Der Mondschirm - Fiction - Heike Schrapper

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FICTION FRIDAY

Der Mondschirm (Heike Schrapper)


Als Lucas der verlassenen Villa nebenan einen abendlichen Besuch abstattet, will er eigentlich nur ein paar coole Handy-Bilder erbeuten. Doch stattdessen stolpert er über kleine Knochen, seltsame Geräusche – und einen kaputten Schirm …

Unsere wohlig-gruselige PAN-Story des Monats von Heike Schrapper stammt aus der Anthologie FaRK Chronicles (Edition Roter Drache).

***

Lucas wischte sich ein paar feuchte Blätter vom Anorak und atmete tief durch. Er war schmal und eher klein für seine elfeinhalb Jahre – ein Umstand, unter dem er immer ein wenig gelitten hatte, aber für sein neues Projekt endlich mal ein Vorteil. Die vierte Regel des Urban Exploration Codex lautete: Was zu ist, bleibt zu, und da war es gut, wenn man sich durch schmalste Lücken quetschen konnte. Wie zum Beispiel durch die in der Hecke hinter ihm.

Lucas war noch nicht sehr lange ein „Urbexer“, wie man in der Szene sagte. Erst gestern Nachmittag war er zufällig auf eine Urban-Exploring-Website gestoßen, und am Abend hatte er das Gefühl, schon beinahe dazuzugehören. Beinahe … denn etwas Entscheidendes fehlte noch: sein erster Lost Place. Die zweigeschossige alte Villa, vor der er jetzt im ungemähten, verklumpten Gras stand, war die – im wahrsten Sinne des Wortes – naheliegendste Lösung.

Die Längsseite hatte einen großen, halbrunden Vorbau, der für das obere Stockwerk als Balkon diente, wie Lucas schon wusste, weil er diesen Teil der Villa von seinem Zimmer aus sehen konnte. Allerdings waren die hohen Erkerfenster im Erdgeschoss allesamt mit Brettern verrammelt.

„Was zu ist, bleibt zu“, murmelte Lucas und machte sich auf den Weg zur Rückseite des Hauses. Nach ein paar Schritten stieß er auf einen Gartenweg, dessen Steinplatten zwar mit glitschigem Laub bedeckt waren, auf dem er aber trotzdem viel leichter vorwärtskam als durch das verfilzte Gras. Da knackte etwas unter seinem Gummistiefel. Lucas bekam eine Gänsehaut. Hoffentlich hatte er keine Schnecke zertreten. Vorsichtig hob er den Fuß und atmete erleichtert aus. Es waren nur einige Knöchelchen, die weiß durch das feuchte Laub schimmerten. Ein Schädel war nicht zu sehen, was die Zuordnung schwierig machte. Eine Maus? Ein Vogel vielleicht?

„Take nothing but pictures“, zitierte er die erste Regel des Codex in die feuchte Kühle des Herbstnachmittags, zog sein Handy aus der Anoraktasche und schoss ein paar Fotos von seinem Fund. Und jetzt weiter!

 

Auf der Rückseite der Villa gab es ebenfalls einen Erker; allerdings war dieser kleiner und sah weniger elegant aus als sein Gegenstück an der Längsseite. Auch dieser Vorbau konnte vom darüberliegenden Stockwerk als Balkon genutzt werden und war für Lucas keine Überraschung. Die neue Eigentumswohnung seiner Eltern lag im hinteren Teil des Mehrfamilienhauses nebenan, sodass er aus seinem Fenster diagonal auf die alte Villa schauen und sowohl die seitliche Längs- als auch die Rückseite überblicken konnte, jedenfalls den Teil, der über die Hecke ragte.

Was er bisher nicht hatte sehen können, war, dass es hier eine Terrasse gab. Und die Terrassentür, deren Glasscheibe fehlte, war nicht wie die meisten anderen Fensterscheiben des Hauses mit Brettern verbarrikadiert.

„Yay!“ Triumphierend reckte Lucas eine Faust in die Luft und trat ins Zwielicht der Villa.

Hier hatte offensichtlich jemand gegen die zweite Regel des Codex, Leave nothing but footprints, verstoßen. Lucas entdeckte neben einem auf der Seite liegenden Einkaufswagen zwei leere Wodkaflaschen, einen Haufen alter Zeitungen, eine dreckige und zerrissene Jacke und mehrere offene Blechdosen. Er war ein wenig enttäuscht. Das hier hatte so gar nichts mit den stimmungsvollen Bildern im Internet zu tun. Und der eklige Geruch machte es auch nicht besser. Andererseits war das Haus groß.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers lockte eine halb offen stehende Tür. Die Dunkelheit dahinter schreckte Lucas nicht, denn als gut vorbereiteter Urbexer hatte er natürlich eine Taschenlampe dabei.

Doch auch der Rest des Erdgeschosses konnte Lucas’ Stimmung nicht heben. Ein trostloser, verdreckter Raum nach dem anderen offenbarte im Lichtkegel nichts als ziemlich neumodisch aussehenden Müll.

Das änderte sich, als er in der hohen Eingangshalle stand. Da Lucas die Villa von hinten betreten hatte, kam er erst am Ende in den großzügigen Raum, den die Gäste des Hauses früher durch die schwere doppelflügelige Eingangstür betreten hatten. Eine imposant geschwungene Holztreppe mit aufwendig geschnitztem Geländer wand sich ins obere Stockwerk und zeugte von glanzvolleren Zeiten. Mit der Handykamera knipste Lucas ein paar Fotos. Das war schon besser. Vielleicht waren ja die Räume im ersten Stock von den Vandalen verschont geblieben.

 

Die hölzernen Stufen knarzten, als Lucas nach oben stieg. Leider wurde der fiese süßliche Gestank, der ihm unten schon aufgefallen war, eher noch schlimmer, doch davon ließ er sich nicht abschrecken. Die Treppe mündete auf eine Galerie, von der aus er in die Eingangshalle hinunterschauen konnte. Neben einer Reihe von Türen ging noch ein schmaler dunkler Flur von hier ab, wahrscheinlich zu weiteren Zimmern.

Lucas fing mit der Tür an, die sich am weitesten links von ihm befand. Als er den Raum durchquert hatte, erkannte er, in welchem Zimmer er nun stand: Auf der Außenseite der Fensterfront lag der Balkon auf dem großen halbrunden Erker. Die Fenster boten einen Ausblick auf den modernen Neubau, in dessen Erdgeschoss Lucas wohnte. Obwohl es gerade erst dämmerte, brannte im Wohnzimmer schon Licht, ebenso in der Küche, dazwischen lag das dunkle Rechteck seines eigenen Zimmers. Lucas spähte vorsichtig durch die Balkontür, deren Glas bis auf ein paar Sprünge noch intakt war, und überlegte, ob er es wagen konnte, den Balkon zu betreten. Einige zarte weiße Knöchelchen leuchteten dort, und diesmal schien sogar ein Schädel dabei zu sein. Aber wenn seine Mutter gerade jetzt herüberschaute … Ein plötzliches Geräusch ließ ihn erschrocken die Luft einziehen.

Tack-tack-schlurf.

Das leise Klacken und Schleifen hatte sich angehört, als ob jemand hinter ihm ins Zimmer gekommen wäre, doch als er mit wild klopfendem Herzen herumfuhr, war da nichts außer dem allgegenwärtigen Müll. Der einzige größere Gegenstand war ein alter Sonnenschirm in der Ecke. Die geöffnete Tür hatte ihn verdeckt, als Lucas hereingekommen war. Weder richtig auf- noch zugeklappt, die rostigen Speichen in verschiedene Richtungen gestreckt, lag er auf dem staubigen Boden. Ein Ständer fehlte. Bespannt war der Schirm mit einem Stoff von unbestimmbar gräulicher Farbe, die schlierig und verschimmelt aussah. Vielleicht lag es am Dämmerlicht, aber dieses hässliche Ding hatte so gar nichts mit den bunten Exemplaren gemeinsam, die Lucas von der Eisdiele oder aus dem Freibad kannte. Im Gegenteil. Etwas vage Bedrohliches ging von dem verrenkten Gestell aus. Fast als würde es ihn beobachten. Lucas musste plötzlich dringend pinkeln. Hunger hatte er auch. Sehnsüchtig drehte er sich noch einmal zum beleuchteten heimischen Küchenfenster um. Was Mama wohl kochte? Er hatte hier sowieso genug gesehen. Es war wohl am besten, wenn er …

Tack-tack-schlurf.

Der Sonnenschirm lag jetzt ein ganzes Stück näher an der Tür, auch die Stellung der Speichen hatte sich verändert. Die dürren Metallstreben sahen angespannt aus, wie zum Sprung bereit, als wolle das Ding ihm den Weg abschneiden …

Lucas rannte. Vorbei an dem unheimlichen Sonnenschirm, aus dem Zimmer, die Galerie entlang, die Treppe hinunter. Im Erdgeschoss nahm er zweimal einen falschen Weg, bevor er das Zimmer mit der Terrassentür wiedergefunden hatte. So schnell er konnte, sprintete er zu dem Spalt in der Hecke und drückte sich hindurch, ohne langsamer zu werden. Egal, ob irgendjemand ihn beobachtete; egal, ob die Zweige sein Gesicht zerkratzten. Erst auf dem ordentlich gestutzten Rasen auf der anderen Seite hielt er keuchend an.

Wie ein Nichtschwimmer, der gerade noch geglaubt hat zu ertrinken und plötzlich merkt, dass er im Wasser stehen kann, fühlte Lucas gleichzeitig Erleichterung und Scham über seine unangemessene Panik. Betont lässig schlenderte er über den Rasen zum gepflasterten Weg, der ums Haus herumführte. Die Wohnung seiner Eltern war durch einen eigenen Eingang an der Seite des Gebäudes zu erreichen. Als er den Schlüssel ins Schloss steckte, zitterten seine Hände. Hoffentlich gab es gleich etwas Warmes zu essen.

Lucas schob die Haustür vorsichtig einen kleinen Spalt breit auf und steckte sofort sein rechtes Bein in die Lücke, damit Bob sich nicht daran vorbeiquetschte. Der rotgetigerte Familienkater war eine reine Wohnungskatze. Weil es hier kein Treppenhaus gab, das als Schleuse zwischen ihm und der ebenso verführerischen wie gefährlichen Welt da draußen dienen konnte, mussten alle seit dem Umzug besonders vorsichtig sein, wenn sie durch die Tür gingen. Heute kam Lucas unbehelligt in den Flur, der Kater war nirgends zu sehen.

„Hi, Mum!“, rief er in Richtung Küche, aus der es schon nach Abendessen duftete. Der Schrecken, den er noch vor wenigen Minuten empfunden hatte, war bereits zu einer Erinnerung verblasst. Er war zu Hause. Nichts konnte ihm hier etwas anhaben.

 

„Das darf doch nicht wahr sein!“, stöhnte Lucas’ Mutter. Eben hatte sie zum dritten Mal auf den Schalter für die elektrische Jalousie gedrückt, und zum dritten Mal hatte sich nichts getan. Lucas lag in seinem Bett, las in einem Spiderman-Comic und gedachte die unverhoffte Verlängerung bis zum Licht-Aus zu nutzen, solange es ging. Seine Mutter klackerte immer noch ungeduldig auf dem Schalter herum, als erwarte sie eine Wunderheilung.

„Michael! Kommst du mal eben?“, rief sie und, als nicht sofort eine Antwort kam, noch einmal etwas lauter: „Michael!“

Lucas’ Vater steckte den Kopf ins Zimmer.

„Was gibt es denn so Wichtiges?“

„Die bescheuerte Jalousie geht nicht runter. Hier tut sich gar nichts.“ Zur Veranschaulichung des Problems wurde noch einige Male der Schalter betätigt.

„Tja, da kann ich jetzt auch nichts dran ändern. Da müssen wir wohl morgen den Elektriker rufen.“

„So eine Schei…“ Lucas’ Mutter biss sich im letzten Moment auf die Lippen.

Lucas musste grinsen. Als hätte er noch nie ein Schimpfwort gehört.

Als seine Eltern endlich „Gute Nacht“ gesagt, das Licht ausgemacht und sein Zimmer verlassen hatten, nahm er sein Smartphone vom Nachttisch und schaute sich noch einmal die Bilder von seinem ersten Lost Place an. Der unheimliche Sonnenschirm war auf keinem davon zu sehen.

Schon komisch, was man sich alles einbildete, ganz allein in einem leeren Haus ...

Die angelehnte Zimmertür öffnete sich ein klein wenig weiter, und Bob kam auf das Bett gesprungen. Der Kater schnurrte behaglich, während Lucas das weiche, warme Fell kraulte und die ungewohnte Aussicht aus dem jalousiefreien Fenster genoss. Fledermäuse huschten im Licht des beinahe vollen Mondes ein paar Meter über dem Rasen durch die Luft. Lucas hatte sie kurz nach dem Umzug zum ersten Mal bemerkt, als seine Eltern auf der Terrasse eine Grillparty zum Einzug veranstaltet hatten. Seitdem hatte er sie noch öfter beobachten können, bis zu fünf auf einmal. Heute waren es nur zwei. Gerade flog die eine Fledermaus über die Hecke, vollführte ein paar schnelle Richtungsänderungen, flitzte zur Längsseite der Villa, vor dem Balkon hin und her, an dem Sonnenschirm vorbei …

Lucas keuchte auf. Der Sonnenschirm!

Da stand er, auf dem Balkon, ganz in der Nähe des Geländers. Aber Lucas hatte das Ding doch erst vor ein paar Stunden in dem Zimmer auf dem Boden liegen sehen ... und bestimmt hatte auf dem Balkon kein zweiter Sonnenschirm gestanden. Doch jetzt flatterte der fahle Stoff dort im Wind, als würde der Schirm einen seltsamen, hypnotischen Tanz zu unhörbarer Musik aufführen. Die dürren Metallstreben zeichneten sich wie ein Skelett gegen das kalte Mondlicht ab.

Das ist gar kein Sonnenschirm, dachte Lucas, das ist ein Mondschirm.

Wieder huschte die Fledermaus vor dem Balkon hin und her, immer näher führte ihr Zickzackflug sie an das von Stoff umwehte Gestell heran. Da schnellten die rostigen Streben vor, das Tuch öffnete sich ein Stück, schnappte zu, und die Fledermaus war verschwunden. Lucas schrie laut auf. Bob sprang erschrocken vom Bett und flüchtete aus dem Zimmer. Wenige Sekunden später stand Lucas’ Mutter in der Tür. Sie knipste das Licht an.

„Was ist denn los, Schatz?“

„Der Mondschirm! Er hat eine Fledermaus gefressen“, keuchte Lucas.

Seine Mutter setzte sich auf die Bettkante, nahm ihn in den Arm und strich mit der anderen Hand über seinen Kopf.

„Was ist denn ein Mondschirm? Hast du schlecht geträumt? Kommt das etwa aus so einem Computerspiel?“

„Ich habe nicht geträumt. Er ist da drüben. Auf dem Balkon. Eine Fledermaus ist zu nah an ihn rangeflogen, und zack, war sie weg.“

„Auf dem Balkon der alten Villa?“

Lucas’ Mutter stand auf, ging zur Tür und knipste das Licht aus. Dann setzte sie sich wieder aufs Bett.

„Da, am Geländer …“ Lucas ließ den erhobenen Arm langsam sinken, als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten. Der Mondschirm war verschwunden.

 

„Bob!“ Lucas stand im Nieselregen und klapperte mit der Trockenfutterdose. „Bob, wo bist du?“

Der Kater musste entwischt sein, als Lucas von der Schule nach Hause gekommen war. Er hatte nicht daran gedacht, sein Bein durch den Türspalt zu schieben, sondern war sofort in sein Zimmer gegangen und hatte durchs Fenster zum leeren Balkon der alten Villa gesehen. Dass Bob fehlte, war erst aufgefallen, als Papa nach Hause kam.

„Bob! Komm her! Bob!“ Lucas hatte schon alles abgesucht. Bis auf den Garten der alten Villa. Es dämmerte schon, und er stand unentschlossen auf dem Rasen vor der Hecke. Wenn Bob dort drüben wäre, würde er bestimmt kommen, schließlich kam er immer, wenn jemand mit der Futterdose klapperte. Außer … wenn er nicht kommen konnte. Lucas schluckte. Sein Herz hämmerte und er hatte das Gefühl, seine Eingeweide wären geschmolzen und wollten aus ihm herausfließen. Er warf noch einen raschen Blick zum leeren Balkon, dann drückte er sich durch die Hecke.

In dem verwilderten Garten sah alles so aus wie am Tag davor. Die alten Sträucher, das verfilzte welke Gras, der Müll. Das Einzige, was fehlte, war Lucas’ freudig-aufgeregte Entdeckerlaune. Da war der Gartenweg. Die zarten weißen Knöchelchen, die dort immer noch lagen, erschienen ihm heute gar nicht mehr so hübsch. Dafür war er sich jetzt sicher, dass sie einmal zu einer Fledermaus gehört hatten.

„Bob! Wo bist du?“ Futterdose schütteln. Weiter.

„Bob!“ Inzwischen war er auf der Rückseite der Villa angekommen, an der Terrasse mit der offenen Tür ins Dunkel … Auf keinen Fall würde er dort noch einmal hineingehen.

„Bitte, Bob, sei nicht in dem Haus“, murmelte Lucas, während seine Hand mechanisch mit der Futterdose klapperte und sein Blick verzweifelt durch den Garten irrte. „Bitte sei nicht in dem …“

Was war das? Weiter hinten, vor einem der Grasklumpen, schimmerte etwas weiß und rötlich. Das musste Bob sein. Aber warum bewegte er sich nicht? Beim Näherkommen bemerkte Lucas, dass der Kater vor einem der verfilzten Grasbüschel auf dem Boden lag. Er ging in die Hocke. Bobs Köpfchen war nicht zu sehen, es schien in dem Grasklumpen festzustecken. Hoffentlich war er nicht erstickt. Lucas musste ihn schnell befreien! Vorsichtig umfasste er den Kater mit beiden Händen. Jetzt musste er sanft, aber kräftig ziehen, damit … Plötzlich saß Lucas auf dem Hosenboden. Der Widerstand, den er erwartet hatte, war vollkommen ausgeblieben. Entsetzt starrte der Junge auf seine Hände, die einen steifen, kopflosen Katzenkörper umklammerten. Der Hals war nur ein blutiger Stumpf.

Lucas schrie nicht. Die Zeit hörte einfach auf, während er wie versteinert im nassen Gras saß. Erst als er schräg über sich ein Geräusch hörte, sprang er auf.

Tack-tack-schlurf.

Auf dem Erker über der Terrasse tasteten zwei Speichen wie Fühler über die Brüstung. Süßlicher Gestank wehte zu Lucas herunter. Er ließ Bobs Körper fallen und rannte.

 

Seine Eltern, die in der Nachbarschaft nach Bob gesucht hatten, fanden Lucas in ihrem Bett unter der Decke vergraben.

Er wusste nicht, warum er nichts von Bobs kopfloser Leiche und dem Mondschirm erzählte. Vielleicht, weil seine Eltern ihm sowieso nicht glauben würden. Vielleicht aber auch, weil es alles noch viel schlimmer machen würde, falls sie es doch taten. Seine Eltern legten sich links und rechts von Lucas aufs Bett und nahmen ihn in den Arm.

„Eigentlich ist es ein ganz gutes Zeichen, dass wir Bob noch nicht gefunden haben“, sagte sein Vater. „Wenn er überfahren worden wäre, hätte er bestimmt am Straßenrand gelegen …“ Er brach ab, als Lucas’ Schluchzen heftiger wurde.

„Das war ja sehr einfühlsam“, schnaubte Lucas’ Mutter. „Aber es stimmt schon, Bob ist sicher noch am Leben. Wir haben den Nachbarn Bescheid gesagt, dass sie in ihren Kellern und Garagen nachsehen sollen. Vielleicht hat ihn jemand aus Versehen eingesperrt.“

 

Mit hämmerndem Herzen schreckte Lucas aus dem Schlaf. Im Traum hatte Bob auf seinem Schoß gelegen und geschnurrt, aber als er den Kater streicheln wollte, war dessen Kopf heruntergefallen und unter das Bett gekullert.

Lucas nahm sein Handy vom Nachtschränkchen, tippte auf die Taschenlampen-App und leuchtete mit dem kalten Lichtstrahl unter sein Bett. Nichts. Natürlich. Er machte das Licht wieder aus. Vielleicht hätte er doch das Angebot annehmen sollen, die Nacht im Elternbett zu verbringen? Aber sein Vater schnarchte immer so laut, und außerdem war der Mondschirm nicht zu sehen gewesen, als Lucas ins Bett gegangen war. Unwillkürlich schaute er zu der alten Villa hinüber. Beide Balkone waren leer.

Als er sich gerade wieder bequem hinlegen wollte, bemerkte Lucas aus dem Augenwinkel doch noch etwas: Ein Schemen bewegte sich an der Hauswand neben dem Erker.

Wie ein riesiges Insekt kroch der Mondschirm die Wand hinunter, bis er wegen der Hecke nicht mehr zu sehen war. Aber nicht lange. Die Heckenzweige wurden auseinandergedrückt und etwas erschien in der Lücke. Etwas Helles, das sich weiter und weiter nach vorne schob. Es war ein Katzenkopf, aufgespießt auf der Spitze des Mondschirms. Jetzt kam das ganze Gestell durch. Starr vor Schreck sah Lucas zu, wie es sich entfaltete, aber nicht so wie ein Sonnenschirm, der von einem Menschen aufgespannt wird. Eine Speiche tastete sich auf dem Gras nach vorn, ähnlich dem Bein einer riesigen Spinne … das Tuch spannte sich … Wie eine Spinne mit Nachthemd, dachte Lucas, nur, dass das groteske Gestell dort draußen kein bisschen lustig aussah. Jetzt folgte das zweite Bein … langsam und staksig bewegte sich der Mondschirm in geduckter Haltung über den Rasen. Der Katzenkopf schien in verschiedene Richtungen zu wittern. Als die toten Augen Lucas direkt ansahen, verharrte das Gestell kurz. Dann richtete es sich auf, schneller und schneller staksten die metallenen Beine direkt auf ihn zu. Vor dem Fenster blieb das Gestell hocken.

Bobs milchige Augen fixierten ihn, und er konnte nichts tun, als zurückzustarren. Gern hätte er nach seinen Eltern gerufen, doch mehr als ein fast unhörbares Wimmern kam nicht aus seinem Mund. Der Schirm hob langsam eine seiner Speichen.

Kriietsch.

Wie Kreide auf einer Tafel kratzte das Metall über die Glasscheibe.

Kriietsch. Kriietsch.

Endlich zog der Mondschirm seine dürre Klaue wieder ein, stakste wie in Zeitlupe einige langsame Schritte rückwärts und sprang mit einem plötzlichen Satz neben dem Fenster an die Hauswand. Tack-tack-tack-tack, hörte Lucas die skelettartigen Beine über den Putz hasten.

Er sprang aus dem Bett und rannte in den Flur. Das eilige Geklacker an der Wand bog um die Hausecke, Richtung Eingangstür. Dort verstummte es. Lucas hielt den Atem an. Hinter dem schmalen Milchglasschlitz in der Haustür sah er etwas flattern. Er kann nicht herein, dachte Lucas. Er kann nicht durch die Tür.

Ein melodisches Dingdong erklang.

„Gehst du mal eben aufmachen, Melli?“, hörte er seinen Vater aus dem Badezimmer rufen. „Bestimmt hat jemand Bob gefunden.“

Lucas’ Mutter kam aus dem Wohnzimmer und stutzte, als sie ihren Sohn im Flur stehen sah.

„Mach nicht auf, Mama!“, sagte Lucas. „Das ist der Mondschirm.“

Seine Mutter schüttelte lächelnd den Kopf.

„Du hast wieder schlecht geträumt, Schatz. Geh zurück ins Bett, ich komme gleich zu dir. Vielleicht sogar mit Bob.“

Lucas fühlte warme Nässe in seiner Pyjamahose. Starr vor Schreck sah er zu, wie seine Mama die Klinke hinunterdrückte.

Mit einem Schwall Verwesungsgeruch drängte eine Metallspeiche durch den Türspalt, dann noch eine, dann schob sich Bobs toter Kopf hinterher. Lucas’ Mutter schrie.

Der Mondschirm klappte auf.

***

 

© 2019 by Heike Schrapper.

Ersterscheinung in: Sandra Baumgärtner und Stephanie Kempin (Hrsg.): FaRK Chronicles – Lost Places. Edition Roter Drache 2019.

Alle Rechte vorbehalten.

Über die Autorin

Heike Schrapper wohnt im Sauerland, wo sie hauptberuflich Deutsch, Englisch und Kunst an einem Berufskolleg unterrichtet. Außerdem schreibt sie gern unheimliche, düstere, manchmal abseitige oder schwarzhumorige Kurzgeschichten. Ihre Pornozombies, Madenversteher, sportlichen Drachen und andere (Un-)Wesen tummeln sich mittlerweile in mehreren Anthologien. Ihre Storysammlung „7 Leben 13 Tode“ ist gerade im Verlag Edition Roter Drache erschienen.

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 27. März, genau hier.

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