Kurzgeschichte am Fiction Friday: Gletschergeister von Diana Menschig

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FICTION FRIDAY

Gletschergeister (Diana Menschig)


Die Dolomiten in naher Zukunft: Seit Tagen erschüttern heftige Erdstöße den schneebedeckten Fels. Luca Costa von der Bergrettung sucht nach einer Erklärung – und findet eine einsame Frau auf dem Eis … Die Cli-Fi-Story »Gletschergeister« von Diana Menschig tanzt auf der Grenze zwischen Imagination und Wirklichkeit, Vernunft und Verzweiflung.

***

Dolomiten/Südtirol, Frühherbst 2027

 

Die Hochalm Pralongià bebte. Ein einzelnes heftiges Rollen, schon war wieder Ruhe.

Besorgt wanderte Luca Costas Blick vom Gipfelkreuz des Störes in einiger Entfernung zu der kleinen Antonius-Kapelle neben ihm und weiter über das Panorama der umliegenden Berge zur Marmolata, dem höchsten Gipfel der Dolomiten. Nichts gab ihm Aufschluss über den Grund für diese Erdstöße, die seit Tagen die Region erschütterten.

„Verstehst du das?“ Er wandte sich Christina Demetz zu, die neben dem knallroten Hubschrauber der Bergrettung stand und in ihrer dicken Jacke wie ein aufgeplustertes Murmeltier aussah.

Kopfschüttelnd beschattete sie die Augen mit der Hand. Genau wie Luca suchte sie die umliegenden Gipfel nach Anzeichen ab, die das Beben erklärten. Die kurzen heftigen Stöße erinnerten Luca eher an einen terrestrischen Schluckauf, allerdings hatte er keine Erfahrung mit Erdbeben, vielleicht war das normal.

„Nein. Das ist nicht normal.“ Als hätte Christina seine Gedanken gelesen, schüttelte sie abermals energisch den Kopf. „Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern, dass es hier tagelang Erdbeben gab. Lawinen, Erdrutsche, daran haben wir uns gewöhnt, oder? Aber das? Keine Ahnung.“

„Die Zeitungen und Newsportale berichten inzwischen weltweit. Und niemand hat eine Erklärung“, murmelte Luca mehr zu sich. Er gähnte verstohlen.

Christina verschränkte die Arme. „Ganz ehrlich, ich habe die letzten beiden Nächte nicht geschlafen.“

„Du bist gut.“ Luca lachte gequält. „Wir sind seit vier Tagen mehr oder weniger nonstop im Einsatz.“ Das war auch der Grund, warum sie – entgegen allen Vorschriften – auf Pralongià gelandet waren und Pause machten, statt zum Stützpunkt zu fliegen. Die Wege, Lifte, Seilbahnen und Berghütten waren seit einer Woche gesperrt, so dass sie hier oben wenigstens für ein paar Minuten ihre Ruhe hatten.

„Das meine ich nicht. Ich kann sonst immer und überall schlafen, ich bin es gewöhnt, jede Minute zu nutzen. Aber mir hängt der Arsch auf Grundeis.“

„Wirklich?“

„Warum sollte ich dich anlügen?“

„Du machst mir Angst. Mehr als alles andere.“ Er warf ihr einen verstörten Seitenblick zu.

„Wie meinst du das?“

„Weil du eine der besonnensten, coolsten Ärztinnen bist, die ich kenne. Wenn es dir Angst macht, muss es etwas unermesslich Schreckliches sein.“

„Du redest Unsinn, Costa.“ Sie versuchte sich vergeblich an einem beruhigenden Lächeln und schlang sich die Arme um den Oberkörper.

Zögernd zog er die zerfledderte Kladde aus der Innentasche seines Anoraks und hielt sie ihr hin.

„Was ist das?“

„Ein Tagebuch von meinem Ururgroßvater Anton Costa aus dem Ersten Weltkrieg. Er war auf der Marmolata stationiert, in der Stadt aus Eis.“

„Stadt aus Eis.“ Christina lachte bitter. „Das ist alles, was vom größten Gletscher der Dolomiten übrig geblieben ist: eine Eispfütze und Kriegsleichen.“ Sie machte ein paar rastlose Schritte zu einer Felskante.

Luca betrachtete die Marmolata, deren Gipfel nahezu eisfrei war. Vor ein paar Jahren hatte er gelesen, dass die Gletscher in den Alpen bis zum Jahr 2100 komplett verschwunden sein würden. Er hatte gehofft, dass es nicht dazu kommen würde, doch in Wahrheit ging es immer schneller. Gerade die letzten beiden Sommer hatten zu einer rasanten Schmelze geführt. Seit diesem Jahr existierte auf der Marmolata quasi kein Gletscher mehr. 

Über hundert Jahre lang waren unter den Eismassen unzählige Tote begraben gewesen, die ihren Einsatz an der Eisfront im Ersten Weltkrieg nicht überlebt hatten. Inzwischen hatte das Eis auch die letzten freigegeben.

Luca konnte sich nicht erinnern, wie viele Leichen er allein diesen Sommer mit dem Hubschrauber zu Tal gebracht hatte. Nach einem Dutzend hatte er aufgehört zu zählen.

Er drückte Christina die Kladde in die Hand.

„Schau mal rein.“

Vorsichtig blätterte sie durch die brüchigen Seiten, gab sie ihm sofort zurück. „Das ist altdeutsche Schrift, das kann ich nicht lesen. Was soll ich mit dem Kram?“

„Warte, ich lese es dir vor: 27. September 1916 - Bin seit heute wieder auf der Marmolata. Die Front hat sich keinen Fußbreit verschoben. Die Italiener sprengen, doch sie kommen nicht voran.

Christina schnaubte wütend. „Ich habe bis heute nicht verstanden, wie man eine Front über einen Gletscher führen kann. Auf über dreitausend Metern Höhe! Kriege sind immer bescheuert, aber dieser Gebirgskrieg war ganz besonders hirnverbrannt.“

„Darum geht es grade mal nicht. Mein Vorfahr schreibt vom Leben in den Eisstollen. Über Wochen in einem überdimensionalen Iglu. Am Ende war der Gletscher von über zehn Kilometer Wegen und einem Dutzend Räumen durchzogen. Kannst du dir das vorstellen?“

„Mir wird schon vom Zuhören kalt.“ Sie zog schaudernd die Schultern zusammen.

„Hör zu: 18. Oktober 1916 – Mir ist, als beobachte mich etwas, wenn ich allein im Eis bin. Die Stollen erscheinen mir wie Wunden, die man dem Gletscher zugefügt hat. Seit Tagen bebt die Erde immer wieder, aber sie sagen, dass die Italiener nicht sprengen. Woher kommt das?

Christina wurde aufmerksam. „Erdstöße?“

„Na ja, es könnten Sprengungen gewesen sein, von denen er nichts wusste“, wiegelte Luca ab. „Aber es geht noch weiter: 22. Oktober 1916 – Bin froh, wenn ich nach Hause kann. Mir graut. Fand mich gestern in einem Stollen wieder, den ich gar nicht kannte. Erdstöße seit Tagen, immer wieder, nur ganz kurz. Die andern wollen nichts gemerkt haben. Sage nichts mehr, nachher halten sie mich für verrückt.“

„Der hatte einen Lagerkoller, ist doch völlig verständlich. So lange auf so engem Raum.“

24. Oktober 1916 – Brauchte unlängst eine Stunde zurück zum Schlafraum, bin sicher, die Gänge verschieben sich. Das ist nicht gottgefällig. Die Erde zürnt. Der Gletscher versucht sich zu heilen, er versagt angesichts der Brutalität des Menschen.

„Das reicht jetzt. Was willst du mir damit sagen?“

Luca blätterte hastig ein paar Seiten weiter. „27. November 1916 – Der Winter ist ungeheuerlich. Schnee türmt sich meterhoch. Die Offiziere lassen uns nicht abziehen. Ständig Erdstöße, seit Tagen. Jeder merkt sie, keiner gibt es zu. Das sind nicht die Italiener. Alle haben Angst, schlafen schlecht. – 10. Dezember 1916 – Schnee liegt über 8 Meter. War heute auf dem Gletscher, kann die blauen, eisigen Wände nicht mehr ertragen. Mir ist kalt bis ins Herz. Draußen Schneefall. Sehe eine Gruppe Menschen. Sie tanzen auf dem Gletscher. Dachte, ich träume.

„Luca, genug!“ Christina war blass geworden. „Da oben sind sicher Dinge vor sich gegangen, die den härtesten Kerl erschüttern konnten. Ich verstehe nicht, warum du mir das erzählst.“

„Ich bin genau an der Stelle, die du hören sollst. Tags drauf schreibt er: Ich träume nicht. Wieder dieselben Gestalten. Eine stürzt in eine Spalte. Ich komme rechtzeitig, sie hinaufzuziehen. Eine Frau, ganz aus Fleisch und Blut. Oder? Sie schimmert, weißer als der schneeweiße Gletscher. Ihr Antlitz ist nicht zu beschreiben. Anbetungswürdig, erhaben. Ich falle auf die Knie. Sie zeigt nur ein dankbares Lächeln. Dann verschwinden sie alle im Nebel.

Am selben Abend zum letzten Mal draußen. Da steht die Frau, sagt, ich müsse bleiben, sonst sterbe ich. Dann ist sie fort. Was weiß sie schon vom Tod? Ich soll morgen runter ins Basislager. Ich bleibe nicht. Mir ist kalt. Ich bete.“

„Wer ist das? Was ist mit Anton Costa passiert?“

Luca lächelte dünn. „Er hat es überlebt, sonst stünde ich wohl kaum hier. Er war davon überzeugt, einer gana begegnet zu sein.“

„Einer was?“

„Einer mythischen Gestalt, einer Dämonin. Er war sicher, dass sie ihn gesegnet hat. Hast du auf das Datum geachtet? Drei Tage später, am 13. Dezember 1916, ging diese riesige Nassschnee-Lawine ab, die um die dreihundert Menschen unter sich begraben hat.“ Luca konnte aus Christinas skeptischer Miene herauslesen, dass sie alles, was er sagte, für Hirngespinste hielt, doch er wollte sich nicht beirren lassen. „Wenn er wie geplant ins Basislager aufgebrochen wäre, wäre er unter den Toten.“ Er stockte kurz, bevor er das Wichtigste hervorstieß: „Eigentlich sind die ganes mit Quellen und fließendem Wasser verbunden. Mein Vorfahr war davon überzeugt, dass sie ein Schutzgeist des Gletschers sei, der für den immensen Schneefall verantwortlich war, um die Menschen für das, was sie dem Berg antaten, zu strafen.“

„Um Himmels willen, Luca!“ Sie winkte ab, schüttelte sich.

Ein Erdstoß erschütterte die Umgegend.

„Du glaubst es nicht.“

„Nein, natürlich nicht! Ich glaube gar nichts, weder an einen Gott, noch an irgendwelche mystischen Wasserfrauen! Genauso gut könntest du behaupten, sie hätten zu tief gegraben und den Balrog von Moria befreit.“ Sie stockte und schielte ihn aus den Augenwinkeln an. „Du glaubst es.“

„Ich weiß nicht, was ich noch glauben soll! Wetter und Klima ändern sich, daran sind wir Menschen schuld. Aber dieses Ausmaß hier? Die Berge gehen kaputt, sie brechen auseinander, sie sterben. Niemand hat eine Erklärung, weder die Meteorologen, Geologen oder Biologen noch die Priester.“ Er machte eine weit ausholende Armbewegung. „Hier siehst du ein UNESCO-Weltnaturerbe, und was hat uns das gebracht? Hat es die Zerstörung aufgehalten?“ Er stockte, biss sich auf die Unterlippe. Er wollte heulen, spürte Panik gleich einem Springteufel in seiner Brust wüten.

Christina kam auf ihn zu, berührte ihn zaghaft am Arm. „Es geht auch wieder vorbei, wirst sehen. Unsere Berge sind auch ohne Schnee schön. Die stehen noch hier, wenn wir Asche sind.“

„Bist du dir da sicher?“ Er konnte ihr ansehen, dass sie selbst nicht glaubte, was sie sagte. Ihre Haltung war verkrampft, ihre Augen huschten nervös umher. Sie liebte die Berge keinen Deut weniger als er. Sie hatte gesagt, sie habe Angst.

„Es geht wieder vorbei“, wiederholte sie mit mehr Trotz als Überzeugung in der Stimme.

Er legte seinen Arm um ihre Schulter. Stumm standen sie nebeneinander und betrachteten die vertraute Landschaft. Ein Hubschrauber kreiste in der Ferne.

 

Christinas Funkgerät knackte. Die Ärztin meldete sich und lauschte der krächzenden Mitteilung.

Luca drängte alle Gedanken energisch zurück. Er hatte den Hubschrauber bereits umrundet und kletterte auf den Pilotensitz.  Mit routinierten Griffen startete er den Motor. Während die Rotoren das trockene Gras um sie herum aufwirbelten, stieg Christina ein und zog mit Schwung die Tür zu. Nur wenige Sekunden später hob Luca ab.

„Zur Marmolata. Eine einzelne Wanderin in Not.“

Luca zischte wütend. „Verbotsschilder, Straßensperrungen, Erdstöße. Und immer noch genug Idioten, die sich davon nicht abhalten lassen und in Gefahr bringen.“

Christina wandte sich nach hinten zu dem schlafenden jungen Mann auf dem Sitz neben der Winde. „Peppi, aufwachen! Einsatz!“

„Lass ihn“, brüllte Luca gegen den Motorenlärm an. „Wir können ihn wecken, wenn wir da sind.“ Die Tatsache, dass ihr Windenhelfer vom Motorenlärm nicht aufgewacht war, zeigte nur, wie erschöpft er war.

Luca begriff es selbst nicht, er war das Gegenteil von müde, vollgepumpt mit Adrenalin. Fight or flight, hieß es nicht so?

Er zog den Hubschrauber hoch und in Richtung Marmolata. Am liebsten hätte er gar nicht nach unten geblickt. Aus der Luft wurde noch viel deutlicher, wie kaputt die Landschaft war; ausgetrocknete Wiesen, Baumskelette und überall kahle Stellen, wo Felsstürze und Schlammlawinen abgegangen waren. Die Berge waren viel weniger statisch, als viele Menschen glaubten. Sie bewegten und veränderten sich, seit sich das Urzeitmeer zurückgezogen und Korallenriffe zurückgelassen hatte, die heute als Dolomiten weltweit bekannt waren. Aber dem Extremwetter der letzten Jahre waren sie nicht gewachsen. Starke Regenfälle lösten Schlammlawinen aus, kurzer harter Frost ließ Wasser in Spalten gefrieren und sprengte ganze Felswände weg.

Luca war davon überzeugt, die Berge starben.

„Was machst du?“, schrie Christina. Sie klammerte sich an die Haltegriffe der Tür.

„Ich - “ Ihm blieb jedes weitere Wort im Hals stecken.

Der Hubschrauber sackte wie ein Stein in die Tiefe. Luca konnte machen, was er wollte, die Maschine reagierte nicht. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Verzweifelt riss er den Steuerknüppel in alle Richtungen, hämmerte mit den Füßen auf den Pedalen herum, nichts half.

Ein Schrei bohrte sich schmerzhaft in sein Ohr. „Was ist los?“

Aus den Augenwinkeln sah Luca, wie Peppi sich in den Sitz krallte. Zum Glück war er noch angeschnallt gewesen, sonst würde er jetzt durch den Innenraum purzeln.

„Keine Ahnung! Die Maschine reagiert nicht!“

„Um Himmels willen, mach was!“, brüllte Christina.

Luca biss sich stumm auf die Unterlippe, bis er Blut schmeckte. Trotz seiner jahrelangen Erfahrung rebellierte sein Magen gegen den Sturz. 

Bitte, ich will nicht sterben ...

Genau wie für Christina gab es für ihn keinen Gott, zu dem er beten konnte. Er schloss für eine Sekunde die Augen und konzentrierte sich.

Alles noch einmal von vorne. Komm, lass mich nicht im Stich!

Mit zitternden Fingern wiederholte er die Startroutine.

Ein gequältes Aufheulen antwortete ihm, und für einen Moment klang es, als würde der Rotor durchdrehen, was natürlich Blödsinn war. Der Hubschrauber ruckte und schoss nach einer kurzen Drehung hoch in die Luft.

Dann war alles wieder normal.

Luca wischte sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen und nahm Kurs auf die Marmolata. Er spürte Christinas Hand auf seinem Unterarm.

„Was war los?“ Sie war vollkommen blass, ihre Augen lagen dunkel in den Höhlen.

Luca schüttelte den Kopf. Wenn er jetzt zugab, dass es ihm nicht geheuer war, würde sie ihn endgültig für geistesgestört halten. Er kannte seinen Hubschrauber, er hatte Tausende Flugstunden auf dem Konto. Das war kein technisches Versagen, aber eine vernünftige Erklärung konnte er nicht liefern.

„War mein Fehler, ich hab geschlampt. Jetzt ist alles in Ordnung.“

Aus Christinas Schweigen konnte er ihre Zweifel heraushören.

Er wollte seine Lüge nicht diskutieren und konzentrierte sich auf den Flug. Bald kam die Marmolata in Sicht, für Luca ein unvertrauter Anblick ohne den weißen Gletscher. Eine letzte Insel aus Eis, kleiner als ein Fußballfeld, bedeckte eine tiefliegende Furche an einer Flanke des Berges. Leichter Schneegriesel setzte ein.

Dann sah er die Gestalt, die am Rande des Eisfeldes stand und wilde Armbewegungen machte. Im ersten Augenblick dachte Luca, es wäre ein Winken, doch dann fiel ihm auf, dass die Person nicht aufschaute. Sie schien in sich versunken, es wirkte, als tanze sie.

Christina murmelte einen Fluch und schnallte sich los. „Kannst du landen?“

„Unmöglich.“

„Gut. Dann los. Peppi!“

Der Junge war bereits vom Sitz gerutscht und begab sich zur Seilwinde.

Luca achtete nicht weiter auf die beiden, sie alle kannten die Routinen. Seine Aufgabe war es, den Hubschrauber so still wie möglich in der Luft zu halten. Autos mochten inzwischen selbstständig fahren, aber an einem erfahrenen Hubschrauberpiloten führte noch kein Weg vorbei.

Es ruckte, als sie die Seitentür aufschoben wurde. Das Knattern des Rotors wurde lauter, ein kalter Windzug fegte durchs Innere. Peppi begann, die Ärztin am Seil hinabzulassen.

„Ach du Scheiße!“, brüllte er.

Luca atmete tief durch, bekämpfte mühsam die wieder aufkommende Panik. „Was ist los?“

„Die Frau schlägt nach Christina.“

Der Hubschrauber ruckte. Und dann verloschen für einen Moment alle Lampen und Anzeigen im Cockpit. Es sah aus, als wäre die gesamte Armatur von einer nebligen Eisschicht überzogen.

Luca umklammerte den Steuerknüppel. Er blinzelte. Alles wieder normal. Hatte er sich das nur eingebildet?

„Christina quatscht auf sie ein. Jetzt macht sie sie fest. Ich ziehe sie hoch.“

Luca nickte, was sein Windenhelfer kaum sehen konnte. Egal.

Krampfhaft beobachtete er das Cockpit. Alles normal.

Der Hubschrauber schwankte, als Peppi seiner Kollegin half, die Gerettete ins Innere zu ziehen.

Luca wischte sich die Handflächen an der Hose trocken. Er brauchte unbedingt eine Pause. Alles war glatt gelaufen, aber seine Nerven lagen blank. Außerdem musste ein Mechaniker nach dem Hubschrauber schauen, und wenn es nur seiner Beruhigung diente. Die Maschine war exzellent gewartet.

Er hörte, wie jemand die Schiebetür krachend verschloss, gefolgt von Christinas Anweisung, zum Krankenhaus nach Bozen zu fliegen. Luca lenkte den Hubschrauber höher.

Und dann brach unter ihm ein Inferno aus.

Er sah die kleine weiße Eisinsel, die einst ein Gletscher gewesen war, leuchten und auseinanderbrechen. Ein dunkler Riss zackte sich mitten durch das Bergmassiv.

Alle im Hubschrauber schrien auf. Ein unirdisches Wehklagen erhob sich. Luca biss die Zähne aufeinander. Seine Muskeln verkrampften sich. Er zwang seine Finger, ihre Arbeit zu tun, presste die Füße auf die Pedale.

Es gelang ihm.

In der Ferne sah er eine riesige Staubwolke aufwirbeln. Er drehte ab.

Es konnten nur wenige Minuten vergangen sein, doch es erschien ihm endlos, bis endlich der Landeplatz des Bozener Krankenhauses in Sicht kam.

Kaum standen die Rotoren still, riss Christina die Tür auf, und sie sprangen hinaus. Peppi und die Ärztin verschwanden mit der Verletzten in der Notaufnahme.

Luca zögerte, ihnen zu folgen. Stattdessen umrundete er den Hubschrauber und öffnete die Motorklappe. Wärme schlug ihm entgegen. Verblüfft starrte Luca auf den Motorblock. Er war von einer weißen Schicht überzogen. Tropfen rannen das Metall entlang und platschten zu Boden, Dampf kräuselte sich empor.

Vorsichtig berührte Luca die Schicht mit der Fingerspitze. Er erwartete, sich zu verbrennen, doch stattdessen spürte er Eiseskälte. Der Motor war noch heiß und zugleich von Eis überzogen, das nun schmolz und verdampfte. Wie war das möglich?

Er warf die Klappe mit Schwung zu und rieb sich mit beiden Händen über die Schläfen. Zurück am Cockpit zog er sich hinauf auf den Pilotensitz. Vermutlich halluzinierte er. Er brauchte Schlaf, und zwar dringend.

 

Das nächste, was Luca wahrnahm, war das besorgte Gesicht der Kollegin, das sich in sein Sichtfeld schob.

„Luca! Hörst du mich?“ Mit leichenblasser Miene schüttelte sie ihn an der Schulter.

Er versuchte, sich zu bewegen. Jeder einzelne Muskel schmerzte. Er schluckte mehrmals gegen die Trockenheit im Mund an.

„Ich bin okay.“ Seins Stimme war kratzig. Wie ein alter Mann erhob er sich und krabbelte aus dem Hubschrauber.

„Die Frau will dich sehen.“

„Welche Frau?“

„Die wir grade aufgesammelt haben. Sie scheint verwirrt. Sie sagt -“ Christina senkte den Kopf.

Luca kam allmählich wieder zu sich. Ein sanfter Wind trieb ein Stückchen Papier über die Wiese um den Landeplatz.

Bozen war eine andere Welt, fast mediterran, fern von den ruppigen Kalkfelsen der Dolomitengipfel. Luca fühlte sich fremd in dieser sonnigen Normalität.

Erst als er sich umschaute, wurde ihm bewusst, dass die Welt um ihn herum den Atem anhielt. Alle Menschen in Sichtweite verharrten und starrten auf ihre Smartphones. Nur Christina schaute ihn an.

„Was ist los?“

Sie lächelte unbehaglich. „Vielleicht glaube ich ab heute doch an Götter, oder an Schicksal.“

Luca runzelte fragend die Stirn.

„Es war deine Idee, auf der Pralongià zu landen und uns eine kurze Auszeit zu gönnen, nicht wahr?“

„Na ja. Wenn du es so siehst. Ich wollte dir das Tagebuch meines Vorfahren zeigen. Reicht mir, wenn du mich für bekloppt hältst.“ Er grinste schief.

„Wenn wir zum Stützpunkt geflogen wären, wären wir jetzt vielleicht tot.“

„Was?“

„Der gesamte Bergstock von der Marmolata über die Sella-Gruppe bis zum Puez-Geisler ist auseinandergebrochen. Eine monströse Schuttlawine hat das Grödner- und das Fassa-Tal unter sich begraben und ist noch immer in Bewegung.“

Christina schwankte, als würde ihr das Ausmaß erst jetzt bewusst.

Und was sie sagte, war ja auch völlig unmöglich. Luca schüttelte langsam den Kopf. So unglaublich es war, er wusste, dass es der Wahrheit entsprach.

Ein Erdbeben erschütterte den Boden.

Christina langte nach seinem Arm. Er zog sie an sich, umarmte sie. Er wollte sie schützen. Er wollte sich festhalten. Beides war sinnlos, das wusste er. Das war erst der Anfang.

„Wir sollten fliegen“, murmelte er, während das Beben langsam verebbte, in ihrer unmittelbaren Umgebung keinen Schaden anrichtete. Wer konnte schon sagen, was dieses Mal geschehen war, fern in den Bergen.

„Es ist zwecklos. Sie sagen, dass sich im Moment niemand in Gefahr bringen soll. Sie richten einen Krisenstab ein. Aber wir sollten uns bereithalten.“

„Gut.“

Das war es also. Er hatte recht gehabt. Das war das Ende der bleichen Berge. Sie brachen auseinander. Natürlich würde sich die Welt weiterdrehen. Sie würde diese Krise wegstecken. Wie immer. Gab es halt ein paar Ski- und Wandergebiete weniger, wen störte es?

Luca blinzelte Tränen weg.

„Geh zu der Frau, Luca.“ Christina schob ihn sanft von sich.

„Wieso?“

„Ich glaube, du hattest recht. Dein Vorfahr hatte recht.“

„Ich verstehe immer noch kein Wort.“

„Sie sagt, sie kannte Anton Costa. Er hat ihr geholfen, und sie hat ihn vor dem Tod bewahrt. Außerdem behauptet sie, sie habe nicht gerettet werden wollen und daher versucht, uns umzubringen. Aber sie habe eingesehen, dass es zu spät war. Dass sie den Lauf der Dinge nicht mehr aufhalten könne.“

„Klingt nach dem sinnlosen Gerede einer unter Schock stehenden Patientin.“

„Normalerweise würde ich dir zustimmen.“ Christina schwieg einen langen Moment. Dann nickte sie energisch. „Nun geh!“

Luca lief über die Wiese zum Krankenhausgebäude und weiter in Richtung der Station, die Christina ihm genannt hatte. Bei allen, denen er begegnete, dasselbe Bild: Pflegepersonal, Ärzte und Patienten starrten auf Smartphones oder Computerbildschirme, erstarrt in dem faszinierten Grauen, das dem Anblick einer Katastrophe innewohnte. In einem Wartebereich sah Luca auf einem Fernsehmonitor die verwackelten Bilder einer Webcam. Er erkannte ein Hotel in Wolkenstein, seinem Heimatort. Eine graubraune Schlammmasse stürzte auf die Kamera zu, bevor die Übertragung abbrach.

Luca kam sich vor wie in einem schlechten Film – nein, wie in einer Kulisse. Ein merkwürdiges Gefühl von Unwirklichkeit begleitete ihn. Passierte das vielleicht alles gar nicht? Schlief er? Oder waren sie doch tot, abgestürzt nach dem Start von der Pralongià?

Er kniff sich in den Unterarm, spürte den Schmerz. Ob das aber zweifelsfrei bedeutete, dass er noch lebte, vermochte er nicht zu entscheiden.

Im Krankenzimmer befand sich ein einzelnes Bett, darin eine Gestalt. Luca konnte das bleiche Gesicht zwischen den hellen Laken kaum erkennen. Es war eine Frau, zweifellos. Aber ob jung oder alt, hätte er nicht sagen können. Sie wirkte durchscheinend, wie aus Glas.

Ein Tropfen platschte auf den Boden. Lucas Blick fiel auf eine kleine Wasserpfütze vor dem Bett.

Ich bin zu spät aufgewacht.

Die Stimme musste von der Gestalt im Bett gekommen sein, aber Luca war es, als tönte sie in seinem Kopf. Er wagte nicht zu sprechen. Er wusste ohnehin nicht, was er sagen sollte.

Es war eiskalt im Zimmer.

Lucas Beine begannen zu zittern. Rasch setzte er sich auf den Plastikstuhl neben dem Bett.

Es tut mir leid, Luca Costa. Ich wollte euch töten, um die Berge zu retten. Aber es war längst zu spät. Dich trifft keine Schuld.

„Woher kennst du meinen Namen?“ Luca erschrak, als er seine eigene Stimme hörte. Eine Atemwolke bildete sich vor seinem Mund. Nervös fuhr er sich mit der Zunge über die trockenen Lippen.

Ich muss es schneien lassen. Siehst du?

Eine Schneeflocke taumelte über dem Bett und landete auf dem Laken. Ein weiterer Wassertropfen platschte auf den Boden.

Zu spät. Viel zu spät.

„Was - Wer bist du?“

Wir waren einst viele. Ihr Menschen habt uns vertrieben. Ich kann nichts mehr ausrichten mit meinem Gletschertanz.

Luca überlief eine Gänsehaut, ihn fröstelte. Kälte kroch ihm über die Haut, sickerte in seinen Körper, seine Gedanken. Raureif überzog das Metallgestänge des Bettes.

Erst sterben die Gletscher. Dann die Berge. Mit ihnen wir. Leb wohl.

Ein leichter Schneefall setzte ein, winzige perfekte Kristalle. Sie schmolzen, sobald sie auf der Bettdecke landeten, unter der niemand mehr lag. Die Wasserpfütze unter dem Bett war größer geworden.

Luca umschlang seinen Oberkörper.

Die Kälte lähmte seinen Verstand. Aber er begriff, dass dieses Wesen den Hubschrauber beeinflusst hatte, um seine Rettung zu verhindern. Sich dann aber dagegen entschieden hatte.

Und er fragte sich, ob es ihm damit wirklich eine Gnade erwiesen hatte.

 

***

© 2019 by Diana Menschig.
Alle Rechte vorbehalten.

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 26. Juli, genau hier.

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