Die letzte Prüfung (Stephan Bellem)

© BlackDog1966 - pixabay

FICTION FRIDAY

Die letzte Prüfung (Stephan Bellem)


Lyranne steht kurz vor ihrer Abschlussprüfung im äußeren Labyrinth der Dungeons. Doch sie muss sich entscheiden, auf wessen Seite sie steht – der ihrer Mitschüler oder der fremden Eindringlinge …

Viel Vergnügen mit unserer kämpferischen PAN-Story des Monats von Stephan R. Bellem!


***

Sein strenger Blick schweifte einmal durchs Klassenzimmer. Buschige schwarze Brauen überschatteten ein Paar tiefroter Augen, die wie zwei glühende Kohlen in seinem schwarzen Gesicht standen.

Tremell wartete noch immer auf eine Antwort. Von zunehmender Ungeduld erfüllt, begann er, im Klassenzimmer auf und ab zu marschieren. Die schweren Schritte des Dunkelzwergs hallten durch den Saal und erfüllten jeden einzelnen von ihnen mit Furcht.

»Also«, begann er noch einmal, »woran erkennt man, dass der Dungeon infiltriert wurde?«

Glubash meldete sich. Der junge Ork war ein richtiger Streber – zumindest versuchte er es, doch sein Intellekt war einfach zu schwach. Ganz im Gegensatz zu seinen Armen.

Tremell seufzte. »Na schön, was denkst du?«

»Nach IDO müssten die Alarmsirenen losgehen.« Glubash grinste zufrieden, denn er dachte immer wieder, dass die Internationale Dungeon-Ordnung zu zitieren automatisch bedeutete, dass man die korrekte Antwort gab.

Tremell knurrte etwas Unverständliches in seinen Bart, und sie musste lächeln. Manchmal tat er das auch, wenn er mit ihr sprach und nicht mehr weiter wusste. »Teilweise richtig, Glubsch.«

Der alte Dunkelzwerg hatte für sie alle vom ersten Tag an Spitznamen parat gehabt. Glubashs hervorstehende Augen hatten ihm seinen eingebracht.

»Aber wenn die Sirenen losgehen, ist es meistens schon zu spät, dann müssen wir ja schon fast evakuieren«, fuhr Tremell fort. »Nein, nehmen wir an, ihr seid auf Patrouille und wollt den Dungeon noch rechtzeitig warnen. Was sind die ersten Anzeichen dafür, dass sich ein paar stinkende Helden in unsere Tunnel verirrt haben?«

Snikit, ein kleiner Goblin mit einer riesigen Nase, was ihm den Spitznamen Kolben eingebracht hatte, meldete sich, doch auf seine dämliche Antwort hatte sie keine Lust. Darum hob sie dezent den schlanken Arm, wobei sie gleich geschickt eine Strähne ihres weißen Haars aus dem Gesicht wischte.

Tremell ignorierte Kolben völlig, und für einen kurzen Moment konnte man weiße Zähne unter seinem schwarzen Bart aufblitzen sehen. »Ja, Lyranne?«

»Der ganze Dungeon stinkt nach Eintopf.«

Tremell atmete erleichtert auf. »Wenigstens das Spitzohr hört mir zu.«

Lyranne mochte den Kosenamen, den er ihr gegeben hatte. Dass die anderen Schüler sie dafür hassten, dass er sie nicht abfällig behandelte, war ihr egal. Früher hatte sie versucht, zu leugnen, dass Tremell ihr Ziehvater war, doch der Dungeon war geschwätzig. Und jeder kannte die Geschichte vom alten Tremell, der nach einem Überfall das Neugeborene seiner Kampfgefährtin als sein eigenes Kind aufgenommen hatte, nachdem sie der Klinge eines Menschen zum Opfer gefallen war.

»Gut. Gehen wir noch einmal die üblichen Angreifer durch, einverstanden?«

Tremell klappte die Tafel auf, an der schon einige der häufigsten Bedrohungen aufgelistet waren.

»Fangen wir ganz vorne an«, sagte er und deutete auf die Bezeichnung »Krieger«. »Was zeichnet sie aus?«

Glubsch meldete sich wieder zuerst und plapperte direkt los. »Sind immer gut bewaffnet, oft sind die Waffen verzaubert.«

Der Dunkelzwerg nickte anerkennend. »Richtig, meist von der Konkurrenz ausgestattet. Die Schlampe im See will unbedingt wieder zurück in den Dungeon, aber die IDO hat da klare Richtlinien. Weiter. Wie steht es um den Charakter?«

»Oft sind sie rein edelmütig«, fuhr Glubsch fort. »Dann kann man sie leicht erpressen, wenn man ein schwächeres Mitglied der Gruppe fängt.«

»Ich mag die Zwielichtigen lieber«, warf Kolben ein und grinste böse. »Mein Vater hat schon ein paar von denen angeworben.«

Tremell schnaubte verächtlich. »Dann richte deinem Vater aus, dass sie ihn betrügen werden, sobald ihnen ein alter Magier ihr Schicksal offenbart.«

Der ganze Saal lachte, und Kolben sank bedröppelt in seinem Stuhl zusammen.

»Wie besiegt man einen Krieger am besten? Mit roher Gewalt«, setzte Tremell den Unterricht fort. »Man setzt ihm einen Gegner vor, der einfach besser kämpfen kann und schneller ist, wie einen Dunkelelfen zum Beispiel. Oder jemanden, der mehr einstecken kann. Orks, Minotauren, Dunkelzwerge eben.«

Muh – eigentlich hieß er Krazzack – blähte die Nüstern und lachte. »Ich kann‘s kaum erwarten, den ersten Krieger zu zerquetschen!«

Tremell nickte. »Stinker wäre auch eine gute Wahl.« Er deutete auf den Troll, Gromph, der wie immer still in der letzten Reihe saß. Tremell zeigte auf das nächste Wort an der Tafel. »Magier. Schwächlicher Körper, starker Geist. Bei denen müsst ihr höllisch aufpassen. Am besten erledigt ihr sie als Erstes. Einer von euch blockt den Krieger, die anderen hauen den Kuttenträger weg, klar? Und seid besonders vorsichtig, wenn ihr einem Kampfmönch begegnet, die können meist kämpfen und zaubern – sehr eklig.«

»Bestes Vorgehen ist hier, die Dunkelheit zu nutzen«, warf Lyranne ein. »Ich würde den Gang in Finsternis hüllen und ihrer Körperwärme folgen.«

»Und wenn sie eine Fackel anzünden, blendet die Hitze des Feuers dich vielleicht so sehr, dass du drei Tage lang nur Sterne vor den Augen hast.« Tremell schüttelte den Kopf. »Gegen Magier sind Trolle und Dunkelzwerge am besten gewappnet. Wir haben eine höhere Resistenz gegen Magie.«

»Gromph, Gromph, Gromph«, skandierte die Klasse, doch der schüchterne Troll blickte nur zu Boden.

»Letzte Gruppe – Elfen«, setzte Tremell erneut an und deutete auf die Tafel. »Spitzohren sind mit die schlimmsten Gegner. Sie sind schnell, meist magisch begabt, hören unglaublich gut und führen häufig irgendeine Art von Klingentanz auf.« Er ließ die Beschreibung ein wenig in ihre Köpfe sinken und blickte dabei jedem von ihnen nacheinander in die Augen. »Aber auch sie haben eine Schwachstelle.« Ein bösartiges Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des alten Dunkelzwergs aus. »Elfen finden unsere Tunnel und Höhlen überaus deprimierend. Je länger sie unter der Erde sind, desto schlimmer wird es für sie. Brecht ihren Willen, lasst sie leiden. Irgendwann fangen sie an zu heulen und sind ein leichtes Ziel.«

Die Klasse brach in Gelächter aus, doch Tremell unterbrach sie mit einem lauten Fußstampfen. »Ich habe einmal einen Elfen zusammengekauert am Boden gefunden, das Gesicht völlig verheult, weil er schon so lange bei uns umherirrte. Er hat mich quasi um den Tod angebettelt.«

Lyranne kannte die Geschichte. Sie kannte aber auch die Wahrheit dahinter.

Bei jenem Kampf waren Lyrannes Eltern ums Leben gekommen. Seitdem war sie die Einzige und Letzte ihrer Art im Dungeon.

»Gut, das war’s für heute …«, wollte Tremell den Unterricht gerade beenden, doch die Klasse fiel ihm beinah geschlossen ins Wort.

»Was ist mit Zwergen und Gnomen?«, fragte Glubsch.

»Ja, was ist mit den stinkenden Zwergen?«, drängte ihn Kolben.

»Was soll mit denen schon sein?«, erwiderte Tremell. »Sie sind hart wie Granit, schwer zu töten. Langsam, aber fast immun gegen Magie. Nutzt euren Größenvorteil.« Dann fiel sein Blick auf Kolben, und er verzog gequält die Miene. »Oder rennt weg.«

Wieder brach die Klasse in tosendes Gelächter aus, doch der Dunkelzwerg fuhr fort: »Denkt daran, morgen gehen wir auf Exkursion in die äußeren Tunnel. Habt ihr alle die Erlaubnis eurer Eltern? Kolben, bitte sage deinen Erzeugern, dass sie das Dokument nicht mehr ändern sollen. In der Erklärung nach § 357b der IDO geht es nur um einen Ausflug, nicht die Übertragung des Sorgerechts an die Schule …«

»Das machen sie immer!«, fluchte der kleine Goblin und blicke verdrießlich drein. Tremell nickte er nur zu.

»Also, wir treffen uns morgen vor dem Auserwähltenfriedhof!«, rief Tremell ihnen noch hinterher. »Dort frage ich den Stoff der heutigen Stunde ab, verstanden?«

 

Lyranne schloss die Tür sorgfältig ab. Niemand durfte sie jetzt stören. Der alte Tremell saß bereits mit einem Zuber, einer Schüssel und allerlei Pasten bewaffnet am Tisch. An jedem fünften Tag vollzogen sie diese Prozedur. Und Lyranne fragte sich, wie lange sie sich noch verstecken musste.

Sie kannte die wahre Geschichte des bärbeißigen Dunkelzwergs und seines Kampfs gegen die Elfen. Sie wusste um die wahren Mörder ihrer Eltern. Und auch, dass ihr Ziehvater mit jedem Tag ein großes Risiko auf sich nahm.

In Gedanken wanderte sie zu jenem Tag zurück. In ihren Träumen vermochte sie die Ereignisse zu sehen, durch die Verbindung, die sie noch im Leib ihrer Mutter mit selbiger geteilt hatte.

Die beiden hatten sich verirrt. Der Dungeon sollte ihnen lediglich Schutz vor der Nacht bieten, doch die Magie der Höhlen hatte sie unweigerlich tiefer hineingezogen.

Die Wehen setzten ein. Ein Kind erblickte das Licht der Welt.

Doch der Dungeon forderte seinen Tribut. Ein Leben für ein Leben.

Lyrannes Mutter war bei der Geburt gestorben.

Tremell und seine dunkelelfische Gefährtin hatten auf ihrer Patrouille die Eindringlinge aufgespürt. Seine Gefährtin, eine vom Hass zerfressene Dunkelelfe, fand den trauernden Vater, der sich nicht wehrte, sondern sich lediglich schützend über sein neugeborenes Mädchen beugte. Doch die Dunkelelfe wollte keine Gnade erweisen. Sie erschlug den Elf und hob das Schwert zum tödlichen Stoß gegen das Neugeborene.

Kalter Stahl fraß sich durch ihre Brust. Tremell konnte es nicht zulassen.

Die Dunkelelfe starb, und Lyranne überlebte.

Seitdem versteckte der alte Dunkelzwerg sie in seiner Obhut.

»Wieso tust du das?«, fragte sie ihn jedes Mal, wenn sie ihr Ritual begannen.

Tremell bestrich ihren Haaransatz mit einer Paste und brummte in seinen schwarzen Bart.

Diesmal wollte sie sich mit ein paar unverständlichen Grunzern nicht zufriedengeben. »Wieso?«, wiederholte sie.

Er ließ von ihrem Haarschopf ab und seufzte tief. »Ich beschütze den Dungeon. Ich beschütze die Tür mit meinem Leben, bis zu dem Tag, an dem sie sich endlich öffnet.« Er blickte ihr traurig in die Augen. »Ich habe viele dabei getötet. Menschen, Elfen, Zwerge … aber ich konnte es nicht über mich bringen, ein unschuldiges Kind zu töten.« Er schüttelte den Kopf. »Ich konnte es einfach nicht. Es war zu viel. Es war einfach zu viel.«

»Aber du hast dich selbst in Gefahr gebracht«, beharrte sie.

»Ein Leben für ein Leben«, erwiderte er augenzwinkernd.

Er betrachtete ihren Haaransatz und wusch die Paste aus. Nun erstrahlte ihre ganze Haarpracht wieder im kalten Weiß des Mondlichts.

»Perfekt!«

Lyranne nahm sich einen Spiegel und strich sie die Haare bis auf eine Strähne hinter die Ohren. »Irgendwann werden wir auffliegen, Paps.«

Er zuckte mit den Schultern. »Irgendwann wirst du fliehen.« Plötzlich hielt er inne und blickte sie verschwörerisch an. »Oder die Tür wird sich öffnen. Und sollte das jemals geschehen, musst du bereit sein.«

Lyranne befühlte mit den Fingern den silbernen Anhänger um ihren Hals. Er stellte eine dünne Mondsichel auf einem Ahornblatt dar. Die Arbeit war überaus kunstvoll verziert und filigran. Man konnte selbst die kleinsten Äderchen des Blatts erkennen. Ein Meisterstück elfischen Handwerks und das letzte – und einzige – Andenken an ihre Eltern.

»Irgendwann finde ich einen Weg, dich zu deinem Stamm zurückzubringen«, sagte der alte Dunkelzwerg mit sanfter Stimme.

 

Sie trafen sich am Auserwähltenfriedhof. Hier betteten sie all jene Helden zur Ruhe, die durch ein Mal der Götter gesegnet waren. Die Hexenmeister hatten einst damit begonnen, nur die besten Eindringlinge in Gräbern zu konservieren. Ihrer Meinung nach war es essentiell, im Falle einer Massenerweckung der Toten nur die besten Kämpfer in petto zu haben. Zu oft scheiterte ein Plan an hirnlosen Untoten, die gerade einmal mit Mühe und Not eine Keule schwingen konnten.

Von Clunkrahef, einer der Meisterbeschwörer, hatte einen formellen Protest gegen Anwendung der IDO §857a Abs. 3g eingereicht, und die Dungeonleitung hatte schließlich zu seinen Gunsten bestimmt, dass die »Gefahr eines Untotenheers, das sich gegen seine Meister richtet, da reine Seelen erweckt wurden«, in diesem Fall keine Anwendung fand.

Lyranne hoffte heimlich, dass diese toten Helden eines Tages den Dungeon niederbrennen würden.

Glubsch wartete bereits am Eingang. Der Auserwähltenfriedhof war eine riesige Gebeinkammer. Jahrelang hatte sich von Clunkrahef mit der Dungeonleitung darüber gestritten, ob die Gebeine gemäß IDO §99c Abs. 5 nach Größe und Art sortiert werden müssten oder ob von Clunkrahef eine Sondererlaubnis nach IDO §647 »Vorratslager für Untote« erhielt.

In letzter Instanz hatte der Hexenmeister schließlich Recht bekommen und so diese Gebeinkammer nach seinen Vorstellungen eingerichtet.

Glubsch winkte ihnen aufgeregt zu und präsentierte stolz seine neue Streitaxt. Wurde ein Ork (oder eine Orkfrau, die Grünlinge machten da keine Unterschiede) zum Mann, bekam er eine Axt geschenkt. Von dem Moment an, da er sie das erste Mal im Blut seiner Feinde badete, war die Mannwerdung (oder Frauwerdung) abgeschlossen.

Lyranne wusste, dass Glubsch insgeheim darauf hoffte, dass sie bei ihrer Exkursion auf Feinde stießen.

Tremell nickte ihm anerkennend zu. »Eine schöne Waffe. Vielleicht kannst du sie noch benutzen.«

Mehr und mehr Schüler trudelten ein. Als letzter erschien Stinker. Der Troll hatte wie üblich verschlafen.

Der alte Dunkelzwerg baute sich vor ihnen auf: »Abschlussklasse! Mit dieser Exkursion endet euer Unterricht. Betrachtet sie als Abschlussprüfung, bevor ihr in den Ernst des Dungeonlebens eintaucht.« Er ließ den Blick über jeden von ihnen schweifen, um die Dramatik seiner nächsten Worte zu unterstreichen. »Und ihr habt Glück! Letzte Nacht haben die Wachen erste Menschen aufgegriffen. Die Heldensaison hat begonnen!«

Heldensaison. Lyranne hasste diese Zeit im Jahr. Immer mehr und mehr Menschen, Elfen und Zwerge würden jetzt in kleinen Gruppen den Dungeon aufsuchen. Der Winter war hart gewesen, darum würden die ersten Wellen meist aus armen Bauern bestehen, deren letzte Hoffnung es war, hier ein wenig Reichtum zu finden. Sobald genug von ihnen stattdessen hier ihren Tod gefunden hätten, würden die Städte im Umland Belohnungen für reisende Abenteurer aussetzen.

Und damit einen stetigen Strom an Taugenichtsen, Glücksrittern und Helden in den Dungeon spülen.

 

Der Dunkelzwerg führte sie rasch aus den belebteren Bereichen des Dungeons hinaus, in dunkle Gänge, niedrige Höhlen und mit Fallen gespickte Engstellen. Sie wussten immer, wie man die entsprechende Falle umgehen konnte, denn alle waren nach der entsprechenden IDO gebaut und gewartet.

Wenn die Menschen jemals eine Ausgabe der IDO in ihre Hände bekommen, bricht hier alles zusammen, dachte Lyranne grimmig.

Einmal hatte sie versucht, ein Exemplar zu stehlen, aber Tremell hatte sie dabei erwischt und es ihr verboten. »Zu viel Aufsehen«, hatte er sie gewarnt. Seit knapp zwanzig Jahren lebte sie versteckt, verbarg ihre wahre Identität und ihr wahres Ziel – dem Dungeon zu entkommen.

Die Schmiede lief auf Hochtouren, denn kurz vor der Heldensaison wollte jeder noch einmal seine Waffenkammer auf Vordermann bringen. Gromph würde nach dem Abschluss dort seinen Lebensunterhalt verdienen. Der Troll war dafür prädestiniert, mit schweren Gegenständen zu hantieren. Nur mit dem Feuer musste er vorsichtig sein, da es seine Regenerationsfähigkeit zerstören könnte, doch der gutmütige Riese hatte Lyranne einst erzählt, dass es sein größter Wunsch war, einmal zu sehen, wie ein mächtiger Verteidiger des Dungeons eine Waffe mit seinen Initialen schwang.

 

»Moment mal«, sagte Kolben plötzlich und schnüffelte. »Ich rieche Eindringlinge.«

Tremell hielt inne. »Seht ihr? Darum ist es gut, immer einen Goblin bei sich zu haben.« Er blickte zu Gromph und fügte hinzu: »Manche Trolle haben dafür eine Extratasche.«

Die übrigen Schüler lachten leise, doch Kolben schnaubte nur verächtlich.

Stinker sagte wie üblich nichts, aber seine Gesichtsfarbe änderte sich von Steingrau zu zartem Rot.

Krazzack reagierte direkt auf die unbestimmte Bedrohung, indem er seine beiden Streitäxte zog und sich selbst mit den flachen Seiten der Axtblättern gegen den Schädel schlug, um sich in Rage zu versetzen. Das Metall klirrte laut gegen seine mit Messing überzogenen Hörner – ein Geräusch, das Lyranne durch Mark und Bein ging.

Glubsch tat es ihm gleich, ging neben dem Minotaurus in Stellung und setzte zu wildem Kampfgebrüll an.

»Nicht zu voreilig, Jungs!«, zischte Tremell wütend. Lyranne entging nicht, dass der alte Dunkelzwerg mit einem Mal wie ausgewechselt erschien. Anstelle seiner üblichen Ausgelassenheit zeigte sich nun eine ernste Anspannung in seinem Gesicht, die die junge Elfe in ihrem Leben nur selten gesehen hatte.

»Dieser Gang ist zum Kämpfen zu schmal«, stellte Lyranne fest, als sie ihr schlankes Schwert zog. »Dort vorne ist eine Kammer«, sagte sie und deutete den Gang entlang. »Snikit, schaffen wir es noch?«

Kolben nickte. Seine Nase war so fein, dass er einen Eindringling auf fast eine halbe Meile Tunnellänge roch.

»Also schön«, sagte Tremell mit gedämpfter Stimme. »Abschlussklasse, hier kommt eure Prüfung.«

Die Schüler eilten los, und sogar Glubash und Krazzack bemühten sich, möglichst kein Geräusch zu machen.

Tremell hielt Lyranne zurück und blickte ihr ernst in die Augen. »Du wirst vielleicht eine Entscheidung über Leben und Tod treffen müsse, Kleine. Kannst du das?«

Sie versuchte, die Konsequenzen seiner Worte vollständig zu erfassen – vergebens. Die Wahrheit war, dass Lyranne nicht wusste, ob sie einem Menschen, Zwergen oder gar Elfen das Leben nehmen könnte. Sie wusste aber sehr wohl: Ihr eigenes Leben hing davon ab, dass keiner der anderen Schüler ihre wahre Identität durchschaute.

»Ich weiß es nicht«, gestand sie schließlich.

Tremell nickte. »In Ordnung. Machen wir das Beste draus.«

Sie rannte den anderen hinterher in den Raum. Dort ging sie neben Gromph in Stellung. Der Troll führte einen riesigen Hammer, mit dem er mühelos alles von Holzbalken über Knochen bis zu kleinen Felsen zertrümmern konnte.

Tremell blieb im Hintergrund und bewertete ihre Kampfaufstellung.

Snikit schnüffelte ein letztes Mal, nickte vielsagend … und zog sich ebenfalls in die zweite Kampfreihe zurück.

»Vorbildlich, Kolben«, lobte der alte Dunkelzwerg im Flüsterton. »Nützlicher wirst du eh nicht mehr.«

Schließlich hatte das Warten ein Ende, und eine Gruppe junger Abenteurer betrat mit gezogenen Waffen die kleine Kammer. Lyranne erkannte sie sofort als Elfen, ihre Bewegungen waren zu geschmeidig, ihre Gesichtszüge zu fein, die Waffen zu kunstvoll gearbeitet. Selbst in dieser unwirtlichen Umgebung strahlten die drei Fremden eine Erhabenheit aus, die Lyranne ihr Leben lang vergebens im Dungeon gesucht hatte.

»Sterbt, Spitzohren!«, brüllte Glubash und warf sich seinen Feinden entgegen.

»Sehr gute Eröffnung, Glubsch!«, lobte Tremell, während er versuchte, einen besseren Blick auf den Ork zu erhaschen.

Lyranne hatte keine Zeit, sich auf den Kampf des Orks zu konzentrieren, denn einer der Elfen hatte sich an Gromph vorbeigestohlen, um direkt Tremell zu attackieren. Er hatte offensichtlich direkt erkannt, dass der Dunkelzwerg der Anführer der Gruppe war, wofür sie ihnen im Stillen applaudierte.

Bevor die Klinge des Elfen den alten Dunkelzwerg auch nur ankratzte, war sie zur Stelle. Ihr Schwert flog zur Parade heran, sie traf die Klinge des hochgewachsenen Elfen dreimal, ehe er seinen Schlag vollendet hatte.

Lyranne wirbelte wild umher, vollführte geschickte Drehungen und akrobatische Pirouetten, um ihren Gegner zu verwirren und den Kampf in die Länge zu ziehen. Sie hatte nicht vor, ihn zu verwunden, aber für die anderen musste sie es so aussehen lassen.

Während der Elf versuchte, ihrer habhaft zu werden, fiel ihr Blick auf einen Anhänger an seinem Hals.

Eine Mondsichel auf einem Ahornblatt.

Sie riss die Augen auf und wich zurück, zerrte dabei ihren eigenen Anhänger unter ihren Kleidern hervor und präsentierte ihn dem Elfenkrieger.

Der Elf stutzte und ließ sein Schwert für einen Moment sinken.

Eine Gelegenheit, die sich Glubash nicht entgehen ließ. Der Ork eilte heran, nachdem Krazzack sich seines Gegners angenommen hatte, und holte zum tödlichen Hieb aus.

»Nein!« Lyranne reagierte instinktiv. Sie sprang zwischen den Ork und sein Opfer und lenkte die Axt mit ihrem Schwert beiseite.

»Verräterisches Spitzohr!«, fluchte Glubash, und seine Augen glühten vor Zorn. Sein nächster Angriff war direkt gegen sie gerichtet. Er schwang seine Axt in einem weiten Rückhandschlag gegen ihren Bauch.

Lyranne sprang einen Satz zurück, zog den Bauch ein und entging der Klinge um Haaresbreite. Sie versuchte mit einem Ausfallschritt zu kontern, doch Glubash nutzte den Schwung seiner Waffe, vollführte eine Drehung zur Seite und stand nun in ihrem Rücken. Lyranne folgte der Bewegung ihres Schwerts und tauchte in einer Rolle vorwärts unter Glubashs zweitem Rückhandschlag hindurch.

»Bleib stehen und stirb wenigstens mit Ehre!«, brüllte der junge Ork seine Frustration hinaus.

Lyranne wirbelte herum und setzte zu einem neuen Angriff an, doch Glubash war schneller.

Seine Faust traf sie hart in den Unterleib und presste ihr die Luft aus den Lungen. Sie taumelte zurück. Ihr Schwert entglitt ihren Fingern und fiel klirrend zu Boden.

Glubash baute sich triumphierend vor ihr auf, ein böses Grinsen im Gesicht. »Für Verräter ist kein Platz im Dungeon. Paragraph 2, Absatz 4a.«

Lyranne schloss die Augen. All die Jahre hatte sie gehofft, eines Tages zu ihrem Volk zurückkehren zu können. Doch der Dungeon war ihr Schicksal. Er hatte den Tod ihrer Eltern besiegelt, und er würde ihren Tod besiegeln.

Sie wartete auf das Unvermeidliche und wurde getroffen.

Nicht heiß und scharf am Kopf, wo sie die Axt erwartete, sondern massig und hart gegen die Schulter. Sie wurde zur Seite geschleudert und erblickte noch, wie Glubashs Axt Tremell in die Brust traf.

»Genug!«, rief der alte Dunkelzwerg und sackte auf die Knie.

Glubash riss die Waffe frei und wollte sich wieder Lyranne zuwenden, als ihn eine riesige Trollpranke im Nacken packte.

Gromph stand triumphierend über ihm und schüttelte schlicht den Kopf. »Genug«, wiederholte der Troll und schleppte Glubash zurück in die Tiefen des Dungeons.

Lyranne blickte sich hastig um. Krazzack lag blutüberströmt am Boden. Er hatte die Abschlussprüfung nicht bestanden. Von Snikit fehlte jede Spur. Der Goblin hatte sich wohl kurz nach Kampfbeginn verdünnisiert.

Nur sie und die drei Elfen waren noch übrig.

Und Tremell, der blutend am Boden lag.

»Geht«, sagte er zu ihnen, als Lyranne sich über ihn beugte.

»Du dummer alter – wundervoller Mann«, schalt sie ihn, während Tränen über ihr Gesicht rannen. »Wieso hast du das getan?«

Er zwinkerte ihr zu. »Ein Leben für ein Leben.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nicht so!«

Tremell lächelte sie an. »Nur so. Mein Kind.« Er streckte die Hand aus und strich ihr väterlich über die Wange. »Mein Leben für dein Leben.«

 

***

© 2018 by Stephan R. Bellem. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung

Erstmals erschienen in: Stefan Cernohuby und T.S. Orgel (Hrsg.): Die Hilfskräfte – Die wahren Herren des Dungeons. Amrûn Verlag 2018.

Über den Autor

Autor Stephan Bellem

Stephan R. Bellem denkt sich seit seinem vierten Lebensjahr Geschichten aus. Zunächst handelten sie von Eichhörnchen, die sich auf den Winter vorbereiten (die Hörnchenjahre), später von Dackeln, die sich durchs Leben schlugen (Hundejahre).

Schließlich kehrte er den Fabeln den Rücken zu und ließ seine Protagonisten zu Schwert und Schild greifen. Seitdem ist er im Großraum Phantastik unterwegs. In den letzten Jahren wurde es Stephan mit seinen eigenen Texten zu einsam, darum hat er sich als Lektor liebevoll um die Werke geschätzter Kollegen gekümmert, denn wer braucht schon Freizeit, wenn er Bücher hat?

Mehr unter www.srbellem.de

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 11. Oktober, genau hier.

Share:   Facebook