Kurzgeschichte am Fiction Friday: Die Mär vom Drachen von Uwe Hermann

© garfild012 - pixabay

FICTION FRIDAY

Die Mär vom Drachen (Uwe Hermann)


Wer den fiesen Drachen tötet, bekommt die hübsche Prinzessin zur Frau und das halbe Königreich obendrein – die Rollen sind klar verteilt, oder? Uwe Hermann, der preisgekrönte Autor von »Das Internet der Dinge«, stellt das altbekannte Motiv einmal gehörig auf den Kopf.

Mit einer Illustration von Chris Schlicht.

 

***

Letzte Nacht träumte ich von Schafen. Ich riss eine ganze Herde und fraß sie. Es war ein schöner Traum und nicht ungewöhnlich, schließlich war ich ein Drache. Als ich erwachte, hatte ich Hunger. Meine Gefährtin lag neben mir und schlief. Leise, um sie nicht zu wecken, erhob ich mich. Ich warf ihr einen liebevollen Blick zu und verließ die Schlafhöhle.

Auf dem Gang streckte ich meine verschlafenen Gelenke. Mein geschuppter Kopf kratzte an die Decke der Höhle. Rauch kräuselte aus meinen Nüstern. Ich war ein großer Drache und Furcht einflößend, wie meine Gefährtin mir oft liebevoll in mein Ohr flüsterte. In der unterirdischen Quelle unserer Höhle nahm ich ein kurzes Bad, als meine feine Nase etwas witterte: Frühstück! Mit einem Satz sprang ich aus dem Wasser und kletterte über den Berg aus Gold, der an seinen Ufern lagerte. Noch bevor ich den Menschen erblickte, hatte mir seine Witterung alles über ihn und das Reitpferd verraten. Er hatte Angst, aber weniger als das Tier, auf dem er saß, was ihn zu einem Idioten machte. Ich wusste, was er vorhatte. Ständig kamen Ritter, um mich zu töten.

Ich überlegte, ob ich ihn gleich fressen sollte. Mein Magen war einverstanden, aber ich hatte keine Lust, ihn aus seiner Rüstung zu pellen. Außerdem roch er unangenehm. Also beschloss ich, ihn erst einmal am Leben zu lassen.

Mit einem Satz sprang ich aus der Höhle und baute mich vor ihnen auf. Beide erschraken: Das Pferd scheute, der Ritter fiel rücklings aus dem Sattel. Ich stellte mich auf meine Hinterläufe, spreizte die Flügel und blies meinen Feueratem beeindruckend in die Höhe. Das Reittier war klug genug, um sich sofort aus dem Staub zu machen – der Ritter zu dumm, um ihm zu folgen.

Er zog sein Schwert aus dem Gürtel und schrie: »Stirb, Ungeheuer!« Ein letzter Rest von Selbsterhaltung hielt ihn davon ab, gleich auf mich loszustürmen. Wankend stand er in seiner schweren Rüstung vor mir und fuchtelte unbeholfen mit dem Schwert in der Luft herum.

»Was willst du?«, polterte ich und schickte eine Feuerwolke meinen Worten hinterher. Natürlich kannte ich die Antwort. Ich hatte sie in den letzten Wochen oft gehört.

Kurzgeschichte am Fiction Friday: Die Mär vom Drachen von Uwe Hermann

© Christ Schlicht

Er duckte sich. »Deinen Kopf!«, antwortete er, nachdem er seinen wieder erhoben hatte. »Der König hat mich ausgeschickt, um dich zu erlegen. Als Belohnung erhalte ich die Hand der Prinzessin und das halbe Königreich. Deshalb werde ich dich jetzt töten!«

Ich lachte grollend. »Hat der Alte wieder einen Dummkopf gefunden, der sich für ihn umbringen lässt. Was warst du, bevor er dich zum Ritter geschlagen hat? Knecht? Landstreicher? Leibeigener?«

»Was spielt das für eine Rolle? Jetzt bin ich ein Ritter.«

»Hast du dich nie gefragt, warum er dich und nicht einen Mann aus seiner Garde schickt?«

Er zuckte zusammen und ich wusste, dass ihn diese Frage seit seinem Aufbruch quälte.

»Ich werde dir die Antwort sagen: Weil keiner seiner Ritter sich für diese Prinzessin umbringen lassen möchte.«

Er zögerte. »Was soll das heißen?«

»Sie ist hässlich!«

Heftig schüttelte er den Kopf. »Du lügst! Jeder weiß, wie schön sie ist.«

»Humbug! Die Prinzessin ist fett, schielt und tanzen kann sie auch nicht. Oder glaubst du, eine Tochter wird automatisch zur Schönheit, nur weil sie eine Prinzessin ist?«

Dieses Argument saß. Verunsichert senkte er sein Schwert. »Nun gut, mag sein, dass ich sie im Keller halten muss, aber da ist immer noch das halbe Königreich.«

»Das stimmt«, nickte ich, »die eine Hälfte ist voller fruchtbarer Böden, Seen, in denen sich Fische tummeln, und grünen Wäldern. Aber die andere Hälfte besteht aus Sümpfen, Mooren und steinigen Landschaften. Was glaubst du, welche Hälfte du bekommst?«

Er nahm den Helm ab und sah mich mit einem entsetzten Gesichtsausdruck an. »Du meinst, er hat mich hereingelegt?«

»Hat er dir gesagt, wie groß ich bin?«

Er blieb mir die Antwort schuldig.

»Aber tröste dich, du bist nicht der Erste, der auf ihn hereingefallen ist.«

Wütend schleuderte er Helm und Schwert zu Boden. »Ich habe es geahnt. Mir ist gleich aufgefallen, dass seine Leibwächter mich so seltsam angesehen haben, als ich einwilligte.« Er erstarrte. »Wirst du mich jetzt fressen?«

Ich überlegte. Er roch noch immer unangenehm. »Verschwinde und erzähle alle deinen Freunden, was dir widerfahren ist!«

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Er drehte sich um und rannte, als ob ich hinter ihm her wäre.

Meine Gefährtin trat aus dem Schatten der Höhle und boxte mir heftig in die Seite. »Was soll das heißen: ›fett, schielt und tanzen kann sie auch nicht‹?«

Erschrocken zuckte ich zusammen. Ich hatte nicht geahnt, dass sie wach war. Verlegen lächelte ich. »Das habe ich doch nur gesagt, um ihn loszuwerden. Du weißt doch, dass du die schönste Frau im ganzen Königreich bist.«

Sie strich sich ihre blonden Haare aus dem Gesicht. Die blauen Augen funkelten amüsiert. »Ich hoffe, du vergisst das nicht!«

Wir schauten dem Ritter nach, der in der Ferne kaum noch zu erkennen war. »Was glaubst du, wann wird dein Vater endlich unserer Beziehung zustimmen?«, fragte ich.

Sie seufzte. »Wohl erst, wenn er keinen Dummen mehr findet, den er als Ritter losschicken kann …«

 

---

© 2019 by Uwe Hermann. Alle Rechte vorbehalten.

Erschienen in: Uwe Hermann: Der Raum zwischen den Worten. CreateSpace 2019.

Über den Autor

Autor Uwe Hermann

Uwe Hermann, Jahrgang 61, lebt in Wagenfeld, in einem kleinen Dorf in Niedersachsen. Er schreibt seit fast dreißig Jahren Kurzgeschichten voller Humor und Fantasie. Dabei macht er vor keinem Genre halt. Ob Science Fiction, Fantasy, Thriller, Märchen oder ein Mix aus allem, der Autor vermengt die Zutaten zu einer humorvollen und spannenden Geschichte. Zahlreiche seiner Erzählungen wurden für Literaturpreise nominiert. 2018 gewann »Das Internet der Dinge« den Kurd Laßwitz Preis und den Deutschen Science-Fiction-Preis als beste Erzählung des Jahres 2017. Zusätzlich belegte er mit seiner Kurzgeschichte »Der Raum zwischen den Worten« auch den zweiten Platz beim Kurd Laßwitz Preis.

 

Die nächste Story erwartet Dich am Freitag, den 24. Mai, genau hier.

Share:   Facebook