Kurzgeschichte am Fiction Friday: Das Weltenhaus von Alina Metz

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FICTION FRIDAY

Das Weltenhaus (Alina Metz)


Shiro ist die Wächterin des Weltenhauses. Sie hält die Schlüssel zu sämtlichen Weltentüren in der Hand. Doch manchmal packt sie die Sehnsucht nach den fremden Orten, die sie selbst nicht betreten darf …

„Das Weltenhaus“ von Alina Metz ist unsere Gewinner-Story des PAN-Kurzgeschichtenwettbewerbs mit dem Titel „Türen – Wege in andere Welten“


***

 

Jeder Weltenreisende kannte das Haus. Es lag im Nirgendwo, nicht hier und nicht dort, doch seine Türen verbanden alle Welten miteinander. Deshalb kannte jeder Weltenreisende auch Shiro, denn sie war das Mädchen, das diese Türen öffnete.

Wer zum ersten Mal seine eigene Welt verließ, das schimmernde Schlüssellicht in der erhobenen Hand, staunte nicht schlecht, wenn seine Fingerknöchel plötzlich auf Holz klopften, wo für das Auge nur Luft zu sein schien. Und wenn sich in dieser Luft eine unsichtbare Tür öffnete, in deren Rahmen ein schneeweißes Mädchen stand, dann war es um die Selbstbeherrschung der meisten Neulinge im Weltenreise-Geschäft geschehen. Mit offenen Mündern betraten sie das Haus im Nirgendwo und beobachteten, wie Shiro den Zugang hinter ihnen schloss. Einen Zugang, der nun, da sie über die Schwelle getreten waren, wie eine ganz gewöhnliche Tür in einem ebenso gewöhnlichen Korridor wirkte – gut sichtbar und solide, bunt lackiert oder mit kunstvollen Schnitzereien versehen, je nachdem, aus welcher Welt die tapferen Reisenden kamen. Während das Schlüssellicht davonschwirrte, um sich seinen Artgenossen anzuschließen, die wie Irrlichter in bunten Schwärmen durch das Haus schwebten, fielen die Blicke der Neulinge unweigerlich auf Shiro selbst. Auf dieses Mädchen, das so weiß war wie eine unberührte Schneedecke oder ein leeres Blatt Papier. Keine der unzähligen Welten hatte ihre Farben auf Shiros Gestalt hinterlassen, denn sie hatte nie eine von ihnen betreten. Shiro war die Türöffnerin, die Wächterin des Weltenhauses. Sie durfte diesen Ort nicht verlassen. Doch das hielt sie nicht davon ab, den Reisenden hinterherzusehen, wenn sie ihnen ein neues Schlüssellicht überreicht hatte und den Durchgang öffnete, nach dem sie verlangten. Für einen winzigen Moment atmete Shiro die Luft einer fremden Welt ein, bevor sie die Tür hinter den Reisenden schloss. Und manchmal spürte sie dabei ein rätselhaftes Ziehen in ihrer Brust, etwas, das beinahe ein Schmerz war.

In Zeiten, in denen niemand beim Weltenhaus anklopfte, strich Shiro allein durch die endlosen Korridore, begleitet nur von den umherschwebenden Schlüssellichtern und ihrem eigenen Abbild, das in den Spiegeln, die überall im Haus verteilt waren, aufblitzte. Wenn kein Reisender kam, mussten die Türen geschlossen bleiben, doch neben vielen von ihnen gab es Fenster, und Shiro blickte gerne hinaus in die zahllosen Welten. Einige mochte sie besonders gerne. Da gab es die Welt aus Wasser hinter einer geschwungenen blauen Tür. Durch ihr Fenster konnte man auf den Meeresgrund hinausblicken, über dem schillernde Fischschwärme dahinglitten. Ganz anders, doch nicht weniger faszinierend war die Welt aus Feuer, in der himmelhohe Vulkane Asche und Lava über das Land spuckten. Durch ihre kohlschwarze Tür hatte sich noch nie ein Reisender gewagt. Die Welt aus Eis schien ganz aus funkelndem Kristall zu bestehen. Sie war an manchen Tagen kaum zu erkennen, denn der Frost zauberte ein Labyrinth aus Eisblumen an die Außenseite ihres Fensters.

Doch eine Welt blieb Shiros unbestrittener Favorit. Sie wusste selbst nicht warum, denn eigentlich war der Blick durch das Fenster neben der grünen Holztür nichts Besonderes. Man schaute auf eine Waldlichtung hinaus, auf herbstfarbene Laubbäume, deren Äste sich im Wind wiegten. Über ihnen spannte sich ein weiter grauer Himmel in die Unendlichkeit.

Es war dieser Himmel, an dem Shiro eines Tages einen grausamen Kampf beobachtete. Zuerst bemerkte sie den Vogel kaum, er war nicht mehr als ein schwarzer Punkt, der im endlosen Grau trieb. Doch dann gesellte sich ein weiterer Punkt dazu, pfeilschnell. Beide kamen näher, und Shiro erkannte, was geschah. Der schwarze Vogel, eine Krähe, wurde angegriffen, von einem viel größeren und stärkeren Gegner, einem Raubvogel. Shiros Herz begann zu klopfen, sie ballte die weißen Hände zu Fäusten. Natürlich wusste sie, dass solche Dinge in den Welten dort draußen geschahen. Menschen und Tiere starben, Leben erlosch. Doch sie selbst alterte nicht, und sie hatte dem Tod noch nie ins Angesicht geblickt. Bis jetzt.

Die Krähe taumelte in der Luft, stürzte ab. Kurz vorm Boden fing sie sich noch einmal, bevor ihr Aufprall das herabgefallene Herbstlaub der Lichtung aufwühlte. Der Vogel war so nah, dass Shiro ihn direkt ansehen konnte, und fast schien es, als blicke er zurück, als sende er ihr einen stummen Hilferuf aus seinen unergründlich dunklen Augen. Dabei konnte er unmöglich wissen, dass sie dort stand, verborgen hinter den unsichtbaren Mauern des Weltenhauses.

Die Zeit schien stillzustehen, einen Herzschlag lang. Dann schnellte der Raubvogel herab. Doch Shiro sah nicht mehr, wie er die Krähe erreichte. Sie starrte auf grün gestrichenes Holz und spürte eine Türklinke in ihrer Hand. Ihr Atem stockte, als ihr klar wurde, was sie da tat, aber es war schon zu spät. Shiro riss die Tür auf und rannte ins Freie. Hinaus aus dem Nirgendwo, hinein in die Welt aus Herbst und weitem Himmel. Kühle Luft umfloss ihren Körper in dem weißen Kleid, und Herbstlaub stob unter ihren nackten Füßen auf.

„Lass ihn gehen!“, schrie sie den Raubvogel an und warf sich als lebender Schutzschild zu Boden. Ein spitzer Schnabel schrammte über ihre Schulter, doch dann ließ der Angreifer ab. Shiro hörte das Schlagen seiner Schwingen und seinen enttäuschten Schrei, als er sich zurück in die Lüfte erhob, vielleicht, um sich eine leichtere Beute zu suchen.

Erst als sie sicher war, dass er nicht zurückkehren würde, richtete sie sich auf und betrachtete den schwarzen Vogel, über dem sie sich zusammengekrümmt hatte. Einer seiner Flügel stand in einem falschen Winkel ab, Blut versickerte im Herbstlaub. Doch die unergründlich dunklen Augen erwiderten Shiros Blick. Die Krähe lebte.

„Ich werde dir helfen“, flüsterte Shiro. „Hab keine Angst.“

Vorsichtig schob sie eine Hand unter den schwarz gefiederten Körper und hob die Krähe in ihre Arme. Das Tier zitterte, Shiro spürte seinen kleinen, rasenden Herzschlag, doch es wehrte sich nicht.

Sie drehte sich um, zurück zum Haus, und für eine Sekunde stolperte auch ihr Herz. Was, wenn die Tür hinter ihr zugefallen war, wenn sie nicht zurückkehren konnte? Doch nein, da war er, der unsichtbare Zugang, durch den man ins Haus hineinblicken konnte. Hastig lief Shiro zurück, trat über die Schwelle und schloss die Tür hinter sich. In ihrem Arm zitterten der Vogel und sein kleines Herz um die Wette.

„Das wird schon wieder“, beruhigte Shiro ihn. „Ich kümmere mich um deine Verletzungen.“

Wenig später hatte sie ihren kleinen Gast verarztet, den gebrochenen Flügel geschient.

„Danke für deine Hilfe“, krächzte die Krähe. Sie kuschelte sich in ein Nest aus Kissen und Decken, das Shiro in einem kleinen Zimmer aufgetürmt hatte.

„Keine Ursache“, erwiderte Shiro bescheiden.

„O doch, du bist wie aus dem Nichts aufgetaucht“, beharrte die Krähe, und nun sprach Neugier aus ihrem dunklen Blick. „Wer bist du, weißes Mädchen? Und wo sind wir hier?“

Shiro erklärte es ihr.

„Ein Weltenhaus?“, fragte die Krähe. „Dass es so etwas gibt …“

„Möchtest du einmal eine andere Welt besuchen?“, fragte Shiro.

„Nein danke.“ Die Krähe schien sich ablehnend schütteln zu wollen, zuckte dann aber nur schmerzerfüllt zusammen. „Meine Welt reicht mir.“

Shiro legte den Kopf schief. „Und wenn du eine Welt ohne große Raubvögel finden würdest?“

Die Krähe plusterte sich vorsichtig, aber entschlossen auf. „Im Leben begegnen einem immer Probleme, ob es nun Raubvögel sind oder andere Gefahren. Man kann nicht vor allem davonlaufen.“

Shiro runzelte die weiße Stirn. Sie war sich nicht sicher, ob sie verstand, von was die Krähe sprach. „Möchtest du vielleicht ein Schlüssellicht mitnehmen, wenn du wieder gesund bist und in deine Welt zurückkehrst? Falls du es dir anders überlegst?“

„Nein danke“, erwiderte die Krähe. „Ich möchte ganz dort sein, wo ich bin. Wenn ich die Möglichkeit hätte, in andere Welten zu reisen, würde ich mir ständig ausmalen, wo ich gerade noch sein könnte. Meine Gedanken wären überall und zugleich nirgendwo. Ich wäre niemals wirklich frei.“

Shiro presste die Lippen aufeinander, die Worte der Krähe brachten etwas in ihr zum Schwingen. „Nirgendwo“, murmelte sie. „So wie ich in diesem Haus.“

Die Krähe schien nichts gehört zu haben, stattdessen blinzelte sie schläfrig. „Außerdem …“, brabbelte sie. „Wie sollte ich so ein Licht mitnehmen, wenn ich am Himmel fliege?“

Mit diesen Worten schloss sie ihre Augen und schlief ein. Shiro schlich leise auf den Korridor hinaus.

„Was hast du getan?“, fauchte ihr eine wohlbekannte Stimme entgegen. Shiro blickte zu dem Spiegel hinüber, der an der gegenüberliegenden Wand hing. Im Glas thronte ihr Spiegelbild und stemmte die Hände in die Hüften. „Hast du auch nur eine Sekunde nachgedacht, bevor du da hinausgestürmt bist?“

Shiro hatte nie herausgefunden, warum ihr Spiegelbild das Einzige war, das lebendig wurde. Bei den Reisenden, die die Korridore passierten, war so etwas nie vorgekommen. Vielleicht lag es an Shiros Verbindung zum Weltenhaus, daran, dass sie seine Wächterin war. Die Wächterin, die das Haus niemals verlassen durfte. Unter keinen Umständen. Erst jetzt wurde ihr klar, welches Risiko sie eingegangen war. Mit weichen Knien sackte sie gegen die Wand.

„Aha, jetzt macht es langsam Klick, was?“, kommentierte ihr Spiegelbild. „Vorher die Gehirnzellen anzuwerfen wäre allerdings besser gewesen.“

Shiro kannte die scharfe Zunge ihrer Doppelgängerin und wusste, dass die Worte nicht so schroff gemeint waren, wie sie klangen. Trotzdem verspürte sie den Drang, sich zu verteidigen. „Es ist doch nichts passiert“, sagte sie, doch sie dachte an das feuchte Laub unter ihren Füßen und das Gefühl des unendlichen grauen Himmels über ihrem Kopf und fragte sich, ob das die Wahrheit war.

„Nichts passiert?“, keifte ihr Spiegelbild. „Das nennst du nichts passiert? Kuck uns doch mal richtig an!“

Shiro tat es – und stolperte sofort wieder vom Spiegel zurück. Sie schnappte nach Luft, sah noch einmal hin. Das konnte nicht sein. Ihr Spiegelbild starrte sie vorwurfsvoll an. Aus Augen, die nicht weiß waren, sondern grau. Wie der Herbsthimmel.

Shiro sah tief hinein in dieses Grau, und nachdem ihr erster Schreck verklungen war, breitete sich ein seltsam warmes Gefühl in ihrem Bauch aus. Die Herbstwelt hatte eine Spur auf ihr hinterlassen, Shiro hatte ein winziges Stück der Welt an sich genommen und würde es für immer bei sich tragen. Sie waren eine Verbindung eingegangen, der Herbsthimmel und das weiße Mädchen im Nirgendwo. Shiros Herz klopfte. Was wäre, wenn …

„Hör auf!“, unterbrach ihr Spiegelbild ihre Fantasien. „Ich weiß genau, was du denkst!“

Shiro zuckte ertappt zusammen, doch ihre Doppelgängerin fuhr unbarmherzig fort. „Du denkst darüber nach, das Haus zu verlassen. In diese Welt hinauszugehen. Aber das ist Wahnsinn. Du gehörst hierher, du hast eine Aufgabe. In dieser Welt dagegen erwartet dich nichts. Willst du, dass deine Augen noch grauer werden, deine Haare schlammbraun wie das verrottende Herbstlaub? Willst du alt werden und sterben?“

Shiro senkte den Kopf. Nein. Ich will leben.

Doch bevor sie diesen Gedanken laut aussprechen konnte, ertönte ein gewaltiges Krachen. Shiro wirbelte herum, in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. „Was ist das?“

Ohne auf eine Antwort zu warten, die ihr Spiegelbild ihr ohnehin nicht geben konnte, stürmte sie los. Sie war die Wächterin des Weltenhauses. Sie musste es beschützen.

Während sie rannte, drangen neue Laute an ihr Ohr, ein merkwürdiges Zischen und Brausen. Dann wurde es still.

Shiro blieb stehen und riss entsetzt die Augen auf. Der Korridor vor ihr war im Chaos versunken. Ein Schrank war umgestürzt und zersplittert, ein Stuhl, der danebengestanden hatte, ebenfalls. Am Boden verteilt lagen die Scherben eines Spiegels. Doch das Schrecklichste war der Kratzer. Der Kratzer im weißen Lack der Holztür, die in diesem Teil des Korridors in eine fremde Welt führte. Shiro strich mit den Fingern darüber. Mehrere Splitter waren herausgebrochen, doch zum Glück, zum Glück war nicht mehr passiert. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn eine der Türen beschädigt wurde.

Aber wer hatte diese Zerstörung verursacht? Shiro blickte sich verzweifelt um, und erst jetzt bemerkte sie die neblige Kälte, die über allem schwebte wie ein unsichtbares Gespenst. Und das einzelne Herbstblatt, das zwischen den Trümmern zurückgeblieben war. Ein Zittern schüttelte ihren Körper, nicht nur, weil sie fror, sondern auch, weil ihr klar wurde, was geschehen war. Während sie die Krähe gerettet hatte, war irgendetwas durch die offenstehende Weltentür geschlüpft. Ein Eindringling befand sich im Haus.

Hastig rannte Shiro den Weg zurück, den sie gekommen war, und platzte ins Zimmer der Krähe.

„Krähe!“, rief sie. „Ich brauche deine Hilfe!“

Schnell schilderte sie dem schläfrigen Vogel, was sie beobachtet hatte. Tatsächlich schien die Krähe etwas damit anfangen zu können. „Das klingt nach einem Herbstgeist“, sagte sie. „Sie sind neugierig, haben aber einen furchtbaren Orientierungssinn. Als du die Tür aufgelassen hast, um mich zu retten, muss einer von ihnen ins Haus eingedrungen sein, und jetzt randaliert er, weil er nicht mehr hinausfindet.“

„Und was kann ich jetzt tun?“, fragte Shiro verzweifelt.

Die Krähe legte den Kopf schief und schien zu überlegen. „In meiner Welt habe ich schon einmal beobachtet, wie Menschen einen Herbstgeist eingefangen haben. Sie benutzten ein großes Netz.“

„Ich kann ein Netz knüpfen.“ Shiro schöpfte neue Hoffnung, doch die Krähe sträubte warnend ihr Gefieder.

„Du darfst dem Herbstgeist nicht zu nah kommen, sonst verschlingt er dich. Er ist ein unersättlicher Wirbelsturm aus totem Laub und Nebelkälte. Um das Netz aufzuspannen, braucht man mindestens zwei Personen.“ Die Krähe bewegte traurig ihren geschienten Flügel. „Und ich kann dir so nicht helfen.“

„Es gibt niemanden, der das kann“, stellte Shiro fest. Ihr Spiegelbild und die Schlüssellichter vermochten kein Netz zu spannen. Und sie wusste nicht, wann die nächsten Reisenden das Haus durchqueren würden. So lange durfte sie nicht warten. „Ich muss es allein versuchen.“

„Aber das ist gefährlich!“, protestierte die Krähe, doch Shiro war bereits aus dem Zimmer gestürmt. Hastig suchte sie alles zusammen, was sie brauchte, und begann ein Netz zu knüpfen. Die Arbeit dauerte nervenaufreibend lange, denn ihre Finger zitterten so sehr, dass sie immer wieder abrutschte, doch schließlich war es geschafft.

„Glaubst du, das ist eine gute Idee?“, fragte ihr Spiegelbild, als sie auf dem Korridor einen der Spiegel passierte.

Shiro umklammerte das Netz mit ihren Händen. „Mir bleibt nichts anderes übrig“, erwiderte sie. „Du hast es doch selbst gesagt, ich bin die Wächterin dieses Hauses.“

„Aber du bist auch diejenige, die die Türen öffnet“, entgegnete ihre Doppelgängerin. „Wer soll das übernehmen, wenn dich der Herbstgeist verschlingt?“

Darauf wusste Shiro keine Antwort, doch sie ging trotzdem weiter. Folgte dem Hauch aus Kälte, der durch die Korridore wehte, und der Spur aus Herbstblättern und Zerstörung. Bald drang das Brausen und Zischen erneut an ihr Ohr, und auf ihren weißen Armen bildete sich Gänsehaut. Sie bog um eine letzte Ecke und da war er – der Herbstgeist.

Die Krähe hatte ihn gut beschrieben. Er sah tatsächlich aus wie ein Wirbelsturm, etwas größer als ein Mensch. Goldene und braune Herbstblätter jagten sich in einem ewigen Kreislauf und bildeten seine Gestalt.

Shiro spannte das Netz zwischen ihren Armen auf. „Ich will dir nichts tun“, sagte sie. „Ich bringe dich zurück in deine Welt. Dorthin, wo du hingehörst.“

Der Herbstgeist zischte wütend, offenbar hatte er sie nicht verstanden. Oder ihm missfiel das Netz.

„Ich helfe dir“, beharrte Shiro und trat einen Schritt näher. Ein Fehler.

Raschelnd schnellte der Herbstgeist vor, seine Wirbel erfassten das Netz und zerrten daran. Shiro konnte es nicht länger festhalten, es wurde ihr aus den Händen gerissen und hinter ihr gegen die Wand geschleudert. Sie wollte dorthin hechten und es aufheben, doch sie konnte sich nicht bewegen. Der Sog des Herbstgeistes hatte ihre Arme erfasst, riss unbarmherzig an ihnen. Feuchtes Laub klatschte auf ihre Haut und biss sich dort fest.

„Nein!“ Shiro rammte ihre Füße in den Boden, stemmte sich mit aller Kraft gegen den drohenden Wirbel. Es gelang ihr, sich loszureißen. Aus dem Gleichgewicht geraten, taumelte sie rückwärts, gegen einen Spiegel, der hier an der Wand hing. Das Glas brannte wie Eis an ihrem Rücken, während der Herbstgeist raschelnd und zischend anschwoll. Er war nun so groß, dass er den gesamten Korridor ausfüllte und eine Flucht unmöglich machte.

Im schneidenden Luftzug, den er verursachte, peitschten Shiros Haare um ihren Kopf. Mit zitternden Knien bückte sie sich nach dem Netz, doch ihre Hoffnung schwand. Wie sollte sie ganz allein diesen entfesselten Sturm einfangen? Es war nicht zu schaffen.

Ihre Hand glitt über das glatte, kalte Spiegelglas. Doch plötzlich trafen ihre Finger auf etwas anderes. Warme Haut.

Shiro zuckte zurück, aber eine fremde Hand hielt ihre gepackt.

„Na endlich“, ertönte eine Stimme, die gar nicht so fremd war. Shiros Kopf wirbelte zur Seite, und so konnte sie beobachten, wie ihr Spiegelbild neben ihr aus dem reflektierenden Glas trat. Hinaus auf den Korridor. Shiro riss die Augen auf.

„W-was …?“

Die Augen ihrer Doppelgängerin funkelten verschmitzt zurück. „Schon vergessen, Shiro? Du bist diejenige, die in diesem Haus die Türen öffnet. Und auch ein Spiegel kann eine Tür sein.“ Ein schelmisches Grinsen. „Aber jetzt hör auf, so blöd aus der Wäsche zu starren und hilf mir. Wir haben einen Geist einzufangen.“

Erst in diesem Moment erinnerte sich Shiro an das Netz, das sie noch immer mit einer Hand umklammerte. Ihr Spiegelbild hatte die gegenüberliegende Seite ergriffen und gemeinsam konnten sie es endlich weit genug aufspannen.

Der Herbstgeist heulte empört, nasses Laub schlug ringsum gegen die Wände, doch gegen die vereinten Kräfte der beiden weißen Mädchen hatte er keine Chance. Immer weiter umspannten Shiro und ihr Spiegelbild ihn mit ihrem Netz, bis er zuletzt auf die Größe einer Schneekugel geschrumpft war, in der sich zuckendes Laub zusammenballte.

„Na also, geht doch.“ Mit einem zufriedenen Nicken knotete Shiros Doppelgängerin das Netz zu. „Jetzt müssen wir ihn nur noch zurückbringen. Zurück in die …“ Ihre Stimme verstummte, als sie Shiros Gesicht sah.

„In die Herbstwelt“, vollendete Shiro.

Ihr Spiegelbild schüttelte den Kopf. „Du willst das wirklich, oder?“

Shiro nickte.

„Na, dann hast du Glück“, seufzte ihre Doppelgängerin schicksalsergeben, „dass ich jetzt da bin.“

 

Shiro schloss ihren Mantel und zog zum letzten Mal prüfend an den Riemen ihres Rucksacks. Dann nahm sie von ihrer Doppelgängerin das Netz entgegen, in dem der Herbstgeist ungeduldig zappelte.

„Lass ihn bloß schön weit weg raus“, ermahnte ihr ehemaliges Spiegelbild sie. „Nicht, dass er gleich wieder zurückkommt.“

„Ach was“, meinte die Krähe, die es sich auf der Schulter der neuen Wächterin des Weltenhauses bequem gemacht hatte. „Der wird sich viel zu sehr über seine Freiheit freuen.“ Dabei lag ein sehnsüchtiges Funkeln in ihren dunklen Augen. Sie würde noch ein wenig warten müssen, bis ihr Flügel verheilt war und sie in ihre Welt zurückkehren konnte.

„Bin ich denn eine so schlechte Gastgeberin?“, murrte Shiros Doppelgängerin, die die Gedanken der Krähe erraten hatte.

Shiro mischte sich schnell ein, bevor es zu einem Streit kommen konnte. „Wenn du wieder durch den Herbsthimmel fliegst, dann halte Ausschau nach mir“, sagte sie zu der Krähe. „Aber du musst gut hinsehen, denn vielleicht werde ich mich verändern.“

„Jeder verändert sich“, erwiderte die Krähe. „Und ich habe sehr gute Augen.“

„Also, was mich betrifft, bin ich ganz zufrieden so“, meldete sich die neue Wächterin wieder zu Wort. „Zumindest, wenn wir diese Angelegenheit nicht weiter melodramatisch in die Länge ziehen. Jetzt geh schon endlich.“

Shiro lächelte, denn sie wusste, dass die Worte ihres ehemaligen Spiegelbildes wie immer nicht so ruppig gemeint waren. Die Weltenreisenden, die zukünftig durch das Haus kamen, würden sicher ihren Spaß mit dieser neuen Shiro haben.

„Leb wohl“, sagte sie und öffnete die grüne Holztür. Kühle Herbstluft wehte ihr entgegen.

„Du auch“, erwiderte ihre Doppelgängerin, bevor sie noch einmal hastig mit den Fingern schnippte. „Warte, Shiro, nimm das hier mit.“

Eines der Schlüssellichter löste sich aus seinem bunt leuchtenden Schwarm und schwebte in Shiros Hand. Unwillkürlich musste Shiro an die Worte der Krähe denken. Ich möchte ganz dort sein, wo ich bin. Nicht länger im Nirgendwo.

„Damit kannst du immer zurückkommen“, sagte die Wächterin des Weltenhauses zum Abschied.

Shiro nickte, doch in der letzten Sekunde lockerte sie den Griff um das Schlüssellicht. Mit leeren Händen trat sie hinaus in den Herbst, unter den weiten grauen Himmel, der sich in ihren Augen spiegelte.

Hinter ihr schloss sich die Tür.

Als Shiro sich umdrehte, war sie bereits verschwunden.

 

***

Erstveröffentlichung

© 2019 by Alina Metz. Alle Rechte vorbehalten

Über die Autorin

Alina Metz wurde am 28. Oktober 1994 in Wiesbaden geboren, wo sie auch heute noch lebt. Nach ihrem Abitur studierte sie Germanistik und Komparatistik an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Für ihre Abschlussarbeit erhielt sie eine Prämierung, doch lieber als wissenschaftliche Arbeiten schreibt sie phantastische Geschichten, in denen sie Geister und andere magische Wesen zum Leben erweckt.

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 22. November, genau hier.

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