Fantasy-Story: "Feenstaub" von Anke Höhl-Kayser

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FICTION

Feenstaub | Anke Höhl-Kayser


Malte befindet sich auf der schönsten Insel der Welt – doch sein Job beim Sylter Tagesanzeiger macht ihn nicht glücklich. Bis plötzlich eine mysteriöse Tür am Strand steht …

Unsere PAN-Story des Monats »Feenstaub« von Anke Höhl-Kayser verbindet Küstencharme mit der Magie des alltäglichen Lebens.

***

Die Nachmittagssonne verfing sich in Hannes Lieblingskette und ließ den Glitzersand in der Glasphiole aufglühen. Ich drehte das Gefäß zwischen den Fingern und projizierte Lichtreflexionen an die Wand. »Feenstaub ist magisch«, hatte Hanne immer augenzwinkernd gesagt. Leider stimmte das nicht. Mit einer Prise echten Feenstaubs hätte ich alles, was kaputtgegangen war, wieder heilmachen können. Hannes zerbrochenes Rückgrat zum Beispiel. Ihr stillstehendes Herz. Oder mich. Aber ich hatte keinen Feenstaub.

Zumindest das Ende des heutigen Arbeitstages war in Sicht. Gerade wollte ich meine Sachen zusammenpacken, da wurde die Tür vom Redaktionsbüro aufgestoßen. Henning schlenderte auf mich zu: »Schon in Feierabendstimmung? Nee, nee, Malte, ich hab noch was für dich. Mach dich mal auf nach Westerland an die Kurpromenade. Da ist eine Tür am Strand.«

Henning hatte sich gut auf mich eingeschossen. Als ich meine Stelle beim Sylter Tagesanzeiger antrat, war sein erster Spruch gewesen: »Siehst so betrübt aus – mach dir mal gute Laune!« Er schüttete mich vorzugsweise mit sinnlosen Aufgaben zu.

Ich ließ es geschehen, denn ich wollte meinen Job behalten. Henning konnte es sich leisten, ein Ekel zu sein. Er war der Sohn von Chefredakteur Paul und damit ein vom Olymp herabgestiegenes Wesen. Wer gegenüber Henning aufbegehrte, saß umgehend auf der Straße. Und meine Arbeit war das Einzige, was mich ans Leben band.

Also antwortete ich vorsichtig: »Okay – Tür am Strand – ist heute der erste April?«

Henning zog die Augenbrauen hoch.

»Witzig! Sieh zu, dass du mal was hinkriegst. Lotte macht die Fotos. Das Ganze muss bis einundzwanzig Uhr fertig sein, das geht morgen mit rein. Und los!«

Er verschwand wieder im Büro der Chefredaktion. Die Tür knallte.

Ich schob meinen Schreibtischstuhl so ruhig wie möglich an den Tisch und ging hinüber zu Lotte.

»Schon von Hennings Auftrag gehört?«

Lotte blickte von ihrem Bildschirm auf. Die braunen Locken fielen ihr in die Augen, so wie bei Hanne.

»Jetzt noch?« Auch Lotte hatte sich anscheinend auf das Ende des Arbeitstages gefreut. Die Aussicht, den Abend mit mir verbringen zu müssen, schien sie nicht zu trösten.

»In Westerland hat jemand eine Tür am Strand abgekippt.«

Sie verdrehte die Augen. »Ja, und? Typisch, dass der blöde Henning auf so was abfährt.«

Sie sah mich an und schien eine Antwort zu erwarten, aber ich schwieg. Ich konnte ja schlecht sagen: Ich wünschte, du würdest mich mögen.

»Der Abend ist eh hinüber«, schnaubte sie und hängte sich die schwere Kamera über die Schulter. »Also, was soll’s.«

*

Wie sehr ich die Insel liebte, wurde mir stets bewusst, wenn ich aufs Meer schaute. Anders als ich hatte es keine Probleme, sich jeden Tag neu zu erfinden. Aus diesem Grund hatte ich unbedingt nach Sylt ziehen wollen. Der Wind hier machte einem den Kopf frei. Nur nicht in der miefigen Atmosphäre der Redaktion.

Ich atmete tief die salzige Luft ein und stieg die Treppe hinunter auf die Strandpromenade. Eine Menschenmenge auf Höhe der Musikmuschel wies uns den Weg.

»Echt jetzt.« Lottes Laune hatte sich nicht gebessert, trotz Meer, frischer Brise und Abendhimmel. »Was stehen die Torfköppe alle da rum! Nur weil jemand Sperrmüll in den Sand gekippt hat!«

Aber sie irrte sich.

Die dunkelbraune Kassettentür in einem massiven Rahmen stand aufrecht, ohne im Sylter Wind auch nur zu wackeln. Der untere Rand war kaum von Sand bedeckt. Ich fragte mich, warum sie nicht umfiel.

»Boah«, sagte Lotte und packte die Kamera aus. »Da hat sich ja jemand was einfallen lassen.«

Wir gingen die Holztreppe zum Strand hinunter und bahnten uns einen Weg durch die Menge.

»Die steht hier schon seit heute Morgen«, wurde ich informiert.

Ich ging einmal um die Tür herum. Auf der dem Meer zugewandten Seite sah sie genauso aus wie von vorn, nur fehlte hier der messingfarbene Knauf.

Ich scharrte am Fuß der Tür im Sand herum.

»Schau mal, Lotte.« Die Holzkonstruktion stand auf einem massiven Betonfundament. »Das stabilisiert sie.«

»Eine Freiluftinstallation. Bestimmt ein Aktionskünstler. Tolle Sache. Ich wundere mich, dass Henning dich darauf angesetzt hat.«

Lotte war ehrlich, ich mochte das. Aber mich wunderte es nicht. Henning war von Sperrmüll ausgegangen, gerade das Richtige für Malte, den Versager. Auf einmal durchbrach Wut meine Lethargie.

»Wie steht es mit den Fotos, Lotte?«

Sie lächelte, und in ihren Wangen bildeten sich Grübchen. Ich dachte erneut an Hanne und biss die Zähne zusammen.

»Ich möchte durch den Rahmen durchfotografieren. Die Sonne steht genau richtig.« Lotte rüttelte an der Tür.

Sachte und mit Gefühl. Kam das aus der Menschenmenge? Ich nahm den Knauf in die Hand. Er fühlte sich ein bisschen warm an.

»Kannste vergessen«, murrten Stimmen hinter mir. »Ist abgeschlossen. Nur eine Attrappe.«

Ich war nicht Journalist geworden, um mir meine Meinung von anderen aufdrücken zu lassen. Ich drehte den Knauf – es klickte, und die Tür schwang auf.

Raunen aus der Menge. Mir lief eine Gänsehaut über den Rücken. Aber falls ich den Eingang zu einer anderen Welt erwartet hatte: Man schaute durch den Türrahmen einfach aufs Meer.

Lotte hatte recht gehabt. Die untergehende Sonne schien mitten durch die Öffnung.

»Stell dich rein, Malte!« Lotte prüfte die Szene konzentriert durch den Sucher. »Dann kommst du in der Story richtig zur Geltung. Henning wird sich schwarzärgern!«

Ich setzte einen Fuß auf die Schwelle. Für einen Moment wurde mir schwindelig, und ich hielt mich am Türrahmen fest.

»Alles klar?« Lotte sah mich fragend an.

Ich winkte ab. »Hab nichts im Magen. Es wird Zeit, dass wir Schluss machen. Ich muss ja die Story auch noch schreiben.«

Einmal wieder einen Artikel hinkriegen, dachte ich. Früher war ich bekannt gewesen für meine besondere Art der Berichterstattung. Mein ehemaliger Chef pflegte zu sagen: »Du schlägst selbst aus dem trockensten Material noch einen Funken Magie!« Doch seit Hannes Tod war jeder Zauber in meinen Artikeln erloschen.

Lotte nickte. »Ja, klar. Komm mal durch die Tür, ich möchte eine Aufnahme von der anderen Seite machen.«

Ich ließ das Holz los und ging unter dem Rahmen durch. Der Schwindel war weg. Die Sonne tauchte den Horizont in ein roségoldenes Leuchten. Auf einmal hatte ich die Headline für die Story: »Die Pforte nach Anderwelt.«

Ein Knall ließ mich aufschrecken. Der Wind hatte die Tür hinter mir ins Schloss geweht.

Ich ging außen um die Installation herum zu Lotte. Sie hielt mir die Speicherkarte aus der Kamera vor die Nase.

»Hier, kannst du dir auf den Rechner laden. Ich bin dann mal weg.«

Ich sah ihr hinterher, wie sie mit ihren langen Beinen in den engen Jeans über die Kurpromenade davonstakste. Wie Hanne. Auf einmal kamen mir jede Menge Ideen für die Story. Ich kehrte zur Redaktion zurück.

Um fünf Minuten vor neun speicherte ich die Datei und lud sie bei Henning hoch. Der Schreibprozess war wie vor dem Unfall gewesen – ohne das verzweifelte Suchen nach den richtigen Worten. Es war mir gelungen, die Gefühle, die das Kunstwerk in mir ausgelöst hatte, zu Papier zu bringen. Das würde selbst Henning anerkennen müssen.

*

Am anderen Morgen machte ich mich mit dem Fahrrad auf zum Kiosk, um mir frische Brötchen fürs Frühstück und den aktuellen Tagesanzeiger zu holen. Auto fuhr ich seit einem Jahr nicht mehr. Noch an der Bude schlug ich die Zeitung auf, um meinen Artikel zu suchen.

Dann traf mich beinahe der Schlag.

Lottes Foto von mir war ersetzt worden durch eins mit leerer Tür vor dem Sonnenuntergang. Die Überschrift war geblieben, aber darunter stand: »Ein Bericht von Redakteur Henning Peters.«

»Ach, Sie lesen das auch grad«, erklang hinter mir die Stimme der Kioskbesitzerin. »So was Schönes haben die noch nie geschrieben. Die Pforte nach Anderwelt – wie zauberhaft!«

Niemals war ich mit dem Rad schneller am Redaktionsgebäude in der Westerländer Innenstadt gewesen. Ich rannte die fünf Etagen zu Fuß rauf. Als ich oben angekommen war, schwitzte ich nicht nur von der körperlichen Anstrengung.

Ich stürmte in die Chefredaktion. Henning und sein Vater sahen mir entgegen, der eine grinsend, der andere überrascht.

»Wer hat dir denn ins Hirn geschissen, dass du hier so reinplatzt?« Paul Petersʼ Umgangsformen waren keinen Deut besser als die seines Sohnes.

»Mein Artikel.« Ich knallte die aufgeschlagene Zeitung auf den Tisch: »Das habe ich geschrieben.«

Henning lehnte sich im Chefsessel zurück und lachte. »Du? Ich hab dein armseliges Gestammel intensiv überarbeitet – und deshalb steht auch mein Name drüber. Der Sylter Tagesanzeiger veröffentlicht nur qualitativ hochwertige Berichte.«

Mein Herzschlag dröhnte in meinem Schädel. Die Wut auf Henning musste raus.

»Von wegen. Gestern dachtest du noch, das ist nur ein Haufen Müll, damit können wir dem Versager mal den Feierabend versauen. Aber dann war es alles andere als Müll. Überarbeitet hast du gar nichts, du hast es eins zu eins so übernommen, wie ich es geschrieben habe. Das merkt jeder, der schon mal was von dir gelesen hat.«

Paul Peters runzelte die Stirn. »Das sind schwerwiegende Anschuldigungen, die solltest du besser beweisen können. Dann zeig doch mal deinen Original-Artikel.«

Ich rannte in das Großraumbüro, wich Lottes fragenden Blicken aus und fuhr meinen Laptop hoch. Als ich endlich meinen Artikelordner geöffnet hatte, war der Bericht über die Tür am Westerländer Strand nicht mehr da. Ich suchte vergeblich in anderen Ordnern.

»Hattest wohl Halluzinationen, was, Malte?« Paul stand hinter mir. Er grinste ebenso unverschämt wie sein Sohn. »So ist das, wenn man seine Lebenskrise im Suff ertränkt. Arbeit hilft dagegen. Dann heute mal frisch ans Werk!«

Wortlos schaltete ich meinen Computer aus und verließ die Redaktion. Henning rief mir hinterher: »Brauchst nicht wiederzukommen!«

Das hatte ich ohnehin nicht vorgehabt.

*

Ich ging die Friedrichstraße hinauf, bis ich endlich das Meer sehen konnte. Der Wind pfiff mir aufmunternd um die Ohren. Die Möwen schrien meine Wut heraus. Je mehr sich die Landschaft vor mir öffnete, desto mehr Licht strömte in meine finsteren Gedanken. Ich wollte nur wissen, ob die Tür noch da war.

Wieder die Menschenmenge vor der Musikmuschel. Ich bahnte mir einen Weg nach vorn.

Zwei Frauen zerrten gerade vergeblich am Türknauf. Bei mir gestern war das so leicht gegangen.

»Darf ich Ihnen helfen?«

Die beiden lachten.

»Wenn Sie meinen, dass Sie das besser können …!«

Ich drehte den Türknauf, das Klicken ertönte, und die Tür schwang auf. Das Gemurmel der Zuschauer nahm ich nur am Rande wahr. Der Horizont schwankte einen Augenblick lang, dann war er wieder gerade.

Als ich auf die Schwelle trat, war der Zorn auf Henning erneut präsent. Wenn der und sein Vater nur einmal in ihrem Leben erhalten würden, was ihnen zustand. Der Wind stieß mir zwischen die Schulterblätter und schob mich durch die Tür, die hinter mir ins Schloss fiel. Mir fiel Hannes Lebensmotto ein: Alles kommt zum richtigen Zeitpunkt.

Henning konnte mir doch egal sein. Ich stand hier auf der schönsten Insel der Welt, der Wind klopfte mir freundschaftlich auf die Schultern, meine Gedanken waren wie die Möwen in den Wolken, und die Salzluft prickelte wie Champagner auf der Haut.

*

Der Klingelton meines Handys. Ich schoss im Bett hoch, die Sonne watschte mir ins Gesicht, und mir wurde bewusst, dass ich nicht verschlafen, sondern keinen Job mehr hatte.

Lottes Nummer auf dem Display.

»Weißt du schon?«

Lotte war ein Nordlicht, die machten nie viele Worte.

»Nein, Lotte. Was denn?«

»Der Tagesanzeiger hat eine Urheberrechtsklage am Hals. Henning und Paul haben offenbar noch mehr solche Sachen wie mit dir gestern gemacht. Die Zeitung bekommt demnächst einen neuen Chefredakteur.«

Mir versetzte es einen Ruck, als hätte ich meinen Fuß auf die Schwelle dieser seltsamen Tür gesetzt.

»Lotte, ich muss herausfinden, von wem die Installation in Westerland stammt.«

»Wozu?« Nur Lotte war imstande, in ein zweisilbiges Wort so viel Skepsis zu legen.

»Einfach so. Ich will mit dem Künstler reden.«

Lotte schnaubte. »Na schön. Dann gehen wir noch mal hin. Irgendwo steht sicher dessen Signatur.«

Sie hatte wir gesagt. Ich musste einen Moment innehalten, bevor ich antworten konnte: »In einer Stunde an der Musikmuschel.«

*

Auf der Strandpromenade von Westerland gab es heute keine Menschenansammlung.

Lotte rannte los, und ich hinterher.

»Ist nicht wahr«, schnaufte sie. »Sie ist weg!«

Wir suchten die Stelle, wo die Tür gewesen war. Da waren nur noch die Fußspuren der Touristen. Ich fiel auf die Knie und grub mit den Händen im Sand herum.

»Da ist nichts mehr.« Lotte klang ein bisschen enttäuscht. Das war nichts im Vergleich zu meiner Niedergeschlagenheit. Ich würde nicht herausfinden, was es mit der Tür auf sich hatte.

Grab weiter.

»Hast du was gesagt?« Ich schaute zu Lotte hoch.

»Ich hab gesagt, da ist nichts mehr.«

Ich schaufelte den Sand mit beiden Händen beiseite. Nach ein paar Minuten stießen meine Finger auf etwas Weiches. Ich zog es schließlich hervor. Es war weiß und zusammengeknüllt.

»Örks«, kommentierte Lotte. »Ein benutztes Tempo!«

»Nein, ein Zettel.« Ich faltete ihn auseinander. Die schwarze Tinte war durch die Feuchtigkeit des Sandes verlaufen. Lotte schnappte ihn mir aus der Hand.

»Ich kann das nicht lesen«, verkündete sie.

Sie gab mir das Papier zurück. Ein einziges Geschmier. Ich hob es gegen den Himmel und ließ die Sonne hindurchscheinen. Vielleicht konnte ich einzelne Buchstaben erkennen.

Der bekannte Ruck. Ich begriff, dass ich das Papier in derselben Richtung hielt, in der ich durch die Tür gegangen war. Mir wurde wieder schwindelig. Auf einmal waren die Buchstaben auf dem Zettel ganz deutlich: Keitum, Harhoog, Nipptide.

»Lotte, sagt dir ›Harhoog‹ was?«

»Ja, klar. Das ist das Megalithgrab in Keitum.«

»Und was ist eine Nipptide?«

Jetzt ließ sie die Kamera sinken, mit der sie gerade Aufnahmen vom Meer gemacht hatte.

»Was fragst du für Sachen? Eine Nipptide ist eine Flut, bei der der Tidenhub besonders gering ist. Tritt bei Halbmond auf, alle vierzehn Tage. Warum willst du so was wissen?«

Ich faltete den Zettel zusammen und steckte ihn mir in die Hosentasche.

»Einfach so.«

»Das sagst du häufiger, oder? Einfach so. Dabei ist bei dir gar nichts einfach so

Die Worte kamen mir hoch wie Galle und waren ebenso bitter. »Doch. Ich habe das Auto mit meiner Frau darin gegen die Leitplanke gesetzt. Ich bin einfach so mit dem Leben davongekommen, und sie ist einfach so gestorben.«

Lotte betrachtete mich mit gerunzelter Stirn. »Und würde sie wollen, dass du dir das nicht vergeben kannst?«

Als ich nichts erwiderte, drehte sie sich um und ging.

*

Ich fand im Internet die Uhrzeit für den Höhepunkt der Nipptide in Keitum, drei Minuten nach zwei Uhr in der Nacht. Den Standort des Hünengrabs hatte ich auch ermittelt.

Also fuhr ich über die schlafende Insel mit dem Fahrrad nach Keitum. Acht Kilometer, streng nach dem norddeutschen Grundgesetz: Wind kommt immer von vorn. Der Ort war still, die Fenster dunkel, das Tickern der Gangschaltung hallte in den Straßen.

Ich fuhr am ehemaligen Schwimmbad vorbei. Auf einmal rauschte es in den Sträuchern am Wegesrand. Der Duft von Salz und Tang wehte mich an. Unten am Kliff platschten die Wellen des Wattenmeers an die Promenade.

Eine unsichtbare Hand zog an mir. Am Tipkenhoog lehnte ich das Fahrrad gegen den Holzzaun und umrundete das Hügelgrab. Der Halbmond schien über Dünen und Watt. Da war eine Art Mini-Stonehenge: der Harhoog mit seinen vom Wind abgeschliffenen Steinen. Unter der Deckplatte des Dolmen flackerte etwas Bläuliches.

Ich stieg in das Rechteck. Wieder schwankte der Horizont, und ich ging in die Knie. Das bläuliche Licht spielte mit den Schatten unter dem Steindach. Von fern sah ich die Scheinwerfer eines Autos.

Der Wagen hielt, Lotte stieg aus und kam mit langen Schritten zu mir.

»Woher wusstest du …?«, fragte ich.

»Hast mir doch gesagt, was auf dem Zettel stand.«

Sie kam zu mir ins Rechteck und kniete sich neben mich. Ich war noch nie so froh gewesen, sie zu sehen.

»Das ist ein Dödenlicht.« Sie zeigte auf die blaue Flamme. Ihre Hand zitterte ein wenig. Auf meinen fragenden Blick fuhr sie fort: »Ein Irrlicht oder Elmsfeuer.«

Ein Windstoß brachte ein Wispern mit sich. Lotte fröstelte. »Das ist unheimlich.«

Das blaue Licht lockte mich. Ich streckte meine Hand unter das Steindach und tastete den feuchtkalten Boden ab.

Klopfe.

Ich klopfte mit den Knöcheln gegen die Steinumfassung. Nichts geschah. Ich klopfte noch einmal. Als ich die Hand entmutigt sinken ließ, pochte Lotte ein drittes Mal gegen die Steine.

Eine tiefe Stimme ertönte, die mich an das Geräusch fließenden Wassers erinnerte.

»Damit die Dinge recht geraten, muss man sie dreimal tun.«

Lotte und ich machten einen Satz auf die Füße.

Vor uns stand ein riesiger Mann in einem schwarzen Smoking mit einer grün fluoreszierenden Fliege. Soweit ich das bei diesen Lichtverhältnissen erkennen konnte, wechselten seine Augen wie das Meer ständig die Farbe. Hinter ihm manifestierten sich zwei weitere Gestalten aus dem Nichts. Der eine war ein etwa dreizehnjähriger Junge, der eine rote Baseballkappe mit der Aufschrift ›Sylt Elf‹ hoch in die Stirn geschoben hatte. Der andere trug Halbedelsteine in seinen langen Bart geflochten – und ging mir nur bis zum Bauch.

»Wer sind Sie?« Meine Stimme zitterte.

Der Große im Smoking hielt uns die Hand hin, sie fühlte sich nordseekalt an. Sein Lachen klang wie das Meer, das um Steine gurgelte.

»Mein Name ist Ekke Nekkepenn.« Er sprach mit ausgeprägter nordfriesischer Klangfärbung. »Der mit der Mütze ist Nis Puk, und der Zwerg heißt Finn.«

Lotte sog scharf die Luft ein.

»Sicher. Das sind Märchenfiguren aus den Sylter Sagen. Finn, der Zwergenkönig, Nis Puk, ein Sylter Hausgeist, und Ekke Nekkepenn, der Meermann.«

Die drei betrachteten sie amüsiert.

»Dass alle Märchen einen wahren Kern haben, weißt du aber schon?«, fragte der Untersetzte.

»Ach, kommen Sie. Das wollen Sie uns jetzt nicht wirklich erzählen.« Lottes Sarkasmus klang nicht überzeugend.

»Du möchtest doch wissen, wer die Wunschtür aufgestellt hat«, wandte sich der Junge freundlich lächelnd an mich. »Das waren wir.«

»Wunschtür?«, brachte ich hervor.

Der Junge nickte.

»Komplizierte Magie, so ein Drei-Wunsch-Zauber. Früher haben wir immer wieder mal den Menschen nur zum Spaß drei Wünsche geschenkt. Aber heutzutage ist keine gute Zeit für Wunder. Weil niemand mehr dran glaubt, klappt es nur noch selten mit dem Zaubern.«

»Und wieso ich?«, stammelte ich. Der Smokingträger deutete auf meine Brust.

»Wegen des Anhängers.«

Ungläubig fischte ich die Glasphiole unter meinem Hemd hervor.

»Der Modeschmuck hier?«

»Zu dem Unfall ist es gekommen, weil dich die Spiegelung der Sonne im Feenstaub geblendet hat«, sagte der Zwerg.

Allmählich wurde ich wütend.

»Verdammt noch mal, das ist bloß Glitzersand!«

»In jedem Glitzer ist ein Hauch Feenstaub. Deshalb fasziniert euch Menschen das ja so.« Die kohleschwarzen Augen des Zwergs funkelten. »Du warst nicht schuld an dem Unfall. Du hattest was gut bei uns, deshalb haben wir die Tür am Strand aufgestellt. Alles kommt zum richtigen Zeitpunkt.«

Einen Moment lang glaubte ich, Hannes Stimme zu hören.

»Und so siehtʼs aus: Zwei Wünsche hast du geäußert, zwei Wünsche haben wir dir erfüllt«, erklärte der Meermann. »Ein dritter ist noch frei – der wichtigste von allen.«

Die drei machten gleichzeitig eine Handbewegung. Unmittelbar neben dem Hünengrab erschien die Tür. Diesmal war sie nicht einbetoniert, sondern schwebte dreißig Zentimeter über dem Boden.

Ich erschauerte. Tausend Möglichkeiten schossen mir durch den Kopf. Mir kam Hanne in den Sinn, dann Lotte, dann der Chefredakteursposten, dann Ruhm und Reichtum.

»Leider müssen wir die Richtung vorgeben.« Nis Puk schien meine Gedanken gelesen zu haben. »In den vergangenen Jahrhunderten haben wir erlebt, was für einen Unsinn sich Menschen wünschen. Deshalb haben wir uns bereits unter deinen Wünschen einen ausgesucht, den wir erfüllen werden.«

Das machte es einfacher. »Und welcher Wunsch ist das?«

Ekke Nekkepenn schüttelte den Kopf.

»Wenn wir dir das sagen, gilt der Wunsch nicht.«

Ich schnappte nach Luft. »Aber ich könnte mich für den falschen Wunsch entscheiden!«

Die drei nickten.

»Das könntest du.«

»Und dann?«

»Nur der richtige Wunsch wird erfüllt.« Nis Puk lächelte mich bedauernd an.

»Ich habe viele Wünsche, aber ich weiß nicht, welches der richtige ist«, sagte ich verzweifelt zu Lotte.

»Mach es – einfach so.« Lotte zwinkerte. In ihren Wangen bildeten sich wieder die Grübchen.

Da wusste ich es auf einmal.

Ich ging zur Tür und drehte den Knauf. Sie schwang auf, der Mond schien mir entgegen. Als ich den Fuß auf die Schwelle setzte, wurde mir so schwindelig wie nie zuvor. Das hier war ein großes Stück Magie. Ich wartete, bis das Schwanken aufhörte, holte tief Luft und ging auf die andere Seite. Hinter mir kam Wind auf, und die Tür fiel ins Schloss.

*

»Hat es nicht geklappt?«, fragte Lotte. Ich schaute zum Himmel. Der Mond und die Sterne funkelten. Über dem Watt zogen Wolken mit silbrig leuchtenden Rändern auf. Wenn man genau hinsah, erkannte man feinen Glitzerregen, der über Land und Meer niederging.

Flüstern erhob sich im Gras. Die Steine des Harhoog schoben sich zur Seite. Aus der Öffnung kletterten Zwerge heraus.

Rot bemützte Gestalten wirbelten durch die Luft und landeten mehr oder weniger elegant neben Nis Puk.

Im Wattenmeer türmte sich eine zwei Meter hohe Welle, der eine Frau in altfriesischer Tracht entstieg. Sie stemmte die Hände in die Hüften und betrachtete Ekke erzürnt.

»Meine Frau ist mir wieder mal böse«, erklärte der Meermann mit entschuldigendem Lächeln.

Lotte stand so dicht neben mir, dass es Sinn ergab, den Arm um sie zu legen. Sie schaute lachend zu mir auf.

»Was, um Himmels willen, hast du dir gewünscht?«

Ich zog die Kette unter meinem Hemd hervor. Der Glitzersand in der Phiole glomm golden.

»Feenstaub für alle«, antwortete ich. »Denkst du nicht auch, dass unsere Welt ein bisschen Magie nötig hat?«

***

© by Anke Höhl-Kayser. Erstveröffentlichung.
Alle Rechte vorbehalten.

Über die Autorin

Anke Höhl-Kayser (geb. 1962) studierte Literaturwissenschaft in vier Fächern mit dem Abschluss Magister Artium. Sie schreibt seit 2009 Romane und Kurzgeschichten in fast allen Genres, mit Vorliebe jedoch Fantasy.  Hauptberuflich arbeitet sie als Lektorin, seit 2015 im Team der »Textehexe«. Einige ihrer Kurzgeschichten wurden mit Preisen ausgezeichnet.

Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Wuppertal.

www.hoehl-kayser.de

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