Blutiger Mond

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FICTION

Blutiger Mond | Klara Bellis


Korwin Schwarzvogel will eigentlich bloß einen alten Freund besuchen – doch der Krieg hat soeben auch dessen Dorf erreicht. Und mit dem Geruch von frischem Blut kann Korwin nur schlecht umgehen …

Unsere PAN-Story des Monats »Blutiger Mond« von Klara Bellis entstammt der Anthologie Roter Mond (BookRix).

***

Dörmitz bei Bergstadt, 9. Dezember 1620, 17:00 Uhr

Scharfer Rauch biss ihm in die Nase. Unruhe überkam Korwin Schwarzvogel. »Nur eine Mondfinsternis«, sagte er sich. Er fasste den Geldbeutel fester und beschleunigte seine Schritte. Nach vierhundert Jahren unter dem Nachthimmel hatten astronomische Phänomene längst ihren mystischen Reiz verloren. Und der Brandgeruch stammte sicher von Ludgers Kamin. Bei dem Gedanken an die alte Frostbeule musste er grinsen.

Er hätte vorhin mehr trinken sollen. Normalerweise kroch ein Vampir nicht wie eine Schnecke am Boden herum. Endlich schimmerten die Lichter von Dörmlitz zwischen den Bäumen hindurch. Ungewöhnlich hell leuchteten sie in den frühen Winterabend hinein. Fröhlicher Gesang drang an sein Ohr. Es gab wohl ein Fest im Dorf.

Ludgers Hof schmiegte sich einige hundert Schritte vor der eigentlichen Siedlung in eine baumbestandene Senke. Kerzenlicht erhellte die Fenster des schiefen Hauses, in dem der Bauer mit seinem Enkel Alexander lebte. Zehn Jahre hatte er den Freund nicht gesehen. Mit kraftvollen Schlägen hämmerte er das vereinbarte Signal gegen das Hoftor. Schon nach kurzer Zeit näherten sich schlurfende Schritte.

»Sieh an, der Totenvogel«, begrüßte Ludger ihn. »Deine Haare, rabenschwarz wie eh und je.«

»Verdammt!« Ludgers Anblick ließ ihn straucheln. Ein Gesicht wie eine Totenmaske, zerfurcht von tiefen Falten. Nie und nimmer waren das die Spuren des Alters, auch wenn der Freund inzwischen siebzig Winter zählte. Korwins Nasenflügel blähten sich. Es roch nach Blut. Unmengen davon. All seine Sinne schärften sich.

»Tritt ein. Nein!« Zögernd blieb Ludger im Türrahmen stehen. »Versprich mir, dich zu beherrschen, sonst kündige ich dir die Freundschaft.«

»Wie meinst du das, beherrschen?« Korwin sah ihn fragend an.

»Schwöre es mir! Ich muss dir vertrauen können, dir, einem Blut saufenden Untoten.«

»Schon gut, ich beherrsche mich ja.« Das mit dem Untoten hatte gesessen.

»Dann komm rein.« Ludger drehte ihm den Rücken zu und betrat das Haus. Er folgte dem drahtigen Greis in die Stube, die ein überheizter Kamin und zwei Talgkerzen erhellten. Auf dem Bett lag ein Mann. Blutbesudelt, mehr tot als lebendig. Der Duft des frischen Blutes drohte Korwin zu überwältigen. Speichel schoss ihm in den Mund. Hastig schluckte er dagegen an. Der Alte wandte sich ihm wieder zu, in seinen Armen ein fleckiges Lumpenbündel: ein Säugling, der leise wimmerte.

»Er hat es zu mir gebracht.« Ludger nickte zu dem Sterbenden auf dem Bett.

»Woher hat er das Kind?« Längst ahnte Korwin die Antwort: das helle Licht im Dorf, grölende Männergesänge, der Gestank nach verbranntem Fleisch. Nein! Das durfte nicht sein.

»Er hat es vor seinen Kumpanen gerettet. Söldner haben heute kurz nach Mittag das Dorf ...«

»Verfluchter Auswurf der Menschenbrut!« Mit einem wilden Fauchen zerstob Korwins Selbstbeherrschung. »Sohn einer räudigen Hündin! Was hat Er getan?« Er riss den Verwundeten vom Bett hoch.

»Du hast mir geschworen, dich zu beherrschen«, flehte der Alte.

Angewidert warf Korwin den Söldner aufs Bett zurück. »Die anderen sind noch hier?«

»Sie haben alle umgebracht. Alle bis auf die kleine Minna, Liesbeths Tochter.« Er hob das wimmernde Bündel in seinem Arm hoch. »Weißt du noch? Die Rothaarige, die Tochter vom Schmied.«

»Liesbeth?« Heiße Nadeln stachen in sein kaltes Herz. Geneckt hatten ihn die Kinder damals, wenn er tagsüber wie tot im Bett in der winzigen Kammer gelegen hatte. Um von seiner wahren Natur abzulenken, hatte er den beiden eingeredet, sich tot zu stellen, sei nur ein Spiel. Danach hatten sie das Spiel oft zu dritt gespielt. »Liesbeth ... Ist sie auch ... tot?«

Ludger nickte knapp.

Korwin fauchte. Rachedurst brannte in seinem Herzen und verschmolz mit dem ewig bohrenden Hunger zu einem Wirbel aus Hass und Wut.

»Ich werde unseren Gästen einen Besuch abstatten«, sagte er kalt. »Sie haben gewiss noch etwas zu essen für mich.« Er schluckte gegen seine blutigen Fantasien an. »Wenn ich mich gestärkt habe, komme ich wieder.« Sein Blick bohrte sich in den Sterbenden. Fauchend stieß er den Freund beiseite und stürmte aus dem Haus.

Schnell wie ein Schatten im Wind überwand er die fünfhundert Schritte bis zum Dorf. Das trübe Licht des Blutmondes war sein Verbündeter. Er pirschte sich an die Söldnertruppe heran. Betrunkene Kerle stolzierten zwischen den brennenden Ruinen umher. In einem Hauseingang lagen die verkohlten Überreste eines Dorfbewohners. Korwins Augen weiteten sich vor Entsetzen.

Höhnisches Gelächter peitschte durch die Gassen. Grund der Belustigung war einer der Lumpenhunde, der mit einer grausam zugerichteten Frauenleiche auf dem Dorfplatz tanzte. Die Tote hatte rotes Haar.

»Liesbeth«, flüsterte Korwin. Er zitterte vor unterdrückter Wut. Mit federnden Schritten trat er aus den Schatten.

»Guten Abend die Herren. Wünsche wohl gespeist zu haben.« Er wies auf die Reste eines Gelages, ausgebreitet auf dem blanken Erdboden.

»Was will Er hier?« Ein schnauzbärtiger Söldner, rund wie ein Fass und mit vom Saufen geröteten Augen, schleuderte einen hölzernen Krug in die Flammen. Schnaufend baute der Kerl sich vor ihm auf.

»Ich lade mich zum Essen ein«, antwortete Korwin mit fester Stimme. Ein Druck im Rücken verriet einen Säbel, der ihn in Schach halten sollte. »Wie ich sehe, habt ihr weibliche Gesellschaft.«

Der Tänzer hielt in seiner schwungvollen Bewegung inne. Wütend stierte er Korwin an.

»Sieh an, der feine Pinkel bettelt um Dresche«, zischte er. »Die kann Er haben.« Achtlos ließ er seine bizarre Partnerin fallen. Mit geballten Fäusten sprang er auf Korwin zu, holte zum Schlag aus. Erstaunt riss er die Augen auf. Vermutlich, weil er das Knacken schon spürte, noch bevor er es seinem gebrochenen Arm zuordnen konnte. Wortlos stieß Korwin den Tänzer zu Boden. Das zweite Knacken kam von dessen Genick, das durch den Aufprall brach.

Blitzschnell griff Korwin nach dem Säbel, der sich in seinen Rücken bohrte. Er fasste direkt in die Klinge hinein, zerrte den Angreifer zu sich heran, schlug seine Fangzähne in dessen Hals und soff ihn binnen weniger Augenblicke aus. Der Schnitt in seiner Hand verheilte sofort. Einnehmend lächelte er das restliche Dutzend an, das sich auf seinen Gedankenbefehl hin vor ihm aufgestellt hatten. Selbst wenn er gewollt hätte, er konnte kein Erbarmen mehr walten lassen. In ihm brodelte die Blutgier. Ein Zustand, den er voller Wonne auskostete und zugleich fürchtete.

Er befahl einen der Männer zu sich heran. Es war der Fettsack mit dem Schnauzbart. Der Schnaps, den sie gesoffen hatten, machte es viel leichter, die Beute zu kontrollieren. Auf allen vieren kroch der Söldner seinem Schicksal entgegen. Korwin fackelte nicht lange. Er griff ihn sich, biss zu und trank in schnellen Schlucken.

»Wer will der Nächste sein?«, fragte er betont freundlich. Keiner meldete sich. Längst war das süffisante Grinsen der Männer in nackte Panik umgeschlagen. Derart gefürchtet zu werden, fühlte sich verdammt gut an. Das sollte er viel öfter machen. Nein! Sonst würde er wieder zu dem werden, vor dem er schon seit vierhundert Jahren floh. Ein letztes Mal lächelte er seine Beute an, dann stürzte er sich auf sie. Wie leicht sie doch entzweigingen, diese empfindlichen Menschlein.

Nachlässig rieb er sich das warme Blut aus dem Gesicht. Seit zwei Jahren fraß sich der verdammte Krieg durchs Land. Es tat so unendlich weh in der Brust – das Dorf in Flammen, die Leichen der Dorfbewohner, erschlagene Tiere. Seine alte Heimat starb. Und zwischen all dem Entsetzlichen lag sie: Liesbeth. Der Stich im Herzen trieb ihm blutige Tränen in die Augen. Zögernd näherte er sich der Leiche. Wie warm sie sich anfühlte. Selbst die Ader an ihrer Stirn pochte noch.

Eine pochende Ader bei einer Leiche? Unmöglich! Vor Aufregung schlug sein totes Herz. Vorsichtig hob er Liesbeth an und bettete ihren Kopf an seine Brust.

»Liesbeth, sag doch was!« Sie versteifte sich, als hätte sie Angst vor ihm. Warum nur? Sie kannte ihn doch. Verdammt! Die Söldner, die er eben niedergemetzelt hatte. Ein guter Grund, sich vor ihm zu ängstigen. »Liesbeth, es ist vorbei.«

»Verschwinde!« Kraftlos versuchte sie, ihn wegzudrücken.

»Ich lass dich nicht allein.« Behutsam legte er sie ab. Er zog seinen Wollmantel aus und hüllte sie darin ein.

»Du bist der Teufel«, flüsterte sie.

»Ich bin Korwin. Dein Vetter, der Langschläfer.« Die Erinnerung ließ ihn heiser auflachen. »Ich werde dir etwas Arznei geben.« Hoffentlich würde sie die Arznei auch schlucken.

»Hab mich tot gestellt. Wie damals.« Sie schnappte nach Luft. »Weißt du noch, unser Spiel?« Ihre Stimme klang immer schwächer.

»Bleib bei mir, kleine Liesbeth! Trink deine Arznei.«

Rasch biss sich er ins Handgelenk und führte es an ihre zerschlagenen Lippen. Der Zweck heiligt die Mittel, dachte er. Selbst wenn es ein ganz und gar unheiliges war. Vorsichtig nahm er Liesbeth auf und trug sie zu Ludgers Hof. Mit einem Satz sprang er über die Mauer und hämmerte gegen die Haustür. Ludger öffnete sofort.

»Sind sie alle ...?« Der Bauer starrte auf den reglosen Körper in Korwins Armen.

»Fast alle«, antwortete er. »Liesbeth wird es schaffen.«

»Trag sie in die Kammer!«, sagte Ludger. »Da steht noch immer dein Bett.« Er eilte voran. Korwin folgte ihm in das altvertraute Zimmer, das ihm während seiner Besuche im Dorf als Schlafplatz gedient hatte.

»Das Stroh ist frisch, das Laken sauber.« Der Alte zupfte die Wolldecke zurecht. Korwin bettete Liesbeth auf das Laken. Schweigend verließen sie das Zimmer.

»Und jetzt zu ihm.« Korwin trat an das Bett in der Stube heran. Beim Anblick des Söldners flammte die Blutgier wieder auf.

»Denk an deinen Schwur!« Ludger fasste ihn am Arm. Die schwächliche Greisenhand zitterte merklich.

»Der Galgenstrick verdient keine Gnade.« Korwin fauchte. Er riss sich los und packte den Verwundeten an der Kehle. »Stirb, du Hund!«

»Du verstehst nicht«, flehte Ludger weinerlich.

»Was verstehe ich nicht?« Bebend vor Wut fletschte Korwin die Zähne. »Dieser Kerl hat mit seinen Kumpanen mein Dorf ausgelöscht.« Er riss den Todgeweihten vom Kissen hoch. »Die Meute hat Liesbeth geschändet und Alex ermordet. Deinen Enkel, Ludger! Verdammt noch mal!«

»Versteh doch! Er kann Alexander nicht ermordet haben, weil er es selbst ist.«

»Alexander?« Entsetzt starrte Korwin Ludger an. »Ein Söldner? Das verstehe ich nicht. Erkläre es mir!« Widerwillig stieß er den Sterbenden aufs Bett zurück.

»Komm mit mir ans Feuer. Ich erzähle dir alles.« Mit einer kraftlosen Geste wies Ludger zu den zwei grob geschnitzten Schemeln, die sich um einen Tisch gesellten. Korwin folgte ihm, obwohl es in seiner Brust nach Rache schrie.

»Vor einem Jahr ist er abgehauen, um für den rechten Glauben zu kämpfen, der Alex. Bloß weil der Schmied ihm die Liesbeth nicht zur Frau geben wollte.« Ludger schnaufte abschätzig. »Alexander, der Habenichts. Die Mutter tot, der Vater ein griechischer Wandermusikant.« Kopfschüttelnd schnippte er eine Brotkrume vom Tisch. »Irgendwann des Nachts ist er in der Wut davongelaufen. Zuvor hat der Dummbeutel gefaselt, dass er für eine gerechte Sache einstehen wolle. Da muss er wohl auf einen Söldnerhaufen gestoßen sein. Widerliches Wolfspack!« Verächtlich spuckte Ludger auf den mit Steinplatten bedeckten Fußboden.

»Wie kann einer nur so dumm sein und für so einen Firlefanz kämpfen?«

Ludger nickte zustimmend. Er berichtete, dass sein Enkel heute in sein Heimatdorf zurückgekehrt war. Der Söldnertrupp lagerte in der Nähe und Alex hatte Ludger und Liesbeth besuchen wollen. »Ein paar Kerle sind ihm nachgeschlichen. Dachten wohl, er will abhauen.«

Aus Ludgers Bericht schloss Korwin, dass die Schmiede eines der ersten Häuser gewesen war, das sich die Söldner vorgeknöpft hatten.

»Alex hat Liesbeths Säugling an sich gerissen, bevor es einer seiner Kumpane aus der Wiege schleudern konnte. Sie erschlugen den Schmied und den Gesellen, Liesbeths Mann. Später haben sie die Schmiede angezündet.« Mit schmerzerfüllten Augen sah er Korwin an. »Alex ist mit dem Kind stiften gegangen. Einer seiner feinen Freunde zog ein Messer.« Ludger holte weit aus, als würde er selbst das Messer werfen. »Es traf ihn im Rücken. Die Mörderbrut hielt ihn für tot. Mit letzter Kraft hat er sich davongeschleppt und die kleine Minna bis zum Hof gebracht. Und ich ...« Seine Schultern bebten. »... ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass sie auch hier auftauchen und ihr Werk vollenden.«

»Alexander, der kleine Grieche.« Beschämt spähte Korwin zu dem Sterbenden hinüber. »Wenn ich das geahnt hätte. Bitte verzeih mir.«

»Er wird sterben, mein Alex«, flüsterte Ludger. Tränen glänzten in seinen Augen. »Aber wenigstens hat er hat das Kind gerettet, der Narr. Auch wenn ich nicht weiß, wie ich es großziehen soll.«

Korwin grinste sein Gegenüber an. »So herumzujammern, das steht dir nicht, Ludger.« Rasch zog er den prallvollen Geldbeutel hervor. »Da, wo die herkommen, gibt es noch viel mehr.« Er warf ihn auf den Tisch. »Außerdem wird Liesbeth wieder gesund. Das verspreche ich dir.«

Mit einer empörten Geste schob der alte Mann die Münzen von sich. »Das will ich nicht. Nicht von dir. Das ist Teufelswerk!«

»Alles ehrlich verdient«, verteidigte sich Korwin.

»Und ich muss auch nichts mit meinem Blut unterschreiben?« Ludger kratzte sich an der Nase. »Dir meine Seele verkaufen?«

Verunsichert zog Korwin den Beutel ein Stück zurück. War dies etwa das Bild, das der Freund von ihm hatte?

»Ein wahrlich Furcht einflößender Dämon bist du, Korwin Totenvogel.« Ludger lachte. »Lässt dich von einem alten Mann vergackeiern.« Rasch griff er sich den Geldbeutel und ließ ihn unter dem Tisch verschwinden.

Korwin atmete auf. Andere Dörfler hätten ihn für viel weniger auf den Scheiterhaufen gebracht. Ludger konnte er blind vertrauen.

»Erinnerst du dich noch an meine Arznei? Als dich die wilde Bache im Wald angefallen hatte?« Vielleicht konnte er Alex ja doch helfen.

»Hast du noch was von der Arznei?«

Zögerlich nickte Korwin, stank doch der Atem des Verwundeten schon nach dem nahen Tod. Wider besseres Wissen erhob er sich vom Schemel und setzte sich auf die Bettkante. Alex brauchte so viel von seiner Arznei, seinem vampirischen Blut, dass er davon selbst zum Vampir würde. Andererseits, was wäre, wenn der Junge ...?

Fahrig strich er sich durchs Haar. Zumindest einen Versuch wäre es wert. Er schloss die Augen und rief sich den Alex von damals ins Gedächtnis: ein zwölfjähriger Bengel mit aufgeschlagenen Knien. Behutsam tastete er sich durch den Geist des Sterbenden bis zum Lebensfunken, der gegen das Erlöschen anflackerte. Mit seinen Gedankenfingern streichelte er über den Funken, suchte nach dem, was Alex ausmachte.

»Sieh an, der schwarze Vogel kommt wieder angeflattert.« Alex’ Gedankenstimme klang wie die eines Kindes.

»Lange hat’s gedauert«, sagte Korwin.

»Das Dorf brennt und ich bin schuld, oder?«

»Ja.«

»Und jetzt muss ich sterben.«

»Nein.«

»Nein?« Alex klang irritiert. Seine innere Stimme schlug von der eines Kindes zu der eines sterbenden Mannes um. »Es tut so weh.«

»Ich stelle dich vor die Wahl. Ewig zu sein oder jetzt zu vergehen.«

»Du bist nicht wie wir, Korwin. Das habe ich immer gewusst.«

»Willst du so sein wie ich?«

»Ich habe Angst, Korwin Schwarzvogel.«

»Ich auch. Jede verdammte Nacht.«

»Geh weg von ihm!«, schrie Ludger. »Ich weiß, was du vorhast!« Er zerrte an Korwins Schulter. Offenbar hatte der Alte begriffen, um was es ging.

»Versteh doch! Alex wird elendig krepieren.« Diese wunderlichen Sterblichen. Abergläubisch und gefühlsduselig. »Ich kann ihm mit meiner Arznei nicht mehr helfen. Außer ...« Korwin legte seine Hand auf Ludgers, die sich in sein Hemd krallte. »... ich helfe ihm, das zu werden, was ich bin.«

Der alte Mann schluchzte auf. Er weinte hemmungslos. Korwin zerriss es beinahe das Herz. Er nahm den Alten in die Arme, drückte ihn an seine kalte Brust. Das mit der Gefühlsduselei war bei ihm selbst nicht viel besser.

»Nein«, wimmerte Ludger. »Du kriegst den Jungen nicht.«

»Verdammt, Ludger. Alex will nicht sterben.«

»Dreimal verfluchter Ochsendreck!« Ludger schnäuzte sich in den Hemdsaum. »Alex ist danach genauso wie vorher? Kein Dämon ohne Seele, ohne Gewissen?«

»Wer weiß, ob ich jemals eine Seele hatte«, sagte Korwin düster. Er dachte an die Männer, die er eben niedergemetzelt hatte. »Und du wärst ja auch noch da, um Alex ins Gewissen zu reden.«

»Was du vorhast, ist wider den Willen Gottes.« Abwehrend schüttelte Ludger den Kopf, beschimpfte Gott und die Welt, Alex’ zu früh verstorbene Mutter, dessen Vater, der sich aus dem Staub gemacht hatte und sich selbst, weil er dem Jungen viel zu selten den Hosenboden strammgezogen hatte. »Verflucht noch eins!« Ein tieftrauriger Ausdruck lag in Ludgers Augen. »Aber ich warne dich.« Ungelenk stakte der Alte zum Kamin und wühlte in der Kiepe, in der er das Brennholz aufbewahrte. Er zog ein Stück Holz hervor, etwa eine Elle lang. Sorgfältig geschnitzt und angespitzt.

Ein Pflock! Korwins Augen weiteten sich.

»Das verwahre ich schon so lange, wie du mich besuchst. Ich hoffe, ich muss es nicht benutzen, nicht bei meinem einzigen Enkel.«

»Ludger!« Misstrauisch musterte Korwin die auffallend spitze Waffe. Ein Stoß direkt ins Herz konnte für einen Vampir äußerst schmerzhaft werden. »Scher dich raus an die frische Luft. Ich muss mit Alex allein sein.« Nicht dass der Alte noch Dummheiten anstellte, die er später bereute.

Ludger eilte aus der Stube. Korwin setzte sich wieder zu Alex. »Es wird alles gut«, flüsterte er. »Geh einfach nicht ins Licht, egal, was sie dir versprechen. Geh nicht rein.«

Der Sterbende nickte schwach.

»Und wenn ich sage ›Trink!‹, dann trinkst du, soviel du kannst.«

Er beugte sich über Alex und biss ihm in den Hals. Allein der Blutmond, der sein schwaches Licht durchs Fenster schickte, war Zeuge, als er die dunkle Gabe weitergab. Eine Gabe, die zugleich ein Fluch war.

»Ist es gelungen?« Unruhig trat Ludger von einem Bein auf das andere.

»Ganz sicher wissen wir es erst in der kommenden Nacht, doch so lange können wir nicht warten.« Schon jetzt wirkten Alex’ Gesichtszüge weit weniger vom Tode gezeichnet. Die Wangen erschienen voller, die Haut blass, aber nicht mehr grau. War es wirklich richtig, was er getan hatte? Was, wenn Alex sich vom Blutdurst übermannen ließ? Die Zweifel wogen schwer.

Dörmitz war für immer verloren. Das Dorf würde wüst fallen. Die kleine Schar, die jetzt seine Familie war, musste weiterleben. Alles andere ließ er nicht zu.

»Ich will, dass ihr mit mir kommt. Du, Alex und Liesbeth mit dem kleinen Wurm. Mein Haus in Bergstadt ist groß. Außerdem brauche ich eine bürgerliche Fassade für meinen ...« Er räusperte sich. »... ungewöhnlichen Lebenswandel.«

Abwehrend hob Ludger die Hände. »Nein! Ich gehöre hierher. Mein Acker, meine Kuh. Der Klepper im Stall.«

»Dein Viehzeug stellst du bei mir unter. Ich brauche einen Freund, dem ich bedingungslos vertrauen kann.« Skeptisch musterte er den Holzpflock, den Ludger auf dem Tisch abgelegt hatte. Ludger ergriff ihn und bohrte dessen Spitze in seinen Daumen. Ein listiges Lächeln umspielte seinen Mund.

»Aber was nutze ich alter Mann dir überhaupt?«

»Alter Mann? Dank meiner Arznei hast du noch mindestens dreißig Sommer vor dir. Komm mit mir, wenigstens die paar Jahre, die der verdammte Krieg andauert.«

»Wohl wahr.« Ludger streichelte über die Tischplatte, als würde er sich von ihr verabschieden. »Kein Krieg dauert dreißig Jahre.«

Längst hatte der Blutmond den Himmel verlassen. Auf Ludgers Leiterwagen zuckelten sie in Richtung Bergstadt. Das Hufstapfen des Kleppers durchbrach die Stille der Winternacht. Liesbeth saß mit dem Säugling zwischen Korwin und dem alten Bauern, den Kopf an Korwins Schulter gelehnt. Gerührt von ihrem Vertrauen, hielt er sie fest im Arm. Was würde sie sagen, wenn sie erfuhr, dass ihre große Liebe kein Mensch mehr war, sondern ein Ungeheuer? Andererseits hielt sie wohl seit dem heutigen Tag jeden Mann für ein Ungeheuer, selbst wenn er kein Blut trank und nicht im Tageslicht verbrannte. Wie ein Toter lag Alex zwischen dem Hausrat und den in Weidenkörben steckenden Hühnern. Alle schwiegen, nur Ludger sagte leise: »Kein Krieg dauert dreißig Jahre.«

***

© 2020, überarbeitete Version by Klara Bellis. Erschienen in: Roter Mond – 9 fantastische Geschichten. Hrsg. von Birgit Otten. BookRix 2018.
Alle Rechte vorbehalten.

Über die Autorin

Klara Bellis, 1973 in Sachsen-Anhalt geboren, verfasste schon als Kind Geschichten und zeichnete Cartoons. Später konzentrierte sie sich auf Schule und Studium, wobei das Konzentrieren auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben meist daran scheiterte, dass sie nächtelang Bücher las, wenn sie nicht gerade an der Staffelei stand, um Bilder zu malen. Zum Schreiben kam sie durch das Verfassen von Artikeln, Pressemitteilungen und Fachtexten. Ihre ersten freien Texte veröffentlichte sie unter dem Namen „Bellis“ in einer Kulturcommunity, wo sie großen Anklang fanden. Sie sucht und findet im Alltäglichen das Skurrile. Die Realität ist für sie ein Schleier, hinter dem ungeahnte Möglichkeiten warten. Man braucht nur genau hinzuschauen, dann kann man sie mit Worten festhalten und auf diese Weise sichtbar machen.

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 7. November, genau hier.

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