Kurzgeschichte am Fiction Friday: Flammen über Karlsruhe von Simona Turini

© Christian Günther

FICTION FRIDAY

Flammen über Karlsruhe (Simona Turini)


Die Kurzgeschichten-Anthologie "German Kaiju" ist eine Hommage an den klassischen japanischen Monsterfilm - mit Schauplatz Deutschland. Wir veröffentlichen hieraus "Flammen über Karlsruhe" als PAN-Story des Monats. Viel Spaß damit!

***

In dem Hotelzimmer herrschte angespanntes Schweigen. Sechs Männer in Anzügen standen sich in der Suite mit der geschmacklosen Blumentapete gegenüber. Ein weiterer, ebenfalls gut gekleidet, saß auf der grünen Cord-Couch.

Johann hatte das Gesicht in die Hände gestützt. Er fühlte sich wie vor einem Tribunal. Warum zur Hölle glaubten sie ihm nicht?

»Das ist Blödsinn«, sagte da Müller, der Hohepriester.

Das hatte er bereits gesagt, es war sein letztes Wort gewesen, ehe die unangenehme Stille einsetzte. Johann rieb sich über das Gesicht und blickte auf, direkt in Müllers dunkle Augen.

»Ach ja? Und warum treffen wir uns dann hier? Mit dem schönen Blick auf die Pyramide? Warum hatten Sie es so eilig, in die Stadt zu kommen?«

Müller seufzte. »Johann, niemand sagt, dass Ihre Ansicht, der große Wächter könnte erwachen, Blödsinn ist. Im Gegenteil, genau das befürchten wir doch alle. Aber dass es den Gral überhaupt nicht geben soll? Das ist absurd.«

Er zuckte kurz zusammen, als das Zimmer erneut bebte.

Diese Erschütterungen durch die Bohrarbeiten unter dem Marktplatz jagten auch Johann eine Heidenangst ein. Das war doch nicht normal, das konnte doch gar nicht sicher sein.

Bilder vom einstürzenden Stadtarchiv in Köln kamen ihm in den Sinn. Er verdrängte sie rasch.

Vorerst blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Baumaßnahmen zu akzeptieren, aber sobald sie Beweise für eine Gefährdungslage hatten, würden sie Mittel und Wege finden, einen Baustopp zu erwirken.

Das Problem war, dass die anderen Ordensmitglieder im Raum nicht geneigt waren, die Außenwelt über das in Kenntnis zu setzen, was unter dem Karlsruher Marktplatz, direkt unter der berühmten Pyramide, begraben lag. Tatsächlich waren sie nur hier, um ihren größten Schatz zu sichern, um ihrer uralten Aufgabe nachzugehen und den Heiligen Gral, sollte das notwendig werden, erneut in Sicherheit zu bringen.

Johann wollte eine rauchen. Das war allerdings nicht nur in seinem Orden nicht gern gesehen, sondern auch in diesem Hotelzimmer verboten. Also seufzte er nur schwer und stand dann ebenfalls auf. Einen letzten Versuch wollte er noch wagen.

»Ich beschwöre Sie, meine Herren, meine Studien waren erschöpfend. Die Schriften lassen viele Schlussfolgerungen zu, das ist mir bewusst, aber ich bin davon überzeugt, dass meine Interpretation Hand und Fuß hat: Der Wächter ist nichts anderes als der Gral selbst. Ihm sollte unsere Aufmerksamkeit gelten«, erklärte er.

Müller wandte sich sichtlich genervt ab und trat ans Fenster. Mit gerunzelter Stirn blickte er auf den Marktplatz, der sechs Stockwerke unter ihnen lag, auf die Pyramide in dessen Zentrum, die allerdings von hier oben schlecht erkennbar war. Zum Schutz gegen Baustaub hatte man sie mit einem Holzgerüst umgeben. Seit mehr als vier Jahren war sie bereits so verhüllt.

Karlsruhe bot schon viel länger ein jämmerliches Bild.

Baustelle reihte sich an Baustelle, an jeder Ecke wurde abgerissen, aufgerissen, neu geteert. Und jetzt war es seit Wochen so weit, dass der berühmte Tunnelbohrer eingesetzt werden konnte, um ein paar der großen Fächerstraßen zu untertunneln – hier sollten in Zukunft die Stadt-Straßenbahnen unterirdisch verkehren. Der Bevölkerung den Sinn dieser milliardenschweren Maßnahme zu erklären, war unmöglich gewesen, und auch Johann zweifelte am Nutzen des Projekts. Ihm schien es, der Bürgermeister, der darüber entschieden hatte, wollte sich einfach selbst ein Denkmal setzen.

Jetzt würde er sehen, was er davon hatte. Johann war fest davon überzeugt, dass Karlsruhe dem Untergang geweiht war.

Und dass auch die Anwesenheit des Ordens nichts daran änderte. Besonders, wenn sie ihm nicht glaubten und so naiv an den alten Überlieferungen festhielten. Sie predigten Aufklärung und Fortschritt, wollten aber lieber altertümliche Zaubersprüchlein murmeln, als sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen.

Frustriert stand Johann auf und verließ das Zimmer.

Niemand hielt ihn zurück.

Ich saß nichts ahnend in der Burgerbraterei meines Vertrauens und wartete zunehmend ungeduldig auf mein

Burger-mit-Cocktail-und-Fritten-Menü, als ich es zum ersten Mal spürte. Der Boden vibrierte. Der Tisch vibrierte. Als ich mich umsah, erkannte ich, dass auch die Lampen wackelten und die hässlichen Dekorationen an den Wänden zitterten.

Dieses Gebäude bewegte sich.

Erdbeben?

Panisch sprang ich auf und hob die Arme über den Kopf. Da fiel mir auf, dass außer mir niemand Notiz von den Bewegungen um uns herum zu nehmen schien. Der Kellner, der sich gerade mit meiner Bestellung genähert hatte, war stehen geblieben und sah mich entsetzt an. Der Cocktail im Glas zitterte. Langsam nahm ich die Arme wieder runter und setzte mich hin. Dabei hielt ich Blickkontakt mit dem Kellner, der nun erleichtert und ein bisschen amüsiert lächelte.

»Lange nicht mehr in der Stadt gewesen, was?«, fragte er. Nach und nach platzierte er die Dinge von seinem Tablett auf meinem Tisch. »Das ist dieser große Bohrer. Für den Tunnel. Die sind jetzt fast am Marktplatz, seitdem spürt man es, wenn das Ding arbeitet. Krass, oder?«

Er erzählte das in einem halb-professionellen Plauderton, wie ihn unerfahrene Angestellte in Serviceberufen häufig an den Tag legen. Ich hasse das.

»Aha«, gab ich wortkarg zurück, noch immer beunruhigt von den merkwürdigen Vibrationen und der Gleichgültigkeit der übrigen Gäste hier.

»Ja, das geht schon seit ein paar Tagen so. Keine Sorge: Das ist alles total sicher. Da kann überhaupt nix passieren. Und lange dauern soll’s auch nicht. Glauben kann ich das zwar nicht mehr, bei den vielen Verzögerungen in den letzten Jahren.«

Er hatte alles abgestellt und könnte sich nun eigentlich zum Gehen wenden, tat das aber unglücklicherweise nicht. Das Beben hatte aufgehört.

»Bist nicht von hier, oder?«

Ich blickte auf. Er sah mich erwartungsvoll an, konnte offensichtlich nicht in meiner Miene lesen, wie gerne ich Ruhe gelassen werden wollte.

»Nein«, sagte ich und wandte mich meinem Burger zu.

»Ja, ist gerade alles seltsam hier. Die Baustellen überall und die Bohrer und die Löcher in den Straßen. Nicht nett für die Touristen. Ich wünsch dir trotzdem eine tolle Zeit in Karlsruhe! Arbeit?«

Der Burger schien mir etwas trocken, also untersuchte ich die bereitstehenden Soßen. Ich hatte schon gar nicht mehr zugehört, aber die plötzliche Stille und anhaltende Anwesenheit des Kellners ließen mich doch noch mal aufblicken.

»Was?«

Er lachte jovial. Sein Adamsapfel hüpfte.

»Ob du hier arbeitest, hab ich gefragt. Für Urlaub ist das ja echt nicht gerade die beste Zeit.«

»Nein.«

Ob ich nun seine Frage beantwortet oder ihm zugestimmt hatte – nein, für Urlaub ist gerade echt nicht die beste Zeit – ließ meine Einsilbigkeit offen. Ich salzte die Fritten und nahm den Burger auseinander, um ihn mit

Honig-Senf-Soße aufzumotzen. Endlich kapierte der Typ, dass hier sein Trinkgeld auf dem Spiel stand und ging.

»Guten Appetit«, murmelte er noch, ein bisschen beleidigt, wie mir schien.

Endlich konnte ich in Ruhe essen. Da setzte erneut der Tunnelbohrer an. Mein Magen zog sich ein wenig zusammen. Aber ein rascher Blick in die Runde zeigte mir, dass sich nach wie vor niemand zu sorgen schien. Also biss ich beherzt in meinen Burger und stellte erstaunt fest, dass er ziemlich lecker war. Ein guter Auftakt zu meiner heutigen Stadterkundung.

Der Bildschirm wurde blendend hell, dann komplett dunkel. Bildschirm … das traf es nicht. Es war die Fassade des Schlosses, die Projektionsfläche, die das Gebäude zur Verfügung stellte, auf der die Lichtspiele stattfanden. Das machte die Stadt jedes Jahr, seit dem 300. Stadtgeburtstag im Jahr 2015. Schlosslichtspiele, eine schöne Erfindung.

Künstlergruppen aus aller Welt steuerten psychedelische Kunstfilmchen bei, die per Laserprojektion auf die Fassade des Gebäudes geworfen wurden. Mehrere Wochen im Sommer lockten diese Kunstinstallationen allabendlich die Stadtbewohner auf die große Wiese des Schlossplatzes. Ein gigantisches Picknick, das in den Abendstunden begann und bei Einsetzen der Dunkelheit von den Lichtspielen beleuchtet wurde.

Ich saß auf meiner Picknickdecke auf dem Rasen und beobachtete das Geschehen voller Faszination. Jetzt einen durchziehen, dachte ich. Jetzt ’ne Line Koks. Ich kicherte. Irgendwas, um das hier noch krasser zu machen. Aber in Wahrheit war es so schon krass genug. Eigentlich wollte ich lieber etwas, das es echter machte. Realer.

Auf dem Schloss wirbelten bunte Linien umeinander und zogen dann in strahlenden Farben die Elemente der realen Fassade nach, ein psychedelischer Trip, der das biedere gelbe Barockschloss mit dem schwarzen Dach zu einer mystischen Festung der Einsamkeit machte. Kurz strahlten die neuen Linien und falschen Farben hell auf, gleißendes Licht überflutete alles und die Musik, die aus großen Lautsprechern vorne neben den Projektorbühnen drang, schwoll an. Ich bekam das Gefühl, gleich zu platzen. Diese Show war unfassbar. Emotionen überschwemmten mich. Das kalte Bier in meiner Hand war eine Erleichterung, ein Anker, an dem ich mich festhalten konnte. Mich an die Welt klammern, die ich kannte.

Ich nahm einen Schluck. Die Fassade verdunkelte sich, die Musik brach ab, setzte dann leise und viel getragener wieder ein, als verschnörkelte Wolken langsam über das Gebäude glitten. Ein Anblick zum Schwelgen, also schwelgte ich.

Alles so unfassbar, dachte ich, und: Ich steh auf die Schlosslichtspiele.

Dann war diese Projektion auch schon zu Ende. Leider, sie hatte mir von der diesjährigen Auswahl bisher am besten gefallen. Gleich würde ein anderes Video ablaufen, aber zuerst war das allseits bekannte und trotz der hingegebenen Lähmung des Publikums frenetisch bejubelte Jingle der hiesigen Biermarke dran. Ich wandte mich ab. Die Projektion unzähliger in übernatürlicher Größe auf das Schloss geworfener Bierkisten hatte ich heute Abend schon zu oft gesehen. Der örtliche Bierbrauer war einer der größeren Sponsoren dieser Veranstaltung.

Leichter Hunger meldete sich. Mein Burger-Gelage war schon einige Stunden her. Vielleicht sollte ich mal nachschauen, ob dieser Spanier am Marktplatz noch geöffnet hatte, der war ja ganz in der Nähe. Gegenüber des Schlosses, nur getrennt durch den »Platz der Grundrechte« und den kreuzenden »Zirkel« lag der Platz, vielleicht 400 Meter entfernt. Die Pyramide, die dort stand, hatte mich von Anfang an fasziniert. Trotz ihrer bescheidenen Ausmaße schien sie so groß zu sein und sehr präsent.

Allerdings konnte das auch an ihrer Baugerüst-Umhüllung liegen. Ich hatte die Pyramide bisher noch nicht in Natura gesehen und das nervte mich: Dieses kleine Bauwerk im Zentrum hatte mich bei meinen Ersterkundungen der Stadt, in die ich jobbedingt gefälligst zu ziehen hatte, am meisten interessiert.

Überhaupt diese Prachtstraßen-Linie, die vom Schloss über den Marktplatz und den dahinterliegenden Obelisken bis aus der Innenstadt heraus führte. Eine sorgsam geplante Gerade, die man kilometerweit verfolgen konnte und die besonders von oben eine ganz besondere Wirkung hatte. Wie eigentlich die komplette Ansicht Karlsruhes aus der Vogelperspektive: Die Fächerstadt trägt ihren Beinamen nicht grundlos.

Meine neue Heimat gefiel mir ausnehmend gut. Ich war bereits vor drei Wochen angereist, um mich einzurichten und die Stadt kennenzulernen, ehe ich in der kommenden Woche meinen neuen Job beim KIT, dem Karlsruher Institut für Technologie, antreten würde. Leider durfte ich nicht in der Innenstadt arbeiten, sondern musste mich zum Versuchsreaktor – pardon: ehemaligen Versuchsreaktor – nach Leopoldshafen begeben, eine Fahrt von wenigstens 40 Minuten mit Straßenbahn und Bus. Letzteres nahm ich gerne in Kauf, denn ich wollte zumindest in der Stadt wohnen und nicht abgeschieden im angrenzenden Hardtwald sitzen.

Plötzlich spürte ich eine leichte Vibration unter mir, wie vorhin im Burgerladen. Und wieder schien niemand zu reagieren. War da vielleicht eine Maus unter meiner Decke? Ich tastete um mich. Nichts, kein mäuschenförmiges Etwas, das hektisch den Ausgang suchte. Dafür erneute Vibrationen, stärker dieses Mal.

Ich sah auf. Nun guckten auch andere Leute sich um, das allgegenwärtige Getuschel setzte kurz aus und anschließend umso hektischer wieder ein.

Ruhe. Dann wieder die merkwürdige Vibration, noch stärker. Was soll das?

Auf der Fassade begann die nächste Show und nun machten sich die Vibrationen auch an den empfindlichen, genau eingestellten Projektoren bemerkbar – die Bilder wackelten, Farben und Linien verschoben sich leicht gegeneinander und verzerrten.

»Ist das wieder dieses blöde Tunnelbohr-Ding?«, fragte ein junger Mann, der mit seinem kiffenden Kumpel auf einer Decke neben meiner saß. Der Kumpel nahm in aller Seelenruhe einen Zug von seinem Joint und reichte den Stummel dann an den Fragenden.

»Keine Ahnung«, murmelte er, seine Aussprache auf die merkwürdig gleichgültige Art verschliffen, wie es bei Kiffern so oft vorkommt. »Is’ doch schon voll spät.«

Auch der andere zog kräftig und sank dann genüsslich auf der Decke zurück. »Stimmt, is’ echt spät«, sagte er.

Weiter schienen sie sich nicht zu wundern, was vermutlich durch den Drogenmissbrauch zu erklären war. Die Vibrationen brachen jetzt nicht mehr ab. Die Erde bebte durchgehend. Das konnte nicht der Tunnelbohrer sein, oder? Die ersten Familien rafften ihre Sachen zusammen und verließen, sich misstrauisch umschauend, die Wiese. Die Diskussionen, was hier vor sich ging, wurden lauter, immer mehr Menschen standen auf. Auch ich erhob mich, als die Projektoren vorne abgeschaltet wurden und es vor mir jäh dunkel wurde. Die Begleitmusik lief noch, eine merkwürdig dramatische Untermalung für das rätselhafte Geschehen.

Ich sah mich um, drehte mich dabei um die eigene Achse.

Vor mir das Schloss, jetzt ganz in Nacht getaucht. Kopfdrehen – rechts der Park. Weiter umwenden – links der Rosengarten und das Bundesverfassungsgericht, hinter mir die geschwungenen Häuserfassaden, dazwischen der Platz der Grundrechte und dahinter …

Ein krachendes Geräusch, ohrenbetäubend, dröhnte vom Marktplatz herüber. Die Pyramide begann zu tanzen. Kamen die Vibrationen von dort? Das Grabmal hob und senkte sich, erst nur leicht, dann immer stärker. Schließlich schmetterte es zu Boden und … verschwand, samt Baugerüst. Ein Baufehler womöglich? Brach jetzt die Karlsruher Innenstadt zusammen, weil jemand bei den Tunnelarbeiten geschlampt hatte?

Schreie schwollen an, die Vibrationen, wurden stärker, je lauter das Grollen wurde, und dann brach die Hölle los: Die Leute, die auf dem Schlossplatz geblieben waren, versuchten zu fliehen. Da sie verständlicherweise nicht in Richtung des Ereignisses rennen wollten, das die Pyramide so brutal verschlungen hatte, blieben nur der Weg in den Park hinter dem Schloss oder die Straße am Verfassungsgericht. Letztere war von Hecken gesäumt, die als erste Opfer der Fliehenden wurden.

Ich wurde fast umgerannt, aber ich blieb stehen, wie erstarrt, und wartete nervös, was da hinten weiter passieren würde. Die beiden Kiffer waren weg, wohin auch immer. Ich war nicht der Einzige, der jetzt stand und starrte, ein flüchtiger Blick in die Runde zeigte mir zahlreiche andere Menschen, die wie Wellenbrecher von der flüchtenden Menge umflossen wurden.

Vom Marktplatz erklang ein noch lauteres Dröhnen, Stein brach. Stürzten etwa die Häuser am Marktplatz ein? Mir stockte der Atem, als die Staubwolken in den abendlichen Himmel stoben.

Ein gewaltiges Etwas schob sich aus dem Loch, wo eben noch die Pyramide gestanden hatte, ein Etwas, das sich selbst auf die Entfernung grauenhaft klar gegen den Abendhimmel abhob. Silbrig schimmernde Schuppen bedeckten einen lang gestreckten, gegliederten Leib. Das Ding drängte aus dem Boden, strebte gen Oberfläche, als hätte es viel zu lange auf diesen Augenblick der Befreiung warten müssen.

Mehrere Meter Getier ragten aus dem Loch, als es in seinen Bemühungen kurz verharrte und seine langen Fühler in der Luft zittern ließ.

Es reckte gigantische Beißwerkzeuge in den Himmel, sodass es schien, als wolle es den Mond verschlingen, der zu Dreivierteln gefüllt direkt über ihm hing. Wie ein Schmetterling, der sich aus seinem Kokon schält, streckte das Vieh zahlreiche, viel zu lange Beine von sich. Es breitete sich aus und schien den gesamten Marktplatz umfassen zu wollen. So wirkte es zumindest von meinem Standplatz aus.

Die Schreie auf der Wiese schwollen zu einem unerträglichen Crescendo an. Jetzt rannten alle. Das sollte ich wohl besser auch endlich tun, mich in Sicherheit bringen vor dem gigantischen Wesen, das gerade vollkommen unvermittelt die Pflasterung des Marktplatzes durchbrochen hatte.

Aber ich konnte nicht. Meine Beine wollten meinem Befehl, jetzt doch endlich loszurennen, einfach nicht gehorchen.

Hilflos sah ich mit an, wie das Tier seinen riesigen Kopf langsam zu Boden senkte und mit einer unfassbaren Geschwindigkeit vollends aus dem Loch kroch, direkt auf mich zu.

Spinnenläufer, dachte ich und verstand auf einmal meine Lähmung. Das ist ein Spinnenläufer. Verdammt. Scheiße.

Mehr dachte ich nicht mehr, weil mein Gehirn einfror.

Phobien sind echte Arschlöcher. Zeig mir einen Spinnenläufer und ich zeige dir einen Nervenzusammenbruch. Dann war das Monstrum schon über mir.

Fuck, wie kann der nur so schnell sein? Dünne, widerliche Beine warfen mich um und stachen überall um mich herum in die Erde. Sie rissen in ihrem wilden Lauf Grassoden und Picknickdecken mit. Unendlich weit über mir sah ich, während ich hier hilflos und dem Tode geweiht auf dem Rücken lag, den silbern schimmernden Bauch dieser U-Bahn von einem Tier über mich hinweggleiten.

Das ist dann wohl das Ende, dachte ich.

Das ist dann wohl das Ende.

War es nicht. Ich lag noch eine gefühlte Ewigkeit im feuchten Gras, als das Monstrum längst über mich hinweggetrampelt war. Wie durch ein Wunder hatte es mich nicht zertreten.

Vorsichtig richtete ich mich auf. Mir tat alles weh, aber da ich auch alles noch bewegen konnte – ohne dabei in Richtungen zu geraten, in die Glieder nicht bewegt werden sollten – machte ich mir keine großen Sorgen. Ich sah mich um. Das Monstrum hatte eine Schneise der Verwüstung hinterlassen, der Rasen war aufgerissen und zerwühlt, die sorgsam gepflegten Kieswege kaum noch als solche zu erkennen und das Schloss … das Schloss lag teilweise in Trümmern. Das Vieh hatte den Zentralbau einfach überrannt. Das Dach und ein Großteil der Fassade waren eingestürzt und der Turm, der mittig hinter dem Zentralbau gestanden hatte, war weg. Der Spinnenläufer musste ihn gerammt oder vielleicht auch glatt umgerannt haben, sodass er schlicht umgefallen war.

Benommen sah ich mich um, registrierte aber die herumliegenden und -stehenden Leute kaum, die nach wie vor die Wiese bevölkerten. Vielen war die Flucht geglückt, aber der eine oder andere war Opfer der menschlichen Stampede geworden. Hilfe holen, das war mein einzig klarer Gedanke. Langsam trottete ich in Richtung Innenstadt. Über die Straße, die sich einmal um den gesamten Schlossplatz zog.

Über den Platz der Grundrechte, dessen kleiner Wald aus Schildern, auf denen mehr oder minder poetische Auslegungen der Menschenrechte geschrieben waren, kreuz und quer verteilt lag. Bis zur Karlstraße, deren Straßenbahngleise als Einziges noch als solche zu erkennen waren. Dort blieb ich stehen und blickte auf.

Der Marktplatz war ein Schlachtfeld. Überall lagen Trümmer, das Rathaus, das Weinbrennerhaus, die Kirche – alle Orientierungspunkte meiner zahlreichen Spaziergänge durch die Stadt waren verschwunden, zurück blieben nur kantige Steine, Holzreste und Staub, Staub, Staub.

Ich kam mir vor wie in einem Kriegsgebiet. Also, wie ich es mir in einem Kriegsgebiet vorstellte. Überall schrien Menschen, Kinder weinten, Frauen kreischten. Es war ein Albtraum. Das Hotel, das eigentlich direkt neben mir an der Ecke gegenüber dem Marktplatz stehen sollte, war zu einem Trümmerhaufen zusammengestürzt. Und ab hier wurde der Albtraum zur wahrhaften Hölle: Aus dem Schutt ragte eine Hand, eine menschliche Hand, so richtig echt und staubig und … noch lebendig!

Ohne nachzudenken, eilte ich hin und räumte so vorsichtig und dabei so schnell, wie mir das mit bloßen Händen möglich war, die Steine beiseite, die das zur Hand gehörige Gelenk umschlossen. Kurz zweifelte ich daran, dass eine manuelle Befreiung eines Verschütteten aus einem eingestürzten Haus überhaupt möglich war, aber ich machte weiter, regelrecht manisch, verzweifelt.

Wenn meine geistige Gesundheit eine Chance haben sollte, dieses Inferno zu überstehen, dann nur, wenn ich diesen Menschen hier rettete.

Die Hand wurde zum Arm, der sich schwach krümmte, dann zur Schulter. Schließlich holte ein bärtiger Mann hastig Luft, als ich einen Ziegel von seinem Gesicht nahm. Er schielte aus der dicken Staubschicht, die ihn bedeckte, in meine Richtung und murmelte etwas, das ich nicht verstand.

Meine Hände bluteten, aber ich merkte es kaum. Plötzlich gesellten sich mehr Hände dazu, drei Männer, ebenfalls bärtig, ebenfalls staubig, waren zu mir geeilt und halfen mit, die Trümmer von dem Verschütteten zu räumen.

Ich verstand nicht, was wir da taten und wie es gelingen konnte, doch es gelang: Nach einer gefühlten Ewigkeit zogen wir den Bärtigen aus den Trümmern, trugen ihn zur Straße und lehnten ihn gegen einen Poller, der der Zerstörung entgangen war.

Ein Mann kam aus dem Kaufhaus an der Ecke gerannt, direkt auf uns zu. Er trug Tüten bei sich, was mich wunderte, aber in diesem Chaos schien auf einmal nichts mehr besonders aufregenswert. Er blieb bei uns stehen und entlud seine Tüte – Verbandszeug und mehrere Flaschen Wasser. Sinnvoll, dachte ich noch, da drückte er mir auch schon eine Flasche in die Hand und zwang mich zu trinken.

»Geht es Ihnen gut?«, fragte er.

Ich hob die blutenden Hände und er nickte, drückte mich neben den Geretteten, der von den anderen Männern versorgt wurde, zu Boden, und desinfizierte und verband meine Wunden.

Es tat gut, dass sich jemand um mich kümmerte. Die Situation überforderte mich auf eine Art, die ich kaum fassen konnte.

»Es ist am Zoo!«, schrie jemand auf einmal aus der Menge.

»Am Zoo! Es frisst alle Tiere!«

Ich wollte sehen, wer da brüllte, aber mein

Privat-Sanitäter schüttelte den Kopf. »Ignorieren Sie das.

Ignorieren Sie alles. Sie sind ein Held, Sie haben

unseren … Freund gerettet. Wenn wir irgendetwas für Sie tun können, sagen Sie es ruhig. Sollen wir Sie irgendwohin bringen?«

»Anton«, zischte einer der Männer, die den Geretteten umsorgten. »Wir haben keine Zeit für so was!«

»Wir müssen uns die Zeit nehmen. Diesem Mann verdanken wir es, dass Müller noch unter uns weilt.«

»Das stimmt. Er hat ihn gefunden. Wer weiß, ob uns das auch gelungen wäre«, sagte einer der anderen.

Auch der Gerettete – Müller – wollte sich nun einmischen, was aber in einem Hustenanfall unterging.

Neben meinem Sanitäter knieten zwei Unbekannte, offensichtlich Neuankömmlinge, denn sie waren nicht staubig und verdreckt und wirkten fast frisch im Gegensatz zu uns. Sie blickten mich besorgt an.

»Das ist doch …«

»Bist du sicher?«

»Na ja, der viele Dreck. Aber ich kenne ihn von Fotos in …«

»Das wäre ja ein Ding!«

Was redeten die da? Einer nahm eine frische Flasche Wasser, tränkte damit ein dickes Bündel Mull und begann, mich vorsichtig sauber zu machen. Das kühle Wasser fühlte sich großartig an, meine Lebensgeister wurden wieder geweckt.

»Sie sind Doktor Evermann«, sagte einer der Neuankömmlinge schließlich im Brustton der Überzeugung.

Ich war zwar erstaunt, dass der Fremde mich kannte, aber wozu leugnen? Ich nickte.

»Herr Doktor Evermann, es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.« Er streckte mir die Hand hin, die ich reflexartig ergriff, was einen brennenden Schmerz durch meinen Arm jagte. Ich zuckte zusammen. »Verzeihung«, stammelte der Mann. »Herr Doktor Evermann, entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen natürlich nicht wehtun. Ähm, eine Ehre …«

Er schien den Faden verloren zu haben. Zeit, meine Kehle auszuprobieren.

»Mit wem …« Husten. Räuspern. »Mit wem habe ich denn das Vergnügen?« Besser. Ich konnte also noch sprechen.

»Johann Schreiner«, stellte er sich vor, und der neben ihm ergänzte: »Und mein Name ist Simon Röber. Wir sind große Bewunderer Ihrer Arbeit.« Auch Röber wollte mir die Hand geben, doch jetzt hatte ich mich besser im Griff und winkte entschuldigend ab. Er signalisierte mit einem unsicheren Nicken, dass er verstand, und ließ die Hand sinken.

Wo war ich hier nur reingeraten?

Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit – nahm diese Nacht denn überhaupt kein Ende mehr? – waren sowohl der gerettete Müller als auch ich in der Lage, uns zu erheben. Die übrigen Retter hatten sich ebenfalls notdürftig gereinigt und nun standen wir einigermaßen ratlos neben dem zerstörten Marktplatz.

An der Stelle, an der mal die Pyramide gestanden hatte, klaffte ein großes Loch. Ein paar wenige Schaulustige, die offensichtlich den Ernst der Lage noch nicht erkannt hatten, spähten hinein. Ich humpelte hinüber, denn ich hatte das starke Gefühl, irgendetwas tun zu müssen, und zu meiner Überraschung folgten mir die sieben Männer.

Am Loch angekommen, musste ich mich beinahe übergeben, so übel stank es dort. Zu sehen war dagegen nicht viel, so sehr ich mich auch anstrengte, in der staubigen Tiefe, die teilweise mit herabgefallenem Geröll und den Überresten der Pyramide verfüllt war, etwas zu erkennen.

Ein wenig abseits sprach Johann mit den anderen Männern. Ich hatte mich schon zu weit von ihnen entfernt, um etwas zu verstehen. Als er jedoch immer wieder auf mich deutete, beschloss ich, mich zu ihnen zu begeben.

»Die Herren scheinen mich zu kennen«, hob ich an, aber Müller fiel mir ins Wort.

»Johann und Simon hier kennen Sie, und sie haben uns Interessantes zu Ihrer Person eröffnen können.« Er musste sich auf einen seiner Kameraden stützen, was mich nach seinem Schicksal als Verschütteter nicht wunderte. Er räusperte sich. »Johann, seien Sie doch so freundlich und übernehmen Sie. Ich denke, wir sind uns alle einig, dass wir Herrn Doktor Evermann vollständig ins Bild setzen sollten, ehe wir seine Hilfe erbitten.«

Ich verstand nicht. »Hilfe?«

»Nun«, begann Johann weisungsgemäß. »Wo soll ich anfangen? Sehen Sie sich um, das hier ist nur der Anfang. Wir stehen einer der größten Katastrophen gegenüber, die der Menschheit hätte zustoßen können – und ich fürchte, es könnte alles unsere Schuld sein.«

Jetzt entbrannte ein Streit, der mir vollkommen unverständlich blieb. Die einen wiesen Johann zurecht, er solle so etwas nicht sagen, die anderen mutmaßten, er könnte recht haben, es war ziemlich verwirrend und gespickt mit Wörtern, die ich noch nie gehört hatte. Der Streit drehte sich schnell nicht mehr nur um Schuld und Unschuld und die Ereignisse seit der Entstehung dieses unheimlichen, stinkenden Lochs, sondern auch darum, wie dem Verursacher besagten Lochs beizukommen wäre. Leider machte keiner der Männer Anstalten, sich aus der drückenden Wolke ekelerregenden Gestanks zu entfernen, die über dem Ort hing.

»Ähm«, meldete ich mich eingeschüchtert zu Wort. »Ich will ja keine kostbare Zeit verschwenden oder so, aber wir stehen mitten in einem Trümmerhaufen neben einem ziemlich tiefen Loch, von dem wir nicht wissen, ob da nicht noch etwas drin steckt. Und es stinkt ganz fürchterlich. Sollten wir uns nicht lieber einen annähernd sicheren Ort suchen und dort überlegen, was wir jetzt machen?«

Alle sahen mich an. Alle überlegten kurz. Alle nickten. Nur ein paar hundert Meter die ehemalige Prachtstraße entlang stand der Obelisk, der von der Zerstörungswut des Viehs bisher unbehelligt geblieben war. Dort angekommen zückte Müller einen Schlüssel, bückte sich und öffnete eine kleine Klappe am Fuß eines der Brunnen des Denkmals. Ein typischer Wartungszugang, vermutlich ein Wasserschacht.

Sollte ich da etwa rein?

»Echt jetzt?«, rutschte es mir fassungslos heraus.

»Echt jetzt«, sagte Simon seufzend und schob mich eine schmale Leiter hinab.

Unten angekommen stand ich erst mal im Dunkeln. Es fühlte sich nicht an, als würde ich gleich einen weiteren Wartungsschacht voller Leitungen vorfinden. Schwer zu erklären, aber das Raumgefühl stimmte einfach nicht. Fast erwartete ich, dass die Herren altertümliche Gaslampen entzünden würden, doch jemand drückte ganz profan auf einen Lichtschalter, der einen erstaunlich großen Raum mit einem hölzernen Tisch und mindestens einem Dutzend Stühle erhellte. Man setzte sich, Müller sichtlich erschöpft und erleichtert, endlich ruhen zu können. Ich folgte, sprachlos vor Erstaunen.

Johann wartete, bis die Runde Platz genommen hatte und begann dann von neuem – glücklicherweise, ohne Kontroversen auszulösen.

»Sie wissen es vielleicht nicht, aber der Name Karlsruhe stammt nicht vom Markgrafen Karl Wilhelm, dem angeblichen Gründer der Stadt. Vielmehr haben wir – also, unsere Vorgänger – den Namen geprägt. Karlsruhe ist nicht der Ruheort des alten Karl, sondern der des Grals. GRALSruhe ist der echte Name der Stadt, schwach getarnt.« Mein ahnungsloser Gesichtsausdruck musste Bände sprechen, denn nach kurzem Schweigen ergänzte er: »Der Heilige Gral. Karlsruhe ist der Ort, an dem wir den Heiligen Gral versteckt haben.«

»Manchmal ist das Offensichtliche die beste Tarnung«, warf Müller vom Kopfende der Tafel ein.

»Jetzt kapiere ich«, wagte ich zu sagen, und stand auf.

»Sie sind irre. Allesamt. Durchgeknallt. Heiliger Gral, echt jetzt? Und Sie sind die Templer, oder was?«

Betretene Stille. War ich gerade in ein Fettnäpfchen getreten?

Und wenn schon, die Typen waren nicht faszinierend, die waren wahnsinnig, wie gefühlt die Hälfte der Bewohner dieser eigentlich so schönen Stadt. Ständig standen Besoffene oder Junkies oder einfach nur Irre an irgendwelchen Straßenecken und skandierten Parolen oder hielten Reden oder brabbelten vor sich hin. Vermutlich war ich nun an ein paar eloquentere Vertreter des Karlsruher Siebhirns geraten.

»Wir gehören nicht dem an, was Sie als Templerorden kennen mögen«, übernahm Simon die Ausführungen. »Tatsächlich ist unsere Vereinigung etwas jünger, aber ungleich bedeutender. Wir sind Vertreter des ehrwürdigen Illuminatenordens.«

Ich sah ihn mit großen Augen an und setzte mich wieder.

So ein Quatsch!

Auch dieser Gedanke musste sich auf meinem Gesicht überdeutlich abzeichnen, denn Simon lächelte nachsichtig.

»Ja, ich weiß. Das ging mir genauso, als ich auf den Orden stieß. Seien Sie versichert, es gibt uns wirklich. Und wir sind viele. Entgegen der landläufigen Meinung ist unsere Aufgabe unter anderem der Schutz des Heiligen Grals. Das Problem ist nur … wenn mein Freund Johann mit seiner Theorie richtig liegt, dann zerstört der Heilige Gral gerade die Stadt.«

Johann übernahm wieder: »Ich habe die alten Quellen neu geprüft und etwas herausgefunden, über das wir uns noch nicht ganz im Klaren sind … und dann die Bauarbeiten und der Tunnel …« Er blickte resigniert ins Leere. Wieder sprang ihm sein Freund Simon bei.

»Den Schriften zufolge haben unsere Vorgänger, als sie den Gral unter der Pyramide versteckten, auch einen Wächter erschaffen, den sie Kumoso-sha nannten«, erklärte er. »Was das angeht, sind sich die Gelehrten in der Interpretation unserer alten Schriften einig. Allerdings nahmen sie an, erschaffen hieße beschworen. Sie sind alle im Mittelalter stecken geblieben, ehrlich.«

Unmutsäußerungen wurden laut, die Müller jedoch sofort abschnitt. Jetzt meldete er sich selbst zu Wort: »Johann und Simon gehören zu unseren begabtesten Schriftgelehrten. Sie haben sich eingehend mit den geheimen Überlieferungen beschäftigt und kamen bereits vor Monaten zu dem Schluss, dass die bisherigen Interpretationen nicht korrekt sein können. Johann hier denkt, dass Kumoso-sha nicht beschworen, sondern in Wahrheit in irgendeiner Weise gebaut wurde. Dass das Tier nicht einfach der Wächter, sondern der Heilige Gral selbst ist. Eine Art bio-mechanisches Supermonster, das eingesetzt werden soll, um der Welt Wohlstand und Fruchtbarkeit zu schenken.«

»Wie soll ein gigantischer Spinnenläufer denn Wohlstand bringen? Mir scheint eher, das Vieh macht gerade alles kaputt!«, wandte ich ein.

»Oh, Sie haben das Tier erkannt. Es ist wirklich eine Art Spinnenläufer. Na ja, er wurde zu früh erweckt«, übernahm nun wieder Johann die Erklärung. »Wie genau Kumoso-sha seinen Zweck erfüllen soll, weiß ich noch nicht. Ich hätte mehr Zeit für meine Forschungen gebraucht. Aber Fakt ist, dass die elenden Bauarbeiten ihn vor der Zeit aufgeweckt haben. Mir scheint, dass ihm das überhaupt nicht gefällt.

Wir müssen ihn aufhalten, irgendwie.«

Gralsruhe, am Arsch!, dachte ich. Meine Müdigkeit hatte ein Ausmaß erreicht, dass ich nicht glaubte, ihr noch viel entgegensetzen zu können. Eine Frage jedoch, die unwichtigste wohl, ließ mich nicht los.

»Kumoso-sha klingt nicht besonders … na ja, deutsch. Was soll das für ein Name sein?«

»Tja, wenn wir das wüssten«, gab Simon zu. »Es könnte Japanisch sein. Das ergibt eigentlich keinen Sinn für eine europäische Bruderschaft. ›Kumo‹ ist das japanische Wort für Spinne. Wir vermuten, dass die Konstrukteure des Grals Ordensbrüder mit Verbindungen nach Japan gewesen sein könnten und ihm seinen Namen gaben. Sicher können wir uns aber nicht sein.«

Warum musste ich auf einmal an Monsterfilme denken?

Die Diskussion um unser weiteres Vorgehen verlief eher unspektakulär. Argumente und Gegenargumente flogen mit einer Routine durch den Raum, dass mir der Verdacht kam, es könne sich bei den Illuminaten um einen eher streitlustigen und rechthaberischen, als dem Streben nach Wissen verpflichteten Orden handeln. Irgendwann beschloss ich, meine

Neuling-in-der-Runde-Karte auszuspielen.

»Warum warten wir nicht einfach hier ab, bis sich die Bundeswehr um die Sache gekümmert hat? Ich meine, die werden doch bestimmt kommen?«

Müller musterte mich ernst. »Trotz Ihrer Reputation scheinen Sie mir sehr naiv zu sein. Sie glauben, es kommen ein paar Soldaten und schießen auf das Wesen und damit ist das Problem dann erledigt? Das wird so nicht passieren – und selbst wenn, wird es das Wesen nicht umbringen. So steht es nicht geschrieben.«

Wieder geriet Johann aus der Fassung. »Jetzt hört endlich auf mit eurem Prophezeihungs-Quatsch! Kumoso-sha ist eine bio-mechanische Waffe, entwickelt und gebaut vor über 300 Jahren. Klingt das nicht wundersam und mystisch genug für euch? Was wollt ihr immer mit euren Riten und Beschwörungen und Schriften? Besonders, wenn ihr die Schriften überhaupt nicht richtig lesen könnt? Lasst uns doch endlich realistisch an die Sache rangehen!«

»Wollen Sie etwa sagen, man kann dieses Vieh nicht umbringen? Warum kann man es nicht umbringen?«, beharrte ich auf meiner Frage.

Simon kam mir zu Hilfe. »Die Schriften, von denen ich erzählt habe, die Johann neu ausgelegt hat. Darin steht im Grunde, dass man Kumoso-sha mit Feuer oder Kugeln nicht wirklich beikommen kann. Und, na ja, Sie haben gesehen, wie schnell er ist. Ein Panzer dürfte gegen ihn auch nicht viel ausrichten. Ich fürchte, auf die Bundeswehr brauchen wir nicht zu warten.«

Der Schock, der mich die ganze Zeit im Griff und vermutlich auch am Funktionieren gehalten hatte, ebbte ein wenig ab, die Müdigkeit wurde schier unerträglich. Ich blickte verzweifelt auf meine Hände, die auf der Tischplatte lagen, und redete mir selbst in Gedanken beruhigend zu. Ich hatte einige Jahre unter sporadischen Panikattacken gelitten. Ich wusste, wie ich da rauskam.

Als ich wieder bei mir war, stellte ich überrascht und ein wenig erschrocken fest, dass nun alle Augen auf mich gerichtet waren.

»Was?«, fragte ich.

Müller gab Johann mit einer Geste zu verstehen, dass er mir offenbaren durfte, warum ich überhaupt mit an diesen Ort geschleppt worden war.

»Herr Doktor Evermann«, sagte Johann feierlich. »Wir brauchen ein Feuer, das es auch mit Kumoso-sha aufnehmen kann. Ein großes Feuer. Atomares Feuer. Herr Doktor Evermann, wir brauchen Ihre Hilfe.«

Erst im Keller meines Wohnhauses in Mühlburg kam die Angst, die echte Angst. Dann aber mit voller Wucht.

Wir waren hergefahren, um meine Schlüsselkarte und ein paar andere Dinge abzuholen, die wir brauchen würden, um in den Versuchsreaktor einzudringen und im Idealfall das Vieh auszuschalten, das die Stadt verwüstete und schon in viel zu naher Zukunft über die benachbarten Landstriche herfallen würde.

Lange waren wir nicht in meiner Wohnung geblieben, denn schon nach wenigen Minuten des Heumstöberns und Packens hatten wir ein Dröhnen gehört, das stetig lauter wurde.

Etwas Großes kam näher. Aus Angst, es wäre der Spinnenläufer, waren wir geflohen. In den Keller, weil wir hofften, dort einigermaßen sicher zu sein, bis wir einen Plan hatten.

»Mama, ich hab Angst!« Die Kinderstimme holte mich zurück in die graue Gegenwart.

Mir gegenüber saß Silvia, die unter mir wohnte, und drückte ihren Sohn fester an sich. Seit sie im Radio gehört hatte, dass die Bevölkerung aufgerufen wurde, in Kellern Schutz zu suchen, saßen die beiden schon hier und warteten, was passieren würde. Silvia, so klang es aus den Erzählungen der anderen Hausbewohner, war dank ihrer Schlaflosigkeit so was wie die Rettung der Hausgemeinschaft gewesen. Wie fast jede Nacht hatte sie in der Küche Radio gehört, als die Durchsagen angefangen hatten; die Bevölkerung Karlsruhes wurde aufgefordert, die Ruhe zu bewahren, Hilfe sei unterwegs, bla, bla, man solle sich in Sicherheit bringen, bla, bla, am besten geeignet seien Kellerräume, bla.

Also hatte sie Natalie, die Studentin, die die kleine Wohnung unterm Dach bewohnte, und das Pärchen aus dem ersten Stock geweckt, Christoph und Adam. Gemeinsam hatten sie die Vermieterin Frau Schmidt rausgeklingelt und sich alle vorsorglich in den Keller zurückgezogen.

Mich hatten sie nicht finden können und sich ernsthaft Sorgen gemacht. Ihre Erleichterung, als ich mit meinen Illuminaten-Mitstreitern aufgetaucht war, schien mir echt.

Wir wohnten alle in einem kleinen, sehr alten Haus an der Grenze zwischen der Weststadt und Mühlburg, und zum Glück hatten wir einen Keller. Aber ob der tief genug lag, um uns vor dem zu beschützen, was da draußen marodierte? Keiner wusste es und im Grunde wollten wir es auch gar nicht allzu genau wissen. Wir hofften einfach darauf, dass wir Glück haben würden.

Die Geräusche, die seit einiger Zeit von draußen zu uns drangen, halfen unserer Zuversicht nicht gerade. Irgendwo hinter der riesigen Baustelle neben unserem Häuschen krachte es wiederholt. Ich glaubte, es wäre der Baukran, der umstürzte und die parkenden Autos am Straßenrand plattmachte. Aber sicher sein konnte ich mir nicht, keiner von uns traute sich an das winzige Gitterfenster. Und dann dieses Geräusch, wie ein Klappern oder Knistern

oder … Rauschen. Ein trockenes, aber trotzdem irgendwie ekelhaftes Geräusch, durchsetzt vom grausamen Donnern fallender Steine und vereinzelten Schreien von Leuten, die entgegen aller Warnungen nach draußen gegangen waren.

Das Knistern, Rauschen oder was auch immer musste von Kumoso-sha kommen, der viel zu nah an unserem Versteck durch Mühlburg zog. Warum zur Hölle bin ich nicht in die Südstadt gezogen? Meine Kehle wurde eng.

»Verdammt, ich weiß nicht, ob das Ding zu retten ist.« Michael, einer der Illuminaten, fummelte an einem alten

Funkgerät herum, das Frau Schmidts verstorbenem Mann gehört hatte. Jetzt warf er frustriert den Schraubenzieher vor sich auf den Tisch.

»Es tut mir leid. Seit mein Heinrich nicht mehr unter uns weilt, steht das Ding nur herum.«

»Sie müssen sich doch nicht entschuldigen, Frau Schmidt«, mischte ich mich ein. »Dank Ihnen haben wir zumindest die Chance, an Informationen heranzukommen.«

»Herr Evermann hat recht«, stimmte Michael zu. »Das ist doch nicht Ihre Schuld. Entschuldigen Sie bitte meinen Ausfall.«

Etwas beherrschter nahm er den Schraubenzieher erneut zur Hand und beugte sich über das stumme Gerät. Nach einigen Minuten erwachte es aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz krächzend zum Leben.

»Wer sagt’s denn!«, rief Michael freudig, schraubte die Abdeckung wieder fest und besah sich die Knöpfe an der Vorderseite.

Zuerst versuchten wir es mit normalem Radioempfang, was aber wie zu erwarten nicht besonders befriedigend war. Es wurden in Dauerschleife die Standard-Notfallwarnungen durchgegeben, mit denen wir herzlich wenig anfangen konnten. Es mochte ja sein, dass ganz in unserer Nähe besondere Schutzkeller zur Verfügung standen, aber solange sich das Monstrum direkt im Vorgarten tummelte, war selbst der Weg zum Briefkasten zu weit.

Michael suchte nach Amateurfunkern der Gegend, um an Informationen aus anderen Stadtteilen zu kommen. Ich schloss die Augen, riss sie aber sofort wieder auf, als eine hysterische Stimme aus dem Lautsprecher dröhnte: »Die Eisbären! Es hat die Eisbären gefressen! Mit einem Happs!« Ein Typ aus der Südstadt erzählte aufgeregt von Verwüstungen im Zoo, fliegende Bären- und Zebra-Gliedmaßen, überall Elefantenrüssel und Robbenfett und Giraffenhälse und Flamingos und Pelikane, die in Horden durch die Straßen eilten und in ihrer Panik Fenster und Balkontüren zerschmetterten. Kumoso-sha hatte offensichtlich ein ordentliches All-you-can-eat-Buffet aufgetan.

Vielleicht war Mühlburg doch die bessere Wahl für den Erstwohnsitz gewesen …

Ein anderer Funker stammelte etwas von einem »D-Zug« in der Innenstadt und wie so was denn passieren könnte. Bei ihm hatte das Auftauchen Kumoso-shas offensichtlich für Fehlwahrnehmungen gesorgt. Noch einer berichtete von Leichenbergen in der Oststadt. Michael suchte weiter. Dann, endlich, der Durchbruch: die Funkfrequenz der Polizei, eigentlich verboten, aber eben auch offen.

Truppen von verschiedenen Stützpunkten in der Umgebung waren unterwegs, lauter Ortsnamen, die mir nichts sagten. Trotzdem tröstlich. Insgeheim drückte ich die Daumen, so richtig mit festen Fäusten. Wenn die Armee kam und etwas ausrichten konnte, musste ich vielleicht nicht tun, was wir auf dem Weg hierher in allzu realistischen, viel zu leicht umsetzbaren Details besprochen hatten. Wenn sie Kumoso-sha töten konnten, ohne dass es zu weiteren Zerstörungen kam, die der elende Heilige Gral anrichtete, wäre alles gut.

Mehr als gut. Blendend. Wunderschön. Freudig würde ich im Alleingang die Trümmer wegräumen, die Häuser wieder aufbauen, die Straßen neu anlegen, den Park restaurieren.

Herrgott, ich würde die blöden Zootiere ersetzen, aus eigener Tasche, wenn es nur jemand schaffte, Kumoso-sha zu erschießen oder in die Luft zu jagen oder sonst wie aufzuhalten.

Alles war besser als unser Plan, den Versuchsreaktor des KIT hochgehen zu lassen.

Aus dem Funkgerät drangen zunehmend panische Gesprächsfetzen. Zunächst schienen die jungen Soldaten in ihren Panzern und Flugzeugen noch freudig erregt ob des Einsatzes. Eine Erregung, die man trotz ihres Bemühens um Coolness deutlich in ihren Stimmen hören konnte. Doch als sie einen ersten Blick auf das Monstrum erhaschten, dessen Tötung ihr Auftrag war, verstummten sie nach und nach.

»Gott schütze uns« und »Unfassbar!« und »Scheiße, was ist das denn für ein verficktes Drecksvieh?« und »Oh Gott, es hat uns entdeckt!« wurden abgelöst von kurzen Befehlen und Codes, deren Bedeutungen mir schleierhaft waren. Die Schüsse und Explosionen, die plötzlich aus dem Viertel zu uns drangen, ließen darauf schließen, dass die Bundeswehr Mühlburg erreicht hatte und nun zur Tat schritt.

»Yes, ich hab’s getroffen! Volle Breitseite!«

Der Jubel ließ uns aufhorchen, Hoffnung keimte auf, ich sah es in den Gesichtern der anderen, besonders in denen der Illuminaten, die neben mir als Einzige wussten, was uns allen blühte, sollte dieser Treffer kein endgültiger sein.

Mehr Jubel brandete aus verschiedenen Kanälen. Dann wieder die Ernüchterung: »Verdammt, was macht es? Warum steht es wieder auf? Das gibt’s nicht!«, gefolgt von einem militärisch klingenden, wenn auch salopp formulierten:

»Scheiße noch mal, alle feuern, jetzt! Gebt alles, was ihr habt. Das Vieh muss doch zu packen sein.«

Draußen schwoll der ohnehin furchterregende Kriegslärm zu einem ohrenbetäubenden Crescendo an; der Höhepunkt eines Feuerwerks, nur dass die »Ooooohs« und »Ahhhhhs« nicht aus staunenden, sondern aus sterbenden Mündern drangen.

Aus dem Maul des eigentlichen Ziels, unseres neuen gemeinsamen Feindes, klang unglücklicherweise gar kein Laut.

Schreie und Flüche überschlugen sich, die Piloten kämpften auf verlorenem Posten und machten das wortreich schreiend klar, zusammen mit Explosionen und Schüssen erzeugte das ein surreales Durcheinander, das uns allen Gänsehaut verursachte. Silvias kleiner Sohn fing an zu weinen. Kurz war ich erstaunt, dass er erst jetzt nachgab und plärrte. Die Schreie schwollen an und die Explosionen schienen nicht mehr von den Raketen zu stammen, sondern von zerschellenden Kampfjets. Als schließlich zum Rückzug geblasen würde, griff Silvia beherzt zu und schaltete das Gerät aus. Die Mutter stellte sich schützend vor ihr Kind. Ich war ihr ein wenig dankbar.

Dann: Stille. Draußen, im Keller und im Funkgerät.

»Das darf nicht wahr sein«, flüsterte Müller.

»Ich hab’s doch gesagt«, sagte Johann, klang aber absolut nicht befriedigt. »Ich hab’s doch gesagt«, wiederholte er und zog sich in den Vorraum des Kellers zurück.

Michael nahm die zum Funkgerät gehörenden Kopfhörer, stöpselte sie ein und schaltete das Gerät erneut an. Wir übrigen setzten uns in unsere Ecken und sinnierten jeder für sich, was nun folgen mochte. Nach einigen Minuten schaltete Michael aus, nahm den Kopfhörer ab, seufzte tief und winkte uns, mit ihm in den Vorraum zu Johann zu gehen. Dort teilte er uns flüsternd mit, dass angeblich alle Einheiten, die vom Stützpunkt Landau losgeschickt worden waren, um Kumoso-sha abzuschießen, verschollen seien. Dieses Vieh hatte gerade im Alleingang mehrere Dutzend Soldaten plattgemacht, inklusive Flugzeugen und allem.

Wir wussten, dass wir jetzt keine andere Wahl mehr hatten. Die Regierung hatte uns Hilfe geschickt, erstaunlich schnell sogar, aber diese Hilfe hatte versagt. Zeit für  Plan B.

Nach weiteren Stunden, die wir ängstlich und schweigend im Keller ausgeharrt hatten, erfuhren wir über das Funkgerät, dass Kumoso-sha mittlerweile in Rheinstetten sein Unwesen trieb. Das genügte uns. Entfernung bedeutete für dieses Vieh zwar nicht viel, aber wenn es in Rheinstetten wütete und wir sowieso in die andere Richtung mussten, hatten wir Chancen, es zu schaffen.

Die übrigen Hausbewohner lehnten es vehement ab, weiterhin im Keller zu sitzen. Als wir uns zur Flucht nach oben begaben, also mussten wir notgedrungen zulassen, dass sie uns folgten.

Das Bild der Verwüstung war zu erwarten gewesen. Autos waren herumgeschleudert worden, Häuser teilweise eingestürzt, überall lagen Kleidungsstücke, Werkzeuge und Trümmer von Möbeln verstreut, als hätte ein Kind seine Spielzeugkiste umgeworfen und dann mit beiden Armen alles verteilt. Silvia eilte, ihren Kleinen auf dem Arm, sofort wieder ins Haus. Frau Schmidt folgte ihr laut schluchzend. Die Männer machten einen auf mutig und beschlossen, nach ihren Autos zu sehen – vielleicht konnte man ja an einen sicheren Ort fliehen. Kurzentschlossen nahm ich Christoph zur Seite und flüsterte ihm zu, er solle auf jeden Fall alles daran setzen, die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen. Er nickte ernst. Ich hoffte, er verstand mich wirklich.

»Beeilt euch!«, sagte ich noch und wandte mich dann mit den übrigen Illuminaten dem VW-Bus zu, der als einziges unserer Fahrzeuge die Wut des Heiligen Grals überstanden hatte. Ein Glück, denn mit Simons Golf wären wir keinesfalls alle zu unserem Ziel gekommen. Mit einem flauen Gefühl im Magen stieg ich ein, meine Tasche mit den nötigen Utensilien und vor allem meiner Zugangskarte in der Hand.

Die Fahrt zum KIT verlief holprig und mit vielen Umwegen, aber weitestgehend ereignislos. Der Versuchsreaktor am KIT Campus Nord, dem ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe, war, entgegen der landläufigen Meinung und öffentlicher Mitteilungen niemals stillgelegt worden. Im Gegenteil, die Forschung hier lief fleißig weiter und auch ich verdankte dieser Tatsache meinen tollen neuen Job.

So viel zu meinem tollen neuen Job … Resigniert und übermüdet starrte ich durch die

Seitenscheibe. Mit etwas Glück würden wir die Innenstadt bald hinter uns lassen. Dann musste ich mich nicht mehr mit der Zerstörung und den schreienden, verzweifelten Menschen auseinandersetzen, die man jetzt, im hellem Tageslicht, viel zu deutlich sah. Ein wahrer Albtraum aus Blut und Schutt.

In Leopoldshafen verlief alles nach Plan. Meine Karte öffnete uns die nötigen Türen, mein Labor sah aus, wie ich es von meiner Einweisung kannte und die Herren Illuminaten machten sich bereit, den Heiligen Gral anzulocken.

»Wenn er wirklich künstlich ist«, hatte Müller gesagt.

»Bio-mechanisch. Nicht völlig künstlich«, hatte ihn Johann korrigiert, aber der Alte ignorierte ihn.

»Wenn er von unseren Brüdern erschaffen wurde, dann haben unsere Brüder uns sicher auch eine Möglichkeit gegeben, ihn zu … benutzen, oder glaubt ihr das nicht?«

Johann hatte lange nachgedacht und dann erwähnt, dass es kryptische Andeutungen zu geflügelten Wesen gäbe, die Kumoso-sha zum Wohlgefallen sein sollten oder so was ähnliches. Ich musste zugeben, dass ich wieder so gut wie nichts von dem verstand, was sie da mit zahlreichen in altertümlicher Sprache gehaltenen Zitaten gespickt von sich gaben.

Die Quintessenz schien zu sein, dass Johann glaubte, bestimmte Tiergeräusche, besonders von Insekten, könnten Kumoso-sha zu seiner nächsten Mahlzeit locken, nachdem die bedauernswerten Zootiere seinen Hunger nach seine langen Schlafen vermutlich erst so richtig angefacht hatten. Sie wollten also über die KIT-eigene Beschallungsanlage Zirpen, Flattern und Piepen oder was auch immer in Richtung Stadt jagen, auf dass der gefräßige Hundertfüßer aus der Innenstadt in das beschauliche Leopoldshafen gelockt würde. Genauer: in den dünn besiedelten Hardtwald.

Dann würde ich eine Reaktorschmelze verursachen, die zwar nicht ganz an Tschernobyl heranreichen, wohl aber Karlsruhe und das gesamte Umland zerstören würde.

Und das würde ich schnell machen müssen, ehe Kumoso-sha dazu ansetzte, sich aus seiner Heimat zu entfernen und Wohlstand und Fruchtbarkeit über den Rest Deutschlands zu bringen … und dann über ganz Europa.

Die Männer schritten zur Tat und spielten aus dem Internet geladene Insektengeräusche mit einer irrsinnigen Lautstärke ab, die mein Labor zum Beben brachte. Ich fühlte mich an die Vorboten dieser Katastrophe erinnert, das Vibrieren des Bodens in der Karlsruher Innenstadt, als der Tunnelbohrer dieses Ungemach über uns gebracht hatte. Es lief mir eiskalt den Rücken runter.

Damit unser Plan aufging, musste ich abwarten, bis wir per Polizeifunk feststellen konnten, ob Kumoso-sha die Richtung seiner Zerstörungswut änderte.

Jetzt heißt es also warten. Sobald ich das Go bekomme, weil das Vieh sich uns zuwendet, werde ich die entsprechenden Handgriffe durchführen. Es sind erstaunlich wenige, wenn man bedenkt, was sie auslösen. Sie werden das Monstrum und meine neue Heimat, meinen neuen Arbeitsplatz und bedauerlicherweise auch mich in die ewigen Jagdgründe nuklearer Verstrahlung jagen.

Kumoso-sha, mich und die Illuminaten zumindest mit einem Knall, der unser Leiden in Sekundenbruchteilen beenden dürfte.

Hoffentlich geht unser irrwitziger Plan überhaupt auf. Ich meine, warum zur Hölle sollte das Zirpen und Flattern von irgendwelchen Grillen und Motten ein derartig riesiges Vieh ausgerechnet zu uns locken? Warum sollte es nah genug an den Reaktor herankommen, dass die Zerstörung eines ganzen Landstrichs unser Problem auch wirklich löst?

Die traurige Wahrheit ist, ich habe keine Ahnung. Wir alle nicht. Es ist ein Versuch, ein verzweifelter, gefährlicher Versuch.

Da … ein Dröhnen, ein … Trappeln? Lauter selbst als der grässliche Lärm, den meine Mitstreiter in Dauerschleife abspielen. Bäume stürzen krachend in den Wald. Es kommt näher.

Das Gebäude bebt. Ist es schon da? Die Geschwindigkeit, die dieses Vieh erreichen kann, ist erschreckend. Dafür sind Spinnenläufer bekannt, habe ich mal gelesen. Ich wundere mich über diesen sinnlosen Gedanken, als ich den Beweis bekomme, dass Kumoso-sha uns tatsächlich erreicht hat. Die Decke bekommt Risse. Das gigantische Untier kriecht offenbar über das Flachdach. Lange wird die Konstruktion nicht mehr halten.

Da – eines der ekelhaften, viel zu langen, viel zu filigranen Beine bricht durch die Decke. Ich weiß nicht, wie man das Geräusch nennen soll, mit dem sich dieses Vieh bewegt, aber mit dem Bein dringt dasselbe trockene Rascheln in den Raum, das ich im Keller in Mühlburg gehört habe.

Meine Phobie ist zurück. Wie gelähmt starre ich das zappelnde Bein an. Endlich hat sich das Monstrum befreit und das Bein wird wieder nach oben gezogen.

Unser Plan geht auf. Ist das jetzt gut oder schlecht? Auf jeden Fall bedeutet es, dass mein eigenes Leben schon sehr bald enden wird.

Ich drehe mich zum Bedienfeld des Versuchsreaktors um und drücke die Knöpfe, die dafür sorgen werden, dass wir gleich alle sterben.

Über die Autorin

Autorin Simona Turini

Simona Turini - 1981 in Mainz geboren, wurde Simona Turini früh gezwungen, etwas Anständiges zu lernen. Seitdem bemüht sie sich um die Bewahrung ihrer geistigen Gesundheit, indem sie wirre Texte zwischen Stephen King, Neil Gaiman und Abdul Alhazred verfasst, die sie nun auch endlich der Öffentlichkeit vorstellen darf. Sie lebt und arbeitet im schönen Wiesbaden & wird sich dafür nicht entschuldigen.

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 9. August, genau hier.

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