Kurzgeschichte am Fiction Friday: Feuersänger von Bernd Frenz

© Oliver Ferreira

FICTION

Feuersänger – Eine Legende der Gaukler und Spielensleut (Bernd Frenz)


In der kargen Ebene von Iskan ist der Boden trocken und das Leben hart. Einzig die umherziehenden Musikanten werden mit einer Ehrfurcht bewirtet, die sie ihrem Schutzpatron, dem Feuersänger, verdanken. Doch einige kennen den wahren Kern der Legende über den zornigen Barden, der einst grausame Rache an einem Raubgrafen übte …

Die Kurzgeschichte »Der Feuersänger« von Bernd Frenz, Autor der »Völkerkriege«-Trilogie, ist wahrlich nichts für schwache Nerven!

***

1.

Es war ein langer trockener Sommer gewesen, in dem Regen so selten gewesen war, wie es Lehnsherren mit einem guten Herzen gab. Die Bauern der Ebene zitterten bereits seit Wochen vor den Eintreibern ihrer Grafen, denn die anhaltende Dürre hatte die ohnehin kargen Erträge des Landes zu Nichts werden lassen. Doch die Erfahrung lehrte, dass weder Herren noch Kriegsknechte viel Verständnis für das Zusammenspiel von Witterung und Pflanzenwuchs aufbrachten und in der Regel nur an den mühsam erworbenen Früchten der Drei-Felder-Wirtschaft interessiert waren.

Sinnlose Gewalt war in jenen Zeiten genauso an der Tagesordnung wie die Demut der Landbevölkerung, mit der sie das ihnen auferlegte Los der Unterdrückung hinnahm. Und so harrten sie der Schergen ihrer Grafen, die sie für etwas strafen würden, für das bestenfalls die launischen Götter die Verantwortung trugen.

Einer Laune eben dieser Götter musste wohl auch Ansgars Wunsch entsprungen sein, bereits vor Sonnenaufgang zum nahe gelegenen See zu wandern, um, den ganzen Morgen im Schatten einer Linde verbringend, mit seiner Laute die Inspiration einer Muse zu suchen.

Als ihn gegen Mittag der knurrende Magen wieder heimwärts trieb, beschlich ihn bereits von fern die Ahnung, dass etwas vorgefallen sein musste. Irgendetwas Fremdes, Störendes schien sich in die Mittagshitze zu mischen. Eine Spur greifbaren Schreckens, die sich heiß durch die Atemwege presste, um als schwelender Belag in den Lungen weiterzuglimmen.

Von einer plötzlichen inneren Unruhe getrieben, beschleunigte er seine Schritte, um das letzte Stück des Weges schnell hinter sich zu bringen. Bald trennten ihn nur noch wenige Längen von der Anhöhe, die ihn zu seinem Dorf hinabführte. Durch die Erdmassen abgeschirmt konnte er weder die Hütten sehen, noch etwas von ihren Bewohnern hören, dennoch brandete Panik in ihm hoch.

Die letzten Schritte taumelte er den Hügel hinauf, von einer völlig widersinnigen, doch dafür umso tieferen Ahnung gepackt, dass in seiner unheiligen Abwesenheit ein Unglück über das Dorf hereingebrochen sein mochte.

Kaum hatte er die Kuppe der Anhöhe erreicht, die ihn von seinem Flecken Heimat trennte, da hörte er das laute Wehklagen der Menschen, das zuvor wie unter einer bronzenen Glocke versteckt gewesen war.

Unten auf dem Marktplatz hatte sich die Dorfgemeinschaft um eine Eiche versammelt, in deren durch die Dürre kahl gewordenen Ästen drei seltsam verdrehte Schatten verfangen waren. Obwohl die im grellen Gegenlicht hängenden Formen merkwürdig vertraut wirkten, war etwas an ihnen seltsam falsch, so als hätte irgendjemand oder irgendetwas eine bekannte Silhouette mit aller Gewalt gepackt, auseinander gerissen, durcheinander gewirbelt und an den falschen Stellen wieder zusammengefügt.

Als Ansgar endlich erkannte, um was es sich bei diesen seltsamen Baumfrüchten handelte, die bereits von einer Schar gieriger Raben angeflogenen wurden, durchfuhr ihn nur ein Gedanke: Vater! Bitte lasst Vater nicht darunter sein, ihr Götter!

Ein Aufschrei entrang sich seiner Brust, erstarb jedoch, bevor er ihm über die Lippen kam. Obwohl ihm heiße Tränen die Sicht nahmen, eilte Ansgar in halsbrecherischem Tempo den Hang hinunter, um sich über etwas Gewissheit zu verschaffen, von dem er mit aller Verzweiflung hoffte, dass es nicht zutreffen möge. Mit fliehenden Schritten näherte er sich dem Baum und prallte auf die darum versammelte aus trauernden Menschen.

Die Schulter voran, drängte er jeden brutal zur Seite, der ihm im Wege stand. Rücksichtslos machte er von Ellenbogen und Fäusten Gebrauch, teilte unzählige Stöße und Knüffe aus und steckte mindestens ebenso viele Nackenschläge von erbosten Umstehenden ein. Schließlich kämpfte er sich, die um ihn herum ausgestoßenen Flüche ignorierend, ganz nach vorn.

Der sich ihm dort bietende Anblick traf ihn erneut wie ein Schlag mit dem Schmiedehammer. Aus der Nähe betrachtet, glichen die Leichen jenen Strohpuppen, die sie zum Winterende auf den Feldern verbrannten, um die bösen Geister der dunklen Jahreszeit zu vertreiben. Doch die grotesk verdrehten Formen, die sich dort über ihm im Baum befanden, trugen keine verzerrten Dämonenmasken, sondern bekannte Gesichter. Ihre Körper bestanden nicht aus trockenen Halmen, nein, es waren menschliche Knochen, die man gebrochen hatte, so dass die Gestalten dort im Baum wie vom Sturm misshandelte Vogelscheuchen wirkten.

Obwohl die Gesichter vom Todesschmerz verzerrt waren, erkannte Ansgar den Dorfschulzen wieder sowie zwei Bauern, denen die Dürre besonders übel mitgespielt hatte, da die an ihren Feldern gelegenen Bäche ausgetrocknet waren. Trotz des Grauens über ihm verspürte Ansgar ein beschämendes Gefühl der Erleichterung, als er erkannte, dass seine Familie offensichtlich verschont geblieben war.

Hastig sah er sich nach seinen Eltern um, und plötzlich tauchte sein Vater aus der Menge vor ihm auf. Erfreut wollte der Junge ihn in die Arme schließen, da verabreichte dieser ihm eine kräftige Ohrfeige. Erschrocken wich Ansgar zurück. Weniger, weil ihn der körperliche Schmerz verletzte – den war er von seinem Vater gewohnt –, sondern weil ihn dessen Zorn angesichts der Situation überraschte.

„Aber … was ist denn …? Warum schlägst du mich?“

Einen Moment sah es so aus, als wollte sein Vater erneut ausholen, doch dann hielt er inne, und es brach bitter aus ihm hervor: „Dich hätten sie mitnehmen sollen und nicht deinen Bruder! Er hat mir wenigstens immer bei der Feldarbeit geholfen und nicht seine Zeit mit Träumereien vertrödelt. Nun bin ich ganz allein und werde im nächsten Jahr sicherlich ebenso als Warnung für die anderen am Baum enden. Du bist dir ja zu fein, mir auf dem Feld zu helfen.“

Tränen schossen Ansgar in die Augen, denn die Worte seines Vaters trafen ihn härter als alle Schläge, die er je von ihm erhalten hatte. Natürlich war es nichts Neues für ihn, dass die Eltern seinen Bruder Thiese vorzogen, weil dieser stets die ihm aufgetragenen Aufgaben widerspruchslos erfüllte, egal, wie sinnlos manche der Arbeiten auch waren. Doch die in aller Öffentlichkeit erhobenen Anschuldigungen des Vaters waren einfach ungerecht. Ansgar hatte immer, wenn auch widerwillig, seinen Teil der Feldarbeit getan. Wenn in diesem Jahr nicht genug Ernte eingefahren wurde, so lag dies am fehlenden Regen und nicht daran, dass er lieber auf der Laute spielte, statt mit wehenden Tüchern über den Acker zu laufen, um hungrige Raben zu vertreiben, die nach dem ohnehin vertrockneten Saatgut gruben.

Obwohl viele der umstehenden Dorfbewohner ihn ebenfalls für einen Taugenichts hielten, ergriffen einige auch für ihn Partei, um ihn vor den ungerechten und verletzenden Worten seines aufgebrachten Vaters in Schutz zu nehmen. Dieser ließ sich jedoch nicht beruhigen, im Gegenteil. Wie immer, wenn man nicht seiner Meinung war, steigerte er sich in einen Wutanfall, bis er schließlich fast mit seinem Nachbarn Eger aneinandergeriet, der ihm vorhielt, er solle gefälligst glücklich sein, dass ihm noch ein Sohn verblieben war.

Die Auseinandersetzung ging an dem vor sich hinstarrenden Ansgar vorbei, trotzdem erfuhr er bei diesem Streitgespräch, was am Morgen vorgefallen war. Die Schergen des Lehnsherrn waren ohne Vorwarnung in das Dorf eingedrungen und hatten alles Essbare geplündert, dessen sie habhaft werden konnten. Die Brutalität, mit der sie dabei vorgingen, ließ darauf schließen, dass sie längst wussten, dass ihre überzogenen Abgabenforderungen nicht zu erfüllen waren. Trotzdem wurden die Bauern beschuldigt, dass sie die Ernte versteckt hielten, um sich so vor der jährlichen Steuer zu drücken.

Daraufhin hatten die Landsknechte den Schulzen und die beiden ärmsten Bauern ausgepeitscht und sie gerädert und sie als abschreckendes Beispiel in die Eiche am Marktplatz gehängt, und unter dem Wehgeschrei der Mütter waren anschließend die wehrfähigen Jungen des Dorfes ins Heer des Grafen verschleppt worden, um die Schulden ihrer Angehörigen zu begleichen.

Seit der Mittagszeit war auch der letzte der drei Sterbenden verstummt, doch bisher hatte niemand gewagt, ihre Leichen aus dem Baum zu holen.

Die bizarren Früchte der Eiche waren indessen der hungernden Vogelwelt nicht verborgen geblieben. In Erwartung einer seltenen Speisung zogen dunkle Scharen von Raben, Krähen und anderem aasfressenden Vogelvieh heran, die sich über dem Marktplatz in so dichten Wolken zusammenzogen, dass sich die Sonne zu verfinstern schien. Während unter ihnen das Gewitter der streitenden Menge anschwoll, ließen sich die mutigsten der schwarz Gefiederten bereits auf den Ästen nieder und wurden nur noch vereinzelt durch Steinwürfe wieder vertrieben.

Ansgar verspürte keine Lust, sie bei ihrem Festmahl zu beobachten. Er wollte auch nicht weiter dem Gejammer und Gebrüll lauschen, in dem sich die Hilflosigkeit der Umstehenden äußerte. So wandte er sich einfach ab und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, unbemerkt aus dem Dorf.

Nur seine Laute nahm er mit.

 

2.

Vier Tage und vier Nächte wanderte er, um zur Burg des Raubgrafen zu gelangen. Er lebte von Wurzeln und Beeren, die er im Wald fand, und von dem Wenigen, das er bei einigen Reisenden erbettelte.

Am Morgen des fünften Tages stand er schließlich vor dem Burgtor, hinter dem Bruder und Freunde gefangen gehalten wurden. Er hatte sich abends zuvor notdürftig an einem Tümpel gewaschen, was sich aber als überflüssig erwies, da noch weit heruntergekommeneren Gestalten der Eintritt gewährt wurde.

Ansgar war das erste Mal im Leben so fern der Heimat. Weiter als bis zum großen Markt in Gorasch, zwei Dörfer den Fluss hinauf, war er nie gekommen. Trotz des Aufruhrs, der in seinem Inneren wühlte, konnte er das aufkommende Gefühl der Enttäuschung nicht verbergen. Er hatte sich die Burg des Lehnsherrn stets als steinernes Bollwerk auf einem mächtigen Felsen vorgestellt, mit goldenen Dächern und einen mit hellem Marmor von der Weißen Küste gepflasterten Hof.

Doch in Wirklichkeit lag die Festung – als mehr konnte man diese Wehranlage wohl nicht bezeichnen – in einer Ebene und war hauptsächlich aus Holz und Lehm, und statt erhabenem Mauerwerk gab es nur ein hüfthohes Fundament mit einer doppelten Palisadenreihe. Der um die Festungsmauern gezogene Graben war nicht einmal mit Wasser gefüllt, sondern nur mit angespitzten Pflöcken gespickt, und statt einer Zugbrücke gab es lediglich einen festen Übergang, der von einem mäßig interessierten Posten bewacht wurde.

Ansgar, der das Heim des Grafen nur aus den Erzählungen einiger Troubadoure kannte, wurde auf diese Weise zum ersten Mal mit der dichterischen Freiheit der Musikanten konfrontiert, denn die übers Land ziehenden Sänger entfernten sich bei der Ausschmückung ihrer Strophen oft weit von der Wirklichkeit.

Obwohl auch der Innenhof nicht so imposant war, wie er es erwartet hatte, schob sich Ansgar mit großen Augen durch die sich vor ihm drängende Menge. Denn trotz der ersten Ernüchterung war diese Burg das weitaus größte Bauwerk, das er je gesehen hatte und das er je sehen sollte.

Der größte Teil der Unterkünfte und Scheunen war in der traditionellen Holz- und Lehmbauweise erstellt, nur der Burgfried des Grafen war bis zum ersten Stock aus Feldsteinen gemauert. Dieser imposante Turm überragte den Verteidigungswall um das Dreifache und bildete den Mittelpunkt der Festung, so dass er von allen im Hof befindlichen Gebäuden am besten von äußeren Angriffen geschützt war. Die oberen Stockwerke bestanden aus massivem Eichenholz, im Dachstuhl befand sich ein wilder Taubenschlag.

Neben dem Turm drängte sich ein langes Gebäude, das den Speisesaal beherbergte. Vor der offenen Küchentür hatten sich einige Gaukler und Bänkelsänger versammelt, die dem Koch, in der Hoffnung auf eine warme Mahlzeit, ein Ständchen gaben. Erst da fiel Ansgar auf, wie viel fahrendes Volk sich im Hof versammelt hatte, und ihm wurde klar, dass sein unbehelligter Eintritt nur der mitgeführten Laute zu verdanken war.

Festen Schrittes steuerte er auf die anderen Bänkelsänger zu, in der berechtigten Vermutung, dort am wenigsten aufzufallen. Er fand unter den freundlichen Musikanten schnell Anschluss und erfuhr von ihnen, dass wegen der erfolgreichen Arbeit der Steuereintreiber für den Abend ein großes Festmahl geplant war. Deshalb hatten sich von nah und fern alle Bettler, Gaukler und Musikanten eingefunden, um in diesem für sie sonst so kargen und lebensfeindlichen Landstrich endlich einmal satt zu essen zu erhalten.

Ansgar verschwieg seine wahren Absichten für den Abend und gab vor, aus dem gleichen Grund gekommen zu sein. So spielte er den Nachmittag über mit den anderen und musste dabei zu seinem Schrecken feststellen, dass er nicht nur der mit Abstand jüngste, sondern auch schlechteste Virtuose war.

Seine Kollegen bescheinigten ihm jedoch großes Talent und zeigten ihm den einen oder anderen Kniff, sodass er an diesem Nachmittag mehr lernte als sonst in einem ganzen Jahr des Selbststudiums.

 

3.

Die Zeit bis zum Abend verging im Kreise der neuen Freunde wie im Fluge, und als das Knurren der leeren Mägen ihr Spiel zu übertönen drohte, wurde der Speisesaal endlich für das gemeine Volk freigegeben. Ihre Plätze befanden sich natürlich bei den Knechten und Mägden am Ende der Tafel, doch da es den Grafen nach Unterhaltung dürstete, wurden die Minnesänger einzeln nach vorn gerufen.

Nachdem der Erste geendet hatte, drängte sich Ansgar frech vor, was ihm einige erboste Zurufe der anderen Barden einbrachte, doch das war ihm egal. Er hatte weit mehr vor, als nur den Grafen zu unterhalten. Er wollte zeigen, dass ein Musikant genauso wertvoll sein konnte wie ein guter Knecht auf dem Felde; dass die Lyrik eines Poeten so mächtig war wie das Schwert eines Kriegers. Ja, er wollte hier und jetzt seinem Vater und allen anderen beweisen, dass er weder ein Träumer noch ein Spinner und vor allem kein Nichtsnutz war. Er war fest entschlossen, die Kinder seines Dorfes mit der Kraft seines Gesanges zurückzubringen.

Während der vergangenen vier Tage hatte er an einem Text gefeilt, der den Grafen so rühren sollte, dass er die Gefangenen einfach freilassen musste.

Nachdem sich der Tumult auf den hinteren Plätzen gelegt hatte, wurde es still im Saal. Die Mehrheit der Gäste, die noch nicht betrunken war, schien zu ahnen, dass sich da weit mehr abspielte als nur der Versuch eines Jungspunds, sich in den Mittelpunkt zu drängen. Gespannt warteten sie, mit welcher Darbietung er sein ungebührliches Betragen rechtfertigen wollte. Selbst der Graf, der sich zuvor nur mit seinem Essen beschäftigt hatte, schaute gespannt auf.

Ansgar stellte sich vor die Tafel der Adligen, räusperte seine belegte Kehle frei und begann zu singen, bevor ihm die weichen Knie den Rückzug befahlen. Mit anfangs zitteriger, doch dann immer festerer Stimme begann er das Lied von den verlorenen Söhnen, die eines Tages aus ihren Häusern entführt wurden. Er sang von den Leiden der Mütter und Väter, von dem Unglück, das damit über das Dorf hereinbrach, und dem Großmut eines Grafen, der nötig war, um dieser Geschichte ein gutes Ende zu geben.

Als er seinen Gesang beendet hatte, war es so still im Saal geworden, dass man eine Feder hätte fallen hören. Erwartungsvoll sah Ansgar den Lehnsherren an, der ihn mit so weit geöffnetem Mund anstarrte, dass ihm die Fleischbrocken fast wieder herausfielen.

Der Musikant wollte gerade zu der Bitte ansetzen, doch dem Beispiel aus dem Lied zu folgen und seine Freunde freizulassen, als der Monarch seinen Mundinhalt ausspie und zu brüllen begann: „Noch nie in meinem Leben habe ich ein so unverschämtes Lied vernommen – und dazu auch noch schlecht gespielt! Brecht diesem Lumpen den Arm, damit er meine Ohren nie wieder mit seinem Geplärre beleidigt!“

Ehe Ansgar sich versah, hatten ihn die Wachen bereits gepackt und zum Tisch des Grafen gezerrt. Zuerst wurde ihm unter dem Gelächter der versammelten Menge die eigene Laute auf dem Kopf zerschlagen, danach zwängte man ihn auf die Knie und riss seinen rechten Arm auf die eichene Tafel. Verzweifelt versuchte er sich dem Griff der Wächter zu entziehen, doch eine Übermacht von Händen presste ihn nach unten und nagelte ihn auf die Tischplatte.

Der Saal hatte sich in einen Hexenkessel verwandelt. Gelächter und fröhliches Gejohle drang wild durcheinander, und als schließlich ein Knecht mit einem riesigen Holzprügel auftauchte, brach die Menge in stürmischen Applaus aus.

Für Ansgar fiel eine Welt zusammen. Er hatte angenommen, dass man ihn für seinen Mut und die Treue zu seinen Freunden bewundern würde, doch stattdessen behandelte sie ihn wie einen Dummkopf, der an seinem Schicksal selbst schuld war. Angst und Scham lähmten seine jungen Glieder, und er dachte, dass der Spott, der über ihn zusammenbrach, die größte Pein auf der ganzen Welt sein müsste.

Bis sie ihm den rechten Arm mit dem Eichenknüppel zertrümmerten. Da wusste er, dass es noch etwas Schlimmeres gab, als verhöhnt zu werden.

 

4.

Die Wachen zerrten ihn über den Hof und warfen ihn in einen feuchten Keller, in dem er die ganze Nacht wimmernd in einer Ecke hockte. Obwohl ihn die Schmerzen fast um den Verstand brachten, verfiel er im Morgengrauen schließlich in einen unruhigen Dämmerzustand, aus dem er erst wieder gerissen wurde, als die Mittagssonne durch das vergitterte Kellerfenster fiel.

Verwirrt starrte er zu der offenen Kerkertür, durch die eine ganze Horde von Musikanten drängte, vornweg Wies und Heier, zwei Veteranen im Geschäft mit der Laute, die sich am Vortage ein wenig seiner angenommen hatten. Im Hintergrund sah er das ängstliche Gesicht eines Wächters, der sich offensichtlich gerade fragte, ob man ihn mit genügend Silberstücken bestochen hatte, um diesen lärmenden Mob bei dem Gefangenen einzulassen.

Seinen gebrochenen Arm völlig missachtend, wurde Ansgar von seinen vermeintlichen Standeskollegen dicht umringt, freundlich geknufft, auf die Schulter geschlagen und auch sonst aufs Herzlichste durchgeschüttelt. Erst als ihm einige unterdrückte Schmerzenslaute über die Lippen drangen, ließen sie etwas von ihm ab.

Sogar seine zerbrochene Laute hatten sie notdürftig geflickt und ihm mitgebracht. Überwältigt davon, quollen Ansgar Tränen der Rührung aus den leergeweinten Augenwinkeln.

Während er sich verlegen schnäuzte, ergriff Wies das Wort und übertönte das unverständliche Stimmengewirr der aufgeregten Barden. „Du hast das Feuer eines echten Bänkelsängers in dir, tapferer kleiner Kerl. Wir sind alle stolz auf dich und bewundernd den Mut, mit dem du für deine Freunde eingestanden bist. Da soll es noch einmal einer wagen zu behaupten, in uns Dichtern würde nicht das Herz eines Kriegers schlagen!“

Während die anderen, offensichtlich noch unter der Einwirkung des bis in die frühen Morgenstunden genossenen Weins, in beifälliges Gemurmel verfielen, dachte der recht nüchtern wirkende Wies eher praktisch. Er legte Ansgars misshandelten Arm frei, bestrich ihn mit einem stinkenden Kräuterextrakt und schiente ihn anschließend mit zwei mitgebrachten Holzlatten und einem langen Stoffstreifen.

Jedes Mal, wenn Ansgar bei dieser Behandlung aufstöhnte, setzte ihm die versammelte Sängerschaft einen Weinschlauch an die Lippen. Da er keine geistigen Getränke gewöhnt war, trat schnell die berauschende Wirkung ein, und hätte der Wächter diesem Treiben nicht schließlich ein Ende gemacht, indem er die Schreihälse an die Luft setzte, wäre zu den übrigen Schmerzen wohl auch noch ein kräftiger Kater gekommen.

Nur Wies blieb bei ihm, um seinen Arm weiterhin zu versorgen.

Von ihm erfuhr Ansgar schließlich auch, was sich in der vergangenen Nacht nach seinem unrühmlichen Abgang weiter zugetragen hatte. Trotz des tobenden Gelächters hatten viele der Gäste eine heimliche Bewunderung für seinen Mut empfunden, sich ganz allein dem allseits gefürchteten Grafen entgegenzustellen, auch wenn sich alle denken konnten, dass es vor allem Ansgars Naivität und Unerfahrenheit waren, die ihn zu dieser Tat veranlasst hatten.

Beim ersten Hahnenschrei waren die anwesenden Musikanten dann - betrunken, wie sie waren - feierlich übereingekommen, ihren Nachwuchs bei seinem Anliegen zu unterstützen. Angesichts der Tatsache, dass Gaukler und Musikanten in Iskan kein hohes Ansehen bei der Bevölkerung genossen, waren sie der Meinung, dass Ansgar ihrem Stand Ehre gemacht hatte.

Wies verhehlte nicht, dass viele der Schwurleistenden ihren Entschluss sicherlich bereuen würden, sobald sie wieder nüchtern waren, aber er zweifelte daran, dass auch nur einer von ihnen wortbrüchig werden würde. Das fahrende Volk hielt stets zusammen, und ein falscher Eid war ein schlimmes Vergehen gegen ihren Ehrencodex.

Während Wies ihm alles in beiläufigem Tonfall berichtete, wurde Ansgar klar, dass der alte Barde, dessen geschliffene Sätze jeden trägen Trauersack mitreißen konnten, nicht unerheblich zu dieser hilfsbereiten Stimmung beigetragen hatte. Ansgar dankte ihm im Stillen dafür, und Wies verstand ihn ohne viel Worte.

 

5.

Die nächsten Tage verbrachte Ansgar am Gitter des Kerkerfensters, das in Bodenhöhe des Hofes eingelassen war und einen Blick über den gesamten Platz sowie den Burgfried des Grafen gewährte. Wenn der Gefangene nicht gerade finsteren Rachegedanken nachhing, fütterte er die Tauben am Fenster mit den Krumen des verschimmelten Brotes, das man ihm morgens, mittags und abends zur Wassersuppe reichte.

Ab und an sah einer der Barden bei ihm vorbei, unterhielt sich mit ihm durchs Gitter und machte ihm Mut. Wies ließ sich meist erst gegen Abend sehen, da er sich bemühte, den Aufenthaltsort von Thiese und den anderen ausfindig zu machen. Sie alle waren überzeugt, dass die Wachen Ansgar freilassen würden, sobald die Wut des Grafen verraucht und der Vorfall in Vergessenheit geraten war. Vermutlich konnte sich der Herrscher bereits nicht mehr an ihn erinnern, denn seit Beginn der Feierlichkeiten war er einem ununterbrochenen Weinrausch erlegen.

Am vierten Abend erschien Wies in Begleitung von Thiese, der ebenso abgemagert wie Ansgar wirkte. Mit Tränen in den Augen saßen sich die beiden ungleichen Brüder gegenüber. Sie hatten sich nie recht verstanden, doch die Not führte sie zusammen, und so fühlten sie sich einander so nahe wie selten zuvor.

Ansgar erfuhr, dass die gepressten Rekruten in einem nicht weit entfernten Zeltlager untergebracht waren. Sie wurden dort des Nachts kaum bewacht, denn die Drohung, an ihren Eltern Rache zu nehmen, hinderte sie an der Flucht.

Ansgar versprach, einen Weg zu finden, sie dort herauszuholen, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, wie er dies bewerkstelligen sollte. Thiese, der sich über diesen Umstand im Klaren war, bedankte sich gerührt und baute seine ganze Hoffnung auf das Versprechen des Bruders, denn Not macht gläubig.

 

Auf der Suche nach einer Möglichkeit, die gefangenen Jungen zu befreien, verbündeten sich die Barden mit den traditionell obrigkeitsuntreuen Gauklern, die noch so manche Rechnung mit dem Grafen und seinen brutalen Landsknechten offen hatten.

Ansgar hing indessen seinen eigenen Gedanken nach. Ihm war mittlerweile klar geworden, dass er seinen verletzten Arm nie wieder richtig würde gebrauchen können, weder zum Spielen der Laute, noch um auf dem Felde wirkungsvoll mitzuhelfen. Ein junger Kerl, auf ewig zum Krüppel geschlagen und der Mildtätigkeit seines hartherzigen Vaters ausgeliefert. Wenn Verwünschungen töten könnten, wäre der Urheber seiner Behinderung wohl augenblicklich vom Blitz erschlagen worden.

Da aber Flüche allein nicht halfen, grübelte Ansgar verzweifelt über andere Möglichkeiten nach, wie er seine Freunde straflos ins Dorf zurückführen, sich selbst eine sinnvolle Zukunft aufbauen und sie obendrein auch noch am Lehnsherren rächen konnte.

So sehr er jedoch sein Hirn zermarterte, ihm fiel nichts ein, womit er auch nur eine dieser Aufgaben bewältigen konnte.

 

Nach Tagen sinnlosen Zechgelages, in dem mancher Rock dem brutalen Griff des Raubgrafen ausgeliefert war, ließ sich der Burgherr wieder des Öfteren verkatert auf dem Hof sehen. Auf Anraten der Wachen verschwand Ansgar in diesen Momenten von dem Kellerfenster, um den Herrscher nicht unnötig auf sich aufmerksam zu machen.

Bei einer dieser Gelegenheiten, als der Tyrann sich seinen Weg durch die den Platz bevölkernden Tauben bahnte, um in seinen Burgfried zurückzuwanken, kam Ansgar eine Idee.

Erst konnte er es selbst kaum fassen, was da in seinem Kopf heranreifte, doch dann rannte er aufgeregt in seinem Verließ umher, um die vielen Gedanken, die plötzlich auf ihn einstürzten, zu ordnen. Innerhalb kurzer Zeit nahm sein Plan Formen an, und als er abends Wies davon berichtete, hatte er auf dessen Einwände bereits die passenden Antworten.

Als der erfahrene Barde schließlich die Tragweite von Ansgars Gedanken erkannte, welche die Macht der Legendenbildung einschlossen, war er begeistert. Umgehend besorgte Wies den Leinensack, den der Gefangene für seine Vorbereitungen benötigte. Anschließend weihte er die anderen Barden ein und auch Selina, eine Gauklerin, die in den vergangenen Tagen unter der Lüsternheit des Grafen zu leiden gehabt hatte und deshalb ebenfalls auf Rache sann.

Einige Tage später waren die bestochenen Wachen endlich überzeugt, dass Ansgar beim Raubgrafen in Vergessenheit geraten war. In den frühen Morgenstunden ließen sie ihn gehen.

Er floh geradezu aus der Burg, nur seine geflickte Laute und einen sich seltsam windenden Leinensack, aus dem ein gepresstes Gurren drang, unter die Arme geklemmt. Doch sein Weg führte ihn nur bis zu einem nahe gelegenen Waldhain, in dem er sich keuchend niederließ.

Kurze Zeit später gesellte sich Wies zu ihm, ebenfalls einen hüpfenden Sack auf dem Rücken, der ein ebenso unheimliches Eigenleben zu haben schien.

Gemeinsam begannen sie die Vorbereitungen für die Nacht. Als es dämmerte, stießen weitere Musikanten zu ihnen. Sie alle hatten in den letzten Tagen vorgegeben, nach den Festtagen wieder in die Ferne zu ziehen, auf der Suche nach einer anderen großzügigen Seele, die sie freihalten würde.

In Wirklichkeit hatten sie sich jedoch in der Nähe versteckt gehalten, um nun mit Ansgar und Wies zur Tat zu schreiten.

 

Bei Anbruch der Nacht schlichen die Spielleute zurück zur Burg und versteckten sich in der Nähe eines Eckwachturms. Während sich einige der Verbündeten davonstahlen, um die Dorfjugend bei ihrer Flucht aus dem Lager der Landsknechte zu unterstützen, holten andere die ersten Tauben aus den Leinensäcken.

Ansgar baute sich indes vor dem verschlossenen Burgtor auf und verlangte lauthals nach den Wachen. Es dauerte einige Zeit, bis diese sich mit Fackeln in der Hand über den Wehrgang beugten, um die Ursache der nächtlichen Störung zu erforschen.

Da sie einen Hinterhalt befürchteten, waren sie bemüht, so wenig wie möglich von ihren Leibern oberhalb der Palisade zu präsentieren. Um trotzdem sehen zu können, mit wem sie es zu tun hatten, warfen sie schließlich zwei brennende Fackeln in den trockenen Burggraben, um die Umgebung des Tors zu erhellen.

Ansgar wartete, bis sie ihn zweifelsfrei erkannten, dann zog er sich aus dem flackernden Lichtkreis zurück, denn die Dunkelheit schien ihm der beste Schutz vor einem Pfeil.

Noch bevor sich die Wachen von ihrer Überraschung über sein erneutes freches Auftauchen erholen konnten, begann Ansgar mit einem finsteren Rachelied, in dem er die Mächte der Unterwelt anrief, damit sie ihm bei seinem feurigen Feldzug zur Seite stünden. Seine vor Wut verzerrte Stimme glich der eines Dämons, die Töne, die er mit der gelähmten Hand auf der Laute hervorrief, erinnerten an das Kreischen mordgieriger Hexen.

Die abergläubischen Wachen gerieten spätestens in Panik, als Wies und seine Kumpane den an die Krallen der Burgtauben gebundenen Zunder in Brand steckten. Jene Tiere, die sie Tags zuvor gefangen und in Leinensäcke gesteckt hatten, wurden zusammen mit ihrer lodernden Last in die Luft geworfen, wo sie kreischend vor Schmerz mit angesengtem Federkleid in die Höhe stiegen, um instinktiv den Schutz des heimatlichen Schlags anzusteuern. Für die Wachen jedoch, die unter dem Bann von Ansgars fluchbeladenem Lied standen, sah es so aus, als würde die Unterwelt selbst die schreienden Flammen ausspeien, die im hohen Bogen auf den Burgfried des Grafen zuschossen.

„Hexenfeuer!“, brüllte der abergläubischste von ihnen, und sofort fielen alle anderen mit ein in sein panisches Geschrei.

„HEXENFEUER!!!“, gellte es so laut durch die Nacht, das ein jeder, außer dem volltrunkenen Raubgrafen, davon geweckt wurde.

„IRRLICHTER!!!“, brüllten andere Wachen, die entsetzt aus dem Burgfried flohen. „Alles raus aus den Häusern, das Hexenfeuer brennt alles nieder!!!“

Unter Ansgars anschwellendem schauerlichem Gesang stiegen immer mehr der flammenden Geschosse auf, die unter markerschütterndem Kreischen über die Burgmauern hinwegjagten und auf den Burgfried zuhielten. Einige der verbrennenden Tiere stießen sofort in das Innere des Dachstuhls, wo ihre sterbenden Leiber das ausgelegte Stroh des Taubenschlags entzündeten. Das sich ausbreitende Feuer fand dabei rasch Nahrung in dem durch die lange Trockenzeit ausgedörrten Reisigdach, und auch die halb verfallenen Eichenbohlen boten keinen großen Widerstand.

Andere der lebenden Fackeln umkreisten den Turm einige Male auf der Suche nach dem Einflugloch, so dass sie den in Iskan allseits gefürchteten Irrlichtern glichen. Zwei von ihnen gerieten dabei sogar in das weit geöffnete Fenster des Grafen, wo eine sogleich die Leinenvorhänge entflammte, während die andere auf das zerwühlte Bett des Tyrannen stürzte und dabei die Strohmatratze in Brand setzte.

Der volltrunkene Schläfer erwachte erst, als die prasselnden Flammen an seinem Bart nagten. Entsetzt sprang er auf und stolperte zur Schlafzimmertür, um, wie seine untreuen Wachen vor ihm, ins Freie zu gelangen. Zu seinem Schrecken stellte er jedoch fest, dass die schwere Eichentür von außen verschlossen war.

Hätte er nur einen Gedanken an das Gauklermädchen verschwendet, das er zum wiederholten Male gezwungen hatte, ihm zu Willen zu sein, ihm wäre vielleicht der Gedanke gekommen, dass er das Opfer eines wohldurchdachten Mordkomplotts war.

Da der Graf jedoch wie immer nur an sich selbst dachte, stürzte er lediglich ans Fenster, auf der Suche nach einem Fluchtweg. Mittlerweile stand das ganze Zimmer in Flammen, und die Hitze wurde unerträglich.

Mit angebranntem Bart lehnte er sich aus dem Fenster und brüllte voller Panik: „So helft mir doch, ihr Narren! Euer Herr ist in Not!“

Doch statt in den brennenden Turm zu eilen, um den Fürsten zu retten, starrte das Volk ängstlich auf die über sie hinwegsirrenden flammenden Grüße, die ihnen der dämonische Sänger vor der Burg sandte.

Fluchend rannte der Graf zurück zur Zimmertür, an der er erneut erfolglos rüttelte. So sehr er auch mit dem Fuß gegen den Türrahmen stieß und sich mit aller Kraft und dem gesamten Körpergewicht nach hinten stemmte, fluchend an dem Türring zerrte, riss und zog – der von außen vorgelegte Balken erlaubte es der Tür nicht, sich auch nur einen Spaltbreit zu öffnen.

Die Einrichtung des Schlafgemachs brannte mittlerweile lichterloh, während sich zu seinen Füßen Risse im Lehmboden bildeten. Die hell aufschlagenden Flammen versengten ihm Haare und Augenlider, und die aufgeheizte Haut seiner Wangen schlug erste Blasen. Über ihm stand das knarrende Gebälk der Holzdecke in Brand und sandte einen stetigen Glutregen in die Tiefe.

Voller Verzweiflung zerrte der Graf weiter an dem glühenden Türring. Er ignorierte seine verkohlenden Hände, bis er endlich begriff, dass nicht nur sein Zimmer, sondern das gesamte Obergeschoss zur brennenden Falle geworden war. Hustend wankte er zurück zum Fenster. Lieber wollte er sich in die Tiefe stürzen, als wie ein gefangenes Tier in seinem Bau zu verenden.

Er kam nur wenige Schritte weit, dann begrub ihn die herabstürzende Zimmerdecke wie ein Scheiterhaufen.

 

Als der Todesschrei des Lehnsherrn durch die gespenstisch erleuchtete Nacht gellte, verharrte das Volk im Hof wie erstarrt. Nur einige Besonnene fuhren fort, jene Flammennester zu löschen, die sich durch Funkenflug auf den umliegenden Gebäuden gebildet hatten. Niemand kam auf die Idee, mit ein paar Bewaffneten den Schuldigen dieser Katastrophe festzusetzen.

Ansgar, der das lautstarke Ende seines Gegners ebenfalls vernommen hatte, stellte seinen Gesang ein. Er rief den über ihn wie erstarrt stehenden Wachen noch einige Warnungen zu, die sie oder andere Landsknechte davon abhalten sollten, ihm zu folgen oder sich erneut an den Menschen seines Dorfes zu vergreifen, dann zog er sich mit den unerkannt gebliebenen Freunden im Schutze der Nacht zurück.

Als sie den Waldhain erreichten, warteten dort bereits Thiese und die anderen gepressten Rekruten, die man aus verschiedenen Dörfern zusammengetrieben hatte. Ihre Flucht war reibungslos verlaufen, da ihre Wachen beim Anblick der Irrlichter und des brennenden Turms die Flucht ergriffen hatten. Die versammelte Schar fiel sich glücklich in die Arme, den Göttern dankend, der Gefangenschaft so glücklich entronnen zu sein.

Doch die Not der Stunde verbat große Feierlichkeiten, und so machten sich die Jungen noch in derselben Nacht auf den Weg zurück in ihre Dörfer. Sie wanderten bei Nacht und schliefen am Tage, um möglichen Häschern des toten Lehnsherrn zu entgehen. Auch als sie zurück in ihren Gemeinden waren, versteckten sich viele von ihnen, manche gar den ganzen Winter lang. Sie konnten nicht glauben, dass es nach jener Brandnacht niemand wagen würde, sie zu suchen.

Ansgar und Thiese begaben sich ebenfalls auf den Heimweg, während sich die versammelte Sängerschaft in alle Winde zerstreute, ein jeder von ihnen das Lied vom Feuersänger auf den Lippen, der mit der Macht seiner gewaltigen Stimme die Flammen vom Himmel sandte, um dem Tyrannen den lodernden Tod zu bringen.

 

Natürlich schmückten die Barden nach alter Sitte die Handlung ein wenig aus, und so wurde aus dem hölzernen Burgfried eine steinerne Trutzburg, deren Turmspitzen bis in den schwarzen Himmel reichten. Ansgar wuchs zu einem kräftigen Hünen, der noch mit zerschmettertem Arm die Ketten in seinem Kerker zerbrach und auf der anschließenden Flucht mehrere Wachen mit dem Schwert niederstreckte. Mit jedem Vortrag wurden die Geschehnisse fantastischer, bis aus dem Sänger mit den magischen Fähigkeiten ein Halbgott wurde, der die ganze Festung samt dem Berg, auf dem sie stand, mittels eines Flammengewitters dem Erdboden gleichmachte.

Nur die wenigsten, die heute das Loblied des rachsüchtigen Patrons der Barden hören, ahnen, dass Ansgar bereits wenige Tage nach der Rückkehr in sein Dorf verstarb. Er wurde vom eigenen Vater im Schlaf erschlagen, weil dieser die Vergeltung des neuen Lehnsherrn fürchtete.

Wie hätte der Mörder auch wissen sollen, dass in Iskan nie wieder einem Musikanten ein Leid zugefügt wurde, aus Furcht vor der Rache des Feuersängers.

 

ENDE


---

© Bernd Frenz
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Erstveröffentlichung in „Fantasy Welt“, Ausgabe Nr. 42, Februar 1995

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 6. September, genau hier.

Share:   Facebook