Christian von Aster: Großes grünes Monster

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FICTION FRIDAY

Großes grünes Monster, oder: Eine retrojapanische Hausmeisterbeichte | Christian von Aster


Ken Kawashima war jahrelang treuer Hausmeister einer japanischen Filmgesellschaft. Und als Hausmeister bekam er tiefe Einblicke in die dunklen Machenschaften, die ab 1954 zum plötzlichen Anstieg japanischer Monsterfilme führten

Unsere retrofuturistische PAN-Story des Monats von Christian von Aster enthüllt endlich die unbequeme Wahrheit über ein gewisses großes grünes Monster! (Entnommen aus der Anthologie German Kaiju, Leseratten Verlag.)

 

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Gefunden und mit großer Akribie übersetzt, sowie ins Reine geschrieben von Christian von Aster.

Mein Name ist Ken Kawashima, und die Geschichte, die ich Ihnen erzählen möchte, ist, ob auch nunmehr ein halbes Jahrhundert alt, ein wohl gehütetes Geheimnis bei uns in Japan. Im Mittelpunkt dieser Ereignisse steht eine sehr bekannte Filmgesellschaft (im Folgenden nur Company), jene bedeutende japanische Filmproduktion, der die Nachwelt die wohl schillerndste Ikone des klassischen Monsterfilmes verdankt: das große grüne Monster (im folgenden nur Big G). Jenes Ungetüm, das 1954 zum ersten Mal die Leinwand betrat, um fortan regelmäßig erst Tokyo und dann auch so ziemlich alles andere dem Erdboden gleichzumachen. Big Gs Erfolgsgeschichte ist voll absonderlicher Höhen und Tiefen, deren genaue Hintergründe in den Safes der Company ruhen. Alles, was sich außerhalb der Safes befindet, ist durch strenge Verschwiegenheitsklauseln geregelt, denen bis vor Kurzem auch ich unterlag. Heute aber, da ich das gesegnete Alter von achtundneunzig Jahren erreicht habe und um meine wohlverdiente Rente fürchten muss, will ich mein Schweigen brechen. Ich residiere in einem exklusiven Altersheim in Kyoto unweit des Demashiyanagi Bahnhofes mit Sicht auf den kaiserlichen Park. Das Essen ist hier das beste in der Stadt und die Masseusen haben Weltklasse. Unter normalen Umständen könnte ich mir so etwas nicht leisten, denn ich habe in meinem Leben nie mehr als die ehrbare Position eines Hausmeisters bekleidet. Dementsprechend sind die Zuwendungen der Company für mich lebensnotwendig, und das Ende ihrer Zahlungen würde gleichsam auch das von Sonnendach, Sushi und Masseusen bedeuten. Deshalb ist diese kleine Beichte hier kaum etwas anderes als Selbstschutz.

1953 begann ich meine Arbeit als Hausmeister im Firmenhauptsitz in Chiyoda. Das war noch vor Big G, vor den Verschwiegenheitsklauseln und dem großen Durchbruch.

Kaum aber dass ich damit begonnen hatte, mich um die verstopften Abflüsse der Firma zu kümmern, veränderte sich alles.

Es begann in dem Moment, als der Vorsitzende von Obuzuke Chemicals im März nach langwierigen Verhandlungen die Chefetage der Company betrat. Hideki Tagasami, oberster Chef der Firma, empfing ihn persönlich, übergab ihm im Lauf des Gespräches drei Aktenkoffer voll neuer Yen und bekam dafür die Schlüssel eines ominösen Kleintransporters. Zum Ausladen desselben wurden ich und einige Kollegen herangezogen, wodurch wir quasi die ersten Personen bei der Company wurden, die dem großen Big G begegneten.

Man geht im Allgemeinen davon aus, dass der wichtigste tricktechnische Aspekt der Film-Reihe neben mechanischen Miniaturen die ausladenden und phantasievollen Monsterkostüme seien, in denen die Schauspieler agieren. Das ist auch die offizielle Version der Company, und sie ist durchaus nicht falsch. Zumindest, was die Miniaturen anbelangt. Big Gs Geheimnis aber sind weder Schaumstoff noch Silikon. Denn das, was wir an jenem Tag aus dem Parkhaus in den Keller schafften, war alles andere als ein Schauspieler. Es war vielmehr eine ausgewachsene 1,62 m große Mutation aus den Abwasserbecken von Obuzuke Chemicals, die Hideki Tagasami gerade drei Koffer neue Yen gekostet hatte und der neue Star der Company werden sollte. Nachdem sie das Geschöpf im Keller besucht hatten, verfassten Ishiro Honda und Shigeru Kayama innerhalb einer halben Woche ein Drehbuch für das Ungeheuer.

Hierbei spielten zwei Punkte eine entscheidende Rolle:

Zunächst einmal der, dass die Company ihren Hauptsitz in Chiyoda hatte, einer Stadt, die seit jeher eine Art Erbfeindschaft mit der Hauptstadt Tokyo verband, was zur logischen Folge hatte, dass Tokyo im Rahmen des anstehenden Filmes komplett zerstört werden musste. Der zweite Punkt war der damalige Zwist zwischen Atom- und Stromlobby. Beide stritten zu jener Zeit um das japanische Versorgungsmonopol und waren sehr darum bemüht, die andere Partei zu diskreditieren. In einem Gebotswettstreit gewann schlussendlich die Stromlobby, was zur Folge hatte, dass Big G das Ergebnis verwerflicher und überaus gefährlicher Atomversuche wurde. Und noch während das Drehbuch im Entstehen begriffen war, konnte Hideki Tagasami vom Vorsitzenden der alteingesessenen Akamatsu Stromversorgungsbetriebe fünf Koffer neuer Yen in Empfang nehmen.

Bereits an dieser Stelle wird deutlich, dass der wirtschaftliche Erfolg des ersten Films vor allem auf dem Austausch von Schmiergeldern und der geplanten Diskreditierung der Atomlobby basierte. Diese Wahrheit aber ist nur ein kleiner Teil meiner Geschichte. Schließlich teile ich sie mit Dutzenden anderen Mitarbeitern, und so würde sie kaum die Summen rechtfertigen, die ich seither in regelmäßigen Abständen überwiesen bekam. Und überhaupt ist diese kleine schmutzige Wahrheit nur der Beginn der Erfolgsgeschichte, deren weitere Entwicklung ungleich finsterere Abgründe aufweist.

Denn der Erfolg des ersten Big-G-Streifens schrie förmlich nach Fortsetzung. Die Company wollte weiterhin geschmiert, die Atomlobby weiter in Verruf gebracht werden, und Japans Gier war geweckt. Die Welt brauchte Monster und Big G neue Gegner. Obuzuke Chemicals gaben ihr Bestes, was aber nichts daran änderte, dass neuere Mutationen ausnahmslos mickrig und nicht zu gebrauchen waren. Und so sah sich die Company nach neuen Partnern um. Naheliegend war der Vertragsschluss mit der Wakizashi Power Corp., die drei Atomkraftwerke unweit von Tokyo betrieb. Tatsächlich lieferte diese Firma die Basismutation für ein igelähnliches Monster, womit sie das beschädigte Ansehen der Atomindustrie zumindest finanziell kompensieren konnte. Im Zuge dieser Entwicklung gab Obuzuke Chemicals sich etwas mehr Mühe und konnte wenig später mit einem Gorillaartigen und einem Kraken punkten, welche die ersten gezielten und eigens für ein bestimmtes Drehbuch konzipierten Mutationen waren. Das Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Unternehmen im Mutationsgeschäft erfreute vor allem die Company, da der entstehende Preiskampf ihr bald erlaubte, mehrere Monster zum Preis von einem einzukaufen. Anfang 1963 tauchte mit Izimitsu Pharmaceutics eine weitere Firma im Kampf um die Ungetümverwertung auf. Izimitsu lieferte eine Motte, ein Monster, dem insgesamt sieben Jahre verbotener Forschung zugrunde lagen. Die Company war begeistert, zahlte und widmete dem Mottentier später sogar eine eigene Serie. Der Kampf um kofferweise neue Yen und die Spitze der Monstermacherzunft war in vollem Gange, als sich Ende 1963 der letzte Wettstreiter in Form von Akisumi Industries einfand. Niemand wusste je, was genau sie herstellten, doch lieferten sie mit einem dreiköpfigen Drachen und einem Flugsaurier einen effektiv mutierten Beitrag zum prosperierenden Big-G-Universum. Inzwischen hatte Japan eine geheime, aber überaus erfolgreiche Mutationsindustrie für mannshohe Merkwürdigkeiten hervorgebracht. Der einzige Abnehmer war – auch wenn Amerika in den 80ern E.T. und die Gremlins einkaufen würde – zunächst die Company.

Zu diesem Zeitpunkt aber hatte deren Verkaufsprozedere sich bereits geändert.

Die Vertreter der verantwortlichen Firmen wurden nicht mehr in der Chefetage empfangen, sondern fanden sich, mitsamt der Mutationen, im Keller ein, wo man die Kreaturen fotografierte, katalogisierte und auf Verwertbarkeit prüfte. Die Kriterien waren mit den Jahren freilich strenger geworden, was die Nachwelt vor manch drittklassiger Abnormität bewahrte. Der Keller jedenfalls war der Ort, an dem sich alles entschied. Denn auch wenn ein Monster auf den ersten Blick verwertbar schien, mussten doch seine praktischen Fertigkeiten geprüft werden.

Zu diesem Zweck war der Tokyosimulator eingerichtet worden.

Sieben Räume, die mit maßstabsgetreuen Pappdarstellungen der Hauptstadt ausgestattet worden waren, um das destruktive Talent der Kandidaten zu überprüfen.

Hierbei spielten verschiedene Faktoren eine Rolle:

Zum einen wurde die Zeit gestoppt, zum anderen eine Haltungsnote vergeben und zuletzt eine Duellvariante mit einem Sparringmonster durchgespielt. Weil oft Mutationen nicht immer zu beeindruckender Optik führten, scheiterten die meisten Monstrositäten bereits an der Haltungsnote. Die erwähnten Duelle erfolgten ebenfalls im Tokyosimulator. Niemals aber Monster gegen Monster. Denn dazu waren die Mutationen zu wertvoll. In diesem Fall wurden tatsächlich Mitarbeiter der Firma in Schaumstoffkostüme gesteckt. Auch Big G selbst musste regelmäßig neu gecastet werden. Filmfreunde und Genrekenner wissen um die kleinen Veränderungen, die im Lauf der Jahre an dem vermeintlichen Kostüm vorgenommen wurden. In Wirklichkeit waren es lediglich Varianten der klassischen Obuzuke-Mutation. Denn aufgrund der geringen Lebenserwartung musste diese regelmäßig ersetzt werden.

Die Firma jedenfalls wusste, wie sie das gewünschte Geschöpf korrekt zu mutieren hatte: Die Basis bildeten ein Alligator und verschiedene chemische Elemente, die die Company trotz zahlreicher Anstrengungen bis heute nicht zu identifizieren vermochte. Obuzuke Chemicals jedenfalls lieferte stets fristgerecht und mit kaum nennenswerten Abweichungen, und Big G selbst war – auch wenn jede neue Mutation wie üblich gecastet wurde – das einzige Ungetüm, dessen Platz in den Filmen sicher war. Von den anderen Monstern kamen schlussendlich nur sehr wenige durch das Casting, was bedeutete, dass die meisten von ihnen eingeschläfert oder in die freie Wildbahn entlassen werden mussten. Dementsprechend wurden statistisch gesehen achtzig Prozent aller zwischen 1954 und 1975 verschwundenen Japaner entweder von Mutationen gefressen oder durch eine der angegebenen Firmen zu einer solchen gemacht. Japans Öffentlichkeit wurde über diese Hintergründe stets im Dunkeln gelassen, und die Polizei ebenso wie die Politik seitens der Company mit großzügigen Zahlungen bedacht. So lag der gesamten japanischen Unterhaltungsindustrie schlussendlich ein großangelegtes Unterhaltungskomplott zugrunde, das bis in die Spitzen der japanischen Regierung reichte. Aber auch dieser Skandal bildet nicht die Grundlage für jene Rente, die mir bis heute ein sorgenfreies Leben ermöglicht hat.

Die Monsterisierung des japanischen Kinos schritt unaufhaltsam voran. Bis 1975 sollten noch zahlreiche weitere Ungetüme erst das Licht der Abwasserbecken und Versuchslabore und dann das der Filmscheinwerfer erblicken. Den Höhepunkt dieser ersten zwanzig Jahre Big G bildete 1974 eine Mecha G, eine Robotervariante des Ur-Ungetümes, dessen Grundlage eine klassische mit Alufolie beklebte Obuzuke-Mutation war. Doch als Mecha G Tokyo verwüstete, arbeitete ich schon lange nicht mehr für die Company.

Mein unfreiwilliges Ausscheiden fand im Jahre 1966 statt. Für den damals anstehenden Film sollte, nachdem im vorigen Wakizashi einen mutierten Hummer geliefert hatte, jeder Mutantenzulieferer ein Monster stellen: Obuzuke Big G, Izimitsu eine Spinne und Akisumi Heuschrecken, womit der Film, der ursprünglich den Titel Triumvirat der Ungeheuer tragen sollte, der ausgewogenste in der legendären Reihe zu werden versprach. Die Monstercastings waren beinahe abgeschlossen und der Drehplan stand bereits, als vollkommen unerwartet der damalige Big G verstarb. Innerhalb zweier Tage sorgte Obuzuke für Ersatz. Der neue Big G entsprach in allen Anforderungen der Serie und hatte viele neue Yen gekostet. Eilig schaffte man das Ungetüm in den Keller, um es so schnell wie möglich Tokyosimulator und Zweikampf durchlaufen zu lassen. Das Geschöpf verwüstete Tokyo in einem schier berauschenden Tempo und mit einer geradezu vorbildlichen Haltung. Als es dann ans Sparringsduell ging, wurde ich eingespannt. Man steckte mich in ein hellblaues Schaumstoffkostüm und schickte mich nach Tokyo No. VII, wo Big G mich erwartete. Wir begannen mit dem üblichen Treten und Boxen. Nach einigen wenigen Augenblicken aber ahnte ich bereits, dass irgendetwas anders war als sonst. Ich hatte mich schon mit manchem Monster durch Tokyos Ruinen geboxt, aber keines hatte mich dabei je so taxiert wie dieses neue Ungetüm, bei dem es sich um einen außerordentlich gut mutierten weiblichen Alligator handelte. In den Augen dieser Mutation glaubte ich mehr zu sehen. Mehr als bloß die übliche, den Mutanten eigene Aggression. Als ich dieses Mehr jedoch erfasste, war es bereits zu spät. Dazu muss man sagen, dass läufige weibliche Alligatoren – vor allem wenn sie mutiert sind – dazu neigen, immense Kräfte zu entwickeln, und sich nehmen, was sie wollen. In diesem Falle war das bedauerlicherweise ich. Big G hatte mich bereits auf dem Rücken, als die Sicherheitsleute bemerkten, dass dieser Zweikampf im Begriff stand, außer Kontrolle zu geraten. Augenblicke später hatte das Untier meine Schaumstoffhülle mit seinen Stummelpranken zerrissen und begonnen, sich an mir zu reiben. Als es der Sicherheit schließlich nach einigen Minuten gelang, den Mutanten von mir fortzuzerren, war es längst zu spät. Big G hatte sich an mir vergangen.

Das Ergebnis ist hinlänglich bekannt.

Der folgende Film der Reihe musste umgeschrieben und der Drehstart verschoben werden. Nach einer Brut- und Drehzeit von insgesamt einem Jahr erblickte schlussendlich Big Gs Sohn 1967 die Leinwand. Obwohl ich mit Fug und Recht als sein biologischer Erzeuger bezeichnet werden kann, hatte ich zunächst wenig davon. Denn die folgenden Jahre verbrachte ich in der Wagasabi Heilanstalt, die auf sexuelle Traumata spezialisiert war.

Und als ich meine Vergewaltigung durch das bekannteste Monster der Filmgeschichte weitgehend verarbeitet hatte, unterbreitete die Company meinem Anwalt einen Vorschlag: In Zukunft würde ich mit zwanzig Prozent am Einspielergebnis aller folgenden Filme beteiligt sein. Eine Regelung, die freilich mein Stillschweigen und die Adoptionsfreigabe meines Sohnes beinhalten würde.

Die Unterschrift, die ich an jenem Tag leistete, bescherte mir – mit einigen Unterbrechungen – die beste Zeit meines Lebens. Big G hat mich vermutlich wohlhabender gemacht als alle beteiligten Drehbuchautoren und Regisseure.

Letztes Jahr aber hat die Company angekündigt, während der nächsten zehn Jahre keinen weiteren Film zu drehen, und so sehe ich mich gezwungen, unser Abkommen zu brechen. Und das ist auch der Grund, weshalb Sie heute in den Genuss kommen, die Wahrheit über Big Gs Sohn zu erfahren, dessen Vater niemand anderes ist als der ehrbare Ken Kawashima, ehrenwerter ehemaliger Hausmeister der Company.

 

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© 2019 by Christian von Aster. Erschienen in: German Kaiju. Hrsg. von Markus Heitkamp. Leseratten Verlag 2019.

Alle Rechte vorbehalten.

Über den Autor

Christian von Aster schreibt. Unter anderem Kurzgeschichten. Aber auch Romane. Oder Drehbücher. Mitunter sogar Balladen. Derart regelmäßig, dass er es bis dato auf mehrere Dutzend Publikationen gebracht hat. Und verschiedene Auszeichnungen. Irgendwo zwischen Horror, Satire, Märchen und Superheldenpoesie. Von Zeit zu Zeit findet er auch die Muße, Filme zu drehen, als Sprecher zu arbeiten oder als Kabarettist auf der Bühne zu stehen und für seine garstigen, aber unterhaltsamen Lesungen bekannt zu sein.

https://www.patreon.com/vonAster

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 25. September, genau hier.

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