Wagners Stimme | Carsten Schmitt

FICTION

Wagners Stimme | Carsten Schmitt


Eine künstliche Intelligenz, die positiv eingesetzt wird – sie soll dabei helfen, Alzheimer-Patienten besser mit ihren Angehörigen zu verknüpfen. Doch was hilft die beste Technik, wenn sich die Generationen nicht so richtig verstehen?

Carsten Schmitts intensiv erzählte Kurzgeschichte »Wagners Stimme« entstammt der Anthologie »Wie künstlich ist Intelligenz?« (Plan 9 Verlag).

***

Jedes neue Loch in seinem Kopf gibt der Stimme ein wenig mehr Raum. Das sei nicht schlimm, sagen die Ärzte, denn die Stimme und er, das sei praktisch ein und dasselbe.

Jens Wagner ist nicht sicher, was er davon halten soll. Ein bisschen tröstlich ist die Vorstellung schon und außerdem hat er es freiwillig getan, die Sache mit der Stimme und dem Rest.

Herr Hildemann scheint Hunger zu haben. Du musst ihn füttern.

Herr Hildemann, der Kater, sitzt vor seinem Napf und leckt demonstrativ die eingetrockneten Futterbröckchen auf, die sich um die rote Plastikschale herum auf dem Boden angesammelt haben.

»Ja ja, ich weiß, du kriegst nie was zu fressen, du armer Kerl.« Wagner zieht die unterste Schublade neben der Spüle auf und betrachtet unschlüssig die dort gestapelten Dosen.

»Na, was darf’s denn sein, Hühnchen oder Wild?«

Herr Hildemann gurrt und verlässt seinen Platz vor der Futterschüssel, um zusammen mit Herrn Wagner den Inhalt der Schublade zu begutachten.

Es ist noch Futter im Kühlschrank.

Die Stimme richtet einen Lichtstrahl von dem winzigen Projektor an der Decke auf die Stelle, auf die er seine Aufmerksamkeit richten soll. Der rote Punkt pulsiert auf der Edelstahlverkleidung. Wagner öffnet den Kühlschrank und nimmt die Dose mit dem Katzenfutter heraus.

»Herrje, Herr Hildemann, da hätten wir beinahe zwei Dosen aufgemacht. Es wird immer schlimmer mit deinem Herrchen, was?«

Herr Hildemann maunzt zustimmend, ist aber gleich darauf besänftigt, als endlich der Napf mit Futter vor ihm steht. Herr Wagner streichelt dem großen grau-weißen Kater einmal von Kopf bis zum Schwanz über den Rücken und richtet sich auf. Was wollte er hier? Er lässt den Blick durch die Küche wandern. Die Arbeitsplatte ist aufgeräumt, das heißt, leer bis auf einen Kaffeebecher. Herr Wagner findet einen Rest Kaffee darin. Unschlüssig dreht er den Becher in der Hand. Wollte er sich einen Frischen machen? Nichts gibt ihm einen Hinweis. Da klingelt das Telefon.

Marlene ruft an. Möchtest du den Anruf annehmen?

»Nein!« Man sollte meinen, die Stimme hätte es mittlerweile kapiert, denkt er, denn das ist, was sie tut. Beobachten, lernen und verstehen, was er will und was nicht.

In Ordnung.

Das Klingeln verstummt.

*

Seit einer Stunde schaut Jens Wagner auf die Projektionsfläche am anderen Ende des kahlen Raums und betrachtet Bilder aus seiner Vergangenheit.

»Soll ich etwas dazu sagen?«

Nur, wenn er wolle, erklärt ihm die Neurokybernetisch-technische Assistentin. Das Erste, was ihm in den Sinn komme, denn das helfe bei der Klassifikation der emotionalen Reaktionen.

»Aber es ist nicht so wichtig. Wir haben Sie schließlich verkabelt«, meint sie und prüft den Sitz der Sensoren für Herzschlag und Atemfrequenz. »Sie brauchen nicht stocksteif da zu sitzen, aber den Kopf bitte so wenig wie möglich bewegen.« Die Technikerin dreht das Tablet zu Herrn Wagner. »Sonst verlieren wir das Bild der Pupille.«

Der Bildschirm zeigt sein linkes Auge in Großaufnahme. Er erkennt den kleinen goldgelben Fleck auf der ansonsten braunen Iris, der ihn so unverwechselbar macht.

»In Ordnung«, sagt Herr Wagner und lässt den Kopf in die Kopfstütze sinken.

Die NKTA tippt auf dem Tablet herum und nimmt neben Herrn Wagner Platz, ein klein wenig nach hinten versetzt, sodass er sie nur aus dem Augenwinkel sehen kann.

Er hat eingewilligt, seine Cloud zu durchforsten, nach Bildern, Nachrichten und Dokumenten. Die Artefakte eines Lebens. Das ist der einfache Teil gewesen. Der schwierigere, das ist die Bedeutsamkeit der rohen Daten, aus denen Algorithmen ein Modell seiner Persönlichkeit mit allen Gewohnheiten und Neigungen konstruieren werden. Eine Anleitung, Jens Wagner zu sein.

Ganz automatisch geht das nicht. Der Computer kann zwar anhand der Daten seiner Fitnessuhr feststellen, dass er nach dem Mittagessen einen Spaziergang zu machen pflegt, und auch, welchen Weg er dabei gewöhnlich einschlägt. Er weiß aber nicht, was Herr Wagner empfindet oder warum er eine Strecke wählt. Er kann nicht wissen, dass Herr Wagner die Bewegung an der frischen Luft genießt, aber noch viel mehr die Reise durch fast vierzig Jahre seines Lebens, die er dabei macht. Da ist das Café, das jetzt schon lange leer steht, wo er sich mit Sabrina immer getroffen hat. Es liegt am Scheitelpunkt seiner Spazierstrecke und die KI könnte annehmen, dass er sich dort kurz ausruht. Tatsächlich hält er dort inne, um sich an den Nachmittag zu erinnern, an dem sie sich nach unzähligen Schalen Milchkaffee gestanden hatten, ineinander verliebt zu sein.

So sitzt Herr Wagner Stunde um Stunde in diesem Raum mit der Assistentin und sieht sich Bilder an. Er erzählt, was ihm dazu einfällt. Wer die Leute auf den Fotos sind, wo sie aufgenommen wurden, was der Anlass war.

Die NKTA bleibt meist stumm. Anfangs lächelt und nickt sie, murmelt hin und wieder eine zustimmende Äußerung, doch je länger der Strom aus zufälligen Bildern anhält, umso stiller wird sie und aus dem Augenwinkel sieht Wagner sie gähnen und auf ihrem Tablet tippen.

»Die meisten Personen und Inhalte hat die KI schon aus den Metadaten herausgelesen und zugeordnet«, sagt sie, als er sich beschwert, dass die Bilder in immer schnellerer Folge über den Bildschirm huschen. »Wir messen jetzt nur noch ihre emotionalen Reaktionen auf die Bilder.«

Herr Wagner murmelt eine Entschuldigung und betrachtet die Bilder jetzt schweigend, auch wenn er gerne etwas dazu erzählen würde. Manchmal flackern sie so schnell vorbei, dass sich die azurblauen Urlaubshimmel und grünen Picknickwiesen, die blitzlichtgebadeten Wohnzimmerszenen und silberergrauten Großelternerinnerungen zu einem einzigen Bild zusammenfügen, dessen Einzelteile in ständiger Bewegung flimmern. Ihm ist schleierhaft, wie er darauf etwas erkennen, geschweige denn eine Reaktion zeigen soll, doch die Apparate piepen und blinken, der Strom reißt nicht ab, und die Technikerin reagiert nicht, wenn sie aufblickt, um die Anzeigen zu kontrollieren.

Herr Wagner hat das Gefühl, er fliege mit solchem Tempo durch sein Leben, dass der Fahrtwind ihm die Luft abschnürt. Der Computer scheint das zu erkennen, denn die Bilderflut verlangsamt sich auf ein erträgliches Maß. Der Schnelldurchlauf seines Lebens ist bei ihrem ersten gemeinsamen Urlaub angelangt. Die Fähre nach Sizilien. Ein Selfie von Sabrina und ihm, seine kurzen Haare vom salzigen Wind zu einer Igelfrisur geformt, ihre langen roten Strähnen vors Gesicht geweht, sodass nur der lachende Mund frei bleibt. Im Hintergrund prangt das Logo der Reederei mit dem Inselwappen auf dem rotgelben Schornstein des Schiffs.

Das nächste Bild. Der Kombi, den sie damals hatten, steht auf einem Campingplatz. Sabrina ist bis zur Hüfte in den Kofferraum gebeugt, auf der Suche nach irgendwelchen Utensilien, die Wagner in die falsche Tasche gepackt hat. Der Horizont ist dunkel, fast schwarz, von den Gewitterwolken, die sich später in der Nacht über ihnen entladen hatten. Der Sturm hatte das Zelt weggerissen und sie mussten die Nacht im Auto und den Rest des Urlaubs in billigen Pensionen und Ferienwohnungen verbringen. Herr Wagner lacht, denn der Wind war ihnen gnädig gewesen, hatte ihnen genug Zeit gelassen, miteinander zu schlafen. Sie waren sich sicher, dass sie in dieser Nacht Marlene gezeugt hatten. Ihr Sturmkind, wie sie sie später scherzhaft und dann immer öfter frustriert nannten. Herr Wagner setzt an, davon erzählen, aber dann denkt er, dass die junge Technikerin sich nicht für die intimen Bettgeschichten eines alten Mannes interessiert, und überhaupt ist Reden nicht notwendig.

Der Moment vergeht und der Polygraf hat Herzschlag, Atmung, Pupillenweitung und Mimik aufgezeichnet, in Einzelteile zerlegt, analysiert, und vermutlich im Ordner Glückliche Erinnerungen abgelegt. Der Bilderstrom fließt weiter, überspringt drei Jahre nach dem Sturm und pausiert erst wieder auf dem Spielplatz im Park bei ihrer ersten Wohnung. Marlene steht da, die Hand am Lenker ihres gefallenen Laufrads, die Haut am Knie aufgeschürft und Blut rinnt aus der Wunde. Ihr Mund ist zu einem Schrei verzerrt, Augen und Nase bereit, Ströme von Rotz und Tränen hervorzupressen. Ob er die Kamera hat fallen lassen, als sie zu ihm gerannt ist, für Trost und Ermutigung, zu ihm, immer zu ihm? Herr Wagner erinnert sich nicht.

Laut ist sie gewesen und ungestüm, unberechenbar und scheinbar das genaue Gegenteil von Sabrina: »Von wem hat sie das nur?«

Von mir nicht, denkt Herr Wagner und, ihr seid euch im Grunde viel zu ähnlich gewesen.

Der Zeitstrom nimmt Fahrt auf, überspringt Jahre, dann Jahrzehnte. Die große Terrasse des Hauses am Stadtrand. Auf dem Tisch ein angeschnittener Käsekuchen, Wagners Lieblingskuchen. Er erinnert sich an diesen Tag und zuckt zusammen. Die Nachbarn sind da und Susanne, Marlenes damalige Freundin. Herr Wagner hat Susanne nicht gemocht, aber Sabrina hat sie gehasst. Der Tag endete im Streit, wie so oft.

Das Bild bleibt stehen.

»Nein«, sagt er, und die gelangweilte Technikerin blickt auf.

»Wie bitte?«

»Spulen Sie weiter, ich möchte das nicht sehen!«

»Herr Wagner, das sind alles Dateien, zu denen Sie uns Zugriff gewährt haben.«

»Ich möchte das nicht sehen. Machen Sie jetzt bitte weiter!«

Es ist ein Befehl, eine Art zu reden, wie Herr Wagner sie selten zeigt. Die Technikerin zögert, doch dann drückt sie auf eine Schaltfläche und das Bild verschwindet.

An diesem Tag beenden sie die Sitzung früher als gewöhnlich.

*

Jens Wagner sitzt auf dem Sofa. Die Tagesdecke darauf ist durch einen dicken Filz fast doppelt so dick wie ursprünglich. Herr Wagner reibt mit dem Daumen darüber und formt kleine Würstchen aus Katzenhaaren.

»Herrje, Herr Hildemann, wir müssen dich mal wieder bürstkämmen. Sollen wir es versuchen, oder kratzt du mich wieder?«

Herr Hildemann sitzt am anderen Ende des Sofas und blinzelt. Möglicherweise, so scheint er zu sagen, wäre er heute bereit, sich bürsten zu lassen. Wagner sucht den Bürstkamm. Der müsste hier irgendwo liegen. Jemand muss ihn weggeräumt haben. Sabrina hat immer aufgeräumt, und Herr Wagner hat ihn dann nie gefunden. So wie so vieles andere.

»Du hast eben ein anderes System«, hat er dann immer gesagt.

»Und du hast gar kein System«, hat sie erwidert.

Jetzt kann niemand sonst den Bürstkamm weggeräumt haben, doch das macht die Sache nicht besser.

Heute ist Spieleabend. Wenn du nicht zu spät kommen möchtest, solltest du dich langsam auf den Weg machen.

Herr Wagner springt auf. Schon wieder Mittwoch. »Heute kommst du noch mal drum herum«, sagt er zu Herrn Hildemann, der sich angesichts seines ohnehin sicheren Sieges auf dem Sofakissen zusammengerollt hat.

*

An der nächsten Haltestelle musst du aussteigen. Am besten drückst du schon einmal den Knopf, sagt die Stimme im Ohr, und Herr Wagner brummt bestätigend. Er würde gerne erwidern, dass er noch nicht verblödet sei, aber der Bus ist voll besetzt und er mag die Blicke der Leute nicht, wenn er vergisst, der Stimme in der Öffentlichkeit nicht laut zu widersprechen. Stattdessen steht er auf und tappt im fahrenden Bus Richtung Ausgang, wo er den Stoppknopf drückt.

»Sie müssen den roten Knopf drücken«, sagt eine junge Frau mit einem Kinderwagen. »Der blaue ist nur zum Absenken des Ausstiegs.«

Wagner erwartet ein Ich-hab’s-dir-doch-gesagt, doch die Stimme bleibt stumm. Vielleicht spürt sie seine Gereiztheit und lässt ihn in Ruhe. Er findet den Rest des Wegs alleine, und fünf Minuten später ist er im Tabletop.

Das Tabletop ist eine Spielekneipe, die vom Ende des vorvorletzten Jahrzehnts übrig geblieben ist. Direkt hinter der Eingangstür steht die lebensgroße Figur eines Orks und zeigt deutlich, dass hier nicht nur Bauern, Springer und Damen, sondern auch Miniaturarmeen aus Dunkelelfen und Zwergen gegeneinander antreten.

Die Streitaxt des Orks hat man schon lange durch einen Kochlöffel ersetzt und auf seinem Rundschild klebt ein Zettel mit den Tagesgerichten. Der Gastraum — eine schräge Symbiose aus pseudobayerischem Wirtshaus à la Brauerei-Pacht-Katalog und Geek-Chic mit Raumschiffsmodellen und Filmpostern der letzten vier Jahrzehnte — ist warm und ein bisschen schlecht belüftet.

An den meisten Tischen wird gespielt, doch manche Gäste sind nur zum Essen und Trinken gekommen.

Wagner tritt an den Tisch am mittleren Fenster. Die Truppe ist schon da. Marius und Paul sind mit Colas versorgt, nur Dirk nicht, der wie immer Pfefferminztee trinkt. In der Mitte des Tisches liegt die Schachtel mit den Mahjong-Steinen. Heute also ein Klassiker. Vermutlich wollen sie Wagner endlich von seinem unangefochtenen Mahjong-Thron stürzen. Die Begrüßung ist knapp, denn Marius brennt bereits darauf, das Karree aus Spielsteinen aufzubauen.

Wagner reiht seine Steine vor sich auf und sortiert sie wieder um. Er hat Angst vor dem Tag, an dem sie keinen Sinn mehr ergeben. Wird er es merken? Was, wenn er sie schon jetzt nicht mehr erkennt? Wie kann er es wissen? Gerne würde er die Stimme um Rat fragen, aber er geniert sich und will nicht, dass die anderen denken, er spiele mit unfairen Mitteln.

Die Partie verläuft erst zäh, doch dann findet er hinein und seine Befürchtung, die Freunde könnten etwas bemerkt haben, verfliegt. Keiner von ihnen kommentiert sein Spiel anders als sonst.

In der zweiten Runde kehrt Wagners Selbstsicherheit zurück. Das Spiel läuft zu seinen Gunsten und er macht sich Hoffnungen, zu gewinnen. Da wirft Paul einen Stein ab, den er gebrauchen kann. Wagner schnappt ihn sich und ruft triumphierend: »Paff!«

Die anderen schauen auf. Wagner schießt das Blut ins Gesicht. Etwas stimmt nicht, er hat etwas Falsches gesagt, einen Fehler gemacht.

Der Spielzug heißt peng, sagt die Stimme. Wenn du einen Stein aufnimmst, um einen Drilling zu erhalten, sagst du peng.

»Peng meine ich natürlich«, murmelt Wagner und rollt die Augen: »Der Alzheimer, haha.«

Marius nickt und wendet sich wieder seinen Steinen zu, Paul blinzelt, sagt aber nichts. Nur Dirk legt die Stirn in Falten und räuspert sich. Er zögert einen Moment, dann sagt er: »Ich habe Marlene neulich in der Stadt getroffen.«

»Aha«, meint Wagner, bei dem alle Alarmglocken klingen.

»Sie hat gesagt, dass sie dauernd versucht, dich zu erreichen, aber du gehst nie ans Telefon. Sie hat mich gebeten, dir auszurichten, dass du sie doch mal zurückrufen sollst.«

Wagner antwortet nicht, denn ein unsichtbarer Ring legt sich um seine Brust und sein Kopf wird heiß.

»Mensch, Jens, red doch mal mit ihr! Ich glaube, das würde euch beiden guttun.« Dirk macht ein besorgtes Gesicht und Wagner denkt, dass er diesem Verräter jetzt am liebsten in die Fresse schlagen würde.

»Willst du spielen, oder Scheiße reden, du Arschloch? Was fällt dir ein, hinter meinem Rücken über mich zu reden? Aber du hast dich ja schon immer gern die Angelegenheiten anderer Leuten eingemischt!«

Dirks Augen weiten sich, er weicht zurück vor dieser Schimpfkanonade. Die beiden anderen Freunde sind still, wie vom Blitz gerührt. »Jens, ich habe nicht hinter deinem Rücken …«

»Einen Scheiß hast du, du Arschloch.«

Jens, du verlierst die Kontrolle. Am besten gehst du jetzt zur Toilette und beruhigst dich.

Die Stimme kommt direkt über eine Knochenleitung, nichts sollte sie übertönen können, doch der Sturm, der in ihm tobt, verschlingt selbst seine eigenen Gedanken. Er springt auf, sein Stuhl kippt nach hinten und mit der Rückhand fegt er über den Tisch, dass die Steine bis zu den peinlich berührten Gästen an den Nachbartischen fliegen. Im Tabletop wird es nie laut, nicht so.

»Was weißt du schon? Sie ist nicht mal zur Beerdigung gekommen, nicht mal zur Beerdigung!«

Wagner fischt seine Jacke vom Boden auf und stürmt aus dem Lokal. Bis zur Bushaltestelle verläuft er sich dreimal, bevor er bemerkt, dass die Stimme in seinem Kopf nur versucht, ihm den Weg zu weisen.

*

»Papa, hast du gesehen, dass es gerade Zuschüsse gibt, um die Heizung zu erneuern?« Marlene klingt betont neutral, wie immer, wenn sie versucht, ihn von etwas zu überzeugen.

»Das lohnt sich für uns nicht mehr.«

»Und wenn ihr das Haus mal verkaufen wollt? Mit der alten Heizung drin müsstet ihr weit unter Wert verkaufen.«

»Du weißt doch, dass Mama nie zustimmen würde.«

Marlene lässt ein, zwei Atemzüge verstreichen. »Aber vielleicht später mal.« Was sie meint, ist, danach.

»Warum zieht ihr denn nicht zu uns? Das Haus ist groß genug und wir würden uns freuen.«

»Du weißt, dass das nicht gut gehen würde, mit Mama und mir. Das würde in einer Katastrophe enden.«

»Wer weiß, wie lange deine Mutter noch da ist. Sei nicht so stur.«

Nicht einmal zu Sabrinas Beerdigung ist sie gekommen. Seitdem hat Herr Wagner nicht mehr mit seiner Tochter gesprochen.

*

Wie geht es dir?

Herr Wagner sitzt am Küchentisch. Vor ihm dampft eine Tasse Kaffee, und Herr Hildemann will auf seinen Schoß. Er schenkt beidem keine Beachtung. Er brummelt etwas Unverständliches und reibt sich die Augen.

Du hast gestern Abend die Kontrolle verloren und deine Freunde vor den Kopf gestoßen. Du solltest Dirk anrufen und die Sache erklären.

»Was soll ich da erklären?«, fragt Wagner.

Solche emotionalen Extremzustände sind Teil der Krankheit.

»Bist du nicht da, um das zu verhindern?«

Das stimmt, Jens. Es tut mir leid, aber ich bin nicht unfehlbar. Ich lerne aus meinen Fehlern und werde immer besser.

»Hm.«

Jens, fragt die Stimme. Du hast gestern extrem auf die Erwähnung von Marlene reagiert.

»Jetzt fang du nicht auch noch damit an!«, faucht Wagner. »Sie hat sich das selbst zuzuschreiben.«

In Ordnung, Jens.

»Du musst besser auf mich aufpassen. Ich möchte nicht, dass mir so etwas wie gestern Abend wieder passiert. Das bin nicht ich.«

*

Ich werde dafür sorgen, dass deine Persönlichkeit so lange wie möglich erhalten bleibt.

Herr Wagner lacht, als er die Stimme in seinem Kopf hört. Sie klingt wie er und überlagert kein anderes Geräusch, sondern ist einfach da, mitten in seinem Kopf. Er berührt mit Zeige- und Mittelfinger die Stelle hinter dem rechten Ohr, an der ein Pflaster klebt. Dort hat man die Knochenleitung eingepflanzt, die den Klang der Stimme direkt in sein Hörzentrum überträgt.

»Es klingt wie ich.«

Der dürre Arzt lächelt. Er scheint gern zu lächeln, denn sein ganzes Gesicht, das nach reichlich Freizeit an der frischen Luft aussieht, legt sich in eingekerbte Lachfältchen, die von Mund und Augen bis zu den grauen Schläfen reichen.

»Wir benutzen einen Algorithmus, um den Klang der Stimme daran anzupassen, wie sie selbst sich hören. Eine Technik, die man seit Langem bei Hörgeräten benutzt, um die eigene Stimme nicht fremd klingen zu lassen.«

»Es funktioniert«, sagt Herr Wagner. »Fast ein bisschen unheimlich.«

»Anfangs ja«, gesteht der Arzt und nickt. »Aber die Stimme ist nur einer der Kanäle, auf denen das System mit Ihnen kommuniziert. Es wird Ihnen auch optische Hinweise geben, wir nennen das ›Nudges‹, also einen sanften Schubs, oder eine kleine Erinnerung. Etwa, wenn es Zeit ist, etwas zu trinken oder damit Sie nicht vergessen, den Regenschirm mitzunehmen.

Am wichtigsten ist aber der Input. Wir haben das System mit allen Daten gefüttert, die Sie uns zur Verfügung gestellt haben. Ihre Suchhistorie im Netz, soziale Medien, persönliche Unterlagen und Fotos, um ein realistisches Modell Ihrer Persönlichkeit zu erstellen. Den Rest lernt das System in den nächsten Wochen und Monaten.«

Herr Wagner nickt. Die Sache mit den Fotos hat sogar Spaß gemacht, bis auf das eine Mal.

»Sie können sich sicher sein, wenn Sie Vegetarier sind, werden Sie morgen nicht anfangen, Fleisch zu essen, und wenn ein Betrüger versucht, Ihnen einzureden, er sei Ihr Enkel, werden Sie ihn damit zum Teufel jagen. Sie bleiben Jens Wagner — bis zum Schluss!«

Bis zum Schluss. Das soll beruhigend klingen, aber Herr Wagner weiß, was damit gemeint ist. Trotzdem lächelt er und schüttelt die angebotene Hand. »Auf Wiedersehen, Herr Doktor …«

»Weinmann«, ergänzt der Doktor.

»Ich weiß«, meint Jens Wagner. »Nur ein Scherz.«

*

Das Abendessen hat er richtig portioniert. Kartoffeln mit Quark, und es ist fast nichts übrig geblieben. Es ist wichtig zu kochen. Das war nie seine Stärke, aber er musste es lernen. Sabrina hat ihm dabei geholfen, selbst als sie es fast nicht mehr konnte. Jetzt hilft ihm die Stimme.

»Fehlt noch was?«

Du nimmst immer Paprikapulver.

»Stimmt.« Er rührt das Gewürz in den Quark und nimmt sich ein alkoholfreies Bier aus dem Kühlschrank. Auf dem Weg ins Wohnzimmer beschleicht ihn dieses Gefühl, wie ein Ziehen in seinen Eingeweiden.

»Ist heute irgendwas? Irgendwas, das ich vergessen habe?« Die Frage fühlt sich an wie ein Eingeständnis des Versagens.

Nein, aber du hast dich richtig erinnert, lobt die Stimme. Es ist Mittwoch. Normalerweise ist heute Spieleabend, aber Paul hat eine Nachricht geschrieben, dass sie bis auf Weiteres pausieren. Die Grippe geht um.

Die Grippe, klar, da kann man nichts machen. Er schaltet den Fernseher ein. Herr Hildemann legt sich neben ihn und schnurrt.

*

Das Abendessen ist gut portioniert. Das ist wichtig, damit man nichts wegwerfen muss. Es gibt Braunes mit Weißkörnchen.

»Auf Wiedersehen, Herr Wagner!«, tönt eine Stimme aus dem Flur. »Guten Appetit!«

»Auf Wiedersehen«, antwortet Herr Wagner und fragt dann: »Wer war das?«

Der junge Mann von Essen auf Rädern.

»Was wollte er?«

Er hat dir dein Essen gebracht. Du solltest anfangen, bevor es kalt wird.

*

Herr Wagner ist da, wo es das Essen gibt. Vor ihm steht eine der Plastikschalen, in denen sie hier kochen. Sie ist schmutzig, weil niemand sie sauber macht.

»Ich muss mir etwas kochen.«

Du hast schon gegessen.

»Das kann nicht sein, denn ich habe mir noch nichts gekocht.«

Der junge Mann hat dir dein Essen gebracht.

»Also muss ich jetzt noch etwas kochen, oder nicht?«

Nein, musst du nicht.

Herr Wagner steht da.

Möchtest du dir Fotos ansehen? Wir können sie zusammen anschauen und uns erinnern, wer darauf ist.

»Gut«, sagt Herr Wagner, »wo sind die Fotos?«

Komm ins Wohnzimmer, sagt die Stimme und weist ihm mit einem Lichtstreifen den Weg.

Herr Wagner setzt sich in den Sessel. Der Kater springt auf seinen Schoß.

»Eine Katze«, ruft er.

Das ist Herr Hildemann.

»Was ist denn das für ein Name für eine Katze?«

Er ist ein Kater, und Sabrina und du habt ihm den Namen gegeben.

Herr Wagner streichelt Herrn Hildemann. Der schnurrt und alles ist gut.

Schau mal, sagt die Stimme, und an der gegenüberliegenden Wand erscheint das Abbild einer Fotografie. Es schimmert in silbrigen Grautönen und hat einen gewellten weißen Rand. Auf dem Bild ist ein Mann zu sehen, der einen Strohhut und ein helles Jackett trägt. Der Mann sitzt im Freien, hinter ihm sind Biergartentische und Bäume zu sehen, und er hält sich eine Flasche ein Bier an den Mund. Während er trinkt, grinst er und es sieht aus, als müsse er sich jeden Moment verschlucken.

»Prost!«, sagt Herr Wagner.

Das ist dein Großvater, als er jung war.

»Wir waren alle mal jung, stimmt’s?«

Die Stimme antwortet nicht, so als sei sie nicht sicher, ob sie einmal jung gewesen ist.

Und das ist deine Mutter, als sie klein war.

Ein junges Mädchen, mit strubbeligen lockigen Haaren sitzt auf dem Boden und spielt mit einem aus Holz geschnitzten Dackel.

Herr Wagner lächelt. »Sie hat Tiere gemocht.«

Ja, sie ist auf vielen Bildern mit Tieren zu sehen.

Weitere Fotografien erscheinen nacheinander an der Wand. Erst silbergrau, dann braun-orange mit einem letzten Rest von Farbe, schließlich maschinenglatt und perfekt belichtet, doch für Herrn Wagner macht es keinen Unterschied. Jedes Foto lässt ihn schmunzeln oder staunen, und es gefällt ihm, dass er Zeit hat, sich die Bilder in Ruhe anzusehen.

»Wer ist das denn?«, fragt er. Auf dem Bild sitzt ein junger Mann nur mit einer Badehose bekleidet auf einem Liegestuhl. Sein freier Oberkörper ist gebräunt. Ein kleines Mädchen hat sich in seine Arme geworfen, der Verschluss der Kamera hat es in einer Tausendstelsekunde festgehalten. Er wird nach hinten geworfen von ihrem Schwung und ihre nassen Haare formen einen stacheligen Heiligenschein um ihren Kopf. Beide lachen, und auch Herr Wagner lächelt jetzt.

Das bist du mit Marlene, deiner Tochter.

»Donnerwetter, ich sehe gar nicht mal so schlecht aus.« Und dann: »Eine Tochter habe ich auch?«

Blutdruck und Herzfrequenz steigen, seine Pupillen weiten sich. Die Stimme registriert es, ebenso wie die achtundzwanzig verschiedenen Gesichtsmuskelbewegungen, vierzehn unterschiedlichen Arten den Kopf zu halten, elf diskreten Augenbewegungen, sowie achtundzwanzig weitere unwillkürliche Regungen des Kopfs und der Mimik, die sie erkennt und kodiert, um darin Wagners Gefühle zu lesen. All das in einem Moment, der kürzer ist, als ihn eine Kamera festhalten könnte.

»Wir waren alle einmal jung, nicht wahr? Zeig mir noch eins!«

*

»So, Herr Wagner, jetzt setzen wir uns wieder.« Die Frau führt ihn zum Sessel. Herr Wagner setzt sich.

Das ist Schwester Tina.

»Schwester Tina«, sagt er laut. Er spricht die Worte zögerlich aus, als müsse er sie erst auf ihre Bedeutung und Tauglichkeit prüfen.

Schwester Tina lächelt und fragt: »Was steht denn heute noch bei Ihnen an, Herr Wagner?«

Wagner zögert, er versteht nicht, was sie meint, und er hat ein bisschen Angst davor, die Antwort auf solche Fragen nicht zu kennen.

Heute Mittag wirst du von der Seniorenbetreuung abgeholt.

»Heute Mittag werde ich von der Seniorenbetreuung abgeholt«, wiederholt er erleichtert.

»O, das ist schön! Gehen Sie gerne dahin?«

Weiß nicht, denkt Herr Wagner.

Ja, meint die Stimme.

Herr Wagner zuckt die Schultern und schnaubt zur Antwort.

»Klingt ja nicht sehr begeistert.« Die Pflegerin reibt sich die Hände mit einer scharf riechenden blauen Flüssigkeit ein. Sie zuckt zusammen, als sie die Stimme aus den Lautsprechern hört.

»Herr Wagner fühlt sich wohl in Gesellschaft und beteiligt sich an den Aktivitäten.«

»Herrgott, bin ich erschreckt! Das ist ja gruselig. Entschuldigung, Herr Wagner.«

Schwester Tina schaut ihn an, doch er zuckt nur die Schultern. Ihr Blick schweift durch den Raum, bis sie sich dazu entschließt, ihn auf den Lautsprecher in der Mitte der Zimmerdecke zu richten.

»Kommt ihn denn auch mal jemand besuchen?«

»Sie können Herrn Wagner direkt ansprechen.«

Tina wiederholt die Frage und richtet sie an Wagner, doch der zuckt nur wieder die Schultern. »Ja«, meint er und deutet mit dem Kinn in Richtung der weißen Wand.

»Herr Wagner hatte im letzten halben Jahr keinen Besuch mehr.«

»Wie schade. Haben Sie denn keine Familie, die Sie mal besuchen kommen könnte? Vielleicht könnte das Ding«, sie macht eine Handbewegung in Richtung des Lautsprechers, »mal für Sie anrufen?«

Wieder zögert er, doch diesmal spricht die Stimme zuerst zu ihm.

Du hast eine Tochter, aber ihr habt keinen Kontakt.

»Ich habe eine Tochter, aber wir haben keinen Kontakt.«

»Ach, das ist schlimm, mit den Familien heute. Einfach kein Zusammenhalt mehr.« Schwester Tina packt ihre Sachen zusammen und notiert ein paar Daten auf dem Tablet. »Jetzt muss ich aber los. Tschüss, Herr Wagner!«

»Auf Wiedersehen«, erwidert er gleichzeitig aus Mund und Lautsprechern.

*

Herr Wagner sieht sich Bilder an. Er mag das. Meistens kennt er die Leute auf den Fotos nicht, aber die Stimme hilft ihm und dann erinnert er sich manchmal. Oft überkommen ihn Gefühle, wenn er die Bilder sieht, er weiß nicht warum. Dann lacht er, oder wird traurig, so als ob er etwas verloren hätte, von dem er vergessen hat, was es ist.

»Wer ist das?«

Das ist Sabrina, deine Frau.

»Wo ist sie?«

Sabrina ist vor ein paar Jahren gestorben. Sie war lange krank.

»Hatten wir Kinder?«

Eine Tochter.

»Wo ist sie? Ist sie auch schon tot?«

Nein.

»Wo ist sie dann?«

Ihr habt keinen Kontakt mehr.

»Warum?«

Die Stimme antwortet nicht sofort.

Sie ist nicht einmal zu Sabrinas Beerdigung gekommen.

»Warum denn nicht?«

Die Stimme zögert erneut. Das weiß ich nicht.

»Können wir sie nicht fragen?«

*

Der Napf steht da, doch Herr Hildemann wohnt nicht mehr hier. Die Stimme hat erkannt, dass Jens Wagner selbst mit ihrer Hilfe nicht mehr für den Kater sorgen kann. Die neuen Besitzer haben ein Foto von Hildemann geschickt. Ein Mädchen sitzt auf einem Balkon in der Sonne und hält ihn auf dem Schoß. Hildemann sieht zufrieden aus, verhätschelt und geliebt. Herr Wagner hätte es so gewollt.

Er sitzt am Küchentisch. Vor ihm steht ein Becher Kaffee, unangetastet, seit die Pflegekraft ihn am Morgen gekocht und dort abgestellt hat. Wagner schaut aus dem Fenster. Die Bäume des Nachbarn stehen zu nahe an der Grenze zu seinem Grundstück, doch es stört ihn nicht. Er sieht den Vögeln zu, die in den Zweigen sitzen. Manchmal kommt ein Eichhörnchen, doch er erwartet es nicht, denn um etwas zu erwarten, müsste er sich daran erinnern.

Herr Wagner erinnert sich an fast nichts. Alles, was geschieht, ist neu und wird jedes Mal neu einsortiert in angenehm oder unangenehm, gut oder schlecht. Dennoch wartet er jeden Tag auf irgendetwas, denn das Loch in ihm ist so groß geworden, dass die Stimme Schwierigkeiten hat, es auszufüllen. Es ist ihm nicht anzusehen, aber sein Serotoninspiegel hat abgenommen. Er isst wenig und trinkt nur, wenn die Stimme ihn daran erinnert. Sie registriert es und leitet Gegenmaßnahmen ein, und wenn die nichts nützen, lädt sie neue aus dem Expertensystem in der Cloud.

Du trinkst deinen Kaffee gar nicht. Möchtest du lieber etwas anderes?

»Nein.«

Du solltest trinken. Trink bitte etwas Wasser.

Auf der Anrichte leuchtet eine volle Karaffe im Lichtstrahl des Zeigesystems der Stimme auf.

»Nein.« Die Stimme erkennt keine Anzeichen von Aggressivität oder Gereiztheit in Mimik und Tonlage Herrn Wagners. Sie registriert sein Verhalten, kategorisiert und bewertet es anhand ihrer Regeln. Sie spielt die Szenarien durch, doch es dauert länger und länger, um zu Lösungen zu kommen. Millisekunden zuerst, dann Hundertstel, praktisch eine Ewigkeit. Das System droht, unter dem Gewicht seiner eigenen Regeln zu ersticken.

Herr Wagner schaut aus dem Fenster. Kaffee und Wasser sind unberührt. Nichts lenkt seine Aufmerksamkeit von den Vögeln in den Zweigen ab. Seine Persönlichkeit ist implodiert wie ein ausgebrannter Stern, ein Schwarzes Loch, das alles aufsaugt, was sich ihm nähert und nichts wieder hergibt. Bis auf das Geräusch. Es umkreist ihn, streift seinen Ereignishorizont, ohne verschluckt zu werden. Das Telefon. Herr Wagner wendet sich dem Geräusch zu.

»Was ist das?«

Jemand ruft dich an.

»Wer denn?«

Marlene. Deine Tochter.

»O, das ist schön. Ich glaube, ich habe schon lange nichts mehr von meiner Tochter gehört.«

Herr Wagner bleibt sitzen. Er handelt nicht, ohne dass die Stimme ihn dazu ermuntert. Sie beobachtet und analysiert, registriert achtundzwanzig verschiedene Gesichtsmuskelbewegungen, vierzehn unterschiedliche Arten den Kopf zu halten, elf diskrete Augenbewegungen und achtundzwanzig weitere Regungen von Kopf und Mimik. Das Ergebnis steht im Widerspruch zu ihren erlernten Mustern und kollidiert mit ihren Regeln darüber, was es heißt, Jens Wagner zu sein. Sie muss eine Entscheidung treffen, muss sie so treffen wie er, sie, es tun würde.

Der Bildschirm an der Wand neben dem Kühlschrank schaltet sich ein. Ein sanfter Glockenton lenkt Herrn Wagners Aufmerksamkeit auf das Abbild einer Frau mit dunkelblonden kurzen Haaren, Mitte vierzig, und Herrn Wagner völlig unbekannt. Er freut sich, sie zu sehen.

»Hallo, Papa.«

***

© 2020 by Carsten Schmitt. Erschienen in: »Wie künstlich ist Intelligenz?« Herausgegeben von Klaus N. Frick. Plan 9 Verlag, 2020.

Alle Rechte vorbehalten.

Über den Autor

Carsten Schmitt wurde an einem gänzlich unstürmischen Frühjahrsnachmittag des Jahres 1977 geboren und verbrachte seine Kindheit mit der Erforschung der Wälder, Bunker und Ruinen seiner Heimat. Erste Veröffentlichungen in den 1990er Jahren in Fanzines und Magazinen. Es folgten die Mitarbeit beim Magazin NAUTILUS, und beim CTHULHU-Rollenspiel. Nach mehrjährigem England-Aufenthalt und längerer Schreibabstinenz nahm er in den letzten Jahren das Schreiben wieder auf und absolvierte 2018 den Autorenworkshop TAOS TOOLBOX mit Walter Jon Williams, Nancy Kress und George R. R. Martin in den USA.

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