V.E. Schwab – Gemeinsame Sache

FICTION

Gemeinsame Sache | V.E. Schwab


Die Soldatin Rios stirbt. Und kommt wieder zurück – mit einer außerordentlichen Fähigkeit …

Die exklusive Kurzgeschichte »Gemeinsame Sache« stammt aus demselben Kosmos wie Schwabs phantastische Rache-Serie, deren zweiter Band Vengeful soeben erschienen ist.

 

***

Vier Jahre vorher

Eine Stadt in Trümmern

 

Es war reine Routine.

Soweit man eine Mission, die mitten in einem Kriegsgebiet ablief, so nennen konnte.

Rios rückte ihre Splitterschutzweste zurecht und entsicherte ihr Gewehr. Dabei hörte sie, wie die anderen Mitglieder ihres Teams sich über Funk meldeten.

»Fallon, in Position.«

»Mendez, in Position.«

»Jackson, in Position.«

Die Stimmen klangen zu laut in der Stille der Nacht. Vor ein paar Stunden hatte der Granatbeschuss aufgehört. Woraufhin man ihr Team reingeschickt hatte – nicht etwa, um Zivilisten zu retten oder fliehende Aufständische zu finden, sondern um eines der größten Gebäude der Stadt, einen bekannten Aufenthaltsort von Terroristen, zu durchsuchen. Und rauszuholen, was sie finden konnten. Waffen. Informationen.

»Rios«, sagte sie jetzt, »in Position.«

In ihrem Fall hieß das: am Hintereingang des Gebäudes.

Dieses war drei Stockwerke hoch und hatte trotz einer Woche schweren Beschusses kaum Schaden genommen. Und es stand leer. Eine Drohne hatte aufgezeichnet, wie die Aufständischen es im Laufe des Tages verlassen hatten.

Der Laserstrahl ihrer Zielvorrichtung durchschnitt die Dunkelheit. Sie öffnete die Tür und hörte die Schritte der drei anderen Soldaten, die das Gebäude auf festgelegten Routen durchquerten.

Rios sicherte das Erdgeschoss. Auf ihrem Weg von Raum zu Raum filmte die Helmkamera die Reste von Karten an den Wänden, Papiere auf einem niedrigen Holztisch. Sie hatte die Runde fast schon beendet, als ein Geräusch erklang.

Ein Pfeifen.

Das immer lauter wurde. Rios wusste genau, was das bedeutete. Sie alle wussten es.

»Auf den Boden!«, schrie sie in dem Moment, bevor die Granate das Gebäude traf.

Die Welt kam ins Wanken, und die Wucht der Detonation riss Rios zur Seite. Ihr klangen die Ohren. Sie rollte sich auf den Rücken und sah, wie sich Risse in der Decke bildeten und die Balken über ihr nachgaben. Die Granate musste die oberen Stockwerke erwischt haben.

Und nun stürzte alles auf sie herab.

Im letzten Moment brachte sie sich unter einem Tisch in Sicherheit. Doch dessen Platte gab unter dem Gewicht der Trümmer nach und drückte Rios zu Boden. Die ganze Welt schien einzustürzen.

Dann herrschte Stille.

Rios versuchte, sich zu bewegen. Aber sie war unter der Tischplatte und den Gebäudeteilen eingeklemmt. Die Last drückte ihr den Brustkorb ein. Sie atmete ein und sog dabei so viel Staub ein, dass sie von einem Hustenanfall geschüttelt wurde. Ihre Lungen verkrampften sich, und sie hatte das Gefühl zu ertrinken.

Das Klingeln in ihren Ohren verstummte. Stattdessen hörte sie nur noch ein Rauschen.

»Fallon, bitte kommen!«, keuchte sie.

Stille.

»Jackson!«

Stille.

»Mendez?«

Stille.

Das Gebäude ächzte und bebte. Sie musste schleunigst hier raus, bevor der Rest auch noch einstürzte. Aber sie konnte sich nicht bewegen. Nicht atmen.

Durch das gesprungene Visier ihres Helms sah sie, wie der Schutt bedrohlich ins Rutschen kam. Sie machte die Augen fest zu und stemmte sich gegen die Tischplatte, gegen das Gewicht des Gesteins über ihr, wild entschlossen, sich zu befreien; kämpfte um ihr Leben mit dem Rest des Sauerstoffs und ihren verbliebenen Kräften. Aber es reichte nicht. Was sie gefangen hielt, bewegte sich nicht. Ihre Lungen brannten wie Feuer, bis auch das aufhörte. Sie spürte, wie sie wegdriftete, wie Dunkelheit sie umfing …

Und dann fiel Rios.

Zwei, drei Meter, bis sie auf dem Boden aufschlug. So hart, dass es die Dunkelheit und ihre Benommenheit durchdrang.

Der Boden unter ihr musste eingebrochen sein. Sie riss die Arme hoch, um sich vor herunterfallenden Trümmern zu schützen. Doch nichts passierte. Sie sah nach oben. Die Decke war unversehrt. Wie war sie dann hier gelandet? Wo befand sie sich überhaupt? Sie drehte den Kopf und sah, dass sie in einem Keller sein musste.

»Steh auf!«, befahl sie sich.

Mühsam rappelte sie sich auf und wäre vor Schmerzen fast wieder gestürzt. Unter Aufbietung ihrer ganzen Willenskraft schleppte sie sich zu der Holztreppe in einer Ecke, stieg Stufe für Stufe hinauf bis zu einer Tür. Sie drückte dagegen.

Bereits nach ein paar Zentimetern spürte sie einen Widerstand auf der anderen Seite.

Mit einem Knurren warf sie sich gegen die Tür. Oder zumindest hatte sie das vorgehabt. Doch urplötzlich fand sie sich auf Händen und Füßen auf einem flachen Schutthaufen wieder. Und die Tür hinter ihr war immer noch von Geröll blockiert.

»Was zum Teu…«

Rios hörte Rufe und richtete sich auf in der Hoffnung, Jackson, Mendez oder Fallon zu sehen. Aber die Stimmen kamen von draußen. Sie schrie, bis sie heiser war und ihre Lungen schmerzten.

Es dauerte zwei Tage, bis man alle Trümmer weggeräumt hatte. Jackson und Mendez waren tot. Fallon war am Leben, aber noch immer nicht bei Bewusstsein. Und Rios hatte es ebenfalls geschafft.

Sie hatte nur keine Ahnung, wie sie das angestellt hatte.

Sie hatte einiges abbekommen.

Eine Gehirnerschütterung, fünf gebrochene Rippen und sieben Ermüdungsbrüche. Jede Bewegung, jeder Atemzug, ja sogar jeder Gedanke tat ihr weh, weshalb sie versuchte, all das zu vermeiden. Vermutlich dauerte es deshalb ein paar Tage, bis ihr auffiel, dass etwas nicht stimmte. Nicht mit ihr selbst – das hatte sie schon längst gemerkt –, sondern mit dem Krankenhaus.

Man hatte sie in ein Militärhospital geflogen. Hatte sie zumindest gedacht. Aber als die Wirkung der Schmerzmittel nachließ und ihre Sinne allmählich zurückkehrten, begriff sie, dass es sich um ein Privatkrankenhaus handeln musste. Zu viele Ärzte, zu wenige Patienten.

Hätte ich nur gelogen, dachte sie.

»Sie waren im Erdgeschoss eingeschlossen. Wie sind Sie da rausgekommen?«, hatte ihr Sergeant gefragt.

Trotz der fast unerträglichen Schmerzen und ihres Schocks hatte Rios darüber nachgedacht zu lügen. Die Wahrheit klang einfach zu verrückt. Aber sie war schon immer eine miserable Lügnerin gewesen. Falls man ihr nicht glaubte, konnte sie es ihnen ja vorführen.

Zumindest theoretisch.

Denn sie hatte keine Ahnung, ob das Ganze – was auch immer es gewesen war – ein zweites Mal funktionieren würde, ob sie es absichtlich tun und wieder durch eine Wand spazieren könnte. Aber letzten Endes war es nicht schwer. Es passierte einfach.

Zum Beweis steckte Rios ihre Hand durch die Seitenwand des nächstbesten Militärjeeps. Woraufhin dem Sergeant vor Staunen der Mund offen stehen blieb.

Danach wurde ihre Erinnerung unscharf.

»Corporal Rios.«

Sie schaute hoch und sah einen Mann mit graumeliertem Haar und müdem Blick in der Tür stehen. »Ich bin der Direktor dieser Einrichtung«, sagte er. »Mein Name ist Joseph Stell.«

Rios setzte sich mühsam auf.

Ihre Rippen waren so fest bandagiert, dass sie das Gefühl hatte, noch immer unter den Trümmern des Gebäudes zu liegen.

»Bitte, überanstrengen Sie sich nicht«, sagte Stell. Er sah sich um, aber da es keinen Stuhl gab, trat er zu ihr ans Bett. »Sie hatten ein Riesenglück, Corporal.«

»Das höre ich die ganze Zeit.«

»Sie glauben also, dass mehr als Glück dahintersteckt?«

Rios antwortete nicht. Das war keine beiläufige, sondern eine höchst gewichtige Frage. Stell wusste Bescheid über das, was sie ihrem Vorgesetzten erzählt hatte, ihm gezeigt hatte.

»Wissen Sie, wo Sie sich befinden?«, fragte Stell.

»Dies ist kein gewöhnliches Krankenhaus«, antwortete Rios.

Stell nickte zustimmend und sah sich um. »Es ist ein Ort für Personen wie Sie.«

»Für Soldaten?«

»Für ExtraOrdinäre.«

Er sprach das Wort aus, als müsste sie es kennen. Aber Rios hatte es noch nie gehört. Offensichtlich bemerkte er ihre Verwirrung, denn er fuhr fort: »Außergewöhnliche Kräfte sind eine Waffe, Corporal. Und Ihnen brauche ich nicht zu sagen, wie gefährlich das sein kann. Meine Aufgabe ist es sicherzustellen, dass diese besondere Art von Waffen niemandem schadet.«

Rios schüttelte den Kopf. »Ich habe doch nur meine Pflicht getan. Keine Ahnung, was dort passiert ist – was mit mir passiert ist, aber ich bin froh darüber. Es hat mein Leben gerettet. Mich stärker gemacht. Schicken Sie mich zurück, und ich werde …«

»Das kann ich nicht«, schnitt Stell ihr das Wort ab.

»Wollen Sie mich hier festhalten?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht, ob wir das überhaupt könnten«, gab er zu. »Und was wichtiger ist, ich weiß nicht, ob wir es müssen. Ich hoffe, Corporal Rios, dass Sie und ich eine Abmachung treffen können. Wir betreten hier völliges Neuland. Sie sind nämlich die erste EO, die sich freiwillig gestellt hat.«

»Was hätte ich sonst tun sollen?«

»Die meisten in Ihrer Lage flüchten.«

»Warum?«, fragte Rios. »Ich habe nichts Unrechtes getan.« Trotz der Schmerzen richtete sie sich auf. »Mein Leben lang bin ich keinem Kampf aus dem Weg gegangen. Und damit soll ich auf einmal aufhören? Mich ergeben? Weil ich überlebt habe? Das werde ich bestimmt nicht tun.«

Zu ihrer Überraschung lächelte Stell. »Sie haben recht. Ihre Gabe macht Sie stärker. Verleiht Ihnen die … Fähigkeit, einer ganz anderen Art von Gefahr gegenüberzutreten. Wenn Sie Ihrem Land immer noch dienen wollen …«

»Ich wollte nie etwas anderes«, unterbrach Rios ihn.

»Dann gibt es vielleicht einen Weg«, sagte Stell, »wie Sie das auch in Zukunft tun können.«

 

***

Aus dem Amerikanischen von Petra Huber

 

© 2018 by V.E. Schwab unter dem Titel »Common Ground«.

Für die deutsche Übersetzung: © 2020 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main.

Alle Rechte vorbehalten.

 

Autorin V.E. Schwab

Victoria (V. E.) Schwab (*1987) ist als Kind einer englischen Mutter und eines amerikanischen Vaters von unstillbarer Wanderlust getrieben. Wenn sie nicht gerade durch die Straßen von Paris streunt oder auf irgendeinen Hügel in England klettert, sitzt sie im hintersten Winkel eines Cafés und spinnt an ihren Geschichten. Mit ihrer Weltenwanderer-Trilogie landete sie prompt auf der »New York Times«-Bestsellerliste und bekam für ihren Roman »Vier Farben der Magie« einen Filmdeal angeboten.

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 15. Mai, genau hier.

 

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