FICTION FRIDAY

Aus der Tiefe in die Tiefe (Chris Schlicht)


Chris Schlicht
24.01.2020

    Diogo befindet sich auf Forschungsmission – unter Wasser. Als Wissenschaftler verlässt er sich dabei ausschließlich auf die harten Fakten. Denn seine Albträume können unmöglich etwas mit dem schrecklichen Tsunami zu tun haben, der sich ankündigt …

    Unsere PAN-Story des Monats von Chris Schlicht stammt aus der Anthologie Stadt unter dem Meer (Verlag Torsten Low), die den Kosmos von H. P. Lovecraft weiterschreibt.


    ***

    Die Igreja do Carmo ist ein Mahnmal für die Gewalten der Natur, ihre Unberechenbarkeit und der beste Beweis dafür, dass es keinen Gott gibt. Wenn doch, dann ist es ein sehr grausamer Gott, dem man ganz sicher nicht sein Leben widmen sollte. Allein aus diesem Grund könnte ich die zerstörte Kirche stundenlang betrachten, wie sie ihre leeren, gotischen Gewölberippen in den makellos blauen Himmel streckt. So wie die dünnen, nur aus Haut und Knochen bestehenden Finger der uralten Witwe, die ich heute früh in der Catedral Sé Patriarcal dabei beobachten konnte, wie sie die Jungfrau Maria auf einer Votivtafel mit dünner Stimme anflehte. Die Heilige möge ihr die Gnade erweisen, den Sohn zu ihr zurückzubringen. Weißer Muschelkalk, bleiche Knochen.

    Der Convento do Carmo und seine Kirche. Eine Leiche, die man als Mahnmal zurückgelassen hat für ein grässliches Ereignis. Dem großen Erdbeben von Lissabon an Allerheiligen des Jahres 1755, das mindestens dreißigtausend Stadtbewohnern das Leben kostete. Eher der doppelten Anzahl, aber wer konnte das heute noch so genau sagen? Viele Tote konnten nicht mehr geborgen werden. Zermalmt von einstürzenden Mauern, zur Unkenntlichkeit verbrannt im Feuersturm oder von den Flutwellen ins Meer gerissen. Zudem war Lissabon eine Seehandelsmetropole. Wie viele Menschen sich dort genau neben den eigentlichen Bewohnern aufhielten, wurde sicherlich nie genau erfasst.

    Es gibt keinen Gott. Sonst hätte er nicht zugelassen, dass ausgerechnet an einem Feiertag, pünktlich zu einem Zeitpunkt, als alle Kirchen der Stadt voller Menschen waren, die Hölle losbrach. Nicht nur dieses Kirchendach begrub die Gläubigen ohne Ansicht von Stand, Alter, Geschlecht oder Religionszugehörigkeit unter sich. Zahlreiche Kirchen sorgten für dieses Schicksal.

    All das fährt mir wieder und wieder durch den Kopf, während ich mich gegen die Brüstung der Brücke lehne, über die man vom Convento hin zum Elevador de Santa Justa gelangen kann. Diesem technischen und künstlerischen Meisterwerk aus dem vergangenen Jahrhundert. Eine Kathedrale anderer Art und Tempel fremder Götter, geschaffen von einem Schüler des großen Gustave Eiffel. Bei meiner Betrachtung versuche ich, die Gedanken an den morgigen Tag zu verdrängen, an dem ich mit einem technischen Meisterwerk der Neuzeit dem Ursprung der Katastrophe auf den Grund gehen soll, welche das mittelalterliche Lissabon zerstörte.

    Vor ein paar Tagen erst hat es wieder einmal ein leichtes Beben gegeben, und man ist besorgt, dass sich eine Katastrophe wie jene im 18. Jahrhundert wiederholen könnte. Gar nicht so weit hergeholt, diese Angst. Überall in der Welt sind verstärkt seismische Aktivitäten zu vermelden. Japan, Indonesien, Mittelmeer, Island ...

    Vor allem im Südpazifik rumort es, und der Widerhall reicht weit. Der Pazifische Feuerring ist aktiv wie nie, und auch in den anderen Bruchzonen staut sich zunehmend Energie. Wenn alles in Bewegung ist, warum sollte nicht auch die Bruchstelle von einst wieder ein wenig Dampf ablassen?

    »Was machst du, Diogo? Willst du hier festwachsen?«

    Tiziana. Sie hat mich also aufgespürt. Was will sie noch?

    »Und wenn schon? Seit wann interessiert dich, womit ich meine Freizeit verbringe?«

    »Arschloch!«

    Ich drehe mich nicht zu ihr um. Es trifft mich nicht mehr, wenn sie mich so angiftet. Es klingt gekränkt, als erwarte sie, dass ich um sie kämpfe. Was denkt sie eigentlich von mir? Vor allem bei einem Gegner wie Jason. Das wäre nur ein Spektakel zu ihrem Amüsement! Ich habe kein Bedürfnis, mich darauf einzulassen, nicht für sie. Ich glaube mittlerweile, dass sie noch nie wirklich etwas für mich empfunden hat. Dass ich nur ein Sprungbrett war.

    Ich beginne, sie aus meinem Leben zu entfernen. Gut.

    Wenn die Mission, die morgen ihren Anfang nimmt, zu Ende ist, dann werde ich sie nie mehr wiedersehen. Sie und den Nebenbuhler, dem sie sich an den Hals geworfen hat und mit dem ausgerechnet ich morgen auf die große Fahrt gehen soll.

    Danach habe ich endlich Ruhe.

    Dann werde ich auf meine Quinta zurückkehren, und ihr könnt mich alle mal gernhaben!

     

    *

     

    »Vielleicht findet ihr ja sogar endlich das sagenumwobene Atlantis!«

    Ich kann nur mit Mühe das Lachen über diesen Scherz unterdrücken, doch ein Blick auf Jasons Gesicht sagt mir, dass er diesen Flachs für bare Münze nimmt. Ich frage mich wirklich, was hinter seinen himmelblauen Augen vorgeht, auf die Frauen wie Tiziana so fliegen. Surferboy. Hellblond und braungebrannt und mit einem Selbstbewusstsein wie Alexander der Große. Mittlerweile glaube ich, dass es für uns alle das Beste wäre, wenn er sich wieder an den Strand von Nazaré zurückziehen und Monsterwellen reiten würde.

    Mein Blick kreuzt sich mit dem von Bootsmann Rui, der diesen Scherz gemacht hat, und ich weide mich an seinem entsetzten Gesichtsausdruck, als er merkt, dass Jason zu einem längeren Exkurs ansetzt. Vor ihm verborgen rolle ich mit den Augen und prüfe die Außenbordverschlüsse des Tauchbootes, mit dem wir schon bald zu unserer Mission starten werden. Mir genügt es, seinem Exkurs in Sachen Atlantisforschung zu lauschen, auch wenn die Selbstbeherrschung schwerfällt, mich nicht hysterisch lachend über das Deck des Forschungsschiffes zu rollen.

    Meine Laune stirbt in dem Moment, als ich aus den Augenwinkeln den Kapitän sehe, an dessen normalerweise sparsamer Mimik man kaum seine Gefühle ablesen kann. Doch sein Gesicht spricht in diesem Moment Bände. Es ist voller Sorge, und ich habe den Eindruck, dass sogar ein wenig Angst aus seinen Augen funkelt. Jason hört nicht auf mit seinem Monolog über die Möglichkeiten, tatsächlich Atlantis zu entdecken. Er scheint den Kapitän nicht einmal zu bemerken.

    »Stimmt etwas nicht, Capitão Araujo?«, frage ich ihn leise, ohne Jason zu unterbrechen, der es in seiner Entrückung sowieso nicht wahrnimmt. Abgesehen davon hat sich der Kapitän allein mir zugewandt, auch wenn ich nicht der Expeditionsleiter, sondern nur der Geologe bin.

    Eine Weile lauscht er den Worten Jasons und runzelt die Stirn. »Ist es denn wahrscheinlich, dass Atlantis wirklich im Atlantik lag? Wegen dem Namen?«, fragt er mich scheinbar interessiert, aber mir scheint, dass er etwas überspielen will.

    Ich schüttle den Kopf, nachdem ich mich vergewissert habe, dass Jason nicht in meine Richtung sieht. »Da die Kontinentalplatten hier auseinanderdriften, ist es extrem unwahrscheinlich, dass auch nur ein kleiner Teil des Meeresbodens hier jemals oberhalb des Wasserspiegels lag. Jedenfalls nicht, solange es so etwas wie menschliches Leben auf dieser Erde gibt«, erkläre ich halblaut. »Man ist nur wegen der Worte Platons von den ›Säulen des Herakles‹, hinter denen viele Gibraltar vermuten, auf den Gedanken gekommen, dass Atlantis im Atlantik liegen könnte. Wahrscheinlicher ist aber, dass er den Bosporus meinte und mit Atlantis das Reich der Minoer auf Thera, dem heutigen Santorin, das bekanntlich lange vor unserer Zeitrechnung durch einen Vulkanausbruch zerstört wurde.«

    Der Kapitän nickt nur, gibt aber durch keine Veränderung der Mimik zu erkennen, wie er die Schwärmereien Jasons sieht. Ich kann es mir denken. Jason hat schon zu viele Besatzungsmitglieder und Forscher an Bord vor den Kopf gestoßen, einschließlich des alten, erfahrenen Seebären von Kapitän, als dass er dem amerikanischen Forscher besondere Wertschätzung entgegenbringen könnte.

    »Die Seismografen zeichnen immer mehr und stärkere Beben auf. Es besteht die Gefahr, dass es auch einen Tsunami geben könnte, so wie damals. Ich frage mich, ob es eine gute Idee ist, mit dem Boot runterzugehen. Mit dem Schiff können wir einen Tsunami reiten, aber das Tauchboot ...«

    Nun wirft auch meine Stirn Falten, was Jason endlich dazu bringt, seinen Monolog zu beenden. Der Kapitän reicht ihm ein paar Blätter und erklärt, dass es im Südpazifik erneut starke Beben gegeben habe, die mit den Beben in der Azoren-Gibraltar-Bruchzone zu korrespondieren scheinen. Wie Wellen, die durch die gesamte Erdkruste laufen. Mir kommt das ungewöhnlich vor, aber unmöglich ist es natürlich nicht. Was wissen wir denn schon wirklich über das genaue Zusammenspiel der Elemente unseres Heimatplaneten? Bald werden vielleicht Menschen den Mars betreten, aber den tiefsten Punkt der Ozeane strebt niemand an. Die Geschwindigkeit der Vorgänge erscheint mir allerdings zu hoch.

    Gerade als Jason wegen der Sorgen mit dem Tauchboot abwinken will, kommt der Funker aufgeregt angerannt und schwenkt ein paar Blätter. Er drückt sie dem Kapitän in die Hand, der bei der Lektüre zunehmend blass wird. Zwischen den Fidschi-Inseln und den Salomonen, also im Bereich des pazifischen Feuerrings, hatte es starke Beben mit Tsunamis gegeben, die einige der kleineren Inseln und Atolle regelrecht ausradiert hatten. Dafür waren neue Inseln entstanden. Rasend schnell, aus dem Nichts.

    Das ist es, was ich über die Schultern des Kapitäns lesen kann, und zum ersten Mal spüre ich wachsende Angst. Was geschieht mit einem Tauchboot, das in eine Tsunami-Welle gerät? – Ausprobieren möchte ich es jedenfalls nicht!

    »Ja und? Das ist am anderen Ende der Welt.« Jason winkt ab und reicht mir die Seismogramme. »Und das bisschen Beben hier wird uns ja wohl nicht schaden.«

    Der Kapitän und ich tauschen einen verzagten Blick. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihm mit der Vorstellung gut geht, eine Tsunamiwelle reiten zu müssen. Obwohl wir weit von der Küste weg sind und er selbst vorher kein Problem darin sah. Vielleicht ist es aber auch der Gedanke an die vielen Menschen, die von einer solchen Welle betroffen wären. Der Kapitän stammt aus Lissabon, seine Familie lebt direkt am Hafen. Ich komme aus dem höher im Inland gelegenen Torres Vedras, eine Monsterwelle nimmt man dort nicht wahr. Ein Erdbeben schon.

    Aber Jason vertritt den Geldgeber der Forschungsmission und hat das Sagen.

     

    *

     

    Kann man ein Erdbeben auch auf hoher See spüren?

    Ich bin mir sicher, dass es in der Nacht Beben gegeben hat, obwohl ich niemals hätte sagen können, wie ich das wahrgenommen habe. Vielleicht habe ich alles nur geträumt. Wie so vieles andere, was dazu geeignet war, meine Panik vor dem heutigen Tauchgang zu verstärken.

    Der Besuch in der Funkkabine, in der auch einige Messgeräte stehen, welche die Daten von Bojen bekamen, die rundum im Meeresgrund verankert waren, ist jedenfalls sehr aufschlussreich. Der Funker wirkt übermüdet und aufgewühlt, als ich durch das Schott komme. Die Frage, was denn los sei, spare ich mir. Der junge Mann fängt von sich aus an zu erzählen.

    »In der Türkei hat es nahe Istanbul ein starkes Beben gegeben. In einem Vorort sind zwei Drittel der Gebäude völlig zerstört, weil der Boden ins Rutschen geriet. Jetzt haben alle Panik, dass es ein Nachbeben in oder vor der Stadt direkt geben könnte. Ätna, Stromboli und Vesuv sind verstärkt tätig. Es knallt überall, auch in der Ägäis. Im Pazifik ist eine riesige Insel aufgetaucht und ein Forschungsschiff verschwunden. Ich glaube, Mutter Erde macht Ernst, sie mag uns nicht mehr. Oder was meinen Sie, Dr. Pereira?«

    Ich antworte nicht sofort, sondern lese mir erst einmal die Meldungen durch, die in meinem Fach liegen. Mein Gesichtsausdruck, den ich in der spiegelnden Scheibe zur Brücke überprüfen kann, dürfte aber Antwort genug sein. Es ist ein beunruhigendes Bild der Welt, das sich aus den Nachrichten herausschält, und natürlich drängen sich mir dabei Bilder einer Apokalypse auf. Mir ist allerdings auch klar, dass sich Jason trotz alledem nicht von der Mission abbringen lassen wird.

    »Beben von Stärke 6?« Ich halte ein Seismogramm hoch, und der Funker reicht mir eine Karte, in der er das Epizentrum eingemessen hat. Es ist nicht weit von unserem Standort entfernt.

    »Erstaunlich wenig Schäden, und die Tsunami-Warnung wurde wieder aufgehoben.« Der junge Funker sieht sich hektisch um und senkt dann die Stimme: »Ist das nur ein Vorspiel oder kommt da noch mehr?«

    Es kostet mich sehr viel Kraft, einfach mit den Schultern zu zucken und meine Mundwinkel zu einem Lächeln hochzuziehen. Die Antwort lautet: Ich weiß es nicht. Aber von mir erwartet man genauere Antworten, als könne ich aus Karten oder einer Glaskugel lesen. Gibt es irgendwo Kaffeesatz? Ich denke diese Frage nur, aber ich habe mich nicht im Griff. Sie springt mir über die Lippen und der Funker lacht gequält.

    »Es ist sehr viel, aber im Grunde haben wir alles, was sich tut, schon lange erwartet. Nur dass jetzt alles auf einmal kommt, das gefällt mir ehrlich gesagt überhaupt nicht. Eine neue Insel im Südpazifik? Na, hoffen wir, dass sie sich selbst so schnell wieder verschluckt wie damals Surtsey vor Island.«

    »Erwartet?« Die Stimme des Funkers zittert und seine Augen sind so weit aufgerissen, dass ich befürchte, sie fallen aus ihren Höhlen.

    »Noch nie von den Magmakammern unter dem Yellowstone und unter dem Stromboli oder Santorin gehört? Oder davon, dass starke Erdbeben sich auf Istanbul zubewegen, weil dort die Arabische Platte sich an der Eurasischen vorbeibewegt und immer wieder hakt?« Ich versuche, zuversichtlich zu klingen, aber die Nachrichten zeichnen mir ein Bild vom Ende der Welt. Was, wenn gerade die Beben vor Istanbul am Ende die Magmakammern unter dem Mittelmeer aufreißen? Eine Kettenreaktion … Das wäre wahrlich die Apokalypse! Einmal mehr beweist uns Mutter Erde, dass sie solches Ungeziefer wie die Menschheit locker und aus dem Handgelenk abschießen kann. »Wir ignorieren gerne die Gefahren. Woher kommen Sie?«

    »Äh, Barcelona.«

    »Fragen Sie Mario, den Smutje, er kommt aus Neapel. Der kann Ihnen Geschichten vom Vesuv erzählen und den Erdbeben, die Italien in der letzten Zeit erschütterten. Das ist das Gute an internationalen Besatzungen.«

    Die letzte Nachricht erschüttert mich, und ich wende mich ab, um es den armen Funker nicht sehen zu lassen. Schon lange fürchtet man sich, dass die Westflanke der Caldera des alten Vulkans der Insel La Palma instabil werden könnte. Eigentlich nichts Besonderes, der Zahn der Zeit. Aber wenn sie abrutscht, dann könnten die Gesteinsmassen einen Tsunami verursachen, gegen den der von Fukushima eine leichte Welle wäre. Und er hat keinerlei Hindernisse auf seinem Weg in die Karibik und in die USA …

    Ich nehme die Nachrichten und verschwinde schleunigst aus der Funkstation, um alles mit meinen Aufzeichnungen abzugleichen. Doch so weit komme ich nicht, Jason steht plötzlich vor mir. Sein Blick gefällt mir gar nicht. Er hat etwas Fiebriges an sich, das irgendwie die Anmutung von Wahnsinn innehat.

    »Das Tauchboot ist bereit! Wir müssen raus! Unbedingt!«

    Wenn mich in diesem Moment jemand wirklich wahrgenommen hätte, er wäre sofort mit einer Zwangsjacke angekommen, doch eigentlich gebührt sie Jason. Mir gefällt überhaupt nicht, was ich in seiner Mimik lesen kann, daher fällt es mir auch ausnahmsweise nicht schwer, Bedenken zu äußern. »Wir sollten erst einmal abwarten, ob sich die Platten wieder beruhigen oder ob das nur eine Vorwarnung für eine richtige Katastrophe war. Ich habe keine Lust, mich unnötigen Gefahren auszusetzen. Das steht auch nicht in meinem Arbeitsvertrag.«

    Jason lacht verächtlich, und mit einem Mal fürchte ich um mein Leben. Unser Leben.

    Es ist Wahnsinn. Er weiß das. Trotzdem will er es machen.

    Ich habe Angst.

     

    *

     

    Ich habe den Teufel an die Wand gemalt, und nun sitzt er mir selbst im Nacken. Warum nur habe ich dem Funker gegenüber von den möglichen Katastrophenszenarien im Mittelmeer oder Yellowstone erzählt? Irgendein kleines Männchen in meinem Kopf behauptet steif und fest, dass es mit den Träumen zusammenhängen muss. In meinen Träumen der letzten Nächte habe ich diese apokalyptischen Szenen gesehen. Von einer Kettenreaktion.

    Ich versuche, die Bilder zu ordnen, und anders, als es sonst mit Träumen ist, habe ich die Bilder noch vor meinem geistigen Auge. Alles fängt mit der Zerstörung Istanbuls an. Einer Stadt, die ich bereits besucht habe, eben wegen jener näher kommenden Erdbeben. Zuletzt wurde uns allerdings die Einreise verweigert, weil wir angeblich Panik verbreiten würden. Natürlich. Es ist einfacher, eine Bevölkerung mit beruhigenden Nachrichten zu sedieren, als Maßnahmen zu deren Schutz zu organisieren.

    Die nächsten Bilder gehen durcheinander, als würden die Ereignisse zeitgleich stattfinden und von Reportern abwechselnd kommentiert werden. Den einen Ort kenne ich gut, es ist der Stromboli, ein aktiver Vulkan vor der italienischen Küste. Er bricht aus, Wasser aus dem Mittelmeer dringt ein, und die ganze Magmakammer explodiert. Das absurde Bild eines großen schwarzen Lochs dort, wo vorher Italien und die Inseln Sardinien, Korsika und Sizilien waren, drängt sich am vehementesten in mein Gedächtnis. Zeitgleich dazu ein Ereignis an einem Ort, den ich nur von Bildern kenne. Mitten in Deutschland. Das heimelige, friedliche Bild eines nahezu kreisrunden Sees mit einem wunderschönen alten Kloster inmitten von Wäldern und Wiesen. Eine Caldera, schon lange nicht mehr aktiv, scheinbar jedenfalls. Doch auch unter ihr lauert eine Magmakammer, die verpuffen wird, sollte das Wasser des Sees in sie eindringen. Niemand rechnet wirklich damit, auch wenn jeder die Blasen sieht, die überall im See aufsteigen wie die Kohlensäure in einer Limonade.

    Auch diese Caldera explodierte in meinen Träumen nach einem Erdbeben. Und als wäre das noch nicht genug, blockiert der Lavafluss den Rhein und staut ihn auf. Mehrere Orte und auch zwei große Städte fallen dem zum Opfer.

    All diese Bilder jagen sich hinter meiner Stirn, als ich das Tauchboot unverwandt anstarre. Sie sind so schrecklich, dass ich für einen Moment unfähig bin, mich zu bewegen. Tief in mir meldet sich der Wunsch, es möge einen verdammt guten Grund geben, diesen Tauchgang zu verschieben.

    Doch es gibt keinen.

    Die See ist spiegelglatt, nicht einmal eine Altdünung, Zeugnis eines fernen, vergangenen Sturms, bewegt die See bis zum Horizont. Die Sonne strahlt und es tut mir in der Seele weh, sie gegen die Finsternis der Tiefsee eintauschen zu müssen. Warum zum Teufel können wir nicht einfach noch einen Sonarscan machen, um zu sehen, was das letzte Erdbeben dort unten verändert hat? Wir haben eine so wunderbare Faktengrundlage.

    Niemand scheint meine Bedenken zu teilen, denn ich sehe nur in aufgeregte Gesichter tatkräftiger Menschen. Vor allem bei Jasons Team. Wenn ich jetzt kneife, dann gibt es mehr als nur Gemaule, also versuche ich, mich zu straffen und gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

    Jason verabschiedet sich intensiv von Tiziana. Auf eine Art und Weise, die bei manchen nur befremdetes Augenrollen hervorruft. Andere wenden sich sogar fast angeekelt ab. Niemand würde sich wundern, wenn die beiden vor allen Augen noch einmal einander beiwohnen würden, sie scheinen keine Schamgrenze zu kennen.

    Wie nannte man das noch im Zweiten Weltkrieg bei den Truppen? Angstvögeln? Wenn ein solches Gefühl bei Jason unterschwellig mitwirken sollte, dann lässt er es sich nicht anmerken. Nein, bei Jason ist Angst kein Motiv. Er ist einfach nur ein geiler Bock. Ein Held, der sich noch einmal bei seiner Herzensdame Bestätigung abholt.

    Ich wende mich nicht ab. Wenn es noch einen Funken Sympathie für Tiziana in mir gegeben haben sollte, so ist dieser in dem Moment verloschen, als die beiden mit ihrem regen Flüssigkeitsaustausch über die Zungen begonnen haben. Das Bild eines Chamäleons drängt sich mir auf, als ich die fleischigen, beweglichen Mundbestandteile fixiere. Jason ist das Chamäleon, Tiziana die Grille, die vernascht wird. Eingesaugt.

    Als sie endlich voneinander ablassen, nutze ich die Chance, Jason mit einem betont entnervten Blick auf die Uhr klar zu machen, dass eigentlich alles schon lange bereit zum Aufbruch ist. Mit einem triumphierenden Blick gibt er Tiziana noch einen väterlich herablassenden Kuss auf die Stirn und stolziert wie ein Gockel hoch erhobenen Hauptes zum Tauchboot.

    Gerade in dem Moment, in dem ich mich ergeben anschließen will, kommt der Funker angerannt. Meine letzte Hoffnung ist, dass er irgendeine Nachricht bringt, die einen Grund enthält, die Mission abzubrechen. Doch es sind nur weitere Berichte und Auszüge der Seismografen. Während Jason sich schon in das Tauchboot zwängt, nehme ich sie entgegen und studiere sie aufmerksam. Man hat das Epizentrum des letzten Bebens genauer lokalisiert, so dass wir nicht mehr lange suchen müssen, um es zu finden. Der Kapitän sieht mir über die Schultern und nickt. Wir sind also in unmittelbarer Nähe.

    Als ich mich schon dem Boot zuwenden will, greift der Funker nach meinem Arm. Dabei sieht er sich um, als befürchte er Lauscher. »Haben Sie auch so schlecht geschlafen, Doktor Fonseca?«

    Ich bin einen Moment verwirrt, doch dann erinnere ich mich daran, dass der Mann die Kajüte neben der meinen hat und nicke langsam.

    »Ich auch. Nur absolut grässlichen Mist geträumt. Nein, keine Sorgen, nicht von den Dingen, die Sie erzählt haben. Oder doch auch?« Er reicht mir ein paar weitere Bögen Papier. »Fand es erschreckend, dass sie meinen Träume eine reale Grundlage gegeben haben.«

    Es waren Zeitungsberichte, die von den seismischen Aktivitäten in der Südsee und der neuen Feuerinsel erzählten. Ein weiteres Forschungsschiff war verschollen, und die Bewohner der Nachbarinseln schienen sich zu fürchten. Sie hielten seltsame Rituale ab. Ein Stammesfürst wird zitiert, dass die Zeit eigentlich noch nicht gekommen sei und die Sterne dies anzeigen würden. Doch wäre es eine Warnung an die Menschen. Ein Foto zeigt eine Zeichnung des Sternenhimmels, die dieser Mann angefertigt hatte, und ich spüre, wie mir selbst das Blut aus dem Gesicht weicht. Genau von dieser Sternenkonstellation habe ich geträumt.

    »Träume haben keine Bedeutung, auch wenn die scheinbaren Zusammenhänge Schreckliches erahnen lassen«, versuche ich zu beruhigen, und irgendwie schaffe ich es, ein Lächeln auf die Lippen zu bekommen. Dass es nicht sehr überzeugend ist, kann ich an der Mimik des Funkers erkennen, daher beeile ich mich nun doch, in das Tauchboot zu kommen. Weg von diesen grausamen Prophezeiungen.

     

    *

     

    Zu meinem größten Glück ist die Prozedur des Eintauchens in die fremde Welt der Tiefsee etwas, das höchste Konzentration und intensive Beschäftigung mit dem Gerät erfordert, von dem das eigene Leben abhängt. Endlich einmal steht Jasons Klappe still, außer um den Funkkontakt zum Schiff aufrechtzuerhalten, soweit das nicht meine Aufgabe ist.

    Ein Taucher hakt die Leine aus, das Boot schwimmt nun frei vom Mutterschiff in dem noch immer ungewöhnlich ruhigen Ozean. Die Ruhe vor dem Sturm? Doch ein Blick auf die Wetterdaten offenbart nichts, das Eile erforderlich machen würde. Ich sitze im Moment noch mit dem Rücken zu Jason, so dass ich keinen Blick aus der Glaskuppel werfen kann. Ich mag diesen beklemmenden Anblick ohnehin nicht, wenn das Boot unterschneidet und zu sinken beginnt, daher führe ich einen Check der Instrumente durch und lese, während die Computer sich initialisieren, die Papiere durch, die mir der Funker zuletzt gegeben hatte. Die Berichte aus der Südsee waren faszinierend, aber nicht wirklich erschreckend, sah man von dem Verschwinden der Schiffe ab, die ohne einen Notruf vom Schirm verschwanden. Erst die Anzahl macht mich erneut stutzig. Zwei Forschungsschiffe, mittlerweile fünf Fischkutter und – zwei Militärfregatten!

    In dem Moment spüre ich, dass sich Jasons Aufmerksamkeit von seinem Steuerpult hin zu mir wendet und er mir über die Schulter sieht. »Ha, das neue Bermudadreieck? Hab ich schon gelesen, klingt spannend. Was meinen Sie, Diogo, sorgt vulkanische Aktivität für das Sinken der Schiffe?«

    Obwohl ich weiß, dass es eine rein rhetorische Frage ist, auf die er keine Antwort erwartet, bin ich froh, dass in diesem Moment ein Pfeifsignal seine Aufmerksamkeit fordert. Ich nutze nach einer kurzen Schrecksekunde die Chance, die Blätter beiseitezulegen und mich selbst mit meinen Geräten abzulenken. Doch die fordern erst einmal keine Tätigkeit mehr von mir, und ich drehe meinen Sitz um, damit ich nach draußen sehen kann.

    Wir haben mittlerweile Tiefen erreicht, in die kein Licht mehr fällt, und ich prüfe auf den Navigationsgeräten den Kurs, korrigiere ihn schnell nach den neusten Daten des letzten Epizentrums. Dann starre ich in die Dunkelheit dort draußen, in der Hoffnung, dass sich dort Leben offenbart. Es würde mich beruhigen, ein paar Fische zu sehen, das spüre ich deutlich, denn mir wurde berichtet, dass manche Fische eine nahende Katastrophe wahrnehmen können. Konnte ihnen ein Seebeben gefährlich werden? Vielleicht. Ich nehme mir vor, den Biologen an Bord zu fragen, wenn wir wieder zurück sind.

    Jason ist ungewöhnlich schweigsam. Das lässt mich hoffen, dass er wenigstens auch ein kleines bisschen Furcht oder wenigstens Respekt vor den Tiefen hat. Und dem, was dort lauert. Er schaltet sogar jetzt schon einen Scheinwerfer an, obwohl der Grund noch fern ist. Das Licht schält einen seltsamen Organismus aus der Finsternis, den ich nach den Berichten des Biologen als Staatsqualle identifizieren kann. Ein faszinierendes Geschöpf, aber nicht wirklich das, was ich mir zur Beruhigung erhoffte. Dieses Wesen ist nicht besonders schnell und flexibel. Wenn es durch ein Erdbeben zu Schaden kommen könnte, dann wäre es ihm ohnehin nicht möglich, rechtzeitig zu fliehen.

    Ich betätige den Auslöser des Fotoapparates, der höher auflösende Bilder als die Außenkamera macht, damit der Biologe etwas zum Begutachten hat. Jason kommentiert das mit einem abfälligen Grunzen, sagt aber nichts weiter. Mir ist diese Leere unangenehm. Müsste in diesen Tiefen nicht noch viel mehr Leben herrschen? Oder überschätze ich das Leben in den Ozeanen?

    Ein weiterer bizarrer Tiefseebewohner wird vom Scheinwerfer enthüllt, ein Schwarzangler. Er scheint ziemlich in Hektik zu sein, so dass ich, als sich der Biologe vom Schiff meldet, sofort nachfrage, ob diese Tiere nicht normalerweise eher phlegmatisch sind. Er bittet sofort um Fotos, und ich schicke sie ihm. Die Kameraaufnahmen werden ohnehin live übermittelt. Jasons missmutige Geräuschkulisse ignoriere ich. Ihm geht ohnehin alles zu langsam, und ich schicke ein Stoßgebet zur Wassersäule über mir, er möge nicht wieder mit dem Monolog anfangen, in dem er schon so oft die Tauchboote seiner Universität über den grünen Klee lobte. Ich muss mir dann immer auf die Zunge beißen, um zu verhindern, ihm an den Kopf zu schleudern, dass er diese Touren dann doch mit Mitteln seiner Universität machen solle.

    »Wie weit ist es noch, Diogo?«

    Ich konsultiere die Navigationsgeräte. »Noch dreihundert Meter runter, dann haben wir die Bruchzone erreicht. Das letzte Epizentrum ist ziemlich genau unter uns.«

    Wir erreichen endlich den Meeresboden, der hier scharfe Falten in der Erdkruste aufweist, die im Licht der Scheinwerfer dramatische Schatten werfen. Mir wird mit einem Mal ganz anders zumute, denn die sich bewegenden Schatten zeichnen ein Bild nach, das ich im Traum gesehen zu haben wähne. Wie die Tentakel eines gigantischen Kalmars scheinen die Schatten nach unserem Boot greifen zu wollen, und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als die Anwesenheit eines Pottwales, der diesen Kalmar zum Frühstück verspeisen möge.

    Ich sehe mich zu Jason um, der einen seltsamen, ja fast erschreckenden Gesichtsausdruck hat. Es liegt etwas von Wahnsinn in seinen Zügen, und ich hoffe inständig, dass es nur das Licht der Instrumentenbeleuchtung ist, welche ihn derart irre erscheinen lässt. Es fällt mir schwer, mich wieder auf die Messgeräte und den Anblick draußen zu konzentrieren, der nicht weniger wahnsinnig ist. Erst der Gedanke, dass ich es an Professionalität mangeln lasse, bringt mich zurück an die Arbeit.

    Der Scheinwerfer streift eine Felswand, die mir seltsam erscheint. »Stopp, Jason, ein Stück zurück, da war etwas!«

    Er brummt unwillig, als ob ich ihn von einem ganz bestimmten Plan abhalten würde, doch er tut mir den Gefallen. Ich hatte mich nicht getäuscht, vor uns an der Felswand gibt es einen frischen Abriss. Dieser hatte wohl die Tsunamiwarnung ausgelöst, doch musste die Welle in die andere Richtung verpufft sein. Hin zum offenen Meer. Die Größe des Felsabrisses wäre jedoch dazu in der Lage gewesen, Lissabon ein weiteres Mal zu versenken, wäre er anders gelagert gewesen. Ich schlucke hart, als mir das klar wird. Ein Erdbeben kann die Stadt überstehen, doch eine Flutwelle würde nach wie vor gigantische Schäden anrichten.

    Jason ist ungehalten wegen der Zeit, die ich brauche, um Messungen durchzuführen. Noch mehr reagiert er ungeduldig, als ich ihn bitte, die Felswand hinter uns anzusteuern, die eine ähnliche Struktur und Neigung aufweist. Meine Befürchtung ist, dass sie bei einem neuerlichen Erdbeben ebenfalls abrutschen könnte. Dann würde die Flutwelle direkt auf die Küstengebiete zulaufen, die schon 1755 so schwer getroffen wurden. Portugal und Nordwestafrika.

    Als die Felswand vor uns auftaucht, muss sogar Jason auffallen, dass ich blass wie ein Laken werde, denn er schaut mich mit einem Blick von der Seite an, den ich sonst von Verhaltensforschern kenne.

    »Na, drohende Katastrophe in Sicht?«

    Ich gehe nicht auf diese Sticheleien ein. Jason würde sonst wieder damit anfangen, seine Besserwissereien zu dozieren. Mein Job ist es, die Gefahren zu erkennen und möglichst sicher einzuschätzen.

    »Wir werden hier Warnsensoren installieren«, erwidere ich daher nur knapp und verschließe meine Ohren vor Jasons Stöhnen, denn dafür werde ich einen Teil seiner kostbaren Zeit investieren. Jedenfalls scheint es immer so, als wäre es allein seine Zeit, weil seine Universität so viel Geld zu der Arbeit beisteuert. Aber wir machen die Arbeit drum herum, stellen Schiff und Besatzung und das Tauchboot. Er mag zwar der Expeditionsleiter sein, aber unter mehreren Herren. Ich jedenfalls will Menschenleben retten, auch wenn ihn das nicht zu interessieren scheint.

    Nach meinen Vorgaben nähert Jason das Tauchboot schließlich doch den Felswänden an und scheint mit einem Mal selbst elektrisiert.

    »Ziemlicher Flurschaden hier«, höre ich ihn murmeln, während ich eine geeignete Stelle für den Sensor suche.

    Mit dem Bohrgerät schaffe ich eine Verankerung für den Sensor, setzte ihn ein und prüfe, ob er sich tatsächlich bei einer der Bojen anmeldet, die zum Tsunami-Warnsystem gehören. Der Vorgang wird an drei weiteren Stellen wiederholt, ein Riss sieht bedrohlicher aus als der andere. Kein angenehmer Gedanke, was geschehen würde, sollte die Wand hier und jetzt abgehen. Dann wäre das Tauchboot Geschichte.

    Als ich die Arbeit beende, fällt mir auf, wie still Jason ist. Bei dem ersten Sensor hatte er noch alles Mögliche kommentiert, nun schweigt er beharrlich und achtet auch gar nicht mehr auf mich. Mit einem der Scheinwerfer sucht er einen anderen Felsen ab, und mir wird angesichts der Schattenwürfe angst und bange.

    »Ich bin fertig, wir können weitermachen«, versuche ich seine Aufmerksamkeit zu erringen, doch er sucht immer noch diesen für unsere Arbeit eher unerheblichen Felsen ab. Mit zusammengekniffenen Augen versuche ich zu ergründen, was ihn so faszinieren könnte, jedoch nicht, ohne vorher zu überprüfen, ob unsere Atemluft noch in Ordnung ist, denn mir wird der Kopf irgendwie schwer. Vielleicht liegt es auch an der irren Konzentration, die wir für unsere Arbeit aufwenden müssen, denn der Test ergibt nichts Ungewöhnliches.

    »Siehst du das nicht?«, knurrt Jason mich an, doch ich kann beim besten Willen nicht sagen, wovon er spricht. Die Felsformationen, welche nun von dem großen Scheinwerfer ausgeleuchtet werden, sind seltsam, aber als Geologe habe ich schon viele derartig ungewöhnliche Dinge gesehen.

    Wahrscheinlich spielt Jason auf die vielen sehr geraden Kanten an, die wir nun zu Gesicht bekommen. Sie wirken wie aus monolithischen Blöcken gemauerte Wände altertümlicher Tempelanlagen und sind sicherlich faszinierend. In meinem Hinterkopf beginnt nur im gleichen Moment ein Rechner zu ticken, der mir die verkürzte Zeit unter Wasser nennt, weil der Scheinwerfer so viel Energie verbraucht. Ich suche nach einer Erklärung, doch im Moment fällt mir keine ein. Solche Strukturen im Fels können durch fließendes Wasser entstehen, doch ist davon auszugehen, dass dieser Teil des Meeresgrundes niemals über Wasser gelegen hat. Andererseits kenne ich auch genügend kristalline Strukturen, die bei Verwitterung absolut geradlinig aufbrechen, und gehe davon aus, dass es sich hier um einen ebensolchen Effekt handelt. Trotzdem spare ich mir die Erklärung, weil Jason mir ohnehin nicht zuhören wird.

    Also starre auch ich auf die Formationen und fühle mich plötzlich in einem Traum gefangen. Es sind Halluzinationen, denn die Strukturen verändern sich, je länger man sie betrachtet. Nichts anderes erklärt, wieso ich mir einbilde, an einer Stelle, an der zuvor nichts zu sehen war, plötzlich Fresken auftauchen zu sehen. Bilder, die sich auch zu bewegen scheinen. Voller Schrecken wende ich mich wieder dem Testgerät zu, während Jason mit weit aufgerissenen Augen weiter die Felswände ableuchtet, und kalibriere das Gerät neu. Doch nach wie vor scheint unsere Atemluft einwandfrei zu sein. Mein Schrecken wächst allerdings, als ich die Uhr ansehe, die uns die Zeit zum Auftauchen vorgibt. Es sind nur noch wenige Minuten, die uns bleiben, bevor wir anblasen müssen.

    Im gleichen Augenblick wundert mich, dass wir schon lange keinen Kontakt mehr zum Mutterschiff hatten. Meine Konzentration war einzig auf das Installieren der Sensoren gerichtet, so dass ich alles andere ausgeblendet hatte. Nun erst wird mir bewusst, dass Jason währenddessen nicht ein Mal mit dem Schiff gesprochen hat, und wende mich der Anlage zu. Jason scheint meine Neugier nicht einmal zu bemerken, als ich an ihm vorbeigreife, um das Gerät zu überprüfen.

    Meine Hand bleibt über den Reglern wie erstarrt in der Schwebe, als ich den Grund für die Funkstille erkenne.

    Die Anlage ist ausgeschaltet.

    Im kränklichen Licht der Instrumentenbeleuchtung erkenne ich in Jasons Gesicht den puren Wahnsinn. Seine Augen sind weit aufgerissen, und sein Grinsen enthüllt seine perfekten weißen Zähne zu einem wölfischen Ausdruck. Nun starre auch ich nach draußen und frage mich, was es ist, was ihn so fasziniert, doch ich erkenne es nicht.

    Nicht, wenn man sich einzig auf die Tatsachen konzentriert. Dann sieht man nur blanken Felsen, der zwar einige ungewöhnliche Verwitterungen aufweist, die aber natürlichen Ursprungs sein können. Er hat niemals eine künstliche Bearbeitung erfahren, so wie Jason es anzunehmen scheint.

    »Siehst du das denn nicht, du ignoranter Spross großer Seefahrer?«, haucht Jason nun. Die Veränderungen in seinem Wesen sind beängstigend. »All diese Bilder im Felsen, die Reliefs, die monumentale Architektur großartiger Handwerker einer untergegangenen Ära lange vor Ankunft des Menschen?«

    Meine Träume der letzten Nächte kommen mir in den Sinn zurück, und ich erinnere mich an einen irrwitzigen Tempel, den ich ehrfürchtig und angstvoll betrat. Sollte Jason ähnliche Träume gehabt haben, dann kann ich mir gut vorstellen, was er jetzt sieht. Nur warum?

    Der Seismograf gibt einen beunruhigenden Ton von sich, und ich wende mich den Anzeigen zu, während ich klammheimlich die Funkverbindung zum Schiff wieder anschalte, allerdings erst einmal ohne Ton. Die Sensoren, die wir zuvor gesetzt hatten, weisen erschreckende Tätigkeiten auf. Offensichtlich gibt es in diesem Moment ein leichtes Erdbeben, das die Felswand instabiler werden lässt.

    Obwohl das Funkgerät einwandfrei arbeitet und sich korrekt initialisiert hat, bekomme ich keine Verbindung zum Forschungsschiff. Was ist dort nur los? Die letzten Meldungen flimmern über einen Bildschirm, den Jason zum Glück nicht wahrnimmt. Es gab weitere Erdbeben im Südpazifik, und die neue Insel beginnt wieder zu sinken. Aus dem Umfeld werden erschreckende Nachrichten übermittelt, die von monströsen Erscheinungen handeln, doch die meisten Kommentare sprechen von Gasen, die bei vulkanischen Aktivitäten nicht ungewöhnlich sind und Halluzinationen verursachen könnten. Allerdings sind noch fünf weitere große Schiffe spurlos verschwunden.

    Dann brach der Kontakt ab, nachdem der Funker neben seinen beständigen Versuchen, uns zu erreichen, noch eine letzte Warnung ausgibt: Erdstöße scheinen in Wellen von Ost nach West zu laufen. Vielleicht bald hier. Taucht auf, so schnell es geht.

    Hektisch sehe ich mich zu Jason um, doch mir wird schnell klar, dass er in etwas gefangen ist, das verhindern wird, ihn zur Flucht zu überreden. Ich versuche es dennoch, was bleibt mir auch anderes übrig. Er reagiert nicht, als ich ihm panisch auf die Schulter klopfe und ihm die Meldungen der Sensoren zeigen will. Er ist zur Statue erstarrt. Jason reagiert erst, als ich versuche, die Steuerung zu übernehmen. Eine schmerzhafte Reaktion, denn ich bekomme seinen Ellbogen mit voller Wucht gegen die Nase geschlagen. Ich pralle zurück und schlage mir auch noch den Kopf an einer Konsole an.

    Es dauert eine ganze Weile, bis ich wieder klar denken kann. Für einige Minuten hatte ich ein vollständiges Blackout. Meine Nase fühlt sich an wie ein Ballon, und mein Kopf steht kurz vor der Detonation, aber ich muss versuchen, Jason zur Vernunft zu bringen. So leise es geht, taste ich mich wieder in eine gute Position. Durch den Tränenschleier kann ich kaum die Instrumente lesen, doch die Warnung, dass uns weder genug Atemluft noch genug Energie zum gefahrlosen Auftauchen bleibt, erkenne ich auch so.

    Mein Blick verschwimmt, als ich durch die Glaskuppel nach draußen sehe, und es kommt mir so vor, als würde auch ich mit einem Mal genau die Dinge sehen, die Jason so sehr gefangen halten. Die Riefen im Gestein formen monströse Reliefs aus, und ein besonders großer Spalt scheint sich immer weiter zu öffnen. Gerade so, als wäre er ein Tor zu einer anderen Dimension. Ich könnte die Form dieses Tores nicht einmal ansatzweise beschreiben, außer vielleicht mit einem wilden, hundert-, nein, vieltausendfach gebrochenem Fraktal. Nichts jedenfalls, was man in den Hochschulen als klassische geometrische Figur definieren würde.

    »Es ist so weit …«, murmelte Jason entzückt. »Du weißt, ich lehre an der Universität Miskatonic. In der Bibliothek dort gibt es ein wahrlich phantastisches Buch, das Necronomicon. Es sagt voraus, wann die monströsen Götter der alten Zeiten wieder zurückkehren werden, auch wenn andere Professoren das bestreiten. Ich hatte recht gehabt! Die Sterne stehen richtig! Siehst du? Das Tor von R’lyeh öffnet sich! Der Große Alte kommt!«

    Ich starre Jason nur wie blöde an. Glaubt er das tatsächlich? Natürlich hatte auch ich Gerüchte über dieses seltsame Buch gehört und schreibe seinen Inhalt einer stillen Post des Wahnsinns alter Propheten zu.

    Es gibt keine Götter, weder neue noch alte. Es gibt nur unsere Mutter Erde, und die befindet sich in Aufruhr. Sie wird uns verschlingen, und wir können nichts dagegen tun. Dann erinnere ich mich daran, dass die versunkene Stadt des monströsen Tentakelgeschöpfes nicht hier im Atlantik liegen soll, sondern fern auf der anderen Hälfte des Erdballs. Und dort wurde gerade die neu aufgetauchte Insel von den Fluten vernichtet.

    »O nein, darauf wirst du noch warten müssen. Das hier ist nur eine Spiegelung deines geliebten R’lyeh. Denn das versinkt gerade jetzt in diesem Moment wieder in den Tiefen des Pazifischen Ozeans. Die Zeit ist noch nicht reif!«

    Ich weiß nicht, welche Reaktion ich erwartet habe. Dass ich im Recht bin, hilft nicht weiter, wenn ein anderer zu verbohrt ist. Erst jetzt sehe ich, dass er auch die Greifarme des Tauchbootes verwendet hat und in dem Sammelkorb unterhalb der Kuppel ein paar unförmige Steine liegen, die tatsächlich irgendwie figürlich wirken.

    Als ich erkenne, was er vorhat, ist es zu spät. Jason fährt direkt auf die Felswand zu, wo sich das düstere Loch auftut. Als ich hektisch eingreifen will, geschieht das Gleiche wie schon zuvor, nur dass ich dieses Mal den Schlag abfangen kann. Doch ich verliere das Gleichgewicht erneut und kippe nach hinten. Im gleichen Moment schrillt die Warnung der Sensoren durch die Kabine, dass ein Erdbeben in diesem Moment stattfindet und der kontrollierte Hang abrutscht.

    Jason schaut sich verwirrt um, doch er reagiert nicht. Schon spüre ich den Sog, der das Tauchboot packt und in die Tiefe zieht.

    Keine Chance.

    Das Gefühl ist mit dem einer gewaltigen Achterbahn vergleichbar, und ich bekomme keine Luft mehr. Das Boot steht kopf und rollt sich um Längs- und Querachse.

    Kein Halten mehr. Jason versucht es auch gar nicht. Er starrt nach draußen, als könne er gar  nicht begreifen, dass ihm sein geliebter Gott, wie immer er auch heißen möge, nicht wohlgesonnen ist.

    Ich bleibe dabei.

    Es gibt keinen Gott.

    Es gibt nur das Wasser um uns herum und die gewaltigen Kräfte des Seebebens. Wieder rollt sich das Boot, und ich kann mich nicht mehr festhalten. Als ich mit dem Kopf aufschlage, höre ich ganz nahe bei mir ein Winseln und ein Knacken.

    Das Winseln kommt von Jason. Er schluchzt wie ein Baby. Das Knacken ist eine Reaktion der Glaskuppel des Bootes auf die irre Belastung. Ein hauchfeiner Riss.

    Unser Ende.

    Welche alte Frau wohl für uns bei der Heiligen um Gnade bitten wird?

    Ich bitte um Gnade für die Menschheit.

     

    *

     

    Mit Resignation, aber auch mit einem Hauch entsetzter Faszination betrachtete der Weinbauer die Schäden, welche die Flutwelle angerichtet hatte. Seine Weinstöcke auf den Hügeln hinter der Klippe und sein Wohnhaus mit der wunderbaren Aussicht hatte das Wasser nicht erreicht. Doch alle Gebäude am Strand waren von den Wassermassen, die dem Erdbeben folgten, wie ausradiert. Auch das Gebäude, das er von seinen Eltern geerbt hatte und das mit seinen drei Ferienwohnungen an dem beliebten Strand für Surfer einen Teil seines kargen Lebensunterhaltes und die Ausbildung seiner Kinder finanzierte.

    Es würde lange dauern, bis sich wieder so etwas wie Normalität einstellen würde. Zu groß war das Gebiet der Verwüstung, welches die Ereignisse in der Erdkruste überall in der Welt hinterlassen hatte. Er hatte in seinem kleinen batteriebetriebenen Radio davon gehört. Telefon- und Handynetze funktionierten noch nicht wieder richtig und wurden von den Rettungskräften gebraucht.

    Der Mann unterdrückte den Keim der Verzweiflung. Seine Familie war unbeschadet geblieben. Lediglich eine alte Tante, die in einer winzigen Wohnung in einem Haus im Städtchen am Strand auf den Tod gewartet hatte, wurde noch immer vermisst. Von dem Haus standen nur noch Grundmauern, wahrscheinlich hatte das Meer ihren Körper mitgerissen, als es sich wieder zurückzog. So wie die Körper so vieler anderer Menschen. Er mochte sich nicht ausmalen, wie viele Tote es gegeben hätte, wäre jetzt Hochsaison gewesen. Dann, wenn die Anzahl der Bewohner der Stadt durch die Touristen vervielfältigt wurde.

    Es gab kaum mehr einen Weg nach unten, denn die Flutwelle hatte auch eine Unmenge an Schutt an den Hang der Klippe gespült, einschließlich einiger Schiffe, die nun seltsam befremdlich wirkten, so außerhalb ihres Elements. Weit über dem Meeresspiegel in die Felsen verkeilt. Sein jüngster Sohn eilte ihm voran, und bei manchen seiner waghalsigen Klettertouren war der Vater geneigt, ihn zurechtzuweisen und zurückzurufen. Doch er unterließ es, stellte nur für sich selbst fest, wie wenig beweglich er selbst noch war.

    Traurig sah er sich von einer Mauer aus in dem Meer aus Trümmern um und suchte nach seinem Sohn, der seine Richtung geändert hatte. Der Junge steuerte auf die Klippe zu, auf deren Ende ein Leuchtturm in einer alten Festung stand. Die Silhouette der Klippe kam ihm befremdlich vor. Sprachlos verharrte der Mann in seiner Bewegung, als er erkannte, dass die Welle so gewaltig, hoch und kraftvoll gewesen war, dass sie auch die Spitze der Klippe wegreißen konnte. Inklusive der Festung mit dem Leuchtturm. Nun konnte er sich gut vorstellen, wie es den Menschen an Allerheiligen 1755 ergangen sein musste, als das Jüngste Gericht über sie hereinbrach.

    »Carlos, wo bist du?«, rief er schließlich, weil er seinen Sohn nicht mehr sehen konnte und fürchtete, der Junge könne gestürzt sein. Sich verletzt hatte. Doch dann entdeckte er das rote T-Shirt, wie es sich von ihm wegbewegte. Wahrscheinlich hatte sein Sohn ihn nicht einmal gehört.

    Gerade als er ihm folgen wollte, prallte der Vater zurück, als er unter einem gewaltigen Betonstück etwas liegen sah. Er starrte in die weit aufgerissenen Augen einer jungen Frau. Ihr war nicht mehr zu helfen, daher ließ er sie für die Bergungsmannschaften liegen, die sicher irgendwann kommen würden. Mit bloßen Händen konnte er sie ohnehin nicht herausholen.

    Betend, dass ein solcher Anblick seinem Sohn erspart bleiben möge, folgte er dem Jungen hin zur Klippe. Was suchte er dort nur? War es etwas aus den seltsamen Traumbildern, die der Junge kurz vor der Katastrophe hatte, was er dort zu finden hoffte? Diese Träume waren selbst in den Worten eines gerade mal Achtjährigen, der sich bislang nicht durch besondere Phantasie ausgezeichnet hatte, extrem erschreckend gewesen. Von Toren, die sich in der Erdkruste öffneten, und entsetzlichen Monstern hatte er berichtet.

    Nun winkte ihm sein Sohn sichtbar aufgeregt und er beeilte sich, die Trümmer zu überwinden. Es kam ihm befremdlich vor, dass sich auch dort, wo vorher der breite Strand gewesen war, ein Meer aus Steinen, verbeultem Blech, Dachziegeln und Möbeln ausbreitete. Doch dann kam ihm in den Sinn, dass es die zurückweichenden Fluten gewesen sein mussten, die diesen Teppich des Grauens ausbreiteten. Erneut stolperte er fast über die Überreste eines Toten. Ihm fehlten der Kopf und die Beine, doch was seine Hand umklammert hielt, ließ den Bauern unvermittelt würgen. Die Hand des Toten umklammerte das Handgelenk eines dünnen Armes, vermutlich eines Kindes, das aber nicht mehr da war. Ein Vater, der sein Kind zu retten versuchte …

    Der Mann rannte nun stolpernd weiter und entdeckte seinen Sohn an der Klippe. Sein rotes T-Shirt zeichnete sich deutlich vor einem verbeulten, zitronengelben Objekt ab, das wohl einmal eine eher kugelige Form gehabt haben musste. Er konnte sich erinnern, dass es einen Bericht im Fernsehen gab, in dem die Mission von Erdbebenforschern angekündigt wurde. Sie wollten Sensoren zur Frühwarnung von Tsunamis installieren. Diese Warnungen hatte es auch tatsächlich gegeben. Doch was half die schönste Warnung, wenn die meisten Menschen sie ignorierten oder sie nicht alle erreichte, weil man sie nicht weitergab?

    War es das Tauchboot, das man in dem Bericht zeigte?

    Sein Sohn stand stumm vor dem großen Loch, das einstmals von einer Glaskuppel bedeckt gewesen war. Sie musste implodiert sein. Es schüttelte den Bauern, als er in das Boot hineinstarrte und verzweifelt versuchte, die Bilder eines schrecklichen Todes aus seinem Kopf zu verbannen. Er wollte sich nicht vorstellen, wie es den Insassen des Bootes ergangen sein mochte, von denen keine Spur mehr zu sehen war. Sie hatten ein Seemannsgrab gefunden. Was war mit dem Schiff, welches das Tauchboot zu seinem Einsatz gebracht hatte?

    Der Junge, der bisher nur blicklos in das Tauchboot gestarrt hatte, regte sich nun und bückte sich unter den zerquetschten Schiffskörper, an dem unter einem fast unbeschädigten Greifarm ein Korb mit ein paar Steinen hing. Er holte die Steine aus dem Korb und betrachtete sie einen nach dem anderen genau. Doch es waren lediglich dunkle Felsbrocken, Zeugen einer uralten Welt, die nie das Licht der Sonne erblickt hatte.

    Doch dann bemerkte der Bauer, dass die Zange des Greifarmes noch einen Stein umklammert hielt. Auch der Junge sah ihn nun und versuchte, ihn aus der Zange zu befreien. Der Mann, der sich mit der Reparatur von Landmaschinen auskannte, sah die Möglichkeit, die Zange zu öffnen, und half seinem Sohn, der den Stein ins Sonnenlicht hielt.

    Zunächst wirkte auch dieser Brocken wie ein einfacher Stein, doch dann glaubte der Bauer eines der Wesen darin zu erkennen, die sein Sohn nach den bösen Träumen beschrieben hatte. Das Ding mit dem monströsen Kopf, der einem Kraken glich, und das einen seltsam kleinen Körper, kurze Arme mit großen, klauenbewehrten Händen und Flügel hatte. Es konnte Zufall sein, dass diese Form entstanden war, doch sie drängte sich dem Betrachter auf, wenn man schon einmal von einem solchen Wesen gehört hatte.

    »Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn.«

    Der Bauer starrte seinen Sohn entsetzt an, als dieser die unverständlichen Worte in einer Stimme von sich gab, die nicht die eines Kindes war.

    »Er schläft wieder, seine Zeit war noch nicht reif«, fügte der Junge in seiner kindlichen Stimme an und gab seinem Vater den Stein, der ihn mit spitzen Fingern entgegennahm. »Kannst du das dem Meer zurückgeben?«

    Der Bauer sah den Stein ratlos an, dessen Form ihm ein kaltes Grauen über den Rücken laufen ließ. Dann sah er zu den Klippen hoch, denen die Spitze mit dem Leuchtturm fehlte, und begann zu klettern, da es ohnehin keinen anderen Weg mehr gab.

    Den Stein hatte er unter sein Hemd gesteckt.

    Die Kälte, die sich nun auf seiner Haut ausbreitete, trieb ihn zur Eile an, denn er hatte das Gefühl, dass der Stein ihn sonst erfrieren lassen konnte. Trotz der brennenden Sonne auf seinem Rücken. Der Junge folgte ihm die Klippen hoch.

    An der neu geformten Spitze der Klippe beobachteten sie eine Weile die riesigen Wellen, die auf der anderen Seite der trennenden Felsen gegen den Strand tosten. Dieser war ebenfalls nach dem Tsunami deutlich kleiner geworden. Dann nahm der Mann den Stein und schleuderte ihn mit aller Kraft weg vom Land, in den Rücken einer ablaufenden Welle.

    »Was immer das für ein Grauen ist, es möge in aller Ewigkeit schlafen«, murmelte er und fühlte sich seltsam erleichtert, als der Stein in den Fluten versank. »Behalte deine Geheimnisse für dich, großer Ozean!«

     

    ***

    © 2019 by Chris Schlicht.

    Erstmals erschienen in: Nina Horvath, Sabrina Hubmann u. Eric Hantsch (Hrsg.): Stadt unter dem Meer. Auf den Spuren H. P. Lovecrafts. Verlag Torsten Low 2019.

    Alle Rechte vorbehalten.

     

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