Kurzgeschichte am Fiction Friday: Aufwärmübung von V.E. Schwab

FICTION FRIDAY

Aufwärmübung (V.E. Schwab)


Dave ist vor fast einem Jahr gestorben. Und wieder zurückgekommen. Seitdem ist nichts mehr, wie es war; auch Dave nicht. Seine neue Fähigkeit scheint alles zu ruinieren – doch das ist nicht sein größtes Problem …

Die exklusive Kurzgeschichte „Aufwärmübung“ stammt aus demselben Universum wie Schwabs phantastischer Rache-Thriller Vicious (erscheint am 27. November bei FISCHER Tor).

***

David war vor 297 Tagen gestorben.

Vor 294 Tagen hatte Samantha ihn verlassen.

Und vor 293 Tagen hatte er sich in dem Haus eingesperrt, das zunächst ihm gehört hatte, dann ihnen gemeinsam und nun wieder ihm allein. Jetzt hatte er endlich eine Entscheidung getroffen.

Er wusste nicht genau, wann – vielleicht nachdem er das Wasser angedreht hatte und ehe er in die Dusche gestiegen war. Oder vielleicht beim Eingießen der Milch und dem Hinzufügen der Cornflakes. Vielleicht hatten sich aber auch viele winzige Entscheidungen wie Buchstaben zusammengefügt, bis sie ein Wort, eine Phrase, einen Satz ergaben.

Jedenfalls hatte er die Entscheidung gefällt, und nun stand er ganz still an der Küchentheke. Seinen Willen hielt er mit der Kaffeetasse in den Händen, in der Angst, seine Entschlossenheit könnte zerbrechen, sobald er sich bewegte. Er stand da, bis der Kaffee kalt geworden war, und auch später noch, als Jess mit Einkäufen bepackt die Küche betrat.

„Mensch, David“, sagte sie und stellte die Tüten auf die Theke, „hier drin ist’s heiß wie in einer Sauna.“

Seine Schwester ging zur Klimaanlage. Er schluckte. Drei kurze Worte, eine Phrase, ein Satz.

Eine Entscheidung.

„Ich gehe aus“, sagte er.

Jess’ Hand erstarrte über dem Thermostat. „Bitte mach keine Witze.“

Sie hatte ihn wochenlang – ja, monatelang – angefleht, das Haus zu verlassen, und irgendwann aufgegeben. Jetzt glomm in ihren Augen verhaltene Hoffnung auf.

„Ich meine es ernst“, sagte David. „Ich gehe aus.“

Beim zweiten Mal kamen ihm diese Worte bereits wirklicher vor. Jess starrte ihn prüfend an. „Was hat sich verändert?“

„Nichts“, log er. „Es ist einfach Zeit.“

Jess drehte den Thermostat herunter. Dann trat sie wieder an die Küchentheke, die sich zwischen ihnen erstreckte, und stützte die Ellbogen auf. „Wie lang ist es her?“, fragte sie beiläufig, als würden sie nicht beide jeden Tag zählen.

297.

294.

293.

Er fragte sich, welche Zahl er nennen sollte. Die Katastrophe oder ihre direkten Konsequenzen.

„Zweihundertsiebenundneunzig“, antwortete er schließlich, da alles dort im Schnee begonnen hatte.

„Meinst du nicht, du solltest warten, bis du dreihundert geschafft hast?“ Bei diesen Worten verzogen sich Jess‘ Lippen zu einem leichten Lächeln. Aber der Scherz war zu zaghaft, ihr Ton zu behutsam, als befänden sie sich beide auf brüchigem Eis, das beim kleinsten Fehltritt einbrechen könnte. David hatte genau dasselbe Gefühl. Weshalb er so still dagestanden hatte.

„Ich bin bereit“, sagte er und betrachtete die unberührte Tasse in seiner Hand mit dem längst erkalteten Kaffee. Er packte das Porzellan fester, und schon stieg Dampf von der dunklen Flüssigkeit auf.

Eine kleine, bewusste Anstrengung. Die Grenze zwischen Versehen und Absicht war entscheidend. „Ich gehe heute Abend aus.“

„Okay. Großartig“, rief Jess begeistert. „Wirklich großartig. Um sieben bin ich mit der Arbeit fertig, dann schau ich bei dir vorbei und wir …“

David schüttelte den Kopf. „Ich muss es tun.“

Allein. Das Wort hing in der Luft, ungesagt, aber greifbar. Kontrolle brauchte Konzentration. Und die konnte er unmöglich finden, wenn Jess ihm nicht von der Seite wich und ihn beäugte wie ein zerstörtes Puzzle, das sie nur wieder zusammenzusetzen brauchte. Dabei hatte sie noch nicht begriffen, dass sich das Motiv geändert hatte.

David hatte darüber nachgedacht, ihr alles zu erzählen. Hatte das Gespräch mindestens hundertmal im Kopf durchgespielt. Vielleicht würde er es heute Abend endlich tun. Sie nach seinem kleinen Ausflug anrufen und ihr erzählen, warum Samantha gegangen war, warum er sein Haus 293 Tage lang nicht verlassen hatte und warum er immer noch fror, egal, wie hoch er den Thermostat auch drehte. Alles würde Sinn ergeben und Jess verstehen, dass er nicht verrückt geworden war. Sondern nur Angst hatte.

Und dass ihm kalt war. Heute Abend, dachte er entschlossen, stellte die Kaffeetasse ab und begann, die Einkäufe auszupacken. Behutsam nahm er den Milchkarton, die Äpfel und das Steak in die Hand, als wären sie Griffe, Vorsprünge im Fels, die bei jeder unvorsichtigen Bewegung nachgeben könnten. In der allerersten Woche waren jegliche Lebensmittel, die er anfasste, zu Asche geworden. Jetzt hielt er einen Granny Smith in der Hand und bewunderte die grüne, glänzende Schale.

Er war bereit.

Hinter ihm nahm Jess seine Kaffeetasse in die Hand. „Verdammter Mist“, fluchte sie und ließ die Tasse fallen. Das Porzellan zersprang auf dem Boden, und Kaffee ergoss sich über die Fliesen. „Mist, Mist, Mist“, murmelte sie und schüttelte die Hand.

„Alles okay?“ David ging in die Hocke und begann, die Scherben aufzusammeln.

„Pass bloß auf“, sagte Jess und ließ kaltes Wasser über ihre Finger laufen. „Die sind verdammt heiß.“

David nickte zerstreut, während er die Bruchstücke von der Handfläche in den Mülleimer fallen ließ. Taube Nerven, hatte er ihr erzählt. Vom jahrelangen Klettern im Eis.

Das solltest du mal einem Arzt zeigen, hatte sie gesagt.

Da hast du sicher recht, hatte er geantwortet.

„Tut mir leid“, sagte er jetzt und wischte den Kaffee mit einem Geschirrtuch auf.

„Du kannst doch nichts dafür“, sagte sie. Noch hatte sie keine Ahnung. „Die Sauerei tut mir leid.“ Sie sah auf die Uhr. „Verdammt, ich bin schon zu spät dran.“ Jess unterrichtete in der zweiten Klasse an einer Grundschule. Davids Sohn, Jack, ging dort in den Kindergarten. Ihn hatte er vor 294 Tagen das letzte Mal gesehen.

„Geh ruhig“, sagte David und wrang das Geschirrtuch aus. „Ich schaff das schon.“

Jess rührte sich nicht von der Stelle. Sie starrte ihn mit zusammengekniffenen Augen an, als versuchte sie vergeblich, ihn zu entziffern. „Ich bin stolz auf dich, Dave“, sagte sie schließlich und berührte seine Schulter. Er stand stocksteif da. „Ruf an, wenn du wieder zu Hause bist, okay?“

David nickte. „Klar, mach ich“, sagte er ruhig. Dabei hatte er entsetzliche Angst, das Haus zu verlassen.

 

David war vor 297 Tagen gestorben.

Abgesehen von dem Zähler, der in seinem Kopf tickte, und seiner … Beeinträchtigung war ein gerahmtes Foto die einzige Erinnerung an jenen Tag. Ein gerahmtes Foto auf der Kommode neben seinem Bett, das David mit strahlendem Gesicht zeigte, in voller Montur und bereit für den Aufstieg. Um ihn herum Schnee, der in der Sonne glitzerte, und hinter ihm der Rest des Teams, sechs weitere Kletterer. David hielt drei behandschuhte Finger hoch. Ein Meilenstein. Sein dreißigster Aufstieg.

David fotografierte nur ungern, aber Jackson - einer seiner Kletterpartner, ein Teilhaber in Davids Firma – trug immer eine Kamera bei sich. Das Blinken des Objektivs in der Sonne führte das Rettungsteam später zu seiner Leiche.

Den Augenblick muss man festhalten, hatte Jackson gesagt und auf den Auslöser gedrückt. Erinnerungen verblassen.

Genau wie Fotos, hatte David damals gedacht und lächelnd in die Kamera gesehen.

Jetzt nahm er das Foto von der Kommode und fuhr mit dem Finger über den Rahmen. Sofort beschlug das Glas.

Manche Menschen konnten vergessen, dachte er. Ihnen stößt etwas Schlimmes zu, aber dann greift ihr Geist ein und begräbt das Unglück tief in ihrem Inneren. Alles, was davon bleibt, ist eine weiße Fläche in ihrem Kopf, wie von frischem Schnee bedeckt. Bei diesem Anblick – bei ihrem Anblick – käme niemand auf den Gedanken, dass dort irgendetwas verborgen liegt.

 

Manche Menschen konnten vergessen, aber David erinnerte sich an alles. An die schwindelnde Erregung des Aufstiegs. An die Stimmen der anderen hinter ihm, die der Wind davontrug. An das Knirschen des gefrorenen Schnees. An Geräusch und Form seines Atems in der Luft. Und dann irgendwo, zwischen zwei Atemzügen, ein fernes Zischen. Wie ein Seufzer, aber bedrohlicher. Er riss den Kopf hoch und sah eine weiße Wand, die sich vor den Himmel geschoben hatte.

Er erinnerte sich an den schier endlosen Moment der Stille, bevor der Schnee ihn mit sich riss, und an den Albtraum danach. An die grässliche Kälte, die sich durch seine Kleidung fraß, seine Haut durchdrang und sich in seine Knochen verbiss. Er konnte an nichts anderes mehr denken als an die Kälte. Und seinen sehnsüchtigen Wunsch nach Wärme.

Werd warm, werd warm, werd warm …, flehte er im Rhythmus seines Pulses, leise und immer langsamer, bis er keine Luft mehr bekam, seine Gedanken gefroren und sein Herzschlag verstummte.

Vor 297 Tagen war David gestorben. Und am selben Tag in einem Krankenzelt im Basislager wieder zum Leben erwacht. Keuchend und mit vor Kälte klappernden Zähnen hatte er sich aufgesetzt. Seine Glieder waren mit Wärmepads bedeckt, vor ihm stand der Sanitäter mit dem summenden Defibrillator in der Hand.

Jackson hatte es nicht geschafft.

Keiner außer David hatte es geschafft.

Ein paar Wochen später fand er im Briefkasten einen Brief von Jacksons Frau Anita. Er bat Jess, den Brief für ihn zu öffnen. Darin befanden sich das Foto und eine kurze Nachricht.

Das ist alles, was bleibt.

Jetzt löste David die Metallklammern, die den Rahmen zusammenhielten, und zog das Foto heraus. Er nahm es zwischen zwei Finger. Einen kurzen Augenblick lang geschah nichts. Dann wurde das Foto schwarz und kräuselte sich.

Es ging nicht in Flammen auf. Nichts ging in Flammen auf.

Sondern alles wurde von Hitze zerfressen.

Das Foto – sein Gesicht mit dem breiten Lächeln und der wettergegerbten Haut, die drei ausgestreckten Finger – zerfiel zu Asche.

Was hat sich verändert?, hatte Jess gefragt.

In Wahrheit hatte er, David, sich verändert. Er war so tief gefallen, und der Weg zurück nach oben war so entsetzlich mühsam gewesen – ein paar Zentimeter am Tag, die er an anderen Tagen wieder hinuntergerutscht war -, aber er hatte sich zurück zum Gipfel gekämpft. Von wo aus er ein Leben sehen konnte. Nicht sein eigenes, das war weg. Aber immerhin ein Leben.

Es war Zeit für einen Neuanfang.

 

Vor 294 Tagen hatte Samantha ihn verlassen.

Hätten Davids alte Kollegen oder Samanthas Freunde ihn zu Hause besucht, wäre ihnen als Erstes aufgefallen, dass der Krempel verschwunden war.

David hatte den ganzen Kram noch nie besonders gemocht, während Samantha ganz verrückt danach war. Sie hatte ein kleines Vermögen für allerlei Tand ausgegeben – für Wandteppiche, Drucke und alles, was ihr unter die Finger kam. Jeder Zentimeter freier Fläche – Theke, Tische, Regale – war ihr ein Dorn im Auge und musste gefüllt werden.

Auch negativer Raum hat seine Berechtigung, Sam, hatte David gesagt und Samanthas jüngste Neuanschaffung in der Hand gedreht und gewendet. Denn genau das war das Klettern für ihn: eine körperliche Umsetzung des Prinzips von positivem und negativem Raum. Die riesige schneeige Weite, die das kleine Menschlein darin erst sichtbar werden ließ.

Meine Hobbys sind zumindest nicht lebensgefährlich, antwortete sie, nahm ihm ihre Trophäe aus der Hand und küsste ihn leicht auf die Wange.

Als Samantha nach dem Unfall und dem Streit mitten in der Nacht ging, ließ sie ihren ganzen Kram zurück. Das Einzige, was sie mitnahm, waren Jack und zwei Koffer. David blieb mit dem ganzen Krempel allein zurück. Das meiste davon zerstörte er in den ersten Wochen danach, ein paar ausgewählte Dinge aus Wut (die widerliche Lampe, die hässlichen Buchstützen und die Statue auf der Veranda). Alles andere aber fiel seinem verzweifelten Versuch zum Opfer, die Kontrolle zurückzugewinnen – während er erneut lernen musste, etwas zu berühren, es zu halten. Zu leben.

Und warm zu werden.

Nach dem Unfall hatte man ihn mit dem Hubschrauber vom Berg geholt. Bevor sie ihn einluden, gaben ihm die Rettungssanitäter eine Decke. Die ihn nicht wärmte. Als er sie enger um sich zog, begann der Stoff feuerrot zu glühen und zerfiel in seinen Fingern. David starrte seine aschgrauen Handflächen an, während die Sanitäter sich um ihn scharten. Sie gaben ihm eine zweite Decke, die er nicht zu berühren wagte. Stattdessen umklammerte er eine Stange an seiner Trage. Die ebenfalls zu glühen begann. Er konnte die Hitze nicht spüren, aber als kurz darauf ein Sanitäter das Metall mit dem Arm berührte, blieb seine Haut daran kleben.

Eine Fehlfunktion, nannten sie es.

Nach der Landung versuchten die Ärzte vergeblich, David dazu zu bringen, die Fäuste zu öffnen. Schließlich gaben sie auf. Trauma, trugen sie in seine Krankenakte ein. Sie versprachen, am Morgen wieder nach ihm zu sehen.

Aber da war er bereits verschwunden.

David hatte zwei Krankenschwestern und einen Pfleger bestochen und sich selbst entlassen, da er panische Angst davor hatte, als eine Art Freak auf dem Seziertisch zu landen. Später wünschte er sich, er wäre nicht nach Hause zurückgekehrt, sondern hätte die Kraft gefunden, wegzulaufen. Von seiner Familie. Seinem Leben. Von allem, das er zerstören konnte. Stattdessen stand er am Eingangstor, wo ihn das Taxi abgesetzt hatte, starrte das riesige, vollgestopfte Haus an und sehnte sich verzweifelt nach seiner Familie. Nach einem letzten Wiedersehen, um sich zu verabschieden.

Samantha fiel ihm um den Hals, Jack klammerte sich an sein Bein und wollte hochgenommen werden. David ließ die Arme hängen, die Hände zu Fäusten geballt, da er panische Angst davor hatte, die beiden zu berühren. Samantha sagte, er sehe müde aus. Sie gingen schlafen. Er wollte ein letztes Mal ihre Nähe spüren. In der Dunkelheit lag er neben ihr, die Arme um sich geschlungen – ohne dass ihm wärmer wurde -, um Samantha vor sich zu schützen. Doch das reichte ihr nicht.

Sie versuchte, ihn zu umarmen. Er stieß sie weg.

So fing der Streit an. Gestritten hatten sie im Laufe der Jahre schon oft. Angefangen mit kleinen Wortgefechten bis zu lautstarken Auseinandersetzungen; er arbeite zu viel, sie gebe zu viel Geld aus. Aber diesmal war es anders.

David erkannte die Chance, ihr die Freiheit zu geben. Sie gehen zu lassen. Ein schrecklicher, dumpfer Schmerz breitete sich in ihm aus, als er ihr grausame Dinge an den Kopf warf. Alles, was ihm einfiel, um sie von sich wegzustoßen.

Manches war die Wahrheit. Das meiste gelogen.

Dann passierte etwas Entsetzliches.

Sie wollte ihn ohrfeigen, woraufhin er sie am Handgelenk packte.

Er hatte ihr nicht wehtun wollen. Hatte nur eine Hand im Reflex gehoben, um sie abzuwehren. Sobald seine Finger jedoch ihre Haut berührten, schrie sie laut auf. Er ließ sie sofort los, aber es war bereits zu spät. Brandblasen bildeten sich, und eine feuerrote Schwellung in Form seiner Hand.

Samantha wich entsetzt von ihm zurück.

Eine Fehlfunktion.

Er versuchte, sich zu entschuldigen, ihr alles zu erklären, aber sie begriff nicht. Weil er selbst nicht begriff, was mit ihm los war.

Kurz darauf verließ sie ihn. Mitten in der Nacht lud sie Jack und zwei Koffer ins Auto und fuhr davon. David und sein Trauma blieben im Haus zurück.

Ein paar Tage lang versuchte David sich einzureden, dass sich – sobald er die Kontrolle zurückgewann – alles wieder einrenken würde. Er sich diesen Teil seines Lebens zurückholen würde. Aber im Grunde wusste er, dass das nicht möglich war. Egal, wie sehr er sich im Griff hätte - es würde nie reichen, um seine Frau an sich zu drücken und seinen Sohn auf den Arm zu nehmen.

Die Scheidungsunterlagen waren die einzigen Papiere im Haus, die er nicht verbrannt hatte. Noch hatte er sie nicht unterzeichnet, aber demnächst würde er es tun.

Nach heute Abend, sagte er sich.

 

Seit 293 Tagen hatte er sein Haus nicht mehr verlassen.

Jetzt stand er an der Eingangstür und überprüfte, ob er alles dabei hatte. Schlüssel, Brieftasche, Handy - jeder Gegenstand gab ihm ein kurzes Gefühl von Kontrolle. Sowie die willkommene Möglichkeit, den entscheidenden Moment ein klein wenig hinauszuzögern. Schuhe. Hose. Hemd. Jacke. Er war geduscht und rasiert, aber diese täglichen Rituale hatte er auch in der Zeit seines Rückzugs nicht vernachlässigt. David war und blieb ein Gewohnheitstier. Das Haar, das Jess ihm letzte Woche geschnitten hatte, trug er zurückgekämmt.

Ich bin bereit.

David berührte den Türknauf – der sich nicht erwärmte – und drehte ihn. Trat über die Schwelle. Schloss die Tür hinter sich. Sperrte hinter sich ab. Setzte einen Fuß vor den anderen. Er ging zum Eingangstor, trat auf die ruhige Straße hinaus und begann zu gehen. An jeder Kreuzung blieb er stehen und fragte sich, ob er umdrehen sollte oder den Weg fortsetzen.

Er ging weiter.

Das Haus der Lanes lag nur eine gute Meile vom Stadtzentrum entfernt. Und bereits nach kurzer Zeit füllten sich die Straße und der Gehweg, die zuvor noch verwaist gewesen waren. Plötzlich fand er sich an einer Kreuzung inmitten zahlreicher Menschen wieder. Sein Herz schlug schneller, und er blieb stehen, während alle anderen weitergingen. Dabei dehnte er die Finger und redete sich ein, dass alles in Ordnung war. Er zupfte ein Blatt von der Hecke hinter sich und hielt es in der Hand. Nichts passierte. Erleichtert ließ er es fallen und überquerte die Straße.

Ihn überkam das Gefühl, beobachtet zu werden. Er suchte die Umgebung ab und erblickte nur ein paar Menschen – eine ältere Frau, zwei Teenager und einen jungen Mann -, aber keiner davon sah ihn an. Er musste sich getäuscht haben. Nach fast einem Jahr der Einsamkeit war es auch kein Wunder, dass er sich von neugierigen Blicken verfolgt fühlte.

Er ging weiter.

An mehreren Läden vorbei, an ein paar Restaurants und einer Bar. Dort blieb er stehen.

Auf dem Schild über der Tür stand McKillan’s. Samantha verabscheute Bars. Konnte den Lärm, den Rauch und die klebrigen Böden nicht leiden.

David öffnete die Tür.

Die Welt wurde kleiner. Die Menschen rückten näher. Er verdrängte jeden Gedanken daran, wie schnell die hölzerne Hülle des Gebäudes verglühen könnte, während er zur Bar ging, sich auf einen Barhocker setzte und die verschränkten Hände vor sich auf den Tresen legte. Er bestellte einen Gin Tonic, dann einen zweiten. Und einen dritten. Ging zur Toilette. Und als er an seinen Platz zurückkam, wartete dort ein Bier auf ihn.

„Von der Lady dort drüben“, sagte der Barkeeper und deutete auf das Ende der Theke. „Sie sagt, Sie könnten’s vermutlich gebrauchen.“

David drehte sich auf dem Barhocker nach der Frau um. Sie hatte rote Haare, noch rötere Lippen und die dunkelsten braunen Augen, die er jemals gesehen hatte. Alles an ihr schien … warm zu sein. Er zögerte, dann nahm er das Bier und setzte sich neben sie.

Sie hieß Christa. Wenn sie etwas sagte, berührte sie seinen Arm, und er lehnte sich ihrer Wärme entgegen. Nach dem ersten Bier vergaß er die vielen Menschen um sich herum. Nach dem zweiten die Tage – Wochen, Monate – des sorgfältigen Planens. Und nach dem dritten war jeder Gedanke an seine Angst und seine Fähigkeit verschwunden.

Als er die Bar wieder verließ, war er so betrunken, dass er Christas Nummer auf der Serviette kaum mehr lesen konnte. Beim Hinausgehen kam ihm der junge Mann am Tisch in der Ecke irgendwie bekannt vor. Keine Ahnung woher.

Er spazierte den Gehsteig entlang und fühlte sich so gut wie seit 297 Tagen nicht mehr. Drinnen war es laut gewesen, aber hier draußen auf der Straße hörte David ein leises Piepsen. Er hatte eine Nachricht bekommen. Umständlich holte er das Handy aus der Tasche, drückte auf einen Knopf und hielt es sich ans Ohr.

Während er weiterging, hörte er Jess’ Stimme: „Hi Dave“, sagte sie. „Hier ist deine kleine Schwester. Hoffentlich bist du nicht gleich am Eingangstor wieder umgekehrt. Hab dich lieb. Pass auf dich auf.“

Er steckte das Handy wieder ein. Als er hochsah, stellte er fest, dass er, ohne es zu merken, in eine Gasse eingebogen war. Auf halbem Weg zurück zur Hauptstraße stieß er mit dem Fuß gegen einen herumliegenden Stein und geriet ins Stolpern. Instinktiv streckte er eine Hand aus und fing sich in allerletzter Sekunde an der Hintertür eines Restaurants ab.

Ein einziger Moment der Unaufmerksamkeit reichte. Durch das plötzliche Taumeln und den Schmerz des Aufpralls verlor er kurz die Kontrolle. Hastig zog er die Hand zurück, doch ihr Abdruck hatte sich bereits in die Tür eingebrannt.

Verdammter Tollpatsch, dachte David ärgerlich und richtete sich auf. Dabei war bis jetzt alles so gut gelaufen.

Er wollte weiter in Richtung Hauptstraße gehen, aber da sah er, dass jemand ihm den Weg versperrte. Hier in der Gasse war es ziemlich finster, zudem vernebelte ihm der Alkohol immer noch die Sinne, sodass er zunächst nur einen dunklen Umriss erkannte. Als die Gestalt auf ihn zukam und an Konturen gewann, runzelte David die Stirn.

Es war der junge Mann aus der Bar. Den er – jetzt fiel es ihm wieder ein – vorher schon an der Straßenecke gesehen hatte. Der Fremde trug dunkle Jeans und ein langärmliges Hemd. Er sah kaum alt genug aus, um sich in einer Bar herumzutreiben.

„Kann ich dir helfen, Junge?“, fragte David.

Der Fremde ging mit langsamen, festen Schritten auf ihn zu. David rief: „He, ich rede mit dir!“

Der junge Mann blieb vor der Tür mit Davids Handabdruck stehen.

„Der Menschensohn“, sagte er leise und berührte das Holz, „wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gesetzloses getan haben.“ Er ließ die Hand wieder sinken. „Und werden sie in den Feuerofen werfen.“

Die Augen des Fremden funkelten im Dunkeln.

„Was zum Teufel soll das Geschwätz?“, fragte David.

„David Lane“, sagte der Mann.

David lief ein Schauer über den Rücken. „Woher kennst du meinen Namen?“

„Du hast dich gegen Gott versündigt.“

„Wer bist du?“

Plötzlich hatte der Mann ein Messer in der Hand. „Einer Seiner Engel.“

David wich stolpernd ein paar Schritte zurück, bis er mit dem Rücken gegen einen Müllcontainer stieß. Und ehe er davonlaufen konnte, stand der Fremde wieder vor ihm. „Bitte, nicht …“

In diesem Moment bohrte sich ihm das Messer in die Rippen. Gleißender Schmerz durchfuhr ihn – heißer als alles, was er in den vergangenen 297 Tagen gespürt hatte -, und die Knie gaben unter ihm nach. Im Fallen griff er nach dem Fremden und krallte die Finger in seinen Ärmel, woraufhin der Stoff zu Asche zerfiel und das Fleisch darunter zu verschmoren begann. Der Mann knirschte mit den Zähnen, hielt David aber dennoch unbarmherzig fest. David spürte, wie ihn die Kräfte verließen und seine Finger sich öffneten. Daraufhin zog der Fremde das Messer heraus. Über alles legte sich Stille. Sogar der Aufprall seines eigenen Körpers auf dem Boden drang nur wie von fern an Davids Ohr. Dann spürte er, wie die Kälte in ihn eindrang. Nicht scharf und beißend, wie damals im Schnee, sondern langsam und stetig.

Werd warm, flehte er, aber seine Hände lagen nutzlos auf dem Pflaster. Werd warm, befahl er sich, aber um ihn herum war nur Kälte. Kälte und Stille, die nach ihm griffen, ihn mit sich zogen. Das Letzte, was David sah, war der Fremde, der das Kreuzzeichen schlug, während die Brandwunde an seinem Arm verheilte.

Dann kam die Dunkelheit und begrub David Lane unter einer Decke aus Asche.

 

***

Aus dem amerikanischen Englisch von Petra Huber

 

© 2013 by V.E. Schwab. Alle Rechte vorbehalten.

Erstveröffentlichung unter dem Titel „Warm up“ am 20. August 2013 auf www.tor.com

 

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 13. Dezember, genau hier.

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