Kurzgeschichte am Fiction Friday: Hoffnung ruft Angst (Dietmar Dath)

Foto: Jörg Steinmetz / © mysticsartdesign - pixabay

FICTION FRIDAY

Hoffnung ruft Angst (Dietmar Dath) – Teil 2


Zehn Jahre in die Zukunft gedacht: Unsere Welt ist komplett durchprogrammiert. Waffen, Universitäten, Medikamente, Psychotherapeuten. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand kleine digitale Bomben in die Programme schmuggelt?

Dietmar Daths Near-Future-Erzählung »Hoffnung ruft Angst« stammt aus der Anthologie »2029 – Geschichten von morgen« (suhrkamp taschenbuch), in der elf bekannte Gegenwartsautor*innen ihre Sicht auf die nahe Zukunft in Worte gegossen haben.

***

(13)

»Kommt dein Bruder jetzt eigentlich gar nicht mehr runter? Nicht mal mehr zum Frühstück?«

Der Polizist spricht, als wäre seine zwölfjährige Tochter Bianca eine Verdächtige. Deshalb legt Angelika ihm beide Hände auf seine Rechte und drückt sie sanft auf den Tisch, um seine Stimmung zu glätten. Sie schaut ihn warnend an, er schmatzt ungehalten.

Das Mädchen sagt: »Darf ich gehen?«, nicht spitz, eher scheu, Bianca möchte so schnell wie möglich zur Schule, das heißt: hier raus.

»Ja«, sagt der Vater, »ist recht, hau schon … ich meine, geh nur. Viel Spaß.« Das Kind beeilt sich mit dem Verschwinden. Als es fort ist, fragt Angelika ihren Mann: »Musst du das alles eigentlich immer an ihr auslassen?«

Er seufzt: »Nee. Nee, muss ich nicht. Aber es stimmt, oder? Wie lange ist der Junge jetzt da oben?«

»Wenn er die Prüfung nicht schafft, Sha …«

»Verstehe, ich soll ihm seine endlosen Lernsessions da oben lassen, sonst werden wir ihn nie los. Angelika, du kennst mich. Ich habe einen Riesenrespekt vor Leistung … Als ich vor dreißig Jahren hergekommen bin aus Afghanistan, aus diesem … Ich bin dem System, das es hier damals gab, dankbar, wenn sich das jetzt nicht bekloppt anhört, einem System dankbar sein …«

Sie nickt ihm ermutigend zu, sie begreift, was er sagen will. Allert fährt fort: »Der Mann, der mich in seine Familie aufgenommen hat, das war ja auch ein Akademiker, ein … Ich dachte immer, wenn meine Kinder mal zur Uni gehen …« Er atmet unzufrieden aus, ein Stoßpfeifen, steht auf, nimmt seine Tropfen.

»Wieder Be?«, es ist ein leichter Tadel; sie sieht es nicht gern.

Er sagt: »Reflexe. Beschleunigung, du weißt doch … Wenn ich die früh nehme, dann bin ich besser vorbereitet. Guck nicht so.«

Sie kommentiert das lieber nicht, sondern hilft ihm beim Abräumen des Geschirrs, beim Spülen in der Küche. Sie turteln ein bisschen, versichern einander wortlos, dass sie füreinander da sind.

 

»Es ist alles weg.« Der Satz fällt wie ungekautes Essen aus dem Mund des einundzwanzigjährigen Thomas Allert, der auf der untersten Stufe der Treppe zum oberen Stockwerk steht. Der Junge hat dunkle Ringe unter den Augen.

Er lächelt verlegen, dann kratzt er sich am Kopf und erklärt: »Meine … Meine Kurse sind weg. Meine Dozenten sind weg. Alles weg.«

 

(14)

Florian Zöchling liegt auf seinem Krankenbett, Kamalakara sitzt neben ihm, Shahnahwaz Allert, in Uniform, steht als deutscher Liaisonbeamter des Amerikaners vor dem medizinischen Monitor. Zöchling sieht suchend vom amerikanischen zum deutschen Ermittler und zurück, dazu gluckst er manchmal, schluckt hörbar oder blinzelt.

Geduldig stellt Kamalakara ihm zum zehnten Mal dieselbe Frage: »Sie wissen also wirklich nicht, ob Frau Baensch noch Kontakte zu anderen Leuten hatte, bei Sea Horse oder in ihren alten akademischen Kreisen? Freunde, Freundinnen, ehemalige Partner?«

»Die Sonne«, sagt der Leidende mit großer Dringlichkeit, »Sie werden die ganze Sonne auseinandernehmen. Sie müssen das. Das ist das, weil, wenn Sie an die Asteroiden denken, oder sogar Jupiter … Die Treibstoffkosten sind höher als jeder Gewinn, wenn man die Ressourcen erschließen würde, das ganze Sonnensystem … das ganze Sonnensystem rechnet sich nicht, es muaß sich aber rechnen, man will ja die G’sellschaft führ’n wie a Firma, die Leut’ san Klienten, und wenn … wenn die renitenten …da muaß ma … dann machen sie Biodiesel aus denen … Wenn kaaner als Vormund, verstehn’s nicht … wenn … wenn kaaner …«

»Es hat keinen Zweck«, sagt Allert erschöpft. »Aus dem holt niemand mehr was raus. Vergessen Sie’s, Kamalakara.«

Der Amerikaner schließt die Augen, massiert sich die Schläfen.

Florian Zöchling schluckt wieder, saugt Luft durch die Nüstern wie ein Drache, dann erwidert er Kamalakaras Blick plötzlich fest und klar und sagt: »Sie hat Recht gehabt. Sie hatte recht. Wahrscheinlichkeit. Bayes. Das ist alles, darauf kommt es an. Deep Learning.«

»Deep Learning«, wiederholt Kamalakara, als müsste er die Worte schmecken, um sie zu verstehen. Sein deutscher Kollege fragt: »Das sagt Ihnen was? Deep Learning?«

»Computer«, erwidert Kamalakara knapp. »Es ist was, das Computer können.«

(15)

Florian und Tascha liegen nebeneinander in einem breiten Bett. Sie liest ihr Buch, dann legt sie es auf den Nachttisch, nimmt ihr Fläschchen, tropft sich beide Augen. Er sieht unzufrieden aus. Sie stellt das Fläschchen aufs Buch und schaut ihn herausfordernd an.

Er sagt: »Echt? Vor dem Schlafengehen auch? Bist ganz sicher, dass das guat is?«

Sie sagt: »So ist mir der Jesusplan eingefallen. Im Traum. Be optimiert meine Träume, nicht nur mein Wachbewusstsein, Süßer.«

Er sieht das nicht ein: »Und die Risikogruppenstudie, die ist dir egal?«

»Was denn für …« flötet sie kokett, aber er unterbricht: »Ich hab’s mitgekriegt, dass du nicht mehr gut schläfst. Was kommt als Nächstes? Angstzustände? Wie du die Kaffeetasse hältst, manchmal, ist das schon ein Tremor? Hast am End’ vielleicht … Wie schaut’s aus, Nebenwirkungen – Schwäche, Benommenheit, Asthenie? Verschwimmt’s dir manchmal im Blick, was is mit Übelkeit? Tachykardie? Wie lange soll ich warten, Tascha? Neuroleptisches Syndrom, Dyskinesie, Krampfanfälle, zum Schluss ein Hirnschlag …«

»Was soll ich machen, es absetzen? Das ist auch nicht ungefährlich.«

»Einen Test. Mach wenigstens den Test, ob du zu den Risikogruppen gehörst.«

Sie stößt ein höhnisches Schnauben aus.

»Was?«, er lässt sich nicht von seiner Warnung abbringen.

Sie kommt aus der Reserve: »Dein famoser Test da … Es gibt falsch positive Testergebnisse, weißt du das? Nach der Regel von Bayes …«

»Fängst du jetzt wieder an mit deiner Wahrscheinlichkeit und …«

»Bedingte Wahrscheinlichkeit«, belehrt sie ihn spitz und fährt fort: »Gut, Florian, reden wir ernsthaft. Jede gescheite Wahrscheinlichkeitstheorie seit Bayes, jede, mit der wir das machen können, was wir am meisten machen wollen, sagt nicht einfach was drüber, wie wahrscheinlich irgendein Fall A ist, sondern vor allem darüber, wie wahrscheinlich ein Fall A für den Fall ist, dass ein Fall B vorliegt. Dieses B, das wäre so ein Test. Oder B sind Wolken, und A ist Regen – wie wahrscheinlich ist der Regen, wenn Du die Wolken siehst? Die Wolken rufen den Regen, aber die Frage ist, wie laut rufen sie, und wie erfolgreich? B ruft A. Armut ruft Verbrechen, Hunger ruft Verzweiflung, Liebe ruft Sex und Sex ruft übrigens Liebe. Du kennst die Gleichung, du kennst die Regel, die Bayes gefunden hat, und nach der wir alle rechnen und programmieren und lernen und arbeiten: Die Wahrscheinlichkeit von A, also P von A, wenn B da ist und A ruft, also P von A gerufen von B«, – Florian sieht die korrekte Notation im Geist: A|B, und Tascha fährt fort, »das ist gleich der alleinigen Wahrscheinlichkeit von A, nicht gerufen von B, multipliziert mit der Wahrscheinlichkeit, dass B wiederum umgekehrt von A gerufen wird, und dieses Produkt dann noch geteilt durch die Wahrscheinlichkeit von B alleine.«

Florian hat die alte Formel vor Augen: 

Hoffnung ruft Angst - Dietmar Dath

»Okay. So, mein Süßer«, sie atmet tief durch, dann sagt sie: »Ein Prozent. Ein Prozent aller Menschen sind anfällig für die Nebenwirkungen, von denen du redest. Das wissen wir, dank dieser Studie.«

Er wirft vorsichtig ein: »So abstrakt klingt das nicht gefährlich. Aber konkret heißt das, von hundert Leuten sollte eine Person Be lieber nicht nehmen. Und weißt du, wie viele Leute das Zeug benutzen? Millionen san’s, und …«

»Ja«, gibt sie ihm offensiv recht, »Millionen, aber es gibt deinen Test, schon vergessen? Nur, pass auf, das Dumme ist, wie alles auf der Welt ist auch der nicht hundertprozentig sicher. Er hat eine Rate von falsch positiven Ergebnissen. Kennst du die?«

Seine Miene verrät ihr, dass er diese Rate nicht kennt. Tascha lässt ihn nicht im Unklaren: »Zehn Prozent. Zehn Prozent der Leute, die nicht anfällig sind, kriegen trotzdem mitgeteilt, sie wären’s, von deinem Test da. Also, nimm mal an, du machst diesen Test, und der sagt dir, du bist anfällig, wie wahrscheinlich ist das dann, dass du es tatsächlich bist?«

Er hat keine Lust: »Was weiß ich, die Unzuverlässigkeit ist nur zehn Prozent, also bist du zu neunzig Prozent anfällig, wenn er dir sagt, du bist anfällig …«

»Ach, Schwachsinn. So ist das eben mit Leuten, die nur programmieren und gar nicht mehr wissen, welche Wirklichkeit eigentlich … Wie plötzlich alle nicht mehr kopfrechnen konnten, als die Taschenrechner kamen, und jetzt, seit den Algorithmen, kann keine Sau mehr Wahrscheinlichkeit. Denk doch mal mit: Ein Prozent der Menschheit ist anfällig, das ist die base line. Das musst du einsetzen, in den Bayes. Ein Prozent, der Anteil der Menschheit, der anfällig ist, kriegt den Befund sowieso, und von den neunundneunzig Prozent, die nicht anfällig sind, kriegen zehn Prozent einen positiven Befund, da sind wir also bei zehn Komma neun Prozent insgesamt, das ist die Wahrscheinlichkeit für den positiven Befund an sich. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, dass du wirklich anfällig bist, wenn du einen positiven Befund hast, null Komma null eins multipliziert mit eins geteilt durch null Komma eins null neun, sprich …«

Er rechnet es rasch im Kopf, um ihr zu beweisen, dass er kein Idiot ist, und sagt: »Irgendwas mit null Komma null neun eins sieben vier drei eins … eins … neun …«

»Ja. Genau. Neun Komma eins sieben Prozent, in etwa. So wahrscheinlich ist das, dass ich anfällig bin, wenn mir der Test sagt, ich wär’s. Und auf einen dermaßen unzuverlässigen Test, mein Liebster, auf den scheiße ich, verstehst du?«

Ihm geht ein Licht auf: »Was du mir eigentlich sagen willst, ist, du hast dich testen lassen, und der Test sagt, du bist anfällig. Richtig?«

»Ach, halt den Mund«, sagt sie, und sorgt mit einem Kuss dafür.

 

(16)

Jochen Faller klettert mitten in der Nacht über ein Geländer auf einer eisernen Brücke am Stadtrand, direkt über den Eisenbahnschienen. Er hält sich am Eisen fest, schaut hoch zum Mond. Er sagt: »Therapeut«, dann lacht er, weil auf der Mondscheibe weder ein Seepferdchen noch das Gesicht von Sigmund Freud erscheint.

Er lässt los.

 

(17)

Elisabeth Kuhn bekreuzigt sich am offenen Grab. Menschen kondolieren ihr, alte und sehr alte, nur drei unter den siebzehn Trauergästen sind jünger als Fünfzig. Als die Gruppe auseinandergeht, tritt ein Mann an sie heran, den sie bislang nicht bemerkt hat und der ihr unpassend gekleidet scheint: hellblaue Jeans, rotbraune Wildlederjacke. Immerhin, er spricht nur halblaut: »Frau Kuhn, ich möchte Sie bitten, mitzukommen.«

»Mit… wieso? Wohin?« fragt sie irritiert, als ihr Blick am Pfarrer vorbei die beiden Beamten in Uniform streift, die ihrerseits den Mann in der Wildlederjacke beobachten, mit dem sie hergekommen sind und der jetzt erklärt: »Lassen Sie uns das hier diskret tun. Wir sollten respektvoll sein.«

Elisabeth sagt in flachem, leblosem Ton, als wäre sie gar nicht anwesend: »Ich bin respektvoll. Es ist meine Mutter.«

Der Polizist nickt traurig und bietet ihr dann, mehr aus Verlegenheit als aus praktischen Erwägungen, seinen rechten Arm an, damit sie sich daran festhalten kann.

Sie akzeptiert das nicht, folgt ihm aber, ohne Einwand, ohne Worte und ohne Reue.

 

(18)

Eine Performance von Schlafwandlern, die nebeneinanderstehen wie Bäume im Wald: Hunderte von Menschen auf dem Trading Floor, alle Augen geschlossen, tippen frenetisch in die Luft. Manche blinzeln, man sieht, dass ihre Augen gerötet sind.

Einer, recht nah am Rand, öffnet die Augen ganz, er telefoniert beim Rausgehen, verlässt die Frankfurter Börse und sagt auf dem Vorplatz: »Was? Was? Nein, ich verpass schon nichts. Es ist gelaufen, Chef. Es ist … wir sind durch, das ist der Untergang, das war’s. Kaufen Sie Lebensmittel, kaufen Sie vor allem Wasser und Milch. Wie? Nein. Nein, ich … nein, hören Sie, dranbleiben, was soll das sein? Woran bleiben? Wer sich an irgendwelchen Werten festhält, wenn das Ganze ins Klo gespült wird, der rauscht nur mit nach unten. Vergessen Sie’s, wirklich.«

 

(19)

Kamalakara steht vor einer altmodischen Projektionswand. Die deutschen Ermittlungsbehörden, hat er lernen müssen, benutzen so was noch, nicht alle Wände hier sind Fotoflächen. Sieben Deutsche sitzen vor ihm an einem großen Konferenztisch, darunter Shahnahwaz Allert. Kamalakara erklärt Diagramme: »Das ist der Grund, warum wir glauben, dass sie nicht allein gehandelt haben kann. Sie hat ihre Fallen in der Software von Firmen untergebracht, die Code verkauft haben, der andere Programme schneller machen sollte, Konnektivitäten optimieren oder … Die Flugaufsicht in Los Angeles, die börsennotierte Firma, der Trader oder die Generalität lassen sich von Leuten beraten, wie sie das, was sie gerechnet haben wollen, besser rechnen lassen konnten. Und diese Leute verkaufen ihnen Programme, und in diesen Programmen nisteten die kleinen Monster der … Terroristin, die wir Frau Tau nennen. Das war ihr Pseudonym bei den … Wir haben das immer nur bis zu Lecks bei diesen Beratereien verfolgen können, nie weiter, wie Fußspuren, die mitten im Sand auf einmal aufhören. Eleganter Code, wie gesagt, man wird ja mit der Zeit eine Art Kunstkritiker dabei. So fand ich sie. Sogar bei mir um die Ecke, gewissermaßen. Ich war in New York, sie in Massachusetts. Und das Pseudonym …« er nimmt das Buch vom Tisch, hält es hoch: »Dieses Buch hier, Sei ihr schwarzer Regenmantel, das enthält Unverständliches und Wörtersalat und … es ist wie ein langes Gedicht in Prosa, mit deutschem Text und Sätzen wie …«, er blättert, liest vor: »Mann Mädchen vorver den Garten. Windladen die ihn umstanden lenkten Spielwirbel kammerher erdhin hohen Flucht. Leise spät Musik hielt die Wand um den Garten am Ort.« Eine Kommissarin verdreht die Augen, ein Beamter stöhnt. Kamalakara nickt: »Ja, es liegt nicht an meinem Deutsch«, einige lachen trocken, »sondern so ist das Buch, so geht es da zu. Und da kommt eine Familie Tau vor. Wie sagen Sie in Deutschland so schön? Nichts Genaues weiß man nicht.«

 

(20)

Der Patient ist erleichtert.

Die Befunde sind da, sie geben keinen Anlass zur Sorge.

Doktor Padrilla reicht ihm die rechte Hand, schüttelt sie und sagt: »Wenn ich Ihnen für die Zukunft einen Rat geben darf … Machen Sie sich einfach nicht so viele Sorgen. Entspannen Sie sich. Gehen Sie mal spazieren, und, ich weiß nicht … hören Sie Musik. Lesen Sie.«

Er runzelt skeptisch die Stirn: »Lesen? Sie meinen, Bücher und so?«

(21)

Ein herausfordernd vorgerecktes Kinn, eine leicht angehobene linke Augenbraue, eine Frage: »Sie benutzen Be, richtig?«

Das erste Mal seit langem sieht Tascha dem Amerikaner direkt ins Gesicht. Die Aufzeichnungen werden weiterhin abgespielt, aber Tascha hat sie stummgeschaltet.

Er antwortet: »Ja, beruflich, um den Kopf freizukriegen … also, ich weiß natürlich, dass die Überdosis, die Sie dem armen Herrn Zöchling verabreicht haben, und die Menge, die Sie selbst genommen haben, geradezu das Gegenteil bewirkt, das Gegenteil eines klaren Kopfes, meine ich.«

Ihre Erwiderung ist ein Gedankensprung, der ihn überrascht: »Sie wissen, warum Be so heißt?«

Er überlegt kurz, dann sagt er: »Ich … bei uns in Amerika sagt man, es steht für … better. Besser.«

»Es steht für Bayes. Sie wissen, wer das …?«

»Mathematiker, Pionier der Berechnung … subjektiver Wahrscheinlichkeit … Erwartungen quantifizieren, Vorausschau …«

Sie strahlt den Ermittler an: »Denn der Mensch ist das Tier, das vorausschaut, ja. Bayes und seine Regel … Anfang dieses Jahrhunderts, nach der zweiten christlichen Jahrtausendwende, haben die Leute gemerkt, Bayes und seine Regel beschreiben auch, wie unser Hirn funktioniert. Wahrscheinlichkeitslernen über Datenabgleich, neurale Integration von probabilistischen Kalkülen, Codierung von nachträglichen Wahrscheinlichkeitsbefunden als Raten feuernder Neuronen. Be wurde synthetisiert, um das zu optimieren. Damit wir mit den Rechnern Schritt halten können, die gigantische Mengen von Daten in wenigen Sekunden auswerten, um … ja, eben nicht nur vorherzusagen, was kommt.«

Er runzelt die Stirn: »Nicht nur … was meinen Sie, was noch, außer Vorhersagen, macht man denn mit Wahrscheinlichkeitsrechnung?«

»Das Gegenteil von Vorhersagen.«

Die Feststellung wundert ihn: »I don’t follow. Was ist das … Gegenteil von Vorhersagen?«

Sie zuckt mit den Schultern, sagt leichthin: »Ach, es gibt viele Namen dafür. Biographie. Geschichte. Kontinuität, Erinnerung … Wenn man ein Wort neu bilden wollen würde, das die Beziehung dieser Sachen zu Vorhersagen benennt, könnte man sowas wie ›Hinterhersage‹ erfinden. Also einfach: Erklärungen dafür, wie es zu dem kommen konnte, was wir wahrnehmen können. Vorhersagen gucken sich an, was man beobachten kann: Wolken, und dann wird vorhergesagt: Es könnte regnen. Hinterhersagen gucken sich auch an, was man beobachten kann: Die nasse Straße zum Beispiel, und dann wird hinterhergesagt: Es könnte geregnet haben. Die Menschen denken, die Vergangenheit wäre sicherer als die Zukunft, sie stünde fest, aber es gibt mehrere mögliche Vergangenheiten für das Beobachtbare, wie es mehrere mögliche Zukünfte gibt. Dieser Stuhl hier«, sie klopft auf die rechte Sessellehne, »ich könnte ihn geerbt haben, oder er ist vom Flohmarkt  … Gewesenes ist strukturgleich, symmetrisch zu dem, was Science Fiction oder Futurologie über die Zukunft sagen. Die meisten Menschen wissen das nicht. Aber alle würden sie gerne … Es ist, als ob wir in einem Text leben, den wir immer nur teilweise verstehen, in einem Buch, und die Leute wollen dauernd … damit sie den Text besser verstehen, wollen sie dauernd vor- und zurückblättern. Aber vielleicht ist das ja ein ganz großer Denkfehler; vielleicht ist das, was da steht, noch unverständlicher als der Satz, an dem wir uns gerade abmühen. – Ich weiß nicht mehr, was er mir getan hat. Florian. Irgendwas Schlimmes, nehme ich an. So schlimm, dass ich es vergessen wollte. Daher die Drogen. Daher die Strafe für ihn, die Erlösung für mich, ein und dasselbe.«

»Ein Buch, sagen Sie. Sehr altmodisches Bild, oder? Nicht mehr viele Menschen lesen diese gebundenen Dinger … aus Papier, mit …«

Sie schließt die Augen, senkt den Kopf und schweigt. Er geht zum Nachttisch, nimmt das Buch, schlägt es auf, blättert. Dann liest er: »So dass nun endlich dieser zu lang alleingelassene dieser verwaiste Himmel anfing sich in weiße Feuer zu öffnen luccicante ohne Erinnerung ohne Mitleid Himmel weites Ende Garten Zerstörung Wiese Crescendo welche Wiese Yonedas Wiese welcher Lärm Musik letzte Musik späteste Musik ganz spät.«

Er schnalzt mit der Zunge, klappt das Buch zu, schaut die Gefangene an und sagt: »Was ist das? Was bedeutet das?«

Sie öffnet die Augen, steht auf und sagt: »Wenn Sie sich Bedeutung als etwas vorstellen, das sich nicht ändern kann, das fixiert ist … dann kommen Sie in diesem Buch nicht weit. Firmenzeichen sind so … der Apfel damals bei dieser Computerfirma, und das Seepferdchenlogo heute. Das bedeutet einfach immer dasselbe: Hier wird Geld verdient. Aber … wenn Sie dieses Buch da lesen, dann können Sie beim Lesen nicht einfach fragen: Was bedeutet das? Sie müssen fragen: Was bedeutet das wahrscheinlich? Keine Sicherheit, verstehen Sie. Es geht immer was verloren. Daten. Aber … nie alles, das ist die andere Seite. Sehen Sie, wenn Sie sagen, es gibt doch kaum noch Bücher … das ist so ein Bild dafür, was Zukunft ihrer Meinung nach ist, ein Sterben. Aber das Theater ist nicht gestorben, als das Kino kam, und die Bildschirme sind nicht weg, das sind jetzt eben unsere Fotoflächen … Als klar war, ein Museum kann man jetzt auch mit dem Telefon in der Hand oder am Rechner virtuell betreten, standen die Museumskuratoren vor der Frage: Was kann unser Museum, was sich durch Telepräsenz nicht ersetzen lässt? Als ich ein Kind war, habe ich eine Ausstellung besucht, darüber, wie die Menschen vor langer Zeit gelebt haben. Man hat die Türen, die Durchgänge von einem Saal zum andern niedriger gemacht als sonst. Warum? Weil die Leute sich dann bücken mussten, und dadurch ein körperliches Empfinden davon bekommen haben, dass die Menschen früher, vor langer Zeit, kleiner waren. Verstehen Sie? Die Leute, die noch Bücher machen, müssen sich überlegen: Was kann nur ein Buch?«

 

(22)

Die Einheit verschafft sich an drei Stellen Zutritt zum Gebäude, leise, flink und effizient. In Gruppen zu fünf Bewaffneten passiert man Korridore, die teils kommerziell, teils als Ateliers oder schlecht beheizte Wohnungen mit zu hohen Decken genutzt werden. Die Männer und Frauen mit Scheinwerfern und Gewehren begegnen niemandem, während sie Treppen auf- und absteigen, Gänge sichern, durch verschmierte und verstaubte Fenster spähen.

Der kleine Trupp findet den Raum, in dem Tascha Baensch eben den letzten der in Florian Zöchlings Stoffwechsel geleerten Infusionsbeutel abgehängt hat. Sie steht neben ihrem Opfer, die Augen geschlossen, und tippt in die Luft. Shahnahwaz Allert nähert sich ihr als Erster, seine Pistole, die er beidhändig festhält, auf sie gerichtet. Auch die anderen drei in seinem Trupp, und dann weitere aus den beiden anderen Gruppen, die nach und nach in den Raum kommen, richten die Läufe auf Tascha.

»Natascha Baensch?«, fragt Allert unsicher. »Was immer das ist, was Sie da gerade tun, Sie sollten damit aufhören. Sie sollten die Augen öffnen und zur Kenntnis nehmen, dass dieses Gebäude …«

»Ich sehe euch«, sagt die Angeredete und bewegt dabei kaum die Lippen. »Ich sehe euch alle, und ich weiß, wie ihr heißt. Kameras. Überall hier.«

Allert und die andern Männer und Frauen von der Polizei blicken sich im Raum um; sie sehen keine Kameras, aber sie wissen, dass das nicht heißen muss, dass keine da sind. »Okay«, sagt Allert, »hören Sie, niemand wird verletzt, wenn Sie Vernunft annehmen. Frau Baensch?«

Sie ignoriert ihn: »Ich bin in eurer Leitstelle, ich habe die Kontrolle über eure Waffen. Es bringt also nichts, damit herumzufuchteln. Wenn ich nicht will, dass geschossen wird, dann wird nicht geschossen. Ihr habt einige Waffen noch in den Holstern. Wenn ich die abfeure, was, glaubt ihr, passiert dann?«

Die Bewaffneten wechseln besorgte Blicke.

Allert ist der Erste, der die Arme mit der Pistole senkt. Er steckt die Waffe ins Holster, hebt die Hände dann auf Brusthöhe, vom Leib gestreckt, Hände geöffnet, mit den Handflächen nach vorn, und sagt, während er sehr langsam, Schritt für Schritt, auf Tascha Baensch zugeht: »Der Mann da … ich glaube, der Mann braucht … medizinische Hilfe … Lassen Sie uns nachsehen, wie es ihm geht, ja? Bitte. Lassen Sie mich zu ihm …«

Shahnahwaz Allert steht jetzt fast neben Tascha.

Sie öffnet die Augen, sieht den Polizisten freundlich an und sagt: »Herr Allert, Sie machen das sehr gut.«

Da schlägt er zu, ein rechter, direkter Kinnhaken, mit dem sie nicht gerechnet hat.

Ihr Unterkiefer knackt, sie geht zu Boden und verliert noch vor dem Aufschlag das Bewusstsein.

 

(23)

Allert und Kamalakara stehen an der Bar. Um diese Zeit, 14 Uhr, ist die Bahnhofskneipe fast leer. Kamalakara stößt mit dem deutschen Kollegen an. Beide trinken Bourbon. Der Amerikaner lacht: »You mean you just like … knocked her out? Mit der Faust?«

Allert sieht aus, als sei ihm das, was er dem andern eben erzählt hat, ein wenig peinlich. »Na ja, es heißt ja immer, man soll improvisieren, nicht? Ich wusste einfach: Mit Technik kommen wir bei der nicht weiter.«

Kamalakara prostet ihm noch einmal zu: »Respekt. Ich hätte mir, wie sagt man? In die Hose gemacht. Wenn ich gewusst hätte, sie hat die Finger … an allen Abzügen im Raum.«

»Ja, das war wohl das Brillanteste, was sie getan hat. Das Gefährlichste«, sagt Allert.

Aber Kamalakara sieht die Sache anders: »Nein, ich glaube, das war die Akademiegeschichte. I mean … Sie hat nicht nur hunderte, tausende, zehntausende Studienkonten gelöscht, Kursverzeichnisse, Leselisten, Prüfungsordnungen … sie hat auch nicht nur die Assets, die …«

»Das Vermögen«, hilft Allert.

»Ja. Das Vermögen von zwölf Akademien in Europa, sieben in den USA … zwei in Singapur, je zwei in der Tschechischen Republik und in Polen vernichtet … nein, Sie müssen das im Zusammenhang sehen. Diese Universitäten, die sind einfach nicht mehr da.«

»Ich weiß«, sagt Allert verdrossen, »mein eigener Sohn gehört zu den Betroffenen.«

Kamalakara zischt: »Shit. Das tut mir leid.«

Allert zuckt mit den Schultern.

»Na ja. Vielleicht ist es so besser. Fernuniversität, wer braucht das? Aber ich würde schon gerne verstehen, warum sie das gemacht hat. Dieses Ausmaß an Zerstörung, nur wegen … ja, weshalb? Hat er sie sitzengelassen, war es eine Trennung, und wieso macht sie dann die halbe Welt kaputt? Dummerweise kann sie’s ja selbst nicht mehr sagen.«

»Well …«, der Amerikaner legt nachdenklich den Kopf schief, richtet ihn dann wieder auf und sagt: »I have some inkling, some notions as to why she … Ich habe Theorien. Sie sagt, er sei ihr so nahe gekommen, emotional, er habe sie so oft in Frage gestellt, er war so … also, es ging zwischen den beiden immer um Emotionen, um … Er hat ihr manchmal Gefühlskälte vorgeworfen, und immer darauf bestanden, dass sie zu rechnerisch … dass sie ihn gar nicht liebt. Und da dachte ich mir: Woher kenne ich das? Ich kenne das. Ich hatte mal so jemanden, eine Freundin, die … unglaublich viel … it was all she talked about: eine linke Studentin, und ich war ja auch ein linker Student damals, und sie sagte immer, das Private ist politisch, und dann ging’s um, whattayacallit … Politik in der ersten Person, sie sagte immer, my needs, ich und meine Bedürfnisse, meine Gefühle …«

»Betroffenheit hieß das hier früher …«

»Yeah, Betroffenheit, und immer: Was bedeutet das für mich, was bringt mir das … immer me, me, me, immer …«

»Ich, ich, ich.«

»Right. Und sie und ihre Bekannten, die waren alle in Therapie, und dann gab es da Familienaufstellungen, so kleine Theateraufführungen, und es ging immer um die sozialen und seelischen Schwierigkeiten, um ihre Reaktionen, ihre Eindrücke und Interaktionen und Verhaltensmuster und sogenannten Neurosen, die ihnen völlig … it was like a costume, like a script and a … ihre Kindheit, und Rebellionen, und Gefühle, Gefühle, Gefühle … Bis ich plötzlich dachte: Die sind so grob zueinander, so arm, so hart, und vielleicht reden sie dauernd von Gefühlen … um zu … to compensate … um etwas herbeizureden, was sie gar nicht haben. Es sind nur Launen, in die sie sich hineinsteigern, und in Wirklichkeit sehen sie die andern Menschen gar nicht. And then I suddenly … thought of … dann ist mir der Turing-Test eingefallen. Dieser Einfall von Alan Turing, der als Erster die Idee des universalen Computers hatte. Dass Computer eines Tage so intelligent sind wie wir, hatten damals im zwanzigsten Jahrhundert ja … also, er sagte: Man trennt zwei Gesprächspartner, A und B, durch eine Trennwand. Und A stellt Fragen und führt ein Gespräch. Und B könnte ein Mensch sein, aber auch ein Rechner, eine Maschine. Und erst dann, wenn A das aufgrund des Gespräches nicht mehr entscheiden kann, ob das ein Mensch ist – erst dann, wenn ein Computerprogramm erfolgreich einen Menschen vortäuschen kann, ist es intelligent. And I thought … vielleicht … also, vielleicht ist das ganz anders gemeint von Turing, als wir es immer verstehen. Vielleicht meinte er: Dass man es nicht weiß, gehört zur Definition von Intelligenz. Dass das B auch einfach lügen könnte. Wenn wir direkt auf die Gedanken des anderen gucken können, sind es keine echten Gedanken mehr, dann ist es …«

»Ein Beweismittel. Eine Spur.«

»Exactly. Text oder Rede oder … evidence of thought is not thought, so wenig wie man auf einer Landkarte verreisen kann. Und ich dachte: Leute, die dauernd von ihren Gefühlen reden, wollen, dass man glaubt, sie hätten welche. Und vielleicht hat Tascha Baensch gedacht: Ihr seid nur Programme. Skripte. Ihr tut nur so. Und ihr quält mich damit. Denn ich habe wirklich Gefühle. Und wie wehrt man sich, wenn man glaubt, Computerprogramme hätten einen umzingelt und würden einen foltern mit ihren pseudomenschlichen …«

»Man hackt sie. Man zerstört sie. Alles, die Wissensbanken und die Handelsbanken und die Verwaltung und …«

»Ja. Sie hat vielleicht gedacht: Das sind alles Maschinen, der Florian und die Unis, wo man lernt, sich so aufzuführen wie der Florian … wo man dieses Geschwätz und Getue um Gefühle lernt, die gar nicht da sind … und sie haben in mir die Hoffnung geweckt, ich wäre von anderen umgeben, die mich sehen, denen ich nicht egal bin, aber jetzt dreht sich diese Hoffnung in Angst, weil ich merke, sie wollen mich nur erpressen, ihre Skripte mit ihnen durchzuspielen, ihre aufgesetzten, verlogenen … all that stupid crap. These mini-dramas. Aber denen zeige ich es jetzt mal, was ein echter Schmerz, eine echte Wut gegen sie ausrichten kann, wenn …«

Der Amerikaner bricht ab, schaut aus dem Fenster, in die Ferne.

Der Deutsche seufzt, es ist kein schönes Thema.

 

(24)

Michael Allert liegt in seiner kleinen Dachkammer auf dem Bett und liest. Die Sonne scheint hell durchs Deckenfenster. Draußen wird es Frühling, die gerahmte Scheibe ist gekippt, so dass der ehemalige Student die Vögel singen hören kann.

Das Buch, das er liest, Sei ihr schwarzer Regenmantel, scheint ihn zu amüsieren. Er blättert vor, liest, blättert zurück, liest.

Während er sich so vergnügt, sagt er beinah lautlos ein Sprüchlein auf, das sehr alt ist. Es handelt sich um Bombellis bewährte Rechenregeln, wonach Minus mal Minus auf Plus hinausläuft und dergleichen mehr:

 

»Più via più fà più

meno via più fà meno

più via meno fà meno

meno via meno fà più«

 

Von unten her ruft seine Mutter nach ihm: »Kommst du jetzt zum Mittagessen runter oder nicht?«

»Gleich!«, antwortet er laut, aber nicht unhöflich.

Die vertraute Stimme fragt: »Was machst du da oben eigentlich?«

Er klappt das Buch zu und ruft: »Ich lerne!«

 

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Erschienen in 2029. Geschichten von morgen. Hrsg. von Stefan Brandt, Christian Granderath & Manfred Hattendorf, suhrkamp taschenbuch 2019

© der Erzählung 2019 by Dietmar Dath

Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Suhrkamp Verlages

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 8. November, genau hier.

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