Kurzgeschichte am Fiction Friday: Einer blüht nach innen von Dietmar Dath

© jr-korpa / Unsplash

FICTION

Einer blüht nach innen (Dietmar Dath)


Walter hat ein Geheimnis: Seit neun Jahren ist er kein Mensch mehr – und insgeheim genießt er es … Eine kleine Nichtliebesgeschichte darüber, in was für Fabriken die Leute arbeiten müssen, wenn Fabriken eigentlich längst unnötig geworden sind, und darüber, ob Fiktion und Phantastik vielleicht solche Fabriken sind.

 

***

There have been questions, though never investigations.
Benjanun Sriduangkaew: We Are All Wasteland On the Inside


There are no automatically-applied strategies for interpreting fictional content.
Kathleen Stock: Only Imagine

 

I.

Manchmal nennt Martin seine Kollegin Liv scherzhaft »Schneemann«, weil sie einerseits sehr blass ist und andererseits oft eine gerötete Nasenspitze hat. Das kommt nicht vom Saufen oder von Drogen; es liegt an Durchblutungsdifferenzen im Gesicht, Gefäßkram, Schicksal.

Lange denkt er, die Kollegin fände den Scherz charmant, bis sie einmal in der Kantine genug hat und sagt: »Schneemann? Ich bin kein Mann und nicht aus Schnee, und es stinkt mir, dass du mich immer so blöd von der Seite anwitzelst, als ob du irgendwie was Besseres wärst als ich, weil du älter bist oder was. Und wo wir grad dabei sind, dauernd zahle ich hier für dich mit, alle paar Tage hast du deine Zugangskarte vergessen, kein Geld dabei zum Aufladen, immer ein anderer Grund, und dann zieh ich meine Karte durch und zahle deine Spaghetti, und du sagst immer, du zahlst mir das zurück, aber es kommt nie, sondern: Na, Schneemann, erst mal Karotten essen, damit die Nase besser leuchtet? Weil ich Vegetarierin bin. Hör auf, echt.« Ein paar Leute in der Schlange und andere, die schon sitzen und essen, schauen her, während Liv sich aufregt. Es ist Martin peinlich.

Als Liv sieht, dass er nervös blinzelt und erbleicht (weiß wie Schnee? Nein, eher Nebel), dass er die Unterlippe in den Mund saugt und draufbeißt wie ein ertapptes Kind, tut es ihr leid, dass sie so laut geworden ist. Aber wie sonst hätte sie sich verständlich machen können in dem Lärm, den hier alle normal finden, mitten im Großen Spott, dem knirschenden Krach der Zahnräder, großer und kleiner, die tun, was niemand versteht? Starre Kraftübertragung aus Nebenräumen der Wirklichkeit, Zylindermalmen im Verschwindetakt, große Übersetzung verschmierter Daten von Rad zu Rad, bei ständiger Umkehr des Kraftflusses. Spott.

Silberne Stirnschraubräder stanzen, während Liv leiser wird und ein Ende ihrer Tirade sucht, zwei Stockwerke höher lauter unsichtbare Felder löchrig, in denen sich Energie vor dem nächsten Zahneingriff, der nächsten Schwingungsanregung in der ungeheuren Schlagzahl der Maschine alle paar Sekunden neu ordnet.

Leute wie Liv und Martin arbeiten in dieser Anlage, die alle den Großen Spott nennen, den ganzen Tag im Gröbsten und Feinsten, bei den geschmierten Zahnflanken oder über den Rammen, aufrecht, gebückt oder kriechend. Sie säubern die Evolventenverzahnung, sichern die Achsabstände, pflegen die Kühlrippen. Sie warten die Faraday-Isolatoren, kontrollieren die Effusionszellen, erneuern die Durchflussmessgeräte. Sie klären die Filter, putzen die Goniometer, erledigen die Härteprüfungen.

Bei der Einweihung der ersten derartigen Produktionstätte hat einer gesagt: »Das, was hier passiert, ist ein Spott auf den Gedanken, Fabriken und altmodische Arbeit könnten je verschwinden, nur weil es jetzt Computer gibt und Roboter.«

Daher nennt man das Ding den Großen Spott.

Nicht in allen, die den Namen benutzen, schlagen Herzen so, wie sie das bei Menschen tun. Manche im Großen Spott sind wie Martin.

Livs Wut ist verraucht, sie zuckt mit den Schultern, als wollte sie sich entschuldigen. Martin wendet den Blick ab, gekränkt, verlegen, und schaut aus dem breiten Kantinenfenster. Es wird schon dunkel draußen. Kaum Nachmittag, schon dunkel. Würde Martin die Augen schließen, sähe er mehr Licht: hell von innen, grün, stiller Smaragdrausch.

Die Welt war nie fremder.

 

II.

Livs Empfindlichkeit gegen den Schneemannwitz rührt einerseits daher, dass Martin ihre geduldige Freundlichkeit offenbar falsch versteht und sich, wenn sie die Zeichen nicht ihrerseits missdeutet, einzubilden scheint, sie könnte an ihm übers Kollegiale hinaus interessiert sein, obwohl er weiß, dass sie mit Jutta zusammenlebt, was mehr ist als eine Wohngemeinschaft. Andererseits möchte Liv, egal, was er sonst denkt und empfindet, sowieso nicht von jemandem, der strenggenommen kein Mensch ist, als etwas bezeichnet werden, das auch kein Mensch ist. Martin hat es nie offen gesagt, aber man hat längst davon gehört, dass Leute, die strenggenommen keine Menschen sind, im Großen Spott arbeiten.

Liv ist sich ziemlich sicher, dass er einer von ihnen sein muss.

Er mogelt sich durch, behält das meiste für sich, das mag sie durchaus.

Liv hat etwas gemeinsam mit Martin: Sie arbeitet im Großen Spott unter anderen Voraussetzungen als die meisten dort. Liv ist siebenundzwanzig Jahre alt, Martin einundfünfzig. Eigentlich ist er aber erst neun, denn vor neun Jahren wurde er »kolonisiert« oder »übernommen« oder »krank«. Er sieht keine dieser Sprachregelungen, die man für Fälle wie seinen gebraucht, ganz ein: »Kolonisiert« wäre für ihn nur sinnvoll, wenn irgendjemand sagen könnte, woher die Sporophyten eigentlich gekommen sind, die er im Leib trägt. »Übernommen« (im Sinne einer »feindlichen Übernahme«) setzt voraus, dass irgendwer wüsste, was die Übernommenen nach der Übernahme anders machen als davor, wie sie etwa dem, was sie übernommen hat, gehorchen. Martin arbeitet aber wie früher, liest wie früher, schaut Filme, isst, hört Musik, trinkt, schläft.

Und »krank«? Nein. Er fühlt sich gut.

 

Seit er vor neun Jahren eines Morgens im April bei seiner damaligen Tätigkeit für einen Energieversorger zusammenbrach und danach drei Tage im Fieber auf einer der Stationen lag, die man für die Kolonisierten, die Übernommenen, die Kranken nach den ersten vierhundert Todesfällen in Deutschland eingerichtet hatte, um ihnen durch die akute Phase des Prozesses hindurchzuhelfen, hat sich sein Leben nur in dreierlei Hinsicht verändert: 1. Er muss zu Kontrollen, 2. Er arbeitet nicht mehr bei dem Energieversorger, der ihn ausgebildet hat, und 3. Er wohnt in einem Zentrum (oder »Heim«, aber das ist ein inoffizieller Ausdruck) für seinesgleichen vor der Stadt, nah beim Autobahnzubringer.

Am Tag nach Livs Ausraster in der Kantine verrät er ihr das alles an der Werksbushaltestelle. Es sprudelt aus ihm wie ein Geständnis. Sie lächelt, als sie sagt: »Kein Ding, Martin. Ich seh dich nicht anders als vorher. Außerdem hab ich mir’s schon gedacht. Du steigst hier in den Bus und bleibst sitzen, wenn ich aussteige, und sitzt in der andern Richtung morgens schon drin, also kann ich mir ausrechnen, wo du eingestiegen bist und wo du aussteigst. Wir haben was gemeinsam. Wir arbeiten beide unter anderen Voraussetzungen hier als die meisten.«

Damit kündigt sie an, ihm im Gegenzug für seinen Vertrauensbeweis zu verraten, was wiederum er schon ahnt: dass auch sie ein Geheimnis hat.

 

III.

»In Wirklichkeit«, so fängt sie an und lacht, als wäre »Wirklichkeit« ein Wort, das nach drei Tage alter Milch riecht, »bin ich Schriftstellerin. Ich arbeite hier an einer Recherche.«

»Was schreibst du?«, fragt er und freut sich, dass sie alleine an der Haltestelle stehen. Kaum jemand arbeitet am Samstag in der Spätschicht. Die meisten von denen, die heute da sind, haben Autos oder Fahrräder.

»Science Fiction«, sagt sie, »oder Weird Fiction, oder … also, Phantastik mit wissenschaftlichen und vernünftigen … wie soll ich sagen …«

Er nickt, um sie zu ermutigen, und bietet ihr eine der beiden kleinen 0,5-Liter-Flaschen Cola an, die er in seiner Umhängetasche dabeihat. Sie nimmt die Flasche, öffnet sie, trinkt. Er tut es ihr gleich. Sie sagt: »Der Trick ist, ich schreibe Phantastik als Protokoll. Ich gehe an Orte, die schon … Science Fiction sind, und schreibe das dann einfach so hin. Die Leute, die mein Zeug kennen, denken: Wow, diese Phantasie von der Liv Walter! Ich will als Schriftstellerin ja was Besonderes sein. In unserer Welt ist so viel Science Fiction passiert, dass kaum noch jemand richtige Science Fiction schreibt oder liest, da habe ich schon mal nur noch wenig Konkurrenz, das ist die halbe Miete, wenn du was Besonderes sein willst. Dann noch diese Idee: Meine Science Fiction ist genaue Beobachtung. Das gehört mir.«

Er ist beeindruckt, wie er’s schon war, als er vor einem Jahr bei einem ihrer ersten Gespräche erfuhr: Die Frau hat alles gelesen, nicht nur Science Fiction, sondern Proust und Goethe, Unica Zürn, Paul Celan, Günter Herburger. Manchmal leiht sie ihm was.

Er liest gern, es lenkt ihn ab davon, dass er nicht weiß, was seit neun Jahren mit ihm geschieht.

 

IV.

Am Morgen nach dem Gespräch vor dem Großen Spott steht Martin früh auf. Es ist ein grausam heißer Sommer, die Außentemperatur soll bald mehr als 25° Celsius erreichen, im Laufe des Tages rechnet man mit bis zu 35°.

Liv wird, wie sie ihm gesagt hat, heute nicht mit dem Bus fahren. Martin will das daher auch nicht. Ein Großteil seines Weges zur Arbeit führt zwischen Wiesen und Feldern und Vorstadtsiedlungen hindurch, er wird fast zwei Stunden brauchen, bis er am Werkstor ist.

In einem bunten Vorstadtgarten steht eine alte Frau und sprüht ihre Pflanzen feucht, damit sie überleben. Sie arbeitet mit einem Ding, das wie ein Duschkopf vorn auf einem Gewehr aussieht. Sie sprüht geduldig, dreht sich ganz langsam, wackelt ein bisschen, sieht zerbrechlicher aus als ihre Blumen.

Martin denkt: Manchmal sind alte Leute wie Kinder. Sie fühlen eine Verwandschaft mit allem, was schwach ist und Hilfe braucht, die sympathischsten Menschen für jemanden wie mich, der kein eindeutiger Mensch mehr ist. Sie werden mir nichts tun.

Als er den Rand der Stadt erreicht, das Industriegebiet, wo der Große Spott steht, kommt von nirgends her ein sachter Wind auf, und Martin spürt, was mit ihm geschieht, ausnahmsweise nicht innen, sondern um sich, als wäre er ein Blatt, das an seinem Rand Gewitter kommen sieht oder Hitzewellen, ein Blatt, das kein Wort für Furcht hat, aber ein Gefühl dafür.

Martin schaut nach oben, wo er keine Wolken entdeckt, dann denkt er: Wieso kühlt Wind eigentlich, wenn Hitze doch Bewegung von Molekülen und Atomen ist? Ich verstehe die Wissenschaft nicht. Aber vielleicht verstehen die Wissenschaft ja nur eindeutige Menschen. Die machen sie ja auch.

 

V.

Livs Freundin Jutta ist nicht mehr glücklich mit Liv. Zwei Jahre lang war sie’s, dann fing Liv an, sich zurückzuziehen, an den Rechner. Liv kann das, was sie da macht, mit niemandem teilen, auch mit Jutta nicht.

»Was machst du da?«, fragt Jutta, und Liv sagt: »Ich versuche, den Menschen zu erklären, dass Fiktion nicht nur im Gegensatz zur Wirklichkeit steht, sondern auch zur bloß abstrakten Möglichkeit, zur Gesamtheit von allem, was irgendwie möglich ist. Es geht in Fiktion um konkrete Möglichkeiten, das ist mein … Das ist alles.«

Wo soll man da nachhaken? Jutta gibt bald auf.

Liv dagegen fragt immer weiter, fragt nicht nur ihre eigenen Texte, sondern die Kunst der andern. Sie fragt: Warum opfert sich der Kommunenchef Hal im Film »The Endless« von Benson und Moorhead dem Ding aus unmöglichen Farben? Warum nimmt die Katastrophe namens Himmapan in der Erzählung »We Are All Wasteland On the Inside« von Benjanun Sriduangkaew so gern Kinder in sich auf und lässt einige dann, sehr verändert, wieder frei? Was suchen die Leute in der Zone im Roman »Picknick am Wegesrand« der Strugatzkibrüder und im Film »Stalker« von Tarkowskij? Was denkt der Astronaut Bowman am Ende von Kubricks und Clarkes »2001 – A Space Odyssey«?

Die Antworten, ahnt Liv, sind nicht gesund für sie und nicht gut für ihre Beziehung.

Egal. Lebenswichtig. Das ist alles.

 

VI.

Menschen und einige Wesen, die Menschen »höhere Tiere« nennen, weil sie Empathie für sie empfinden, wachsen so, wie ihr Bauplan es ihnen eingibt: nach genetischem Schnittmuster, in den stets gewahrten Proportionen der bauplanbestimmten Organe.

Martin spürt jeden Tag, dass das bei ihm anders ist, insbesondere morgens und abends, wenn er nur daliegt, lebt und atmet. Sein Herz klopft anders als Menschenherzen, es flutet und ebbt – wie sagt man? Er wächst in Modulen wie der Große Spott, in ständiger Metamerie. In ihm ist ein Knoten, von dem her strömt etwas in ein Internodium, von dem Martin inzwischen denkt, dies sei der Sitz seiner Seele, nicht mehr der Kopf: Ich wohne, meint er, nicht hinter meinen Augen, ich wohne im Internodium, das im Rückenmark verankert ist, ich habe das Röntgenbild gesehen.

 

Der Arzt im Heim, der sich mit der Betriebsärztin im Großen Spott einmal wöchentlich abspricht, hat versucht, Martin die Verblüffung der Medizin, der Biologie, der Chemie und sogar der Physik angesichts der Kolonisation, der Übernahme, der Krankheit zu erklären: »Wir reden von Trockenmasse, von ihrer Konstanz oder Zunahme oder Abnahme, im Blick aufs Wasser, aber ein Teil des Lebendgewichts scheint bei Leuten wie Ihnen gar nicht in der Welt zu sitzen, in der Wirklichkeit, sondern in einer … die Bioinformatik spricht von ›metamerischer Abstraktion‹, aber das ist so ein Wort, wie wenn sie beim Raumschiff Enterprise vom Warp-Antrieb quatschen. Nicht greifbar. Jedenfalls, wir gehen davon aus … die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, hat ein Manual publiziert nach der ersten Krise, obwohl es ja eigentlich gar keine Epidemie oder Pandemie ist, aber … sehen Sie, Sie kommen her und sagen, Sie fühlen sich schwerer oder leichter, dann scannen wir und wiegen, Trockenmasse, Frischmasse … Sie wachsen auch äußerlich ein bisschen, nicht, aber das heißt, auf einmal sind zwei Finger der rechten Hand etwas länger, aber dann ist ein Zeh plötzlich kürzer links, und das Entscheidende geschieht eh nach innen. Wenn Sie sagen, Sie haben das Gefühl, Sie kriegen das körperlich mit, dieses nach Innen gerichtete … Menschen wie Sie können fast alle in sich hinein… ja, nicht horchen oder gucken, aber spüren halt irgendwie –«

Martin sagt darauf: »Es fühlt sich an, als ob es sich um Knochen und Muskeln und Adern und Nerven rollt und ringelt. Als ob es sich spannt wie eine Feder, und irgendwann kommt es dann wohl raus, denke ich. Das ist diese Spannung, als ob ich mich gleichzeitig zusammenziehe und strecke, entlang verschiedener Achsen, die durch den Körper gehen.«

»Ist das … schlecht? Fühlt sich das schlecht an?«, wollte der Arzt wissen.

»Nein«, sagte Martin und behielt für sich, was er dachte: im Gegenteil.

Wichtiger als der Rand seiner Empfindungen, der keine Sprache hat, sind die Wurzeln, die kommen werden, denkt er. Nur: wohin damit?

 

VII.

Martin und Liv gehen zusammen in die Pizzeria, in Parks und ins Kino, mal mit mehreren, mal zu zweit. Irgendwann fällt Liv zu ihrem milden Leidwesen ein, er könnte jetzt tatsächlich in sie verliebt sein und das tragisch finden, oder spannend. Sie kennt Männer, die so fühlen und denken. Sie kennt auch Frauen, in die Männer auf diese Art verliebt sind, Frauen, die damit spielen. Liv ist nicht so, sie verabscheut Spielchen als Liebesersatz, sie kann nur den Kopf schütteln, wenn sie bei Goethe liest: »Ja, ich liebte dich einst, dich, wie ich keine noch liebte, / Aber wir fanden uns nicht, finden uns ewig nicht mehr.«

Lieber Himmel, denkt Liv, wenn’s nix wird, ist vielleicht einfach eine von den zwei Personen nicht recht interessiert, fällt das solchen Dichtern nicht ein?

Nein, die wollen leiden (und dann lacht Liv, weil ihr ein Buchtitel des großen Carlton Mellick III. einfällt: »As She Stabbed Me Gently In The Face«).

»Also, der steht auf dich, ja?«, fragt Jutta, nachdem Liv versucht hat, ihr die Lage zu erklären. »Dann gehste mit dem aber nicht mehr weg. Man muss ihn ja nicht ermutigen, oder? Ich fand ihn ja nett. Nur, wenn es so ist –«

Liv mag den Ton nicht. Es klingt misstrauisch, das provoziert sie, daher sagt sie, ein bisschen anzüglich: »Versteh ich gar nicht. Du bist doch diejenige, die von sich sagt, sie wäre bi. Ich dagegen, na, du weißt ja, ich glaub nicht, dass es das wirklich gibt, sondern –«

»Geht das jetzt wieder los. Shit, echt.« Jutta verdreht die Augen. »Außerdem rede ich nicht darüber, was oder wie wir sind, sondern darüber, wie der ist. Ein Heterotyp mit Problemen, also, ich weiß nicht, ob du davon gehört hast, aber zum Beispiel diese sogenannten Incels, für ›involuntary celibate‹, unfreiwillig zölibatär, das sind so Jungs, die meinen, ihnen stünden Frauen zu –«

»Ja, die mit dem Schwanz denken immer, sie hätten ein Recht auf –«, setzt Liv an, und Jutta haut mit der flachen Hand gegen den Rahmen der Tür, in der sie steht, und sagt, frustriert und wütend: »Und jetzt wieder deine transphobe Scheiße!«

Das bezieht sich auf einen Streit, den die beiden neulich hatten, bei dem Liv sich dagegen ausgesprochen hat, dass Transgendermenschen oder Transsexuelle, die männliche Geschlechtsorgane haben und vielleicht gar keine Eingriffe wollen, die ihr physisches Geschlecht der Weiblichkeit angleichen, die sie für sich beanspruchen, in Häuser für misshandelte Frauen, in Frauengefängnisse und andere Orte für weibliche Menschen ein- und zugelassen werden.

»Du bist manchmal so – so dermaßen – das ist echt widerlich!«, sagt Jutta, und Liv merkt betrübt, dass sie den Ausbruch ein bisschen genießt, weil Streitigkeiten, die so persönlich werden, ihr das Gefühl geben, dass es in ihrem Leben doch noch um mehr geht als um Ideen und Texte.

Im selben Moment, da ihr das einfällt, denkt sie, entsetzt von sich: Bin ich so? Bin ich eine Prüfung für Leute, die ermittelt, ob sie fähig sind zum Argument?

 

VIII.

Liv versucht, mehr Zeit im Großen Spott zu verbringen als daheim, bei der unzufriedenen Freundin. Sie springt für andere ein. Sie arbeitet mit den Händen: greift, reißt, schmiert, drückt, hebelt.

Sie überlässt sich der Schönheit der Anlage, in der sie herumklettert. Sie legt dabei im Geist Diagramme an über die zehn Meter tiefen Abgründe, die zwei Meter breiten Glutschluchten.

Sie bewundert die Verzahnungsmaße der Stirnradpaarung und erinnert sich mit seltsamer Nostalgie daran, was man ihr im Lehrgang gesagt hat, am Anfang der Probezeit, bei der Einarbeitung: Das hier heißt Evolventenverzahnung.

Jetzt fragt sie sich: Hat das Wort, der Tatbestand was mit Evolution zu tun?

Ihre Augen folgen dem Drehweg, dem Wälzkreis. Sie hört den Krach nicht mehr. Der Lärm ist ihre Atemluft geworden, er kräftigt sie. Liv lacht.

 

IX.

»Was heißt das«, fragt Martin Liv am Telefon, »du hast rausgekriegt, wo die Sporophyten hergekommen sind? Wie meinst du das, sie kommen nicht aus der Welt?«

Liv will sich nicht in ein Gespräch ziehen lassen. Sie wollte ihm eigentlich nur für morgen Abend absagen, seine Einladung zum Konzert, nur weil er weiß, dass sie klassische Musik mag, aber dann ist es ihr rausgerutscht, ihr Buch, ihr Text.

Sie seufzt nicht, aber er hört es dennoch, nein, spürt es, am Rand, wie ein Blatt, das sich fürchtet. Dann sagt sie: »Die Welt ist ja die Einheit der Differenz von Wirklichkeit und Möglichkeit. Wir könnten über eine Welt, die nur wirklich ist und nicht möglich, gar nicht reden, es muss immer auch anders sein können, damit man es überhaupt von was unterscheiden, mit was vergleichen und damit wahrnehmen kann. Aber sosehr man sich in einer Wirklichkeit sprachlos gefangen vorkäme, die reine Wirklichkeit und ohne Möglichkeiten wäre, so gefährlich ist die bloße abstrakte Möglichkeit, wie in: ›alles ist möglich‹, oder auch nur alles das, was halt denkbar ist. Dagegen meine Geschichten: Sie sind nicht wirklich, manchmal nicht mal möglich, aber sie treffen eine Auswahl. Fiktion ist das, wovon wenigstens ein einziger Mensch die Regeln weiß. Ich weiß die Regeln deiner Kolonisierung, seit ich weiß, das kommt alles aus der Fiktion.«

»Und wer hat sich die ausgedacht, die Fiktion?«, fragt er, fasziniert, furchtsam und neugierig.

Sie sagt: »Frag mal lieber erst, wen die sich ausgedacht hat, die Fiktion. Wenn du das raus hast, beantwortet sich der Rest selbst. Es geht ums Wohin, nicht ums Woher. Ums Produktive, nicht ums Authentische. Junge, ich bin so müde … ich bleib morgen mal daheim, und das Konzert wird dann halt auch nichts, okay? Nicht böse sein.«

Martin wird nicht böse.

 

X.

Es ist Jahre her, dass Martin ein Bad genommen hat, er duscht lieber.

Seit dem Morgen in der Hitze denkt er dabei aber immer an die alte Frau und ihr Sprühgewehr. Er mag den Gedanken nicht. So lässt er sich schließlich ein Bad ein, am dritten Tag nach dem kalendarischen Herbstanfang. Als er sich ins Wasser legt, wird ihm hellblau vor Augen, nicht türkis oder smaragden wie sonst, wenn er die Augen schließt, aber er hat sie jetzt ja auch nicht geschlossen. Wie eine Blendgranate ist das, er erschrickt: Nicht vor Augen steht ihm das Blau, sondern vor allen Stellen aller Teile seines Körpers außen, die das Wasser umschließt, Arme, Flanken, Hintern, alles ist plötzlich Sehzelle, sieht das Blau, als wäre er eine Wasserpflanze, die durch den Alloplasten-Diffusionsraum anorganisches Zeug aufnimmt, das ihn nährt. Er bäumt sich auf, drückt sich hoch, kippt übern Wannenrand und legt sich flach auf die Fliesen. Er keucht und würgt. Nein. Das will ich nicht, denkt er. Das geht nicht. Wurzeln will ich, nicht Wasser.

 

XI.

Was hat Liv noch gesagt, am Telefon? »Phantastik ist Heilmittel gegen Möglichkeitsdurst. Ein Cocktail aus Zutaten, die es zwar alle gibt, denn keine Erfindung ist ja völlig frei, man erfindet Neues, indem man Bekanntes zu Bekanntem dazutut oder Bekanntes von Bekanntem abzieht, bei Abstraktion, aber ein unvorhergesehener … Ich denke dabei immer an eine alte Folge von »Cheers«, da gab es diesen Barkeeper, der wollte einmal einen neuen Cocktail erfinden – da schüttet er alles zusammen, was da ist, Whisky und Wermut und Wurstwasser, durcheinander, alle Kombinationen. Alle müssen kosten, und schließlich findet er eins, alle sagen: So was hab ich noch nie … Erleuchtung, Offenbarung, und sie fragen ihn: Was ist da drin? Er überlegt kurz, schaut sich die drei Dutzend Flaschen an, die auf seiner Bar stehen, und begreift: Ich hab’s vergessen. So ist das, wenn’s klappt.«

 

XII.

Es waren keine Wolken am Himmel, als dieser Wind aufkam, aber es war hell, als würde es nie mehr dunkel werden wollen, obwohl Martin gar nicht wusste und nicht sehen konnte, wo die Sonne stand. Er sah nur die Erde, angeschaut von der Idee der Sonne, ein Kompliment für die Wirklichkeit von der Möglichkeit. Er besucht Liv und sagt: »Mach dir nichts draus, dass sie abgehauen ist. Du findest wieder wen.«

Liv sagt: »Ja ja, du denkst, du hast Chancen.«

Er sagt: »Ja, ich liebte dich einst, dich, wie ich keine noch liebte, aber wir fanden uns nicht, finden uns ewig nicht mehr.«

Sie staunt, woher weiß er das jetzt, dieses Goethe-Ding? Aber sie kommt nicht dazu, ihn zu fragen, denn er sagt: »Dann mixen wir jetzt einfach deinen Drink hier, darf ja ruhig nach Scheiße schmecken, Hauptsache neu, oder?«

Sie mixen Orangenlimo von San Pellegrino mit Premium-Kirschwasser von der Emil Scheibel Schwarzwald-Brennerei GmbH und Schoki aus frischer Weidenmilch und Chlorhexamed Fluid gegen Zahnfleischentzündung. Es schmeckt nach Scheiße und sehr gut.

Gegen halb sechs Uhr morgens sinkt Liv betrunken von der Couch auf den Teppich.

Martin geht zur Arbeit. Als sie ihm gestern gesagt hat, sie habe sich für den nächsten Tag freigenommen, hat er sie angelogen und behauptet, er habe das auch getan.

Die Wirklichkeit ist anders: Frühschicht, die früheste.

 

XIII.

Er hat seine Karte heute dabei.

Der Wachmann schaut nicht vom Bildschirm weg, da läuft irgendwas Lustiges, einer monologisiert, ein Publikum lacht, klatscht und trampelt.

Martin geht geradeaus in die größte der Hallen. Er steigt auf die Profilüberdeckung. Man sieht ihn nicht, es sind wenige Leute da. Die Frühschicht produziert wenig, man lässt den Großen Spott erst warmlaufen. Er greift nach dem Rand und lässt sich darüber ins Leere sinken.

Er hält sich fest, hängt im Gerät genau zwischen der Seitenhalterung der geraden Zahnflanken der Planverzahnungen und dem Keil über den konvexen Außenränderzahnflanken. Er sieht die Hohlräder, lässt mit der linken Hand los, hält sie sich vors Gesicht. Er spürt Abwicklung, Freiheit, die ziehen an ihm. Das sind viele tausend Faserchen. Jede Faser dringt zuerst mit der Kalyptra durch die Haut, dann folgt die Teilungszone, dann die Streckungszone. Er atmet schneller, das Herz hämmert. Die Fasern ziehen sich aus ihm wie Düfte, wie Nebel, ziehen sich längs der Maschinenarbeit, ziehen sich zwischen die Zahnräder, schlingen sich um Zähne. Sie ziehen ihn nach links, er lässt rechts los.

Er fällt. Als er sich beim Aufprall beide Beine bricht, merkt er das nicht. Der Oberköprer sinkt nach vorn, der Kopf fällt aufs Rad.

Ein größeres über ihm dreht sich auf ihn zu wie eine negative Sonne. Er weiß, dass die Fasern nicht mehr aus der Maschine entfernt werden können, wenn sie drin sind. Das Rad wälzt sich auf ihn, der Kopf gibt nach. Die Seele, im Rücken, im Internodium, will wurzeln, um den Großen Spott zu widerlegen.

Das Getriebe spielt mit. Es frisst den Mann und befreit ihn.

 

XIV.

Liv erfährt nicht gern davon, aber sie schreibt es gut auf.

Diesmal gewinnt Kunst, nicht Wind, Wasser, Sonne oder Liebe.

Die Seele hat ihren Willen.

 

---

© 2019 by Dietmar Dath

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Alle Rechte vorbehalten

Erschienen in: Neue Rundschau (Heft I/2019): Jenseits von Raum und Zeit. Phantastische Literatur im 21. Jahrhundert. Hrgs. von Hans Jürgen Balmes, Jörg Bong, Alexanders Roesler u. Oliver Vogel. Frankfurt am Main 2019.

Über den Autor

Dietmar Dath, geboren 1970, ist Schriftsteller, Übersetzer, Musiker und Publizist. Er war Chefredakteur des Magazins für Popkultur »Spex«, arbeitet bei der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« und wurde zwei Mal mit dem Kurd Laßwitz Preis ausgezeichnet.

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 27. September, genau hier.

Share:   Facebook