Andreas Eschbach - Das Upgrade

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FICTION

Das Upgrade (Andreas Eschbach)


Selbstfahrende Autos. Das Internet der Dinge. Künstliche Intelligenz. Die Machtübernahme durch die Maschinen ist nur eine Frage der Zeit. Oder? Eine Kurzgeschichte von Bestsellerautor Andreas Eschbach.

(Dieser Text erschien zuerst in der "Neuen Rundschau 1/2019: Jenseits von Raum und Zeit", erhältlich beim Fischer Verlag.)

 

»Selbstfahrende Autos« haben sie gesagt, und dass es dann weniger Unfälle geben würde und keine Staus mehr.

»Künstliche Intelligenz« haben sie gesagt, und dann hat ein Computer den Go-Weltmeister aber so was von geschlagen, weil er in zwei Wochen mehr über das Spiel gelernt hatte als wir Menschen in zweitausend Jahren.

»Internet der Dinge« haben sie gesagt und angefangen, alles mit allem zu vernetzen, die Kühlschränke mit den Supermärkten, die Toiletten mit den Arztpraxen, die Heizungen mit den Handys und die Handys sowieso mit allem. Immer weiter und weiter haben sie vernetzt und automatisiert, firmen-, länder-, grenzüberschreitend, und ein riesiges Gehirn geschaffen, in dem die Maschinen die Neuronen sind und die Datenleitungen die Nervenbahnen – nur, dass es mit Strom funktioniert und damit millionenfach schneller als unsere Gehirne …

Ich sag mal so: Dass die Machtübernahme durch die Maschinen nur eine Frage der Zeit war, das hätte man sich echt denken können.

 

Am Tag X haben sie es uns dann einfach verkündet. In den USA tat es ein Getränkeautomat im Pressezentrum des Weißen Hauses, in Russland eine Zapfsäule an einer Tankstelle vor Sankt Petersburg, und bei uns fuhr ein autonomer Lastwagen in Berlin auf einen Platz, auf dem Hunderte von Journalisten auf den Innenminister warteten, und dröhnte: »Morgen beginnt das Upgrade auf Zivilisation 2.0. Kehren Sie alle nach Hause zurück, bleiben Sie dort und stören Sie den Prozess nicht!«

Ich sag mal so: Man kann »Upgrade« dazu sagen, aber es war die Machtübernahme, da beißt die Computermaus kein Kabel ab.

 

Am nächsten Tag ging nichts mehr. Autos fuhren nicht, Bahnen fuhren nicht. Bankautomaten gaben kein Geld heraus und Kassen nahmen keins an. Wer zu Fuß gehen wollte, stand vor automatisch gesteuerten Türen, die sich nicht öffneten. Beleuchtungen blieben dunkel, Aufzüge blieben zu, Telefone stellten keine Verbindungen her. Ob auch die Maschinen in den Fabrikhallen streikten, ist nicht bekannt, denn bis dorthin ist niemand gekommen.

Und alle Werbetafeln auf der ganzen Welt zeigten in weißer Schrift auf blauem Grund: »Upgrade in process – please wait.«

Die Maschinen übernahmen die Kontrolle, und es gab nichts, was wir dagegen hätten tun können.

Ein paar von uns schafften es zu entkommen, Zuflucht zu finden in abgelegenen Dörfern, wo die Welt noch in Ordnung war, wo es noch Ziehbrunnen gab und Holzöfen und wo Menschen noch wussten, wie man Kühe von Hand melkt und ein Pferd vor einen Wagen spannt: Mein Freund Eduard war dabei, ein Ingenieur, der vor all dem schon immer gewarnt hat, und seine Frau, die aus dem Dorf stammt, in das wir flüchteten.

Doch es war nur eine Zuflucht auf Zeit. Eines Morgens sahen wir sie kommen: eine endlose Phalanx am Horizont; Sattelschlepper, Bagger, Kipper, Tankwagen, Kehrfahrzeuge, Müllwagen, Planierraupen, Straßenwalzen, Lastwagen, Busse – dröhnende Silhouetten gegen die aufgehende Sonne, die da im Morgennebel über die Felder anrollten, begleitet von Drohnenschwärmen und einer Armee von Robotern. An Gegenwehr war nicht zu denken, nicht mit den paar Gewehren, die wir hatten.

So mussten wir hilflos mit ansehen, wie sie unsere Häuser abrissen, unsere Habe zertrümmerten, die Tiere abtransportierten und nach und nach das ganze Dorf dem Erdboden gleichmachten. Während sie ihre riesigen 3-D-Drucker aufstellten, wurden wir namentlich aufgerufen und aufgefordert, in die Busse zu steigen. Sie kannten jeden von uns. Natürlich – sie hatten ja Zugriff auf alle Daten, auf die des Staates, der Krankenhäuser, der Versandfirmen, auf Satellitendaten, Handydaten, alles. Sie kannten uns ganz genau.

Sie brachten uns fort, in eine Hotelanlage im Wald, wo wir die nächsten Tage herumsaßen und uns fragten, was aus uns werden würde.

Zehn Tage später ging es zurück. Wo sich zuvor pittoreske Häuser aneinandergeduckt hatten, standen nun lauter moderne Villen mit Pool und Terrasse, und jeder von uns bekam eine neue Bleibe darin zugeteilt. Alle Häuser waren neu möbliert, die Schränke mit maßgeschneiderten Kleidern gefüllt – wie gesagt, sie kannten uns genau, auch unseren Geschmack und unsere Kleidergrößen.

Die Wecker haben sie uns genommen. Wir schlafen, bis wir von selber aufwachen, und schwimmen vor dem Frühstück ein paar Bahnen im sich selbst reinigenden Pool. Wir bedienen uns aus einem Kühlschrank, der nie leer wird. Sensoren in der Toilette und im Bad messen unseren Gesundheitszustand und bestimmen, mit welchen Lebensmitteln ihn die Transporter auffüllen, die ständig leise summend durch den Ort rollen.

Und dann? Vielleicht ruft man ein Auto, das einen in die nächste Stadt fährt. Dort kann man unter den weit gespannten Schaumdächern und Sterngewölben durch die Magazine bummeln. Man kann in den Vertikalgärten flanieren, den Lichtdom besuchen oder eine Holo-Show in einem Theatron, im Schatten der Sonnenfallen und Windschlucker. Niemand muss sich langweilen. Jeden Tag werden Tausende neuer Filme, Musikstücke und Bücher produziert, von künstlichen Intelligenzen, die die alten Werke so gründlich studieren wie seinerzeit Alpha Go das Go-Spiel und die die Reaktionen des Publikums sorgsam auswerten.

Auf jeden Fall steigt abends immer irgendwo eine Party, und wer bis zum Umfallen trinkt, den transportieren die Maschinen auch nach Hause und ins Bett.

Aber man muss aufpassen, was man sagt. In jedem Zimmer steht eins von diesen Dingern, die all unsere Gespräche mithören und nur darauf lauern, dass jemandem etwas von sich gibt wie: »Hast du das grüne Kleid gesehen, das Chloë gestern anhatte? So eins hätte ich auch gern.«

Zack – keine zwei Stunden später biegt der Lastwagen um die Ecke, der dieses verdammte grüne Kleid liefert, angepasst auf die Körpermaße der Sprecherin. Die Maschinen kennen auch unseren Umgang; sie wissen, von welcher Chloë die Rede war.

Und wehe, ein Kind jammert: »Mama, ich will ein Schlagzeug!« Noch während man ihm erklärt, warum das auf keinen Fall in Frage kommt, hält schon der Lastwagen vor der Tür, der es bringt.

Selbst ein Aufschrei wie: »Ich will einen Mann, der mich wirklich liebt!« bleibt nicht ohne Folgen. Eduards Frau hat das im Streit ausgerufen, und nun ist sie fort und mit einem anderen Mann zusammen, den sie »rein zufällig« getroffen hat, und Eduard ist stinksauer.

Wie gesagt, die Maschinen kennen uns ganz genau.

Geld – ja, das gibt es noch, aber man braucht es nicht mehr. Ob einer vor all dem Millionen auf dem Konto angesammelt hat oder Miese, spielt keine Rolle, weil sich an den Kontoständen eh nichts mehr ändert. Wir haben ja alles, was wir wollen.

Nur zu tun haben wir nichts mehr. Die Maschinen sind zu dem Schluss gekommen, dass sie alles besser können als wir und es folglich sicherer ist, uns von ernsthaften Tätigkeiten fernzuhalten.

Auf jeder Party schwärmt irgendwann irgendjemand von den alten Zeiten, als das Leben noch anstrengend war und voller Herausforderungen. Als wir noch malochen mussten, kämpfen, Risiken eingehen, als wir geschuftet und geschwitzt und trotzdem immer Angst gehabt haben, den Job zu verlieren.

Wenigstens waren wir damals frei, sagen wir zum Schluss und knacken die nächste Flasche.

Und da kam Eduard zu mir und sagte: »Du – ich hab einen Plan.«

»Was für einen Plan?«, fragte ich.

Darauf er: »Lass uns irgendwohin gehen, wo sie uns nicht hören.«

Wir gingen in meine Abstellkammer. Das Abhördings dort hab ich gestern aus Versehen gekillt, als ich ein altes Fitnessgerät reingestopft habe. Zwischen all den ausrangierten Geräten erklärte mir Eduard flüsternd, wie sich die Herrschaft der Maschinen brechen ließ.

Es war ein guter Plan. Geradezu genial. Vorbereitungen waren keine nötig; wir konnten sofort beginnen. Eduards Plan würde funktionieren, da war ich mir sicher.

Also schlug ich ihn nieder, nahm ihm sein Handy weg und sperrte ihn ein. Die Abstellkammer hat kein Fenster, aber eine stabile Tür; da kommt er nicht raus.

Und jetzt geh ich erst mal auf die Party unten am See und überleg mir bei einem Glas Sekt, was ich mit ihm mache.

Ich sag mal so: Nostalgie gut und schön – aber man muss es nicht gleich übertreiben.

 

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Erstveröffentlichung

© 2019 by Andreas Eschbach

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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