FICTION FRIDAY

Hoffnung ruft Angst (von Dietmar Dath)


Zehn Jahre in die Zukunft gedacht: Unsere Welt ist komplett durchprogrammiert. Waffen, Universitäten, Medikamente, Psychotherapeuten. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand kleine digitale Bomben in die Programme schmuggelt?

Dietmar Daths Near-Future-Erzählung »Hoffnung ruft Angst« stammt aus der Anthologie »2029 – Geschichten von morgen« (suhrkamp taschenbuch). Wir veröffentlichen sie hier in zwei Teilen. Teil 2 kannst du hier lesen.

***

Omne possibile exigit existere.
Leibniz

All stories are true.
Alan Moore

(1)

Ein Polizist steht vor seiner Waffenkabine und räuspert sich, als wollte er in einer Versammlung das Wort ergreifen.

Laut und deutlich spricht er die Worte: »Neun. Elf. Epsilon. Einundvierzig.«

Eine Verbindung wird freigeschaltet. Der Polizist gibt seinen afghanischen Vornamen ein, Shahnahwaz, dann seinen deutschen Nachnamen, Allert.

Seine Augen sind dabei geschlossen, seine Fingerkuppen berühren während der Eingabe nichts als Luft. Die beiden Ringe an seinen Zeigefingern übertragen das, was er auf einem Tastfeld tippt, das nur aus Ladungen und Entladungen in einem Server besteht, der in einem weit entfernten kühlen Keller geräuscharm vor sich hin rechnet, in Allerts Hinterkopftransceiver. Der sendet die Sequenz ans Schloss. Die Verriegelung erkennt die Namen. Die Tür öffnet sich.

Shahnahwaz Allert nimmt nacheinander seine beiden 9-Millimeter-Pistolen aus den Halterungen, überprüft die einreihigen Magazine, die beidseitige Drehhebelsicherung am Griffstück, legt das Doppelholster an, sichert die Waffen. Dann nimmt er das Fläschchen mit der Droge Be vom Bord unterm Spiegel, zieht die Pipette aus dem Glas, tropft sich je einmal ins rechte und ins linke Auge, steckt die Pipette wieder zurück, dreht das Ding zu, stellt es weg. Allert verlässt die Kabine. Eine Frau und drei Männer warten schon auf dem Gang zum Fahrzeugpark. Alle schweigen; sie sind nicht über Gebühr nervös. Alle wissen, dass ihre Waffen nur schießen werden, wenn sie selbst und die Kolleginnen und Kollegen an den Workstations das wollen. Alle legalen Schusswaffen auf dem europäischen Kontinent sind an Willen und Bewusstsein von autorisierten Personen gebunden. Shahnahwaz Allert steigt in den Mannschaftswagen und schließt die Doppelflügeltür hinter sich. Er ist ein Mensch, das heißt, ein Tier, das versucht, vorherzusehen, was geschehen kann und was nicht.

Heute irrt er sich sehr.

 

(2)

Rechts neben dem schmucklosen Nachttisch und der harten Liege, gegenüber der verchromten Toilette und dem niedrigen Waschbecken an der Wand, steht ein schlanker, großgewachsener, dunkelhäutiger Mann und schweigt. Er ist kein Wächter, sondern ein Ermittler, der weit reisen musste, um die Gefangene zu besuchen. Sie ignoriert ihn.

Der Mann betrachtet das Buch, das auf dem Nachttisch liegt. Der deutlich aufgedruckte Titel lautet: Sei ihr schwarzer Regenmantel.

Die Gefangene steht ungefähr in Raumesmitte und tippt ins Nichts. Tascha Baensch kennt, anders als die meisten Menschen, die heute Code schreiben, noch das Gefühl, an einem realen Keyboard zu arbeiten; sie hat ihr Geschäft an sehr alten Computern gelernt. Tascha ist erst Anfang dreißig, aber sie denkt oft an Dinge, die älter sind als sie selbst, und umgibt sich gern mit ihnen. Der Sessel, auf den sie sich jetzt setzt, gehört zu diesen alten Dingen. Sie hat darum gebeten, ihn aus ihrer Wohnung in die Haft mitnehmen zu dürfen, und man hat ihr das gestattet, weil sie keine gewöhnliche Strafgefangene ist.

Nicht nur der Mann, der gerade aus seiner Ecke zum Nachttisch geht, das Buch in die Hand nimmt und beginnt, darin zu blättern, wünscht sich, Tascha möge den Behörden bei der Aufklärung ihrer Verbrechen helfen. Auch diejenigen, die Taschas erträgliches Zellenleben ermöglicht haben, wünschen sich das.

Der Sessel ist eine kostbare Antiquität mit Stickereien auf der Rückenlehne, geschwungenen Armlehnen aus dunklem Holz, je einem gedrechselten Steg vorn zwischen den beiden Vorderbeinen, einem weiteren zwischen dem rechten vorderen und dem rechten hinteren sowie schließlich dem linken vorderen und dem linken hinteren Bein.

 

Tascha wüsste selbst gern mehr über die Gründe ihrer Inhaftierung, vor allem aber über die Hintergründe ihrer Taten, das Motiv, das zu vergessen sie sich selbst gezwungen hat. Weil sie gern wüsste, was sie nicht weiß, hat sie gerade ein etwa zwei mal zwei Meter großes Fenster ins Vergangene von ihrer rechnenden Inneneinrichtung verlangt, das sich jetzt im Boden der Zelle, einer Fotofläche wie jede Wand hier, glitzernd auftut: perspektivisch korrekt von oben zeigt sich der Raum, in dem Tascha Baensch ihre Verbrechen vorbereitet, ihre Zerstörung des Menschen Florian Zöchling, ihren Angriff auf die Wirklichkeit, ihr kleines Ende der Welt. Sie hantiert an einer Infusionsflasche, die an einem starren Ständer hängt. Auf einem Beistelltischchen mit Rollen an den Beinen liegt Besteck und das kleine Buch Sei ihr schwarzer Regenmantel.

Sie hat es immer dabei, in Deutschland, in Amerika, im Flugzeug, im Bett, in der Manteltasche, in der Vergangenheit und in der Gegenwart.

 

Während der Handgriffe, die alles für ihr Opfer bereitmachen sollen, sagt Tascha Baensch ihr Selbstberuhigungssprüchlein auf, das sie, wenn sie es laut, halblaut oder tonlos wiederholt, längst nicht mehr bewusst wahrnimmt – es ist bloße Sprachbegleitmusik:

 

più via più fà più

meno via più fà meno

più via meno fà meno

meno via meno fà più

 

Die obere, gegenwärtige Tascha steht auf, durchquert mit langsamen Schritten den Raum, bis sie direkt über ihrem eigenen Bild aus der Vergangenheit steht, und geht dann in die Knie. Sie fällt leise ein, es entsteht ein kleiner Chor:

 

più via più fà più

meno via più fà meno

più via meno fà meno

meno via meno fà più

 

Der Mann in der Zelle klappt das Buch zu und legt es wieder auf den Nachttisch.

Die untere Tascha hält inne, hört schneller als die obere damit auf, das Sprüchlein herzusagen, und schaut nach oben. Als sich die Blicke der beiden Frauen, die ein und dieselbe Frau sind, über die Zeiten hin treffen, sagt die untere: »Na, du? Du … Ich? Du älteres Ich, du?«

Es klingt nicht neckisch, eher traurig. Die obere Tascha antwortet: »Selber ich.«

Die untere sagt: »Falls du jetzt was geantwortet hast, schade, ich kann’s nicht hören. Andererseits, wenn alles klappt, hörst wenigstens du mich. Sie werden dir ja das ganze Material geben, damit du ihnen hilfst, zu verstehen, was du gemacht hast. Ich hoffe, die Codes für die Waffen stimmen. Sonst werde ich erschossen und du siehst das hier nie. Ich hab’s rechnen lassen: Es besteht eine sechsunddreißigprozentige Wahrscheinlichkeit, dass ich bei der Festnahme erschossen werde. Daher meine Vorsichtsmaßnahme. Hey, Tascha?« Sie rümpft die Nase, blinzelt. »Bist du da oben? Bin ich schon du?«

Die obere sieht nicht belustigt aus und mault: »Ach, gib doch nicht so an, du blöde Kuh.«

 

(3)

Jochen Fallers Antrieb ist geschwächt. Seine Nächte sind lang, er schläft nicht, wälzt sich im Bett. Wenn er aufsteht, fühlt er sich wie ein Siebzigjähriger, also doppelt so alt, wie er wirklich ist.

Mit der rechten Hand streicht er sich vor dem Spiegel im Badezimmer die Haare über der bleichen Stirn zurück. Dann sagt er: »Therapeut, bitte.« Sein Gesicht im Spiegel verschwindet. Zuerst dreht sich dort ein Seepferdchen, rot und orange, zweimal um die eigene Längsachse. Dann erscheint ein Mann, der dem lang verstorbenen Erfinder der Psychoanalyse, Sigmund Freud, bestechend ähnelt.

Freud scheint in Jochens Bad zu stehen.

»Ja?«, fragt der Therapeut, und hebt die rechte Augenbraue.

Jochen sagt: »Ich kann nicht schlafen. Ich kann nicht arbeiten. Ich hab … es ist wirklich so, als ob … ich hab sogar schon Wahnvorstellungen.«

»Was denn für Wahnvorstellungen?«, erkundigt sich der Therapeut. Jochen verzieht den Mund: »Na, ich mache mir Gedanken, ob alle im Büro … ob die alle wissen, dass ich Scheiße gebaut habe, und dass meine Freundin mir deshalb weggelaufen ist, und dass die Ethikkommission …«

»Ja, ja. Bla bla. Bla bla bla«, der Therapeut sieht zugleich verärgert und gelangweilt aus. Jochen ist verblüfft, sein Mund steht halboffen.

Der Therapeut sagt: »Ich will Ihnen mal was verraten, Jochen Faller, vierunddreißig Jahre alt, ledig. Ihr Leute … das sind doch keine Probleme. Das ist ausgedachter Scheiß. Einfallslos. Wenn man das programmieren würde, als Game, glauben Sie, das würde jemand spielen wollen? Nein. Und warum nicht? Weil es langweilig ist.« Er sieht sehr selbstzufrieden aus.

Jochen sucht nach Worten.

Nur eins stellt sich ein, es fällt wie ein Ächzen aus seinem Mund: »Ich …«

Der Therapeut lacht: »Ha, ich. Woher denn. Da ist doch gar niemand, der das sagen könnte, ›ich‹.«

Jochen Faller klappt fassungslos den Mund zu.

(4)

Das Licht im Krankenzimmer ist ungesund gelblich, ein Kettenraucherhautlicht. Elisabeth Kuhn, untersetzt, fünfzig Jahre alt, mit bleichem Gesicht und glanzlosem Haar, sitzt am Bettrand ihrer achtzigjährigen Mutter. Beide stieren glasig aneinander vorbei. Die Fenster links des Sterbelagers könnten genauso gut blind sein: Weiß in grauweiß wirkt die Welt draußen wie eine Wand.

Die alte Frau im Bett schließt die Augen. Ein Schlauch mit zwei Enden ist unter ihrer Nase mit Pflasterband fixiert. Sie scheint kaum zu atmen. Die Tochter richtet den Blick auf die Mutter, dann wendet sie ihn wieder ab und sagt: »Heiland.« Sie schließt die Augen, sieht ein Seepferdchen aus Feuer sich im Halbdunkel unter den Lidern einmal um sich selbst drehen, dann öffnet sie die Augen wieder, und Jesus Christus steht zwischen ihr und dem elenden Ausblick in eine entseelte Welt.

Der Erlöser lächelt verständnisvoll: »Trag deine Last nicht allein, Kind.«

Elisabeth Kuhn deutet ihr Kopfschütteln nur an. Leise sagt sie: »Ich will nicht schuldig werden. Du sollst nicht töten, und du sollst Vater und Mutter ehren.«

Mit warmer Stimme sagt die leuchtende Gestalt: »Sie ist längst tot. Die Technik, Elisabeth, betrügt deine Mutter um ihre Ruhe und dich um deine Trauer. Mach dem ein Ende.«

»Du bist nicht wirklich. Du sagst mir, was ich hören will.«

»Woher sollte ich wissen, was du hören willst? Ich spreche aus Liebe. Ich kann sie nicht retten«, jetzt klingt er bekümmert, »so, wie sie da liegt. Du musst mir helfen, und du musst ihr helfen.«

Elisabeth hat verstanden. Ihr Nicken ist kräftiger, als ihr Kopfschütteln war. Sie steht auf, geht zur Steckdose und greift nach dem Stecker.

 

(5)

Eine Stimme flüstert: »Lass mich dir etwas über dein Gehirn sagen. Hier steht es: ›The brain is a restless, pro-active organ locked in dense, continuous exchange with body and world. Thus equipped we encounter, through the play of self-predicted sensory stimulation, a world of meaning, structure, and opportunity; a world parsed for action, pregnant with future, and patterned by the past.‹ Das steht in einem alten Buch, aus der Vergangenheit, aus dem Jahr 2016, es heißt Surfing Uncertainty und stammt von Andy Clark. Was da steht, bedeutet, dass dein Gehirn ein ruheloses, ständig in einer riskanten Offensive gegen das Universum engagiertes Organ ist, verstrickt in einen dichten, permanenten Signalaustausch mit dem Körper und mit der Welt. Weil wir so ausgestattet sind, begegnet uns Menschen durch das Spiel einer selbstgelenkten Sinnenreizung eine Welt der Bedeutung, der Struktur und der Gelegenheiten, eine Welt, die fürs Handeln bereitsteht, eine Welt, die schwanger ist, da sie die Zukunft austrägt, einer Welt, die von Mustern der Vergangenheit gezeichnet ist. Und lass mich dir noch etwas über dein Gehirn sagen, etwas, das ein bisschen früher geschrieben wurde als die Sätze von Andy Clark, genau drei Jahre früher nämlich, 2013, es steht in einem Buch des Philosophen Jakob Hohwy namens The predictive mind: ›Emotion is just predictive inference on interoceptive states, introspection is linked to what happens when experience expectations are violated, the privacy of mind is needed to secure social Bayesian inference, and the self is an agent-bound sensory trajectory.‹ Was das bedeutet, ist, dass alles, was du für deine Gefühle hältst, nur Schlussfolgerungen sind, die aus vorhandenem Wissen über Zustände, die du an dir selbst beobachtest, eine Vorhersage für die Zukunft treffen – du bist zum Beispiel glücklich, wenn du damit rechnest, in naher, mittlerer oder ferner Zukunft angenehme Erlebnisse zu haben. Es bedeutet außerdem, dass diese deine Beobachtung deiner inneren Zustände nur stattfindet, wenn deine Erwartungen angenehmer oder unangenehmer Erlebnisse enttäuscht werden, und dass deine Bewusstseinszustände und ihre Unlesbarkeit für andere nur dazu da sind, solche Schlussfolgerungen, die nach der Bayes-Regel Vorhersagen über Erfahrungen im Sozialen treffen, gegen Störungen abzudichten. Und es bedeutet schließlich, dass das, was du für dich selbst hältst, deine Persönlichkeit, eine Spur von Erlebnissen ist, die allesamt an einen Willen gefesselt sind. Diese Dinge, sage ich dir, hat man schon 2013 und 2016 gewusst. Die Rolle der Bayes-Regel für das Funktionieren deines Gehirns ist also bekannt. Es ist offensichtlich eine sehr wichtige, eine sehr große Rolle. Solltest du daher nicht genau wissen, was diese Bayes-Regel eigentlich sagt?«

 

(6)

Beklommen sitzt Rudolf Clement im Sprechzimmer seiner Ärztin, Frau Doktor Elena Padrilla. Zwischen ihrem schockierten dreiundsechzigjährigen Patienten und einer Reihe von vertikalen Fotoflächen an der Wand versucht die Medizinerin mit sorgfältig gewählten Worten zu vermitteln. Die Bilder dort zeigen Clements Körperinneres, dazu Datenkolonnen, Tabellen, Infographiken. Doktor Padrilla erklärt: »Wir müssen einfach abwarten. Ich habe mich an verschiedene Kolleginnen und Kollegen gewandt, an Fachleute, ausgezeichnete, erstklassige Fachleute. Aber die Koordination stockt heute, weil … ich weiß nicht genau, warum, fürchte ich. Ich komme, um ehrlich zu sein, nicht mal zur Uniklinik durch, hab’s auch bei anderen Unis versucht als der hiesigen, bei Kollegen an Privatkliniken. Überall ist der Wurm drin heute, und was ich so mitbekomme, kämpfen die städtischen und staatlichen Institute mit sehr … wirklich sehr, sehr vielen Anfragen ähnlicher Art.«

Stark verunsichert, ein bisschen zu laut und hastig sagt der Patient: »Das heißt aber, es liegt nicht nur an Ihrer Diagnostik hier, sondern das gesamte deutsche Gesundheitssystem …«

Sie hebt beschwichtigend beide Hände: »Ein Koordinationsproblem, Herr Clement. Ein … Der springende Punkt ist, ich kann Ihnen überhaupt nicht sagen, was das ist, oder ob es überhaupt was ist, ob Ihre Beschwerden …«

Clement lehnt sich nach vorn: »Also, die Diagnostik ist … kaputt? Sie liefert keine, ähm, Diagnose?«

Jetzt schüttelt Doktor Padrilla den Kopf und sagt: »Doch, doch. Sie liefert … genau das Gegenteil ist der Fall, sie liefert viel zu viele Diagnosen. Nach dem zu urteilen, was ich hier habe und anschauen und lesen kann«, sie deutet auf die Fotoflächen, »ist irgendwas nicht in Ordnung mit dem Gewebe an der großen Papille Ihres Zwölffingerdarms. Aber andererseits habe ich hier eine Meldung vom großen Gallengang, und dann sagt mir dies hier oben, die Gallenblase wäre irgendwie auch betroffen, und ein paar Hundert Sensoren in Ihrer großen Magenarterie haben eine Verengung erkannt, die aber von ein paar Hundert anderen bestritten wird, und … Sie haben alles Mögliche, sagt mir das, und Sie haben alles Mögliche andererseits auch wieder nicht, und vielleicht haben Sie einfach gar nichts. Jedenfalls nichts Organisches.«

Der Patient bettelt jetzt offen: »Sie können mir nix geben? Keine, ähm, Kapseln oder so? Erst mal für dieses Drücken nur, dieses … dass mein Bauch da …«

Er blickt an sich hinunter, der Bauch kommt ihm zu groß vor.

Die Ärztin bleibt geduldig: »Ich kann Ihnen nichts geben, nein. Weil die Maschine mir nichts gibt. Sehen Sie … es ist ein Ablauf, den kann man nicht ändern: Sie schlucken die Diagnostik …«

»Diese roten Pillen?«

»Ja. Da sind tausende kleiner Sensoren drin, und die machen diese Aufnahmen hier, das, was Sie auf den Fotoflächen sehen, und dann wird das von mir gegengezeichnet, wenn ich es ausgewertet habe, also halbautomatisch mit den Datenbanken verglichen, und wenn es was statistisch Seltenes ist, konsultiere ich noch, ich weiß nicht, einen zugelassenen Seepferdhelfer, und dann erst gibt mir der Kasten da drüben, wenn ich es unterschreibe, die … Kapseln. Mit den Aktuatoren drin, die dann Ihre Schäden reparieren, falls es welche gibt. Verstehen Sie? Sie nehmen das dann ein, und die kleinen Maschinen, die da drin sind, bauen die kleinen Maschinen um, die diese Fotos gemacht haben. Dann werden aus den Sensoren lauter Aktuatoren, also aus Maschinen, die was sehen und hören und spüren, werden Maschinen, die was machen.«

»Aber die Maschinen, die was sehen und hören und spüren, die lassen uns heute im Stich?«

»Ja«, sagt die Ärztin, und lächelt, weil sie diese Zusammenfassung für einen Laien gar nicht so übel findet, »die lassen uns heute im Stich.«

 

(7)

Bhawar Kamalakara sitzt am Schreibtisch in seiner Hotelsuite, mit geschlossenen Augen, und sortiert mit den Fingern seine Daten. Er betrachtet die Sabotagespuren, Tabellen mit gelöschten Grade-Point-Average-Archiven, Denial-of-Service-Attack-Charts, alterierten Higher Education Passports von Studierenden, die zwar in der Schweiz, in Dänemark, den Niederlanden oder in Schweden leben, aber in den Vereinigten Staaten, in Indien oder in Japan studieren.

Er betrachtet Profile algorithmischer Seepferdchenhelfer, in deren Templatebanken Unregelmäßigkeiten aufgetreten sind: Sigmund Freud, Jesus Christus, Andy Warhol, Stephen Hawking. Er markiert Muster, Korrespondenzen, Analogien, Funktoren. Er leckt sich die trockenen Lippen. Er richtet cross-references zum Marktverzerrungsterror ein: Handel, Anleihen, Versicherungen, Renten, Währungen. Die Geometrie der Verweise ist unübersichtlich, die Pfade sind labyrinthisch. Die Charts beginnen, vor Kamalakaras Blick zu verschwimmen, was eigentlich nicht sein kann, da seine wirklichen Augen in diese Sichtung gar nicht involviert sind. Er blinzelt, er flucht: »Damn you, Miss Tau. Damn you and your fucking mindfuckery. I am completely out of my depth here.« Er meldet sich ab und nimmt Be in beide Augen, jeweils das Doppelte der empfohlenen Tagesdosis.

Dann steht er auf, kleidet sich eilig an und verlässt das Zimmer.

 

(8)

Florian Zöchling und Tascha Baensch sitzen in Zöchlings Auto. Die Bordkamera filmt beide, die Aufzeichnung wird später zum Kernbestand der Klageschriftunterlagen zählen.

Die frisch Verliebten küssen einander, dann lösen sie sich voneinander.

Sie lacht: »Was denn?«

»Na ja … Ich wusste nicht, ob dir das gefällt.«

»Was, dass du mich mittags aus der Firma zerrst und zum Essen ausführst? Ist doch toll.«

Er zuckt mit den Schultern: »Nix B’sonders. Tafelspitz halt, geschmort, bisserl Wein, Thymian, Lorbeer, Steinpilze …«

Sie haucht übertrieben sexy: »Himmlisch. Einfach himmlisch.«

Er sagt: »Na, vom Himmel verstehst ja was. Ich mein … hast du wirklich den Jesus programmiert? Das is ja einer der größten Hits beim Seepferd …«

»Ach was, programmiert. Ich hatte eine Idee, mehr nicht.« Er knabbert an ihrem Ohrläppchen und wispert: »Was denn? Was hast denn für eine Idee g’habt, Tascha?«

Sie verscheucht ihn prustend und sagt: »Schluss! Aus! Sitz! Ernsthaft, willst du’s wissen oder nicht?«

Er nickt eifrig.

Sie sagt: »Ich hab bloß gedacht … die Ressourcenbasis war zu schmal. Sie haben die Evangelien genutzt, sonst nichts. Ich hab gedacht: Es ist Jesus. Das ist größer als die paar Verse, verstehst du?«

»Größer, na … Zumindest war’s eine sehr große Arbeitsgruppe, nicht?«

»Sieben Gruppen. Zwei in Mumbai, eine in Deutschland – in der war ich – und nochmal vier in den Staaten. Das liebe Seepferdchen hat sich den Christus mindestens zweihundert Millionen Dollar kosten lassen. Das Geld nicht gerechnet, das sie den Kirchen gezahlt haben, damit die … nicht meutern, von wegen: Ist ja nur zur Unterhaltung. Als ob der Papst nicht wüsste, dass die Leute das ernst nehmen, genau wie den simulierten Sigmund Freud oder …«

»Und von den zweihundert Millionen«, unterbricht Florian eifrig, »ham’s dir eine schöne Prämie …«

Sie schnaubt: »Ach, die paar Kröten. Nein, aber dass sie das umgesetzt haben, als ich das Memo nach San Francisco geschickt und die Specs in den Hub abgelegt hatte: Also, wenn es Jesus sein soll, dann nehmt doch bitte wenigstens die Apokryphen dazu und ein paar Kinderbibeln und Filme und …«

»Hast du schon mal selber mit ihm geredet? Mit dem Jesus? Rufst du die je auf, die Seepferdchenhelfer, den Jesus und den Einstein und …«

Sie weist das von sich: »Spinnst du? Nee, Florian, also … please. Echt nicht. Ich bin froh, dass ich aus der Abteilung raus bin und jetzt in der Erwachsenenbildung …«

Er lässt sie erneut nicht ausreden: »Na, bitt’schön, so übel is dös nicht. Ich nutz die schon, diese eine Helferin, die Programmiererin, wie heißt’s?«

»Emily?« Taschas Augen sind vor Erstaunen geweitet.

Er nickt.

Sie sagt: »Das … na ja«, sie zuckt die Schultern, »… da geht’s um Fachwissen, okay. Und das Template … die haben das nach einer Mathematikerin modelliert, die kannte ich sogar, ich hab da studiert, ich hab die mal live gesehen, auf einer Konferenz. Emily Riehl, Baltimore.«

»Die gibt’s wirklich? Oder gab’s?«

»Ist auch egal«, sie will darüber nicht weiter reden, »fahr lieber mal los. Oder hast du nix zu arbeiten, du Coder, du?«

Er startet den Wagen und sagt: »Darf ich dich noch was fragen?«

Leichthin sagt sie: »Klar, alles.«

»Okay, also … nimm’s mir bitte nicht übel, aber du hast so empfindlich reagiert vorhin bei dem Jesus, so ablehnend … Ich hab’ das Gefühl g’habt, es sind nicht die Seepferdhelfer insgesamt, was dich stört, es is’ der Jesus im Speziellen. Und ich mein’, dass du dich da damals eingemischt hast in die Planung, dass du dich da so auskennst mit Apokryphen und allem …«

Sie bläst Luft aus den Backen: »Pfff … Was du eigentlich von mir wissen willst, ist, ob ich religiös bin, oder?«

Er windet sich ein bisschen: »Wenn du es so grob direkt sagst, is’ mir das fast zu intim.«

Das belustigt sie: »Aber mit mir schlafen kannst du?« Er hustet, sie sagt: »Okay, mal sehen, ob wir das rausfinden können, zusammen. Wenn du nicht weißt, ob’s so ist, und musst es raten, was für eine Sorte Problem ist das?«

Er macht ein unverbindliches Geräusch. Sie sagt: »Das ist das Dumme mit euch Nur-Programmierern. Leute wie ich, die aus der Mathe kommen, wir wissen wenigstens, was dahinter … also, egal. Es ist ein Wahrscheinlichkeitsproblem, Flo. Schau, du weißt von mir ein paar Sachen, und auf dieser Grundlage musst du rauskriegen, wie wahrscheinlich es ist, dass ich religiös bin.«

Er spielt mit: »Ah ja? Was weiß ich denn von dir?«

Ihr Stimme klingt nüchtern: »Eine junge Frau, mag diese und jene Musik, diese und jene Filme, Shows, okay, schau mal: Was ist wahrscheinlicher? Dass sie, erstens, als jemand mit genau diesen Vorlieben Mathematik studiert hat, dass ihr das aber noch nicht reicht, das Vernünftige, und sie also noch an weiteren Fragen interessiert ist, zusätzlich zur Vernunft? Oder, zweitens: Dass ihr die Mathe und die Vernunft völlig genügen, um das Leben zu meistern?«

Florian ist unsicher: »Na ja, ich würd’ sagen, dass sie mehr wissen und denken und verstehen will, als mit der Vernunft allein zu wissen und zu denken und zu verstehen is’, das müsst’ dann ja wahrscheinlicher sein, oder?«

Sie überrascht ihn damit, dass sie ihn auf die Wange küsst, dann sagt sie: »Siehst du? Peinlich! Es war natürlich eine Fangfrage.«

Florian stutzt: »Eine Fang… wieso?«

»Weil du auf deine Mutmaßungen über mich zurückgegriffen hast, wie so ein … Also schau: Kolmogorows Axiome, jede Wahrscheinlichkeit liegt zwischen Null, etwas kann gar nicht sein, das ist Null, und dann Eins, also etwas ist absolut sicher, das wissen wir seit über hundert Jahren, 1933. So, und jetzt machst du dir bitte klar, da gilt eine entsprechende Algebra der Wahrscheinlichkeiten, und dazu gehört dann irgendwann auch, wenn du es weit genug denkst: Zwei logisch hinreichend voneinander unabhängige Sachen zusammen können niemals wahrscheinlicher sein als eine allein. Mathestudium plus metaphysische Interessen, das kann nicht wahrscheinlicher sein als Mathestudium allein. Es gibt doch Menschen mit Mathe und ohne Metaphysik, also ist die Menge …«

Er zieht die Stirn kraus, sagt unwillig: »Na, wenn du es jetzt einfach so als Rechenaufgabe formulierst …«

»Wie denn sonst?«

»Ich dachte halt, Gefühle spielen auch eine Rolle.«

Tascha wundert sich: »Aber genau dafür werden wir doch bezahlt, dafür, dass wir das programmieren, Gefühle und Ahnungen und Erwartungen und Erwartungserwartungen und … Überraschungen.«

Er ist nicht einverstanden: »Nein, wir werden dafür bezahlt, dass wir was programmieren, das glaubwürdig so wirkt, als wäre es das alles. Der Unterschied ist entscheidend.«

Sie sieht das anders: »Für wen?«

(9)

Shahnahwaz Allert und seine acht Jahre jüngere Frau Angelika sitzen im Wohnzimmer ihres kleinen Einfamilienhauses, auf der breiten Couch, Schulter an Schulter, Flanke an Flanke, unter derselben Winterdecke. Beide haben die Augen geschlossen, tippen und lesen. Sie blättert auf diese Weise in einem Magazin, er hat sich polizeiliche Arbeit mit nach Hause genommen.

Ohne Vorwarnung fängt Angelika plötzlich an, bellend zu lachen. Shahnahwaz kappt seine Verbindungen, öffnet die Augen, sie auch. Er schaut sie an: »Was gibt’s?«

»Das glaubst du nicht. Uninachrichten. Von meiner alten … da, wo ich studiert hab, in Berlin. Shah, das ist … unfassbar. Versprich mir, dass wir’s bei der Kleinen, wenn sie studiert, wieder so machen wie bei Michael, ja? Dass die da studiert, wo er auch …«

»Privat. Nicht staatlich.« Er wiederholt damit, was sie schon hundertmal besprochen haben. Dann fragt er: »Wieso, was gibt’s da denn?«

»Die haben …« sie lacht wieder, fängt sich aber rascher: »… die … da fängt jetzt eine neue Professorin an, internationale Berühmtheit.«

»Okay, und …«

»Und hör’ dir das an, offizielle Presse-Erklärung, sie sind ganz stolz, dass diese Frau … Pass auf …«

Sie schließt die Augen, dann liest sie vor: »So, hier: ›Sie freut sich auf den Austausch mit den Studierenden und sagt …‹, pass auf, sie sagt: ›Am besten wird das Schöpferische von seinen kritischen Nullpunkten aus betrachtet, der Untätigkeit, der Wiederholung, dem Sinnlosen, dem Gekritzel. Es ist eine schöne Herausforderung, mit den Studierenden über diese Nullpunkte zu reflektieren in einer gesellschaftlichen Situation, in der das Schöpferische meist ökonomisiert, das Untätigsein aber, sobald es keine kreative Pause darstellt, als Strafe oder Scheitern verstanden wird.‹«

Sie öffnet die Augen wieder und muss feststellen: Er findet’s gar nicht so lustig. Stattdessen brummt er: »Verstehe, die lernen da, wer überhaupt etwas macht, der macht leider mit beim Ökonomisieren, sie lernen da also … Untätigkeit, Wiederholung, Sinnloses und Gekritzel sind Widerstand. Gegen Ökonomisierung und so.«

»Ja, das lernen sie da«, sagt Angelika.

Er steht auf und fragt: »Willst du Tee?«

 

(10)

»Das kannst … das kannst … net … machen … das … na … du …«, ganze Sätze bringt Florian nicht mehr zustande. Die Wörter zerfallen ihm im Mund.

Tascha, die neben ihm sitzt, hat ihn straff festgezurrt, beide Waden, die Arme unterm Handgelenk, sogar den Hals. In den blauen Adern der Arme stecken zwei grüne Zugänge. Be tropft aus den transparenten Infusionsbeuteln, Be überschwemmt Florians Stoffwechsel.

Tascha sieht den Gefesselten nicht an, sie hält ihm nur die Rechte, als wollte sie ihm zu verstehen geben, dass er nicht allein ist. Aber das weiß er. Vergessen hat er zwei Stunden nach Beginn der Tortur bloß, wer die Frau ist, die ihn foltert, die da sitzt, das Buch in ihrer rechten Hand. Manchmal bewegt sie die Lippen, wie Leute, die im Lesen nicht geübt oder von ihrer Lektüre übers Maß der motorischen Selbstkontrolle hinaus gebannt sind.

»Dös … das … hast … wennst … grchaa …«, seine Sprache geht in Röcheln über. Sie lässt seine Hand los, blättert um, schaut nach oben, wo die Kameras unter der Decke hängen, und sagt: »Er ist bald durch. Die kritische Dosis hat er schon drin. Wenn er durch ist, kommen wir dran. Ich. Du. Du als ich, Tascha.«

Da oben, viel später, nickt ihr die Tascha, die sie noch nicht ist, wortlos zu.

 

(11)

Kettenfahrzeuge rollen durch Einkaufsstraßen.

Gegen 23 Uhr sind noch immer Tausende von Menschen auf der Straße. Medienleute stehen, geschützt von Polizei, hinter Absperrungen. Sie reden wie die Wasserfälle in Mikrofone. Oppositionelle Intelligenzler beobachten die Aufnahmen der Drohnen, die das Bild- und Tonmaterial liefern, das die Medienleute kommentieren. Die Intelligenz diskutiert in elektronischen Foren, in Kneipen, am Rand von Partys, in den großen, aber schlecht beheizten Hörsälen der letzten öffentlichen Universitäten und in Privatwohnungen, ob man sich den Demonstrationen anschließen sollte und was sie bedeuten.

Die Kleinbürger, Hausfrauen, Arbeitslosen auf der Straße kriegen von diesen Diskussionen nichts mit, sondern machen mit Tröten, Trillerpfeifen und anderem Gerät großen Krach. Einige schlagen gegen Topfdeckel und klappern damit, wie Ende des vorigen Jahrhunderts eine Welt weit weg die betrogenen Sparerinnen und Sparer in Argentinien, Uruguay und Chile. Taxis hupen, Autokarawanen bilden sich. Verwaltungsgebäude werden belagert, dann gestürmt. Erst herrscht Volksfeststimmung, dann Chaos, dann die blutige Ruhe nach der Schlacht. Parteien, Gewerkschaften, politische Organisationen der Linken und Rechten sind abgedrängt, rempeln sich untereinander an. Polizei greift teils ein, steht aber auch teils zurück, wo die Leute mit ihren Kindern trommeln, in ihren Deutschland-Fußballhemdchen sich zusammenrotten. Manchmal folgt die Zurückhaltung der Polizei direkten Befehlen, manchmal ist es nur Müdigkeit, manchmal Desorientiertheit, manchmal abwartende Haltung an der Grenze zur Insubordination.

Sprechchöre spotten aggressiv: »Aus-nahme-zu-stand-am-Arsch!«, manchmal ruft eine einzelne Stimme aus der Menge: »Ausnahmezustand!«, und eine Vielzahl von Stimmen antwortet in militanter Fröhlichkeit: »Am! Arsch!«

Kamalakara steht zwei Schritte rechts von Tascha und sagt: »Das ist Ihr Werk, Frau Baensch. Das haben Sie getan. Wertvernichtung, Erschütterung des Gemeinwesens. Meine Regierung hat mich nach Europa geschickt, auf Ihre Spur, nachdem Sie das andere … das mit den Universitäten angestellt hatten. Und die Flugverkehrssache. Ich hatte Sie schon im Visier. Beobachtet. Ich sollte abwarten, bis Sie sich … bis wir in Erfahrung bringen würden, ob Sie alleine handeln. Ich bin Ihnen gefolgt, hierher, in die Stadt, in der Sie fürs Sea Horse gearbeitet haben. Bevor Sie nach Amerika gezogen sind und an die Universität gegangen. Und dann stellt sich raus … es ist eine private Geschichte. Dann gehen überall diese digitalen Bomben hoch …«, er deutet auf die Fotofläche, »das da, und …«, er schnalzt mit der Zunge, ihm fehlen die Worte. Tascha sagt leise, in fragendem Ton, als wolle sie sich vergewissern, dass sie überhaupt sprechen kann: »Ich hab’s ihm angetan. Das stimmt, aber mir auch. Ich hab mein Hirn genauso mit Be geflutet. Und ich weiß nicht … Ich weiß so vieles nicht mehr, weil ich das wollte. Ich weiß nicht mehr, was er eigentlich verbrochen hat, dass ich so wütend … was mir so wehgetan hat. Ich weiß es nicht mehr.«

»Aber nicht alle Ihre Erinnerungen sind weg, richtig?«

Er fragt das mit einem Unterton von Vorwurf, aber sie verteidigt sich nicht, sondern stimmt zu: »Nicht alle, nein. Es hat bei mir … Ich bin klarer im Kopf als er. Bei derselben Dosis. Ich denke, meine Toleranz ist über Jahre gewachsen. Er hat’s sehr selten benutzt, ich ständig, über … acht Jahre, sagt man mir. Sagt die Polizei. Der Amtsarzt.«

Er wiederholt: »Nicht alle Ihre Erinnerungen sind weg, Frau Baensch.«

Auf der Fotofläche stürzt ein Hubschrauber in eine Fensterfront.

Fast flüsternd sagt Tascha: »Als er mich das erste Mal besucht hat, bei mir daheim, kam er gegen neun, mit einer Tiefkühlpizza und extra Käse zum Drauflegen. Er hat mir von seiner Arbeit erzählt, das fand ich so großartig, so … seine Begeisterung … wie er den Seepferdhelfern was beigebracht hat, wie sie selber lernen durften … teils gelenkt, teils frei … wie sie Regeln erarbeiten dafür, wie man mit Leuten redet, plausibles kompaktes Datenmanagement nannte er das … wie sie aber auch Anomalien verarbeiten, die nicht zu den Regeln passen … Ich glaube, selbst ohne die Droge wär’s unwahrscheinlich, dass ich alles hätte behalten können, was er an diesem Abend …« Sie dreht sich um und sieht den amerikanischen Ermittler direkt an, dann sagt sie: »Nein, ich habe nicht alles vergessen.«

 

(12)

Soldaten sitzen in einem Transporter, der sie zu einem Einsatz bringen soll. Einer legt den Kopf in den Nacken, nimmt Be. Alle brüten kampfbereit vor sich hin.

Ihre Waffen fangen an zu schießen, noch in den Holstern, in den Händen, ohne dass die Soldaten ihre Finger auch nur an die Abzüge gelegt oder die Wachleute in der Zentrale irgendwelche Feuerbefehle programmiert hätten. Das Auto schlingert, bleibt stehen. Noch ein paar Schüsse werden abgefeuert, dann schweigen die Waffen. Zwei Soldatinnen und ein Soldat sind tot.

 

Hier geht es weiter zu Teil 2 der Kurzgeschichte von Dietmar Dath >>

 

Erschienen in 2029. Geschichten von morgen. Hrsg. von Stefan Brandt, Christian Granderath & Manfred Hattendorf, suhrkamp taschenbuch 2019

© der Erzählung 2019 by Dietmar Dath

Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Suhrkamp Verlages

 

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 8. November, genau hier.

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