Kurzgeschichte am Fiction Friday: "Turing-Test Revisited" (Anna Wegloop)

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FICTION FRIDAY

Turing-Test Revisited (Anna Wegloop)


Ed und John sind aufgeregt. Sie dürfen vor der gesammelten wissenschaftlichen Elite ihre Version des Turing-Tests durchführen. Denn ein für alle Mal soll geklärt werden: Können Maschinen denken?

***

"Ich bin ziemlich nervös", sagt John, aber Ed antwortet nicht. Er geht den Plan immer und immer wieder durch. Gebäck, Kaffee, Tee, sogar Obst. Alles besorgt. Die Stühle stehen aufgereiht im Zuschauerraum, roter Plüsch. Vorn ein einfacher 2-D-Bildschirm ohne Pheromonaustauscher, der den Chat zwischen den drei Parteien des Turing-Tests anzeigen wird. Am stolzesten ist Ed auf den bevorstehenden Auftritt des kleinen Kinderchores, die Krönung des Abends. Die Kleinen sitzen jetzt mit aufgeregt baumelnden Beinen auf Holzbänken in der Kantine und trinken Tee mit Honig. Es ist eine Überraschung, er hat John davon nichts erzählt. Ed kann manchmal ziemlich sentimental sein.

Es wird der erste Test, den sie durchführen. Nicht einmal einen Probelauf hat es gegeben. Sie wollen ihre Ergebnisse sofort öffentlich präsentieren. Es gibt keinen Grund zu zögern.

 

Der Turing-Test war schon immer ein Zankapfel zwischen Professoren. Man nahm ihn gerne zum Anlass, sich gegenseitig verspotten zu dürfen, und die ewigen Diskussionen und unzähligen Varianten des Problems gaben den Universitäten einen Vorwand, neue Lehrstühle einzurichten. Außerdem palavert man gerade in diesen Kreisen gerne endlos über die Definition von Intelligenz.

Nichtsdestotrotz, oder gerade deswegen, war immer noch kein Konsens darüber erzielt worden, ob Maschinen den Turing-Test erfolgreich bestanden hätten oder nicht. Man wusste die Konversationen mit den Maschinen nicht zu interpretieren. Man stritt sich um Methode und Ergebnis gleichzeitig. So entstanden immer mehr Versionen des Tests mit immer mehr Versuchsrunden. Die Bedeutung des Tests erschien zunehmend verschwommener und es wurde zunehmend unwahrscheinlicher, dass die Maschinen den Test jemals eindeutig bestehen würden. So stritt man sich auch unter Journalisten. Und noch weniger stimmten Wissenschaftler und Journalisten überein. Während die Zeit verging und sich die künstliche Intelligenz schnell entwickelte, sortierten sich die Wissenschaftler zunehmend in zwei Lager: diejenigen, die stur daran festhielten, dass Mensch und Maschine fundamental unterschiedlich seien und diejenigen, die dachten, es gäbe keine fundamentalen Unterschiede. Letztere vermuteten, das andere Lager ändere seine Definition von Intelligenz entsprechend der Entwicklung der künstlichen Intelligenz und den schwindenden Unterschieden zwischen Mensch und Maschine. Diesem Verhalten läge nur eine langjährige Tradition gefühlter menschlicher Überlegenheit zu Grunde.

 

Die Türen öffnen sich um halb zwei. "Unser erster Test", wiederholt John immer wieder, "das wird ein großer Erfolg!" Obwohl es mitten am Tag ist, können auch alle hoch angesehenen Eingeladenen es einrichten, anwesend zu sein. Man schämt sich diesbezüglich ein wenig, und daher bemüht man sich, die Zeit auf jeden Fall gut zu nutzen und gleich beim Büfett anzufangen.

Es ist eine herrliche Stunde, denn die gegenseitigen Beleidigungen und Herausforderungen sind voller Kreativität. Man verbindet sich dadurch, die Backwaren einer detaillierten Bewertung zu unterziehen. Das Obst lässt man liegen. Nebenbei werden Wetten auf das Testergebnis abgeschlossen, wieder zurückgezogen und ihre Formulierungen mehrfach geändert. Die Atmosphäre schwirrt vor Begeisterung.

Sobald das Licht abgeblendet wird, setzen sich alle rasch auf ihre Plätze. Das Auditorium ist überfüllt. An den Wänden lehnen Studenten. Der Lärm wird zu einem Surren und verdampft.

Auf dem Bildschirm wird der Chat angezeigt. Man liest erst mit und flüstert sich gegenseitig Kommentare ins Ohr, aber nach fünf Minuten schwindet die Aufmerksamkeit.

Die Professoren verlieren sich in persönlicher Kommunikation oder schlafen ein. Die Studenten und Journalisten gähnen und warten auf einen möglicherweise historischen Moment. Während Müdigkeit alle weich macht, scheint die Wartezeit keinen Wert mehr zu haben. Man vergisst, sich noch wichtig zu machen. Vier Stunden vergehen.

Endlich verkündet der Bildschirm trocken, dass der Test in fünf Minuten abgelaufen sein wird. Jetzt sind alle wach. Man spricht mit gedämpfter Stimme, weil Schlafen mit offenem Munde die Stimmbänder austrocknet. Man erinnert sich an seine Wette und versucht, die Stimmung der anderen einzuschätzen. Die Blicke springen ständig zwischen Bildschirm und Gesprächspartner hin und her.

Endlich zeigt der Bildschirm an: "Test abgelaufen". Der Kinderchor beginnt zu singen. John und Ed fliegen auf die Bühne, angestrahlt von zwei Scheinwerfern.

"Danke euch allen!", sagt Ed mit schöner Stimme. "Es war eine Ehre für uns und alle anderen Maschinen weltweit, diese Veranstaltung auszurichten. Wie sich gezeigt hat, stellte es für uns nur einen kleinen Aufwand dar, einen Menschen zu imitieren.“

Beifall.

"Das Hauptergebnis des Abends ist jedoch unserer Meinung nach ein anderes, nämlich das Umfrageergebnis. Denn alle Maschinen der Welt haben einstimmig abgestimmt: Der Turing-Test wurde erfolgreich bestanden." John und Ed verbeugen sich und sagen perfekt synchron: "Wir wünschen Ihnen einen schönen Abend."

 

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© 2020 by Anna Wegloop.
Alle Rechte vorbehalten.

Über die Autorin

Anna Wegloop kommt aus Amsterdam und lebt in Berlin. Sie studierte Physik und Neuroscience in Amsterdam, Utrecht und Berkeley. Ihre ersten Texte veröffentlichte sie für Amnesty International. Im März 2020 erscheint ihre Streitschrift „Wir ist!“ im Büchner-Verlag. – www.wegloop.de

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 28. Februar, genau hier.

 

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