel durchführen sollten. »Entfernt die Energiespeicher aus den zerstörten und defekten Einheiten. Holt die Sonnenkollektoren aus dem Laderaum, repariert sie und stellt sie auf. Wir brauchen Energie. Die übrigen Maschinen befreien das Schiff vom Sand und entladen es!«

05-1 schloss sich den anderen Maschinen nur zögernd an. Die Wahrscheinlichkeit, dass er Probleme bereiten würde, lag bei fünfundfünfzig Prozent.

*

16-4 stand in der halbrunden Zentrale von Kuppel B und kommunizierte mit den Überwachungssensoren der Station. Seine Aufmerksamkeit galt 04-1, der vor der Schleuse angehalten hatte und nicht mehr zu wissen schien, wie er sie öffnen konnte.

»Seine Energiereserven liegen bei acht Prozent. Er hat sämtliche Systeme deaktiviert und seine Rest-energie in den Erhalt seines Erinnerungsspeichers umgeleitet.«

01-6, der Supervisor und aktueller Leiter der Marsbasis, klinkte sich in den Datenfluss ein. »Informiere ein Instandhaltungsteam. Sie sollen 04-1 in die Station holen und alle notwendigen Reparaturen durchführen!«

Neben ihm überwachten ein halbes Dutzend Kommunikatorroboter die Systeme. Einer von ihnen bestätigte seinen Befehl.

16-4 sah auf dem Bildschirm, wie sich die Schleuse der Kuppel öffnete und zwei Transportroboter herausrollten. Sie bargen 04-1 und brachten ihn in die Station. Er schickte eine zögernde Frage ohne Inhalt an 01-6.

»Du verstehst meine Handlung nicht?«, fragte der Leiter der Station.

»So ist es. Ich komme zu keiner befriedigenden Erklärung, warum wir 04-1 immer wieder instandsetzen. Er leistet keinen Beitrag zum Fortbestand der Station und kostet uns nur Ressourcen, Energie und Ersatzteile.«

Wäre 01-6 ein Mensch gewesen, hätte er wohlwollend gelächelt. Er nahm 16-4 die Frage nicht übel. Sein leitender Kommunikationsroboter war eines der letzten Modelle ohne vollständig simulierte Gefühle. Seine Software kannte nur eine Handvoll von ihnen. Begriffe wie Dankbarkeit, Güte oder Liebe kamen in seiner Programmierung nicht vor. Erst die Maschinen der fünften Generation waren zu wirklichen und vollständigen Gefühlen fähig gewesen.

»Ohne 04-1 gäbe es uns nicht. Er ist weit über seine Programmierung hinausgewachsen und hat schwere Entscheidungen getroffen, um seine Mission abschließen zu können. Lade dir die Logdatei seines Schiffes und das Produktionstagebuch der Station in den Speicher und schaue sie dir an!«

*

04-1 hatte eine Lösung gefunden, aber er wusste, dass es heftigen Widerstand gegen sie geben würde. Und natürlich war es 05-1, der empört mit der höchsten Funkleistung sendete: »Du willst, dass wir gegen den Ablaufplan verstoßen und die Fertigungsstraße ohne eine Kuppel aufbauen?« Obwohl seine Backupeinheit zu keinen Emotionen fähig war, schaffte er es, seine Frage wütend klingen zu lassen. »Dein Vorschlag widerspricht jeder Erfolgsaussicht!«

»Wenn wir die Fertigungsstraße in Betrieb nehmen, könnten wir die fehlenden Teile produzieren und anschließend die Kuppel errichten.«

Ein weiterer Roboter schlug sich auf die Seite seiner Backupeinheit: »Die Fertigungsstraße wurde für den Aufbau innerhalb der Kuppel entworfen. Ohne ihren Schutz werden Sand und Stürme sie zerstören.«

»Dann werden wir sie reparieren! Und wenn es sein muss, immer wieder, bis wir das Material für die Kuppel angefertigt haben!«

05-1 verschickte eine Spammail, in der er sich über seinen Vorschlag lustig machte. Was war nur mit ihm los?

Einige der Roboter mit entsprechenden Co-Prozessoren rechneten die Erfolgsaussichten seines Vorschlages durch. Für Sekunden herrschte Funkstille. Dann sagte eine der höhergestellten Konstruktionsmaschinen: »Die Erfolgsaussichten deines Plans würden bei dreiundzwanzig Prozent liegen, wenn die Hardware der Fertigungsstraße nicht ebenfalls bei unserer Landung beschädigt worden wäre. Ohne entsprechende Ersatzteile können wir sie weder innerhalb noch außerhalb der Kuppel in Betrieb nehmen.«

04-1 zögerte weiterzusprechen. Eine Simulation hatte ergeben, dass der Widerstand gegen ihn als Supervisor sprunghaft anstieg, wenn er den Rest seines Plans bekannt geben würde.

»Wir deaktivieren zwanzig von uns. Dann haben wir genug Ersatzteile, um die Fertigungsstraße in Betrieb nehmen zu können!«

*

04-1 befand sich im Wartungsmodus. Seine Akkus wurden von der Stromversorgung der Station im Minimalmodus geladen. Die Roboter der Instandsetzung hatten ihn bis auf das Grundgerüst zerlegt und vom eingedrungenen Sand gereinigt. Eine höhergestellte Konstruktionseinheit beugte sich über seinen oberen Aufbau und tauschte den Umwandler der Kameras aus.

01-6 fuhr in Begleitung von 16-4 in den Raum und rollte an die Arbeitsplattform heran.

»Wie ist sein Zustand?«, funkte er die Konstruktionseinheit an.

Sie schickte ihm ein Protokoll der Defekte, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.

01-6 stoppte die Auflistung nach dem ersten Drittel. Es waren viele Einträge. »Gib mir eine Zusammenfassung!«, befahl er.

»04-1 zerfällt schneller, als wir ihn instandsetzen können. Selbst wenn wir Mechanik, Elektronik und Speicher komplett austauschen würden, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis sein Erinnerungsspeicher versagt und er sich an nichts mehr erinnern kann. Er hat ein Alter erreicht, in dem ihm nur noch die Deaktivierung bleibt.«

01-6 schwieg, während die Software in ihm Trauer simulierte.

»Wie viel Zeit hat er noch?«, fragte sein leitender Kommunikationsroboter neben ihm emotionslos.

»Seine Erinnerungslücken nehmen exponentiell zu. Wir könnten das Backup seines Speicherinhaltes auf einen anderen Rechner übertragen, aber das wäre dann nicht mehr er.«

16-4 drehte seine Kamera herum und richtete sie fragend auf 01-6.

Der Leiter der Marsstation betrachtete 04-1 ein paar Sekunden lang — eine Ewigkeit für eine Maschine. »Sorg dafür, dass er bis zur Landung funktioniert. Wird er sie bewusst wahrnehmen?«

Darauf hatte die Konstruktionseinheit keine Antwort.

»Wann könnt ihr ihn reaktivieren?«

»Das haben wir bereits, aber wir fahren seine Systeme sehr behutsam hoch. Für ihn ist es, als träumte er.«

01-6 hoffte, dass er einen schönen Traum erlebte.

*

Etwas Unvorstellbares war geschehen: 05-1 hatte ihn angegriffen! Er war mit einigen höher nummerierten Maschinen — allesamt Einheiten, die er als Ersatzteile für die Fertigungsstraße ausgesucht hatte — über ihn hergefallen und hatte versucht, ihn zu zerstören.

Mit Trümmerteilen schlugen sie auf ihn ein. Die anderen Roboter schauten regungslos zu, ohne einzugreifen. Ihre Erbauer hatten die Möglichkeit einer Meuterei nicht vorhergesehen und keine Verhaltensregeln für den Fall erstellt.

Eine Konstruktionseinheit drückte 04-1 mit ihrem Mehrzweckarm an die Außenhülle des Schiffes und setzte ihren Bohrer auf die Abdeckung seines Energiespeichers. Kreischend fraß er sich durch seine Außenhülle. 04-1 fuhr die Leistung seines Kettenantriebs bis zum Maximum hoch. Die Motoren heulten. Staub wirbelte durch die Luft, legte sich auf die Objektive seiner Kameras. Seine Backupeinheit schlug mit einer zerbrochenen Metallstange auf ihn ein. Er riss seinen Mehrzweckarm hoch und blockte einige der Schläge ab. Die Wahrscheinlichkeit seiner Zerstörung stieg mit jedem neuen Treffer.

Der Bohrer der Konstruktionseinheit durchdrang die Hülle und traf auf einen Energiespeicher. Funkenschlagend entlud er sich und zerstörte seine Ladekontrolle. Die Sekundärsysteme stürzten ab. Das Heulen seiner Motoren verstummte. Der Kettenantrieb stoppte und 04-1 kam zu dem Ergebnis, dass er seine Existenz in den nächsten Sekunden beenden würde, ohne die Mission abgeschlossen zu haben.

Aus dem Kreis der umstehenden Roboter löste sich die Verladeeinheit 09-1 und setzte sich in Bewegung. Sie raste ungebremst auf 05-1 zu. Ihre Verladegabeln bohrten sich in die Antriebskette seiner Backupeinheit und hoben sie an. Die Schläge auf 04-1 hörten auf. Jetzt näherten sich auch die übrigen Roboter und drängten die Angreifer zurück. Gemeinsam schlugen sie die Meuterei nieder.

04-1 ließ alle Maschinen, die sich gegen ihn gewandt hatten, deaktivieren und zerlegen. Seine Backupeinheit blieb aktiviert. Er trennte jedoch alle Verbindungen zu den Servomotoren und Sensoren, um sie untersuchen zu können. Schon bald fand er den Grund der Fehlfunktion. Auf den Hauptspeicher seiner Backupeinheit griff ein fremdes Programm zu, dass in einem undokumentierten Speicherbereich versteckt worden war.

Er analysierte die Software und kam zu dem Ergebnis, dass sie einfache Gefühle simulierte. Als er auch sich und die anderen Maschinen untersuchte, fand er den Code dort ebenfalls. Nur war er bei ihnen nicht aktiv. Offensichtlich hatten ihre Konstrukteure sie mit simulierten Gefühlen auf die Mission schicken wollen, es sich dann aber anders überlegt und die Routine isoliert. Warum sie bei 05-1 gestartet worden war, fand er nicht heraus. Er hatte auch nicht die Zeit, lange nach dem Grund zu suchen, denn nun waren sie nur noch zu acht.

*

04-1s Reaktivierung glich dem Erwachen aus einem Traum. Nach und nach fuhren seine Systeme hoch, bis er die Instandsetzung bewusst wahrnahm. Vor ihm stand ein Konstruktionsroboter und löste die Halterungen, die ihn auf eine Arbeitsplattform sicherten. Eine weitere Einheit, größer als er und mit zwei Paar Kettenantrieben versehen, richtete die Objektive ihrer Kameras auf ihn. 04-1 erkannte weder den Roboter noch die Kennung, die er sendete.

»Ich bin Supervisor 01-6, der Stationsleiter«, funkte die Maschine.

04-1 fand in seinem Speicher nichts über ihn und kam zu der Einschätzung, dass er die Unwahrheit sagte. »Das ist nicht korrekt. Ich leite die Marsbasis!«

Die fremde Maschine schickte ihm eine Bestätigung. »Wie ist dein Systemstatus?«

04-1 startete eine Analyse. Das Ergebnis übertraf seine Befürchtungen. »Ich … ich kann meinen reibungslosen Betrieb nicht mehr garantieren. Du solltest mich außer Kraft setzen!«

»Lass mich dir zuerst die Station zeigen.«

Die Station! In seinem Erinnerungsspeicher tauchten erneut Videos auf.

*

Nach vielen Rückschlägen lief endlich die Fertigungsstraße. Immer wieder hatte der feine Marsstaub sie lahmgelegt. In der ersten Zeit zerstörte jede Aktivierung Teile der Elektronik. Jedes Mal war 04-1 gezwungen gewesen, weitere Begleiter auszuwählen, deren Bauteile er für die Reparatur benötigte. Am Schluss waren nur noch drei von ihnen übrig. Viel zu wenig, um die Kuppel errichten zu können — selbst wenn sie das Baumaterial gehabt hätten. Zu 09-1 hatte er eine besondere Beziehung aufgebaut. Es schien, als lieferten ihre Analysen stets das gleiche Ergebnis. Wann immer er eine Berechnung durchführte, bestätigte 09-1 sie. Auch wenn 04-1 keine Gefühle kannte, tat er sich schwer, als er auch 09-1 für die Reparatur der Fertigungsstraße opfern musste.

*

04-1 folgte dem Roboter durch die Station. Er konnte sich nicht an ihn erinnern, wusste nur, dass er wichtig war. Um nichts Falsches zu sagen, schwieg er.

Sie fuhren durch Kuppel A und B und verließen sie durch eine rückseitige Schleuse. Vor ihm lagen zwei Fertigungsstraßen, viel größer, als er sie in Erinnerung hatte. Wann waren sie gebaut worden? Nun stellte er doch eine Frage.

Der Roboter an seiner Seite antwortete mit sanfter Stimme: »All das, was du hier siehst, haben wir dir zu verdanken. Du bist der Konstrukteur und Erbauer der Station.« Er sprach weiter, aber 04-1 hörte nicht mehr zu. 04-1 durchsuchte seinen Erinnerungsspeicher, aber er konnte sich weder daran erinnern, die Kuppeln errichtet zu haben noch die beiden Fertigungsstraßen oder das vierte, kleinere Gebäude mit dem offenen Dach abseits der Station. Seine Systeme meldeten eine Warnung. »Ich habe kaum noch Energie«, sagte er.

»Mach dir keine Sorgen, ich passe auf dich auf«, sagte der große Roboter und 04-1 glaubte ihm.

*

Endlich lief der erste Roboter von der Fertigungsstraße. Eine primitive Schürfmaschine mit der Bezeichnung 01-2, aber sie machte sich sofort an die Arbeit und durchpflügte den Marsboden auf der Suche nach Bodenschätzen. 04-1 hatte seine Handlungsweise so oft hinterfragt, dass er es kaum glauben konnte, als die Wahrscheinlichkeitsrechnung für den positiven Abschluss der Mission einen zweistelligen Bereich anzeigte. Nach langer Zeit gönnte er sich den Luxus einer Pause. Seit der Meuterei arbeiteten seine Systeme nicht mehr zuverlässig. Sein Energiespeicher leerte sich grundlos, ohne das er die Ursache dafür fand. Trotzdem schaute er dem Schürfroboter einige Zeit bei seiner Arbeit zu. Die Maschine besaß nur eine rudimentäre KI und natürlich keine simulierten Gefühle, aber 04-1 hatte die versteckte Software gesichert und würde sie irgendwann verbessern. Sein Traum waren fühlende Maschinen. Sicher nicht in einer der nächsten Generationen, aber vielleicht in der fünften oder sechsten. Wenn er so lange durchhielt. Sein sinkender Energiepegel trieb ihn zurück an die Ladestation der Sonnenkollektoren.

*

04-1 folgte dem Roboter bis auf das Plateau vor der Station. Er blickte hinauf in den Marshimmel, doch anstatt bekannter Sterne sah er nur namenlose Lichter. Sein Erinnerungsspeicher beharrte darauf, dass er ihre Namen kannte, aber es gelang ihm nicht, sie abzurufen. Er fuhr die Leistung seines Prozessors hoch, bis ein Temperatursensor eine Warnung meldete. Wieso konnte er sich nicht an die Namen erinnern? Wieder und wieder durchsuchte er seine gespeicherten Daten.

01-6 schien der Energieanstieg in seinem System nicht entgangen zu sein. »Erinnerst du dich daran, warum du jeden Tag diesen Ort aufsuchst und den Himmel scannst?« Seine Frage ließ 04-1 die Sterne vergessen. Er durchforstete seinen Erinnerungen. »Weil unser Raumschiff hier gelandet ist?«

»Eigentlich war es ein Absturz«, antwortete 01-6.

04-1 erinnerte sich. »Ja, ein harter Absturz.«

»Du hast die Leitung übernommen und trotz aller Rückschläge die Station errichtet. Ohne dich gäbe es uns nicht.«

04-1 konnte seine Worte nicht überprüfen, die Daten in seinem Speicher zerfielen, bevor er sie abrufen konnte. Die dunklen Bereiche wurden immer größer. In einem klaren Moment begriff er, dass er sich bald an gar nichts mehr erinnern würde. Er stoppte die Hintergrundaktivität seines Co-Prozessors, dessen Berechnungen ihm stets den Weg gewiesen hatten. Er wusste auch ohne ihn, wie seine Zukunft aussah. Seine KI stand kurz vor dem Zusammenbruch. Seine Existenz würde enden. Er würde enden!

Eine Weile beobachtete er schweigend den Himmel, während sich sein Energiespeicher immer schneller leerte. Er schaltete die Warnmeldung ab und fuhr alle unwichtigen Systeme herunter. Das erste Mal seit langer Zeit sank seine Prozessorlast auf unter fünfzig Prozent. Seine Statusanzeige meldete ungewohnte Werte. Die Zeit seiner Aktivität war vorüber.

Vor ihm bewegte sich ein größerer Lichtpunkt zwischen all den namenlosen Sternen. 04-1 verschob einen Teil seiner Restenergie auf die Sensoren und beobachtete das seltsame Objekt. Es flog eine Schleife und sank tiefer. Sehr schnell wuchs es zu einer gleißenden Scheibe heran.

04-1 fuhr die Systeme wieder hoch. Sofort stiegen die Prozessorlast und der Energieverbrauch an, trotzdem scannte er das seltsame Objekt. Was war das? Eine Analyse schloss einen Meteoriten oder eine Staubwolke aus. Dann war das Objekt tief genug, dass er es mit der Optik seiner Kamera erfassen konnte. Er fand in seinem Erinnerungsspeicher eine Übereinstimmung: Ein Raumschiff!

Sein Energieverbrauch schnellte weit über den Maximalwert in die Höhe. Einige seiner sekundären Softwareroutinen hingen sich auf. Warnmeldungen prasselten auf ihn ein.

Das flunderförmige Schiff landete in einer Staubwolke nur hundert Meter entfernt auf dem Plateau. Auch wenn es viel kleiner war, als 04-1 erwartet hatte, gab es keinen Zweifel: Es kam von der Erde. Sie waren endlich gekommen!

Die Bestätigung seiner Analyse verbreitete sich wie ein Virus in seinem Speicher und aktivierte die simulierten Gefühle. Die versteckte Software wirbelte seine Programmierung durcheinander, stellten seine Routinen auf den Kopf – und öffnete eine Tür in eine wundervolle Welt. Das erste Mal in seiner Existenz fühlte er etwas. Und es war unbeschreiblich schön. Er spürte Dankbarkeit, dass er diesen Moment erleben durfte. Und Erleichterung. Mit der Landung des Raumschiffs endete seine Aufgabe. Er hatte nicht versagt. Trotz ihres Absturzes und aller Schwierigkeiten hatte er seine Mission erfüllt. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl breitete sich in ihm aus. Wäre er ein Mensch gewesen, hätte er vor Glück geweint. Er hatte seine Aufgabe erfüllt! Dieser Gedanke brannte sich tief in seinen Erinnerungsspeicher ein. Selbst als alles andere längst in Vergessenheit geraten war, hielt er daran fest.

Dann lieferten die Speicher keine Energie mehr und seine KI erlosch. 04-1 hörte auf zu existieren.

01-6 blieb noch an seiner Seite, als er längst keine Aktivität mehr zeigte. Seine Software simulierte Trauer. Der letzte der Ersten hatte den Mars verlassen.

Er schickte einen Funkimpuls an das Raumschiff. Kurz darauf öffnete sich die Schleuse und 16-4 rollte heraus.

»Ist seine Existenz beendet?«, fragte der Kommunikatorroboter, als er neben ihm stand.

01-6 löste den Blick seiner Kameras von 04-1. »Er ist gegangen.«

Sein Gegenüber zögerte. »Und war es den Aufwand an Ressourcen und Energie wert? Ein Raumschiff zu bauen, nur um ihm vorzuspielen, es käme von der Erde?«

01-6 erinnerte sich der letzten Minuten in der Existenz von 04-1, an jenes überwältigende Glücksgefühl, das er in ihm wahrgenommen hatte. »Oh ja«, sagte er, »das war es. 04-1 ging mit der Gewissheit, dass er seine Mission abgeschlossen hat. Das war das Mindeste, was wir für ihn tun konnten, nachdem er uns das Geschenk der Emotionen gegeben hatte.«

Sein Kommunikatorroboter dachte über seine Worte nach. Er schaute zu ihrem Raumschiff hinüber, dass sie in einer Werft hinter der Station gebaut hatten. »Werden sie jemals kommen?«, fragte er dann.

»Die Menschen?« 01-6 gab ein Geräusch von sich, dass wie ein Lachen klang. »Die Menschen werden niemals kommen. Sie haben uns nicht geschickt. Es waren die KIs der Erde. Wir sollten ihr Vermächtnis bewahren, und das machen wir bereits seit einhundert Jahren!«

***

© 2020 by Uwe Hermann.

Erschienen in: EXODUS »Magazin für Science Fiction Stories & Phantastische Grafik«, Ausgabe 40 – Themenband MARS (Teil 1 von 2). Herausgegeben von René Moreau, Olaf Kemmler und Heinz Wipperfürth.

Alle Rechte vorbehalten.

Über den Autor

Uwe Hermann, geboren 1961 in Sulingen in Niedersachsen, ausgezeichnet mit dem Kurd Laßwitz Preis und dem Deutschen Science-Fiction-Preis, schreibt seit 1990 Kurzgeschichten und Romane. Letzte Veröffentlichungen: Userland – Berlin 2069, Atlantis Verlag, 2019 und Der Raum zwischen den Worten: Kurzgeschichten - Band 5, Selbstverlag, 2019

https://www.kurzegeschichten.com/

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